Jazz für Solopiano - Was ist empfehlenswert?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Höre dieser Tage locker die ACT Piano Works Reihe durch, kopiere das nun hierher, um an passenderem Ort daran anschließen zu können.

      AlexanderK schrieb:

      Gestern noch:



      Piano Works I: Joachim Kühn - Allegro Vivace

      Den 1944 in Leipzig geborenen Jazzpianisten Joachim Kühn habe ich erstmals als Jugendlicher mit der LP „Coryell Catherine Kühn Live!“ (Elektra 1980) wahrgenommen, die mit Kühns über zehn Minuten langem energievollem Klaviersolo „O.D.“ eröffnet wird.

      2005 startete Siegfried Lochs Jazzlabel ACT eine “Piano Works” CD Reihe mit einer „Allegro Vivace“ betitelten, von Joachim Kühn am 12.6.2003 im Studio La Buisonne (Frankreich) auf einem Steinway Flügel aufgenommenen CD (ACT 9750-2).

      Persönlicher Höreindruck:

      Kühn geht bei acht der elf Stücke der knapp über eine Stunde langen CD von Fremdvorlagen aus, in die er seine Improvisationen einbettet. Sein markanter gestochener Anschlagsstil verstärkt den Eindruck intellektueller, durchdachter, stets souveräner, professionell routinierter Improvisationskultur. Ein paar intuitiv eindringlichere Stücke ragen aber heraus.

      Den Anfang machen Couperin und Bach, von diesem eine Chaconne, der 5. Satz aus der 2. Violinpartita d-Moll, das längste Stück der CD, über zwölf Minuten lang. Die Tracks 3 bis 5 gehören Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622. Beim wie man meinen möge unantastbaren „2. Satz“ zeigt sich die Klasse Kühns, der seiner Improvisation einen harmonisch jazzoideren überraschenden Swing-Groove gibt.

      Mit einem Titel, dem intuitiven „Lonnie´s Lament“, würdigt Kühn die Saxophonlegende John Coltrane, mit zwei („She And He Who Is Fenn Love“ und „Allotropes, Elements Different Forms Or Same“) dem Freezazzpionier Ornette Coleman, mit dem er auch live musiziert hat. Kühn gibt „Allotropes, Elements Different Forms Or Same“ einen interessantem, reduziertem Flow.

      Die CD rundet sich mit drei Eigenkompositionen Kühns ab. „The Night“ ist hektisch, „Invisible Portrait“ wirkt auf mich wie eine Märchengeschichte und „Mar Y Sal“ groovt sich – endlich auf dieser CD - ordentlich mitreißend ein.
      Gestern dann die zweite CD...



      Piano Works II: George Gruntz - Ringing the Luminator

      Der Schweizer Jazz-Pianist, Komponist, Arrangeur und Bandleader George Paul Gruntz, geboren 1932 in Basel, gestorben 2013 in Allhwil, hat erst mit 72 Jahren, am 4. und 5.12.2004 in der Reformierten Kirche Witikon in Zürich, seine erste Klavier-Solo-Produktion aufgenommen (CD ACT 9751-2) – ein Steinway Flügel, 15 Stücke, knapp über 68 Minuten lang so wie ich sie höre kraftvolle, ganz direkt ansprechende Jazzimprovisationen.

      Der Luminator ist eine von Jean Tinguely (1925-1991) geschaffene fast 25 Meter lange und an die fünf Tonnen schwere Lampenskulptur, der Gruntz die ersten drei Stücke der CD widmet, zusammengefasst eben unter dem Titel Ringing the Luminator: Movement 1 Poetry of Wheels, Movement 2 Poetry of Lights und Movement 3 Poetry of Links – ähnlich einer dreisätzigen Sonatine zwei rasche Stücke außen, ein ruhiges innen. Mitreißend brennen die Räder im Jazzrockgroove von Movement 1, irisierend leuchtet es in Movement 2 und Movement 3 ist ein flotter Calypso.

      Es folgen selbstbewusst intensive Improvisationen teils über Vorlagen von Kollegen, teils Eigenes.

      Balladesk sind Ill Used Illusions (Gruntz), My Foolish Heart (Victor Young), Delusions Redeemed (Gruntz) und I Loves You Porgy (George Gershwin) gehalten, sprunghaft die beiden Ecarroo Takes (nach einer Komposition des Posaunisten Ray Anderson), energisch funkig swingend Well You Needn't (nach dem Bebop-Pionier Thelonious Monk), sanft rhythmisch Blue Daniel (nach dem Stan Kenton Posaunisten Frank Rosolino) und Meeting Point (Gruntz), gut groovt ein Intermezzo (Gruntz), verträumt gibt sich Under One Moon (Andreas Vollenweider) und in die Improvisation über Dizzy Gillespies Klassiker A Night in Tunisia mischen sich chinoise Elemente.

      Besonders gut ans Ohr gehen Movement 1 Poetry of Wheels, Intermezzo, Under One Moon, A Night in Tunisia und Meeting Point.

      Für mich interessant ist es dann auch immer, den Originalen nachzugehen, Aufnahmen der Komponisten oder andere Interpreten mit den Standards zu hören, teilweise diese überhaupt erst damit kennenzulernen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Piano Works III: Kevin Hays - Open Range

      Mein Eindruck:

      Der weiche, aber bestimmte Klavieranschlag, der ganz spezifische Flügelklang in den Ludwigsburger Bauer Studios, insbesondere aber das erzählerisch ungemein Intensive ja durchaus Inspirative machen die sechs reinen Klaviersoli die der 1968 in New York City geborene Kevin Hays auf seiner knapp 54 Minuten langen elf Stücke umfassenden am 31.3. und 15.4.2004 aufgenommenen Solo CD (ACT 9752-2) anbietet für mich unwiderstehlich.

      Open Range (1) atmet nahezu barocke Strenge, die jeweils über sieben Minuten langen Stücke 3 und 5 Desert Blues und Improvisation könnten durchaus noch länger so inspirativ weiterlaufen, beim Fire Dance (7) meine ich wirklich, hier sei eine Flamme entzündet, wohingegen Nursery Rhyme (8) weltverloren wirkt, und das letzte Stück der CD, Sacred Circles (11), hat etwas Feierlich-Finaleskes, Gospelartiges, durchaus Harmonisierendes.

      In diesem „offenen Bereich“ der CD bleibt aber noch Platz für Aufnahmen, die zum Klavier Fender Rhodes und die Stimme, teilweise auch verdoppelt, berücksichtigen, was diese Tracks kompositorisch und klanglich experimenteller macht – Klangtropfen bei Homestead (2), ein amerikanisches Volkslied verklärend im Humming Bird Song (4), mit dem Gospelsong You Are My Sunshine (6) überraschend, ein nahezu magisches Friedensmantra als Meditation (9) ausbreitend und mit einem Harmonium (10) betitelten Soundspiel mit Obertönen.

      Speziell die reinen Klaviersoli aber können jemand der selbst Klavier spielt durchaus Lust machen, selbst in diesem „offenen Bereich“ zu improvisieren.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Danke für den Tipp!

      Gestern hier weiter:



      Piano Works IV: Ramón Valle - Memorias

      Auch der 1964 geborene kubanische Jazz-Pianist Ramón Valle hat seine Solo CD für das Label ACT in den Bauer Studios in Ludwigsburg aufgenommen (10. und 11.5.2005, CD ACT 9753-2, Gesamtspieldauer 55:48 Minuten).

      Die ungeraden Titel der 12 Stücke umfassenden auf einem Steinway Flügel aufgenommenen CD basieren auf Vorlagen des kubanischen Komponisten Ernest Lecuona (1895-1963), die geraden sind Eigenkompositionen.

      Persönlicher Eindruck:

      Man könnte erpicht sein auf kubanische Rhythmen, die finden sich auch auf dieser CD, aber nur als Teil des Ganzen. Ramón Valle präsentiert sich vor allem als ganz eigene, starke, individuelle Persönlichkeit des Jazz-Pianospiels. Vielfach lässt sich hier ein eindringlich nachdenklicher Improvisationserzähler hören, aber einige Titel grooven dann doch explizit kubanisch rhythmisch.

      Was die Lecuona-Vorlagen betrifft, so gehören Andalucía (1), La Comparsa (3, hier meldet sich ein Rhythmus aber schon zwischendurch), No Me Mires Ni Me Hables (9) und Aquella Tarde (11, einen großen schönen Melodiebogen daraus filternd) zu den erzählenden Improvisationen, während man sich vom Rumba Mejoral (5) und von Siboney (7) mitreißen lassen kann.

      Bei den Valle-Vorlagen grooven rhythmisch die Son – A – Tina (4) und Levitando (8, Anfang und Ende hier aber balladesker), während sich Free At Last (6) in eine Art „Keith Jarrett Flow“ einschwingt und Andar Por Dentro (2), Reverso (10) und das Titelstück Memorias (12) weitere persönlichkeitsstarke erzählende Improvisationsstücke sind.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Marc Copland: Gary (Piano Solo)

      Mit der am 12. und 13.4.2018 im Studio La Buissonne (Pernes-les-Fontaines) aufgenommenen Klavier Solo CD (Illusions Music ILL 313009, Gesamtspieldauer 42:23 Minuten) würdigt der 1948 in Philadelphia, Pennsylvania geborene Jazzpianist und Komponist Marc Copland den großen Bassisten Gary Peacock, mit dem er mehrfach prägend zusammengearbeitet hat. Die Vorlagen der acht auf der CD enthaltenen Soli stammen bis auf eine von Gary Peacock, nur das zweite Stück Gary basiert auf einer Vorlage von Peachocks Frau Annette.

      Persönlicher Eindruck:

      Voice from the Past (1) beginnt wolkenverhangen, das erste Solo entwickelt sich nachdenklich, gedankenverloren. Gary (2) ist noch gewichtiger. Gaia (3) hat eine ganz andere Aura, geheimnisvoll-mystisch. Empty Carousel (4) wirkt mit seinen ostinaten Harmoniewechseln wie “jazzig weitergedachter Satie”. Rezitativisch mutet Moor (5) an. Das erneut Gedankenverlorene von Random Mist (6) lichtet sich zwischendurch etwas auf. Überraschend freundlich, „lächelnd“, mit leicht rhythmischem Zug, erklingt Requiem (7). Und Vignette (8) fasst noch einmal zusammen: das Nachdenken, die ostinaten Harmoniewechsel, etwas Swing – schlussendlich alles in harmonischen Frieden erdend.

      Insgesamt sind es eher schicksalsschwere, introvertierte Improvisationen. Viel Wert legt Marc Copland auf differenzierten Anschlag und Pedal-Nachklang. Es ist eine sehr ernsthafte Verbeugung vor dem großen zeitweiligen musikalischen Partner und wohl auch Freund.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Kenny Werner:
      The Space

      Persönlicher Höreindruck:

      The Space (CD Pirouet PIT3106, aufgenommen am 11. und 12.5.2016 im Kyberg Studio in Oberhaching) ist das vierte Soloalbum des 1951 in Brooklyn geborenen Jazzpianisten Kenny Werner nach Beyond the Forest of Mirkwood (1981), Live at Maybeck Recital Hall Vol. 34 (1994 – schon wieder eine CD-Reihe mit Jazz-Klaviersoloaufnahmen zum Entdecken für mich!) und Meditations (1995).

      Reinhören oder durchhören?

      Titel 1, The Space (Kenny Werner), 15:57 Minuten – eine einstimmige Melodie, einsam, verloren, suchend, das Pedal dazu, das gibt dem Suchen Raum, Harmonien dazu, sie geben Anhaltspunkte, das Gerüst festigt sich, aber plötzlich Stillstand, Stille. Eine völlig andere Welt öffnet sich, Funkenflüge, aus denen sich eine Jazzimprovisation schält, über sanft groovendem Bass, mit starkem, intensivem Jazzfeeling, aber zerbrechlich, gefährdet, stets wieder abgebrochen zu werden. Und wirklich, gerade, als man sich daran gewöhnt hat, kommt der nächste Schnitt. Neuansatz, rezitativisch, im offenen Raum, Momentaufnahmen, akustische Schnappschüsse, Gedanken.

      Längst also: Dranbleiben, durchhören, unbedingt, ein Vollblut-Jazzpianist, spannend, gut.

      Titel 2 Encore from Tokyo, nach Keith Jarrett: Ja, mit Jarrett-Feeling, bei einem Blindtest hätte ich auf jeden Fall auf Jarrett getippt, das mitreißende aber hier doch sensibel leicht groovende Bass-Ostinato und die rechte Hand im Jazz-Flow.

      Titel 3 Fifth Movement (Kenny Werner) – beginnt rezitativisch, findet aber rasch zu einem feinen jazzigen, irgendwie schwerelosen Trapeztanz, incl. erneuten Charakterwechseln, und dann hebt es im Flow ab – wie heißt die CD? The Space…

      Titel 4 You Must Believe in Spring (Michel Legrand), der Titelsong aus dem Filmmusical Les Demoiselles de Rochefort (1967) – Barmusik insofern vom Besten oder vom Schlechtesten, als man den eigentlichen Zweck des Barbesuchs völlig vergessen und nur mehr dem Klavierspieler lauschen würde, der da seine eigene Chanson-Klavierwelt aufbaut.

      Titel 5 und 6 Taro und Kiyoko beide auf Vorlagen des Tenorsaxophonisten und Produzenten der CD Jason Seizer, Jazzträumereien weiter im inspirierten, inspirierenden Flow, die zweite linearer ansetzend.

      Titel 7 If I Should Lose You, ein weiterer Song-Klassiker, von vielen Interpretinnen und Interpreten gecovert, Musik Ralph Rainger, Lyrics Leo Robin, aus dem amerikanischen Film Rose of the Rancho (1936), Kenny Werner weiter im idealen Jazz-Flow.

      Und Titel 8 Fall from Grace (Kenny Werner) – getragen-balladesk, ein erhabener Bogen wird gespannt,, die große Abschiedsmelodie, Bach und Morricone können assoziiert werden, das wäre auch mit Orchester denkbar, ganz groß.

      Ein Vollblut-Jazzpianist. Zunächst mal die anderen Solo CDs vorgemerkt. Und die Live at Maybeck Recital Hall Reihe. Und weiter auch Standards kennenlernen mit sowas.

      PS: Nochmals Dank an music lover für den Impuls. :top:
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mir scheint hier wurde ein ganz Großer noch gar nicht vorgestellt: McCoy Tyner. :clap:



      Hier setzt er sich noch einmal solistisch mit drei Werken auseinander, die er mit John Coltrane gespielt hat und präsentiert zudem zwei eigene Werke.

      Was mich auf CD wie auch live an ihm immer fasziniert, ist seine Fähigkeit, den Hörer spirituell mitzunehmen. Das mag bei den Coltrane Sachen vorgegeben sein, aber dort wie auch bei den eigenen Kompositionen erschafft er von Beginn eine ganz eigene Welt, die mich als Hörer geradezu auf eine Reise in mein eigenes Sein, meine eigene Seele treibt, zwingt, einlädt, sie für mich unausweichlich macht.

      Dabei ist es ja nicht nur dieses geradezu existenzielle angesprochen sein, dass mich persönlich so bewegt, sondern auch die unglaubliche Schönheit der Töne, der Melodien, der Kreationen, die er v.a. mit der rechten Hand erzeugt. Da lausche ich jedem Ton, jeder Wendung, fühle mich mitgetragen und eingesogen.

      :wink: Wolfram
    • Vielen Dank für die weiteren Tipps!

      Gestern noch gehört, persönlicher Eindruck:



      Stefan Schultze solo:
      System Tribes

      Der 1979 geborene Komponist und Jazzpianist, ausgebildet in Köln und New York, bietet auf seiner 37:22 Minuten langen, am 1.4.2016 in Köln sowie am 2. und 3.4.2016 in Berlin aufgenommenen im September 2018 veröffentlichten Solo CD (WhyPlayJazz WPJ039) acht völlig unterschiedliche Stücke. Er setzt neben dem Flügel teilweise auch Fender Rhodes und Overdubs ein und präpariert das Klavier vielfach.

      System tribe (Systemstamm): Ein intensiv arbeitendes 7/8-“Uhrwerk” am präparierten Klavier.

      Silva: Stehende Akkorde am Flügel mit Nachhall, ein Innehalten im Raum.

      Culture vulture (Kulturgeier): Jetzt 5/4-Drive am präparierten Klavier.

      Return: Wie Philip Glass, eine sanft motorische gleichförmige Bewegung.

      Fracking: Präparierter “Ur-Maschinensound”.

      Rooftop (Auf dem Dach): Draußen spielen Kinder, drinnen träumen sanfte, ansatzweise harfenartige Tonfolgen am leicht präparierten Klavier.

      Tong-gu: Eine andere „Maschine“, die monoton dahinstampft.

      Fade: Mit über 12 Minuten das längste Stück der CD. Ausreizung des Stillstands aus Silva ins Extrem – ein einzelner gleichbleibender Akkord wird scheinbar unendlich oft mit bis in die völlige Stille ausklingendem Nachhall angeschlagen, der totale Stillstand in der Zeit. Am Ende ein „Wegwischen“ wie nebenbei.

      Zustände statt Verläufe, Atmosphären statt Geschichten. „Pianistisch“ ist Silva am aussagekräftigsten, das öffnet „Klavierklangräume“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      Gestern noch, ein weiterer persönlicher Höreindruck:

      Lese ich, mit wem Paul Bley (1932- 2016) im Lauf seines Lebens zusammengearbeitet hat, etwa mit Oscar Peterson, Art Blakey, Louis Armstrong, Chet Baker, Charlie Haden, Ornette Coleman, Steve Swallow, Gary Peacock, Paul Motian, Archie Shepp, Sonny Rollins, Charles Mingus, Pat Metheny, Barre Phillips und natürlich mit seinen Gefährtinnen Carla Bley und Annette Peacock, erstarre ich schon allein damit in Ehrfurcht.

      Sein erstes Klavier-Soloalbum Open, to love (höre ich demnächst auch endlich durch) hat Bley 1972 für ECM aufgenommen.



      2007 veröffentlichte ECM ein weiteres Klavier-Soloalbum Bleys, das aber schon im April 2001 in Schloss Mondsee am dortigen Bösendorfer Imperial Flügel aufgenommen wurde (CD ECM 1786). (Auch die ECM Schubert CD von András Schiff und Yuuko Shiokawa entstand an diesem Ort.)

      Bleys hier zu hörende nur mit lateinischen Zahlen benannte bzw. nummerierte Mondsee Variationen I – X, knapp über zwei bis knapp unter neun Minuten kurz bzw. lang, strahlen so meine ich die souveräne Ruhe eines abgeklärten Jazzpianisten aus.

      I öffnet gleich mit einem markanten Akkord einen Klangraum, in dem der Pianist etwas erzählt, er monologisiert, ich höre ihm gerne zu. Im Bösendorfer Klavierklang bin ich ohnedies ganz zu Hause, und als Klavierspieler wird man da durchaus angeregt, selbst derart weiter zu improvisieren.

      II wird von einem sanften Groove bestimmt, auf mich wirkt das etwas gewollt, mehr vom Kopf her angegangen.

      III wartet rezitativisch mit Impulsen im offenen Raum auf.

      IV setzt zu einer neuen Erzählung an, die sofort ganz für sich einnimmt. Das hat Seele und lebt von einer starken, gefestigten Energie. Mit 8:42 Minuten ist es das zeitlich längste aber interessanterweise das kurzweiligste, für mich inspirierendste Stück der CD.

      V dreht sich um sich selbst, versucht abzuheben, kommt aber nicht vom Fleck.

      VI beginnt als grüblerische Erzählung, schwingt sich wortgewaltig in einen neuen sanften Groove ein, der Philosoph tanzt und plappert dabei unentwegt weiter. Weise ist das schon. Am Bösendorfer-Parkett gleitet er dahin, gibt er sich dem Flow hin.

      VII startet als neue Suche und wird zur gewichtigen Ballade, die mehrmals die Farben, die Schauplätze des inneren Geschehens wechselt.

      VIII schließt irgendwie an V an, wieder ein Sich-Bewegen um sich selbst.

      IX hüllt einen weiteren sanften Groove in Bösendorfer-Nachhall und unterbuttert damit dessen Erzählung etwas ins Dickflüssige.

      X überrascht aber nun mit einem wieder leichteren Flow, Bley fängt die Schwere die sich über die Stimmung zu legen drohte wieder ab und federt durch einen Jarrett-artigen deutlicheren Groove, der gute, mitreißende Energie ausstrahlt. Jetzt läuft die Musik, Kopf und Seele sind in wunderbarem Einklang. Und dann hebt Bley sanft ab, um schlussendlich angenehm ruhig abzurunden (Spieldauer Variation X: 5:37 Minuten). Fühle mich nach diesem letzten Stück wie auf einer höheren Schwingungsebene.

      Meine Lieblingsvariationen dieser CD sind hiermit IV und X.

      Algabal, I did my job (like her)..
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      Junge, hast Du eine Gabe, Musik zu beschreiben! :clap:

      Lief eben hier auch, gefällt auch mir sehr gut! Stark an Tradition für Solo-Jazzpiano anknüpfend, aber meist doch sehr eigenwillig. Und irgendwie sehr introvertiert, aber den Wunsch weckend, dem Musiker zu folgen. Hat was Meditatives.

      (Nicht, dass ich missverstanden werde: "Meditationsmusik" ist für mich mit das furchtbarste, was es an Lärmbelästigung gibt!)
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Neu

      AlexanderK schrieb:

      Nochmals Dank an music lover für den Impuls.
      Freut mich, dass Dir das Album zusagt!! :cincinbier:
      "Die Leute verstehen heute von Haydn fast nichts mehr. Dass wir jetzt gerade in einer Zeit leben, wo - gerade hundert Jahre früher - Haydn unsere ganze Musik schuf, wo er eine Sinfonie um die andere in die Welt setzte, daran denkt niemand. Und Haydn - er war da gerade in meinem Alter - entwickelte sich in dieser Zeit ein zweites Mal zu so ungeheurer Größe, nachdem er früher die Welt gesehen und so viel geschaffen hatte. Das war ein Kerl! Wie miserabel sind wir gegen sowas!"
      (Johannes Brahms)
    • Neu

      Zuletzt gehört, persönlicher Eindruck und weitere Lernerfahrung, interessante Vorlagen betreffend:



      Vierzehn ausgeglichene, ruhige, entspannte Stimmungs- und Charakterimprovisationen, insgesamt knapp 50 Minuten lang, bietet der 1955 in Mülheim an der Ruhr geborene, in Essen lehrende Komponist, Big Band Leader und Pianist Thomas Hufschmidt, der mit Invisible Colours Anfang 2019 mit 63 Jahren seine erste reine Klaviersolo-CD veröffentlicht hat (Laika-Records 3510368.2). Neben Improvisationen und Eigenkompositionen finden sich auch Reverenzen an einige Vorbilder. Der Großteil wurde im Oktober 2017 aufgenommen, drei Titel, Zweitveröffentlichungen, bereits im Mai 2005, alle im ICEM Aufnahmestudio in Essen. Hufschmidts Vater Wolfgang war auch Komponist (unter anderem von Günter Grass Vertonungen) und Organist, ihm zur Erinnerung gilt die CD. Auf sie neugierig gemacht hat mich die Kurzvorstellung in der Fachzeitschrift JAZZthing.

      Wo Hufschmidt jazzüblich erzählend improvisiert, hat er durchaus etwas zu sagen, rezitativisch, meist intermezzohaft, links Harmonien, rechts der Redefluss (1 Prelude, 4 Invisible Colours, 8 Multicoloured Dreams und 12 Back in Tirana).

