Das Capriccio Operntelegramm für die Saison 2009/2010

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    • RE: WAGNER: Tannhäuser (Bayerische Staatsoper München, 16.1.2010)

      Lieber Bernd

      Dem ist wenig hinzuzufügen. Du hast nach der Vorstellung ja erwähnt, dass Dir einige Buh-Rufer direkt im Nacken saßen ( :troest: ) - von unseren Plätzen waren die Buhs zwar deutlich vernehmbar, aber nicht alles übertönend. Wie sich das von der Bühne aus anhörte, weiß man nicht. Michael Volle nahm jedenfalls die Buhs für seinen Kollegen mit erkennbarem Missfallen auf. Umgekehrt klang für uns der Beifall für Meier doch ganz ordentlich - ich habe für das Klatschometer die Reihenfolge Volle-Nagano-Meier-Schnitzer in Erinnerung ;+) .

      Ganz fantastisch fand auch ich den dritten Akt. Nagano und das Orchester entfalteten vom Vorspiel über den Pilgerzug und das Gebet der Elisabeth bis zur Romerzählung und besonders auch dem Abendsternlied eine wahre Klangmagie.

      Von der Inszenierung kann man sich übrigens derzeit günstig einen Eindruck verschaffen:



      Auf der DVD dürfte man dann allerdings einige Requisiten vom vergangenen Samstag vermissen: Salminens Stock und der für ihn bereitgestellte Stuhl sind wohl einem Rückleiden zuzuschreiben und kein Teil des Regiekonzepts. Jedenfalls hatte er im Don Carlos am nächsten Tag den gleichen Stock, und ebenfalls meistens eine Sitzgelegenheit in der Nähe.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Tannhäuser in München

      Liebe Münchener Tannhäuser-Besucher,

      ich habe diese Tannhäuser-Inszenierung 2004 im Rahmen der sommerlichen Opernfestspiele in München besucht, und war seinerzeit weniger angetan. Grob aus dem Gedächtnis gekramt: die Inszenierung von Alden war keine Katastrophe, aber auch nicht gerade pfiffig oder inspiriert. Die Idee mit dem Germania-Schriftzug fand ich unorganisch aufgesetzt, manche Einfälle der ansonsten soliden Personenregie etwas lächerlich (Wolfram setzte nach seiner Romanze im 3. Akt die Brille ab, um sich ein paar Tränen aus den Augen zu wischen - war das immer noch drin, oder hatte irgendein Regieassistent für die Wiederaufnahme ein Einsehen?). Sängerische Lesitungen sind mir nicht besonders haften geblieben (dafür müßte ich allerdings evtl. zur Auffrischung meine Unterlagen durchwühlen), dem Orchester (es dirigierte an dem Abend kein "Star", Name müßte ich ebenfalls nachschlagen) und teilweise auch dem Chor hätte man an manchen Stellen gerne erklärt, daß das längliche Ding in den Händen des Dirigenten ein Taktstock ist, denn die reicherten Wagners Partitur stellenweise um einige mikrorhythmische Verschiebungen an. Insgesamt kein totales Desaster, aber auch nicht überwältigend. Wir hatten lediglich Stehplatzkarten, aber wenn ich dafür die teuren Tickets für gute Plätze bezahlt hätte, hätte ich hinterher wahrscheinlich einige Bierchen zum Abregen mehr gebraucht - noch zumal ich von einem Orchester dieser Güteklasse etwas mehr Konzentration erwartet hätte.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • RE: RE: WAGNER: Tannhäuser (Bayerische Staatsoper München, 16.1.2010)

      Le Merle Bleu schrieb:

      Lieber Bernd

      Dem ist wenig hinzuzufügen. Du hast nach der Vorstellung ja erwähnt, dass Dir einige Buh-Rufer direkt im Nacken saßen ( :troest: ) - von unseren Plätzen waren die Buhs zwar deutlich vernehmbar, aber nicht alles übertönend. Wie sich das von der Bühne aus anhörte, weiß man nicht. Michael Volle nahm jedenfalls die Buhs für seinen Kollegen mit erkennbarem Missfallen auf. Umgekehrt klang für uns der Beifall für Meier doch ganz ordentlich - ich habe für das Klatschometer die Reihenfolge Volle-Nagano-Meier-Schnitzer in Erinnerung ;+) .

      Ganz fantastisch fand auch ich den dritten Akt. Nagano und das Orchester entfalteten vom Vorspiel über den Pilgerzug und das Gebet der Elisabeth bis zur Romerzählung und besonders auch dem Abendsternlied eine wahre Klangmagie.

      Eine Freundin hat mir ganz ähnliche Eindrücke geschildert, auch vom Missfallen der Sänger über das Verhalten der Buher und einer Steigerung im dritten Akt. Sie war über das Buh - Geschrei ziemlich entsetzt und fand es ungehörig gegenüber dem Sänger (finde ich auch, zumal er sich ja gesteigert hat und daher anzunehmen war, dass aus irgendwelchen Gründen Startprobleme hatte; ist nun mal keine Maschine)

      LG
      :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Lieber Symbol,

      nein, sonderlich aufregend oder konzeptuell überzeugend ist diese Inszenierung sicher nicht (mehr). Allerdings war sie auch 2004 schon zehn Jahre alt, da bleibt einfach nicht viel übrig im Repertoirebetrieb. Vielleicht schaff ich mir mal die DVD der Premierenserie an, trotz Kollo...

      Ich hab's im Vorstellungsarchiv nachgeschaut: Du hattest 2004 das Pech, Jun "Repertoire" Märkl als Dirigent zu erleben, der in der Ära Peter Jonas in München leider recht oft dirigiert hat und immer für den ein oder anderen Schmiss gut war. Sonstige Besetzung: Stig Andersen als Tannhäuser, Simon Keenlyside als Wolfram, Emily Magee als Elisabeth, Nadja Michael als Venus.

      Bei den Festspielen muss man eh aufpassen, da ist aufgrund der dichten Abfolge der verschiedenen Vorstellungen wenig Zeit zum Proben.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Lieber Symbol,

      nein, sonderlich aufregend oder konzeptuell überzeugend ist diese Inszenierung sicher nicht (mehr). Allerdings war sie auch 2004 schon zehn Jahre alt, da bleibt einfach nicht viel übrig im Repertoirebetrieb. Vielleicht schaff ich mir mal die DVD der Premierenserie an, trotz Kollo...

      Ich hab's im Vorstellungsarchiv nachgeschaut: Du hattest 2004 das Pech, Jun "Repertoire" Märkl als Dirigent zu erleben, der in der Ära Peter Jonas in München leider recht oft dirigiert hat und immer für den ein oder anderen Schmiss gut war. Sonstige Besetzung: Stig Andersen als Tannhäuser, Simon Keenlyside als Wolfram, Emily Magee als Elisabeth, Nadja Michael als Venus.

      Bei den Festspielen muss man eh aufpassen, da ist aufgrund der dichten Abfolge der verschiedenen Vorstellungen wenig Zeit zum Proben.


      Viele Grüße

      Bernd

      Lieber Bernd,

      vielen Dank, daß Du mir kleinem Faulpelz auf die Sprünge geholfen hast! Beim Namen Jun Märkl klingelt es in der Tat - wenn wir annehmen, daß er beim Orchester wenig Autorität genossen haben mag, so würde das Einiges erklären, wenn auch nicht entschuldigen. Wo Du Keenlyside nennst, erinnere ich mich auch wieder, daß wir ihn sängerisch ganz gut fanden, die anderen Protagonisten aber haben merkwürdig wenig Eindruck bei mir hinterlassen.

      Merci!

