MARTINŮ: Drei Wünsche - Stadttheater Heidelberg, 26.04.2009

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    • MARTINŮ: Drei Wünsche - Stadttheater Heidelberg, 26.04.2009

      „Drei Wünsche“, wer hat sich nicht schon mal vorgestellt, wie es wäre, wenn die legendäre Fee tatsächlich käme und nach diesen „Drei Wünschen“ fragen würde? Vielleicht wäre man so überrascht, dass einem auch nichts anderes einfiele, als „Reichtum, Jugend und Liebe“, so geht es zumindest den Menschen in der 1929 entstandenen Filmoper „Die drei Wünsche“ von Bohuslav Martinu, die soeben am Stadtheater Heidelberg Premiere hatte.

      Die Rahmenhandlung zeigt ein Filmset, bei dem eben jener Film „Drei Wünsche“ gedreht wird, der der Oper den Titel gibt. Und die Figuren dieser Rahmenhandlung und ihrer (Liebes) Verstrickungen sind denen des Films gar nicht so unähnlich. Da ist einmal das Schauspielerehepaar Arthur des St. Barbe und Nina Valencia, die im Film die Rollen des Ehepaars Monsieur Juste und Indolenda übernehmen und dann der Schauspielerkollege Serge Ellacin, der mit Nina flirtet und wohl ein Verhältnis mit ihr hat und der im Film den Cousin Adolphe spielen wird.

      Der Dreh beginnt, 1. Szene: das Ehepaar Juste wacht auf, Monsieur bricht zur Jagd auf, die gelangweilte Ehefrau lässt sich von einer Adelaide Angst vorm Alter einreden und versucht erfolglos ihren hübschen Cousin Adolphe zu verführen. 2. Szene: Auf der Jagd fängt Monsieur Juste die Fee Null (das Zahlwort lässt schon darauf schliessen, dass mit dieser Fee nicht alles gut funktionieren wird) und schleppt sie nach Hause. 3. Szene: zu Hause angekommen schlägt die Fee Null einen Deal vor: Drei Wünsche will die Fee dem Ehepaar erfüllen, dafür soll sie ihre Freiheit wiedererlangen. Indolenda wünscht sich als erstes Reichtum, das Haus verwandelt sich, die grosse Gesellschaft findet sich ein und die Fee Null verkündigt die Hochzeit zwischen Adolphe und Eblouie, sowie eine Schiffsreise zur „goldenen Insel“.

      4. Szene: erst läuft auf der Schiffsreise alles gut, dann sinkt das Schiff – die Reisenden stranden an einer wilden Insel. Dort trifft (5. Szene) Adolphe auf die schwarze Dinah, die den attraktiven Mann sogleich zum Fressen gern hat – und dies ist wörtlich zu verstehen. Zwischenzeitlich hat sich Monsieur Juste von der Fee Null gewünscht, dass seine Frau wieder jung sein möge. Leider funktioniert auch dieser Wunsch nicht wirklich gut: Indolenda nutzt ihre wiedergewonnene Jugend, um Adolphe aus den Händen von Dinah zu retten und ihr Ehemann muss mit ansehen, wie sich Indolenda und Adolphe beim Tango extrem nahe kommen.

      6. Szene: Eblouie tritt als Bettlerin auf und wird ausgelacht, der verzweifelte Ehemann nennt der Fee Null seinen dritten Wunsch: er will geliebt werden. Leider ist nicht seine z. Zt. reichlich untreue Ehefrau jene, die ihn (wieder) lieben wird – es ist die zufällig anwesende Eblouie, der der dritte Wunsch nutzen wird. Sie quält Monsieur Juste reichlich und schlägt ihn sogar. Klappe, Ende, Dankeschön.

      Der Epilog zeigt die Filmpremiere von „Drei Wünsche“ – das Publikum begrüsst die Schauspieler/innen Arthur des St. Barbe, Nina Valencia, Serge Allacin und Lilian Nevermore, die Darstellerin der Fee. Nina flirtet mit Serge, Arthur bleibt allein an der Bar zurück, ein Männervokalquartett singt ein Lied vom „Schiff, das ohne Liebe“ fuhr.

      Den Text zu dieser sehr unterhaltsamen und reichlich skurrilen Oper schrieb der Dadaist George Ribemont-Dessaignes – und so ist das Libretto dann auch: immer wieder tauchen Texte auf, die glänzend blühender Unsinn sind oder die vom Chor (lange vor Phil Glass) reines Zählen verlangen.

      Stark die Musik von Bohuslav Martinu: da tauchen nicht nur Anklänge an Strawinsky oder Weill auf, da erblüht auch noch einmal die gesamte Tanz- und Unterhaltungsmusik der 20er Jahre, oft leicht schräg und angeschärft. Nicht nur der Jazz durchzieht das Stück, auch die „Comedian Harmonists“ haben Eingang in die Partitur gefunden. Und wenn die schwarze Mezzosopranistin Rosemara Ribeiro als Dinah den Blues bekommt und losgroovt, dann kocht der Saal. Grandios das Dirigat von Dietger Holm, da hat jemand sichtlich Freude an dieser Musik und ihrer doch manchmal vertrackten Rhythmik und auch das Orchester gibt alles, vom Solo für Bandoneon, Cello oder Holzbläser bis zur grossen, sinfonischen Form. Dirigent Holm hilft, wo es geht, auch dem Chor, der wortverständlich und für ein kleines Haus sehr sicher agiert.

      Die Inszenierung besorgte Holger Müller-Brandes, unterstützt vom Video-Künstler Chris Kondek und auch sie gehört zu den vielen Pluspunkten dieses Abends. Mit lockerer Hand inszeniert Müller-Brandes und gar nicht so oberflächlich, wie man das aufgrund des Plots vermuten könnte.

      Durch den Zuschauerraum kommt der Schauspieler Arthur des St. Barbe, schon im Kostüm für den Film, das Skript in der Hand. Auf der Szene eine von Leinwänden begrenzte, schräge Spielfläche. Diese Leinwände lassen in der Mitte einen Spalt frei, durch den etwas später dann die Köpfe (und nur diese) der Chorist/innen zu sehen sein werden. Auf der Spielfläche, auf der Positionskreuze zu erkennen sind steht eine Frau im weissen Hosenanzug, die Schauspielerin Lilian Nevermore – oder, weil, genau so sieht sie aus: Marlene Dietrich, auch sie mit dem Skript in der Hand. Die Probe beginnt.

      Kurz danach setzt dann die Musik ein: der Chor singt Satz- und Wortfragmente. Die Bühne wird eingerichtet, die Kamera installiert. Und auf die rückwärtige Leinwand werden die Gesichter der Protagonisten Monsieur Juste und Indolenda (mit einer Ähnlichkeit von Morticia aus der „Addams Family) projiziert.

      Zum Jagd-Bild senken sich weitere Leinwände herab, Stummfilmszenen sind zu erkennen, teilweise auch Naturbilder. Die Fee Null, ganz Chansonniere, bedient sich eines Handmikrophons, bevor sie Huckepack als Jagdbeute abgeschleppt wird.

      Schade, dass Carolyn Frank als Fee das berühmte Chanson „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ von Friedrich Holländer nur rezitiert und nicht singt.

      Weiter im Stück – der Reichtum des ersten Wunsches wird nur angedeutet. Der Chor, in einheitlichen schwarzen Gewändern tritt auf. Auf diesen Gewändern sind Fragen oder kurze Statements in Silberschrift zu lesen, auch die Schiffsfahrt und der Schiffsuntergang wird geschickt angedeutet.

      Im zweiten Teil des Abends wird dann immer öfter auch der Orchestergraben oder der Zuschauerraum bespielt, das gelingt ausgezeichnet und mit viel Ironie, wenn bsplsw. der Dirigent ein altes Grammophon hervorholt, wenn auf der Bühne eine Tango-Melodie erklingt.

      Schön auch, wenn die grossgewachsene Indolenda mit ihrem eher kleinen Liebhaber Adolphe glutvoll Tango tanzt oder die mit üppigen, weiblichen Formen gesegnete Dinah sich über eben jenen Adolphe herzumachen droht.

