Das Capriccio Operntelegramm für die Saison 2009/2010

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    • Das Capriccio Operntelegramm für die Saison 2009/2010

      Liebe Foristen,

      es wurde gelegentlich bemerkt, dass nicht jede Opernaufführung einen eigenen Thread "braucht" - wer zum Beispiel am Vortag eine schon ältere Repertoireaufführung gesehen hat, möchte vielleicht kurz seine Eindrücke schildern, ohne gleich einen seitenlangen Bericht zu schreiben. Um denen die Hemmungen zu nehmen, eröffne ich diesen Telegramm-Thread: Hier kann jeder nach Herzenslust über die jüngsten Opernerlebnisse schwärmen (oder schimpfen).

      Ans Werk! :wink:
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Bizet: Carmen - Star-Theater in Köln die Erste

      Na, dann zieh' ich doch gleich mal vom Leder...

      Am Ende der letzten Saison hatte ich von der neuen Marschrichtung in Köln berichtet: weniger eigenes Ensemble, mehr z.T. hochkarätige Gäste. Da ergab sich nun am 25.09. die Gelegenheit, Vesselina Kasarova zu erleben, die für eine Aufführung als Carmen nach Köln kam.

      Die knapp zehn Jahre alte Inszenierung von Christoph Loy hatte ich nicht als eine seiner besten Leistungen in Erinnerung; sie gefiel mir beim Wiedersehen aber insbesondere in der Personenregie gar nicht mal schlecht; sie war offenbar recht gut wiedereinstudiert worden. Daß der Stargast für einen Abend da nur bedingt mitziehen kann, ist verständlich (wenn auch nicht wünschenswert); daß er sängerisch nicht auf der Höhe ist, schon weniger! Tatsächlich war das die skurrilste Sängerleistung, die ich seit langem, wenn nicht überhaupt je, vernommen habe. Ihre rhythmischen Freiheiten waren so groß, daß der Dirigent des Abends (Claude Schnitzler) alle Hände voll zu tun hatte, mit dem Orchester hinterher zu kommen; die Habanaise (eine Arie mit Chor) ging schon deswegen vollig in die Hose, auch andere Ensembles litten unter ihren Ungenauigkeiten. Ähnliche Manierismen leistete sie sich mit extremen und von mir als völlig willkürlich empfundenen Wechseln in der Dynamik, wobei die Stimme im Piano auch noch völlig unterging. In der Tiefe klang die Stimme wie in ein volles Wasserglas gesungen, mehr gurgelnd als orgelnd, und auch hier oft genug kaum noch hörbar. In den hohen Lagen war sie eng und quäkig, allein der oberen Mittellage entlockte sie so was wie schöne Töne. Ich weigere mich, die Sängerin (die ich erstmals live gehört habe) nach der Leistung dieses Abends ernsthaft zu beurteilen; veräppelt fühle ich mich von so was allerdings schon und bin froh, daß ich auf den Billigstplatzen im 2. Rang Seite saß. Entweder sie war völlig von der Rolle, oder sie hat eine äußerst ungewöhnliche Auffassung dieser Rolle, eine, mit der ich mich sicherlich nicht anfreunden mag.

      Don José des Abends war Gérman Villar, der die Rolle mit viel Emphase und Leidenschaft sang und spielte, sich dabei aber auch schon mal ob einiger Höhenprobleme ins Falsett retten mußte (so am Ende der Blumenarie), was ihm einige Zuschauer am Ende mit heftigen Buhs vergalten. Er und auch der stimmgewaltige, aber etwas grobschlächtige Samuel Youn als Escamillo, waren aber ihren Rollenvorgängern von damals weit überlegen. Den größten sängerischen Glanz allerdings verbreitete, in Köln neu im Ensemble, Jutta Böhnert als Micaëla, mit glockenrein intoniertem lyrischen Sopran mit gut dosierten dramatischen Einsprengseln (deren Mühe man am Ende der Arie ein wenig spüren konnte), was seine Entsprechung auch in ihrem feinen Spiel fand: eine sehr erfreuliche Entdeckung! Der Chor fand nach der völlig vergurkten Habanera nicht mehr recht zurück ins Stück und hatte einen rabenschwarzen Abend.

      Großer Beifall mit sehr deutlichem Buh-Anteil für den Stargast und ein ratloser Berichterstatter ?(
      Die weiteren Aufführungen der Carmen singt Rinat Shaham; wegen Jutta Böhnert eine durchaus empfehlenswerte Produktion.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Lieber Bernd

      In München war die Kasarova im letzten Jahr als Charlotte im Werther zu Gast. Deine Beschreibung ihrer Leistung könnte man fast wörtlich auf die damalige Vorstellung übertragen - eine ganz große Enttäuschung. Was ist bloß mit dieser Stimme los? ;(

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Rossini: L'Italiana in Algeri - Star-Theater in Köln die Zweite

      Am 10.10.09 ging die Wiederaufnahme dieser alten Ponnelle-Inszenierung mit komplett neuer Sängerriege über die Bühne. Der Stargast singt diesmal allerdings nicht nur eine Aufführung, sondern ist für die gesamte Aufführungsreihe (6 Abende) gebucht; und Anna Bonitatibus erfüllt die Erwartungen des Melomanen in gehörigen Maße! Sie hat eine samtene, vibrante Stimme mit großer Beweglichkeit, einem für einen Mezzo recht hellen Stimmklang und strahlender Höhe, ohne daß sie irgendwelche Probleme im unteren Register hätte. Die Stimme ist eher klein, trägt aber in allen Lagen hervorragend (was in der grottigen Akustik der Kölner Oper was heißen will! - ich saß wieder im 2. Rang); ein wenig erinnert sie mich in dieser Hinsicht an die junge Cecilia Bartoli, auch insofern, als sie in schnellen Passagen die Töne aspiriert, dabei aber eine solche Geläufigkeit entwickelt, daß das, ähnlich wie bei der Römerin, nicht wirklich stört. Am besten kommt ihr Talent in Isabellas Solonummern zur Geltung, denn leider singt sie in nicht sonderlich guter Gesellschaft. Simone Alaimo als Mustafà ist mit der Partie sängerisch kaum weniger überfordert als Reinhold Dorn in der ersten Aufführungsserie. Wie jener setzt er vor allem auf äußere Komik und kommt mit der Knallcharge auch gut beim Publikum an. Leider bleibt Rossinis musikalischer Witz dabei auf der Strecke, da der Sänger in den schnellen Passagen trotz Bremshilfe seitens des Dirigenten schlicht chancenlos bleibt und, gemeinsam mit Wolf Matthias Friedrich als Taddeo die Ensembles ein ums andre Mal ausbremst. Brad Cooper als Lindoro fehlte es in der Cavatina definitiv an Höhe, erlaubte sich einige Kiekser beim Versuch, die Spitzentöne irgendwie zu stemmen und blieb dann für den Rest des Abends zwar fehlerlos, aber auch (vor allem spieleisch) blaß (Das ist aber auch ein gemeines Stück als Auftrittsarie!). Stimmlich auf einer Höhe mit dem Stargast Miljenko Turk als Haly sowie die beiden Damen in den Nebenrollen (Ingeborg Schöpf und Hanna Larissa Naujoks). Will Humburg am Pult schaffte es in der Ouvertüre, das Rossini-scheue Gürzenich-Orchester mal so richtig zum Aufdrehen zu bewegen; leider verflachte das im Laufe des Abends wieder.

      Vor anderthalb Jahren sang den Lindoro der Premiere Javier Camarena, einige Wochen später kam für eine Aufführung Juan Diego Flórez: einer von den Beiden, und noch ein brauchbar singender Mustafà, und ich würde mir diese Alt-Inszenierung auch noch ein viertes Mal ansehen; so war es jetzt doch ein optisch recht zäher und langweiliger Theaterabend. Anna Bonitatibus entschädigte aber problemlos für Alles!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • RE: Bizet: Carmen - Star-Theater in Köln die Erste

      Quasimodo schrieb:


      Don José des Abends war Gérman Villar, der die Rolle mit viel Emphase und Leidenschaft sang und spielte, sich dabei aber auch schon mal ob einiger Höhenprobleme ins Falsett retten mußte (so am Ende der Blumenarie), was ihm einige Zuschauer am Ende mit heftigen Buhs vergalten.


      Lieber Bernd,

      das verstehe ich ehrlich gesagt nicht: der Schlusston am Ende der "Blumenarie" ist im "piano" notiert, Beimischung von Kopfstimme wäre also durchaus richtig. Es irren eher die Tenöre, die diesen Schluss "con tutta forza" ausstellen.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Vesselina Kasarova

      Le Merle Bleu schrieb:

      Was ist bloß mit dieser Stimme los?
      Tja, sie klang tatsächlich über weite Strecken wie eine abgesungene alte Frau! Dabei ist sie mit Mitte Vierzig im allerbesten Sängeralter! Es ist wirklich zu hoffen, daß da "nur" eine Stimmkrise vorliegt, die die Sängerin auch hoffentlich selber bemerkt; in dem zu ihrem Gastspiel im Kölner Stadtanzeiger abgedruckten Interview klang das danach allerdings überhaupt nicht!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Alviano schrieb:

      das verstehe ich ehrlich gesagt nicht: der Schlusston am Ende der "Blumenarie" ist im "piano" notiert, Beimischung von Kopfstimme wäre also durchaus richtig. Es irren eher die Tenöre, die diesen Schluss "con tutta forza" ausstellen.
      Ohne Frage! Allerdings sehe ich einen Unterschied zwischen "Beimischung von Kopfstimme" und - sozusagen - Kopfstimme ohne Fundament. Es waren schlicht substanzlose, weißlich klingende, fade Töne. Eher Robin Gibb als Nicolai Gedda.Ich finde es allerdings absolut unangemessen, einen Sänger wegen so einer Stelle auszubuhen; keine Ahnung, ob da irgendeine claque am Werk war, so was ist in Köln schon ungewöhnlich! Es war auch zuvor schon zu bemerken gewesen, daß er die Stelle entweder gar nicht richtig oder eben con tutta forza nehmen würde; es gab auch zuvor schon Höhenprobleme, und auch danach. Das wurde eben meist mit viel Verve und viel Kraft bewältigt - vom sängerischen Standpunkt her eine ganz falsche Lösung; vom dramatischen her war das aber oft packend! Im Schlußduett hätte er, wenn er gewollt hätte, seine Carmen ohne weiteres an die Wand singen können.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Obwohl es vielleicht nicht so optimal ist, möchte ich doch auf einen sehr guten Bericht über den aktuellen Ring in Detmold von dem User Thorstein im Festspiele.de-Forum hinweisen. Lohnt sich wirklich :yes:

      Hoffentlich traue ich mich dann auch bald mal, hier von eigenen Erlebnissen zu berichten :hide:

      Herzliche Grüße
      Ingrid

      PS. Mit Frau Kasarova komme ich leider auch nicht mehr klar. Eigentlich hätte sie ja mit RV im Werther singen sollen und das trübte schon die Vorfreude, denn wir hätten ihm und uns gerne Frau Garanca gegönnt :yes: Wenn meine Erinnerung nicht trügt, bin ich sogar in der Pause gegangen, was nicht so oft vor kommt.
    • Ingrid schrieb:

      Hoffentlich traue ich mich dann auch bald mal, hier von eigenen Erlebnissen zu berichten :hide:
      Nur zu. Und bitte ganz ohne :hide: , der Thread ist ja auf Deine Anregung hin entstanden und sollte eigentlich Deinen Namen tragen :wink: .

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Ingrid schrieb:

      Obwohl es vielleicht nicht so optimal ist, möchte ich doch auf einen sehr guten Bericht über den aktuellen Ring in Detmold von dem User Thorstein im Festspiele.de-Forum hinweisen. Lohnt sich wirklich :yes:

      Hallo Ingrid,

      Deinen letzten Satz kann man gerne auch zweideutig verstehen...

      Und für die NRW`ler, die es bis Detmold nicht schaffen bzw. geschafft haben: der Detmolder Ring wird m.W. auch im Forum Leverkusen aufgeführt, das Rheingold habe ich besucht - und es hat sich sehr gelohnt - am 17.1.2010 kommt die Walküre.
    • Hier in Paderborn gibt es kein eigenes Opernhaus, die "Opernversorgung" wird vom Landestheater Detmold übernommen, das meistens sechs Mal pro Saison hier gastiert. Ich freue mich sehr, dass dieses Opernensemble jetzt auch einmal überregional etwas von der Aufmerksamkeit bekommt, die es für seine langjährige, qualitätvolle Arbeit wirklich verdient hat. Der "Ring" wird hier auch gegeben, ich habe ein Abo für alle vier Teile, "Rheingold" und "Die Walküre" gab es schon im Frühjahr, "Siegfried und "Die Götterdämmerung" folgen im November. Ich werde natürlich dann auch berichten, wie es war. Der Detmolder "Ring" lohnt sich nämlich wirklich!!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • S.Kirch schrieb:

      Ingrid schrieb:

      Obwohl es vielleicht nicht so optimal ist, möchte ich doch auf einen sehr guten Bericht über den aktuellen Ring in Detmold von dem User Thorstein im Festspiele.de-Forum hinweisen. Lohnt sich wirklich :yes:

      Hallo Ingrid,

      Deinen letzten Satz kann man gerne auch zweideutig verstehen...



      Liebe Sophia,

      stimmt :D Irgendwie war ich auch selbst nicht ganz damit zufrieden, hatte dann aber erst einmal keine Zeit für Verbesserungen. Mir behagt vor allem der erste Teil nicht so, denn ich hätte vielleicht schreiben sollen, dass es nicht so optimal ist, Werbung für die Beiträge fremder Foren zu machen ;+)

      Es lohnt sich aber tatsächlich, diese zu lesen und so kam jetzt ja heraus, dass noch weitere Städte in den Genuss, dieser wohl sehr guten Inszenierung und Sängerriege des Wagnerringes aus Detmold kommen. Das ist doch echt gut :thumbsup:

      @Michel

      Wußte doch, dass Du das viel besser kannst :yes: Vor allem wäre mir kein so toller Threadtitel eingefallen. Vielen Dank und ich hoffe sehr, dieser Thread wird auch häufig gefüttert :sev:

      :wink: Ingrid
    • "Die Heimkehr des Odysseus" von Monteverdi in Wuppertal

      Leider noch kein "Telegramm", weil die Termine der Wuppertaler Bühnen nur von Monat zu Monat veröffentlicht werden und gerade erst bis Ende Februar einsehbar sind.

      Hat denn evtl. schon jemand diese Produktion gehört und gesehen? Der Spielplan der Bühnen und vor allem die Besetzungen interessieren mich, weil ein ehemaliges Ensemblemitglied der Kölner Bühnen nun dort engagiert ist: Joslyn Rechter. Sie singt in Wuppertal die Penelope.

      Zur Erinnerung an `alte` Kölner: hier hatte sie einen Riesenerfolg als Idamante in der Inszenierung des "Idomeneo" von Nel. Wie ein Besucher so treffend bemerkte `sang das Nachwuchstalent (Rechter) den alten Hasen Roberto Sacca einfach an die Wand`.
    • Puccini: La Bohème - Star-Theater in Köln die Dritte

      Seit Ende Oktober war Willy Deckers etwa 10 Jahre alte Bohème wieder auf dem Spielplan. Für die letzte Aufführung am 08.01.2010 war als Stargast Anja Harteros verpflichtet worden, zuletzt gefeierte Elsa im Münchner Lohengrin.

      Deckers ausgefeilte Personenregie, die dem Stück viel von seiner Lamoryanz und Rührseligkeit ausgetrieben hatte, war bei der Wiederaufnahme weitgehend auf der Strecke geblieben (Mimi durfte sogar auf der Couch sterben und mußte sich nicht mit dem Rücken zum Publikum auf ein einsames Stühlchen vor das bühnenbildbestimmende Karussel setzen). Das zweite Bild "saß" noch ordentlich (wie auch der Chor!); der Rest war nur noch eine 'runtergenudelte Schmonzette in stimmungsvollem Bühnenbild. :shake: (N.B.: Keine guten Aussichten für die kommende Wiederaufnahme von Robert Carsens phantastischer Macbeth-Inszenierung!) Das wurde leider auch nicht viel besser durch das wenig einfühlsame, lärmige Dirigat von Alexander Joel. Ein bißchen mehr Eingehen auf die einzelnen Sänger wäre doch angebracht gewesen, insbesondere wenn als Rodolfo ein Einspringer auf der Bühnen steht, der abschnittsweise merklich Probleme hat, sich in die Inszenierung einzufinden. Ob es seitens des Besetzungsbüros eine gute Idee ist, für 7 Vorstellungen 3 Mimis und 4 Rodolfos einzusetzen, ist eine Frage, die wiederum auf einem anderen Blatt steht.

      Den Rodolfo sang Massimo Giordano (für den erkrankten, aber auch nur für diese eine Vorstellung geplanten Roberto Aronica). Der Sänger hat häufig Mühe mit der Vollhöhe, Spitzentöne springt er gerne mit einer Art Acciacatura (tiefere Vorhaltnote) an; allerdings wippt er nicht wie von einem Sprungbrett in die Höhe, sondern hat Mühe, von da unten wegzukommen ;+). Wenn er erstmal oben ist, sitzen die hohen Töne allerdings. Das kann man von seiner Mittellage so nicht behaupten, da gab es viele Intonationsprobleme. Äußerlich ist der noch junge Sänger ein idealer Rodolfo, dem eine bessere Einarbeitung in die Inszenierung zu wünschen gewesen wäre.

      Letzteres gilt auch für den Stargast des Abends, der die Mimi doch ziemlich 08/15-mäßig spielte. (Und angesichts der Ein-Abend-Verpflichtung und schlechter Einstudierung wohl auch spielen mußte; welch ein Unterschied zu Nina Stemme vor 10 Jahren!) Sängerisch allerdings gab es an Anja Harteros' Auftritt aber auch gar nichts zu bemängeln. Eine klangschöne, weiche, nicht unbedingt voluminöse, aber dennoch jederzeit und auch im Piano mühelos über das (oft überlaute) Orchester kommende Stimme, die in der Höhe nie scharf wird und in der tiefen Lage im forte nicht "brustig" wird - sie klingt mir da manchmal eher wie ein Alt als wie ein Sopran; die Übergänge der Register sind allerdings gut verblendet. Auch als Sänger-Darstellerin stehen ihr viele Nuancen zur Verfügung - eine beeindruckende Leistung!

      Dem stehen die hauseigenen Sänger des zweiten Paares allerdings kein bißchen nach! Insbesondere Claudia Rohrbach singt und spielt eine Musetta, wie ich sie mir besser nicht vorstellen kann. Wie Puccini das zweite Bild ganz auf Musetta und "ihr" Thema ("Quando m'en vol") zuschneidet, das macht sie geradezu physisch deutlich. Und das Lola-Kostüm à la "Blauer Engel" im zweiten Bild steht ihr ebenso perfekt wie sie im Pelzmantel des vierten Bildes verloren und einsam Mimis Sterben nicht begreifen kann. Dabei singt sie - wohl am Rande des für sie möglichen Repertoires als lyrischer Koloratursopran (ursprünglich eigentliche eine Soubrette) auf höchstem Niveau und, wie die berühmtere Kollegin, ohne Probleme mit dem oft überlauten Orchester. :klatsch: :klatsch: :klatsch: . Zugegeben - ganz unvoreingenommen bin ich bei dieser Sängerin inzwischen nicht mehr; ich habe sie in zahllosen Aufführungen erlebt, und sie war immer mindestens gut und nicht selten überragend.

      Dem steht Miljenko Turk als Marcello nicht viel nach, dessen Spielfreude allerdings die genauere Regie der ursprünglichen Produktion benötigt hätte. So weicht er öfters mal auf leere, "opernhafte" Gesten aus. Seiner exzellenten Gesangsleistung tut das keinen Abbruch; er ist mE Erachtens sogar bemüht, im Duett den Tenor nicht an die Wand zu singen ;+) . Thomas Laske (Schaunard) und Nikolai Didenko (Colline; schöne Mantelarie!) ergänzen das Ensemble mit ebenfalls sehr ansprechenden Leistungen.

