Über Oboen

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    • Ich habe die Sendung am Sonntagabend auch gesehen und ich hatte schon den Eindruck, dass Mayer da live gespielt hat. Er hat nicht nur sein vorbereitetes Stückchen vorgespielt, um seine neue CD zu bewerben, sondern auch mit dem Moderator Götz Alsmann improvisiert. Das war so gemacht, dass es schlecht vom Band kommen konnte.
      Ich bin bei Mayer allerdings, genau wie Bernd, etwas hin- und hergerissen. Die Art und Weise seiner Vermarktung einmel außen vor gelassen, die Programmgestaltung seiner Solo-Alben (mit der ich des öfteren meine Probleme habe) auch einmal außen vor gelassen, ist Mayer natürlich einer der besten Oboisten seiner Zeit, aber, wie viele große Künstler, einer mit Polarisierungspotential. Technisch und musikalisch ist Mayer phänomenal, da kann es gar kein Herumkritteln geben. Er orientiert sich bei seinem Spiel nach eigener Aussage stark an der menschlichen Stimme (nimmt ja auch gerne Arien oder Chöre auf, in denen er dann die Gesangsstimme spielt), und das hört man seinem Ton deutlich an, finde ich. Mayer klingt immer sehr weich, sehr warm, er spielt mit viel Legato, es ist der einschmeichelnde Klang einer gut geführten und schön timbrierten Singstimme. Es klingt aber völlig "unoboenhaft". Der Ton wirkt wie glatt poliert, das etwas quäkige, enge, nasale, das den typischen Klang der Oboe ausmacht, fehlt bei ihm fast völlig. Pointiert gesagt: Mayer schafft es, seine Oboe so wenig nach Oboe klingen zu lassen wie möglich. Wenn man den Klang der Oboe gerne mag, ist das eine angreifbare Entscheidung! ;+)
      Um noch einen Vergleich zu bringen, zwischen den zwei vielleicht bekanntesten Oboisten der letzten Jahrzehnte: Von den klnglichen Eigenheiten, von denen Heinz Holliger für viele Ohren zu viel hatte, hat Albrecht Mayer wiederum zu wenig. Beide aber haben einen sehr charakteristischen, unverwechselbaren Ton und stellen gewissermaßen entgegengesetzte Extreme dar, was auf einer Oboe tonlich möglich ist.

      Das heißt natürlich nicht, dass nicht beide großartige Musiker waren und sind, es soll eher heißen, dass beide Extreme verkörpern, denen man sich ungern uneingeschränkt anschließt. Das ist mein persönlicher, laienhafter, Höreindruck von Albrecht Mayer.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Es klingt aber völlig "unoboenhaft". Der Ton wirkt wie glatt poliert, das etwas quäkige, enge, nasale, das den typischen Klang der Oboe ausmacht, fehlt bei ihm fast völlig.


      Ja, Lars, das sehe ich ähnlich, wobei diese Tendenz zu einem sehr gedeckten, glatten, obertonarmen, eher in Richtung Klarinette gehenden Ton meiner Meinung nach nicht nur bei Mayer, sondern auch bei diversen anderen deutschen Oboisten der Gegenwart zu beobachten ist.
      Solange dieses Timbre nicht zu "eng" ausfällt, finde ich es durchaus *schön*, aber meiner eigentlichen Idealvorstellung entspricht es nicht ganz. Ich bevorzuge einen tendenziell etwas offeneren Sound mit mehr Obertönen (die ja letztlich dann auch zu mehr Wärme führen). Das angestrebte Klangbild ist für mich aber eine Art Blaue Blume - manchmal habe ich ein Rohr, auf dem ich mich an einem guten Tag dem Ziel sehr nahe fühle, aber ganz erreichen kann ich es nie....und manchmal bin ich leider auch ziemlich weit weg von dem, was ich mir klanglich (und dynamisch :D ) eigentlich vorstelle....

      Wer mag, kann mal nach dem Gedicht "Die Oboe" von Jörg Hilbert googeln. Es ist auf verschiedenen Internetseiten zu finden und beschreibt unser Problem sehr treffend.

