Cage: 4'33''

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    • Weil es auch hier ganz gut passt:

      Im August 1961, noch vor der Uraufführung der „Atmosphères“, wurde Ligeti im Rahmen der "Europäischen Hochschulwochen", die im August 1961 in Alpbach stattfanden, zu einem zehnminütigen Vortrag eingeladen. Titel: „Die Zukunft der Neuen Musik“. Er folgte schließlich dieser Einladung und ließ sich versichern, dass er genau zehn Minuten zur Verfügung habe.

      Ligeti meinte, dass er zu diesem Thema nichts zu sagen haben. Er trat ans Rednerpult und sagte – nichts … Nach gut zwei Minuten wurde es unruhig, Tuscheln, Gestikulieren, erste Rufe „was soll das?“ usw. Ausgehend von einzelnen Zentren des Protestes entwickelte sich ein Tohuwabohu. Ligeti blieb mit stoischer Ruhe am Pult. Schließlich leerte sich der Saal.

      Ligeti trug dieses Event der vom Publikum hervorgebrachten „Musik“ unter dem Titel „Die Zukunft der Musik – Eine kollektive Komposition“ in das Verzeichnis seiner Werke ein, was sicher ausgezeichnet in die von John Cage mit 4‘ 33“ begründete Tradition passt. -

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Wir hatten letztens an anderer Stelle hier im Forum eine Diskussion über 4'33'', bei der auf eine Outdoor-Aufführung unter Cages Beteiligung hingewiesen wurde. Ich habe dazu ein Video gefunden, bei dem eine Aufführung mit Flügel an einer Straße stattfindet: "https://youtu.be/V2E8AKRKLhw?t=14m52s".
    • Oh, zu 4'33 gibt's einen Thread? Jetzt erst gesehen, dies Forum ist sehr groß und meine Möglichkeiten klein (nur Handy!)---aber gern meine Gedanken dazu (ich hab aber keine Vergleichseinspielungen :P )

      Nun ja, 4'33 als Werk zu bezeichnen mag ja wie ein Witz aussehen. Aber der zugrundeliegende Gedanke ist faszinierend wenn man sich auf ihn einlassen mag.

      Ohne Stille gibt es keine Musik, weil sie die Grundlage ist auf der Töne existieren können. (Cage war zenbuddhistisch inspiriert? Ich weiß nix über ihn aber hier stehts irgendwo so? - Dann nochmal auf dieser Grundlage gewendet: es kann kein Existierendes geben ohne die Leere, da kein Existierendes existieren kann ohne eine Nichtexistenz als Hintergrund, die jedes Existierende erst existieren läßt).

      Ich vermute, daß er dies hat ausdrücken wollen, und so gesehen wundert (jedenfalls mich) auch kaum daß er dieses "Werk" (das keines ist sondern ein Gedankenanstoß) als sein "liebstes" angesehen hat, denn es ist ja gewissermaßen die Grundlage aller anderen...

      Sowas dann auf CD zu pressen ist allerdings ein Mißverständnis ebenso wie die (diesen Gedanken sehr vergröbernde) Vorstellung es sei "Musik".

      Es ist ein Gedankenanstoß. Das Cage den hat geben wollen bringt ihm in meiner Wertschätzung allerdings weit mehr Punkte ein als das was er an Tönen so gebaut hat... :D


      LG
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Ohne Stille gibt es keine Musik, weil sie die Grundlage ist auf der Töne existieren können. (Cage war zenbuddhistisch inspiriert? Ich weiß nix über ihn aber hier stehts irgendwo so? - Dann nochmal auf dieser Grundlage gewendet: es kann kein Existierendes geben ohne die Leere, da kein Existierendes existieren kann ohne eine Nichtexistenz als Hintergrund, die jedes Existierende erst existieren läßt).

      Wobei sich die Stille als etwas völlig Jenseitiges bzw. als reines Gedankending oder als subjektive Entscheidung offenbart. Denn bei jeder Aufführung von 4'33'' stellt sich heraus, dass es keine absolute Stille gibt. Irgendetwas ist immer zu hören.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Tyras schrieb:

      Denn bei jeder Aufführung von 4'33'' stellt sich heraus, dass es keine absolute Stille gibt

      eben. Genau das herauszustellen, war eine der Intentionen. Cage hat ja ziemlich viel darüber reflektiert und geschrieben.

      Ohne Stille gibt es keine Musik, weil sie die Grundlage ist auf der Töne existieren können. (Cage war zenbuddhistisch inspiriert? Ich weiß nix über ihn aber hier stehts irgendwo so? - Dann nochmal auf dieser Grundlage gewendet: es kann kein Existierendes geben ohne die Leere, da kein Existierendes existieren kann ohne eine Nichtexistenz als Hintergrund, die jedes Existierende erst existieren läßt).

      Ich vermute, daß er dies hat ausdrücken wollen

      sagen wir's mal so: das ist eine ebenfalls mögliche Interpretation, In den Worten von Cage:
      The first step in describing silence [...] is to use silence itself.
      Music, 1949, 36

      Eine Entsprechung von 4'33" in der bildenden Kunst finden wir in der White Paintings-Serie von Robert Rauschenberg von 1951. Rauschenberg und Cage sind sich in den Jahren nach 1950 menhrfach (u.a. auch im Black Mountain College) begegnet und standen danach in lebenslangem Austausch. In Black Mountain lernte Cage die White Paintings kennen, bei denen er den Mut des Künstlers bewunderte, "nichts" darzustellen. Seine theoretischen Überlegungen zur Stille waren zu diesem Zeitpunkt bereits über 3 Jahre alt, aber er hat später geschrieben, daß er erst nach der Erfahrung der White Paintings den Mut gefunden hätte, ein entsprechendes Konzept auch zu erproben:
      I was thinkig of it, but I felt that it would not be taken seriously, and so I refrained from doing it [...] But when Bob did the empty canvases, I had the courage to take the path, come what may.
      zit nach Campana, Form and Structure in the Music of John Cage, 103, 1985
      Rauschenbergs Panels wurden erstmals bei einem unbetiteltem "Konzert" Cages am 16. August 1952 im Black Mountain der Öffentlichkeit vorgestellt. "Concert" steht im Veranstaltungskalender des Colleges. Tatsächlich war es eher eine Performance aus mehreren, voneinander unabhängigen Aktionen, das sog. Theater Piece # 1, bei der u.a. Cage von einer Leiter herab einen Vortrag über Stille hielt und Rauschenberg einen alten Plattenspieler mit Schalltrichter bediente, und die mit einer rituellen Ausgabe von Kaffee endete. Rauschenbergs Panels hingen dabei in verschiedenen Winkeln über dem Publikum.
      Allerdings ist bei Rauschenberg die Leinwand immer noch mit weißer Latex-Farbe bemalt.. Ich weiß nicht, ob es irgendwo ein entsprechendes Kunstwerk gibt, bei dem die Leinwand tatsächlich komplett unbemalt und unprozessiert ist (was meiner Ansicht nach und post hoc die wirkliche Entsprechung von 4'33" wäre), außer in der mittlerweile schon reichlich abgegriffenen Verwendung als metaphorisches Bühnenrequisit auf dem Theater.

      Ansonsten finden wir eine analoge Interpretationsmöglichkeit z.B. bei der "Negativ-Säule" auf dem Bamberger Domplatz (hier bezogen auf Raum und Materie) von Micha Ullmann, die jedoch intentional mit ziemlich vielen Bedeutungen aufgeladen wurde (ich finde: überladen). Mir persönlich gefällt daher tatsächlich der (inoffizielle) Ansatz am besten, daß eine "richtige" Säule ein Loch in der umgebenden Luft bedingt (oder in der Materie, die sonst noch darum herum ist) bzw. eine Aussparung im Raum bedeutet, in der keine andere Materie sein kann. Das "Loch" wird so zum Symbol für die 1779 abgerissene, ursprünglich an diesem Ort stehende "Tattermann"-Säule.

      [Nachtrag: David Tudor, der Pianist von 4'33" in der Maverick Hall 1952, war beim Theater Piece #1 ebenfalls beteiligt]
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Ein ganz gutes Pendant ist doch "Le vide" (1958/61) von Yves Klein: Leerer Ausstellungsraum.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • in einem andern Forum wird gerade der Notentext von 4'33" diskutiert. Es gibt jedenfalls verschiedene Fassungen:

      "It's important that you read the score as you're performing it" : die Fassungen von "4'33''" aus philologischer Sicht / Dörte Schmidt
      In: Transkription und Fassung in der Musik des 20. Jahrhunderts : Beiträge des Kolloquiums in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, vom 5. bis 6. März 2004. - Stuttgart : Steiner 2008, S. 11-43.

      habe den Aufsatz mal vor langer Zeit in der Hand gehabt, komme jetzt aber nicht dran. Meiner Erinnerung nach durchaus spannend.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).