      Ein großer Sängerabend in einer traurig heruntergekommenen Inszenierung. Standing ovations im vollbesetzten Kölner Haus!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • PUCCINI: La Bohème (Komische Oper Berlin, 26.12.2009)

      Musikalische Leitung ... Carl St. Clair
      Inszenierung ... Andreas Homoki

      Mimi ... Brigitte Geller
      Musette ... Julia Giebel
      Rodolphe ... Timothy Richards
      Marcel ... Tom Erik Lie
      Schaunard ... Günter Papendell
      Colline ... Dimitry Ivashchenko

      Premiere dieser Inszenierung war im April 2008, laut Beipackzettel handelte es sich an diesem Abend um die 39. Vorstellung. Nicht mehr ganz frisch also.

      Einheitsbühnenbild: Ein Innenhof, in dem im ersten Bild die 4 Bohèmiens gut gelaunt ihr Künstlersein und sich selbst darstellen. Der Chor ist in der Szene als Zuschauermenge auf der Bühne – kann man wohl so interpretieren, dass die 4 ihr Künstlerdasein inklusive Armut quasi als Performance vor Publikum geben. Selbstinszenierung als das, was das kleinbürgerliche Publikum von einem Künstler erwartet. Die Musik passt zu dieser Umdeutung erstaunlich gut. Im letzten Bild sind die Jungs dann auch arriviert und wohlhabend: Rodolphe hat offenbar mit einem Roman „Mimi“ gutes Geld verdient und wird von Autogrammjägerinnen verfolgt, den anderen geht es auch nicht schlecht. Colline verkauft auch nicht einfach seinen Mantel, sondern versteigert ihn meistbietend unter den Fans. Mimi und Musette hingegen sind tatsächlich arm und bleiben es, sie sind beim sozialen Aufstieg der Männer auf der Strecke geblieben. Die Geschichte der Paare zwischen diesen beiden Bildern wird im wesentlichen am Text entlang inszeniert, ohne dass das Anliegen der Inszenierung auf der Bühne wirklich deutlich wird. Laut Programm will Homoki zum Beispiel erzählen, dass der Konflikt Rodolphe-Mimi vor allem darin besteht, dass er ihre Krankheit nicht ertragen kann. Auf der Bühne habe ich davon nichts gesehen.

      Zum Momus-Bild ist in dem Innenhof ein riesiger Weihnachtsbaum aufgebaut und geschmückt worden. Parpignol ist ein in Coca-Cola-Farben verkleideter Weihnachtsmann, der von den Kindern verfolgt und mehr oder weniger misshandelt wird. Am Ende des Bildes steht der ganze Chor frontal zum Publikum, hektisch Geschenkpakete aufreißend. Als Kritik an der Konsumgesellschaft wirkt das ein wenig aufgesetzt.

      Die Inszenierung also etwas durchwachsen, aber in Ordnung. Sängerisch eine wirklich gute Ensembleleistung, auch haben alle engagiert gespielt. Sehr gut aufgelegt der Chor der Komischen Oper. Allein dem Orchester merkte man gelegentlich an, dass es sich um die 39. Vorstellung handelte. Da wackelte schon mal der ein oder andere Einsatz, und die Klangbalance wirkt hier und da etwas merkwürdig.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Rossini: Der Barbier von Sevilla (Landestheater Detmold, 13. Januar 2010)

      Am Mittwoch gastierte das Landestheater Detmold mit Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ hier in Paderborn. Die Detmolder spielen hier regelmäßig und ich bin immer wieder begeistert, was für großartige Produktionen dieses kleine Haus auf die Bühne bringt, der „Barbier“ bestätigte aber leider viele der Vorurteile, die man gegen die so genannten Provinztheater haben kann. Die Aufführung vermochte mich nur zum Teil zu überzeugen – und begeistern konnte sie mich gar nicht.

      Besonders wichtig sind ja gerade bei Belcanto-Opern die Sänger, und da haperte es dieses Mal doch merklich. Das gilt allerdings nicht für das junge Liebespaar. Anna Alás i Jové war die Rosina, eine ganz junge Sängerin, die vom Opernstudio der Nürnberger Oper als Gast für diese Produktion engagiert worden war und sich als formidable Belcanto- Entdeckung präsentierte. Die Stimme ist ein voller runder Mezzosopran mit sehr guter Tiefe und sicheren Spitzentönen, die Koloraturen, die Sprünge und Rouladen perlten der Sängerin aus der Kehle, dass es eine helle Freude war. Nur wenig nach stand Rosina ihr Almaviva, der in dieser Aufführung vom jungen Spanier Joan Ribalta verkörpert wurde. Ribalta verfügt über einen leichten, hellen Tenor mit auffallend schönem Timbre. In den Koloraturpassagen war er sicher, wenn auch nicht brillant. Seine besten Momente hatte er, wenn er seine schöne Stimme einfach strömen lassen konnte; Almavivas Cavatine „Se il mio nome“ empfand ich als wirklich berührend und gelungen. Die Reaktionen im Publikum waren recht gespalten. Einige fanden, wie ich es hier beschrieben habe, Ribalta tadellos oder sogar wirklich gut, ich hörte aber auch immer wieder Bemerkungen wie „Schwacher Tenor!“. Ich hatte den Eindruck, dass viele Zuhörer lieber einen Tenor mit mehr Kraft und Volumen gehört hätten.
      Kraft und Volumen war auch das große Problem von Roelof Nijkamp, der als Don Basilio für den Detmolder Hausbass und Publikumsliebling Vladimir Miakotine einsprang. Nijkamp, erster Bassist am Nordharzer Städtebundtheater in Quedlinburg, hat eine durchaus schön timbrierte Bassstimme, die er auch technisch und musikalisch sicher zu führen versteht. Das Volumen ist aber so klein, die Stimme von einer so hellen Klangfarbe, dass die Wirkung der Auftritte Basilios völlig verpuffte. Wenn im Quintett im zweiten Akt Don Basilio durch die Hintertür wieder kommt und sein „Buona sera, ben di core“ schmettert, wenn er das „Brüllen der Kanonen“ beschwört, dann wirkt diese Musik auf mich erst richtig, wenn der Sänger das mit schwarzem Bass und dröhnender Stimme auch wirklich verkörpern kann. In der Verleumdungsarie, die ja nun von der Steigerung in Musik und Text lebt, begann Nijkamp leise und vorsichtig – und bleib die ganze Arie über leise und vorsichtig, keine Spur von Crescendo. Das kam dann immer deutlicher aus dem Orchestergraben, so dass der Sänger etwa bei der Hälfte der Arie schon in den Klangwogen der Blechbläser förmlich ertrank. Die Wirkung dieser wunderbaren Arie war verschenkt.
      Die Titelrolle des Figaro sang Kyung-Won Yu, der einzige unter den Hauptdarstellern, der in Detmold zum festen Ensemble gehört (er ist dort Mitglied des Opernstudios). Auch Yus Leistung war eher durchwachsen. Er verfügt über einen immer etwas ungefüge wirkenden Bariton von gutem Volumen und ausgeprägt „bassigem“ Timbre. So lange er nicht viele Noten in kurzer Zeit zu singen hatte ging alles gut, wenn aber, wie in der berühmten Auftrittsarie oder im Finale des ersten Aktes („guarda Don Bartolo, come uns statua…“), stimmliche Wendigkeit und Beweglichkeit gefordert waren, wurde es kritisch. Ich bin der Meinung, man hat Yu hier einfach eine völlig falsche Rolle anvertraut, die Stimme hat nicht die Agilität, die Leichtigkeit für den Figaro. Sie spricht nicht schnell genug an, die Koloraturen waren allenfalls buchstabiert. Yu kam hier stimmlich nicht über eine solide Leistung hinaus, bemühte sich aber wenigstens darstellerisch um die Wendigkeit und Agilität, die seiner Stimme fehlte.
      Doktor Bartolo war Matthias Klein, er war eingesprungen für den wunderbaren Joachim Goltz, der das Detmolder Opernhaus überraschend verlassen hat, um nach Würzburg zu wechseln. Klein hatte den Bartolo im Sommer bereits bei den Eutiner Festspielen gesungen. Seine Stimme klingt höher und jünger, als man es in dieser Rolle gewöhnt ist. Alles in allem war Klein tadellos, er war den schwierigen Parlando- Passagen gewachsen, fügte sich gut in die Ensembles ein, eine besondere eigene Farbe brachte er aber in die Aufführung nicht ein.
      Ein wirkliches Kabinettstückchen hingegen gelang Esther Mertel als Marzelline. Die Haushälterin hat außer ihrer Arie im zweiten Akt ja eigentlich nichts zu singen, diese Arie nutzte Mertel aber zu einer erstaunlichen Talentprobe. In zügigem Tempo, mit eingestreuten Spitzentönen und leichtfüßigen Verzierungen wurde diese Arie für mich einer der Höhepunkte der Aufführung (die, zugegeben, ansonsten an Höhepunkten nun auch nicht besonders reich war).

      Das Orchester des Landestheaters Detmold spielte unter Leitung des Ersten Kapellmeisters des Hauses, Jörg Pietschmann, der einen sehr „deutschen Rossini“ dirigierte, ohne Rubati exakt durchgeschlagen, deutliche Betonungen, sehr dominierendes Blech, alles in allem etwas martialisch. Diese „technische“ Interpretationsweise war allerdings gut auf die Inszenierung abgestimmt (dazu gleich mehr). Gut gefallen haben mir die raschen Tempi in vielen der Arien und Ensembles. Das Orchester selbst spielte natürlich tadellos professionell, aber ohne rechtes Gespür für Rossinis spezifische Musiksprache.

      Für Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme zeichnete Hinrich Horstkotte verantwortlich. Horstkotte hatte sich sichtlich Gedanken gemacht, ihm war auch etwas eingefallen, nur mit der Umsetzung haperte es offenbar immer wieder.
      Horstkotte hatte festgestellt, dass, vor allem im ersten Finale, Anspielungen auf die Schrecken der Industrialisierung zu entdecken sind. Die Menschen leiden unter dem Hämmern der Maschinen, unter der Unpersönlichkeit einer industrialisierten Gesellschaft und Rossinis Musik hat ja auch durchaus immer wieder etwas Mechanisches. Es hing also, als Ausrufezeichen, dass der Regisseur genau diese Anspielungen entdeckt hatte, die ganze Aufführung über ein mittelgroßes Zahnrad über der Bühne, das sich in der Stretta des ersten Finales drehen durfte, ansonsten aber einfach nur irritierend dumm in der Gegend herum hing. Der in dieser Szene auftretende Offizier hatte dann auch noch einen Griff zum Aufziehen an seiner Rückseite, die Wachen waren also offenbar mechanische Spielzeugsoldaten.
      Horstkotte hatte festgestellt, dass Rossinis Buffa von der Commedia dell´ arte herkommt. Also trug Figaro ein Harlekinskostüm. In den Kostümen der anderen Akteure waren allenfalls unauffällige Andeutungen auf die Commedia dell´arte zu entdecken, das eine Harlekinskostüm stand also auch etwas isoliert. Die Inszenierung behauptete mehr, als sie wirklich hielt.
      Gesungen wurde die alte Übersetzung von Otto Neitzel, die durch einige moderne Elemente aufgepeppt wurde. So wurde bei Basilio nicht mehr der Scharlach, sondern die Schweinegrippe diagnostiziert, und als es im ersten Finale klopfte und die Ordnungsmacht Einlass begehrte, sahen sich alle Figuren betroffen an und sangen: „Die Wa-che! Oh Schei-ße!“.
      Letztendlich hatte Horstkotte das Stück zu einer Slapstick –Komödie gemacht, die nichts und niemanden ernst nahm. Es standen keine Charaktere auf der Bühne, sondern Typen, Karikaturen, die sich auch so bewegten und benahmen. Kein Gag wurde ausgelassen, im Gegenteil, es wurden noch neue hinzuerfunden. Das Niveau stand dabei dem der populären Comedy-Sendungen von RTL und Sat1 nur wenig nach.
      Natürlich gab es auch einige wirklich gelungene Regieideen (so zum Beispiel das variable Bühnenbild oder die Bänder, mit denen Rosina und Almaviva im Terzett des zweiten Aktes traumselig spielten), aber im ganzen wurde die Inszenierung dem Stück dann doch kaum gerecht. Horstkotte entfesselte eine Maschinerie des kontrollierten Blödsinns, ein absurdes Theater des schieren Slapsticks, bei dem Rossini, Sterbini und Beaurmarchais heillos unter die Räder gerieten.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • WAGNER: Tannhäuser (Bayerische Staatsoper München, 16.1.2010)

      Musikalische Leitung: Kent Nagano
      Nach einer Inszenierung von David Alden

      Hermann: Matti Salminen
      Tannhäuser: John Treleaven
      Wolfram von Eschenbach: Michael Volle
      Elisabeth: Petra-Maria Schnitzer
      Venus: Waltraud Meier


      Zwei Tage vor der Aufführung konnte ich dann doch noch ein Ticket erhaschen. David Aldens Inszenierung im Bühnenbild von Roni Toren stammt aus dem Jahr 1994 und wurde seinerzeit von Zubin Mehta dirigiert (gibt's auch auf DVD) - was damals zur Verpflichtung des Dirigenten als GMD an der BSO führte. Gespielt wird (zum Glück) die Pariser Fassung. Die Inszenierung kann man sich durchaus auch heute noch anschauen: Das Bacchanal als Traumszene, in der fast das gesamte Inventar der Inszenierung auf Tannhäuser einstürzt; der zweite Akt als leicht parodistisches Spektakel mit Germania-Nostra-Schriftzug im Hintergrund; der dritte Akt als Endspiel in der zerstörten klassizistischen Einheitskulisse. Keine Ahnung, ob die Personenregie noch sehr viel mit Alden zu tun hatte - es wirkte aber gut neu einstudiert.

      Ouvertüre und insb. Bacchanal wurden von Kent Nagano sehr kontrolliert angegangen, vielleicht etwas zu sehr: die dynamischen Höhepunkte waren für meinen Geschmack unterspielt. Überhaupt wollte im ersten Akt der Funke nicht richtig überspringen (um mal Melanie zu zitieren - die samt Michel erfreulicherweise ebenfalls anwesend war). Sehr schön und farbenreich aber die leiseren und langsamen Teile der Venusberg-Musik. Im zweiten und vor allem im dritten Akt liefen Nagano und das Staatsorchester zu gewohnt großer Form auf: in der sensibel begleiteten Elisabeth-Szene Anfang des zweiten Akts, im souveränen, nicht aufgedonnerten Einzug der Gäste, beim fantastischen Vorspiel zum dritten Akt. Wunderbare Holzbläser zu Elisabeths Gebet. Und dann die (nicht ganz partiturgerecht) wie aus dem Nichts kommenden gestopften Hörner zu Tannhäusers Romerzählung!

      Der Chor sang tadellos, bei den Sängern war das ganze Qualitätsspektrum vertreten: Michael Volle ist auf dem Zenit seines Könnens und verdient es, an erster Stelle genannt zu werden - schon allein wegen des mit großer Legato-Kultur und ganz verinnerlicht gesungenen Lieds an den Abendstern. Ob das Christian Gerhaher, der die Partie im Sommer übernehmen wird, noch toppen kann? Sehr positiv überrascht war ich von Petra Maria Schnitzer: sehr empfindsam charakterisierend und dynamisierend, ganz frei in der Höhe und - wie Volle - sehr textverständlich. An Waltraud Meier gab es wenig auszusetzen, außer dass ihr (erstaunlicherweise) die Tiefe Probleme bereitete. Im Vergleich aber zu ihrer immer noch fantastischen Isolde, die ich vor anderthalb Jahren gehört habe, etwas gebremst. Vielleicht eine Frage der Tagesform. Ganz schlimm Matti Salminen: In der wahrlich nicht übermäßig anspruchsvollen Partie des Landgrafs wirkte er völlig ausgesungen, die Stimme klang hohl und grau. Größere Intervallsprünge landeten selten auf der richtigen Tonhöhe. Indisponiert? Oder im Spätherbst seiner Karriere?