      LG :wink:
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    • Wiener Volksoper - SOUTH PACIFIC (konzertant)

      Endlich können auch kritische Geister über eine Produktion der Volksoper (beinahe) uneingeschränkt jubeln. „South Pacific“ des Duos Richard Rodgers (Musik) und Oscar Hammerstein II (Text) – an drei Abenden konzertant geplant, halbszenisch aufgeführt und um einen vierten Abend ergänzt – hat sich als echter Publikumshit erwiesen. Ich war in drei der vier Aufführungen.

      Uraufgeführt 1949 (in der Volksoper wird die für die Carnegie Hall 2005 von David Ives erarbeitete Version gespielt), spielt „South Pacific“ am Rande der Kriegshandlungen zwischen Japan und den USA im 2.Weltkrieg und spiegelt gleichzeitig die Rassenproblematik innerhalb der amerikanischen Gesellschaft wider. Der Leutnant Joseph Cable ist nicht in der Lage, die Tochter der Einheimischen Bloody Mary zu heiraten; die kleinstädtische und kleinbürgerliche Nellie Forbush kommt mit der Situation nicht zurecht, dass Emil de Becque zwei Kinder von einer (vor Jahren verstorbenen) Polynesierin hat. Themen, die, wenn auch zeitversetzt, an Aktualität bis heute nichts verloren haben. Der Gefahr, diese Aktualität szenisch zu überzeichnen, ist die Volksoper durch eine sparsame semiszenische Aufführung entkommen und auch Palmenkitsch und falschen Südseezauber sucht man (zum Glück) vergeblich). Der Chor sitzt hinter dem Orchester im Bühnenhintergrund und mischt gelegentlich szenisch mit. Die Solisten sitzen vor dem Orchester, zu ihren Auftritten stehen sie auf und gehen an den Bühnenrand und mimen mit sparsamer Gestik. Das Publikum kann sich somit auf die Hauptsache – das Stück – konzentrieren. Gesungen wird übrigens – eine Seltenheit in der VOP – in der Originalsprache.

      Die in der Uraufführung von Ezio Pinza verkörperte Partie des Emil de Becque singt mit unglaublichem Stilgefühl Ferruccio Furlanetto, für den diese Produktion auch angesetzt worden ist. Seinem samtweichen Timbre könnte stundenlang verzückt lauschen. Die ihm als Nellie Forbush zur Seite stehende Sandra Pires, Popsternchen im Hauptberuf und in der Volksoper schon in „Sound of Music“ aufgetreten, hat es bei diesem Partner natürlich nicht leicht (und noch weniger leicht haben es die Tontechniker), schlägt sich aber nicht zuletzt dank der Mikros tapfer. Marjana Lipovsek ist eine hinreißende Bloody Mary und singt mit sagenhaftem Slang; Stephen Chaundy hat zwar leichte Stimmprobleme, bleibt in der Interpretation des Joseph Cable durchaus achtbar. Christoph Wagner-Trenkwitz, im Hauptberuf Chefdramaturg des Hauses, spielt und singt (!) in überraschender Qualität den Luther Billis – im Baströckchen und mit Kokosnuss-BH an jedem Abend Lachstürme provozierend. Auch die übrigen Solisten – Sophia Gorgi (Liat), Veron J.Rosen (Captain Brackett), Rene Rumpold (Commander Harbison) und in kleineren Rollen Thomas Plüddemann, Frederick Greene, Heinz Fitzka, Andrew Johnson, Shelley Jankowitsch, Heike Dörfler) – und insbesondere die beiden Kinder Ciara Golino und Daniel Chambel Schneider) verdienen kollektives Lob und werden – wie überhaupt alle Mitwirkenden – verdient bejubelt.

      Sehr gut auch Chor und Orchester, denen diese Serie sichtlich und hörbar Vergnügen bereitete; David Levi am Dirigentenpult leitet aufmerksam.

      herzliche Morgengrüße von einem immer noch begeisterten

      Michael :juhu:
    • d'Albert: Der Golem. Oper Bonn, 24.01.10

      Da ich einen ausführlichen Bericht im Moment nicht hinkriege, hier ein paar Eindrücke:

      Daß Eugen d'Albert, bekannt durch seine Oper "Tiefland", insgesamt 21 Oper geschrieben hat, dürfte wenig bekannt sein. Sein spätes Opus (1926) über den Prager Rabbi Löw, der einen künstlichen Menschen erschafft, der ihm dann aus dem Ruder läuft (die Story ist vor allem durch Paul Wegeners expressionistische Stummfile bekannt), hat die Bonner Oper jetzt produziert. Das Bühnenbild stellt eine Kuppel nach Art des Römischen Pantheon dar, wirkt aber auch gleichzeitig wie ein Observatorium. Im Schlußakt baumeln dann nur noch Einzelteile von der Decke. Den Rabbi sieht die Regisseurin als eine Art größenwahnsinnigen Wissenschaftler (sowohl Golem als auch des Rabbis Stieftochter Lea tragen Züge von Frankensteins Monster/Braut), dessen Objekte allerdings andererseits als pervertierte, "echte" Menschen dargestellt sind. Das ganze wirkt auf mich öfters etwas bemüht und steif (Fotoeinblendungen von "uns allen", zuguckend; Einführung einer stummen Zusatzfigur), bleibt auf intellektueller Ebene im wesentlichen nachvollziehbar, rührt aber nicht wirklich an (Inszenierung: Andrea Schwalbach, Bühne: Anne Neuser, Kostüme: Stephan von Wedel). Das tut dafür die Musik, und zwar auf sehr unterschiedliche Weise. D'Albert hat offenbar alle möglichen Strömungen jener Zeit verarbeitet. Das reicht von einer Art "deutschem Verismo" (Stefan Blunier im Programmheft) über Spätromantisches und Expressionistisches bis an den Rand des Atonalen. Insbesondere erinnert die Diktion für die Gesangsstimmen immer wieder mal an Bergs "Wozzeck". Das alles wird vom Orchester der Beethovenhalle unter Bonns GMD Stefan Blunier wunderbar farbig und gleichzeitig durchsichtig präsentiert und macht die Aufführung unterm Strich doch recht spannend und kurzweilig (zwei dreiviertel Stunde inkl. Pause). Stellenweise (es gibt ein wundervolles Liebesduett für den Golem und Lea) hätte ich mir gewünscht, der Dirigent hätte vielleicht ein bißchen mehr auf die K**cke gehauen ;+) - er wollte wohl sichergehen, daß die Musik nicht ins Kitschige umkippt; das Problem gibt es ja bei Musik jener Zeit schon mal (mir fiel spontan "Die tote Stadt" ein). Hervorragenden Solisten, allen voran Ingeborg Greiner als Lea, aber auch Alfred Reiters Rabbi verdient Applaus, nicht weniger Tansel Akzeybek als sein Jünger und Mark Morouse in der Titelpartie. Sehr gut aufgestellt auch wieder der Chor unter Sibylle Wagner. Für Freunde der vielschichtigen Musik der Zwischenkriegszeit oder von etwas abseitigerem Repertoire unbedingt eine Empfehlung! Die Bonner Oper bleibt offenbar für hochinteressante Produktionen gut - letzte Saison gab es aus der selben Ecke Szymanowskis "Król Roger" (mein Bericht ist beim Serverabsturz verlorengegangen) schon eine ähnlich gut gelungene Aufführung. Vorstellungen vom Golem gibt es noch am 21. und 28.02., 12.03., 07.04. und 09.05.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Jean-Philippe Rameau - Les Paladins (Deutsche Oper am Rhein 07.02.2010)

      Lieber Forianer,

      ich möchte hier einmal ganz spontan eine Empfehlung aussprechen, auf zur Deutschen Oper am Rhein!
      Les Paladins von Jean-Philippe Rameau, es läut in Düsseldorf noch am 11. und 14.02., wird dann aber ab Ende April in Duisburg wiederaufgenommen.

      Es ist mein ganz persönliches Urteil, aber wer jemals den Gedanken hatte, dass Oper langweilig sei, der lasse sich in Düsseldorf eines Besseren belehren.

      Ich bin kein Spezialist und kann mich hier nicht fachkundig über diese Oper auslassen, ich persönlich mag sämtliche Opernstile von Monteverdi bis Wagner.
      Soweit mir erzählt wurde, war es eine szenische Erstaufführung in Deutschland, also wird es wohl insgesamt nicht viele Spezialisten für diese französische Barockoper hier geben.

      Anders J. Dahlin als Artis, ein tenor haute-contre, er sieht aus wie Kevin Bacon in jungen Jahren, bewegt sich auch so und singt seine Arien genauso als seien es Popschlager, in dieser Form habe ich es noch nie gehört. Ich bin sicher, wenn sie die letzte Arie als Video bei MTV einspielen würden, die Jugend wäre begeistert und niemand würde merken, dass es Opernmusik ist. Das mag auch mit seiner extrem leichten körperlosen Stimme zu tun haben, klingt gar nicht nach Oper und irgendwie doch wieder sehr.
      Die Argie von Anna Virovlansky, ich kenne sie als Ensemblemitglied bisher nur mit Arien aus Rigoletto, sie hat ihre Stimme für mein Empfinden wunderbar an die Anforderungen dieser Rolle angepasst, sie führt sie leicht, mit sehr zurückhaltendem Vibrato und mischt sich mit ihrer kristallklaren, aber insgesamt warm klingenden Stimme sehr gut mit dem hohen Tenor.
      Die tiefen Männerstimmen sind vielleicht noch ein bisschen zu jung, um die Rollen in der Tiefe immer ganz ausfüllen zu können, machen das mit Spielfreude aber doppelt wieder wett.
      Die französische Aussprache ist für französische Ohren sicher teilweise ein Graus, aber wen stört das, ist gibt ja Übertitelung.
      Dass es sich um eine Ballettoper mit einigem Handlungsleerlauf handelt, ist ebenfalls in keiner Weise zu merken, nicht nur dass das Spiel der Neuen Düsseldorfer Hofmusik alleine ausreicht, um jedes Instrumentalstück zu genießen, auch die Inszenierung bietet dem Zuschauer Wunderbares und zusätzlich als besonderes Highlight den Maler Helge Leiberg, der live im Zuschauerraum sitzend das Bühnenbild quasi in Echtzeit malt. Es ist etwas anderes als eine „normale“ Videoprojektion, er tanzt teilweise quasi mit dem Pinsel, übernimmt mit seinen Projektionen auch zum gewissen Teil die Beleuchtung – schwer zu beschreiben, sollte man sich unbedingt anschauen.
      Auch der Rest des Ensembles, die Tänzer, die Kostüme, alles sehr stimmungsvoll und in sich absolut rund.
      Ein interessanter sehr unterhaltsamer Abend, der auch von dem - leider nicht ausverkauftem -Haus mit riesigem Beifall bedacht wurde.

      Liebe Grüße
      Flosshilde
    • "Lucia di Lammermoor" - Bregenz, Festspielhaus, 12.Februar 2010

      Nein – Faschingsstimmung ist im Festspielhaus in Bregenz gestern am Abend ganz sicher nicht aufgekommen. Dazu wäre „Lucia di Lammermoor“ auch das denkbar ungeeignetste Stück. Und selbst die festliche Stimmung, die Premieren abseits der sich für einschlägige Medien zeigenden Schönen und Reichen zu Eigen ist, blieb nach der Pause den Besuchern im Halse stecken. Denn Regisseur Olivier Tambosi hat sich, sich auf den Text konzentrierend, den Inhalt des Librettos ernst genommen und für die letzte Szene eine Lösung konzipiert, die den Bogen zu den Worten des ersten Chores schließt und gleichzeitig befürchten lässt, dass er den Beifall von der falschen Seite ernten wird (das eine oder andere Gespräch am Rande der Premierenfeier schürt entsprechende Befürchtungen).

      Tambosi hat mit dieser „Lucia“ einmal mehr eine Oper aus der Historie geholt und in seiner Regie die zeitlose Gültigkeit mancher Themen unter Beweis gestellt. Da ist es dann vollkommen gleichgültig, ob in historisierenden Kostümen händeringend bloß schöne Töne produziert werden, oder ob in heutiger Kleidung ausdrucksstarkes Musiktheater geboten wird, dem ab und zu der Intensität zu Liebe der eine oder andere Ton leidet.. Da werden Bilder von höchster Intensität gezeichnet, die jedes für sich verstören und in Summe schlüssig sind, weil sie sich aus der bühnengerechten Umsetzung von tagtäglichen Zeitungs- oder Fernsehbildern ableiten. Etwa wenn gleich zu Beginn Lucia in Vorahnung der Zwangsehe im Hochzeitskleid entflieht, sich dieses vor dem teilgehobenen Vorhang auszieht und in Straßenkleidung und blutrote Stiefel wechselt und von drei Mädchen entdeckt wird, die mit eben dieser Hochzeitsgewandung, nur eben in Kindergröße, bekleidet sind – sind es Brautjungfern, sind es von Hochzeit träumende Kinder, sind es Bilder von Kinderhochzeiten ? Die Denkzellen sind aufgerufen. Die roten Stiefel finden Szenen später ihre Überhöhung im blutbesudelten Hochzeitskleid nach Lucia´s Mord an Arturo. Alisa wird dieses Kleid Lucia im zweiten Teil der Wahnsinnsarie, die hier an eine Schlafwandlerszene erinnert und Lucia bis ins Publikum führt, wie einen Spiegel vorhalten. Weil Lucia ihren Gatten getötet hat, muss den geltenden Moralbegriffen entsprechend auch sie sterben. Dass in dieser letzten Szene, die in ihrer Gestaltung unverzüglich Assoziationen an eine Gerichtsverhandlung erweckt, auf einer Leinwand die Schlagzeilen von religiösen Morden, begangen zur Reinwaschung der Familienehre, projiziert werden, darf allerdings hinterfragt werden. Hier droht der – von Olivier Tambosi nicht gewünschte – Applaus von rechts.

      Für dieses von der ersten Noten bis zum Schlussvorhang gültige Regiekonzept hat Bernhard Rehn ein einfaches, praktikables und aussagekräftiges Bühnenbild entworfen; die zeitlos aktuellen Kostüme sind von Inge Medert; für das stimmige Lichtkonzept ist Christian Steinschaden zuständig.

      Musiziert wurde in dieser Premiere zum Großteil auf hohem bis höchstem Niveau. Die Überraschung für mich war das Symphonieorchester Vorarlberg, das, hervorragend einstudiert vom musikalischen Studienleiter Riccardo Scillpoti, unter der Leitung von Dietfried Bernet musizierte, wie ich es mir von manch hauptberuflichem Opernorchester nur wünschen würde. Dass Bernet weiß, wie man Sänger trägt und ihnen bei heiklen Stellen hilft, konnte er einmal mehr unter Beweis stellen. Ausgezeichnet auch die Damen und Herren des Bregenzer Festspielchores (Leitung: Benjamin Lack), der erstmals in einer Produktion des Vorarlberger Landestheaters mitwirkte

      Mittelpunkt dieser insgesamt nur fünf Mal gezeigten Produktion ist die Lucia von Christiane Boesiger, die nach der Wahnsinnsarie minutenlang Ovationen über sich ergehen lassen durfte. Sie ist in dieser Inszenierung eine gehetzte und immer wieder (auch sexuell) gedemütigte Frau, der ihr Wille schließlich gebrochen wird, die in voller Verzweiflung den Ehevertrag mit dem ungeliebten Enrico unterschreibt und schließlich im Wahnsinn endet. Diesen vielschichtigen Charakter stellt Boesiger nicht nur als glaubwürdige, gebrochene Person auf die Bühne, sie unterstreicht die dramatische Entwicklung mit ihrer vielschichtigen Stimme. Lyrischen Momenten folgen dramatische Ausbrüche, gehauchte Piani ergänzen vollstes Volumen. Wunderbar im Ausdruck das Duett mit Edgardo, Frösteln erzeugend in der Dramatik der Wahnsinnsarie (an der Glasharmonika von Christa Schönfeldinger harmonisch unterstützt).

      Ihr ebenbürtig ist Allan Evans in der Partie des Raimondo, dem niemand im Publikum anmerken konnte, dass er an diesem Abend sein Rollendebut gab. Er, der jede Menge an Erfolgen im deutschen Fach vorweisen kann, singt ihn mit voller, wohltönender Stimme – ein erster Höhepunkt des Abends ist seine zweite Arie. Darstellerisch ist er in jeder seiner Szenen in höchstem Maße überzeugend, zwiespältig im Charakter, nahezu bühnenfüllend als Persönlichkeit. Neben diesen beiden überragenden Sängerpersönlichkeiten tun sich die übrigen Protagonisten nicht leicht. Boris Trajanov zeigt als Enrico einen schmierigen Charakter, zeigt sich aber gesanglich nicht nur von seiner besten Seite; Oscar Roa sollte den Edgardo nicht allzu oft singen; Alesja Miljutina gibt eine rollendeckende Alisa, Neal Banerjee einen ebensolchen Normanno. Eine Luxusbesetzung für Arturo ist Michael Nowak, dessen Entwicklung Musikfreunde beobachten sollten.

      Langer und berechtigter Jubel im Festspielhaus für eine Aufführung, die dank Regie, im Orchester und mit den Sängern von Lucia und Raimondo auch Festspielniveau hatte.



      Ich gehe morgen nocheinmal.

      Viele Grüße (diesmal aus Bregenz)

      Michael
    • John Adams, "Doctor Atomic" (Deutsche Erstaufführung) - Saarbrücken, Staatstheater, 13.2.2010

      Doctor Atomic

      Oper in zwei Akten,
      Text von Peter Sellars nach Originalquellen,
      Musik von John Adams


      Deutsche Erstaufführung im
      Saarländischen Staatsthater Saarbrücken


      Musikalische Leitung: Andreas Wolf
      Inszenierung: Immo Karaman
      Choreografie: Fabian Posca
      Bühnenbild: Johann Jörg
      Kostüme: Nicola Reichert

      Kitty: Carmen Fuggiss
      Pasqualita: Lien Haegeman
      Nolan: Algirdas Drevinskas
      Wilson: Jevgenij Taruntsov
      Oppenheimer: Lee Poulis
      Hubbard: Guido Baehr
      Teller: Jouni Kokora
      Groves: Olafur Sigurdarson

      Saarländisches Staatsorchester
      Opernchor des Saarländischen Staatstheaters




      Das ist nach Nixon in China und The Death of Klinghoffer die dritte der US-amerikanischen Historienopern von John Adams, diesmal auf ein Libretto von Peter Sellars, der auch die Uraufführung 2005 in San Francisco inszenierte. Es folgten Aufführungen in Amsterdam, Chicago, New York (Met) und London (ENO).

      Die Oper spielt in der Nacht vor dem ersten Test-Atombombenabwurf am 16.7.1945 in den Laboratorien von Los Alamos. Im Mittelpunkt die Figur von J. Robert Oppenheimer ("Doctor Atomic"), umgeben von seiner Frau Kitty, den anderen Wissenschaftlern (Edward Teller, Robert Wilson), dem leitenden General Leslie R. Groves usw. Man sieht und hört überwiegend Diskussionen und Reflexionen über den bevorstehenden Atomtest, seine Berechtigung, seine Konsequenzen. Peter Sellars hat das Libretto zum einen aus dokumentarischem Material hergestellt - über hundert Textfragmente aus Gesprächsprotokollen, Erinnerungen, Wochenschauen usw. Zum anderen gibt es breite Passagen lyrischer Reflexion, in denen Herr und Frau Oppenheimer Gedichte von John Donne, Baudelaire und Muriel Rukeyser singen. Ebenso zitiert der Chor aus Lehrbüchern zur Atomforschung und aus der Bhagavad Gita. Die Oper endet mit dem Countdown zum Atomtest, am Ende erklingt die Stimme einer Hiroshima-Überlebenden. Es gibt eine handelnde Sphäre (verkörpert von den Militärs und Wissenschaftlern) und eine reflektierende, eher traumhafte Sphäre, verkörpert von den Frauen Kitty Oppenheimer und - Vorsicht, Native-American-Kitsch! - ihrer indianischen Hausangestellten. Oppenheimer hat an beiden Sphären teil.

      In der Musik spiegelt sich das wider: Lange rezitativische Partien werden von Ariosi (den Gedichtvertonungen) unterbrochen. Die Musik von Adams: freitonal, würde ich sagen, in den Ariosi gelegentlich diatonisch, fast immer (erwartungsgemäß) von rhythmischen Patterns grundiert, manchmal auch von ihnen beherrscht. Geschickt instrumentiert und nicht übermäßig fordernd, auch nicht im schlechten Sinne gefällig. Oppenheimers Arioso nach dem schönen Sonnett von John Donne Batter my heart, von der FAZ zur ersten großen Arie des 21. Jahrhunderts in der Verdi-Nachfolge ausgerufen, ist wirklich ganz ansprechend, erinnert aber eher an Britten (kann man sich in der Interpretation von Gerald Finley bei Youtube anhören und -sehen).

      Das Ganze hat mich nicht wirklich vom Hocker gerissen: zu repetetiv ist die Musik von Adams, zu unattraktiv die Vokalparts in den rezitativischen Handlungsteilen, zu ausufernd das Libretto von Sellars. Die beiden Akte dauern jeweils knapp anderthalb Stunden, insbesondere der zweite zog sich manchmal wie Kaugummi. Die Hauptfiguren erhalten auch kein richtiges Profil, was nicht (nur) an Regie und Sängern lag, sondern durch die Konzeption der Oper bedingt ist. Allerdings gibt es auch beeindruckende Momente, wenn z.B. am Anfang der Oper in eine eingespielte Geräuschcollage mit Flugzeugmotorengeräuschen und Wochenschauausschnitten ein hämmerndes rhythmisches Ostinato des (konventionell besetzten) Orchesters einfällt.

      Den spärlichen bildlichen Zeugnissen im Internet zufolge hat Peter Sellars wohl eher realistisch-illustrativ Regie geführt. Immo Karaman, der u.a. einen ausgezeichneten Peter Grimes in Düsseldorf inszeniert hat, versucht es mit Stilisierung: die Bühne ist von vergitterten Plexiglaswänden umgeben, was wohl für die gefängnisgleiche Anlage der Laboratorien steht. Die wichtigsten, fast die einzigen Requisite sind Tische, die ganz unterschiedliche Verwendungen erfahren: als Konferenz-, Ess- und Schreibtische, als Schreibtafeln, auf denen Oppenheimer anfangs wie besessen physikalische Formeln schreibt, als Paravents, Zimmerbegrenzung usw. Am Ende, zum Atombombentest, sind die Tische zu einer Art Molekül-, Atomstruktur o.ä. (ähnlich dem Atomium in Brüssel) zusammengekettet und werden in den Bühnenhimmel gehoben. Neben dem eigentlichen Chor setzt Karaman noch à la Neuenfels einen Bewegungschor ein, der meistens in hektisch-parodistischer Form die hyperaktiven Militärangehörigen darstellt. Die Personenregie ist ansonsten leider ziemlich unspektakulär, im Fall des Generals zur Knallcharge verrutscht, sonst ansatzweise mehr oder weniger stilisiert.

