MOZART: Don Giovanni - München, Bayerische Staatsoper, 31.10.09 - Premiere

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    • MOZART: Don Giovanni - München, Bayerische Staatsoper, 31.10.09 - Premiere

      Die erste Opernpremiere der Saison an der BSO. Es sangen:

      Don Giovanni Mariusz Kwiecien
      Der Komtur Phillip Ens
      Donna Anna Ellie Dehn
      Don Ottavio Pavol Breslik
      Donna Elvira Maija Kovalevska
      Leporello Alex Esposito
      Zerlina Laura Tatulescu
      Masetto Levente Molnár

      Inszenierung Stephan Kimmig, Musikalische Leitung Kent Nagano

      Das größte Ärgernis gleich vorab: Das münchner Premierenpublikum verwandelte sich zum Teil am Ende der Vorstellung in ein Horde wild gewordener Paviane, die Regie, Dirigenten und einige der Sänger mit einem Buh-Sturm überzogen, der an Primitivität und Dümmlichkeit kaum zu überbieten ist. Und schon gar nicht in dieser Vehemenz nachvollziehbar war. Wenn das das Premierenpublikum ist, schaue ich mir künftig lieber die zweite Vorstellung an. :o:

      Aber zur Sache: Die Inszenierung fand ich leider eher misslungen. Das Beste war noch das Bühnenbild: Eine Container-Verladestation, in einem Bahnhof oder Hafen, auf einer Drehscheibe arrangierte Container. Steht (na klar) für den ewig suchenden, nie zur Ruhe kommenden Don Giovanni. Im Laufe das Abends werden die Container gelegentlich umarrangiert, so dass sich zwischen ihnen wechselnde Räume auftaten, vor allem aber werden immer wieder andere Container zum Publikum gedreht und geöffnet, in ihrem Inneren werden unterschiedliche Dekors sichtbar in denen die Szenen dann wie in einem Guckkasten spielen. Das hätte durchaus Potential, wurde in der am Ende doch recht langweiligen Inszenierung aber unter Wert verkauft.

      Das Bühnenbild hatte auch den Effekt, dass die eigentliche Stringenz der Handlung aufgebrochen wurde und das Ganze ein wenig wie ein bewegtes Bilderbuch mit Szenen aus dem Leben Giovannis wirkte, was noch dadurch verstärkt wurde, dass dieser in immer wieder neuer Gestalt erschien, mit anderen Perücken und Kostümen. Verbunden werden die Szenen durch eine stumme Gestalt („Alter Mann“ im Besetzungszettel), der schon während der Ouvertüre als nackte Vanitas-Figur an die Rampe tritt und während des Abends immer wieder auftaucht. Was nun in den einzelnen Szenen auf der Bühne zu sehen ist, läuft sich aber schnell leer und sorgt für aufkommende Langeweile. Manches wirkt unfertig, eine Führung der Personen ist nur ansatzweise zu erkennen, Rampensingen muss man mehr als einmal diagnostizieren, die Sänger schienen im wesentlichen sich selbst überlassen. Vielleicht hat auch jemand dem Opernneuling Kimmig gesagt, dass Sänger während einer Arie unfähig sind, sich zu bewegen, und er hat das beim Wort genommen.

      Hinzu kommen teilweise sehr plakative Elemente, am schlimmsten beim Gastmahl am Ende, wenn statt des Komturs ein katholischer Würdenträger erscheint, gleich mit einer ganzen Kette weiterer Repräsentanten der Gesellschaft an der Hand (ein weiterer, vermutlich protestantischer Geistlicher, ein Bundeswehroffizier, Polizisten, und was weiß ich noch alles), und alle zusammen lassen den Außenseiter Don Giovanni zur Hölle fahren. Das ist nicht nur ziemlich platt, es fällt in der Inszenierung auch völlig unmotiviert vom Himmel.

      Musikalisch sieht das alles glücklicherweise sehr viel erfreulicher aus – teilweise durchaus hochklassig. Marius Kwiecien als Don Giovanni lieferte eine fabelhafte Vorstellung, fassettenreich gestaltet, mit schönem, dunklem und kernigem Bariton gesungen. Die stärkste Bühnenpräsenz jedoch hatte der Leporello Alex Espositos, voller Spielfreude und komödiantischem Talent, eine relativ helle und junge Stimme für einen Leporello. Seine Registerarie war brillant, einer der musikalischen Höhepunkte des Abends, nicht zuletzt auch wegen der wunderbaren federleichten Begleitung Naganos. Pavol Breslik bot einen schön gesungenen Don Ottavio, aber die Jubelstürme für ihn waren meiner Ansicht nach etwas übertrieben. Die Leistungen von Ellie Dehn (Donna Anna) und Maija Kovalevska (Donna Elvira) waren solide, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die über den allgemeinen Applaus deutlich hörbaren Buhs für die Damen waren jedenfalls für mich in keiner Weise nachvollziehbar, beide waren sichtlich getroffen, Ellie Dehn schien den Tränen nah. Die Damen haben sich beim letzten Vorhang auch gar nicht mehr an die Rampe getraut.

      Das Orchester war sehr schlank besetzt, das Dirigat von Nagano geschmeidig und farbig, die Schärfen und dramatischen Gegensätze etwas zurückgenommen. Höhepunkte die schon erwähnte Registerarie, oder auch das sehr ungewöhnlich umgesetzte "Dalla sua pace" – äußerst langsam gespielt und mit Orchesterfarben gemahlt. Einige kleine und ein größeres Koordinationsproblem sollen nicht verschwiegen werden, tun aber dem sehr positiven Gesamteindruck keinen Abbruch. Dass ich den Don Giovanni lieber etwas dramatischer mag, ist letztendlich eine Geschmacksfrage.

      Ein wütender Buhsturm setzte ein, kaum, dass der letzte Takt verklungen war. Gemeint war vermutlich nicht nur diese Produktion, sondern Bachler ganz allgemein. Einzig die Herren unter den Sängern wurden verschont und einhellig bejubelt (meiner Ansicht nach Breslik eher zuviel, Kwiecien und Esposito eher zu wenig), ansonsten gab es jede Menge Buh. Sehr viel für das Regieteam, vernehmliche Buhs im überwiegenden Applaus auch für Nagano – warum auch immer, und wie gesagt neben Applaus auch deutliches Missfallen für die Sängerinnen. :shake:

      An Erfreulichem bleibt noch zu vermelden, dass wir bei der Gelegenheit unser ehemaliges Forumsmitglied Zwielicht getroffen haben, der den Beweis erbringt, dass man auch ohne Klassikforum glücklich und zufrieden sein kann.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hallo Michel,

      vielen Dank für den ausführlichen Bericht des Münchner Don Giovanni.

      Schade, Mariusz Kwiecien als Don Giovanni hätte ich mir u.U. angesehen (er gefiel mir sehr bei der letztjährigen "Lucia di Lammermoor"-Übertragung von der Met), aber was ich über das Bühnenbild und die Art der Inszenierung lese, nein danke. Um das aufzuwiegen, da müssen die Sänger schon in der Mehrzahl ganz großartig sein, da helfen ein sehr guter Leporello und ein guter Don Giovanni, zumindest gesanglich, nicht. Das lasse ich lieber, Geld gespart, wahrscheinlich auch Ärger, das brauche ich nicht.

      Allerdings finde ich die Reaktion des Publikums schon heftig. Nur frage ich mich manchmal, wie soll das Publikum denn reagieren, wenn es so gar nicht gefällt.

      Tenor nach Deinem Bericht: Münchner Neuinszenierungen sind mit großer Vorsicht zu geniessen, zumindest für mich.


      Liebe Grüße

      Kristin - wahrscheinlich Staubi, dann ist es aber gut so
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Liebe Kristin!

      Ich gebeDir völlig Recht, das Publikum hat auch ein Mitsprache-und Zahlungsrecht, es kann, nicht nur - es darf, so reagieren.

      Regisseure die heutzutage den "Don Giovanni" inszenieren, denken [die überhaupt?], denn was man in den letzten sechs Monaten vorgesetzt bekam an Bühnenbildern, da kann ich nur mein Bonmot aus dem"Streifen Thread" bringen - es ist das es einer Sau graust. :hide: :hide:

      Was nützen da gute Sänger(innen), wenn's vorn und hinten nicht stimmt, der "Giovanni" kann [und das ist von da Ponte) in Venetien spielen, aber für mich hat er immer in Spanien gespielt - und in keinem Hotel oder etwas anderen, Welchblechhütte im Wald etc.

      Die Idee von katholischen und evangelischen Würdenträgern am Schluß ist doch a Bledsinn :shake: :shake: , das hat doch mit dem Stück nichts, aber schon gar nichts zu tun. :hide: :hide:

      Liebe Grüße sendet Dir Peter, ein ebensolcher Staubi. :wink: :wink:
    • Lieber Michel,

      stelle mir gerade das Premierenpublikum als wild gewordene Paviane vor und das fällt mir nicht einmal so schwer, denn die hatten wir ja beim Rigoletto als Inszenierung auf der Bühne :D und jetzt dazu noch den Ton der Übertragung im Ohr..... :thumbup:

      Schätze auch, wie Du, dass vor allem Herrn Bachler deutlich gezeigt werden sollte, dass da mal wieder eine NI nicht so sehr, oder vielmehr so gut wie überhaupt nicht dem Geschmack des Publikums entspricht. Ein Pluspunkt ist da ja nur, dass man den Lohengrin dagegen wohl schon wieder supergut finden kann. So hat doch alles seine Vorteile ;+)

      Was ich eigentlich wirklich schlimm finde, dass die Personenregie inzwischen zum größten Teil den Sängern überlassen wird. Wozu probt man dann eigentlich so lange? Dass das im Rest der Welt unüblich ist, erwähnte Herr Kwiecien ja schon in einem Interview, da er selbst seine Rolle ja total beherrscht. Entwickelt der Regisseur sein Konzept vielleicht erst während dieser Probenzeit? Was so ein Sänger allein schon kostet. Man darf nicht dran denken. Schade ist halt, dass die Vorgängerproduktionen (Lohengrin und DG) durchaus ihre Qualitäten hatten und eine Wiederaufnahme sicherlich nicht dem guten Ruf des Hauses geschadet hätten. Warum wirft man dann für, doch offensichtlich nicht so gut ankommende Arbeiten so viel Geld auf die Straße? Ich schätze mal, dass das Gros des Publikums an sehr guten Sängern und Dirigenten (zähle Nagano natürlich dazu) im Repertoire größere Freude hat, als an mehr und mehr Inszenierungen dieser Art. Ich bin moderner Regie wirklich sehr zugetan, aber ich mag Rampensingen nicht, egal in welchem Umfeld, denn das hat eben nichts mit Regie zu tun und ist auch schade für die Sänger, die inzwischen zum größten Teil auch gute Schauspieler sind.

      Dir, lieber Michel, ganz herzlichen Dank für diese sehr gute und ehrliche Rezension. War schon im Vorfeld davon überzeugt, dass sie genau so ausfallen wird. Finde es auch sehr schön für Euch, dass Ihr Zwielicht getroffen habt und, dass es ihm offensichtlich sehr gut geht. Das ist ja das Wichtigste, obwohl natürlich schade für uns, dass wir auf seinen Bericht nun wohl verzichten müssen. Er müßte aber so ungefähr Eurer Meinung gewesen, stimmt's? Herzliche Grüße an ihn.

      :wink: Ingrid
    • Hallo zusammen,

      vielleicht gibt es hier ein kleines Missverständnis bzgl. der Buhrufe. Wie Michel ja schon geschrieben hat, hat uns die Inszenierung auch nicht gefallen und die handwerklichen Mängel waren gerade im Vergleich mit Herheims Rosenkavalier gestern in Stuttgart ziemlich eklatant. Also waren für das Regieteam Buhs eigentlich berechtigt, auch wenn ich noch nie gebuht habe. Es sollte übrigens nicht verschwiegen werden, dass es auch sehr viel auch lautstarken Applaus gab.

      Negativer aufgestossen sind mir die Buhs für die musikalische Seite. Die war wiederum im Vergleich mit gestern nämlich aus meiner Sicht besser und selbst wenn die Damen vielleicht nicht die Traumbesetzungen waren, Buhs hatten sie aus meiner Sicht wirklich nicht verdient. Und die Leistungen von Don Giovanni und Leporello wurden zwar artig beklatscht, aber wenn ich an die Jubelstürme für wirklich schlechtere Leistungen gestern denke, war das auch nicht gerecht. Nur Breslik hatte wirklich viel Applaus, der hat in München halt einen Fanclub. Auch die Buhs für Nagano (der auch viel Applaus hatte) lassen eigentlich vermuten, dass mehr nach Sympathie / Antipathie geklatscht oder gebuht wird und weniger nach der tatsächlichen Leistung - es sieht auch, als sollte die Leitung durch Bachler/Nagano abgestraft werden (bzw. Bejubelt werden, je nach Einstellung). Wenn man die Diskussionen in der Presse in München mitbekommt, vielleicht auch kein Wunder.....

      Der gestrige Rosenkavalier hat wirklich einen eigenen Thread verdient - es war eine Inszenierung voller Ideen und es ist wirklich nicht einfach über sie zu berichten. Da brauche ich noch etwas Zeit, wenn ich denn nicht komplett kapituliere. Ich fürchte aber, dass Peters und Kristins Kommentare ähnlich ausfallen würden, wir hier :D
      ("Was hat denn ein Strauss im Rosenkavalier zu suchen?"). Es war in jedem Fall auch interessant, an beiden Abend das Premierenpublikum zu erleben. In Stuttgart wurden alle einhellig bejubelt. Bachler war übrigens auch dort, ob er neidisch war?

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Ingrid schrieb:

      Was ich eigentlich wirklich schlimm finde, dass die Personenregie inzwischen zum größten Teil den Sängern überlassen wird.
      Liebe Ingrid, das würde ich so nicht unterschreiben. Das war zwar (meinem Eindruck nach) bei diesem Don Giovanni der Fall - handwerkliche Fehler, wie Melanie schrieb. Viele andere Inszenierungen, gerade auch an der BSO, zeichnen sich durch gute und detaillierte Personenregie aus, z.B. der umstrittene Lohengrin, vom Wozzeck ganz zu schweigen. Und gerade die Protagonisten des modernen Musiktheaters liefern hier die besten Beispiele für perfekt ausgearbeitete Schauspielerführung: Bieito, Herheim, Chéreau, Konwitschny und wie sie alle heißen. Der Gegensatz zwischen dem halbgaren Don Giovanni und dem Rosenkavalier in Stuttgart, bei dem jeder Schritt, jeder Griff, jede Geste saß, hätte denn auch größer nicht sein können.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • ich habe angefangen mir den Radio-Mitschnitt vom Don Giovanni reinzuziehen. Habe es aber abgebrochen, weil mir das Orchester nicht so gefiel. Vermutlich lag es daran:
      die Schärfen und dramatischen Gegensätze etwas zurückgenommen.

      Schade.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • RE: MOZART: Don Giovanni - München, Bayerische Staatsoper, 31.10.09 - Premiere

      Le Merle Bleu schrieb:

      [...]Musikalisch sieht das alles glücklicherweise sehr viel erfreulicher aus – teilweise durchaus hochklassig. Marius Kwiecien als Don Giovanni lieferte eine fabelhafte Vorstellung, fassettenreich gestaltet, mit schönem, dunklem und kernigem Bariton gesungen. Die stärkste Bühnenpräsenz jedoch hatte der Leporello Alex Espositos, voller Spielfreude und komödiantischem Talent, eine relativ helle und junge Stimme für einen Leporello. Seine Registerarie war brillant, einer der musikalischen Höhepunkte des Abends, nicht zuletzt auch wegen der wunderbaren federleichten Begleitung Naganos.[...]
      Dazu habe ich mal eine Frage. Die Radioübertragung hörte ich nebenbei bis zum Beginn der Registerarie. Kurz vor Beginn der Übertragung meinte der Moderator, daß Kwiecien ein lyrischer Bariton sei. Allerdings fand ich den kurzen stimmlichen Eindruck besser beschrieben in Deiner Formulierung.
      Den Leporello und auch das Dirigat von Nagano dazu hörte ich etwas anders. Gleich die kurzen Takte vor seiner Auftrittsarie klangen eher unzufrieden und aggressiv, Leporello fällt dann auch in gleicher Stimmung ein, wütend daß sein Herr ihn da warten läßt, ihn wieder außen vor läßt bei den Frauen usw. Die Registerarie hatte dann fast was schadenfrohes, komischerweise wirkte das eher so als wollte er Don Giovanni eins auswischen als Elvira die Meinung sagen. Vielleicht wird es ja nochmal wiederholt oder es erscheint sogar eine Aufnahme.
      Wie wurden seine Auftritte denn szenisch gelöst, gab es da was markantes oder `blieb er sich selbst überlassen`?
    • FairyQueen schrieb:

      Da es sich nicht um Weltstars handelt sondern evtl sogar Ensemblemitglieder (ich kenne die Damen jedenfalls nicht), frage ich mich wirklich was die Leute da erwarten!
      Was war denn mit der Zerlina? Um damit ausgebuht zu werden, muss man wohl grottenschlecht sein, denn normalerweise ist das ja der Publikumsliebling
      Ensemblemitglieder waren nur Masetto und Zerlina, Anna und Elvira waren Gäste (deren Namen mir aber auch bis dato unbekannt waren). Das ein oder andere Buh hat die Zerlina auch abbekommen, aber das war wohl mehr ein Unfall, weil man ohnehin schon dabei war, die Damen fertig zu machen. Und wie gesagt: Es gab auch für alle Applaus, auch für die Damen, bloß macht ein Buh-Rufer mehr Krach als 10 Applaudierende.
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    • Viele andere Inszenierungen, gerade auch an der BSO, zeichnen sich durch gute und detaillierte Personenregie aus, z.B. der umstrittene Lohengrin, vom Wozzeck ganz zu schweigen.


      Lieber Michel,

      vielleicht dachte ich jetzt zu sehr an den Münchner Lohengrin, da ich ja auch den von Herheim sah, aber kam da nicht erst durch die Gestaltung (Stimme und Ausdruck) von Jonas Kaufmann (Anja Harteros sah ich ja leider nicht) Leben in diese Inszenierung? Meinst Du, die anderen Sänger, die noch zum Einsatz kommen werden, kriegen das auch so hin? Also gut, vielleicht ist das ja tatsächlich die hohe Kunst der Regie, auch aus einer, fast wie Rampensingen wirkender Inszenierung ein emotionales Ereignis werden zu lassen.... . Die Regie bei z.B. Wozzeck, dem Holländer, Saul, Billy Budd, Lucrezia Borgia würde ich allerdings, wenn es sein muss und tat ich natürlich auch schon, mit Zähnen und Klauen verteidigen :boese: :D

      :wink: Ingrid
    • S.Kirch schrieb:

      Den Leporello und auch das Dirigat von Nagano dazu hörte ich etwas anders. Gleich die kurzen Takte vor seiner Auftrittsarie klangen eher unzufrieden und aggressiv, Leporello fällt dann auch in gleicher Stimmung ein, wütend daß sein Herr ihn da warten läßt, ihn wieder außen vor läßt bei den Frauen usw. Die Registerarie hatte dann fast was schadenfrohes, komischerweise wirkte das eher so als wollte er Don Giovanni eins auswischen als Elvira die Meinung sagen. Vielleicht wird es ja nochmal wiederholt oder es erscheint sogar eine Aufnahme.
      Wie wurden seine Auftritte denn szenisch gelöst, gab es da was markantes oder `blieb er sich selbst überlassen`?
      Zum Leporello gebe ich Dir absolut Recht. Markant inszeniert war das aber nicht, Elvira wird von Leporello während der Arie in einen der Container gesperrt (der vielleicht das Register darstellen soll?). Aber es war großartig gespielt und gesungen, Esposito gibt dem Leporello durchaus was Aufmüpfiges. Und er ist ein toller Sänger-Darsteller, der auch an der Rampe stehend (ja, da war er zeitweise tatsächlich - ein Schritt weiter, und er wäre auf die Celli gefallen) ein große darstellerische Show abliefern kann, gestenreich und ausdrucksstark.
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    • Ich finde die Abweichungen zu der Zeitungskritik, die ich heute gelesen habe, sehr interessant. Dort wird Nagano ziemlich verrissen; er habe lustlos gearbeitet (auf einen kurzen Nenner gebracht). Daran sieht man wieder, wie sich die Wahrnehmungen unterscheiden und ein Kritiker - Verriss nicht unbedingt die absolut alleingültige Meinung darstellt, gerade auch in Bezug auf die objektive, geschmacksunabhängige Leistung.

      Mir persönlich würde es zu keiner Zeit einfallen, in der Oper zu buhen, was aber wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass ich selbst Sängerin bin. Wie käme ich dazu, gerade erfolgreichere (da im großen oder auch mittleren Haus stehende) Kollegen auszubuhen, auch wenn ich eine Meinung zu ihrer jeweiligen Leistung habe. Wäre doch ziemlich schäbbig!

      Ich mag das auch sonst nicht besonders, denn es ist m. E. respektlos. Dass der Applaus geringer ausfällt, ist m. E. durchaus ausreichend, um kundzutun, dass eine Leistung nicht gefallen hat. Man merkt auf der Bühne genau, wie man angekommen ist und kann so seine Konsequenzen ziehen (mehr an der Rolle arbeiten, sie künftig als unpassend meiden o.ä.). Jedoch, unterbinden kann man da Buhen auch nicht, es bleibt eben eine drastische Äußerungsform, die oft ungerecht ist und zudem sehr undifferenziert. Worauf bezieht es sich? Den Gesang? Die vielleicht ungünstige Erscheinung (die oft gar nicht selbst zu beeinflussen ist wegen der Kostüme etc.). Steckt eine Claque dahinter?

      LG

      :wink:

      Ulrica
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ulrica schrieb:

      Steckt eine Claque dahinter?
      Ich würde nicht so weit gehen, hier eine bezahlte Claque am Werk zu sehen. Ich glaube allerdings, dass es eine größere Gruppe von Bachler-Hassern und eine kleinere Gruppe von Nagano-Hassern in München gibt, deren Verhalten nicht oder nicht nur aus der Leistung eines einzigen Abends erklärt werden kann. Ich erinnere mich, dass Zwielicht damals bei seinem Bericht über die Lohengrin-Premiere von einem ähnlichen agressiven und hasserfüllten Buh-Konzert berichtet hat.

      Wenn das so weiter geht, werde ich aus diesem Thread hier wohl eine Diskussion "Buh oder nicht Buh" auslagern müssen. Na ja, das habe ich wohl provoziert :pfeif:

      Gute Nacht dann
      Michel
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    • Ich finde "Buhen" gehört sich nicht, es gibt andere Arten der Missgunstbezeugung, wie etwa rasch das Haus zu verlassen.

      Hier kann sich jeder selbst ein Bild machen, anhand der Aussagen der "Macher"

      "http://www.youtube.com/watch?v=JxK5U4k0Z0U" und:

      "http://www.youtube.com/watch?v=NJXmWcbl8AE"


      LG Robert
    • Lieber Michel,

      ich habe mit der Frage nach der Claque nicht sie spezielle Münchner Aufführung gemeint, sondern das Thema im Zusammenhang allgemein betrachtet.; hier ,um zu zeigen, dass der Empfänger des "Buh" eigentlich nicht davon hat außer sich zu Spekulationen hinreißen zu lassen.

      Dies nur zur Klarstellung, will ja keine Paranoia pflegen :) . Ansonsten, du hast Recht, wir geraten allmählich off - topic.

      LG

      :wink:

      Ulrica
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • robert schrieb:

      [...]

      Hier kann sich jeder selbst ein Bild machen, anhand der Aussagen der "Macher"

      "http://www.youtube.com/watch?v=JxK5U4k0Z0U"

      "http://www.youtube.com/watch?v=NJXmWcbl8AE"


      LG Robert
      Der Trailer (zweiter Link) ist schon interessant. Die Slow-Motion-Geschichte ist etwas nervig, und es irritiert, dass Musik und Bild nicht immer zusammenpassen, aber ansonsten könnte man denken, dass es sich um eine spannende und Action-geladene Inszenierung handelt. Insofern haben die Macher des Trailers gute Arbeit geleistet :whistling: . Der Live-Eindruck ist leider anders...

      Ansonsten hoffe ich darauf, dass der eine oder die andere aus dem Forum sich den Don Giovanni noch anschauen wird und hier berichtet. Veilleicht kann man das ja auch ganz anders sehen und hören...

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • gioachino schrieb:

      Die beiden Trailer sind immerhin so interessant, dass ich sehr neugierig geworden bin. Schade, dass ich zu weit weg wohne, um mir die Oper aller Opern in München anzuhören und -zusehen.



      Ciao. Gioachino :cry:
      Liebr Gioachino

      Nicht traurig sein :troest: : Die Inszenierung ist leider nicht halb so spannend, wie man anhand der Ausschnitte annehmen könnte. Hier off topic: Wenn Du eine Reise machen möchtest um aufregendes Musiktheater zu sehen, dann fahr nach Stuttgart zum Rosenkavalier. Das ist zwar nicht die die Oper aller Opern (weit davon entfernt), aber eine fulminante Inszenierung. Wenn Herheims Arbeit nicht so verteufelt schwer zu beschreiben wäre, hätte ich den Thread dazu schon eröffnet. Kommt aber noch, versprochen. :wink:

      Bis dann
      Michel
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