Wagner: "Siegfried" - Aalto-Theater Essen, 10.10.09

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    • Wagner: "Siegfried" - Aalto-Theater Essen, 10.10.09

      Nach dem „Rheingold“ und der „Walküre“ wurde nun am Essener „Aalto-Theater“ Wagners „Ring des Nibelungen“ mit dem „Siegfried“ fortgesetzt.

      Das Ereignis des Abends ist wieder einmal das Orchester des Opernhauses Essen unter der Leitung des GMD Stefan Soltesz, der auch im „Siegfried“ wieder mit angenehm schnellen Tempi, ohne auf ruhigere Momente zu verzichten, genauso überzeugen konnte, wie mit den vielen, gut herausgearbeiteten Details, der sänger/innenfreundlichen Begleitung und den immer kontrolliert bleibenden Ausbrüchen der Orchester-Tutti. Sehr gelungen z. B. die Vorspiele der beiden ersten Akte mit ihren düster-unheimlichen tiefen Streicherklängen oder die delikaten Stellen der Holzbläser. Auch das Blech zeigte sich, von kleineren Ermüdungserscheinungen gegen Ende abgesehen, in guter Verfassung.

      Der Siegfried des niederländischen Tenors Johnny van Hal beeindruckte in der ersten halben Stunde mit einer bemerkenswerten, darstellerischen Agilität, eine Tugend, die im späteren Verlauf des Abends nicht mehr in gleichem Masse abgefordert wurde. Sängerisch blieb van Hal blass. Sein schmalbrüstiger Tenor, der eher im lyrischen Fach zu Hause sein dürfte, kämpfte mehr als einmal gegen den Orchesterklang an, die Stimme, die zu leichten Verhärtungen neigt, bietet wenig runde, helle Spitzentöne, die sängerische Gestaltung ist ausgesprochen frei und dass der Sänger die Partie zumindest eingermassen durchhält, macht die Mängel nicht wett. Besonders problematisch ist der Sprachfehler von Johnny van Hal. Dass er lispeln würde, ist zu klein. Manche Worte sind von diesem Sänger überhaupt nicht klar artikulierbar, sodass zwangsläufig der Gesang darunter leidet.

      Mit blonder Walkürenhaftigkeit, leicht scheppernden Matronentönen und angerissenen Spitzentönen stattet die Sopranistin Kirsi Tiihonen ihre Brünnhilde aus. Die Stimme der Sängerin verfügt über ein leicht dunkles Fundament, sie wirkt in mancher Passage angestrengt, aber sie ist tragfähig und ausladend. Das ist eine Leistung, wie man sie an einem mittleren Opernhaus erwarten wird, allerdings sehnt man sich doch etwas nach der Brünnhilde der „Walküre“, Catherine Foster, zurück.

      Almas Svilpa, der Wotan des „Rheingolds“, singt hier im "Siegfried" jetzt den Wanderer – und hat hörbar zugelegt. Immer noch stösst die Stimme an Grenzen, aber Svilpa bewältigt mit bewundernswertem Einsatz diese Partie, schont sich nicht und gewinnt dabei ein hohes Mass an Unmittelbarkeit und an Glaubwürdigkeit.

      Ebenfalls stark der Mime von Rainer-Maria Röhr. Röhr rettet sich nicht so oft, wie mancher Fachkollege, in reines deklamieren, er ist wortverständlich, engagiert und darstellerisch intensiv, dabei sängerisch überzeugend.

      Leicht outriert wirkt der stimmstarke Alberich von Oskar Hillebrandt mit seinem bleckendem Bariton, der gleichwohl seine Rollenerfahrung in diese Inszenierung gut einbringen kann.

      Wie schon im „Rheingold“ ist jetzt auch im „Siegfried“ die russische Mezzosopranistin Lyubov Sokolova als Erda zu sehen und zu hören. Mit ihren pastosen Alttönen und der etwas harten, slawischen Tongebung, die in der Höhe zu kleinen Verengungen führt, ist sie ein markanter Punkt des dritten Aktes – allerdings ist die Aussprache der gesungenen Worte verbesserungsbedürftig.

      Verkomplettiert wird das Ensemble mit dem routinierten Marcel Rosca und der teilweise sehr schön klingenden, leicht flatternden Sopranstimme von Christina Clark als Waldvogel.

      Für das szenischen Arrangement zeichnete Anselm Weber verantwortlich. Während die erste halbe Stunde noch einen zumindest vergnüglichen Theaterabend versprach, erstarrte das Ende des ersten Aktes in Konvention, zeichnete sich der zweite durch szenische Hilflosigkeit aus und wurde der dritte zur interpretatorischen Bankrotterklärung des Regisseurs.

      Von der Natur ist in dieser Inszenierung nichts mehr übriggeblieben, kein Wald, keine Bäume, der Waldvogel ein Spielzeug im Käfig, der Brünnhildenfelsen ein Art verkohlte Böcklinsche Toteninsel.

      Siegfried und Mime hausen in einer aufgelassenen Industrieanlage, rechts eine Ecke mit der Schmiede, links Gerümpel wie auf einer Müllhalde, zwei ausgediente Autositze werden als Sitzmöbel genutzt.

      Der Bühnenboden besteht aus einer Vielzahl leicht ansteigender, kleiner Hügel, auf denen die Sänger behände herumturnen müssen. Im zweiten Akt wird deutlich, dass es sich um den Riesenwurm Fafner handelt, auf dessen Rücken die Handlung der ersten beiden Akte stattfindet.

      Mime, mit drei dichten, schulterlangen Haarsträhnen auf dem ansonsten kahlen Haupt, bucklig, verwachsen, trägt eine Art Arbeitsanzug und hämmert an einem Schwert herum.

      Der Bär, den Siegfried mitbringt, ist eine kaum erkennbare Videoeinspielung, ein Effekt, der völlig verpufft.

      Siegfried mag so etwa 20 Jahre alt sein, auch gross und kräftig ist er geworden, aber seine geistige Entwicklung entspricht kaum seinem Lebensalter. In seinen halblangen Hosen und dem roten Kapuzenshirt tollt er über die Bühne und spielt mit einem Brummkreisel und mit Plüschtieren. Das Verhältnis zu Mime, es ist immerhin der einzige Mensch, den Siegfried überhaupt kennt, ist ambivalent: so sehr Siegfried Mime verachtet, er sehnt sich auch offensichtlich nach dessen Zärtlichkeiten.

      Dieses Eingangsbild ist das überzeugendste der ganzen Inszenierung. Hier wurde genau beobachtet, detailreich inszeniert und die Beziehung zwischen Mime und Siegfried gut erfasst und szenisch umgesetzt.

      Wotan, in einem schwarzen Federmantel, mit einer silbernen Augenklappe und einem schwarzen Hut schaut schon vor seinem eigentlichen Auftritt mal zu, was da in Mimes Schmiede vor sich geht.

      Der Rest des Aktes bietet keine Überraschungen mehr, besonders die Schmiedeszene hat man lange nicht mehr so uninspiriert und vom Blatt weg inszeniert erlebt, wie jetzt in Essen. Da stört es dann auch kaum noch, dass der Papp-Amboss schon ruckelnd auseinander bricht, bevor Siegfried zugeschlagen hat.

      Im zweiten Akt befinden wir uns anscheinend immer noch in der selben Industrieanlage, nur an einem anderen Ort. In der Mitte der Bühne sitzt Alberich auf einem ramponierten Campingstuhl, er ist in eine Plastikfolie gehüllt und geht auf Krücken.

      Rechts ragen dünne Metallstreben herein, ein Nebenraum ist wohl zusammengebrochen.

      Während die Auseinandersetzung Wotan – Alberich noch durch die darstellerische Kraft der beiden beteiligten Sänger spannend verläuft, missrät die Szene Siegfried – Fafner vollends. Kein Drache taucht auf (die Stimme kommt aus dem Off), auch kein Äquivalent dazu. Siegfried steht unbeholfen und allein auf der Bühne, er richtet seine Worte an das Publikum in Ermangelung irgendeines Bühnenpartners, hüpft auf den kleinen Hügeln herum und wenn er endlich das Schwert in den Bühnenboden stösst, ist diese ganze Szene längst verunglückt.

      Zwischenzeitlich hat Wotan den Waldvogel in einem Käfig hereingebracht, die Sängerin singt die Partie links vorne am Bühnerand, am flotten, schwarzen Hängekleid der Sopranistin erkennt man kleine Federn.

      Auch das Ende des zweiten Aktes hängt durch: aus der Höhle, wo das Gold aufbewahrt wird, tauchen Menschen auf, einige davon mit Grubenlampen, die sich suchend über die Bühne bewegen – vielleicht sind es die Nibelungen – da aber dieses Bild völlig isoliert bleibt, lohnt weiteres Nachdenken über die Sinnhaftigkeit der Aktion nicht wirklich.

      Siegfried schleppt einige der Metallpfeiler herbei, um das Grab von Mime und Fafner abzudecken. Dabei ist für jeden im Zuschauerraum klar zu sehen, dass es sich um ein absolut leichtgewichtiges Material handelt.

      Wie der Plastikvogel im Käfig Siegfried irgendeinen Weg weisen soll, bleibt das Geheimnis der Regie. Auch hier bemüht sich der Siegfried-Darsteller mit hilfloser (und erfolgloser) Aktion um irgendeine Glaubhaftmachung der Stücksituation.

      Immerhin: es gibt einige schöne Lichteffekte in diesem Akt zu bewundern, den Mangel an Regie kann das aber nicht aufwiegen.

      Der dritte Akt beginnt vor dem geschlossenen Vorhang. Vier einfache Stühle stehen davor, Wotan tritt im normalen Strassenanzug auf, er hat seiner Verflossenen Erda Blumen mitgebracht. Allerdings lässt die Dame auf sich warten. Als sie erscheint, müde und vielleicht auch krank, nutzen die Blumen nichts. Erda bleibt störrisch, Wotan erhält keine der erwünschten Antworten.

      Der Rest des dritten Aktes bietet überhaupt keine nennenswerte Regie mehr. Zwar schwebt Brünnhilde auf ihrem Felsen effektvoll vom Bühnenboden herunter, kleine Flammen züngeln noch rings um ihren Schlafplatz, aber dann wird’s öde.

      Brünnhilde wird aus ihrem Plastikpanzer geschält, darunter trägt sie eine Art goldfarbenes Prachtkleid mit langer Schleppe – und dann wird gestanden und ein wenig auf der Bühne gewandelt, Brünnhilde darf ihre Töne immerhin frontal ins Publikum abstrahlen, dabei hat sie ihre Arme vom Körper abgespreizt, mit Siegfried ist es nicht anders, ein wenig laufen, ein wenig hüpfen und viel stehen, man kann kaum glauben dass eine Aneinanderreihung derartiger Belanglosigkeiten von einem Schauspielregisseur stammt.

      Von der Produktionsdramaturgin Bettina Bartz gibt es im Programmheft einen interessanten Beitrag zu lesen. Da ahnt man, was diese Inszenierung hätte werden können – aber die Diskrepanz zwischen der geschriebenen Theorie und der inszenatorischen Praxis, ist eklatant.

      Grosser Beifall für die Sängerinnen und Sänger, besonders auch für Stefan Soltesz und das Orchester des Essener Opernhauses, deutliche und massive Buhs für das Regieteam um Anselm Weber.

      (Die Aufführung wurde übrigens übertitelt, auch in Essen macht die mangelhafte Artikulation der Sängerinnen und Sänger diese Übertitelung durchaus notwendig)
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano

      Wenn eine Deiner Besprechungen mit Dirigenten und Sängern beginnt, dann ahnt man schon, dass Dir die Inszenierung nicht gefallen hat 8+) . Ich war noch nie in Essen in der Oper, aber die vielen guten bis euphorischen Kritiken, die ich über Soltesz gelesen habe, machen mich doch sehr neugierig. Nur der Ring muss es ja dann nicht unbedingt sein...

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Lieber Michel,

      da ist sicher was dran, wenn die Musik bei mir ganz oben steht, könnte die Regie nicht ganz überzeugend gewesen sein. Aber im Fall des Essener "Ring des Nibelungen" ist es auch ganz klar verdient, den Dirigenten und das Orchester an erster Stelle zu nennen. Der "Siegfried" ist inszenatorisch der bis jetzt schwächste Teil der Essener Neuproduktion von Wagners Mammutwerk, aber musikalisch ist das alles bisher erstklassig gewesen. Während Soltesz in der "Walküre" auf bemerkenswert schnelle Tempi setzte, wirkt der "Siegfried" in dieser Beziehung deutlich ausgewogener und allein die Kontrabass-Stellen im Vorspiel zum 2. Akt mit ihren wirklich düsteren Tönen sind atmosphärisch ausgezeichnet.

      Wäre das sängerische Niveau auf dem gleichen Level, wie das Orchester, Essen wäre ganz klar ein führendes Haus in der Republik.

      Warum möchtest Du nicht in den "Ring" gehen? Wegen des Komponisten?

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Warum möchtest Du nicht in den "Ring" gehen? Wegen des Komponisten?
      Nö, das kam falsch rüber. Wegen Deiner Besprechung :D . Ich habe mich gefragt, ob der Essener Ring die Reise lohnt, und bin eher skeptisch.

      Übrigens (und hier OT) hat die Gerüchteküche für 2012 (oder so) einen Münchner Ring von Andreas Kriegenburg und Kent Nagano ausgespuckt. Darauf wäre ich dann sehr gespannt.

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • RE: Soltesz

      Alviano schrieb:


      Wäre das sängerische Niveau auf dem gleichen Level, wie das Orchester, Essen wäre ganz klar ein führendes Haus in der Republik.


      :wink:
      da mag wohl etwas dran sein,allerdings finde ich,dass selten so textverständlich gesungen wurde wie hier.
      selbst van hal war gut zu verstehen.
      ich mochte kirsti tiihohen sehr,vor allem ihre stimme gefiel mir überaus gut.
      nicht so textverständlich sang christina clark.
      almas svilpa war für mich der beste des abends
      kismara pessati als erda war ganz grosse klasse.
      alberich u. mime waren ebenfalls hervorragend.
      ein abend der extraklasse.

      die regie war mir zu unausgewogen.
      vor allem warum musste siegfried so lausbubenhaft herumlaufen.
      der dritte akt war beieindruckend durch seine ruhe,die von ihm ausging.
      die texte von wagner waren ein graus.

      das bühnenbild erinnerinnerte in den ersten beiden akten an einen übergrossen dampfenden sch*haufen.sorry.
      die abbruchbude des schmids hatt sicher bessere tage erlebt und der amboss viel im richtigen moment entzwei.

      mit abstrichen lässt es sich leben.
      bin sehr auf barry koskys letzten abend gespannt.
      mfg yago
    • Ich habe den aktuellen Ring in Essen bislang verfolgt, nur die Götterdämmerung habe ich mir bislang nicht "angetan". Zu sehr haben mich die Kritiken bislang abgeschreckt. Den "Siegfried" fand ich szenisch nicht ganz so schlecht wie von Alviano beschrieben, am stärksten war für mich die Erda- Wanderer Szene, wo auch Almas Svilpa seine besten Momente als Wanderer hatte.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • die erda szenen waren bisher alle sehr emotional.
      die sängerin war gestern ein juwel der aufführung.
      almas svilpa war ein kraftstrotzender wanderer.
      die beschreibung des bühnenbildes als rauchender sch*haufen,war meine assoziation.der wurm war ähnlich aufgebaut wie der dickdarm,nur eben zusammengezwercht.
      als er dann in bewegung geriet,wurde die assoziation zu blähungen bildlich.
      lg yago