      Viele Grüße

      Bernd
    • Das Gedicht von Jörg Hilbert finde ich nett, zumal ich mich seit Neuestem ebenfalls an der Oboe versuche (demnächst folgf die zweite Unterrichtsstunde) und die Tücken des Mundstücks und des richtigen Ansatzes gerade kennenlerne. Schaunmermal, wie weit ich komme...

      Ein Oboist, der mich gerade beeindruckt, ist der 1943 geborene langjährige Solo-Oboist des RSO Stuttgart, Lajos Lencsés (Du, Bernd, hattest ihn mal erwähnt und empfohlen). Sein Spiel näher zu charakterisieren, fällt mir schwer: ein recht natürlich klingender Legatoklang wie bei A. Mayer, doch insgesamt ein wenig kantiger, plastischer? (Bin mir nicht sicher, ob ich es damit gut treffe, denn Meyers Venedig-CD gefällt mir ebenfalls gut.) "Klarinettig" klingt es jedenfalls für mich nicht. Wie Lencsés längere Spannungsbögen gestaltet, gefällt mir gut, z. B. hier:



      Abgesehen davon, daß hier wunderbar melodiöse kammermusikalische Werke zu hören sind: Interessant ist, daß Lencsés hier neben der Sonate für Oboe und Klavier op. 58 noch Werke für Oboe d'amore (2 Sonatinen mit Begleitung von Flöte, Klarinette, Harfe und Streichsextett op. 194) und Englischhorn (Monodie op. 216 Nr. 11) eingespielt hat, alles auf Instrumenten von Marigaux. Sehr zu empfehlen, auch um sich mit dem unterschiedlichen Charakter der drei Oboen-Instrumente vertraut zu machen.

      Es gibt zahlreiche Aufnahmen mit Lajos Lencsés. Wie beurteilen ihn die Kenner?

      Und welche weiteren Oboisten der Gegenwart verdienen nähere Betrachtungen? (Gefährliche Frage, denn sie könnte zu weiteren CD-Käufen führen, jedenfalls bei mir...)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • ein recht natürlich klingender Legatoklang wie bei A. Mayer, doch insgesamt ein wenig kantiger, plastischer?


      Ja, das kann man für meine Begriffe so sagen.

      Und welche weiteren Oboisten der Gegenwart verdienen nähere Betrachtungen?


      Bei youtube kannst du dir die sehr interessante Aufnahme eines langsamen Satzes aus einem Konzert von C. Ph.E. Bach anschauen. Stefan Schilli spielt, und er legt hier eine ungeheure Ausdrucksstärke an den Tag. Sicherlich gehört er zu den besten Oboisten unserer Zeit.

      Zu meinen Lieblingsoboisten (unter denen, die heute noch spielen) zählt außerdem Francois Leleux. Und einige Engländer wären noch zu nennen, so zum Beispiel Douglas Boyd. Sehr gut gefällt mir auch der Australier Bart Schneemann, der im Rotterdamer Orchester tätig ist.

      Mit der Zeit fallen mir sicherlich noch mehr Namen ein...

      Herzliche Grüße

      Bernd

      .
    • Gurnemanz schrieb:

      Es gibt zahlreiche Aufnahmen mit Lajos Lencsés. Wie beurteilen ihn die Kenner?
      Ich bin zwar kein Kenner, sondern ein Hobby-Oboist wie du, aber ich mag Lajos Lencsés auch sehr gerne. Sein Oboenklang kommt meinem Ideal ziemlich nahe und technisch wie musikalisch ist er zuverlässig ausgezeichnet.
      Und welche weiteren Oboisten der Gegenwart verdienen nähere Betrachtungen? (Gefährliche Frage, denn sie könnte zu weiteren CD-Käufen führen, jedenfalls bei mir...)

      Zwei Namen, die mir auch auf der Zunge gelegen hätten, hat Bernd schon genannt, Francois Leleux und Bart Schneemann nämlich. Leleux beeindruckt mich vor allem durch seinen runden, schönen, vollen Ton und seine mirakulöse Phrasierungskunst - seine Aufnahmen sind mir aber zum Kauf meist zu teuer muss ich gestehen.
      Bart Schneemann hat sich eine "Nische" gesucht mit dem Spiel auf Nachbauten historischer Instrumente und der Wiederentdeckung lange vegessener Literatur (etwas, was ich mir von Albrecht Meyer dringend wünschen würde). Ich kenne seine Aufnahmen von Oboenkonzerten von Ludwig August Lebrun und von den Oboensonaten Jacques Christian Michel Wiederkehrs. Schneemann ist auf beiden Aufnahmen großartig und auch die Musik lohnt ein Kennenlernen. Lebruns Konzerte gehören zum Besten und Schönsten, was für die Oboe geschrieben worden ist, Wiederkehrs Sonaten sind die einzigen wirklichen Duosonaten der Klassik für die Oboe.

      Der Name, den Bernd mir noch zu nennen übrig gelassen hat, ist der von Christoph Hartmann. Hartmann spielt neben Albrecht Meyer bei den Berliner Philharmonikern, er hat inzwischen aber auch schon zwei Soloalben herausgebracht, die mich schwer beeindruckt haben. Vor allem seine erste Platte mit Kompositionen Antonio Pascullis (der angeblich der "Paganini der Oboe" genannt wird) hat es mir angetan. Wie Hartmann es nicht nur schafft, selbst die absurdesten technischen Schwierigkeiten souverän zu meistern und wie er nicht nur schafft, bei den gemeisternten technischen Schwierigkeiten immer mit viel Klang und ausnehmend tonschön zu spielen, sondern wie er es dann noch schafft, selbst die diese wahnwitzigen Passagen noch musikalisch zu gestalten, zu phrasieren, zu singen, das hat mich so beeindruckt, dass ich Hartmann nach dem ersten Hören dieser CD ganz spontan und rein gefühlsmäßig zu meinem Lieblingsoboisten erkoren habe. Das ist jetzt fast drei jahre her und an meiner spontanen Meinung hat sich kaum etas geändert. Tonlich ist Hartmann übrigens eher dem deutschen Ideal eines warmen, runden, tiefen Klangs verpflichtet.
      Vielleicht kannst du mit diesen spontanen Gefühlsausbrüchen ja etwas anfangen. Falls dich ein Name besonders interessiert, höre ich auch gerne noch einmal in einzelne Aufnahmen hinein und schreibe dann vielleicht etwas Fundierteres.

      Liebe Grüße,
      Lars
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Tonlich ist Hartmann übrigens eher dem deutschen Ideal eines warmen, runden, tiefen Klangs verpflichtet.


      Daß ich Christoph Hartmann (damals "Kaktus" genannt) gelegentlich eines Meisterkurses mit seinem damaligen Lehrer Günter Passin vor etwa zwanzig Jahren persönlich kennenlernen konnte, habe ich schon mal geschrieben. Natürlich spielte er technisch in einer anderen Liga als ich...und im Hinblick auf den Klang trafen damals schon Cherubinos oben angeführte Attribute völlig zu. Über Mayer als ernsthafte Konkurrenz wurde damals, soweit ich mich erinnnere, auch schon geredet - im Nachhinein wundert es mich nicht, daß beide bei den Berlinern gelandet sind.... -

      Das Pasculli-Genudel brauche ich allerdings nur bedingt zu meinem Glück. Richtig gute Musik ist das für meine Begriffe nicht - es klingt sehr schwer (ist es manchmal - nicht immer - auch) und fasziniert ansonsten halt die Freunde der schnellen Finger- Manegenakrobatik.

      Beste Grüße

      Bernd
    • Hallo Bernd und Lars, habt Dank für Eure Tips! Die Namen, die Ihr nennt, sind mir noch ganz unbekannt. Werde dem mal nachgehen. Für dieses Jahr ist mein CD-Etat allerdings schon ausgeschöpft...

      :wink: :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • arundo donax schrieb:

      Das Pasculli-Genudel brauche ich allerdings nur bedingt zu meinem Glück. Richtig gute Musik ist das für meine Begriffe nicht - es klingt sehr schwer (ist es manchmal - nicht immer - auch) und fasziniert ansonsten halt die Freunde der schnellen Finger- Manegenakrobatik.