      Balladesk mutet For Igor (10) an, wohingegen sich Planeet Brico (6) und Alban (14) durch den weniger jazzigen, sehr bewussten und entschiedenen Bewegungsverlauf, der auf Auskomponiertes deutet, hervorheben. Gleichwohl verweist Hufschmidt auch in diesen Stücken teilweise deutlich mit seinem Klavieranschlag darauf, dass er im Grunde ein Vollblutjazzer ist.

      Zwei Vorlagen stammen vom 1938 in Chicago geborenen Komponisten, Pianisten und Psychiater Denny Zeitlin (er komponierte unter anderem die Filmmusik zu „Invasion of the Body Snatchers“/“Die Körperfresser kommen“), der rhythmisch swingende Morning Touch (2) und das auch balladesk wirkende Quiet Now (5).

      In sanften Flow hinein träumt sich But Beautiful (3). Die vom amerikanischen Revue-, Musical-, Film- und Fernsehkomponisten Jimmy Van Heusen (1913-1990) komponierte Vorlage ist ein Filmsong aus „Road to Rio“ (1947), dort gesungen von Bing Crosby, 1948 populär geworden mit einer Frank Sinatra Aufnahme.

      Neben dem Morning Touch ist der Plain Song (7) die zweite sanft rhythmische Nummer der CD. Hier stammt die Vorlage vom 1981 geborenen walisischen Jazz-Pianisten, Hornisten und Komponisten Gwilym Simcock.

      Der Richard Rodgers Song Spring is Here (9) kommt aus dem Musical “I Married an Angel” (1938), dort gesungen von Dennis King und Vivienne Segal. Die Spring is Here Melodiestimme Hufschmidts singt jazzig drauflos, wäre es eine Singstimme, würde das wohl Scat-Gesang sein, und man spürt die inspirierte Substanz der viel gecoverten Richard Rodgers Vorlage, das ist auch einer dieser ganz großen Songs, die zu den Top Jazzstandards wurden.

      Respektvoll, kantabel und zu Herzen gehend innig spielt Hufschmidt seine Version eines Klassikers des maßgeblichen Modern Jazz Wegbereiters Bill Evans (1929-1980), Comrade Conrad (11). (Evans selbst hat übrigens auch unter anderem Zeitlins Quiet Now gespielt.) Das ist wieder so eine Welt, in die man sich ganz hineinfallen lassen kann. Umso überraschender endet die Nummer fast wie mit einem Schnitt, sehr abrupt.

      Lush Life (13) wiederum ist eine Vorlage des wichtigen Duke Ellington Mitmusikers und Arrangeurs Billy Strayhorn (1915-1967). Hier lässt Hufschmidt die Harmonien im Erzählenden vielfach in den Pedalnachhall klingen.

      Mein Fazit: Die eigenen Beiträge Hufschmidts, die Improvisationen wie Kompositionen, sprechen durchaus eine eigenständige Sprache. Einmal mehr überzeugt aber vor allem auch die Qualität der Standards-Vorlagen – kein Wunder, dass die so viele Interpretinnen und Interpreten immer wieder zu eigenen individuellen musikalischen Statements inspirieren.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      Quasimodo schrieb:



      Bin erst bei Track 4, wow!

      Die Synthese aus Duke Ellington und Cecil Taylor, gespielt von Bill Evans.

      Nein, das ist natürlich Quatsch! Sehr introvertierte, persönliche Musik, sehr viel Langsamkeit, nicht unähnlich dem oben vorgestellten und anderswo besprochenen anderen Soloalbum Bleys, aber minimalistischer und gleichzeitig perfekter (soweit das ein Kriterium für improvisierte Musik sein kann). Tolle Musik!

      Algabal schrieb:

      Manchmal macht die Dschungel-Company mich echt blass! Gestern hab ich nach 22:00 Uhr diese CD bestellt und heute Abend war sie im Postkasten.Jetzt also im Player:

      Paul Bley: Open, to love (1973)
      Paul Bley (p)

      Bin erst in Track 4, genau wie Quasi gestern. Ja, das ist gut. Keine Frage. Aber: ist das auch Jazz? ;)

      Mal weiterhören...

      Adieu
      Algabal

      Mein sehr persönlicher Höreindruck:

      Paul Bley hat seine erste Piano solo LP am 11.9.1972 im Arne Bendiksen Studio in Oslo für ECM aufgenommen (CD ECM 1023). Im Gegensatz zur 2001 eingespielten „Mondsee CD“ haben sowohl die ganze LP als auch die einzelnen Titel Namen, dazu ist genau angegeben, von wem welcher Titel stammt. Die LP entstand, nachdem Bley die Partnerin gewechselt hatte, von seiner Frau Carla Bley zu Annette Peacock. Drei Vorlagen kommen von Carla, zwei von Annette, die restlichen beiden der insgesamt sieben Titel von Paul selbst.

      Hört man die CD ohne dieses Hintergrundwissen durch, offenbart sich ungemein persönliches, spirituell inspiriertes Jazzpianospiel vom Besten, „ganz Musik“, innig beseelt, wie sie im Augenblick entsteht und nachklingt. Eine exzeptionell inspirierte Piano solo CD also.

      Und doch – Bley will offenbar mit dieser Platte eine persönliche, ihn zutiefst bewegende Gefühlslage, vielleicht (noch) ein Zerrissensein, eine Frage der Zugehörigkeit, auch der Offenheit, gleichzeitig der Verbundenheit, der Suche, mit den Mitteln seines persönlichsten Klavierspiels einfangen.

      Dass die Platte Open, to love heißt, mag man zunächst als allgemein ansehen. (Ist ja auch schön allgemein und anregend.)

      Mit dem ersten Titel Closer (Carla Bley) betritt der Pianist einen offenen Raum. Das hat sofort etwas Spirituelles, die Art, wie Bley Energie vermittelt, weiter gibt, sein Klavieranschlag, sein Ausprobieren, diese Aura die die Zeit vergessen lässt, egal werden lässt – und dann zitiert er den Marlene Dietrich Klassiker „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Wer den LP-Titel, den Titel der Carla Bley Komposition, das Biografische und das Erkennen des Zitats vor sich hat, wird damit ziemlich deutlich eingeengt auf die private Konnotation, zumindest auf das „Thema“ der Platte.

      Ida Lupino (Carla Bley) schwebt stabiler, mit ständiger Bodenhaftung im Raum, entwickelt einen sanften, unwiderstehlichen, innigen Sog.

      Started (Paul Bley) kommt impulsiv rezitativisch, wieder spirituell, beseelt, „ganz Musik“, lange wirkt es nicht konstruiert, nicht erdacht, sondern „einfach so wie es ist“, es fließt. Gegen Ende des Stücks erweitert Bley dann doch den Klangraum sehr bewusst – und er harmonisiert das Stück, schließt sanft die Tür. Private Konnotation…?

      Open, to love (Annette Peacock) – LP-Titel wie Stücktitel 4, und wieder der offene Raum wie zu Beginn der Platte, man spürt, das ist etwas sehr Persönliches, der Pianist sucht, er gibt seine ganze Seele für diese innige Suche.

      Flucht oder Rettung in den Blues? Harlem (Paul Bley) offenbart den intellektuellen Vollblutblueser.

      Seven (Carla Bley) geht erneut auf empfindsame Suche im offenen Raum. Was für ein Klavieranschlag allein hier, was für zutiefst persönliches Jazz-Klavierspiel. Erneut stabilisiert Bley gegen Schluss, harmonisiert er. Private Konnotation…?

      Nothing ever was, anyway (Annette Peacock), das letzte Stück, wirkt verloren im Raum, noch verlorener als die Stücke davor. Zwischendurch mag man einen zerrissenen, gequälten Aufschrei durchhören, in einer verdichteten Passage.

      Man stellt die CD nach einer sehr persönlichen Jazzklavierdreiviertelstunde zurück ins Regal. Was mich betrifft: Open, to love… (aber sowas von...)
      Herzliche Grüße
      AlexanderK