OFFENBACH: "Hoffmanns Erzählungen" - Stadttheater Baden, 13.November 2009

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    • OFFENBACH: "Hoffmanns Erzählungen" - Stadttheater Baden, 13.November 2009

      Meine Lieben,

      Als das Stadttheater Baden ankündigte, sich an eines der schwierigsten Werke des Opernrepertoires zu wagen, obwohl man sich bisher auf Operette, Musicals und Sprechtheater beschränkt hatte, da dachte wohl manch einer, daß da die Maus brüllen wollte. Premiere war am 14.Oktober, vorher gab es eine sogenannte Festvorstellung, also Generalprobe. Über diese wurde mir ein eher kritisches Urteil bekannt, während die Premiere ein recht positives Echo fand. Meine Frau und ich gönnten uns die Aufführung am Freitag, dem 13.November (Preis meinem Ruhestand, der mir endlich derlei ermöglicht). Wie Ihr merkt, sind wir nicht abergläubisch.


      Ich gestehe, trotz positiver Erfahrungen mit dieser Bühne etwas skeptisch, wenngleich neugierig gewesen zu sein. Ein achtbares Scheitern hätte mir schon imponiert. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Vorstellung hat mich sehr beeindruckt. Nicht daß alles gut oder gelungen war, aber das war mehr als ein Achtungserfolg! Der künstlerische Leiter des Hauses und Regisseur, Robert Herzl (wohlbekannt z.B. aus besseren Volksopertagen) hat gezeigt, wie man das Werk so gestaltet, daß auch ein Staubi begeistert ist. Herzls "Regietheater" bildet einen gelungenen Kompromiß zwischen Tradition und Moderne mit deutlichem Akzent auf dieser, wirkt aber nie provokativ oder dem Geist der Musik fern. Der Giulietta-Akt etwa beginnt im Bordell und bedarf gar keiner aufgesetzten krassen Laszivitäten, verdeutlicht aber perfekt Hoffmanns verzweifelte Hinwendung zum sinnlichen Genuß, nachdem er mit der "höheren" Liebe scheiterte. Olympias Automaten-Bewegungen sind maßvoll reduziert, das Puppengehabe beschränkt sich mehr auf Spalanzanis Personal, die - außer Cochenille - alle menschliche Automaten sind. Herzl bietet eine lebhafte, oft sehr dynamische Personenführung und arbeitet viel mit Zwischenvorhängen und Projektionen. Sein langjähriger Bühnenbildpartner Pantelis Dessyllas hat teilweise sehr gute Einfälle, teilweise schafft er aber auch nur Banales. Aber z.B. die Szene, in der Doktor Mirakel den künstlerischen Ehrgeiz Antonias aufstachelt, sie dabei in ein Theaterkostüm zwingt, wird plötzlich durch einen Blick in ein Auditorium erweitert (ich glaube, man hat eine Ansicht des alten Burgtheaters dafür verwendet): Antonia bekommt sozusagen ihr Publikum. Mit ihrer sich steigernden Ekstase brechen plötzlich Flammen aus den Kulissen , Symbol für den Höllenzauber Mirakels, aber möglicherweise auch eine Anspielung auf den Ringtheaterbrand (der ja bei einer Aufführung von "Hoffmanns Erzählungen" ausbrach).

      Gespielt wird die Kaye-Keck-Fassung in der deutschen Übersetzung von Heinzelmann, also eine Version, die so ziemlich auf dem letzten Stand der Forschung ist.

      Auf die ästhetisierende Gesangslinie, auf die schöne Eleganz französischer Spritzigkeit, auf historisierende Form wird weitestgehend verzichtet, denn mit der gut wirkenden, aber natürlich viel härter klingenden deutschen Sprache gäbe es immer Konflikte. So jedoch wird bewußt das damatische Geschehen betont, die inhaltliche Stringenz und der allmähliche Spannungsaufbau, was mit der Musik völlig konform geht. Der Antonia-Akt steht natürlich vor dem Giulietta-Akt und während er für mich sonst das Sterben in schönen lyrischen Tönen bedeutet (ich denke an die wundervolle Ileana Cotrubas oder an die Sutherland) reißt er in Baden durch dramatische Zuspitzung hin und wird zum Höhepunkt tragische Lebens. Die Protagonisten, die wir hörten, wurden offenbar konsequent nach ihrer dramatischen Eignung ausgesucht. Ich habe den "Hoffmann" dadurch sozusagen als ganz neues Werk erlebt - von einer früher nie vermittelten Schlüssigkeit. Die neuen, hier verwerteten Quellenfunde sind nicht immer richtige Ohrwürmer, aber tragen sehr zur Verständlichkeit der Handlung bei. Trotzdem bin ich froh, daß auf die "Diamant-Arie" nicht verzichtet wurde, sie paßt großartig hinein.

      Franz Josef Breznik leitete das kleine Orchester zu Präzision an, akzentuiert aber stimmig eher eine herbe Note. Ab und zu deckte er die Sänger ein bißchen zu sehr zu (zumindest hörte es von unseren Sitzen so an). Die Barcarole legte er nicht sinnlich an, sondern fast hintergründig-unheimlich. Die Höhepunkte wußte er blendend zu dosieren.

      Den stärksten Eindruck bei den Sängern hinterließ Michael Kraus als Lindorf/Coppelius/Mirakel/Dapertutto, der eine phänomenale Bühnenausstrahlung entwickelte. Dabei litt er an einem Katarrh und ließ sich in der Pause deswegen entschuldigen. Man merkte aber kaum eine Beeinträchtigung. Das müßte auch ein sehr guter Pizarro sein! Dabei sang er unter Solti sogar einen vielgelobten Papageno. Gestern verströmte er großartige Schwärze.
      Sebastian Reinthaller in der Titelrolle klingt überhaupt nicht lyrisch, aber versuchte das richtigerweise auch gar nicht, sondern vermittelte eine intensive Charakterstudie mit starken Momenten, aber auch einigen Unreinheiten. Dafür hielt er kräftemäßig tadellos durch. Sein schauspielerisches Talent ist mehr durchschnittlich, aber seine Intensität kommt gut herüber.
      Als Stella/Olympia/Antoniette/Giulietta erlebten wir eine usn bisher unbekannte Sängerin, die aus Norwegen stammende und in Wien lebende Hege Gustava Tjoenn, die sich laut ihrer Homepage sonst quer durch Operette und Oper singt bis zur Königin der Nacht (ob sie da die hohen Töne erwischt, bezweifle ich ein wenig, in der Höhe wurde die Stimme recht scharf), Im Olympia-Akt empfand ich ihr angenehmes Organ als eher zu wenig biegsam und kalt, hätte mir - trotz Kunstfigur - etwas mehr Seele und Timbre gewünscht. Aber in den Folgeakten zeigte sie quasi jugendlich-dramatische Qualitäten, spielerische Überzeugungskraft und Beweglichkeit.
      Adrineh Simonian als Muse/Niklas hatte bezwingende Phasen (besonders im Antonia-Akt) und war sonst für mich guter Durchschnitt.
      Exzellent Eugene Amesmann als Andreas/Cochenille/Franz/Pitichinaccio, gut und überzeugend Jürgen Trekel (Luther/Crespel), Beppo Binder (Nathanel/Spalanzani) und Daniel Ohlenschläger als Hermann/Schlemil. Positiv überraschte die Stimme der Mutter: Galina Klingenberger singt sonst nur im Chor der Badener Bühne. Der bekam mit Recht auch viel Beifall.

      Die letzte Vorstellung wird am 4.Dezember stattfinden. Wenn ich an den faden letzten "Hoffmann" der Staatsoper denke, dann kann man Baden nur gratulieren. Die zeigen den großen Brüdern, wo es langgeht!

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi!

      Danke für die Beschreibung, schade dass Baden für mich doch weiter weg ist, aber ich habe einen Freund im Orchester sitzen,

      und man merkt man geht in Baden "kaum Baden, wie in Wien", zumindest nach Deiner Schilderung.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink: :wink: