Beiträge von Falstaff

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins hier statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.

    Ich kann z.B. in der Süddeutschen kaum noch die Besprechung einer beliebigen orchestralen Neuaufnahme zwischen Bach und Mahler lesen, in der nicht entweder auf die "Schlankheit" lobend hingewiesen oder ihr Fehlen beklagt wird. Je nach Komponist wird das gern mit zusätzlichen Adjektiven wie "ironisch" (Schostakowitsch), "gebrochen" (Mahler) oder - der größte Rezensenten-Renner - "unpathetisch" (Beethoven) unterfüttert

    Das höchste Lob für die Darbietung eines großbesetzten Orchesterwerkes: "kammermusikalisch"...


    Falstaff

    Na toll, jetzt habe ich einen Helios-Ohrwurm...


    Da will ich noch auf eine Stelle hinweisen, die ich bei Helios gelungen finde. Du Beginn wechseln sich die Hörner über gehaltenen Tönen der tiefen Streicher mit einer aufsteigenden Figur ab, diese umspielen bald die hohen Streicher mit wellenartigen Figuren (ähnliches kennt man aus dem Rheingold-Vorspiel oder aus dem "Holzgeschnitzten Prinzen"). Bei der Stelle, die ich meine, geht die Umspielungsfigur der Geigen ganz unscheinbar in die erste Melodie des Werkes über. Umspielungsfiguren und Melodie gehen noch öfters ineinander über. Der Klang ist jeweils grundverschieden - einmal wellenartig dahinfließend einemal melodiös mit hohem Erinnerungswert. Also ob die Melodie immer wieder in den Wellenfiguren auf- und abtauche.


    ...mein Ohrwum bezieht sich jedoch auf den Hörnereinsatz, an dem ich vorhin rumgemäkelt habe.


    Falstaff

    Der Rest ist auch nicht viel weniger spätestromantisch


    Zur "Nachromantik" zähle ich Komponisten wie Richard Wetz oder Kurt Atterberg. Mahler, Sibelius und Nielsen würde ich nur zum Teil unter diesen Begriff fallen lassen. Sie sind dafür zu eigenständig und weisen mit ihren Stilmitteln weit über die Spätromantik hinaus. Bei Nielsen ist es z.B. die "progressive Tonalität" (späteru und an anderer Stelle vielleicht mehr dazu), welche ihn aus der Romantik herausfallen lässt. (Mehr zu dieser Kompositionsweise findet man z.B. in Robert Simpsons großartigem Nielsen-Buch.)


    Falstaff

    Anstelle eines Vergleiches nun eine Nebeneinandersetzung:


    Ich weiß nicht, was ich von "Helios" halten würde, stammte es nicht von Nielsen. Bei folgender Stelle wird es mir einfach zuzviel mit Wohlklang und Bombast: Der ff-Hörnereinsatz bei 3:30 (Vänskä-Einspielung). Ab hier zieht sich ein Hollywood-Sound dahin (davon abgesehen, dass in Hollywood banalere Melodien verwendet werden). Die Gute-Laune-Musik nach dem baldigen Trompetengeschmetter ist mir für Nielsen-Verhältnisse auch etwas undifferenziert. Dermaßen dicht wabernden Orchesterklang ist man von ihm nicht gewohnt. So leicht hat es sich Nielsen sonst nie gemacht, unmittelbare Wirkung und eindeutig benennbare Stimmungen zu erzeugen. Klar, das klingt alles großartig, man wird geradezu überwältigt. Aber vielleicht weniger vom Geschmack als von den vielen Geschmacksverstärkern. Ich bin mir sicher, dass das Werk genau so geraten ist, wie Nielsen es sich vorgestellt hat. Und ich halte es auch für allerbeste Nachromatnik. Meine harten Worte gegen "Helios" folgten auch aus meiner Verwunderung, dass Nielsen etwas derartiges komponiert hat.


    Nordische Landschaft höre ich bei der "Nächtlichen Jagd" (im Gegensatz z.B. zu Tapiola) nicht. Was mich an dem dortigen Sonnenaufgang fasziniert: Wie mit sparsamer Instrumentierung und dezenter Verwendung melodiöser Einfälle die Erhabenheit eines beeindruckenden Sonnenaufgang in Klang gesetzt wird. In dieser Hinsicht liegt hier das genaue Gegenteil von Helios vor. Vielleicht ist dies mein liebster musikalischer Sonnenaufgang.


    Beste Grüße,
    Falstaff

    Eine kleine, höchstens zur Hälfte ernst gemeinte Polemik zu Helios:[Blockierte Grafik: http://cosgan.de/smiliegenerator/vorschau/1293214.png]


    Helios nervt. Das Stück immer wieder als Alibi-Nielsen auf die Spielpläne zu setzen, ist wie den ganzen Schönberg mit "Verklärte Nacht" abdecken zu wollen. Behandelt man das melodische Material mit Weichspühler, so kommt oscarreife Hollywoodmusik dabei heraus. Die Sonne in Helios gehört zu den Sonnen, die nicht untergehen können, ohne dass Jack Sparrow durchs Bild segelt.


    Nun ohne jede Polemik:


    Natürlich ist Helios ein schönes, gutgemachtes Stück. Eines der besseren Stücke der vielen nachromantischen Panoramasoundkulissen. Vielen Nachromantikern hätte es sicher zur Ehre gereicht. Und da man so gerne Sibelius und Nielsen zusammen nennt: Den Sonnenaufgang in Sibeliusens "Nächtliche Jagd und Sonnenaufgang" finde ich weitaus beeindruckender und gekonnter als den in Helios.


    Beste Grüße,
    Falstaff

    Symphonia Comica

    Der als ultra-reaktionär verschriene, kompositorisch rückständige, beinahe 80jährige Draeseke schreibt zwei Jahre nach Tod Gustav Mahlers Tod eine 20minütige komische Sinfonie. Heraus kommt ein spritziges, dicht gearbeitetes Feuerwerk der Einfälle. Schon der Beginn des ersten Satzes wirkt harmonisch kühn, als solle eine noch nicht etablierte Grundtonart möglichst schnell verlassen werden (leider liegen mir keine Noten vor). Besonders originell ist der langsame Satz mit dem Titel “Fliegenkrieg”. Die langsame, ruhige Musik wird immer wieder von einer Fliege (u.a. Solovioline) und einer Fliegenklappe (Becken) gestört.


    Draeseke, Felix (1835-1913)

    Leben:
    Felix Draeseke wurde 1835 geboren. Er absolvierte ein Musik-Studium am Leipziger Konservatorium. Ab 1957 gehört er in Weimar dem Liszt-Kreis an. Hier schrieb er sein opus 1, die ausgedehnte Ballade Helges Treue. Die Kleist-Kantate Germania an ihre Kinder und die großangelegte sinfonische Dichtung Julius Cäsar brachten ihm den Ruf eines radikalen Neutöners ein. Die Aufführung seines Germania-Marsches im Jahr 1861wurde zu einem deutschlandweit beachteten Skandal.


    Daraufhin zog Draeseke in die Schweiz - Liszt hatte Weimar kurz zuvor verlassen -, wo er bis 1876 als Klavierlehrer arbeitete. Draeseke spricht von “verlorenen Jahren”. Hier wendet er sich von der “Zukunftsmusik” ab und orientiert sich zunehmend an klassischen Formen. In seinen Schweizer Jahren komponierte Draeseke nicht viel. Sein bekanntestes Werk aus dieser Zeit ist die Klaviersonate op. 6.


    1976 zog Draeseke nach Dresden. Hier wurde er zu einem produktiven und erfolgreichen Komponisten. Es entstehen Opern, Chorwerke, Solokonzerte, Kammermusik und Lieder. 1886 vollendete er sein (neben der Klaviersonate) bekanntestes Wert: die 3. Sinfonie in C-Dur op. 40, die Symphonia tragica. Zwischen 1864 und 1899 komponierte er sein umfangreichstes Werk, die Oratorien-Tetralogie Christus.


    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezog Draeseke publizistisch gegen die junge Komponistengeneration Stellung und galt von da an als Reaktionär. 1912 komponierte er seine 4. Sinfonie (ohne Opuszahl), die Symphonia Comica. Im selben Jahr erlebte er die erste Gesamtaufführung der Christus-Tetralogie. Draeseke starb 1913.

    Verschiedenes:


    Aufgrund einer Mittelohrentzündung in Kinderjahren hatte Draeseke starke Gehörprobleme, die ihn in reifen Jahren beinahe ertauben ließen.


    Draeseke war mit Hans von Bülow befreundet. Dieser führte ihn im Liszt-Kreis ein. Aufgrund dieser Verbundenheit brach Draeseke mit der “Affäre Cosima” den Kontakt zu Wagner ab.


    Die radikalen Frühwerke aus Weimarer Zeit, Germania und ihre Kinder und Julius Cäsar scheinen (nach jpc- und amazon-Recherche) nicht auf CD vorzuliegen. Schade!


    Über die Klaviersonate op. 6 sagte Liszt, sie sei die Beste seit Schumanns fis-moll Sonate (seine eigene h-moll-Sonate verschweigend). Alfred Brendel nennt sie die wichtigste “vergessene Sonate” des späten 19. Jahrhunderts; originell; voll von überreizter Harmonik. Die Sonate ist Bülow gewidmet, der sie nicht gespielt hat.

    Quellen: cpo-Booklets; der Film "Ein Schicksal zwischen Brahms und Liszt" (auf youtube einsehbar)

    Das erste Werk, das ich von Draeseke höre, hat gleich voll eingeschlagen. 1888 mit großem Erfolg uraufgeführt und noch in den 1920ern von vielen zu den größten Sinfonien des 19. Jahrhunderts gezählt, wurde die "Tragica" erst 2000 durch diese Aufnahme auf CD verfügbar.
    Was soll ich sagen? Bin völlig perplex was da bisher an mir vorübergegangen ist.
    Draeseke, ursprünglich exponierter Vorkämpfer der Neudeutschen Schule, sitzt hier wunderbar souverän zwischen allen Stühlen (Liszt-Wagner-Brahms-Bruckner), zeigt dabei einen überbordenden Einfallsreichtum und volle handwerkliche Meisterschaft. Easy listening ist das freilich nicht, was da in 46 Minuten Spielzeit geboten wird. Einfach nur großartig (meine Güte, wenn ich dagegen an die Sinfonien von Joachim Raff denke, die um einiges bekannter sind...).
    Noch ein Komponist, der einen eigenen Thread verdient hätte. Allerdings ist der Wikipedia-Artikel schon mal ganz ausgezeichnet und lesenswert.


    Die CD ist bei jpc auch noch zum Sonderpreis zu haben, vielleicht winkt da bald eine Box mit allen 4 Sinfonien (lange drauf warten werde ich wohl nicht können)

    Deine Begeisterung über die Sinfonia tragica teile ich. Vor einiger Zeit schon habe ich an einem Einführungsbeitrag zu einem Draeseke-Thread gearbeitet, er ist aber noch unvollständig. Mit den fertigen Teilen werde ich einen Thread eröffnen.


    Falstaff


    Weil es gerade hierher passt: Gidon Kremer und die Kremerata Baltica haben Weinbergs Concertino im Konzertprogramm und führen es z.B. am 29.1.2012 in der Kölner Philharmonie auf.


    Falstaff

    Gestern habe ich die Gelsenerkirchender Produktion von Merlin besucht.


    Bei dieser Oper hatte ich weder Vorwissen, noch irgendwelche Erwartungen. Die Handlung und der Text konnten mich nicht wirklich berühren. Aber beides konnte ich leicht vergessen, da ich von Anfang an voller Spannung, Überraschung und Faszination auf das Orchester hörte. Vielleicht war ich gerade, weil ich mir nicht wirklich irgendetwas erwartet hatte, so angetan von lbenizens Instrumentalstil. Immer wieder war ich bei einigen Stellen regelrecht begeistert. Freilich wagnert es sehr, aber ich hatte stets den Eindruck, dass Albeniz genau wusste, was er da tat, und dass er es auch sehr gut zu tun verstand. Details in Bezug auf die Musik kann ich nach einmaligen Hören natürlich noch nicht vorbringen. Hervorzuheben scheint mir die Leistung des Orchesters. Die Dichte, klangintensive und volle Partitur erklang durchsichtig genug, um Strukturen hörbar zu machen, und deckte die Sänger niemals zu.


    Die bildgewaltige Inszenierung mit mythisch-gekleideten Personen auf einer banal-weltlich Landstraße nam Libretto und Handlung gut auf. Es wurde nicht versucht, irgendwelche doppelten Böden in die Handlung einzubauen. Dramatische Stellen wurden wirkungsmächtig ausgespielt.


    Falstaff

    [Kopie aus "Eben gehört": Wäre schade, wenn diese Anmerkungen dort untergingen!
    :wink:
    Gurnemanz]



    Der Morgen beginnt nebulös und atonal: Rautavaara - V.Symphonie


    Bei Rautavaaras Sinfonien bin ich recht zwiegespalten. Mit den ersten beiden und der seriellen Vierten kann ich gar nichts anfangen. Die Klangwelten ab Nummer Fünf können mich manchmal durchaus ansprechen, oft sind sie mir aber zu esoterisch. Die (einseitige) Verlegung auf den Klang in moderner Orchestermusik liegt mir nicht wirklich. Aber die Dritte Sinfonie! Von der war ich von Anfang an und bin ich nach wie vor begeistert! Ich bin durch sie durch die Charakterisierung aufmerksam geworden, dass sie Brucknersche Symphonik mit seriellen Kompositionstechniken vereinigt. Sie scheint mir streng und gekonnt gearbeitet zu sein.


    Falstaff

    Der Morgen beginnt nebulös und atonal: Rautavaara - V.Symphonie


    Bei Rautavaaras Sinfonien bin ich recht zwiegespalten. Mit den ersten beiden und der seriellen Vierten kann ich gar nichts anfangen. Die Klangwelten ab Nummer Fünf können mich manchmal durchaus ansprechen, oft sind sie mir aber zu esoterisch. Die (einseitige) Verlegung auf den Klang in moderner Orchestermusik liegt mir nicht wirklich. Aber die Dritte Sinfonie! Von der war ich von Anfang an und bin ich nach wie vor begeistert! Ich bin durch sie durch die Charakterisierung aufmerksam geworden, dass sie Brucknersche Symphonik mit seriellen Kompositionstechniken vereinigt. Sie scheint mir streng und gekonnt gearbeitet zu sein.


    Falstaff

    Die Kölner Produktion von "Krieg und Frieden" fand ich, was die Ausführung angeht, hervorragend. Sänger, Orchester und Dirigent klangen für mich erstklassig. Auch der Inszenierung konnte ich viel abgewinnen. Der erste Teil wurde ein gutes Stück gekürzt. Der zwei.te Teil wurde enorm gekürzt. Die Rolle des Kutusow entfällt völlig. Die erste Szene wurde (im Wesentlichen) auf die drei Personen Andrei, Dennissow und Pierre beschränkt. Die Generabstabsszene fehlt völlig. Ebenso der bombastische Schlusschor. Als einzige Massenszene verblieben die Erschießungen in Moskau und die Befreiung der Gefangenen beim Rückzug der Franzosen. Diese wurden enorm bühnenwirksam inszeniert, darüber vergaß ich völlig auf die Musik zu hören. Sie verkam zur Hintergrundmusik, die man nicht bewusst wahrnimmt (macht nix, ich hab' nix verpasst :P ). Die weitgehenden Kürzungen im zweiten Teil haben der Oper sicher sehr getan. Meine musikalischen und dramaturgischen Bedenken bezüglich des zweiten Teiles konnten aber nicht ausgeräumt werden. Mit Ausnahme der großartigen Abschiedsszene von Andrei und Natascha kann ich im zweiten Teil nichts Interessantes ausmachen. Der Komposition stehe ich nach der Aufführung, was den Orchestersatz betrifft, deutlich positiver gegenüber als nach dem Hören der Aufnahme. Das Kölner Orchester klang nicht so sehr extrem spätestromantisch. Stattdessen bekam ich im Orchestergraben immer "echter Prokofiev, aber gemäßigt" zu hören. Stefan Sanderlings Lob der raffinierten Instrumentation (siehe Interview oben) kann ich inzwischen also ein gutes Stück nachvollziehen.


    Zu Beginn des zweiten Teiles wird die Kutusow-Melodie von Dennissow angedeutet, aber nicht in ihrer letztendlichen Form gesungen. Als wolle er die Melodie herum, ohne sie zu treffen. Ganz abgesehen davon, dass sich dieses Suchen und Tasten hervorragend inhaltlich interpretieren lässt, finde ich diese Stelle eine der interessanteren in der Oper. Solche Stellen sollte es in der Oper mehrere geben. Das immer wieder gleicheartige Wiederholen der selben (Liebes-)Melodie an allen möglichen auch nur irgendwie passenden Stellen finde ich immer noch etwas ermüdend. So schön die Melodie auch klingen mag.


    Beste Grüße,
    Falstaff