      Am Ende dann die Filmvorführung der „Drei Wünsche“ – es sind nicht die Bilder, die den Theaterabend bestimmt haben, es sind Aufnahmen aus der Stadt Heidelberg, die dem Publikum die Stationen der Handlung nochmals zeigen: Ehekrach von Monsieur Juste und seiner Indolenda in der Strassenbahn, Jagd in den engen Gassen der Neckar-Stadt, die Fee erscheint als Bild am Himmel oder auf dem Grund eines Glases, das Monsieur Juste umstülpen wird, um die Fee zu fangen - oder Dinah, in Zivilkleidung, die auf dem Bismarckplatz, ein zentraler Platz mit ÖPNV-Umsteigemöglichkeiten in Heidelberg, singt, das sind einige der Bilder dieses Films.

      Ganz zum Schluss folgt die Premierenfeier, Marlene Dietrich, Verzeihung: natürlich Lilian Nevermore ist reichlich betrunken, das „Comedian Harmonists“-Duplikat singt noch einmal sein Stück vom „Schiff ohne Liebe“.

      Die Sängerinnen und Sänger sind beeindruckend – allen voran die Mezzosopranistin Jana Kurucová (ab der neuen Spielzeit wird sie zum Ensemble der Bismarckstrassenoper gehören) als Eblouie, Bettlerin, Adelaide und Verlobte – eine schöne, lyrische, sicher geführte Stimme, die Lust auf mehr macht und der mexikanische Tenor Emilio Pons als Adolphe/Serge. Pons ist ein Tenor, dessen Namen man sich merken sollte. Emilio Pons, dessen Lehrer Francisco Araiza ist, verfügt über eine ausgeglichene, strahlkräftige Stimme, die in der Höhe schon einiges verspricht, was sie noch nicht ganz einzulösen vermag. Wenn dieser Sänger weiter zulegt und die kleinen Probleme in der Bruchlage in den Griff bekommt, wird man ihm gewiss auch an grösseren Häusern wiederbegegenen. Zumal der Tenor über echte Latin-Lover-Qualitäten verfügt, die er in dieser Inszenierung gut unterzubringen versteht.

      Sebastian Geyer als Arthur/Monsieur Juste (ab kommender Saison in Frankfurt engagiert) zeigt einen angenehmen, lyrischen Bariton und Mareile Lichdi als Ehefrau ringt ihrem etwas zur Schärfe neigenden Sopran die Partie nicht immer ganz souverän ab.

      Carolyn Frank, die Fee Null, hat hier nicht so arg viel zu singen – aber dafür ist ihre Bühnenpräsenz erwähnenswert.

      Insgesamt wird sehr wortverständlich gesungen, bei diesem, nicht unbedingt bekannten Stück, ein erfreulicher Umstand. Und was das darstellerische angeht: da steht keiner der Sänger/innen zurück – auch im tänzerischen ist das Heidelberger Ensemble bestens aufgestellt, allein der „Pas des deux“ mit dem Regisseur des Films (ein echter Tänzer, Bertil Nestorius, in der angesprochenen Szene im schwarzen Frack) und der Fee, hat Stil, aber auch die anderen Tanzszenen können sich sehen lassen.

      Uraufgeführt wurde das Stück übrigens erst 1971 in Brno, die deutsche Erstaufführung liegt noch nicht gar so lange zurück, die fand 2002 in Augsburg statt.

      Heidelberg schliesst wegen Umbaus am Ende dieser Spielzeit sein Theater, seine Leistungsfähigkeit hat das kleine Haus mit diesem Martinu eindrücklich unter Beweis gestellt. Grosser Beifall im ausverkauften Haus für alle Beteiligten.
      Der Kunst ihre Freiheit

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Alviano ()

    • Martinů: Drei Wünsche - Aufführung am 23.05.2009

      Alviano schrieb:

      Stark die Musik von Bohuslav Martinu: da tauchen nicht nur Anklänge an Strawinsky oder Weill auf, da erblüht auch noch einmal die gesamte Tanz- und Unterhaltungsmusik der 20er Jahre, oft leicht schräg und angeschärft. Nicht nur der Jazz durchzieht das Stück, auch die „Comedian Harmonists“ haben Eingang in die Partitur gefunden. Und wenn die schwarze Mezzosopranistin Rosemara Ribeiro als Dinah den Blues bekommt und losgroovt, dann kocht der Saal. Grandios das Dirigat von Dietger Holm, da hat jemand sichtlich Freude an dieser Musik und ihrer doch manchmal vertrackten Rhythmik und auch das Orchester gibt alles, vom Solo für Bandoneon, Cello oder Holzbläser bis zur grossen, sinfonischen Form. Dirigent Holm hilft, wo es geht, auch dem Chor, der wortverständlich und für ein kleines Haus sehr sicher agiert.

      Eine eindrückliche, anschauliche und informative Besprechung, lieber Alviano - danke!

      Auch im hiesigen Lokalblatt, der Rhein-Neckar-Zeitung, die über einen "heiteren, aber nicht minder leicht melancholischen Abend" berichtete, war die Inszenierung mit ähnlicher Tendenz besprochen worden. Herausgestellt waren vor allem die erfreulichen sängerischen Leistungen sowie das Werk selbst ("Witz und Pepp und Melancholie und Größe in der kleinen Form"). Allerdings hatte der Rezensent Matthias Roth auch kritische Worte gefunden: "Die herrlich instrumentierte Partitur könnte ein paar schärfere Kontraste, kantigere Rhythmen und grellere Farben in der Realisation durch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg durchaus vertragen, auch wenn die Musiker selbst Hervorragendes leisten und [der Dirigent] Dietger Holm Bühne und Graben gut zusammenhält."

      Gestern war ich also selbst in der Aufführung.

      Eine "Filmoper" mit vielen surrealistischen Elementen, von den Musikern (Orchester wie Sängern) auf hohem Niveau dargeboten - das hat mir gut gefallen, allein schon wegen der originellen dramaturgischen Konzeption; auch die Videosequenzen, vor allem der Film, der am Ende gezeigt wird (mit Schauplätzen in Heidelberg) waren eindrucksvoll.

      Sängerisch haben mich Maraile Lichdi (als Indolenda/Nina Valencia) und Emilio Pons (Adolphe/Serge Eliacin) am meisten überzeugt, auch Sebastian Geyer (den ich als Mozart-Sänger: Don Giovanni, Graf Almaviva, kenne und schätze) war stark.

      Was den Genuß für mich allerdings erheblich trübte, war - die Musik! Ja, der Komposition konnte ich nur wenig abgewinnen, dabei habe ich viel Sinn für Stilvermischungen dieser Art, etwa bei Strawinski, Weill, Ravel und Poulenc. Was ich bei diesen als Einfallsreichtum, Witz und Raffinement bewundere, fehlte mir bei Martinů völlig: In den Drei Wünschen werden die Stile im wesentlichen nur, mehr oder weniger vermittelt, nebeneinander gestellt, ohne daß ich den Eindruck hatte, daß hier ein ordnender musikalischer Geist die Regie führte. Kurz: Ich fand das uninspiriert, langweilig und belanglos, was der Komponist bot. (Immerhin: Die Chorsätze fand ich ansprechend, zumal der Heidelberger Chor überzeugte.)

      Oder lag es am Orchester? Der Rezensent (s. o.) hatte hier "schärfere Kontraste, kantigere Rhythmen und grellere Farben" vermißt - doch woher nehmen, wenn das Werk nicht mehr hergibt!

      Ich weiß, das sind harte Worte, vielleicht überspitzt und ungerecht - aber so habe ich es eben empfunden, jedenfalls über weite Strecken.

      Ausnahme: die Filmmusik! Martinů hat zu der Premiere des Films (Titel wie der der Oper insgesamt: "Drei Wünsche") eine etwa halbstündige Musik geschrieben, von der in Heidelberg allerdings nur die letzten 10 Minuten erklangen (so in der Werkeinführung gestern erläutert): Das war in der Tat stark! Der Komponist zeigt hier (wie auch in seinen 6 Symphonien), wie virtuos er mit Orchesterfarben und Rhythmen umgehen kann. Schade, daß es nicht mehr davon gab.
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger