HENZE: Der Prinz von Homburg, Theater an der Wien, 14. November 2009

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    • HENZE: Der Prinz von Homburg, Theater an der Wien, 14. November 2009

      Beinahe 50 Jahre nach seiner
      Uraufführung hat Hans werner Henzes "Prinz von Homburg" nun erstmals auch den Weg nach Wien gefunden. Leider nicht an die WSO, sondern "nur" an unser drittes Opernhaus, das aber Punkto Repertoire und Qualität der Inszenierungen die beiden anderen längst in den Schatten stellt. Die Wiener Symphoniker unter Marc Albrecht
      nahmen sich musikalisch des Prinzen an, und was da aus dem Orchestergraben drang,
      war durchaus beeindruckend, wenn ich auch gestehen muss, dass ich mit dieser
      Musiksprache noch nicht so ganz zu Rande komme. (Es war meine Erstbegegnung mit Henze :schaem: )Ich müsste dieses Werk wohl einige Male hören, bis es sich mir vielleicht
      richtig erschließt, aber dazu hat man im THadW leider kaum Gelegenheit, wo jede
      Produktion nur vier- oder fünfmal gespielt wird.


      Die Inszenierung zu beurteilen fällt mir schon viel
      leichter, zumal mir Christof Loy auch kein Unbekannter ist. Sein Bühnenbildner
      Dirk Becker hat den Bühnenraum mittels schwarzer Holzwände in eine Form
      gebracht, mit der ich sofort einen offenen Sarg assoziierte. Ein Band aus
      grellen Neonröhren läuft die Kanten entlang und bildet den Abschluss zum
      Zuschauerraum. An der linken „Sargwand“ erkennt man ein Waschbecken mit
      Spiegel, darüber ebenfalls eine Neonröhre, ansonsten bleibt die Bühne leer. Zu
      Beginn kauert der Prinz von Homburg somnambul am linken Bühnenrand und bastelt
      traumverloren an einem Lorbeerkranz, während
      durch eine Öffnung rechts ein Lichtstrahl in den Raum fällt, auf dem
      allmählich die Hofgesellschaft hereinsickert. Ich erwähne das deshalb, weil
      Christof Loy über weite Strecken ein
      genaues Bewegungskonzept verfolgt, seine Figuren drücken sich entweder an den
      beiden Seitenwänden entlang oder queren die Bühne in der Diagonale, eben auf
      dieser manchmal sichtbaren, manchmal nur imaginierten Linie, die im ersten Bild
      der Scheinwerfer zeichnet. Der Vorwurf mancher Kritiker, Loy wäre zur
      Personenführung nichts eingefallen und seine Figuren stünden nur einfach so
      herum, teile ich ganz und gar nicht, auch wenn ich gestehe, dass ich den Sinn
      dieses sehr stilisierten Bewegungsmusters nicht immer durchschaute. Die
      Hofgesellschaft bewegt sich oft wie
      zeitverzögert, dann wieder scheint es,
      als ob sie durch unsichtbare Fäden geleitet wird, um in der nächsten Szene
      plötzlich völlig normal zu agieren. Besonders der Prinz steht im wahrsten Sinn
      des Wortes mit dem Rücken zur Wand, mit der er den körperlichen Kontakt
      förmlich sucht. Nur selten löst er sich von ihr und tritt in die Mitte der
      Bühne, wenn er z.B. mit gezücktem
      Schwert und entrücktem Blick bewegungslos in der Pose eines Heldendenkmals die
      Schlacht bei Fehrbellin „durchlebt“.
      „Ist es ein Traum?“ diese Frage des Prinzen am Schluss stellt sich dem Zuschauer von
      Anbeginn an. Christof Loy gibt darauf keine
      klare Antwort, lässt alles in der Schwebe.
      Wenn es Traum ist, dann ist es ein Alptraum, einer, der den
      Prinzen zusehends verstört und in die Defensive treibt. Er befindet sich von
      Anfang an in einem psychischen Gefängnis, aus dem er sich paradoxerweise just dann
      befreit, wenn er im richtigen sitzt. „Das Leben ist dem Derwisch eine Reise….“
      Diese wohl berühmtesten Zeilen aus dem Kleistdrama spricht, pardon singt der
      Prinz zu seinem Spiegelbild, und es
      scheint, als ob er sich zum ersten Mal erkennt und seine Lebensrealität
      akzeptiert.
      Dann gleitet auch für kurze Augenblicke die schwarze
      Rückwand in die Höhe. Auch dahinter befindet sich nur schwarzes Nichts, aber
      das verheißt doch einen Ausweg.

      Es geht Loy nicht um eine Abrechnung mit dem Militarismus,
      der Krieg findet abseits der Bühne statt, die Schlacht von Fehrbellin wird auf
      ein paar schmutzig-graue Fetzen verbrannten Papiers abstrahiert, die von rechts
      hereingeweht werden und Zerstörung
      suggerieren, und einige ebenfalls
      sehr stilisierte Verwundete – niemand trägt Uniform oder Helme. Der eigentliche
      Kampf spielt sich in den Köpfen ab, der Kampf des Individuums gegen das
      Kollektiv oder der Kampf der freien Phantasie gegen starre Konventionen/Regeln.

      Alle Personen tragen schwarz-weiße Kostüme in der Art des
      Barock, nur der Prinz lebt auch äußerlich in seiner eigenen Welt: Seine
      schwarze Hose, das schwarze Gilet über weißem Hemd und die ebenfalls schwarzen
      Stiefel lassen sich keiner Zeit zuordnen. Als Einziger verändert sich seine
      Kleidung auch nicht, während die anderen nach und nach ihre Barocktracht und
      die Allongeperücken ablegen und zum Schluss im normalen Straßenanzug, die Damen
      der Hofgesellschaft im klassischen Kostüm auf der Bühne stehen. Klar, solche
      Typen gab es zu allen Zeiten und gibt es auch heute noch, aber darauf wäre ich
      auch ohne diesen Holzhammer gekommen. Das sind genau die Platituden, die ich an
      einer Inszenierung gar nicht schätze……


      Auch der Schluss bleibt offen: Zwar nähern sich Hofstaat und
      Generalität librettogemäß dem wieder in seiner Traumwelt gefangenen
      Prinzen, bewegen sich nun völlig
      natürlich und benehmen sich wie kleine Kinder, die es kaum erwarten können, wie
      ihr Streich ausgeht, aber nach den erlösenden Schlussworten wenden sich alle
      abrupt vom Prinzen ab und verlassen die Bühne, während dieser wie vom Blitz
      getroffen zu Boden stürzt, direkt auf ein Lichtquadrat, das nun durch den geöffneten „Sargdeckel“
      auf die Bühne fällt.

      „Der Prinz von Homburg“ steht oder fällt mit dem Sänger der
      Titelpartie, und da ist Christian Gerhaher ein wahrer Glücksfall. Er hält
      diesen Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen von der ersten bis zur
      letzten Minute perfekt durch, spielt mit einer unglaublichen Intensität den
      sensiblen Idealisten, der an der Realität zerschellt und meist überhaupt nicht
      weiß, wie ihm geschieht. Herrlich seine Geistesabwesenheit während des
      Befehlsempfangs (Von Feldmarschall Dörfling mit weißer Kreide schwungvoll auf
      die linke Seitenwand skizziert), sein freudiges Erschrecken, als ihm klar wird,
      wem der im Traum geraubte Handschuh gehört, sein zartes Werben um Natalie –
      Gerhaher ist in jeder Szene absolut glaubhaft. Dazu steuert er seinen kostbaren
      Bariton bei, der besonders in den lyrischen Passagen seine Qualitäten voll
      entfalten kann und wahrhaft „balsamisch“ klingt. Auch technisch ist er den
      Anforderungen der Partie voll gewachsen,
      weder die Höhen noch die Übergangslagen bereiten ihm Probleme und zu
      meiner Überraschung entwickelt er auch die nötige Power, wenn es gilt, gegen
      die Orchesterfluten anzusingen, ohne dass die Stimme deshalb forciert klingt.
      Überraschung deshalb, weil ich Gerhaher bisher nur als äußerst virtuosen und
      sensiblen Liedsänger kannte, als Meister der leisen Töne, und ihm gar nicht
      zutraute, dass er so aufdrehen kann.
      Vielleicht war ja Britta Stallmeister als Prinzessin Natalie
      bei der PR ein Opfer ihrer Nervosität, denn von der von einigen Kritikern
      monierten Schärfe in ihrer Stimme konnte ich gestern nichts bemerken. Sie
      verfügt über eine sehr klare Stimme, die sie ziemlich geradlinig, also
      vibratoarm führt und zumindest in der von mir besuchten Vorstellung auch
      souverän alle Höhen meisterte. Sie spielte auch sehr einfühlsam und vermittelt glaubhaft, dass sie unter der in
      ihren Konventionen erstarrten Hofgesellschaft Mensch geblieben ist und das Individuum über das Gesetz stellt. Die
      Szene zwischen ihr und dem Prinzen ist von zarter Poesie erfüllt.
      Sehr gut gefiel mir auch Johannes Chum als Graf
      Hohenzollern, am wenigsten John
      Uhlenhopp als stimmlich grobschlächtiger Kurfürst von Brandenburg. Die übrigen Sänger haben kaum Gelegenheit
      sich zu profilieren, da sie meist als
      Chor in Erscheinung treten.

      Viele Bravos gab es für Marc Albrecht und Christian
      Gerhaher, große Zustimmung für das restliche Ensemble.

      Eine Nachbemerkung: Ich hatte unwahrscheinliches Glück, dass
      sich mein Logenplatz in der 2. Reihe auf der rechten Seite befand, denn 90%
      aller Szenen mit dem Prinzen spielten sich an der linken Wand ab und konnten
      selbst von der ersten Logenreihe nicht einmal dann gesehen werden, wenn sich
      die Besucher über die Brüstung hängten. Das heißt, dass ein nicht
      unwesentlicher Teil des Publikums den „Prinzen von Homburg“ nur als Hörspiel
      wahrgenommen hat, und das empfinde ich als Zumutung. Regiekonzept in allen
      Ehren, aber man darf von einer Inszenierung doch wohl erwarten, dass das
      Publikum, das immerhin mit dem Eintrittspreis ihr Zustandekommen sichert,
      auch sieht, was auf der Bühne passiert. Ich rede natürlich nicht von den
      zweiten Logenreihen, wo man damit rechnen muss, dass Teile des Bühnengeschehens
      verborgen bleiben, aber die erste Reihe kostet 96€, und dafür darf man schon
      verlangen, die Hauptperson länger als insgesamt 10 Minuten (Wenn’s überhaupt so viele waren!) zu Gesicht
      zu bekommen. Es hätte ja völlig genügt, die beiden Seitenwände etwas schräg
      nach hinten laufen zu lassen, das hätte am Konzept nichts geändert und jeder
      hätte gesehen, was sich am linken Rand abspielt. Ich hatte es natürlich fein,
      denn so toll wie gestern hatte ich von meiner 2. Reihe aus noch selten alles im
      Blickfeld!
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)