      Passable bis gute Leistungen des Sängerensembles - man sang übrigens mit elektronischer Verstärkung, was offenbar in der Partitur vorgeschrieben ist und auf dem Besetzungszettel angekündigt war. Ich hab's nur ein paarmal gemerkt (etwa wenn mit dem Rücken zum Publikum gesungen wurde). Ausgezeichnet die Leistung des konditionsstarken Orchesters unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Andreas Wolf. Die Bewertung der musikalischen Leistungen steht natürlich unter dem Vorbehalt, dass ich das Stück vorher nicht kannte.

      Ein zweitesmal geh ich da aber nicht rein.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Doctor Atomic

      Oper in zwei Akten,
      Text von Peter Sellars nach Originalquellen,
      Musik von John Adams

      Deutsche Erstaufführung im
      Saarländischen Staatsthater Saarbrücken



      Und hier noch ein paar Rezensionen zu dieser mäßig spektakulären deutschen Erstaufführung. Irgendwie scheinen die Rezensenten im Regiesektor nicht so verwöhnt zu sein, sonst würden sie Karamans mäßig originelles Stilisierungsspektakel nicht so preisen... Nett auch die unterschiedlichen Bewertungen der Oper selbst - sogar die Wiener Zeitung hat ein Herz für Adams... :D

      dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1125454/
      sr-online.de/sr2/1419/1023895.html
      magazin.klassik.com/konzerte/r…D=788068&CFTOKEN=11091627
      wienerzeitung.at/DesktopDefaul…3895&Alias=wzo&cob=472802


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Idomeneo, Zürich, 23.02.2010

      Hallo zusammen,

      eine Kette eigentlich unglücklicher Gegebenheiten (Krankheit, Pilotenstreik bei Lufthansa) ließ mich gestern abend in Zürich stranden - und was macht man da, wenn man einen ganzen Abend frei hat? Ich jedenfalls probiere Karten für die Oper zu bekommen. Gestern gab es die zweite Aufführung von Idomeneo unter dem Dirigat von Nicolaus Harnoncourt, in der Regie von Nicolaus und Philipp Harnoncourt. Und ich habe tatsächlich sehr kurzfristig noch ein Karte bekommen.

      Der Platz war in der ersten Reihe. Für die Aufführung war der Orchestergraben fast ganz nach oben gefahren. Die übliche Barriere zwischen Orchester und Zuschauerraum war abgebaut. Das Podest für den Dirigenten war auf der gleichen Höhe wie der Zuschauerraum, der Dirigentenstuhl stand zur Hälfte im Zuschauerraum. Wenn man es genau nimmt, war mein Platz eigentlich im Orchestergraben, direkt neben Harnoncourt und vor dem ersten Pult der zweiten Geige. So nahe, dass ich mehrfach zurückgezuckt bin, da der Bogen der Geigerin gefährlich auf mich zuschnellte. Die Balance der Stimmen im Orchester war dadurch durchaus eingeschränkt, die beiden zweiten Geigen am ersten Pult (eine davon Alice Harnoncourt) habe ich als individuelle Stimmen gehört.

      So unmittelbar und nahe an den Musikern habe ich noch nie eine Opern- oder Konzertaufführung gehört.

      Zur Inszenierung will ich eigentlich nicht soviel schreiben, ich fand meistens das, was im Orchester stattfand, spannender. Harnoncourt sollte wohl eher beim Dirigieren bleiben :hide:

      Aber das was im Orchester stattfand, fand ich zugebenermaßen wirklich spannend. Das war ein sehr packendes Dirigat. Manches war, nicht ungewohnt von Harnoncourt, vielleicht etwas zu langsam, aber generell war die Aufführung sehr zupackend und dramatisch.

      Sehr gut gefallen hat mir Julia Kleiter als Ilia. Einer der Höhepunkte war ihre Arie "Se il padre perdei". Während dieser Arie waren auch die Spieler der vier konzertierenden Instrumente (Flöte, Oboe, Fagott, Horn) auf der Bühne. Aus der Inszenierung eigentlich nicht begründbar, aber wunderbar musiziert. Auch der Idamante von Marie-Claude Chappuis konnte mich überzeugen. Der Idomeneo von Saimir Pirgu war sehr stimmstark, vielleicht manchmal etwas grobschlächtig. Die Elettra wurde von Eva Mei ebenfalls sehr gut gesungen.

      Harnoncourt spielt das Ballett am Ende. Die Choreographie war von Heinz Spoerli. Die Tänzer wurden auch stark umjubelt, für mich war das Ballett viel zuwenig in die Oper integriert und wirkte wie ein Fremdkörper. Gut, dass ich mich wieder auf das Orchester konzentrieren konnte.

      Die Aufführung wurde aufgezeichnet, allerdings wäre ich hier eher an einer CD interessiert, als an einer DVD.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Verdi - Macbeth. Oper Köln, 11.03.2010

      Ausgesprochen gelungen ist der Kölner Oper die Wiederaufnahme der vor gut 10 Jahren entstandenen Produktion. Robert Carsens bedrückende Inszenierung hat nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren; und sie wurde offenbar szenisch wie musikalisch sorgfältig wiedereinstudiert.

      Besonders hervorzuheben dabei das Gürzenich-Orchester, daß ich frühen/mittleren Verdi noch selten so überzeugend habe spielen hören. Dabei hob der Dirigent Ivan Anguélov sehr explizit die schroffen, für den frühen Verdi ungewohnten Bestandteile der Musik hervor und setzte sie dem "Riesengitarren"-Orchester entgegen, wobei er dynamisch eine breite Spanne nutzte, an einigen Stellen (u.a. Schlußensemble 1. Akt, Beschwörungsszene) mit gewaltigem Blecheinsatz, dann wieder in extremem piano (Schlafwandlerszene). Immer wieder trat dabei Ungewohntes hervor, so etwa die in leeren Quinten in den Streichern in der Eingangsszene des Schlußaktes. Dieses "Patria oppressa" wurde denn auch zum Höhepunkt des Abends, wo die düstere Szene und die beklemmende Musik kongenial zueinander passten. Exzellente Chorleistung, nicht nur in dieser Szene! Überhaupt alle Ensembles sehr gut gelungen!

      Ich gebe zu, daß ich Dalia Schaechter die Lady nicht so recht zugetraut habe; nach "Vieni, t'affretta" sah ich mich da auch bestätigt: das war allenfalls erträglich. Den virtuosen Anforderungen der nachfolgenden Cabaletta war sie keineswegs gewachsen. Auch durch das Brindisi mußte sie sich eher durchmogeln. "La luce langue" war da schon sehr viel besser gelungen. Vor allem gelang ihr gesangsdarstellerisch das Psychogramm einer Karrierefrau, die sich zu ihrer eiskalten Brutalität immer wieder selbst zwingen muß und am Ende darüber dann auch folgerichtig durchdreht. Die fast durchgehend im piano gesungene Schlafwandlerszene gehört sicher zum besten, was ich von der Sängerin bisher gehört habe; das war nicht nur gesangs-darstellerisch überzeugend! (Nur den Versuch, das des''' am Ende zu erreichen, hätte sie sich besser geschenkt.)

      Sehr gut auch ihre Duette mit dem Macbeth von Thomas J. Mayer, der ein wenig rauh und grobschlächtig (sein Timbre erinnert mich ein wenig an Leonard Warren) begann ("Mi s'affaccio un pugnal" war wenig erfreulich), sich dann aber steigerte und vor allem eine fulminante Schlußarie hinlegte. Ein wenig farblos - auch im Spiel -, aber mit sehr klangschönem Bass Stefan Kocán als Banquo, mit ordentlicher Leistung Enrique Folger als Macduff.

      Ich würde diese Produktion weiterempfehlen - aber leider war das gestern schon die letzte Aufführung.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Verdi: Don Carlo, 20.03.2010 - Star-Theater in Köln die Vierte

      Mir vier Auftritten von Matti Salminen als König Philipp in der Mailänder Fassung von Verdis "Don Carlo" geht das "Startheater" in Köln in die nächste Runde. Bei der Wiederaufnahme von Torsten Fischers vor ca. 10 Jahren entstandener Inszenierung präsentierte sich ein Septett großer (und vor allem lauter) Stimmen in einer grobschlächtig, wie mit dem Holzhammer, dirigierten Aufführung. Vor allem die z.T. affig hohen Tempi irritierten nicht nur den Zuhörer, sondern nicht selten auch die Mitwirkenden; neben den Sängern, die immer wieder mal hinterherhumpelten, auch die Kollegen im Orchester: mit dem Solo zu Beginn des vierten, sorry: des dritten Aktes (hatte ich schon mal erwähnt, daß ich die vieraktige Fassung für inakzeptabel halte?) war der Cellist so schnell fertig, daß sich anschließend eine längere Zwangspause ergab, bis der Rest der Mannschaft seine Instrumente wieder parat hatte ;( . Das Orchesterintro zuvor hatte geklungen wie von einer 33er-Schallplatte, die auf 45er Tempo abgespielt wurde. Vielleicht ist der schnelle Wechsel zwischen Poulenc/Bartók einerseits und Verdi andererseits für den Dirigenten Oleg Caetani ja doch ein kleines Problem ;+). Die Massenszenen gelangen so la la; die Gestaltung der Ensembles überließ der Dirigent den Solisten, die sich dann z.T. ziemlich damit abplagten, etwa im nur mäßig gelungenen Quartett nach der Großinquisitorszene.

      Massimo Giordano gestaltete die Titelfigur mit einem Wechsel zwischen strahlend-pathetischen und düster-depressiven Tönen durchaus ansprechend, korrespondierend dazu sein Spiel mal tapsig-unbeholfen, mal überpathetisch. Gesanglich bereitet ihm die Partie Probleme (vor allem in der Höhe; war auch schon bei seinem Rodolfo so), die er aber im Wesentlichen gemeistert bekam. (Er hat mir dennoch gut gefallen.) Ähnlich ging es der klanglich sehr ansprechenden Annalisa Raspagliosi als Elisabeth; da gab es viel schönen Gesang, von einem adäquaten Rollenportrait kann aber keine Rede sein. In der großen Arie im Schlußakt kämpft sie sich erfolgreich durch die Noten (OK, ein kleiner Patzer), mogelt sich aber an der Gestaltung der Partie vorbei. Besser sah es da beim Star des Abends aus: die nach einigen Berichten hier im Forum zu befürchtende Fehlleistung blieb aus. Daß Matti Salminen den Philippe eher routiniert heruntersang denn als Gesamtpartie gestaltete, lag sicher auch an der wenig inspirativen Regie, unter der die gesamte Aufführung zu leiden hatte. Da ist man dann durchaus zufrieden mit der gelungenen Gestaltung einzelner Nummern: und natürlich mit der Präsentation der imposanten und immer noch klangschönen Stimme. Lediglich im forte der hohen Lage gibt es hie und da etwas harschere Töne; und im piano spricht die Stimme einfach nicht mehr so gut an. Stimmlich imposant ebenso Markus Brück als Marquis Posa; auch ihm gelingen die leisen Töne etwas weniger, soweit der Dirigent sowas überhaupt zuließ. Wäre es nicht so überhastet gewesen: das klanglich sehr gut abgestimmte Duett mit Carlos hätte ein Höhepunkt der Aufführung sein können. Vom stimmlichen Material her nicht ganz mithalten kann Ursula Hesse von den Steinen als Eboli, die dafür aber mehr um dramatische Rollengestaltung bemüht war. Einmal mehr bewundernswert, wie diese Sängerin mit ihren "Mängeln" umgeht - man muß schon genau hinhören, um zu bemerken, daß sie sich um die Koloraturen im Schleierlied mehr hinwegmogelt als sie zu singen - und sie eben dennoch den Charakter des Stückes trifft; klar, daß sie bei "O don fatal" dann ganz gegenteilige Akzente setzt. Einen imposanten Großinquisitor singt Nikolai Didenko (er wird in einem Teil der Aufführungen an Stelle Salminens den König geben), muß sich aber im "Bassduell" dem großen Finnen klar geschlagen geben. Für meinen Geschmack dürfte der Großinquisitor auch bißchen mehr Schwärze haben. Die gab es dafür beim jungen Ensemblemitglied Dennis Wilgenhof als Mönch. (Übrigens ein Sänger, zu dem selbst ein Matti Salminen aufblicken kann :)). Ansprechende Leistungen auch von Csilla Csövári (Tebaldo) und Anna Palimina (Stimme aus der Höhe/Gräfin Aremberg).

      Fazit: ein etwas überlauter, aber schöner Arienabend, der vom begeisterungswilligen Publikum mit Beifallsstürmen und standing ovations gefeiert wurde. Als Opernaufführung allerdings bestenfalls Dutzendware.

      Am 6. und 13. Juni wird Matti Salminen in Köln den Hagen in "Götterdämmerung" singen.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Verdi: Otello - Staatstheater Saarbrücken, 22.5.10 (Tambosi, Kamioka)

      Das war die zweite Vorstellung nach der Premiere vom 15.5. Verantwortlich zeichneten folgende Herrschaften:


      Musikalische Leitung: Toshiyuki Kamioka
      Inszenierung: Olivier Tambosi
      Bühnenbild: Bengt Gomér

      Otello: Rafael Rojas
      Iago: Olafur Sigurdarson
      Cassio: Jevgenij Taruntsov
      Desdemona: Svetlana Ignatovich


      Ein Bühnenbild, wie man es öfter sieht: Spiegelwände und eine sich nach hinten absenkende Spiegeldecke. Diese hebt sich gelegentlich leicht und gibt den Blick auf einen blauen Horizont frei. Ab dem dritten Akt ein paar Sandhäufchen auf der Bühne. Zentrales Requisit ein "Haus im Haus" aus Plexiglas, dessen Funktion unklar bleibt: Im ersten Akt eine Art Rückzugsgebiet für Otello und Desdemona, späterhin nur gelegentlich bespielt, häufiger ungenutzt herumstehend bzw. von sichtbaren Bühnenarbeitern an den Rand geschoben.

      Sonst ist die Bühne fast leer. Nur sehr wenige Requisiten, denen anscheinend leitmotivischer Charakter zugedacht ist. Rote Seile dienen ganz zu Anfang als Absperrung gegen die drängelnden Menschenmassen und am Schluss zur Erdrosselung Desdemonas. Eine purpurrote Schärpe ist Herrschaftszeichen und am Ende des ersten Akts andeutungsweise Zelt für das Ehepaar. Usw. in diesem Stil. Erinnert ein wenig an die Requisitenökonomie von Herbert Wernicke, ohne auch nur annähernd dessen frappierende Vielschichtigkeit zu erreichen.

      Zu Anfang kämpft sich Otello, der mit einem schwarzen Strich quer übers Gesicht gezeichnet ist, allein zu Fuß (nicht zu Schiff) an den vorderen Bühnenrand, umgeben von den wellenartig heranbrandenden Choristen. Er strauchelt mehrfach, scheint schon besiegt, greift sich aber mit letzter Kraft zum È salvo! des Chores ein Kruzifix und schwenkt es triumphierend der Menge entgegen. Das Kruzifix samt Bibel, auf die Desdemona ihre Unschuld schwören soll, taucht nochmal im dritten Akt auf, landet dort in den Händen Iagos, der es dann in die Ecke schmeißt. Ein Interpretationsansatz entwickelte sich nicht daraus. Dass die Sturmszene wenig theatralische Wucht erzeugte, ist nicht nur dem Regisseur anzulasten - ich habe noch keine Inszenierung gesehen, in der die Regie der Urgewalt dieser Musik die Stirn bieten konnte.

      Aber auch sonst hat mich der in diesem Forum schon öfter gelobte Olivier Tambosi enttäuscht. Allzu erwartbar wird an der Handlung entlanginszeniert, viele Konstellationen erscheinen bekannt, nie hält man den Atem an. Die Figurenzeichnung folgt weitgehend den bekannten Rollenmustern, Desdemona ist etwas, aber nicht viel aktiver als gewohnt (in einer hübschen Szene im ersten Akt verteilt sie Pralinen unters Volk, Iago bedankt sich artig). Otello brüllt und wälzt sich auf dem Boden, Iago intrigiert und ist böse, Desdemona und Emilia lassen im vierten Akt den Sand durch die Finger rinnen. Alles ganz solide.

      Außergewöhnlich nur das Credo Iagos: Eine große Menschenmenge hört ihm aufmerksam zu und gruppiert sich dann um ihn, als handele es sich um die Bergpredigt. Iago nimmt zwei Kinder an die Hand, zu seiner atheistischen Schlusspointe reißen sie befreit die Arme hoch und lachen, auch der Rest der Menschen jubelt kurz (und tritt dann schnell wieder ab). Das Credo als aufklärerische Botschaft, Iago irgendwo zwischen Prediger, Märchenonkel und Erlöser - das hatte was und hätte im Spiel mit christlichen Symbolen vielleicht auch ausgebaut werden können. Da kam aber nichts mehr.

      Insgesamt passable sängerische Leistungen: Rafael Rojas in der Titelrolle mit enormem Material und einem prachtvollen Esultate!, später oft sehr frei im Umgang mit den Noten (am Ende des dritten Akts lässt er Noten Noten sein und schreit zum Gotterbarmen), sowohl sängerisch wie szenisch etwas undifferenziert. Olafur Sigurdarson als Iago szenisch etwas bieder und sängerisch im Dauerforte bis -fortissimo, das allerdings solide. Gut der Cassio von Jevgenij Taruntsov. Und ganz hervorragend Svetlana Ignatovich als Desdemona, gesanglich souverän mit nur leichten Schärfen in der Höhe, auch szenisch bezaubernd.

      Über GMD Toshiyuki Kamioka lästere ich des öfteren, aus schlechter Erfahrung (aktuell in Saarbrücken, früher in Wiesbaden). Aber diesmal gibt es nichts zu lästern: Mit toscaninihaftem Drive, gleichwohl nicht pauschal werden die großen Chorszenen gemeistert, auch sonst wird die Spannung fast immer gehalten, Kamioka setzt gelegentlich ungewöhnliche Akzente - etwa bei dem nicht grell, sondern fast liturgisch gebunden klingenden Credo Iagos. Nur ganz selten, z.B. am Schluss, deuten sich die gefürchteten Schlepptempi an. Ausgezeichnet in Form das Orchester (abzüglich diverser Uneinigkeiten unter den Holzbläsern im vierten Akt). Ein Sonderlob dem Chor. Für ein mittelkleines Haus eine mehr als respektable Leistung. Wenn dann auch noch die Regie mitgespielt hätte...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Zwielicht,

      mit gewisser Wehmut gedenke ich da des letzten Saarbrücker Otellos, inszeniert von Henning Brockhaus, dirigiert von Olaf Henzold. Ich gedenke dieser Produktion nicht mit Wehmut wegen der Inszenierung, die wenig nennenswert war (wenngleich die Eingangsszene ein großer Wurf war!!), sondern weil ich im Extrachor an ihr teilnehmen durfte, als Sarotti-Mohr im letzten Glied quasi. Hat aber Spass gemacht, jedesmal, doch. Und Henzold (was wurde aus ihm??) war brilliant am Pult, jedesmal. Wenn ich nicht täusche, wurde er später abgelöst von seinem Assistenten Marcus R. Bosch, heute GMD in Aachen und morgen in Nürnberg, beides höchst verdient....

      Ich sollte dem Saarbrücker Haus gelegentlich mal einen Besuch abstatten, aber der Terminkalender.....

      Herzliche Grüße,

      C.
    • Berg: Lulu - Oper Graz, 28. 5. 2010 (Erath, Albers)

      Liebe Capricciosi!

      Allenthalben wird zu Bergs 125. Geburtstag und 75. Todestag "Lulu" gespielt, so auch in Graz. Man entschied sich hier für den zweiaktigen Torso und rahmte ihn mit Ausschnitten aus Bergs Violinkonzert und dem Adagio aus der Lulu-Suite. Es war meine Erstbegegnung mit der Oper, so dass ich meine Kritik nur recht allgemein und kurz halten kann.

      Superstar des Abends war Margareta Klobucar, die Grazer Primadonna, mit einer sensationellen Leistung als Lulu! Sowohl stimmlich als auch schauspielerisch - da stimmte jeder Tonfall, jede Nuance, jede Geste, sie war kokett, erotisch, kindlich, rücksichtslos, melancholisch, kalt, verletzlich... ein schillernder Charakter! :juhu: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese Lulu getoppt werden kann, selbst Patricia Petibon in Salzburg wird es dagegen schwer haben! Auch die Ensemblemitglieder Wilfried Zelinka (Tierbändiger/Athlet), Konstantin Sfiris (Schigolch) und Dshamilja Kaiser (Theatergarderobiere/Gymnasiast) boten exzellente Rollenporträts und überschatteten die Gäste Ashley Holland (Dr. Schön) und Iris Vermillion (Geschwitz), deren Abschied an Lulu mich nicht sehr überzeugt hat.

      Die Regie von Johannes Erath war für mich sehr ansprechend in einem minimalistischen Bühnenbild (Katrin Connan). Das Bild der Lulu wurde von einer Statistin gegeben, die von den Männern oft anstelle Lulus liebkost wurde - prägnantes, wenn auch vielleicht nicht allzu subtiles Zeichen dafür, dass die Männer mehr das Bild, das sie sich von Lulu machen, lieben, als Lulu selbst. Nur die Schlussszene (Lulus Tod) zum Adagio geriet sehr kryptisch: Nachdem sich Alwa schon zu Ende des zweiten Aktes umgebracht hat, steht Lulu in einem zeitlosen Raum inmitten lauter uniformierter Männer (darunter auch die Geschwitz). Jack the Ripper kommt, umhüllt Lulu mit dem weißen Pierrot-Kostüm und geht mit ihr davon; die Geschwitz singt die Abschiedsworte - aber insgesamt passt das zum Regie-Konzept, das sich ja auch schon mit der Wahl der Fassung weigerte, den Abstieg Lulus ernsthaft darzustellen.

      Das Orchester (Leitung: Günther Albers) hat mir gut gefallen, aber mangels Vergleichen fände ich es unseriös, weiter darauf einzugehen. Insgesamt vor allem wegen Margareta Klobucar eine großartige Aufführung!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Mozart: Le nozze di Figaro - Theater Basel, 30.05.2010 (Goerden, Betta)

      «Le nozze di Figaro» hatte am 25. März 2010 am Theater Basel Première und ist die erste Operninszenierung des Regisseurs Elmar Goerden. Kurz gesagt, nach dieser Inszenierung ist zu hoffen, dass es nicht seine letzte bleibt.

      Die Handlung spielt in einer grosszügigen, stillvoll-modern eingerichteten Villa des Grafen Almaviva, die sich irgendwo in USA befindet. Das Bühnenbild ragt über den Orchester in den Raum heraus und der Zuschauer scheint direkt durch eine breite Glasfront in den jeweiligen Raum zu blicken. Goerden und seine Bühnenbildnerin Silvia Merlo behalten dabei die Ortsangaben des Librettos bei, so spielt der erste Akt in einem wohl ehemaligen Kinderzimmer, das gerade aus- und schon wieder für Figaro und seine Verlobte Susanna eingeräumt wird. Der zweite Akt spielt im Zimmer der Gräfin, das mit bühnenhohen Schränken voll mit Kleidung ausgestattet ist und an das ein pinkes Badezimmer anschliesst. Der dritte Akt in einem repräsentativen Raum der Villa, dessen Fenster den Blick auf ein Kakteengarten freigeben. Und der letzte Akt spielt auf einer Terrasse, die sich an jenen Kakteengarten anschliesst und eine eindrückliches Panorama auf die in der Ferne leuchtenden Strassenzüge einer Grossstadt bietet.
      Goerdens Inszenierung bietet keine grosse Neuinterpretation der Handlung, dafür jedoch ein ausgesprochen feine und differenzierte Personenführung, die jeder Person Leben, Charakter und Eigenschaften einhaucht. Er nimmt die Personen und ihre Beweggründe und Leiden ernst und schildert die Handlung dennoch mit viel Humor. Zwei Symbole ziehen sich durch die ganze Inszenierung: Papierflieger, wohl den Pfeil des Amors symbolisierend und in immer grösseren Mengen auftauchend, und Nadel bzw. Kakteen, an denen sich die Charaktere stechen.

      Die sängerische Leistung war – soweit ich es beurteilen kann – durchweg solide bis sehr gut.

      Alles in allem kann ich einen Besuch dieser eindrücklichen Inszenierung, mit der das Theater Basel an seine bisherigen Höhepunkte anknüpft, nur empfehlen. Weitere Vorstellungen sind am 12. und 18. Juni.
    • Wagner: DER RING DES NIBELUNGEN - Oper Köln, Juni 2010

      Kurz ein paar schnelle (unvollständige) Eindrücke zum Kölner Ring, ganz ungefilltert und aus dem Affekt heraus:
      Zuerst muss ich sagen: ich bin schlichtweg begeistert von dieser WA. Die szenische Einstudierung ist - und das hatte ich in diesem Maße nicht erwartet - enorm gut gelungen. Da hatte ich doch das Gefühl (anders als z.B. kürzlich beim Rosenkavalier), daß hier intensiv und detailliert geprobt wurde. Was die Sänger betrifft, so war dieser Zyklus der gelungenste, rundeste, den ich in dieser Inszenierung erlebt habe (das waren ansonsten Vorstellungen in den Premierenjahren und der Ring-Zyklus sowie der "Ring an 2 Tagen" 2006). Ganz besonders hervorzuheben sind zwei Rollendebüts: Hilke Andersen als Erda und der wahnsinnig gute Alberich von Oliver Zwarg, von dem man ganz sicher in naher Zukunft verstärkt hören wird. Endlich einmal ein wirklich gesungener Alberich, ohne falschen Pathos, ohne affektierte Vokal-Zerdehnungen ("sooo vääärfluuach ische diiie Liiiebäääää" oder so'n Quatsch), dazu ein intensives, nuanciertes Spiel. Stefan Vinke wirkte auf mich im "Siegfried" teilweise deutlich überfordert, die Stimme blühte nur in den höheren Lagen auf, klang ansonsten recht angestrengt und in mittleren und tiefen Regionen arg blass und nasal, ohne fundierte Stütze, ohne Atem. In der "Götterdämmerung" dann (als Einspringer für Lance Ryan) war er aber eine wirkliche Überraschung; die Stimme schien wesentlich besser zu sitzen, nie grenzwertig, die Reserven unerschöpflich, gute ("meinem frohen Mute") bis fulminante ("Mime hieß ein mürrischer Zwerg" etc. ) Momente. Dazu ist er darstellerisch eine kleine Rampensau der sympathischen Art, sein Siegfried ist eine Art Assi zum Knuddeln, ein naiver Rohling den man irgendwie gern haben muss. Die weiteren Rollen sind gut bis sehr gut besetzt, ich könnte hie und da rumkritteln (und das mache ich eigentlich recht gern), unterlasse es aber diesmal, da die Gesamtleistung einfach überzeugend war.
      Markus Stenz dirigiert umsichtiger, sängerfreundlicher (besonders was die Tempi betrifft) als noch vor vier Jahren. Er nimmt sich mehr Zeit, die Tempi-Wechsel sind deutlicher (die Todesverkündung etwa gelingt als genialer Stillstand der Zeit, jedoch ohne das die Musik unnötig zerdehnt wird), Fermaten und Stille wirken natürlicher. Das Gürzenich-Orchester folgt in weiten Teilen sehr gut, allerdings gehen die Streicher oft unter und auch die üblichen Patzer und Intonationsschwächen bei den Bläsern bleiben nicht aus (jetzt krittel ich doch wieder rum...).
      Zum Schluss noch etwas zu Evelyn Herlitzius: man kann über diese Stimme, über deren "Wohlklang", sicher streiten, unbestritten ist für mich aber nach diesen Aufführungen, daß man es hier mit einer der ganz großen & starken Sängerpersönlichkeiten zu tun hat. Alles, jeder Ton, jede darstellerische und stimmliche Geste wird aus einem tiefen und klaren Verständnis für die Figur, für die dramatischen Situationen geschöpft. Ihr Gesang scheint weniger Mittel zum Zweck, weniger Gesangs-Akrobatik zu sein, als viel mehr wirkliche Ausgestaltung, ja preisgabe echter Empfindungen. Ich sitze da staunend, zu tränen berührt, wenn diese Sängerinn am Ende der GöDä aus dem Bühnengeschehen heraustritt, sich vor den Eisernen Vorhang kauert und den Schlussmonolog als ganz intimes Resume darbringt. Das Schlussbild dann ist schier atemberaubend, in seiner Elementarkraft von (echtem) Feuer und Wasser packend, erschütternd. Am Ende bleibt die gänzlich leere Bühne übrig - ein starker Schluss.
      Ich jedenfalls bin immer noch nicht ganz aus diesem Eindruck wieder aufgetaucht und kratze nun meine letzten Kröten zusammen, in der Hoffnung, diese Woche nochmal dabei sein zu können...
    • Ich möchte noch schnell hinzufügen, daß ich diese Inszenierung von Robert Carsen wirklich mag - es ist allerdings auch die einzige, die ich bislang live vollständig gesehen habe. Auf mich wirkt sie mehr durch die starken (Bühnen-)Bilder von Patrick Kinnmonth, als durch wirklich ausgefeilte Personenregie. Da mag es für echte Ring-Kenner (und ein solcher bin ich nicht) vielleicht nicht wirklich viel neues geben. Ich aber hatte zwei absolute Ring-Neulinge (und relativ Opern-unerfahrene Freunde) zur Seite, die Anhand dieser Inszenierung dem Geschehen (und auch der inneren Handlung) sehr gut folgen konnten. Auch sie waren wirklich tief berührt, empfanden die vier Abende zwar als fordernd, teilweise auch anstrengend, aber eben auch - und besonders - als erfüllend. Wer denkt bei diesen Rheintöchtern nicht an die aktuelle BP-Katastrophe? Wen berührt das Schlachtfeld der "Walküre" nicht, wo Sieglinde zwischen den erfrorenen Leichen ihren gefallenen Bruder sucht? etc. Wir haben jedenfalls noch lange über diese - und weitere - Bilder der Aufführungen gesprochen und diskutiert.