Beiträge von music lover

    Hier eine Rezension des Gründungskonzerts von Utopia in Luxemburg am 4. Oktober 2022:

    Teodor Currentzis: erstes Konzert mit Utopia
    Teodor Currentzis dirigiert zum ersten Mal sein Utopia Orchester in Luxemburg. Die Diskussionen um seine Person beendet er damit aber nicht.
    www.sueddeutsche.de


    Ich habe heute Abend das zweite Konzert dieses neu gegründeten Orchesters (alles andere als ein Nachwuchsorchester: allein neun (!!) Konzertmeister von europäischen Spitzenorchestern wirken in den ersten und zweiten Geigen mit; Konzertmeisterinnen des Orchesters sind Ji Yoon Lee von der Staatskapelle Berlin und Olga Volkova von musicAeterna) in der Hamburger Laeiszhalle erlebt. Und ich muss mich erst einmal sammeln.


    Wie kann es nur sein, dass ein erst vor wenigen Tagen aus Musikern von absoluten Weltklasseorchestern (z.B. dem Concertgebouworkest Amsterdam, um nur ein einziges zu nennen) zusammengestelltes Orchester klingt, als spielten sie schon seit Ewigkeiten zusammen?


    Und wie herrlich der Empfang für dieses Orchester, als es das Podium betrat. Großer Applaus des Hamburger Publikums. Jedoch gab es endgültig kein Halten mehr, als Teodor Currentzis auf die Bühne kam. Ich weiß: Normalerweise macht man so etwas nicht. Zwei Minuten lang donnernder Beifall und Bravo-Rufe, bevor überhaupt der erste Ton erklingt. Aber hier war das geradezu eine Demonstration für den Dirigenten. Das Hamburger Publikum stellte unmissverständlich klar, welche Haltung es zu Teodor Currentzis hat. Aber was heißt überhaupt "Hamburger" Publikum? Die reizende Dame neben mir war aus Holland, neben ihr saßen zwei beinharte Currentzis-Fans aus Braunschweig. In der Pause hörte man alle möglichen Sprachen. Hier fand sich ein internationales Publikum zusammen, denn ursprünglich war ja dieses heutige Hamburger Konzert als Gründungskonzert vorgesehen. Bis dann die Luxemburger, wo das Orchester eine Woche lang probte, mit dem Termin vom 4. Oktober dem Hamburger Konzert zuvor kamen. Da waren aber die Tickets der internationalen Fangemeinde für Hamburg schon gebucht.


    Strawinskys "Feuervogel"-Suite (Fassung 1945), Ravels zweite Suite aus "Daphnis et Chloé", Ravels "La Valse" und als Zugabe Ravels "Boléro" gerieten zu einem triumphalen Klangspektakel. Am meisten blieb mir der Mund bei "Daphnis et Chloé" vor Staunen offen, wie solche Klangwunder überhaupt möglich sind. Aber auch bei jedem anderen Werk des Abends gab es eine Kombination von Mucksmäuschenstille während der Aufführung und Fassungslosigkeit ob des eben Gehörten, als sich die Konzentration nach dem Schlussakkord löste. Standing ovations nach "La Valse" und nach dem "Boléro" für dieses faszinierende Orchester, dessen Mitglieder allesamt strahlende Gesichter hatten. Und standing ovations für den Dirigenten - aber das ist in Hamburg ja schon geradezu normal, wenn der Dirigent Teodor Currentzis heißt.


    Heute Abend hat Currentzis (wieder einmal) demonstriert bekommen, wo er seine Freunde hat. Dass sein Publikum in Hamburg, in Stuttgart, in Salzburg, in Wien und in Luzern ihn liebt, weiß er. Ebenso in Baden-Baden, in Bremen und vielen weiteren Städten. Wenn die Kölner ihn nicht wollen - prima, dann wird ja ein Konzerttermin im Januar 2023 mit dem Symphonieorchester des SWR frei. Buchen Sie einen weiteren Currentzis-Auftritt im Januar 2023, Herr Lieben-Seutter! ;)

    dass da erst wieder auch russisches Geld geflossen ist

    Soviel ich weiß, wird Utopia finanziell getragen von der Kunst und Kultur DM Privatstiftung, einer in Österreich (um genau zu sein: in Elsbethen-Glasenbach) ansässigen Privatstiftung. Was mag "DM" bedeuten? Man wird fündig, wenn man sich den Namen der drei Vorstandsmitglieder anschaut: Walter Bachinger, Volker Viechtbauer und Dietrich Mateschitz. Letzterer ist bekanntlich ein Unternehmer, der zu 49 Prozent an der Red Bull GmbH beteiligt ist.


    Diesen Finanzierungsweg, den Currentzis für sein neues Orchester gefunden hat, mag so mancher nun auch wieder mit lautem Aufschrei beklagen ("Wie kann er nur!!!"). Ausgerechnet Red Bull ("schlimm!!!").


    Was das alles allerdings mit "russischem Geld" zu tun haben soll, müsstest Du mir aber mal genauer erklären. Wer bringt solche Gerüchte auf? Und wenn dies schon geschieht, dann mögen bitte Ross und Reiter genannt werden, statt nur nebulöse Andeutungen in die Welt zu setzen wie ein Louwrens Langevoort in dem in #911 verlinkten Artikel. Durch wen sollen für was "russische Gelder" geflossen sein? Und was sind überhaupt "russische Gelder"? Sollten z.B. Kirill Petrenko oder Semyon Bychkov eine kleine Spende für dieses Orchester geleistet haben, was ich nicht ausschließen möchte, sind das dann "russische Gelder"?


    Utopia ist übrigens ein Orchester, in dem Musiker aus der Ukraine und aus Russland gemeinsam musizieren. Neben Musikern aus 26 anderen Ländern, u.a. Armenien, Australien, China, Israel, Österreich, den USA und Deutschland. Es gibt schlechtere Ideen in diesen Zeiten, als dass Ukrainer und Russen gemeinsam musizieren. Ein Daniel Barenboim würde für solch ein Orchesterprojekt gefeiert werden.


    In drei Stunden werde ich dieses neue Orchester live erleben. Ich freue mich darauf.

    Vor allem wenn Du das Thema so benennst:

    "Der russische Überfall auf die Ukraine aus völkerrechtlicher Sicht".

    Das ist eine "Spezialoperation" und kein "Überfall".

    Okay. Dann von mir aus "Spezialoperation" oder auch ganz allgemein "Aktuelle völkerrechtliche Probleme im Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine". Dieser Titel ist ja nun völlig unverfänglich.


    Mein Posting #33 möchte ich - nach einigem Nachdenken beim Spazierengehen, weil es mich nämlich wirklich interessiert, wie ich mich in solch einer fiktiven Situation verhalten würde - noch wie folgt ergänzen:


    Auf jeden Fall hätte ich in eine solche Entscheidungsfindung meinen Arbeitgeber einbezogen. Ich hätte meinen direkten Vorgesetzten und meine übergeordnete Vorgesetzte um ihre Meinung gefragt. Wenn von ihnen dann gekommen wäre "Wir können Dich nicht daran hindern, aber wir bitten Dich eindringlich, nicht nach Russland zu fahren", dann wäre ich hier geblieben. Hätten beide hingegen gesagt "Das ist allein Deine Entscheidung. Wir tragen das mit, wofür Du Dich entscheidest", wäre ich in meiner Entscheidung frei gewesen und kann machen, was ich will. Dann will ich aber hinterher auch keine Vorwürfe meines Arbeitgebers hören (und bei meinem Arbeitgeber würde ich sie auch nicht hören).


    An einer solchen vertrauensvollen Abstimmung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber scheint es offenbar im Falle von Nasturica-Herschcowici und den Münchner Philharmonikern gefehlt zu haben.

    Anders als Maurice bin ich kein Musiker, deshalb möchte ich mal ein Beispiel bilden, das meiner eigenen Berufswelt näher kommt.


    Jemand dient mir Ende 2021 eine Gastprofessur an der Universität Kaliningrad an. Ich soll dort im März 2022 vier Gastvorlesungen zum Thema "Das Recht der Vereinten Nationen" halten. Ich sage zu, zeige meinem Arbeitgeber diese geplante Nebentätigkeit an und dieser genehmigt sie.


    Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Am 2. März 2022 steht meine erste Vorlesung in Kaliningrad an.


    Möglichkeit 1: Ich sage meine gesamten Vorlesungen in Kaliningrad ab. Mit solch einem Land will ich nichts zu tun haben!


    Möglichkeit 2: Ich bin der Auffassung, dass der Angriff auf die Ukraine nichts mit meiner vertraglichen Verpflichtung gegenüber der Universität Kalininigrad zu tun hat, fahre dort hin und halte ganz normal meine Vorlesung.


    Möglichkeit 3: Ich fahre hin, um meine Studenten nicht im Stich zu lassen, ändere aber das Thema meiner Vorlesung und spreche mit den Studenten über das Thema "Der russische Überfall auf die Ukraine aus völkerrechtlicher Sicht".


    Wie würde ich mich verhalten? Für Knulp wäre die Sache klar: Möglichkeit 1! Alles andere wäre

    Moralisch niederträchtig


    Ich hingegen würde für mich auf jeden Fall die Möglichkeit 2 ausschließen. Bei der Wahl zwischen Möglichkeit 1 und Möglichkeit 3 würde ich deutlich mit der Möglichkeit 3 sympathisieren, insoweit aber eine Risikoabschätzung vornehmen. Komme ich zu dem Ergebnis, dass unter meinen Studenten schon kein KGB-Agent sitzen wird, werde ich nach der Vorlesung schon noch rechtzeitig zum Flughafen kommen und ungeschoren wieder nach Deutschland zurückfliegen können. Und dann habe ich etwas Gutes getan. Habe ich aber deutliche Hinweise darauf, dass ich nach einer solchen Vorlesung vermutlich einkassiert und fünf Jahre in Russland eingekerkert werde, bliebe mir nur Möglichkeit 1. Obwohl ich diese als feige empfinde. Frauen im Iran schneiden sich aus Protest gegen die Mullahs öffentlich die Haare ab und riskieren dabei ihr Leben, während ich noch nicht mal den Mut aufbringe, meine Meinung im geschützten Rahmen einer Vorlesung zu äußern und mit jungen Menschen über ein aktuelles Thema zu sprechen.


    Wie ist die Entscheidung, die ich treffe, "moralisch" zu bewerten? Für mich persönlich ist die Möglichkeit 3 moralisch am höchsten stehend, denn sie erfordert Zivilcourage. Die Möglichkeiten 1 und 2 sind demgegenüber völlig gefahrlos.


    Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass das jeder für sich selbst zu entscheiden hat. Wer bin ich, dass ich mich moralisch über andere Menschen erhebe? Nasturica-Herschcowici hat sich ersichtlich für die Möglichkeit 2 entschieden. Das ist seine persönliche Gewissensfrage gewesen, mich geht seine Entscheidung nichts an. Und ein Grund, seine Entlassung aus seinem Hauptamt zu fordern, ist dieses Verhalten schon gar nicht, wenn denn diese Nebentätigkeit in Russland ausdrücklich seinem Arbeitgeber angezeigt und von diesem genehmigt worden ist.

    moralisch

    moralisch

    Wir reden hier immer noch über das Benefizkonzert am 8. März in der Isarphilharmonie, an dem Nasturica-Herschcowici nicht teilgenommen hat (nur hierzu hatte ich etwas in #24 geschrieben, worauf Ihr geantwortet habt)? Ja, ich finde es weder rechtlich noch moralisch zu beanstanden, dass ein Orchestermusiker bei einem Konzert, für das er überhauptlich nicht eingeteilt worden ist und bei dem er folglich nicht zu spielen hat, nicht auf der Bühne sitzt.

    Es geht hier u.a. darum, dass ein Musiker der Münchner Philharmoniker dem Ukraine-Solidaritätskonzert der Münchner Orchester ferngeblieben und kurz danach, am 12. März, mit Gergiew in Moskau aufgetreten ist

    So so, er ist also dem Benefizkonzert am 8. März in der Isarphilharmonie von Anne-Sophie Mutter sowie einem Orchester, das aus verschiedenen Musikern der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Bayerische Staatsorchesters zusammengestellt worden ist, "ferngeblieben".


    Die entscheidende Frage lautet: War Nasturica-Herschcowici denn für das Konzert am 8. März eingeteilt? Hatte er also dort zu spielen, aber tat es einfach nicht? Dann wäre er "ferngeblieben" und hätte ein arbeitsrechtliches Fehlverhalten an den Tag gelegt, welches arbeitsrechtliche Schritte gerechtfertigt hätte.


    Da aber völlig unstreitig ist, dass es keinerlei arbeitsrechtliches Fehlverhalten von ihm gab, folgt daraus zwingend, dass er an diesem Tag überhaupt nicht zu spielen hatte. Ebensowenig wie zwei Drittel der anderen Mitglieder dieser drei Orchester, denn schließlich hat man kein 400 Mann-Orchester auf die Bühne gesetzt, sondern eine Auswahl getroffen.


    Ein Musterbeispiel, wie man durch Sprache ("er ist ferngeblieben"; in irgendeinem Presseartikel habe ich auch "er glänzte durch Abwesenheit" gelesen) einen Menschen, der sich völlig korrekt verhalten hat, etwas ans Zeug flicken kann.

    Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Geiger auf eine "einvernehmliche Trennung" verzichtet hätte? Eine Kündigung "einfach so" wäre ja nicht möglich gewesen.

    Eine fristlose Kündigung war mangels irgendwelcher arbeitsrechtlich relevanter Verfehlungen des Konzertmeisters ausgeschlossen. Man hätte ihn also weiterbeschäftigen müssen. Sicherlich hat man ihm deutlich gemacht, dass das für ihn als persona non grata kein Zuckerschlecken werden würde. Also besser: "Take the money and run". Bezahlen darf das der Steuerzahler.


    mehrere interessante Schreiber haben dem Forum in letzter (und in nicht ganz letzter) Zeit den Rücken gekehrt

    Mich würde zu sehr interessieren, wie ein bestimmter Profimusiker, der vor nicht allzu langer noch in unserem Forum aktiv war, den Umgang der Stadt München mit seinem Berufskollegen Nasturica-Herschcowici beurteilt. Dich vielleicht auch, lieber sadko?

    Hintergründe der Trennung beleuchtet dieser Artikel:


    Die teure Trennung vom Teufelsgeiger
    Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici hat die Münchner Philharmoniker verlassen. Angeblich war die Trennung „einvernehmlich“, also teuer./ Foto: PIxabay
    www.achgut.com


    Da die Stadt München arbeitsrechtlich nicht das Geringste gegen Lorenz Nasturica-Herschcowici in der Hand hatte, man aber gleichwohl eine Trennung herbeiführen wollte, ist klar, dass das nur im Wege eines Aufhebungsvertrages - gegen eine Abfindung - juristisch möglich war. Angeblich (Quellen nennt dieser Artikel nicht) hat die Nasturica-Herschcowici-Seite 1 Million Euro gefordert. Und sie war natürlich in allerbester Verhandlungsposition, wenn es um eine "einvernehmliche" Trennung ging, weil die Gegenseite bei einer fristlosen Kündigung kläglich gescheitert wäre.


    Dir dessen Behauptungen auch noch zu eigen machst

    Ich habe mir nichts zu eigen gemacht. Selbstverständlich zettelt die NATO keinen "massiven Krieg gegen Russland" an. Um solche Politisierungen in einem Artikel einer sozialistischen Website geht es mir überhaupt nicht. Es geht mir darum, wie mit Musikern - zumal mit einem verdienten Musiker, der 30 Jahre lang das Musikleben einer Stadt geprägt hat - umgegangen wird. Und es wundert mich, dass diese Frage offenbar nur wenig Interesse in einem Forum wie unserem findet. Ich habe erst heute von dieser Nachricht, die zwei Wochen alt ist, erfahren. Warum hat nicht längst jemand vor mir dieses Thema in unserem Forum aufgebracht?

    Aber hoffentlich nicht die Behauptungen, die dort im vorletzten und drittletzten Absatz aufgestellt werden! Ansonsten wären wir sofort wieder in einer tagespolitischen Diskussion, die hier nichts verloren hat.

    Okay. Man blende also die "tagespolitischen" Fragen gern in der Diskussion aus. Aber dass in diesem Forum überhaupt keine Diskussion darüber stattfindet, dass der seit 30 Jahren im Amt befindliche, hoch angesehene Konzertmeister eines der bedeutendsten deutschen Orchester einfach so aus dem Amt geschasst wird, weil er im Rahmen einer genehmigten (!) Nebentätigkeit im Ausland musiziert hat - und er hat wohlgemerkt nichts anderes getan als dort zu musizieren (!!) - kann ja wohl nicht das Anliegen dieses Forums sein.

    Wie man diesen Rauswurf eines jahrzehntelangen verdienten Konzertmeisters auch bewerten kann, zeigt dieser Artikel von Verena Nees:


    Konzertmeister vom Münchner rot-grünen Stadtrat wegen „Russland-Nähe“ entlassen
    In der irrwitzigen Hysterie gegen russische Künstler, die mit der Kündigung von Lorenz Nasturica-Herschcovici in München einen neuen Höhepunkt erreicht, geht…
    www.wsws.org


    Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass ich die dortige Unterstellung, der Hinauswurf von Lorenz Nasturica-Herschcowici sei (auch) antisemitisch motiviert ("auch antisemitische Untertöne"), für kompletten Unfug halte. Musikalisch ist die Autorin auch keineswegs sattelfest - so soll ihrer Meinung nach Niccolò Paganini "an der Schwelle zum 19. Jahrhundert" gewirkt haben, obwohl seine Lebensdaten 1782-1840 waren, womit Paganinis erwachsene Jahre nun wirklich mittendrin im 19. Jahrhundert waren. Relativ ahnungslos wird auch von Teodor Currentzis als einem "jungen" Dirigenten gesprochen - dabei ist er schon 50 Jahre alt. Die übrigen Äußerungen von ihr stelle ich gern in diesem Forum zur Diskussion.

    Der rumänische Geiger Lorenz Nasturica-Herschcowici übersiedelte nach dem Musikstudium in seiner Geburtsstadt Bukarest zunächst nach Israel und arbeitete dort in verschiedenen israelischen Orchestern. 1992 wurde er von Sergiu Celibidache für die Münchner Philharmoniker gewonnen. 30 Jahre lang, von 1992 bis 2022, war er Konzertmeister dieses Orchesters und trat während dieser Zeit auch als Solist unter Dirigenten wie Sergiu Celibidache, Christian Thielemann, Lorin Maazel und Zubin Mehta auf.


    Nach dem Tod von Sergiu Celibidache 1996 gründete er das Trio Celibidache, mit dem er zahlreiche Tourneen im In- und Ausland unternahm. Im Jahr 2000 wurde er 1. Geiger des Berliner Philharmonischen Oktetts. Bei zahlreichen Ensembles der Berliner Philharmoniker, wie z.B. den Philharmonischen Virtuosen Berlin, dem Sextett der Berliner Philharmoniker sowie der Sinfonietta Berlin, ist er Mitglied und wirkt als Konzertmeister und Solist mit. Außerdem gründete er 2012 das Oktett Philharmoniker-Berlin-München-Wien, bestehend aus Konzertmeistern der Philharmoniker jener drei Städte.


    Im Jahr 2012 erhielt er eine Professur am Senzoku Gakuen College of Music in Tokyo.


    Seit 2013 (!) leitet Lorenz Nasturica-Herschcowici zudem das Stradivari-Ensemble des Mariinsky Theaters St. Petersburg, wo er als Dirigent und Solist tätig ist. Ebenso ist er Erster Gastkonzertmeister des Orchesters des Mariinsky Theaters, dessen Chefdirigent bekanntlich Valery Gergiev ist.


    All die von mir genannten Nebentätigkeiten von Nasturica-Herschcowici sind auf der Homepage der Münchner Philharmoniker aufgeführt:

    Nasturica-Herschcowici hat also beileibe kein Geheimnis daraus gemacht, dass er verschiedene Nebentätigkeiten - u.a. auch seit 2013 beim Mariinsky Theater - ausübt. Er hat diese Nebentätigkeiten ordnungsgemäß angezeigt und sich genehmigen lassen. Allseits - auch von der Stadt München - wird betont, dass ihm arbeitsrechtlich nicht der geringste Vorwurf zu machen ist. Er hat sich juristisch vollkommen korrekt verhalten.


    Die Stadt München hat nunmehr den Vertrag mit Nasturica-Herschcowici zum 31. August 2022 wegen seiner Nebentätigkeit beim Mariinsky Theater beendet. Er hat nämlich entsprechend seiner vertraglichen Verpflichtungen Termine in St. Petersburg wahrgenommen und an einer Tournee des Mariinsky-Orchesters durch Russland als Geiger teilgenommen. Obwohl dies arbeitsrechtlich erlaubt war, stelle sich die "ethische" Frage, so das Kulturreferat der Stadt München. Man beeilte sich natürlich zu betonen, die Trennung sei "einvernehmlich geschehen".


    Hier ein Artikel von BR-Klassik vor der Tour mit dem Orchester des Mariinsky Theaters

    Erneut Ärger bei den Münchner Philharmonikern: Konzertmeister tourt mit Gergiev | BR-Klassik
    Wegen seiner Haltung gegenüber Russland und seiner Freundschaft zu Putin haben sich die Münchner Philharmoniker von ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev im März…
    www.br-klassik.de

    und hier ein Artikel nach der Trennung

    Nach Russland-Tourneen mit Gergiev: Konzertmeister verlässt Münchner Philharmoniker | BR-Klassik
    Erst im März trennten sich die Münchner Philharmoniker von ihrem Chefdirigenten, dem Putin-Freund Valery Gergiev. Nun muss auch Konzertmeister Lorenz…
    www.br-klassik.de

    möglicherweise ihre einzige Aufnahme einer Beethoven-Klaviersonate?

    Regulär ja . Aber es gibt eine Live 1970 in Tokyo mitgeschnittene No.21 ( Waldstein) , und 2 Mitschnitte der Sonate No.28 , beide aus 1969 : im Januar aus Basel , im Februar aus Venedig .

    Wenn ich ergänzen darf: Von der Sonate Nr. 7 D-Dur op. 10/3 gibt es nicht nur den Kölner Mitschnitt vom 8.9.1960 (auf Doremi und DG zu beziehen), sondern auch Live-Mitschnitte aus New York (2.10.1974) und aus Tokio (6.6.1976).

    (Quelle: http://www.argerich.jp/Recordings_E.htm)

    Ein Detail der offiziellen Mitteilung des SWR hinsichtlich François-Xavier Roth

    François-Xavier Roth wird Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters ab 2025
    François-Xavier Roth übernimmt zur Spielzeit 2025/2026 die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters beim SWR Symphonieorchester. Er tritt damit…
    www.swr.de

    ist interessant:

    Zitat

    In Ergänzung zu Konzertstreams und Aufzeichnungen für Radio und Fernsehen sollen seine Konzerte mit dem SWR Symphonieorchester auch auf physischen Tonträgern wie CD und DVD dokumentiert werden.

    Das war bei Currentzis nicht der Fall, was sicherlich mit seinem Vertrag bei Sony Classical zu tun hat. Es gibt keine einzige CD und keine einzige DVD des SWR Symphonieorchesters mit ihm.

    Ist denn überhaupt bekannt, ob die Nicht-Vertragsverlängerung für Currentzis von Orchersterseite und nicht von ihm entschieden wurde?

    Ich war im Saal, als Currentzis am 16. September 2021 nach seinem Konzert mit dem SWR-Symphonieorchester seine Vertragsverlängerung bis 2024 öffentlich bekannt gab. Das Orchester trampelte wie wild mit den Füßen. Aber man muss auch ganz klar sagen: Er verlängerte "nur" bis 2024. Hätte er es damals gewollt, hätte man ihm sicherlich auch einen länger gültigen Vertrag gegeben (Diskussionen um die Finanzierung seiner musicAeterna-Ensembles gab es damals noch nicht), aber er wollte es nicht. Es war relativ klar, dass der gemeinsame Weg 2024 auseinandergehen wird. Folgerichtig schreibt heute auch die Süddeutsche Zeitung:

    "Currentzis' Vertrag war im vergangenen Jahr um drei Jahre bis 2024 verlängert worden. Offenbar war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass es danach keine weitere Verlängerung mehr geben wird. Die Entscheidung fiel mithin lange vor Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und steht in keinem Zusammenhang mit den finanziellen Verbindungen, die Currentzis über sein Ensemble MusicAeterna nach Russland unterhält. Ausschlaggebend war wohl vielmehr, dass Currentzis sehr viel Zeit für seine eigenen Ensembles aufwendete" (Anmerkung: Den bemerkenswerten Tippfehler "Curretzis" in der Originalquelle habe ich in meiner Wiedergabe des Zitats korrigiert).


    Quelle:

    François-Xavier Roth löst 2025 Teodor Currentzis als Chef beim SWR ab
    François-Xavier Roth löst 2025 Teodor Currentzis als Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters ab
    www.sueddeutsche.de

    Der 18-jährige Franz Schubert komponierte seine Messe Nr. 2 G-Dur DV 167 in der Zeit vom 2. bis 7. März 1815. Hierfür unterbrach er die Arbeiten an seiner Sinfonie Nr. 2 B-Dur DV 125.


    Die Messe hat folgende Sätze

    1. "Kyrie" Andante con moto
    2. "Gloria" Allegro maestoso
    3. "Credo" Allegro moderato
    4. "Sanctus" Adagio moderato
    5. "Benedictus" Andante grazioso
    6. "Agnus Dei" Lento

    Folgende Aufnahmen (ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit) möchte ich beispielhaft nennen:



    Diese Messe war heute in "Eben gehört" Gesprächsthema. Ich verlinke drei der diesbezüglichen Beiträge:

    aber seine zweite Messe haut mich heute Abend geradezu um

    ging mir auch so. muss ich mal wieder hören, danke für die Erinnerung!

    ich besitze diese Aufnahme der 2. Schubert Messe mit Robert Shaw etc. seit langem und ich habe sie auch in mein Herz geschlossen. Sie hat einen wunderbaren Reichtum an Einfällen und Stimmungen.

    Nebenbei noch dies: es ist in dieser Messe (und vielleicht auch in den anderen), dass Schubert einen Teil des Credo weggelassen hat(...unam sanctam catholicam ...). In einer katholischen Pfarrei (Offenbach-Bürgel) wollte der Kirchenchor diese Messe singen, aber der Pfarrer (obwohl an Musik uninteressiert) hatte irgendwo von Schuberts Vergehen, gehört und forderte die Noten des Chors an. Diese hatten allerdings das Problem gelöst: In den Noten steht im Druck der von Schubert ausgelassene Text. Er wird von der Hälfte des Chors simultan mit einer anderen Textstelle gesungen.


    Die Diskussion über Schuberts Messe Nr. 2 ist eröffnet!

    ich besitze diese Aufnahme der 2. Schubert Messe mit Robert Shaw etc. seit langem und ich habe sie auch in mein Herz geschlossen.

    Das freut mich sehr, lieber Abendroth :cincinbier:

    Sie hat einen wunderbaren Reichtum an Einfällen und Stimmungen.

    Ja, sie ist, wie es im Booklet der CD heißt, "direkt und unschuldig", weshalb Schuberts Lehrer Antonio Salieri sie sogleich mochte. In nur sechs Tagen entstanden, bietet sie gleichwohl einen solchen Überschwang an Gefühlen und - wie Du zu Recht sagst - Reichtum an Einfällen und Stimmungen, dass sie mich einfach überwältigt.

    ging mir auch so

    Ach, das freut mich, lieber philmus. Ich bin, wie gesagt, hinsichtlich Schuberts Messen ein kompletter Rookie, habe keine Ahnung von diesem Werkzyklus. Aber die Messe Nr. 2 ist so hinreißend, dass mir (fast) die Tränen kommen...

    Schubert: Messe Nr. 2 G-Dur DV 167


    Ich bin alles andere als ein Experte hinsichtlich Schuberts Messen, aber seine zweite Messe haut mich heute Abend geradezu um. Einfach toll.


    Dawn Upshaw, Sopran

    David Gordon, Tenor

    William Stone, Bariton

    Atlanta Symphony Chamber Chorus

    Atlanta Symphony Orchestra

    Robert Shaw

    Sonst bei dieser Symphonie bei mir die üblichen Verdächtigen: Neumann, Kertesz, Rowicki

    Václav Neumann mit der Tschechischen Philharmonie Prag (rec. 1982)

    und István Kertész mit dem London Symphony Orchestra (rec. 12/1965)

    sind auch bei mir in der Sammlung. Wobei ich deutliche Vorteile bei der Kertész-Einspielung sehe. Die 1982er Aufnahme von Neumann ist mir einfach zu lahm. Ich höre mir gerade - angeregt durch Dein Dvorák 6-Posting über Gerard Schwarz (den ich übrigens für einen ganz hervorragenden Dirigenten halte, ich habe einiges von ihm im Regal) - den 1. Satz mit Neumann und Kertész im Hörvergleich an. Und das Ergebnis ist schon krass. Kertész dirigiert mit enormen Schwung und Leidenschaft, produziert mit "seinen" Londonern einen herrlichen, blühenden Orchesterklang. Demgegenüber ist die Neumann-Aufnahme so saft- und kraftlos, dass sie eigentlich in die second hand-Verwertung wandern kann. Oder irre ich mich, lieber Braccio?