STRAUSS: Der Rosenkavalier, Staatsoper Stuttgart, 1.11.09 (Premiere)

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    • STRAUSS: Der Rosenkavalier, Staatsoper Stuttgart, 1.11.09 (Premiere)

      Besetzung:

      Feldmarschallin Christiane Iven
      Baron Ochs auf Lerchenau Lars Woldt
      Octavian Marina Prudenskaja
      Herr von Faninal Karl-Friedrich Dürr
      Sophie Mojca Erdmann
      Jungfer Marianne Leitmetzerin Michaela Schneider
      Valzacchi Torsten Hofmann
      Annina Carola Guber
      Polizeikommissar / Notar Mark Munkittrick
      Haushofmeister Marshallin / Haushofmeister Faninal / Wirt Heinz Göhrig
      Ein Sänger Bogdan Mihai

      Musikalische Leitung Manfred Honeck
      Regie Stefan Herheim
      Bühne Rebecca Ringst
      Kostüme Gesine Völlm
      Licht Olaf Freese
      Chor Michael Alber
      Kinderchor Johannes Knecht
      Dramaturgie Xavier Zuber

      Um es kurz vorab kurz zusammenzufassen: Stuttgart leistet sich einen Rosenkavalier der Luxusklasse. Eine berauschende Inszenierung von Stefan Herheim, die vor Fantasie nur so überbordet. Die unerschöpfliche Menge an großen und kleinen Regieeinfällen, die Querverweise und assoziativ verknüpften Details in Bühnenbild und Kostümen, die ausgefeilte Personenführung – mehr, als man bei einem Besuch erfassen kann – und eine Arbeit, der man durch eine Beschreibung kaum gerecht werden kann. Also hinfahren und selber anschauen. Wir werden wohl versuchen, einen zweiten Besuch zustandezubringen. Was ich hier schreibe, ist nicht mehr als ein unzulänglicher Versuch, zu beschreiben, was zu sehen war.

      Womit beginnen? Vielleicht ein Paar Worte zum fantastischen Bühnenbild: Wir blicken in eine Halbkugel mit blauem Rand, die sich den Abend über immer wieder verwandelt. In den intimeren Szenen (Duette Octavian-Sophie) wird sie nach hinten von blauen Vorhängen abgeschlossen, oder sie ist von durchsichtigen Vorhängen begrenzt, durch die man im Hintergrund kommentierende Aktionen sehen kann – dann wirkt sie wie das Innere einer riesigen Schneekugel. Oder es wird ein Reifrockgestänge eingeblendet und die Kuppel wird ein überdimensionales Echo des blauen Rocks der Marschallin, ein Symbol für den Käfig, in dem diese Frau lebt. Gelegentlich wird ein Sternenhimmel darauf projiziert – dann erinnert sie fast an das berühmte Bühnenbild aus Schinkels Zauberflöte. Das wird alles virtuos aufeinander getürmt: Im 3. Akt sinkt die Marschallin wie der deus ex machina der barocken Maschinenoper vom Himmel, mit der Rose in der Hand erinnert sie an die Königin der Nacht, ein Kranz aus Sternen umgibt ihr Haupt vor blauem Hintergrund – das ist die Europaflagge, und das Blau ist das Europa-Blau. Denn die Marschallin ist schon am Anfang zu der vom Stier entführten Europa in Beziehung gesetzt worden – am Anfang sitzt sie vor einem Gemälde, das diese Geschichte erzählt. Der Stier steht für das Animalische, die unterdrückte Sexualität der Frau – wie praktisch, dass der Baron den Namen „Ochs“ trägt, die kastrierte Version der Sehnsüchte.

      Schon bevor die Ouvertüre beginnt, sieht man die Marschallin auf der Bühne vor ihrem Schminktisch sitzen und versonnen ihr Spiegelbild betrachten. Sie zertrümmert schließlich den Spiegel, die Ouvertüre beginnt. In den Worten des Dramaturgen: Aus den Splittern des Spiegels ersteht die Erinnerung an die Handlung, die die Oper dann im Rückblick erzählt. Und wie das mit der Erinnerung so ist: Sie verformt die vergangene Realität – und so sehen wir denn alles nicht so, „wie es war“, sondern so, wie die Marschallin es sah. Viele der Figuren treten in Tiermasken auf, die das Bild darstellen, dass die Marschallin von ihnen hat (Valzacchi als Schabe, Faninal mit geschwollenem roten Hahnenkamm, Schafsköpfe in weiß und schwarz,...). Während der Ouvertüre sieht man im Hintergrund ein Gemälde, das die Entführung der Europa durch den Stier darstellt. Die Satyrn des Gemäldes werden lebendig – die Sehnsüchte der unterdrückten Frau. Als wunderhübsches Zitat der Barockoper kommt in einer klassischen „descente“ Octavian von der Decke und verscheucht die Dämonen mit dem Schwert. Später werden die gleichen Gestalten als Diener des Ochs auftauchen, in behaarten Ganzkörperkstümen und mit überdimensionaler Dauererektion.

      Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eine vielschichtige Endzeitgeschichte, eine untergehende Gesellschaft – der Aufstieg Faninals korrespondiert mit dem Abstieg des Adels in Dummheit (Ochs) und Resignation (Marschallin), der Revolutionsterror aus Paris ist ganz nah (Jacobiner-Kostüme und abgeschlagene Köpfe, aufgespießt auf Stangen).

      Herheim arbeitet sehr mit Assoziationen aller Art – nur einen Bruchteil davon habe ich erfasst, und noch weniger hier in Worten beschreiben können.

      Musikalisch kann Manfred Honeck nicht ganz mithalten – zu fahl der Klang, zu wenig Strauß'sche Klangsinnlichkeit und Farbigkeit. Lars Woldt ist ein gut besetzter Ochs, darstellerisch und stimmlich. Christiane Iven etwas scharf in der Höhe, aber insgesamt gut. Prudenskaja ein etwas eindimensionaler, aber stimmschöner Octavian und eine einnehmende Mojca Erdmann als Sophie runden das Bild ab.

      Da ich mit meinem Versuch diese Inszenierung auch nur annähernd zu beschreiben, gnadenlos gescheitert bin, bleibt mir nur zu sagen: Großes Theater. Wer noch eine Karte bekommt - Nichts wie hin!

      Viel Applaus für alle Beteiligten. Leise, kaum zu vernehmende Buhs für die Regie, die im allgemeinen Jubel untergingen.

      P.S. Im Publikum waren der Münchner Intendant Bachler und Ioan Holender von der Wiener Staatsoper zu sehen. Wer zu hause nur den langweiligen Uralt-Rosenkavalier von Schenk hat, muss halt reisen. :D
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Lieber Michel,

      Du hast es echt gut geschafft, richtig neugierig zu machen. Man merkt auch an Deiner sehr positiven Beschreibung, dass Du ganz bestimmt nicht zu den Buhern gehört hast, sondern freudig die vielen Eindrücke wie ein Schwamm aufgesogen hast. Durch den Lohengrin in Berlin kann ich mir tatsächlich das Bühnenbild ziemlich gut vorstellen, denn es hat wohl doch gewisse Ähnlichkeiten aufzuweisen. Die Ideen scheinen Herheim auf jeden Fall nicht auszugehen. Er wäre sicher auch eine gute Wahl für den Don Giovanni in München gewesen, aber da waren die Stuttgarter einfach schneller.

      Freue mich nun schon auf spannende Berichte aus Basel. Es könnte natürlich sein, dass es dort im Opernhaus auch ein paar Paviane gibt :hide: Inzwischen habt Ihr hoffentlich eine dickere Haut und sie stören Euch nicht mehr zu sehr. Vielleicht inszeniert Bieito aber auch so überzeugend, dass dort überhaupt nicht gebuht wird und :wut2: Möglich ist alles, aber Zweifel doch angebracht :sev:

      Wünsche Euch auf jeden Fall einen sehr interessanten Kurzurlaub und DANKE
      Ingrid :wink:
    • Ingrid schrieb:

      Freue mich nun schon auf spannende Berichte aus Basel. Es könnte natürlich sein, dass es dort im Opernhaus auch ein paar Paviane gibt :hide: Inzwischen habt Ihr hoffentlich eine dickere Haut und sie stören Euch nicht mehr zu sehr. Vielleicht inszeniert Bieito aber auch so überzeugend, dass dort überhaupt nicht gebuht wird und :wut2: Möglich ist alles, aber Zweifel doch angebracht :sev:
      Liebe Ingrid, das Baseler Publikum ist einiges gewohnt. Bei der Lulu im letzten Jahr erhielt Bieito gefühlt mehr Applaus als alle Sänger zusammen, und ich habe kein einziges Buh gehört.

      Herheim und Bieito sind schon extrem gegensätzliche Regisseure - toll, wie vielfätig Theater sein kann. :klatsch:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • ='Le Merle Bleu',
      Herheim und Bieito sind schon extrem gegensätzliche Regisseure - toll, wie vielfätig Theater sein kann. :klatsch:


      Ich weiß :pfeif:

      Ist aber schön, dass Ihr beide so mögt, auch das Baseler Publikum keine Probleme mit Bieito hat (hätte ich ihm echt nicht zugetraut :hide: ) und Ihr jetzt ja wieder gut zwischen beiden Regisseuren vergleichen könnt.
      Viel Spaß und liebe Grüße
      Ingrid
    • Stefan Herheim

      Ingrid schrieb:

      Er wäre sicher auch eine gute Wahl für den Don Giovanni in München gewesen


      Der Stuttgarter "Rosenkavalier" ist absolut genial, das ist eine tolle Inszenierung geworden. Aber "Don Giovanni" von Stefan Herheim gibt es schon auch, nämlich in Essen - und das ist auch eine Inszeneirung, die wirklich sehenswert ist. Das war meine erste Begegnung mit einer Inszenierung von Stefan Herheim und ein Volltreffer.

      Es gibt keine wirkliche Ähnlichkeit mit dem Berliner "Lohengrin", aber jeder Regisseur hat so bestimmte Bilder, die er gerne benutzt. Bei Herheim ist das diese Liebe zum Puppentheater - und sowas gibt es nicht nur in Berlin, das kann man auch in Stuttgart sehen, allerdings in einer gänzlich anderen Form.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Bei Herheim ist das diese Liebe zum Puppentheater - und sowas gibt es nicht nur in Berlin, das kann man auch in Stuttgart sehen, allerdings in einer gänzlich anderen Form.


      Der Münchner Faust wurde aber, glaube ich, nicht von ihm inszeniert.* Da wurden die Puppenspieler auf jeden Fall regelmäßig ausgebuht.

      LG Ingrid

      PS. *es war David Pountney
    • Lieber Alviano

      Schön, dass Dir der Rosenkavalier auch so gut gefallen hat. Die Inszenierung ist sicher runder als der Berliner Lohengrin, obwohl der mir auch sehr gut gefallen hat. Herheim ist jetzt auf jeden Fall auf meiner "must see"-Liste ziemlich weit oben :D . Leider werde ich seine nächste Neuproduktion wohl nicht sehen - Oslo ist eben ein Stückchen weg, obwohl sein Tannhäuser dort im März 2010 mich schon interessieren würde.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)