PUCCINI: Tosca, Oper Zürich, 27. (GP) und 29. (PR) März 2009

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    • PUCCINI: Tosca, Oper Zürich, 27. (GP) und 29. (PR) März 2009

      Oper Zürich, Tosca, Giacomo Puccini, 27. (GP) und 29.(PR) März 2009


      Giacomo Puccinis "Tosca" galt meine Reise in meine zweitliebste
      Opernstadt, Zürich, und das hatte zwei Gründe: Der eine heißt Jonas
      Kaufmann, der andere Robert Carsen, denn der glücklichen Kombination
      einer meiner Lieblingssänger mit einem meiner Lieblingsregisseure
      konnte ich natürlich nicht widerstehen. Außerdem wollte ich endlich
      wieder einmal eine spannende "Tosca" erleben, und in dieser Hoffnung
      wurde ich auch nicht enttäuscht.

      Allerdings etwas verblüfft, denn nach seiner sehr politisch
      orientierten Züricher Lucia dachte ich natürlich, Carsen würde diesen
      Aspekt in einer Oper, wo dies doch weit naheliegender ist, ebenfalls
      ins Zentrum seiner Regiearbeit stellen. Aber weit gefehlt, der
      historische Hintergrund interessiert Carsen ebenso wenig wie eine
      konkrete Diktaturkritik, ihm geht es diesmal um das Theater im Sinne
      von Schnitzlers "Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug." Das heißt,
      für Carsen ist Tosca in erster Linie die große Diva, erst in zweiter
      die liebende Frau, und für die Legitimation dieser Sicht gibt es im
      Libretto genügend Belegstellen. (Es handelt sich aber keineswegs um das
      beliebte und schon ziemlich abgenützte "Theater-im-Theater-Modell"!)

      Daher zeigt auch das Bühnenbild nicht die üblichen Schauplätze (Kirche,
      Palazzo Farnese, Engelsburg), sondern die drei "Aspekte" eines
      Theaters: Zuschauerraum, Hinterbühne, Bühne, wobei Ausstatter Anthony
      Ward eine sehr einfache, aber raffinierte Lösung gefunden hat, mit
      praktisch einem einzigen Bühnenbild auszukommen, das nur geringfügig
      modifiziert wird. Die Spielfläche wird von einem rechtwinkeligen
      Dreieck gebildet, dessen Basis die Abgrenzung zum Orchestergraben ist.
      Die linke, kürzere Seite besteht aus einer Mauer, die im ersten Akt als
      Hintergrund für ein beinahe fertig gestelltes Fresko - die HL.
      Maddalena - dient, die rechte, lange wird von einem Vorhang begrenzt,
      der entweder die imaginäre Bühne (im 1. und 2. Akt) oder den imaginären
      Zuschauerraum (im 3. Akt) verhüllt. Im Scheitelpunkt des Dreiecks ragen
      zwei mächtige, golden kannellierte Säulen auf hohem Sockel bis in den
      Schnürboden hinauf.

      Im 1. Akt ist der Vohang aus rotem Samt mit Goldbordüren, davor stehen
      ebenfalls rot gepolsterte Stühle in einer Anordnung, die unschwer den
      Ort als Zuschauerraum eines Theaters definieren. Ein hohes Gerüst steht
      vor dem Fresko, darunter führt eine kleine Türe in ein Nebengemach -
      die "Kapelle", in welcher Angelotti verschwindet, nachdem er den
      Schlüssel auf dem Sockel des Säulenpaares gefunden hat. Die Zuschauer
      der letzten Vorstellung haben allerhand Müll hinterlassen, u.a. auch
      Programmhefte, die ebenso wie die der echten Aufführung das Bild Toscas
      auf dem Titelblatt zeigen. Der Sagrestano, hier logischerweise ein
      Theaterdiener, beseitigt schimpfend das Chaos, rückt Sessel gerade und
      lässt das Publikum nicht im Unklaren darüber, was er von seinem Job
      hält. Beim "Angelus domini" ist er nicht so ganz bei der Sache, denn er
      hält dabei ein Programmheft in Händen und scheint die schöne Diva mit
      recht unfrommen Gedanken zu betrachten. Daher mischt sich in des
      Sagrestano Abscheu vor dem Freidenker Cavaradossi ein gehöriger Schuss
      Eifersucht, weil der besitzt, was er wohl auch gern hätte, nämlich Herz
      und Körper der vergötterten Sängerin. Giuseppe Scorsin macht aus dieser
      kleinen Rolle eine gelungene Charakterstudie, die sich mit vielen
      feinen Details einprägt.

      Jonas Kaufmann, mit Jeans und weißem, locker über die Hose hängendem
      Hemd, beides mit Farbspritzern verunziert, ist ein
      Bilderbuchcavaradossi und bewegt sich auf der Bühne mit einer
      Natürlichkeit, die mich immer aufs Neue begeistert. Nie ertappt man ihn
      bei einer pathetischen, falschen Geste, der Dirigent scheint für ihn
      nicht zu existieren, denn kaum einmal schaut er bewusst in diese
      Richtung, und trotzdem verpasst er keinen Einsatz. Wie ein großer Junge
      wirkt dieser Cavaradossi, unbeschwert, verspielt und natürlich seeeehr
      verliebt in seine Floria, deren Eitelkeit und Hang zur
      Selbstdarstellung er zwar erkennt, aber als liebenswerte Schwäche
      betrachtet. Mit Politik hat der Maler in Carsens Lesart nicht viel am
      Hut, er hasst Scarpia nicht so sehr wegen seiner politischen Funktion,
      sondern weil er ihn als Mensch verabscheut - noch nie hörte ich so viel
      Verachtung beim "Bigotto satiro".

      Dann tritt Tosca auf, und sie tut es bei Carsen in doppeltem Sinn, denn
      in (fast) allem was sie macht und sagt, ist sie die große, vergötterte
      Diva, die nie auf ihre Außenwirkung vergisst. Selbst in den intimen
      Momenten der Zweisamkeit kann sie ihre Rolle nicht ganz ablegen, und so
      tritt sie während des "Non la sospiri la nostra cassetta" vor an die
      Rampe, als stünde sie auf der Bühne und berauscht sich an der Kunst
      ihres Vortrags. Belustigt und nachsichtig lächelnd verfolgt Cavaradossi
      diesen "Auftritt" seiner Geliebten. Ist Toscas rasende Eifersucht echt
      oder gespielt? Man weiß es nicht so genau, und exakt dieser
      Schwebezustand zwischen Spiel und Realität ist es, das diese
      Inszenierung so spannend macht. Für Tosca ist die ganze Welt ihre
      Bühne, alle Menschen ihr Publikum, dessen Bewunderung sie um jeden
      Preis erringen will, selbst wenn es sich um Scarpia handelt, den sie
      als Charakter natürlich durchschaut und verabscheut. Trotzdem fühlt sie
      sich durch sein Interesse an ihr geschmeichelt, und als beinahe
      instinktive Reaktion auf sein Auftauchen im Theater (Kirche) zückt sie
      ihre Puderdose und korrigiert ihr Makeup, ihn dabei verstohlen im
      Spiegel betrachtend.

      Diesen Auftritt Scarpias inszeniert Carsen als Knalleffekt: Man
      erwartet natürlich, er würde wie die anderen von der Seite
      hereinkommen, aber nein, er taucht plötzlich wie ein Deus ex macchina
      auf dem Sockel zwischen den beiden Säulen auf, wie ein drohendes Unheil
      von oben. Natürlich verliert diese Szene an Wirkung, wenn man sie zum
      zweiten Mal sieht, beim ersten Mal hielt ich wirklich den Atem an.

      Schon im 1. Akt erkennt man, was im 2. dann natürlich offensichtlich
      ist, dass hier zwei starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen und die
      Herausforderung des jeweils anderen nicht nur annehmen, sondern in
      einer gewissen Weise auch genießen. Und wieder "spielt" Tosca ihr
      Spiel, denn eben rast sie noch vor Eifersucht, um im nächsten Moment
      huldvoll lächelnd zwei Bewunderern ihre Programmhefte zu signieren,
      bevor sie, ganz im Stil der großen Diva, abrauscht.

      Während Scarpia sein "Va Tosca...." anstimmt, füllt sich der Raum mit
      Zuschauern, die von Billeteuren auf ihre Plätze gewiesen werden, und am
      Ende des Tedeums hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine
      im goldenen Strahlenkranz thronende Tosca (Madonna), zwei goldene
      Posaunenengel schweben über ihr und kirchliche Würdenträger beugen
      ehrerbietig Köpfe und Knie - die Kirche als farbenprächtige
      Inszenierung, die jedes Theaterstück in den Schatten stellt!

      Der 2. Akt spielt auf der Hinterbühne, statt des Vorhangs erblickt man
      eine graue Stahlwand mit der Aufschrift "Vietato fumare!", wo im ersten
      Akt das Fresko hing, lehnt nun ein überdimensionales Poster von Tosca.
      Ein prächtiger Barocktisch mit passendem Stuhl - ein Requisit, wie es
      in jedem Theater zu finden ist - und links vorne einige achtlos
      deponierte Scheinwerfer charakterisieren die Lokalität. Scarpia
      betrachtet rauchend das Bild mit dem Ziel seiner Begierde.(Naja, auch
      ohne diesen flachen Gag wüsste man: "Für diesen Mann gelten weder
      Gesetze noch Verbote!", aber bitte...) Dann öffnet er eine Reihe von
      Briefen, und mit diesem Brieföffner wird er später ermordet werden.
      Cavaradossi ist so irritiert vom Bild Toscas in Scarpias Gemach, dass
      er zunächst wie geistesabwesend auf die Fragen antwortet, dann aber
      umso wütender wird, besonders, als seine Floria nun auch ad personam
      auftaucht. Sie rauscht herein, wieder ganz große Diva, im Arm einen
      Strauß roter Rosen, und scheint kein bisschen pikiert über die
      Einladung des Polizeichefs. Das ist sie erst, als sie ihren Geliebten
      vorfindet.... Nach dessen unfreiwilligem Abgang beginnt ein Verbalduell
      zwischen Tosca und Scarpia, das an Spannung nichts zu wünschen übrig
      lässt. Es sind zwei ebenbürtige Partner, die einander nichts schenken,
      und bei Tosca verhärtet sich der Verdacht, dass sie wieder einmal
      Realität und Bühne verwechselt. Das empfindet offensichtlich auch
      Scarpia so, denn bei den Worten "Mai Tosca alla scena piu tragica fu!"
      wirft er ihr höhnisch lachend das Programmheft mit ihrem Coverfoto vor
      die Füße. (Es lag auf seinem Schreibtisch) Dann zerfetzt er mit dem
      Brieföffner Toscas Bild an der Wand und wirft ihn achtlos auf den Boden.

      Selbst der halb bewusstlose Cavaradossi erschrickt über die sichtbaren
      Spuren dieser Raserei. Als er aber Toscas Verrat erkennt, wirft er den
      Rahmen mit dem zerstörten Bild auf den Boden.

      Tosca erwacht nun kurz aus ihrer Theaterscheinwelt und erkennt, dass
      dies alles kein Spiel mehr ist, dass es nicht mehr um Bewunderung und
      Ruhm, sondern um das nackte Leben und ihre Ehre geht. Carsen
      verdeutlicht dies auf berührende Art und Weise, indem er Tosca ihr
      "Vissi d'arte" beinahe im Dunklen beginnen lässt, während der
      Scheinwerfer auf Scarpia ruht, der höhnisch lächelnd an der nun nackten
      Ziegelwand lehnt. Sie ist nun nicht mehr die große Diva, sondern nur
      mehr Frau und Liebende, schutzlos und verletzlich. Allerdings dauert
      diese Phase der Reduktion auf den Menschen Floria Tosca nur kurz, denn
      im Laufe der Arie gewinnt sie immer mehr an Selbstsicherheit und bei "
      e diedi il canto agli astri" ist sie wieder ganz die berühmte Tosca,
      die mit theatralisch erhobenen Armen - und auch wieder im vollen
      Scheinwerferlicht - auf den Applaus des Publikums wartet. Dieser
      erfolgt natürlich reichlich, und als es im Zuschauerraum wieder still
      ist, applaudiert Scarpia, langsam, begleitet von hämischem Grinsen. Das
      ist eine der Momente dieser Inszenierung, die wirklich Gänsehaut
      erzeugt.

      Als dann der "Deal" geschlossen ist, benimmt sich Tosca keinesfalls wie
      ein Opferlamm, sondern will Scarpia diesen Triumph, sie erniedrigt und
      womöglich panisch zu sehen, auf keinen Fall gönnen. Im Gegenteil,
      während er den Geleitbrief schreibt, tritt sie an seinen Tisch und legt
      langsam, beinahe ein wenig lasziv, ihre Ohrringe ab und zieht die
      langen Handschuhe aus. Scarpia beobachtet sie dabei mit einem Blick,
      der alleine Thomas Hampson schon den Schauspieloscar sichern würde, und
      löst mit saradanischem Grinsen seine Fliege (Dieser Polizeichef trägt
      natürlich Anzug und Gilet.) Hastig schreibt er weiter, während Tosca
      ihr Kleid ablegt. Dabei fällt ihr Blick auf den noch immer am Boden
      liegenden Brieföffner. Herausfordernd legt sie sich auf ihr zerfetztes
      Bild und stößt ihn Scarpia, der sich mit dem "Finalmente mia!" auf sie
      stürzt, ins Herz, rollt ihn von sich herunter, kniet sich auf ihn und
      singt ein "Muori!!", das einem durch Mark und Bein geht. Dafür klingt
      das "Davanti a lui tremava tutta Roma! beinahe ein wenig spöttisch. Der
      tote Scarpia wird nicht wie üblich mit Kreuz und Kandelaber aufgebahrt,
      Tosca legt ihm das Programmheft mit ihrem Bild, das er ihr zuvor vor
      die Füße geworfen hat, auf die Brust, gemeinsam mit einer Rose, die sie
      aus ihrem Strauß zupft. Sie rennt auch keineswegs panisch davon, zieht
      sich in aller Ruhe an, vergisst auch besagten Rosenstrauß nicht und
      verlässt den Raum, wie sie ihn betreten hat: Im Stil einer großen Diva.

      Im 3. Akt befinden wir uns nun auf der völlig leeren Bühne, deren
      Vorhang (die graue Rückseite) zugleich mit dem echten hoch geht.
      Cavaradossi steht mit dem Rücken zum Publikum und blickt in den
      imaginären Zuschauerraum, der als große Dunkelheit vor ihm liegt.
      Während der Hirtenknabe sein Lied singt (übrigens vom Beleuchterraum
      hoch über den Köpfen der Zuschauer) sinkt er langsam in die Knie und
      krümmt sich am Bühnenboden. Dann kommt das einzige Element dieser
      Inszenierung, das ich nicht verstehe: Anstatt des Briefes an Tosca malt
      Cavaradossi mit Kreide ein riesiges Auge an die Ziegelmauer.
      (Bezugnehmend auf die Occhi neri?????) Sonst passiert nichts
      Spektakuläres in diesem Akt, sieht man vom wieder äußerst intensiven
      Spiel von Jonas Kaufmann und Emily Magee ab. Und wie stirbt Tosca bei
      Robert Carsen? Wie sie gelebt hat, als große Diva! Feierlich schreitet
      sie vor an die Rampe (die Verfolger treten nicht in Erscheinung, man
      hört sie nur aus dem Off), im Lichtkegel auf der ansonsten völlig
      finsteren Bühne, und springt in den imaginären Zuschauerraum.

      Wenn sich dann der Vorhang zum ersten Mal zum Schlussapplaus öffnet,
      steht Tosca alleine im Rampenlicht, zwei riesige Rosensträuße im Arm,
      und spielt noch einmal die große Diva, bevor die "richtigen" Vorhänge
      beginnen.

      Fans des extremen Regietheaters werden dieser Inszenierung nicht allzu
      viel abgewinnen können, denn eine spektakuläre Neudeutung nimmt Robert
      Carsen auf keinen Fall vor. Er konzentriert sich auf die
      Personenführung und setzt auf das intensive Spiel seiner Protagonisten,
      und diese Rechnung geht mit Emily Magee, Jonas Kaufmann und Thomas
      Hampson 100%ig auf. Da gibt es so unglaublich viele Details, subtile
      Ideen, sodass ich mir wünschte, ich könnte die gesamte Aufführungsserie
      sehen, um bei jeder Vorstellung neue Finessen zu entdecken.

      Wie gesagt: Schauspielerisch gebührt allen Sängern eine Auszeichnung,
      selbst kleinen und kleinsten Rollen verleiht Carsen ein
      unverwechselbares Profil.

      Aber auch musikalisch befanden sich beide von mir besuchten
      Vorstellungen auf sehr hohem Niveau, wobei Emily Magee und Jonas
      Kaufmann bei der PR doch Nerven zeigten und an ihre makellosen
      Leistungen bei der GP nicht ganz herankamen. Emily Magee verwackelte
      just bei "Vissi d'arte" einige Töne, was mich wahrscheinlich gar nicht
      gestört hätte, hätte ich nicht ihre GP noch im Ohr gehabt. Aber ihr
      voller, warmer Sopran, der auch bei den Spitzentönen ohne jede Schärfe
      auskommt und realtiv vibratoarm ist, so wie ich es liebe, begeisterte
      mich einmal mehr.

      Jonas Kaufmann ist sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch für den
      Cavaradossi prädestiniert und für mich endlich ein würdiger
      Aragallnachfolger, auf den ich bis zum 27. April vergeblich gewartet
      habe. Wie dieser verfügt sein Tenor einerseits über die
      Durchschlagskraft, ein fulminantes, endlos gehaltenes "Vittoria!" zu
      schmettern, bei dem der Kronleuchter klirrt, andererseits über genügend
      Atem, die typischen "Puccinibögen" schwelgerisch und auf einer
      bruchlosen Linie auszusingen und vor allem über eine perfekte
      Pianokultur. So innig, schwebend und dennoch körperhaft kamen die
      "Dolci mani" bisher eben nur von Aragall. Und just hier zeigte Jonas
      bei der PR Nerven: Während die Piani bei der GP einfach perfekt
      klangen, zum Niederknien schön, fehlte ihnen am Sonntag ein wenig die
      Stütze. Ohne den Unterschied im Ohr hätte ich wahrscheinlich wenig
      daran auszusetzen gehabt, aber so wusste ich, dass er's besser kann.
      Puccini liegt Jonas Kaufmann überhaupt besser in der Kehle als Verdi,
      diesen Eindruck fand ich zwei Tage später bei der "Traviata" bestätigt.
      Während er mir als Duca, Carlo und eben Alfredo zwar sehr gut gefällt,
      ich aber nie so restlos glücklich bin, begeistert er mich als
      Cavaradossi ohne Wenn und Aber, und die neue "Butterfly" mit ihm
      unterstreicht diesen Befund.

      Thomas Hampson gab sein Debut als Scarpia und überraschte mich dabei
      positiv. Dass er schauspielerisch einen herrlich fiesen Polizeichef
      abgeben würde, hatte ich vorausgesetzt, bei seinen letzten Auftritten
      in Wien hatte er mich stimmlich aber ziemlich enttäuscht. Nun klang er
      ausgeruht, sein warmer, eher hell timbrierte Bariton wartete mit mehr
      Farbnuancen auf als zuletzt, doch konnte man leider nicht überhören,
      dass Thomas Hampson den stimmlichen Zenit wohl überschritten hat. Die
      souveräne, strahlende Höhe von einst ist dahin, leider versucht der
      Sänger dies mit Lautstärke zu kompensieren. Das kann man beim Scarpia
      als rollendeckend durchgehen lassen, nicht aber z.B. beim Germont zwei
      Tage später. Trotzdem war es ein erfreuliches Wiedersehen mit einem
      meiner Lieblingssänger, und durch seine intelligente Rollengestaltung
      lässt mich Hampson leicht vergessen, dass es halt leider nicht mehr so
      klingt wie einst im Mai......

      Paolo Carignani war sehr kurzfristig für Christoph von Dohnany
      eingesprungen, der nach Differenzen mit dem Ensemble wenige Tage vor
      der PR das Handtuch geworfen hatte. Er hatte also kaum Zeit, das
      Orchester, das die ganze Zeit mit Dohnany geprobt hatte, auf seine
      Lesart einzustellen. Ich hatte an seinem Dirigat eigentlich nichts
      auszusetzen, hörte aber einige kritische Stimmen, dass speziell der 3.
      Akt zu langsam gewesen sei. Da Jonas Kaufmann über einen langen Atem
      verfügt, machte sich das nicht negativ bemerkbar. Dankbar bin ich
      Carignani, dass er nach ""E lucevan le stelle" nicht die übliche
      Klatschpause machte, sondern zügig weiter dirigierte, sodass der
      Spannungsbogen nicht verloren ging.

      Der ihm vorenthaltene Jubel wurde Jonas Kaufmann dann beim
      Schlussapplaus in überreichem Maße zuteil. Gäbe es ein "Applausometer",
      hätte es bei ihm am weitesten ausgeschlagen, gefolgt von Thomas Hampson
      und etwas abgechlagen Emily Magee. Das fand ich ehrlich gesagt etwas
      ungerecht, denn für mich ist sie eine großartige Tosca.

      Auch das Regieteam wurde mit ungeteiltem Jubel bedacht, es gab kein
      einziges Buh, denn das Züricher Publikum ist gottlob aufgeschlossen
      genug, dass eine Kirche auch mal ein Theater sein darf. (Eine ohnehin
      nicht so absurde Assoziation :stumm:
      )

      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Inzwischen hatte ich auch das Vergnügen, eine Aufzeichnung der Produktion mehrfach zu sehen. Ein paar visuelle Eindrücke füge ich daher an:

      Wie ausführlich beschrieben, die Inszenierung findet im Theater statt. Tosca taucht als Privatfrau, wenn überhaupt, nur im letzten Akt auf. In den ersten 100 min. ist sie Diva und wird angebetet als Heilige. Mir kam da einige Mal der Begriff von `Kunst als Religionsersatz` in den Sinn.

      So hält z.B. der Messner ein Programmheft mit ihrem Conterfei in der Hand wenn er das Angelus betet. Das Ende des 2. Aktes stellt sich so dar, daß sich der Bühnenvorhang (auf der Bühne) öffnet, Tosca als Heiligenbild wie eingebettet in eine Monstranz, verherrlicht wird. In einer Szene will sie abgehen, da stehen zwei Pinguine Spalier, die sie noch um ein Autogramm bitten. Anschl. setzt sie die Sonnenbrille auf, um unerkannt(?) zu entkommen.

      Mein Problem beim ansehen dieser Produktion war, zu fragen, was will die Frau mit Cavaradossi? Ist er nicht eher ein Rivale als daß er als Geliebter in Frage kommt? Beide sind Künstler, sie die große Diva. er tritt als legerer, leicht verlotterter Selfmadekünstler auf. Ihr Auftreten signalisiert, daß sie die Grande Dame ist, er hat nix zu melden und seine Malerei wird auch nicht Kunst-Thema. Da paßt Scarpia mit Gel im Haar und geschniegeltem Anzug besser zu ihr, die beiden können sich aneinander messen. Wenn die beiden im 2. Akt um das Leben von Cavaradossi feilschen zerstört er den Abklatsch des Bildes von ihr, noch im gutenm Glauben, daß sie seinem Werben widersteht. Überzeugend fand ich die Szene nach dem Mord an Scarpia. Die Frau scheint durchzudrehen und hat mich in ihrem Wahn, sich das Blut abzuwaschen, an die Lady Macbeth erinnert. Als würde sie durchdrehen.

      Das Problem dieser Aufführung - so interessant der Ansatz ist - ist eigentlich, daß es ein typischer Carsen ist. Und das kann einem manchmal ganz schön auf den Keks gehen. Räume, die hoch sind, mit raumhohen Türen, elegant, sauber, perfekt designed, kein zufälliger Krümel, kühl, distanziert. Und die Figuren in ihnen sind Minipüppchen. So gesehen u.a. im Macbeth, Semele (Probe), Ring, Kabanova. Die Personenführung ist perfekt choreografiert. Jede Bewegung wirkt wie mit dem Lineal gezogen.

      So toll das auch wirken mag - und das ist genau die Crux - es verdichtet sich ein Unbehagen. Aufgeräumte Schrottplätze, betonierte Flussläufe, und hier ein Gefolterter, der ausschaut als hätte er das besudelte Hemd aus der Kleiderkiste gezogen und nicht, als sei es sein eigenes, in dem er gemalt und geblutet hat. Ich weiß nicht...