Beiträge von Mauerblümchen

    Na, als "idiomatisch" habe ich am ehesten die 1954er Aufnahme mit dem Végh Quartet wahrgenommen. Die Párkányis sind mir für dieses Attribut dann doch zu artifiziell (wenngleich hinreißend aus meiner Sicht).

    Ich glaube inzwischen zwar, dass man bei Bartok 4 mit keiner Aufnahme wirklich was falsch machen kann. Das Ding scheint so eine Sogwirkung auf die Musiker (auf die Hörer sowieso) auszuüben, dass man es gar nicht anders als auf der Stuhlkante spielen kann. Darin vielleicht nur noch dem Sacre du printemps ähnlich.

    Dieser Aussage stimme ich sofort zu!

    Hier lief Bartók 4 mit dem ABQ:

    Hat auf meine Ohren auch diesen "passt wie der Schlüssel ins Schloss"-Effekt, wenngleich kultivierter als bei den Véghs. Ach ja ... hier findet jedes Ohr sein Deckelchen ... wobei ich die Freiheit der Wahl bzw. die Vielfalt gerade attraktivere finde als die Suche nach der fiktiven einen, einzigen besten. Hat was von der blauen Blume der Romantik ... nein, Khampan weist mMn in die richtige Richtung: Hier führen viel Wege zu Bartók, und was gefällt, entscheidet sich vielleicht eher im Hörenden als in absolut messbaren Kritierien.

    Da war noch ein Kantätchen von gestern übrig.

    Johann Sebastian Bach: "Der Herr ist mein getreuer Hirt" BWV 112

    Katharine Fuge, William Towers, Norbert Meyn, Stephen Varcoe
    The Monteverdi Choir
    The English Baroque Soloists
    John Eliot Gardiner

    Hier nochmal Bach zum Tage.

    Johann Sebastian Bach: "Ich bin ein guter Hirt" BWV 85

    Katharine Fuge, William Towers, Norbert Meyn, Stephen Varcoe
    The Monteverdi Choir
    The English Baroque Soloists
    John Eliot Gardiner

    Jeder Kunstschaffende existiert in einem Umfeld

    Das ist zweifellos richtig.

    Und die Befruchtung ist gegenseitig.

    Hm. Ich bin nicht sicher, in wie weit Pollini den Schumann befruchtete. Auch, wenn wir das mal metaphorisch lesen.

    Man sollte sich aber immer bewusst bleiben, dass man als Mensch projeziert. Und dass Kunstrezeption auch gerade von Projektion lebt. Kunst kann als Spiegel des eigenen Unterbewusstseins agieren. Das ist nichts neues.

    Neu ist es bestimmt nicht. Warum man "immer sollte", und was passiert, wenn man so böse ist und das mal nicht tut, weiß ich nun gar nicht.

    Vielleicht ist es ja auch einfach mal umwerfend, wenn sich ein Künstler sich in eine Aufführung hinein verliert bis hin zu Kontrollverlust und Selbstaufgabe. Callas, Barere, Richter ... das sind doch die Aufführungen, die unter die Haut gehen.

    Da kann man das "sich bewusst sein" eben auch mal abtörnend finden. Hochreflektierte haben wir genug, die uns alles ex post herausanalysieren. Ich weiß ja nicht, wie die so im Schlafzimmer agieren ... vielleicht reflektieren die gemeinsam den hormonellen Verlauf des Liebesaktes auf der Zeitachse oder so ...

    Insofern widerspreche ich dem "man sollte immer". Welche Anmaßung, das für alle ex cathedra festzulegen. Meine ich.

    Kunst hat auch etwas Absolutes.

    Und was soll uns das sagen? Was genau ist da "losgelöst"?

    Noch so eine Hammer-Aufnahme ...

    ... dieses Mal von den Párkányis. Meine Güte, ist das gut ... feinstens ausgehört, perfekt gespielt ... hat die Aufnahme mit den Véghs vielleicht etwas Unbehauenes, Wildes, so ist das hier aufs Höchste kultiviert ... Zehetmair und Tákacs wollen unbedingt noch gehört werden, doch nächste Woche bin ich kaum da ... mal schauen. Auch ABQ, Belcea, Emerson und Hagen warten.

    Naja, in romantische Musk kann man sehr viel hineinprojezieren. Finde ich.

    Ja klar. Und nicht nur in romantische Musik kann man viel hineinprojizieren. Finde ich.

    Ansonsten würden wir ja nur über tönend bewegte Formen sprechen.

    Warum sonst reden viele so gerne über Biographisches, wenn es um Musik geht?

    Tschaikowsky 6 wird gerne mit Selbstmordgedanken in Verbindung gebracht. Bernstein hat herrlich darüber gelästert - "wenn ich in der Stimmung wäre, mich umzubringen, dann würde ich mich ganz bestimmt nicht hinsetzen und eine Sinfonie schreiben. Ich könnte wohl nicht einmal meinen eigenen Namen schreiben".

    Es bleibt ein schwieriges Feld zwischen dem Befund des Notentextes, den Eigenheiten des Komponisten, den Eigenheiten seiner Interpreten und den Eigenheiten der Zuhörenden.

    Ein mehrfacher Resonanz- und Brechungsprozess: Komponist hat eine Werkidee, wird von ihr ergriffen, d. h., er kommt in Resonanz, und er schreibt eine Version dieser abstrakten Idee auf (erste Brechung). Interpet sieht die Noten, wird fasziniert, d. h., er gerät in Resonanz. Er spielt seine Version der Version der abstrakten Idee (zweite Brechung). Zuhörer hört die Version der Version der abstrakten Idee und gerät eventuell auch in Resonanz (dritte Brechung). Ob der Zuhörer jedoch von Aspekten angeregt wird, die in der ursprünglichen Werkidee enthalten waren, ist offen ...

    Man stelle sich vor, jemand würde schnippische Bemerkungen machen, wenn Hörende in Resonanz zum Werk geraten. Das wäre sozusagen eine Meta-Resonanz ... Grins1

    Erst dachte ich, na ja, da stehen die beiden bekannten Boxen mit Kempff und Arrau im Regal, da höre ich dann mal rein ... Pustekuchen. In beiden Boxen ist das Werk nicht enthalten.

    Ok. Da ich gerade ohnehin einen Pollini-Walkthrough mache, habe ich dieses Stück aus seinem immensen medialen Oeuvre vorgezogen.

    Was für ein Stück .. ein typisches music-lover-Stück, wenn ich das sagen darf ... energievoll an der Oberfläche und gleichzeitig wie ein Eisberg, der größere Teil ist verborgen und kann nur erahnt werden, voller dunkler Kraft, und nur ein Ausnahme-Held an den Tasten kann im Kampf mit den Elementen bestehen und die Menschheit retten.

    Vielen Dank für den Tipp.

    Moin! Heute ist der Sonntag Misericordias Domini.

    Johann Sebastian Bach: "Du Hirte Israel, höre" BWV 104

    Norbert Meyn, Stephen Varcoe
    The Monteverdi Choir
    The English Baroque Soloists
    John Eliot Gardiner

    Das zweite Stück..

    Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68

    Berliner Philharmoniker
    Herbert von Karajan
    live Royal Festival Hall 5. Oktober 1988

    Eine denkwürdige Aufnahme.

    Zunächst die Daten: Live 5. Oktober 1988. Im November 1988 entstand die Aufnahme der 8. Sinfonie von Bruckner mit den Wiener Philharmonikern, im April 1989 dann die der siebten. Im selben Monat trat Karajan von der Leitung der Berliner Philharmoniker zurück, am 16. Juli 1989 verstarb er.

    Für meinen Geschmack zeichnet Karajan hier ein Bild von Brahms als hässlichem Deutschen. Überwältigend. Gewalttätig. Freude durch Kraft. Mein Brahms-Bild ist eher durch die Spätwerke dominiert, das Klarinettenquintett, die späten Klavierstücke ...

    Spannend, aber kein Favorit.