      Und dann der Titelheld: John Treleaven. In den ersten beiden Akten zog er die ganze Aufführung stark runter - rhythmisch allzu frei, mit angestrengtem, gepresstem Timre und schlimm wegbrechender Höhe. Dann, schon häufig bemerkt und auch von mir schon im Tristan erlebt: Treleaven, der Mann des dritten Akts. In der Romerzählung klang seine Stimme plötzlich frei, mit Reserven und beeindruckenden Ausbrüchen, ohne die Gesangslinie allzusehr zu verlassen. Selbst seine (insgesamt ordentliche) deutsche Diktion schien hier besser zu sein. Seltsam. Reichte aber nicht aus, um das Publikum umzustimmen: es buhte Treleaven gnadenlos aus, er ertrug es mit zusammengebissenen Zähnen und gespielter Gelassenheit. Salminen war übrigens nach dem zweiten Akt bejubelt worden. Ansonsten großer Beifall, abnehmend in der Reihenfolge Volle-Schnitzer-Nagano-Meier (erstaunlich, denn letztere ist eine Ikone des Münchner Publikums).

      Vor allem der großartige dritte Akt entschädigte für manches Vorhergehende. Falls Peter Seiffert, der im Juli die Titelpartie übernimmt, seine bekannten darstellerischen Schwächen nicht allzu sehr raushängen lässt, könnten das richtig gute Aufführungen werden.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • VERDI: Un Ballo in Maschera (Mainfrankentheater Würzburg 13.01.2010)

      Sanja Anastasia (Ulrica), Beal (Armfelt), Bric (Ribbing), Anja Eichhorn (Amelia), Joachim Goltz (Anckarström), Anja Gutgesell (Oscar), Johan Kirsten (Horn), Niclas Oettermann (Gustavo)
      Dir. Jonathan Seers
      Regie Georg Rootering

      Schönes Bühnenbild, schlichte Ästhetik ganz in Weiß. Zwei Gänge teilen die Drehbühne kreuzförmig, das filigrane Wandgerüst ist mit Gaze bespannt. Assoziation an Zimmerfluchten eines Palastes.
      Gustavo - weißes Kostüm - sitzt während der Ouvertüre in Betrachtung eines Modells - eines Palastes oder der von ihm errichteten Oper? - versunken, mit etwas gespreizter barocker Gestik.
      Die Beleuchtung ist fast immer gleichbleibend weiß, bei Ulrica wird's ein bißchen blaugrün. Im Moment des historisch korrekten aber nicht librettogemäßen Schusses wird alles rot angestrahlt. Plumper geht's nicht mehr.
      Die Reduziertheit des Bühnenbildes hätte Raum für viele Assoziationen geboten, leider hat der Regisseur die Möglichkeiten nicht ausgenutzt. Schade drum.
      Sehr ärgerlich: in den Übertiteln wurde nicht einmal die Hälfte des Textes angezeigt. So war's streckenweise langweilig und ich habe den historischen Gustav nicht aus dem Kopf bekommen. Wieso hängen bei einem Herrscher, der die Todesstrafe ablehnte, so viele Leichen am Galgenberg bzw. in den Gängen? Vielleicht aus Gründen der Symmetrie?
      Die Drehbühne ist ständig in Bewegung - warum?? Bei aufkommender Übelkeit konnt ich nicht mehr hinsehen und rettete mich in den Genuss guter Stimmen.
      Orchester sehr gut, hätte aber mit ein bisschen mehr Verve spielen können.
      Chor war exakt und ausdrucksstark.
      Den Namen des Christian habe ich nicht notiert, ein ganz junger Sänger mit sehr schönem Tenor.
      Anja Eichhorn war als indisponiert angekündigt, ihre Stimme aber trotz Erkältung sehr voluminös. In dieser Rolle wirkte es sehr gut, dass ihre sonst sehr durchschlagskräftige Stimme etwas sanfter klang.
      Anja Gutgesell einfach Spitze, ganz locker, leicht und klar. Sanja Anastasia mit finsterstem Alt.
      Die Verschwörer wunderbar dunkel volltönend. Ebenso Joachim Goltz als Anckarström, der außerdem eine in jeder Situation voll überzeugende schauspielerische Leistung bot.
      Niclas Oettermann. Seine Stimme ist ein Genuss. Atlasseide. Es fällt mir schwer das zu beschreiben, er hat eine Stimme, die viel eher zu "1792" passt als zur Entstehungszeit der Oper mit dem gewohnten Verdi-Tenor-Geschmetter. Hell und weich wie Satin, dabei immer voll und klar, und er hat nie forciert.
      Die Sänger sind eine Reise nach Würzburg wert.
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337