      Lieber Bernd,

      da will ich dir gar nicht einmal unbedingt widersprechen. Ich würde nicht auf die Idee kommen, Pasculli zu den besten Komponisten seiner Epoche zu zählen, ich behaupte gar nicht einmal, dass diese Opernfantasien im Hinblick auf den kreativen Umgang mit dem gegebenen Material, auf Harmonik und formale Gestaltung, oder was man dergleichen mehr als Qualitätsmesser für Musik heranziehen mag, "richtig gute Musik" seien. Das ist ziemlich simple Musik, aber sie macht mir einfach Spaß, ähnlich vielleicht wie das Meiste von Lehár, Kálmán, Fall, Abraham, Lincke, Künnecke und all diesen Operettenkomponisten.
      Man kann sich bei Pasculli an wunderbaren Melodien erfreuen (die sind zwar von Verdi, Bellini und Donizetti, aber "La rivedro nel estasi" klingt auch auf dem Englischhorn zum Dahinschmelzen^^), und man kann natürlich Fingerakrobatik bewundern - ich tue das, zugegeben, manchmal ganz gern. Täglich wollte ich solche Musik nicht hören, aber von zeit zu Zeit bin ich nicht besser als das Massenpublikum des 19. Jahrhunderts, das seinen Spaß hatte am "Schneller, höher, weiter" der gefeierten Virtuosen.
      Bei Pascullis Werken kommt dann noch dazu, dass ich, weil ich selbst auch ein Bisschen Oboe spiele, staunend da sitze und bewundere, was auf diesem Instrument alles möglich ist. Nicht alles von Pasculli ist schwer, da hast du sicher recht. Der Mann war selbst ein glänzender Oboist, der wusste genau, was nur schwer klingt, aber bequem in den Fingern liegt. Manche Stellen sind aber doch wirklich halsbrecherisch und ich kenne kaum andere Komponisten, die von Oboisten eine solche Fingerfertigkeit verlangen. Dazu gibt es kaum Atempausen in all diesen Koloraturkaskaden, und wenn dann das Thema in latenter Zweistimmigkeit verarbeitet wird (wie in der Fantasie über "La Favorita" zum Beispiel), dann wird mir ja schon beim Lesen der Noten ganz anders! :stern:

      Liebe Grüße und einen guten Rutsch in 2010,

      Lars :wink:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Liebe Oboenfreunde,
      nach längerer Absenz im Forum wünsche ich Euch und allen anderen Forianern ebenfalls einen guten Rutsch ins neue Jahr.
      Lieber Bernd, Deine Ausführungen oben bezüglich der Intonation der Marigaux-Oboen in der oberen Oktave interessieren mich etwas genauer, da ich selbst eine klassische 910 Vollautomatik spiele und gestehen muss, dass ich bei sonst voller Zufriedenheit bei manchem Rohr schon flexibel anblasen muss, um die Tonhöhe zu erwischen. Auch ich habe die Umstellung auf die heute beliebte Halbautomatik mangels Durchhaltevermögen nicht geschafft!

      Gruß,

      Ernst
      "Music is the voice of the all - the divine melody - the cosmic rhythm - the universal harmony." aus Music for all of us (Stokowski, 1943)
    • Man kann sich bei Pasculli an wunderbaren Melodien erfreuen (die sind zwar von Verdi, Bellini und Donizetti,


      Lars, ich habe ja mit Bellini, Donizetti und auch dem frühen Verdi große Schwierigkeiten (italienische Opern zwischen dem späten Vivaldi und La Traviata veursachen mir in aller Regel grüne Pickel) . Daß ich dann nicht so viel Freude an Pascullis Kabinettstückchen habe, liegt auf der Hand.... -

      Ernst, die "klassische" 910 von Marigaux ist ohne Frage ein ganz exzellentes Oboenmodell, welches nicht von ungefähr in der deutschen Orchesterlandschaft besonders beliebt ist. Viele mir befreundete/bekannte Oboisten spielen außerordentlich klangschön auf ihr oder ihrer halbautomatischen Schwester.
      Trotzdem finde ich den heiklen Bereich um g2/a2 auf fast allen Marigaux-Oboen (und auch bei anderen französischen Instrumenten wie Rigoutat, Buffet oder Lorée) mehr oder minder suboptimal. Das g2 tendiert nach oben, während das a2 hängt oder insgesamt schwer zu finden ist. Beide Töne liegen halt im Bereich der für sie zuständigen Oktavklappen an der Grenze, und es scheint für die Hersteller sehr schwierig zu sein, sie möglichst perfekt und standfest auszustimmen.
      Auf den beiden "Adler"-Modellen, die ich benutze (zur Zeit bin ich von der Ringklappenvariante wieder auf mein Cocobolo-Modell mit Deckeln ausgewichen), ist dieses Problem ganz ausgezeichnet gelöst - das g2 bleibt auch im Forte angenehm tief, und das a2 kann ich mit ansonsten flexiblen Rohren ziemlich sicher anblasen. Auch b2 und h2 "stehen" besser und strahlen schöner als auf der Marigaux. Beim c3 mit Normalgriff ist die Marigaux dann wieder im Vorteil, wobei ich das kleine Manko der Adler dadurch behebe, daß ich links noch die e-Klappe mitgreife.
      Da es die in jeder Hinsicht optimale Oboe zumindestens nach all meinen bisherigen Erfahrungen nicht gibt, bezahlt man die sicherere Höhe mit einer etwas schwerer ansprechenden Tiefe. Besonders trifft das auf meine Ringklappen-Adler zu - das Cocobolo-Deckenklappenmodell steht im unteren Tonbereich nicht sehr hinter der Marigaux zurück. Aber dafür hängt bei ihr (im Gegensatz zur Ringklappen-Adler) das g1 recht deutlich durch, ein Fehler, welcher bei diversen Barocksonaten in g-moll oder beim 2. Satz Eroica zu verschärften Rohrbaubemühungen führen kann....

      Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwelche Problemtöne gibt es immer. Man muß sich das Instrument heraussuchen, welches die eigenen Schwächen am wenigsten hervortreten läßt und mit möglichst vielen Rohren gut spielbar ist. Für mich ist das - so viel ist mir nach langjährigen Versuchen klar - keine Marigaux (wobei diejenige, welche ich für entsprechende Kunden zu Rohrbauzwecken verwende, eine vergleichsweise gute Höhe besitzt) .

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Mit der Zeit fallen mir sicherlich noch mehr Namen ein...
      Hansjörg Schellenberger?
      Kann mir einer von Euch Spezialisten sagen, ob er überhaupt noch spielt, oder hat er sich ganz auf's Dirigieren verlegt?
      Dank und Gruß
      Alexa
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Alexa, klar, Schellenberger war eine Zeit lang DER Name schlechthin, wenn es in Deutschland um die Oboe ging. Ich persönlich mag bei allem Respekt seinen Stil nicht so sehr; den Klang finde ich zwar sehr weich und flexibel, aber gleichzeitig auch etwas eng und gepresst. Und musikalisch ist mir vieles (nicht alles) von ihm zu glatt.

      Zuletzt ist Schellenberger stark in den Schatten Albrecht Mayers geraten. Ich selber mußte googeln, um herauszufinden, ob er noch spielt. Offensichtlich ist er aber noch aktiv (z.b. bei Konzerten des Ensembles Wien-Berlin).

      Viele Grüße

      Bernd
    • Bin ja gerade dabei, mich bei den verschiedenen Oboisten herumzuhören, um so etwas wie unterschiedliche Charakteristika und Stile herauszuhören. Ein Solist, der mir da gerade als recht eigen vorkommt, ist Stefan Schilli (Bernd hatte ihn schon mal erwähnt). Eben höre ich Strauss' Konzert, wobei mir Schillis Klang vergleichsweise dünn und ein bißchen kühl erscheint. Das meine ich nicht negativ. Auch wenn ich etwas die volle Tiefe vermisse: In der Höhe klingt das ganz klar und sehr fein, so richtig schön näselnd und charaktervoll, von einer Sopranstimme nicht so weit entfernt. Meine CD enthält noch die Oboenkonzerte von B. A. Zimmermannn und Martinů: Da finde ich das Beschriebene noch deutlicher. Ist das französische Schule? Irgendwo habe ich mal gelesen, daß Oboen in französischen Orchestern früher deutlich nasaler und heller klangen als in deutschen.

