Wagner: "Tannhäuser" - Staatstheater Nürnberg, 1.11.2009 und 26.01.2011

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    • Wagner: "Tannhäuser" - Staatstheater Nürnberg, 1.11.2009 und 26.01.2011

      Das Opernhaus, das sich ein Wollknäuel in pink zum Logo erkoren hat, bringt seit Oktober das Drama um den Avantgardekünstler, der die Nase vom Sex on the rocks voll hat, den aber das Burgfräuleinwunder genauso wenig überzeugt, in der Paiser Fassung.


      Inszenierung:
      Lieschen Müller aus England. Ihr Künstlername lautet Rosamund Gilmore.
      Sie lässt ein orangefarbenes Kämmerchen über die drei Akte vom Bohèmien-Atelier mit farblich abgestimmt rosa Plüschdamen drin über einen Versammlungsraum für altgediente Verbindungsstudenten, selbstverständlich mit Treppentribüne, zu einer Messi-Bude, von der nur noch die Grundmauern stehen, mutieren.
      Im Hintergrund etwas, das wie ein abstrahierter, also, sehr abstrahierter, also so ne Art Caspar-David-Friedrich-Horizont anmutet.

      Eigentliches Thema der Oper: Aufstieg und Phall, sorry, Fall eines Konzertflügels.
      Der macht, stets zentral, auch eine Metamorphose durch.
      Ragt er im ersten Akt wenigstens halb erigiert im 45-Grad-Winkel in die Höhe, wird er im zweiten gleichsam abgetörnt, auf dass sich die biederen Sänger selbst daran, ebenfalls abgetörnt, begleiten können, was ihm aber auch nichts nützt, da er im dritten Akt ausgeweidet und derangiert als traurige Gestalt in den aufnahmeunwilligen Himmel ragt – Rahmen über Corpus.

      Ansonsten: Alles dabei, was das Herz von einer erfrischenden Wartburg-Saga erwartet.
      Da ist der frustrierte Künstler, der Noten aufschreibt und gleich wieder in die Tonne tritt, die grelle Halbweltsdame, der ich persönlich auch nicht länger aufgesessen wäre, nichts für ungut, da ist die echt bärige Jagdgesellschaft, von der irgendwie jeder ausgerechnet seinen Flachmann vergessen hat, da sind die unvergleichlich reinlatschenden Honoratioren mit extravagant bemessenen Verbeugungen und unbemüht vielsagenden Blicken während des Sängerwettstreits, welcher von Protagonisten durchgeführt wird, die offenbar ein Motivationstraining bei einem Zen-Meister durchlaufen haben, da ist ein guter Freund, der echt mitfühlend ist ey, und nicht zuletzt eine kemenatengebremste Souveränin, die ich gern mal als Salome sehen würde.
      Die Personenführung insgesamt würde jedem ordentlichen Domino-Day zur Ehre gereichen. Vor dem Start.


      Musikalische Leitung:
      Christof Prick, der seinen Namen gerne, ob der obszönen angelsächsischen Assoziation, gerne wie Périque ausgesprochen hört, was ihm bei Hannoveraner Orchestermitgliedern denn die Bezeichnung Schewanz eingebracht hat.
      Dies hat nichts mit seinen musikalischen Qualitäten zu tun.
      Sein Dirigat aber auch nicht.
      Zäh, oft ohne Zug, hier gequält kammermusikalisch, dort fett und untransparent.
      Bei den zuckenden Bewegungen ist es kein Wunder, dass immer wieder Orchestermitglieder erschreckt aufsprangen und den Graben so hektisch verließen, wie sie ihn wieder beraten.
      Die Streicher durchaus angenehm, in Trompeten und Hörnern offenbar gelegentlich abweichende Vorstellungen, ob man nicht doch die Dresdener Fassung spiele, das Holz recht rund, die Harfe präzise, aber etwas robust.


      Tannhäuser (Richard Decker): Kann wohl sonst was, ihm wünscht man allerdings, dass er in dieser Aufführung mindestens eine fette Halsentzündung hatte. Seine Stimme zeigte einen Verlauf auf der x-Achse, der als analog zur Genese des Flügels beschrieben werden kann. Allein die Romerzählung stemmte er noch mal irgendwie.

      Venus (Alexandra Petersamer): Bombig, vielleicht etwas zu bombig, möglicherweise dem Outfit angepasst.

      Elisabeth (Mardi Byers): Enorm unkeusch für die Rolle. Meine persönliche Favoritin des Abends. Eine Elisabeth, die auch mal außerhalb der Halle mit Arie stark sein kann und nicht nur Hosianna vor sich hin lispelt.

      Wolfram (Jochen Kupfer): Hohl, flach, fad. Als Abendstern hätt’ ich was fallen lassen.

      Landgraf (Guido Jentjens): Über weite Strecken sauber unsauber, wurde gegen Ende des zweiten Aktes besser. Ansonsten: Brav.

      Gesangsverein: Einzeln in der Pfeife zu rauchen, abgesehen von einem sehr schlank und wohl wie rein tönenden Walther (Martin Nyvall), im Ensemble aber sehr homogen und durchaus mitreißend.

      Chor: Beachtlich. Abgesehen von den Schultheatergesten.


      Neben mir: Ein völlig in die Venus verschossener Diabolus in Opera.
      Über uns: Eine nicht Buh rufende Alexa.

      Vielleicht sagen die auch noch was.



      audiamus
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • :mlol:

      Endlich der vom Verlag "Sätze.unterbrochen" an- und abgekündigte Roman vom in der Szene längst Kunst seienden Autorenprojekt Audi?Ah!Muß...

      Dank einer horizontal liegenden Standleitung direkt in mein Musikzimmer kann ich diesen bändefassenden Ergüssen keine andersgeartete Erektion entgegensetzen.

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Oh Audi, der Du also schriebest,
      Du hast die Vorstellung arg entstellt,
      Wenn Du in solchem Schriebfluss säuselst,
      versiegt mir wahrlich die Geduld
      ... ok da ging mir doch glatt der Reim aus!
      Nun ja, die Vorstellung, Die Euch Audi nannte, sie schaut auch meines Geist Licht,
      doch der in Durst für sie entbrannte, ihr kennt ihn alle wahrlich nicht!!!

      So etz is gut! Aber soviel musste sein, wenn schon der werte Herr Graf von Wettersstrahl hier mitblökt ...

      Das Wichtige und Ernsthafte vorweg:
      Im Grunde kann ich dem Herrn Audiamus gar net soviel widersprechen.
      Sonderlich erbaulich war diese Vorstellung in Nürnberg tatsächlich nicht.
      Herr Decker, seines Zeichens Tannhäuser dieses Abends, der dem Sänger des Walter von der Vogelweide unbestätigten Angaben zufolge einen zweistelligen Millionenbetrag dafür geboten haben soll, mit ihm die Rollen zu tauschen, konnte eine mittelschwere Indisposition kaum verbergen.
      Man musste tatsächlich im ersten Akt schon befürchten, dass er es mit der Romerzählung später vielleicht gerade einmal vom Opernhaus an die Nürnberger Stadtgrenze (vielleicht auch nur bis Schweinau) schaffen würde.

      Chefdirigent Prick schien dabei eher um eine Ausweitung der Stadtgrenzen bemüht (Stichwort: Fluchtpunkt), indem er eine nur teilweise schmackhafte, meist aber recht zähflüssige Hafergrütze anrührte.

      Der in Nürnberg bestens bekannte Jochen Kupfer (Wolfram), der am Ende mehrere Säcke voll heftigen und wohl auch herzlichen Applaus bekam, war im Gegensatz zu Richard Decker nicht indisponiert, er sang auch nicht schlecht, er war nur einfach fehlbesetzt. Er sang vor zwei Jahren in Nürnberg - wenn ich mich recht entsinne - den König Heinrich im "Lohengrin" (das war mal eine wirklich spannende Inszenierung, die Intendanz gehört im Übrigen für die Verweigerung zur Wiederaufnahme gehörig hergwatscht!), und da war er gut und rollendeckend.
      Das lyrische für einen glaubwürdigen Wolfram wollte ihm aber nicht recht gelingen.

      Zu den Damen: Mardi Byers als Elisabeth war gut, bzw. gefiel mir im Laufe der Vorstellung immer besser. Die ersten Töne klangen für mich zwar irgendwie unschön, ich schob es aber im Nachhinein darauf, dass Wagner sich da vielleicht einfach verkomponiert hatte, denn im Folgenden gefielen mir die Töne von Frau Byers dann doch.
      Audiamus hat zwar Recht, wenn er auf eine nicht durch-und-durch keusche Ausstrahlung hindeutet, summa summarum ging aber somit zumindest die Idee auf, dass der Tannhäuser sich zu Elisabeth wirklich hingezogen fühlt. Auch nicht immer selbstverständlich.
      Beiläufig möchte ich erwähnen, dass die Dame, die den Hirtenknaben sang, dies sehr gut tat.

      Blieben also noch zwei Frauenrollen zu besprechen: die Venus und die Regie (auch "Inszenierung" genannt).
      Alexandra Petersamer war in vokaler Hinsicht tatsächlich das Highlight des Abends, ein volltönender, raumfüllender, warmer Mezzo, auch in der Höhe sicher. Sang den armen Tannhäuser in Grund und Boden. Ob man mich aufgrund solcher Aussagen als ihr verfallen betrachten kann, dass sei im Allgemeinen dahingestellt, dem Herrn Audiamus aber mit Sicherheit überlassen.

      Die Regie/Inszenierung ward eigentlich schon trefflich kommentiert, ich sage: Belanglos, langweilig, ohne Pfiff! Da hat man im benachbarten "kleinen" Mainfrankentheater in Würzburg im Sommer was ganz anderes auf die Bretter gezaubert, vor allem das Ballett zu beginn war atemberaubend! Aber die neue Nürnberger Intendanz scheint dem Werke Wagners sowieso wenig gewogen ... schade, schade!

      So, das war's erstmal von meiner Seite.

      Euer DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • :mlol:

      Die ersten Töne klangen für mich zwar irgendwie unschön, ich schob es aber im Nachhinein darauf, dass Wagner sich da vielleicht einfach verkomponiert hatte, denn im Folgenden gefielen mir die Töne von Frau Byers dann doch.

      Erst zierte sich das Mädchen sehr
      Dann weniger, dann wieder mehr...

      Wunderbar, DiO!

      FC, jeff Jass!

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Wiederaufnahme, 26.01.2011

      das Vorspiel wesentllich schneller als 2009, aber dem Audi wäre es sicher immer noch zu zäh gewesen. isses auch im Vergleich zu Sawallischs durchgepeitschtem Bayreuther Tannhäuser mit Windgassen, Bumbry, Silja etc. Mir gefallen beide Varianten. Das Nürnberger Orchester bewundernswert rund und ausgewogen, immer in perfekter Balance zu den Sängern. (Dieser Eindruck hängt allerdings von der Akustik je nach Sitzplatz ab).
      Tannhäuser höre ich mit abgeschaltetem Großhirn, muss also zu der nichtssagenden Inszenierung nichts mehr sagen.

      Im schwach besetzten Opernhaus kämpften die Herren Decker und Kupfer mit dem Text, die letzte Aufführung war schon ein Weilchen her. Vor allem Richard Decker darf sich bei der Souffleurin bedanken. Diesmal nicht indisponiert, klang seine Stimme sehr schön, leicht dunkel timbriert, ein bißchen mehr Vielfalt im Ausdruck hätte man sich schon gewünscht, kommt vielleicht noch, wenn er die Rolle wieder richtig drauf hat.
      Venus - Alexandra Petersamer: da kann ich mich dem DiO nur anschließen. Sie ist das Highlight des Abends.

      Diabolus in Opera schrieb:

      ein volltönender, raumfüllender, warmer Mezzo, auch in der Höhe sicher. Sang den armen Tannhäuser in Grund und Boden.
      Mit geschlossenen Augen klingt sie eher nach Kundrie als nach Venus. Ähnlich volltönend und ebenfalls den Tannhäuser stimmlich überragend Christiane Libor als Elisabeth. Das brave hausbackene Mädchen nimmt man ihr nicht ab. Die Stimme ist fast schon zu stark für Elisabeth.
      Jochen Kupfer - naja, s.o. beim DiO, für diese Rolle ist er nicht die ideale Besetzung.

      Guido Jentjens als Landgraf diesmal um Welten besser, hat auch in den Szenen mit Elisabeth sehr gut gespielt.
      Martin Nyvall als Walther wurde uns vorenthalten - der muss für den Conte di Libenskof üben. Dafür hat Rainer Zaun als Biterolf seine ganz eigene Macho-Show abgezogen - wann gibt's denn beim Tannhäuser schon was zu lachen? - und dafür nach dem 2. Aufzug mehr Applaus eingeheimst als Landgraf und Wolfram.

      Empfehlenswert ist dieser "Tannhäuser", wenn die Anreise nicht zu aufwendig ist; für die Musik - Sängerinnen und Orchester, Sänger mit Abstrichen - lohnt es sich. Der Chor war ein Genuss. Hirn abschalten - Ohren auf.
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Alexa schrieb:

      wann gibt's denn beim Tannhäuser schon was zu lachen?


      Hier z.B.: tamino-klassikforum.at/index.php?page=Thread&threadID=8080

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
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