Rossini: TANCREDI - Theater an der Wien, 21. Oktober 2009

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    • Rossini: TANCREDI - Theater an der Wien, 21. Oktober 2009

      Gioacchino ROSSINI, Tancredi (21. Oktober 2009, Theater an
      der Wien)

      Regisseur Stephen Lawless verpflanzt die Story von den
      beiden verfeindeten Rittergruppen im mittelalterlichen Syracus ins Italien
      Mussolinis und zeigt eine den Krieg verherrlichende Männergesellschaft, in
      welcher Frauen nur strategische Bedeutung zukommt und echte Gefühle keinen
      Platz finden. Ein diskutabler Ansatz, nur hätte er dann meiner Meinung nach
      auch beim ursprünglichen, für Tancredi letalen Ende bleiben müssen. Lawless
      entscheidet sich aber für das fine lieto und nimmt damit seiner Interpretation
      die Spitze, auch wenn er das happy end dann letztlich doch durch einen
      überraschenden Schwenker relativiert. Doch davon später.


      Sizilien ist zerrissen, das zeigt schon das Bühnenbild, das
      von einem gewaltigen Riss im Boden dominiert wird. Kalter weißer Marmor umgibt
      in einem Halbrund die Szene, am rechten Bühnenrand ragt der Vorderteil einer
      mächtigen Pferdeskulptur aus Bronze empor, links durchbrechen zwei hohe
      Flügeltüren aus weißen Holzlamellen die
      Wand, zwischen ihnen drei beschädigte Marmorstufen, die völlig funktionslos an
      der Mauer angedockt sind. Beinahe idyllisch mutet in diesem sterilen Ambiente
      der hellbraune, mächtige Schreibtisch mit Biedermeierzitaten an, der wie eine
      Klammer die geborstenen Raumhälften zusammenhält und so etwas wie „heile Welt“
      vortäuscht.
      Die Truppen Argirios und Orbazzanos, beide in den Uniformen
      der Schwarzhemden, stürmen herein und
      nehmen Kampfhaltung ein, denn dass der von ihren Führern vereinbarte Friedensschluss
      eine Art „Zwangsehe“ ist, um den gemeinsamen Feind, die Sarazenen, besser
      bekämpfen zu können, ist evident. So bleibt der trennende Riss zwischen ihnen,
      ein zaghaft angebotenes shakehands des einen über die Kluft hinweg wird vom
      anderen zurückgewiesen. Argirio und Orbazzano hingegen machen auf „Friede,
      Freude, Eierkuchen“, der von der Sekretärin Isaura, die sich sehr wichtig
      vorkommt und um die Herren herumscharwenzelt, vorbereitete Vertrag wird
      unterzeichnet, und als Orbazzano obercool (und herausfordernd) seine Füße auf
      den Schreibtisch seines Neoverbündeten legt, beeilt sich dieser, diese
      „männliche“ Geste unbeholfen nachzumachen. Vorher haben beide Führer die
      politische Wende via Rundfunkansprachen unters Volk gebracht.
      Dann wird Amenaide vorgeführt, der Einsatz in diesem
      Männerbündnis, denn sie soll quasi als Faustpfand mit Orbazzano verheiratet
      werden. Dass Frauen nicht mehr als schmückendes Beiwerk in dieser ehrenwerten
      Gesellschaft sind und wie Puppen behandelt werden, zeigt schon ihre Aufmachung:
      Sie wirkt mit ihren Korkenzieherlocken,
      dem spitzenbesetzten Dreifachrock und den putzigen Quasten an den lila Stiefeletten
      wie eine lebendig gewordene Nippesfigur, die sich auf dem Deckel einer Spieldose dreht.
      Wie ein Ziergegenstand bei einer Auktion wird sie auch von ihrem Vater
      präsentiert, er hebt sogar ihre Röcke an, damit die Soldaten ihre Beine
      bewundern können.
      Keine Chance für Amenaide, die in Wirklichkeit den zu
      Unrecht verbannten Tancredi liebt, dieser Zwangsehe zu entrinnen, ihre Meinung
      zählt überhaupt nicht. Aber selbst ihre vermeintliche Freundin Isaura verrät
      sie, denn sie erliegt dem Zauber der Montur und lässt sich von Orbazzano den
      verhängnisvollen, für Tancredi bestimmten Brief
      abluchsen. Als er ihn liest, weiß er, dass er Vater und Tochter damit in
      der Hand hat. Isaura plagt zwar sichtlich das schlechte Gewissen, aber die sexuelle Anziehungskraft des Machos in Uniform ist größer.
      Die Einschüchterungstaktik Argirios, der sie auf ihre
      Pflichten als Tochter und Patriotin einschwört, ist ein voller Erfolg, Amenaide
      begegnet dem plötzlich auftauchenden Tancredi mit kühler Zurückhaltung,
      natürlich auch, um den Geliebten zu schützen, der sich da in die Höhle des
      Löwen gewagt hat.
      Die Hochzeit steht bevor, Argirio und Orbazzano lassen ihre
      Truppen exerzieren und anstatt Blumen streuender Jungfrauen gibt es eine
      zackige Turnerriege, die den Körperkult der Faschisten feiern.
      Für Tancredi ist diese Hochzeit ein klarer Treuebruch, er schleudert Amenaide
      seine Verachtung (in Wahrheit Verzweiflung) ins Gesicht, was dieser den Mut
      gibt, sich nun doch zu widersetzen und die Eheschließung zu verweigern. Blind
      vor Wut will Argirio seine Tochter misshandeln, und Orbazzano spielt seinen Trumpf aus und zeigt
      den Brief her, den man aber hinsichtlich des Adressaten missinterpretiert:
      Amenaides Hilferuf an Tancredi, heimzukehren und Syracus zu erobern, glaubt man
      an den Sarazenenfürst Solamir gerichtet. Gemäß Argirios Schwur bei der
      Unterzeichnung des Bündnisses, dass jeder, der mit den Sarazenen paktiert, des
      Todes sei, wird nun seine eigene Tochter als Hochverräterin abgeführt.


      Zu Beginn des 2. Aktes zeigt das Bühnenbild alle Anzeichen
      der Verwüstung. Die einst weißen Holzlamellen sind zerbrochen und angesengt,
      Teile der Pferdeskulptur liegen zerborsten auf der Bühne, aus dem Riss im Boden
      steigt Rauch empor und der Rundhorizont im Hintergrund hat sich geöffnet und gibt den Blick frei auf glutrote Lavaströme
      des Ätna. Nur der Schreibtisch, das Zentrum der Macht, scheint unversehrt geblieben zu sein. Auf ihm
      unterzeichnet nun Argirio, von Orbazzano, der längst der Dominante in diesem
      Bündnis ist, unter Druck gesetzt, zum zweiten Mal ein Todesurteil für seine
      Tochter, doch diesmal bedeutet es auch den physischen Untergang.
      Orbazzano vergnügt sich inzwischen mit Isaura, doch was sie
      für Liebe hält, ist für ihn nur Sex. Trotzdem wird sie ihn später nach seinem
      Tod betrauern und wie eine Witwe im schwarzen Schleier seinem Leichnam folgen.
      Argirio ist wohl doch nicht ganz so ohne Gefühle, denn das
      Todesurteil für seine Tochter hat ihn anscheinend um den Verstand gebracht,
      denn er wird in einer Zwangsjacke hereingeführt und windet sich verzweifelt am
      Boden, während Amenaide ihr Los beklagt. Erst Tancredi, der mit der Maske eines
      Fechters den Rivalen zum Zweikampf
      fordert, löst die Fesseln. Der Tod Orbazzanos löst bei Argirio wilden
      Triumph aus, der wohl nicht nur in der Rettung seiner Tochter begründet ist,
      sondern vielmehr darin, dass er einen Bündnispartner los geworden ist, von
      dessen arrogantem und herrischem
      Auftreten er sich zusehends gedemütigt gefühlt hat.
      Solamirs Sarazenen, in ihrer Aufmachung unschwer als heutige
      Gotteskämpfer zu erkennen, überwältigen in einem ziemlich spektakulär
      inszenierten Überfall eine Truppe Schwarzhemden und verwenden sie als Geisel,
      um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen: Die Hand Amenaides als Preis für den
      Frieden!
      Für Tancredi ist das der neuerliche Beweis für die Untreue
      seiner Geliebten und er will im Kampf gegen die Sarazenen den Tod finden. Doch
      nicht er, sondern Solamir fällt und bestätigt im Sterben Amenaides Unschuld.
      Nun stünde einer glücklichen Vereinigung der Liebenden
      nichts mehr im Wege, doch es kommt alles anders, als sich das Amenaide erträumt
      hat: Zwar zeigt sich Tancredi zerknirscht über seine ungerechten Vorwürfe an
      die Geliebte, ist auch glücklich, dass er sie nun auch in den Augen Argirios
      die Seine nennen darf, sein „Ah, che non
      posso esprimere la mia felicità…“ meint aber etwas ganz anderes: Sein Glück,
      nun Aufnahme zu finden unter Argirios
      Schwarzhemden, einer der ihren zu sein, und nach einer kurzen Umarmung
      Amenaides reiht er sich stolz dort ein, wo wahre Männer eben hingehören,
      nämlich zu den Soldaten.

      Diese unerwartete Wendung fand ich echt stark, eigentlich war das für mich überhaupt der stärkste
      Einfall dieses an sich nicht uninteressanten, aber auch nicht weltbewegenden
      Regiekonzeptes. Keine Frage, dass es mir allemal lieber war als Sarazenen in
      wallenden Gewändern und mittelalterliche Ritterherrlichkeit!

      Doch nun zur musikalischen Seite!
      René Jacobs trat mit dem Orchestre des Champs-Elysées, um uns eine ziemlich unübliche Sicht auf
      Rossini zu präsentieren. Das zeigte sich
      schon bei der Ouvertüre, die ungewohnt
      scharfkantig klang, so gar nicht
      „lieblich“ und melodisch. Und in dieser Tonart ging es weiter, die geschmeidige
      Linie wurde immer wieder schroff unterbrochen, auf der anderen Seite dann aber wieder
      einzelne Passagen besonders liebevoll gezeichnet. Vielleicht dirigierte René
      Jacobs deshalb mit einem Bleistift????
      Als Tancredi hörte ich zum ersten Mal live Vivica Genaux, an
      deren etwas gutturales Timbre ich mich erst gewöhnen musste. Anfangs war ich
      sogar richtiggehend enttäuscht, hatte ich doch in letzter Zeit so viele Lobeshymnen
      auf diese Sängerin gelesen, die ich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen
      kann. Ihre Höhen klangen manchmal nicht
      ganz frei, aber da sie sich bei der PR als indisponiert hatte entschuldigen
      lassen, kämpfte sie vielleicht immer noch mit Resten ihrer Verkühlung. Etwas
      irritierte mich auch das sehr extreme Flattern ihres Unterkiefers bei den
      Koloraturen, es sah aus, als litte sie unter Schüttelfrost. Die Verzweiflung
      und die Eifersucht des unglücklich Liebenden konnte sie aber sowohl vokal wie
      auch darstellerisch ausgezeichnet vermitteln.
      Im Laufe des Abends gefiel sie mir aber auch stimmlich immer besser, vor
      allem passte ihr etwas verschatteter, dunkler Mezzo hervorragend zum hellen
      Sopran Aleksandra Kurzaks, die ohne Probleme perfekte Koloraturketten
      ablieferte, aber auch in den leisen, innigen Momenten punkten konnte. Das
      hilflose Opfer der Männer mimte sie sehr überzeugend.
      Nicht ganz so glücklich war ich mit Colin Lee als Argirio,
      und die blendenden Kritiken, die er bekam, kann ich nicht so ganz
      nachvollziehen. Besonders in den Höhen klang sein Tenor ziemlich eng, die
      Qualität seiner Stimme würde ich als nett charakterisieren, aber mehr ist sie
      zumindest für mich nicht.
      Mit Konstantin Wolff war der Orbazzano zwar gut besetzt, aufhorchen ließ er mich aber nicht. Allerdings konnte er die fiesen Seiten seines Charakters gut herausstreichen.

      Die Rolle der Isaura wurde von der Regie stark aufgewertet,
      sie ist bei Lawless ein sehr ambivalenter Charakter, Vertraute und Verräterin
      zugleich. Viel konnte Liora Grodnikaite daraus aber nicht machen, besonders die
      Hörigkeit gegenüber Obrazzano glaubte man ihr nicht so ganz, dabei wäre gerade
      das nötig, um ihr Verhalten plausibel zu machen und ihr vor allem ihre
      Verzweiflung über Amenaides Schicksal abzunehmen, das sie ja in dieser
      Inszenierung zum Teil selbst verschuldet hat. Dazu hätte es eine ausdrucksstärkere
      Mimin gebraucht, denn stimmlich hat die Isaura nicht allzu viel zu tun, und
      zumindest diesen Part erledigte Frau Grodnikaite zufrieden stellend.

      Fazit: Ein interessanter Opernabend, vor allem durch die
      ungewöhnliche Sichtweise René Jacobs, bei dem aber die Sänger meine hohen
      Erwartungen nur teilweise erfüllten.
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Liebe Sevi, grand merci, für mich die beste Vorbereitung auf meinen ersten Tancredi am 4.12. unter Jean-Claude Malgoire. Bin total gespannt udn werde dan hier Vergleiche mit dir anstellen.
      Ich kenne diese Oper überhaupt nciht, weiss nur, dass das eine der Paraderollen der Malibran war.

      Lieben Gruss :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,
      für mich zählt "Tancredi" nicht unbedingt zu Rossinis Meisterwerken, er rangiert erst auf den mittleren Plätzen, und vor allem braucht's wirklich eine einfallsreiche Regie, damit es ein spannender Opernabend wird. Der Tancredi selbst darf allerdings "viel schönes Zeugs" singen, um wieder einmal diesen trefflichen Ausdruck zu gebrauchen.

      Auf jeden Fall bin ich schon sehr neugierig auf Deinen Bericht!
      lg Sevi :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)