      Über meinen eigenen "Stil" möchte ich nicht allzuviel aussagen: Ich übe jetzt fast täglich und mein Oboenlehrer meint, daß wir noch eine ganze Weile "Enten jagen" werden... :D
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • arundo donax schrieb:

      Alexa, klar, Schellenberger war eine Zeit lang DER Name schlechthin, wenn es in Deutschland um die Oboe ging. Ich persönlich mag bei allem Respekt seinen Stil nicht so sehr; den Klang finde ich zwar sehr weich und flexibel, aber gleichzeitig auch etwas eng und gepresst. Und musikalisch ist mir vieles (nicht alles) von ihm zu glatt.

      Zuletzt ist Schellenberger stark in den Schatten Albrecht Mayers geraten. Ich selber mußte googeln, um herauszufinden, ob er noch spielt. Offensichtlich ist er aber noch aktiv (z.b. bei Konzerten des Ensembles Wien-Berlin).

      Viele Grüße

      Bernd
      Hallo Bernd,
      danke für die Info.
      Ich habe Schellenberger nur einmal ohne Berliner Philharmoniker "drumrum" gehört. In einem als "philharmonischen Gipfeltreffen" vermarkteten Konzert mit Wolfgang Schulz in Münster. Orchestre Philharmonique de Strasbourg, Jan Latham König 1998.
      Honegger: Concerto da camera für Flöte, Englischhorn und Streicher; Moscheles Konzertante F-Dur für Flöte und Oboe. Schellenberger fand ich damals toll, überhaupt nicht eng, Wolfgang Schulz fiel im Vergleich zu ihm etwas ab. Aber ich zehre immer noch von den Erinnerungen an dieses Konzert. Schon für diese so selten aufgeführte Stücke hat sich der Besuch gelohnt.
      Viele Grüße
      Alexa
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Irgendwo habe ich mal gelesen, daß Oboen in französischen Orchestern früher deutlich nasaler und heller klangen als in deutschen.


      Das stimmt auch weitgehend, Gurnemanz. Aber Schillis Tongebung finde ich nicht "französisch", wobei sie sicherlich auch nicht in idealtypischer Weise den deutschen Stil verkörpert. Als ich Schilli hier in Aachen live gehört habe, fand ich den Klang sehr präsent, intensiv, voll und saalfüllend, jedenfalls alles andere als dünn. Die dir vorliegende CD kenne ich allerdings nicht - manche Eindrücke, die man von der Konserve hat, können ja auch mit der Aufnahmetechnik zusammenhängen.

      Schellenberger habe ich, wie ich bekennen muß, bislang noch nie in natura erlebt. Wenn ich ihn im Radio oder auf CD gehört habe, klang es für mich immer ein wenig nach sehr angespannten Lippen, nach "i" statt nach "o".

      Anläßlich meiner Aufnahmeprüfung in Maastricht notierte mein späterer Lehrer unter anderem: "Typisch deutscher, junkender ("jaulender") Klang". Damals war ich leicht beleidigt - aber nach gründlichen Umerziehungsmaßnahmen :D finde ich inzwischen auch, daß verschiedene deutsche Oboisten ein wenig die Tendenz zu einer sehr weichen, abgedeckten, aber eben auch eher nach "i", also nach einer engen Mundstellung klingenden Farbe haben. Und gerade bei Schellenberger kamen mir diese vier Worte meines Lehrers öfter in den Sinn....

      Bayern 4 hat übrigens ein Interwiew mit Schellenberger als Podcast ins Netz gestellt. Es geht dort mehr um seine Dirigententätigkeit, aber das Anhören lohnt sich für meine Begriffe auf jeden Fall. Schellenberger, der gleichzeitig Mathe und Oboe studiert hat, ist schon eine spannende Persönlichkeit.

      Viele Grüße

      Bernd
    • Hallo Bernd,
      erstmal danke für Deine ausführliche und gekonnte Darstellung der Stärken und Schwächen verschiedener Oboen. Werde wohl auch aus pragmatischen Gründen vorerst bei meiner alten Liebe bleiben.

      Hallo Alexa,
      Schellenberger ist noch sehr umtriebig und gibt Meisterkurse hier bei mir in der Nähe in seinem jetzigen Wohnort Aschau im Chiemgau. Ich konnte ihn schon live in Kammermusik mit - nehm ich mal an - seiner Ehefrau in der Aschauer Kirche zur Weihnachtszeit erleben. Er ist gealtert im Vergleich zu den früheren Aufnahmen, aber live noch immer ein beeindruckender Oboist und sein Ton ist meiner Meinung nach rund und sehr ansprechend.

      Hallo Gurnemanz,
      Stefan Schilli war zumindest während meiner Studienzeit Anfang dieses Jahrtausends in München als Solooboist, ich glaube des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, tätig und ich konnte Ihn mehrmals live sowohl bei Orchestersoli als auch kammermusikalisch erleben. Er hat ja mindestens einmal den ARD-Wettbewerb gewonnen und mir ist eine Fernsehübertragung in Erinnerung, wo die Kandidaten Schumanns Oboenromanzen vortragen mussten. War die vorherige Kandidatin bereits perfekt im Vortrag, so hat er eine Leistung vorgelegt, die nichts außer atemberaubend war (Intonation, Klangfarbe, Agogik) :juhu: :juhu: :juhu: .

      Vielleicht zum Schluss möchte ich noch Simon Dent erwähnen, der zu meiner Jugendzeit in den 90ern in Salzburg sehr erfolgreich war. Ich durfte ihn persönlich kennenlernen, da er mit meiner damaligen Kunstlehrerin am Gymnasium befreundet war. Er war ein spätberufener Oboist, ganz bestimmt nicht der perfekteste, aber dieser Ton. Meine CDs von ihm sind persönliche Erinnerungen.
      Als letzten möchte ich noch Thomas Hipper ins Feld führen, den Solooboisten des Gewandhausorchesters in Leipzig. Er stammt aus meiner Nähe und war 1990/91 mein erster Oboenlehrer. Da ich eine miese Kreuloboe als Leihinstrument hatte, habe ich in dem Jahr erstmal schrauben von ihm gelernt. Ich habe mehr bei anderen Lehrern gelernt, aber in seinen Stunden habe ich wunderbares Oboenspiel erlebt, da er mir nach getaner Arbeit ab und zu als Zuckerl noch kurz seine aktuellen Projekte vorspielte. So habe ich das Oboenkonzert von Strauss zum erstenmal gehört. Aber ich möchte hier nicht zu weit ausholen und eventuell zu sehr ins Detail gehen.

      Gruß,
      Ernst
      "Music is the voice of the all - the divine melody - the cosmic rhythm - the universal harmony." aus Music for all of us (Stokowski, 1943)
    • Hallo Ernst,

      daß du Unterricht bei Thomas Hipper gehabt hast, ist für mich interessant. Denn ich suche schon seit längerem nach einem Außenhobel, der mir etwas mehr Arbeit abnimmt, als es meine Rieger-Maschine (mit der ich ansonsten sehr zufrieden bin) tut. Denn ich stoße mit der Schnitzerei rein zeitlich immer mehr an meine Grenzen. Eine Michel-Maschine kommt für mich wegen des fehlenden Service nicht in Frage, und ein anderes Gerät, welches von einem Frankfurter Produzenten angeboten wird, ist mit weit über 3000 Euro sehr teuer. Aber vor ein paar Tagen bin ich auf einen Schweizer Instrumentenbauer und Händler gestoßen, der einen sehr attraktiv aussehenden Außenhobel im Programm hat. Auf seiner Website heißt es unter anderem dazu:

      "Diese Maschine gibt es für Fagott und Oboenrohre. Die Oboenfassung dieser Maschine hat Christoph Hipper (Fagottist der Camerata Salzburg) in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Thomas (Solo-Oboist beim Gewandhausorchester zu Leipzig) entwickelt.
      Die Form für die Oboenrohre wurde nach einem Musterrohr von Thomas Hipper hergestellt."

      Kannst du denn etwas (möglichst viel :D ) zu Hippers Blastechnik und natürlich zu seinen Rohren sagen? Hast du noch Kontakt zu Hipper?

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • Albrecht Mayer

      Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, den "berühmtesten Oboisten der Gegenwart" (so liest man) Albrecht Mayer in Heidelberg zu erleben. Er spielte, zusammen mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg unter Patrick Lange, Bachs Konzert für Oboe d'Amore A-dur BWV 1055 und als Zugaben,ebenfalls mit Orchester, die Bearbeitung einer Händel-Arie und noch ein barockes Solostück, das ich nicht erkannte, alles auf der Oboe d'Amore.

      Meine Gefühle waren gespalten - und damit kann ich durchaus bestätigen, was hier bereits angeklungen ist -: einerseits ein technisch perfektes Spiel, mit langen gut durchgearbeiteten Passagen (wie schwer das ist, das ist mir als Anfänger auf der Oboe bereits klar geworden), andererseits ein Spiel, das mich innerlich wenig berührt hat: zu kühl, zu berechnet und vor allem zu glatt kam mir das vor. wenn ich das z. B. mit dem Spiel von Bart Schneemann vergleiche (von dem ich mittlerweise ein paar Aufnahmen, z. B. von Lebrun, besitze): Das klingt für mich lebendiger.

      Gerade bei Barockmusik (ein eigenes Thema) wäre mir ein Spiel mit Ecken und Kanten lieber: eines, das den sprachlichen Charakter der Musik, die Affekte deutlicher herausarbeitet.

      Eine interessante Erfahrung war das allemal.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hallo Gurnemanz,

      wie empfandest du denn den Klang? Wenn ich Aufnahmen mit Mayer höre, kommt mir sein Sound auf der Oboe d´amore vergleichsweise dünn und quäkig vor; die "normale" Oboe bläst er wesentlich voller und wärmer, obwohl er zusammen mit der Firma Mönnig ein neues, angeblich besonders sonor klingendes d´amore -Modell entwickelt hat. Ich bin leider bislang noch nicht dazu gekommen, es auszuprobieren (auch dieses Jahr schaffe ich es aus arbeitstechnischen Gründen mal wieder nicht auf die Frankfurter Messe, die gerade beginnt).

      Auf der d´amore ist die Intonation übrigens besonders heikel - in dieser Hinsicht habe ich bei Mayer allerdings nie auch nur die Andeutung einer Unsauberkeit gehört....

      Musikalisch finde ich Mayers Barockinterpretationen sehr unterschiedlich. Sein Marcello-Konzert z.b. ist für meine Ohren unglaublich einfallreich und mitreißend gestaltet, während viele seiner Bach- und Händelbearbeitungen die beschriebene Konturlosigkeit zeigen.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      [...] wie empfandest du denn den Klang? Wenn ich Aufnahmen mit Mayer höre, kommt mir sein Sound auf der Oboe d´amore vergleichsweise dünn und quäkig vor [...] Auf der d´amore ist die Intonation übrigens besonders heikel - in dieser Hinsicht habe ich bei Mayer allerdings nie auch nur die Andeutung einer Unsauberkeit gehört....
      Letzteres kann ich, was das erlebte Konzert angeht, bestätigen: Das war makellos. Technisch scheint Mayer, wie gesagt, ohnehin perfekt zu sein. "Dünn" oder "quäkig" kam es mir nicht vor (gut möglich, daß Du es so empfunden hättest). Bei allen drei Stücken hatte ich den Eindruck, daß er jeweils eigene Klangcharakteristika herausarbeitete. Das im einzelnen zu beschreiben, ist mir leider nicht möglich, da ich bei der Oboe d'Amore keine Vergleichserfahrungen habe. Zu Deiner Frage: Ich fand den Klang geradlinig, klar, sehr auf Legato gesetzt, Staccato vermeidend, eben wenig sprachlich - und insgesamt nicht anrührend, weil mir die Wärme des Ausdrucks fehlte.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann