Beiträge von music lover

    die unter "eben gehört" so gelobte Studioaufnahme mit Adrian Aeschbacher von 1943

    Ich könnte jetzt zu allem anderen auch etwas sagen, aber da ich kurz vor der Abreise in den Urlaub bin, fehlt mir Zeit und Muße. Aber bei diesem Satz stutzte ich dann doch so sehr, dass ich das hier korrigieren möchte:


    Wie kommst Du auf die Idee, dass die Aeschbacher/Furtwängler-Einspielung eine Studioaufnahme ist? Der Mitschnitt entstand, wie in dem Booklet meiner CD aus der Reihe "L'héritage de Wilhelm Furtwängler" ausdrücklich angegeben, in den beiden Konzerten der Berliner Philharmoniker in Berlin vom 12. und 15. Dezember 1943. Vor Publikum ("Enregistré en public les 12 et 15 décembre 1943"). Dies deckt sich mit den Angaben im Buch "Wilhelm Furtwängler - Die Programme der Konzerte mit dem Berliner Philharmonischen Orchester 1922 - 1954", Wiesbaden, 2. Auflage 1965, S. 43: Danach fanden am 12. und am 15. Dezember 1943 zwei Orchesterkonzerte mit dem Solisten Adran Aeschbacher mit folgendem Programm statt:

    Brahms: Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a

    Brahms: Konzert Nr. 2 für Klavier und Orchester B-Dur op. 83

    Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98


    In diesen Konzerten entstand der Live-Mitschnitt. Dass es ein Live-Mitschnitt ist, hört man auch mehr als deutlich an den Publikumsgeräuschen, etwa (um nur ein einziges Beispiel unter vielen zu nennen) an den Hustern zu Beginn des 4. Satzes.

    ... "Lady Macbeth von Mzensk" op. 29, die ich morgen live in der Staatsoper Hamburg erleben werde ...

    Da gehe ich natürlich auch, an einem anderen Termin. Freue mich schon sehr.

    Es war super! Dicke Empfehlung, allein schon wegen Camilla Nylund - Kent Nagano und das Orchester ebenfalls phänomenal. Kannst Du Dich drauf freuen :cincinbier:

    Daher kommen so auch mehr als 25 1/2 Minuten zustande und der Einsatz des Klaviers beginnt erst nach mehr als 4:30!

    Bei Adler geht es so flott zu, wie man es kennt los. Gould setzt nach 3:20 ein

    Über Tempofragen spreche ich gar nicht. Es ist diese wahnwitzige Binnenspannung in seinem Spiel, dieses Herausarbeiten von Details im Solopart, die zumindest ich woanders noch nie gehört habe. Das konnte er nur bei der Freiheit, die Adler ihm ließ. Nicht unter dem Diskussionsbedarf mit Bernstein.

    Ist das jetzt schon nonverbale Kommunikation?

    Vermutlich Grins2


    Das von mir verlinkte Video hatte seit dem 15. Januar 2018 gerade mal 24 Aufrufe. Und nur zwei likes (eins davon von mir). Da sieht man mal, wie unbekannt diese (von der Orchesterleistung her wirklich jämmerlich schlechte Aufnahme, insofern warne ich schon mal vor!) Alternativversion zu Gould/Bernstein ist.

    Die Gould/Adler-Aufnahme ist völlig verrückt. Mit einem jämmerlichen Orchester und einem willenlosen Dirigenten aufgenommen. Alles ist nur auf die Exzentrik Goulds ausgerichtet, der hier machen konnte, was er wollte. Es ist völlig verständlich, dass Bernstein ihn ein wenig einbremsen bzw. einfangen wollte, da die beiden vor einem ganz anderen Rahmen auftraten (New Yorker Philharmoniker; landesweit im Radio übertragen!). Aber im beschaulichen Baltimore ließ man sich komplett auf Gould ein, stellte ihm das Besteck für seine Mahlzeit hin. Und WAS kam dabei heraus! Die vielen falschen Töne im Orchester und teilweise leider auch bei Gould selbst einmal außen vor gelassen, ist das für mich interpretatorisch hinsichtlich des Klavierparts wahnsinnig spannend.


    Edit: Die CD, die ich in der Sammlung habe, ist vergriffen, aber hier gibt es zu Beginn des Videos eine Überspielung von Brahms 1 mit Glenn Gould/Peter H. Adler aus Baltimore. Das im Video abgebildete Cover ist genau das Album, was ich habe.


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    Dabei ist Gould mit Peter H. Adler so dermaßen viel besser als Gould mit Bernstein. Denn bei Adler hatte allein Gould das Sagen, der Dirigent machte vorbehaltlos, was Gould wollte. Anders als bei Bernstein. Da gab es Widerstände, Widerstände, Widerstände seitens des Orchesterleiters.

    Meine Dramaturgie, was Brahms KK Nr. 1 anging, war zunächst Vladimir Ashkenazy/Bernard Haitink. Allgemeines Wohlgefallen. Danach William Kapell/Dimitri Mitropoulos. Große Anerkennung, lobende Worte! Dann legte ich Vladimir Horowitz/Bruno Walter auf (bei welchen ein Teil des 1. Satzes verschollen ist, weil die Tonbänder gewechselt werden mussten). Große Entrüstung und Buh-Rufe bei einem Teilnehmer, Diskussionen. Glenn Gould/Peter H. Adler live in Toronto ließ man mich danach nicht mehr auflegen (meine persönliche Lieblingsaufnahme) Grins1 Grins2 :megalol:


    Edit: Nicht Toronto, sondern Baltimore. Glenn Gould, Baltimore Symphony Orchestra, Peter H. Adler (rec. live Baltimore 9. Oktober 1962).

    Und danach gleich Horowitz/Walter mit dem 1.

    Diese Live-Aufnahme vom 20. Februar 1936 aus Amsterdam habe ich mal bei einem Capriccio-Nordtreffen in meiner Wohnung dem geneigten Publikum vorgeführt. Was in erregten Buh-Rufen eines Teilnehmers sowie seiner Frage "Die Hörner? Wo sind die Hörner :schimpf1:?" gipfelte. Kult, wenn man mal die Geschichte unserer Nordtreffen Revue passieren lässt :jaja1:

    Aeschbacher/Furtwängler ist auch für mich ein Favorit

    :cincinbier:


    Welch ein Eindringlichkeit! Welch ein Glühen! Ich bin hin und weg von Aeschbacher/Furtwängler.


    Horowitz/Toscanini ist natürlich eine Hausnummer. Gute Idee!

    Brahms: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

    in zwei Interpretationen:


    (von der Aeschbacher/Furtwängler-Aufnahme besitze ich eine andere Edition als die abgebildete. Meine Edition ist nicht mehr erhältlich.)


    Was kann man machen, wenn man jemandem den Unterschied zwischen einem Orkan und einem lauen Lüftchen erklären soll und sich dabei der Musik bedienen muss? Ich würde diesem Menschen zuerst die mitreißende Aufführung des Brahms-Klavierkonzerts Nr. 2 mit den Berliner Philharmonikern (Solocello: Tibor de Machula!) unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler mit dem Solisten Adrian Aeschbacher in der Aufnahme vom Dezember 1943 vorspielen und danach die brave und "ohne besondere Vorkommnisse" daherkommende Einspielung des Deutschen Sinfonie-Orchesters Berlin unter der Leitung von Ruth Reinhardt mit Anna Tsybuleva vom Januar 2020.


    Ich habe mir die letztgenannte CD wegen der Dirigentin gekauft, die ich bei Dvorák 5 (auf YouTube abrufbar) bemerkenswert gut fand. Pianistin und Dirigentin überzeugen mich bei diesem Brahms-Werk aber überhaupt nicht. Leider ein Fehlkauf.


    Welch ein unvorstellbarer Furor hingegen mal wieder bei einer Kriegsaufnahme von Furtwängler. Über den altersmilden, weil schleichend ertaubenden Furtwängler der frühen 50er Jahre mag man ja von mir aus diskutieren. Über den Furtwängler der ersten Hälfte der 40er Jahre kann ich einfach nur eins empfinden: grenzenlose Bewunderung.

    Ich gebe zu: eigentlich müsste dann auch „had died“ oder „was dead“ stehen, statt „has died“.

    Das kommt hinzu. "is not alive anymore" würde auch noch Sinn ergeben, aber ganz bestimmt nicht "has died". Als sei dies vorgestern geschehen. Was dann vielleicht doch wieder darauf hindeutet, dass in ihrer gedanklichen Welt der Tod von Brahms ganz plötzlich kam.

    Ich gehe von einem Druckfehler aus.

    Im dritten Satz schreibt sie ja, wie gegenwärtig er ihr durch seine Musik ist.

    „And suddenly I rea-alize-d that Brahms usw.“ würde dann aus meiner Perspektive schon einen gewissen Sinn machen.

    Das ist eine plausible Erklärung. "Suddenly I realized that Brahms has died" ergäbe im Zusammenhang der Sätze durchaus Sinn. Aus "realized" wurde "read".


    Dann aber stellt sich wiederum die Frage, wer solche Texte eigentlich bei den Schallplattenfirmen liest, bevor sie in Druck gehen. Nur der 19-jährige Gelegenheitsjobber, der eigentlich Biologie studiert und deshalb keine Ahnung von der Materie hat? Selbige Frage warf ich neulich im Zusammenhang mit dem neuen Yuja Wang-Album auf, das ein Klavierkonzert sowie ein Stück für Klavier solo enthält:

    In dem bei jpc wiedergegebenen Pressetext der Universal Music Group heißt es außerdem: "Beide Werke wurden mit dem Louisville Orchestra unter der Leitung von Abrams aufgenommen."


    Interessant. Auch das Soloklavierstück wurde also mit dem Louisville Orchestra aufgenommen? Und warum hört man dann auf der Aufnahme nichts von einem Orchester? (...) Oder andersherum gefragt: Könnte man solche Pressetexte vielleicht künftig mal jemanden verfassen lassen, der Ahnung von der Materie hat?

    Wäre immerhin auch als etwas verschrobene Aussage zu einer von der Pianistin gemeinten Aktualität von Brahms' Musik denkbar

    Ich glaube im Dritten Satz wird klar, wie sie es gemeint hat.

    Auch im Zusammenhang ihrer Worte kann ich dem Satz "And suddenly I read that Brahms has died" keinen irgendwie gearteten Sinn entnehmen. Hätte sie das sagen wollen, was man ihren Worten wohlwollend entnehmen könnte, dann wäre ein Satz wie "And all that happens to me although the man is dead, but his music is still alive" sinnvoll gewesen.


    Aber der Satz "And suddenly I read that Brahms has died" - der sogar einen eigenen Absatz bekommen hat, womit die Zäsur gegenüber dem vorher Geschriebenen zum Ausdruck kommt - ergibt einfach keinen anderen Sinn, als dass die Autorin davon überrascht war, dass Brahms tot ist. Für sie war er offenbar, bevor sie dies gelesen hat, noch am Leben. Oder sie hat sich gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber jedenfalls war dies ("suddenly") eine plötzliche, neue Erkenntnis.

    Hier mal der von mir belächtelte Satz im Zusammenhang des Textes. Sie schreibt über den Sommer 2015 und ihre damalige Beschäftigung mit Brahms:

    Zitat von Anna Tsybuleva

    I live with his music in my soul, I hear it in my head, whilst on the train, in the park, or having a cup of coffee with croissant in a café on the street.


    And suddenly I read that Brahms has died.


    "What? Wait! It cannot be! I played his Concerto this morning, he was fine, he was in his prime!"

    Ich hoffe, das wörtliche Zitat ist kurz genug (auch im Verhältnis zu dem von mir in den vorherigen Postings diesbezüglich Geschriebenen), dass es so hier stehen darf.

    Nach deiner lobenden Erwähnung der Dirigentin hatte ich kurz in das zweite Klavierkonzert reingehört. Die Pianistin schien mir massiv überfordert

    Absolut Deiner Meinung. Ich finde diese Einspielung höchst mittelmäßig, ohne große interpretatorische Aussagekraft. Die Pianistin haut mich alles andere als um. Auch die Dirigentin, die mir bei Dvorák 5 sehr gefallen hat, reißt hier nichts raus.

    Frag mal, wie viele Musikerkollegen Ahnung noch vom alten Jazz haben? Vor Dizzy und Monk gab es keinen Jazz. Und genau SO klingen sie dann auch. Warum sollte es nicht auch in der Klassik möglich sein, dass solche Flachtüten keine Ahnung haben, wer Brahms war und ob er lebt oder nicht ?

    Traurig, aber wahr. Ich habe ja während der ersten beiden Semesters meines Jurastudiums ein bisschen "studium generale" gemacht und auch Vorlesungen und Kurse an der Musikhochschule in Hamburg sowie am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg besucht (u.a. eine Mahler-Vorlesung von Constantin Floros). Die Musik- und Musikwissenschaft-Studenten, die ich dort kennengelernt habe, mochten vielleicht ganz toll auf ihren jeweiligen Instrumenten gewesen sein, aber Ahnung von Musikgeschichte und der aktuellen Musikszene hatte kaum jemand. Namen, die ich in den Mund nahm wie z.B. Maurizio Pollini oder Claudio Abbado waren zwar der Dozentin, nicht aber den anderen Studenten bekannt. Ich erinnere noch, dass ein Doktorand, mit dem ich mich unterhielt, noch nie etwas von den Berliner Philharmonikern gehört hat. Ein solches Orchester war ihm völlig neu.


    Wäre vielleicht ein Thema für einen eigenen Thread.

    Dabei hatte ich mich schon so auf die Uraufführung seines 9. Klavierkonzerts in Ges-Dur, op. 503 mit dem Meastro selbst am Flügel gefreut. :megalol:

    :megalol:


    Ich frage mich auch, was diese Pianistin denn beim Lesen der Briefe von Brahms z.B. an Clara Schumann oder an Robert Schumann geglaubt hat. Dass die auch alle noch leben?

    Anna Tsybuleva

    Von dieser Pianistin habe ich mir gerade das Brahms-Album mit Ruth Reinhardt gekauft. Wegen der Dirigentin, nicht wegen der Pianistin.


    Lachsalven löste bei mir der von der Pianistin verfasste Booklettext aus, wonach sie sich im Sommer 2015 mit Brahms auseinandergesetzt habe, mit seinem Leben, seinen Briefen und seinen Kompositionen, aber dann ganz plötzlich feststellen musste, dass Brahms überraschenderweise schon tot ist. Das ist wirklich kein Scherz. Originaltext: "And suddenly, I read that Brahms has died". Wie musikhistorisch ungebildet kann man sein und trotzdem eine Pianistenkarriere machen?

    Über eine Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" op. 29, die ich morgen live in der Staatsoper Hamburg erleben werde, verfüge ich nicht, aber immerhin habe ich 17 Minuten aus dem 1. Akt auf diesem Galina Wischnewskaja-Album mit dem London Philharmonic Orchestra sowie dem Herrn Gemahl am Dirigentenpult: