Fausts Traumtheater - Hector Berlioz' »La damnation de Faust«

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    • Fausts Traumtheater - Hector Berlioz' »La damnation de Faust«

      Weil ich es jetzt gerade mal wieder höre und wir ja am KERNREPERTOIRE arbeiten müssen, mache ich mich mal daran und rette meine lichtvollen Gedanken aus den Untiefen des WorldWideWeb hierher. Eigentlich wollte ich den Text für die Threaderöffnung aktualisieren – aber ach! – das was ich seinerzeit zu sagen hatte, ist so aktuell wie ehedem (das liegt wohl an der Zeitlosigkeit des Historikerblicks). Naja, hier ist sie: die Hintergrundgeschichte zu einem der wundervollsten und romantischsten Werke der Romantik! Meine bescheidene Meinung ...


      »Als eines der wichtigen Ereignisse meines Lebens muß ich noch des seltsamen tiefen Eindrucks gedenken, den ich erhielt, als ich zum ersten Male Goethes Faust in der französischen Übersetzung des Gérard de Nerval las. Das wunderbare Buch bezauberte mich vom ersten Anfang an; ich ließ es nicht mehr aus der Hand; ich las unaufhörlich, bei Tische, im Theater, auf der Straße, überall. Die Übersetzung in Prosa enthielt einige Fragmente in Versen, Liedern, Gesängen usw. Ich gab der Versuchung nach, sie in Musik zu setzten, und kaum hatte ich diese schwierige Arbeit hinter mir, so beging ich die Dummheit, meine Partitur stechen zu lassen, ohne eine Note davon gehört zu haben, noch dazu auf meine eigenen Kosten.« (Berlioz LE, S. 103)

      Wir befinden uns im Jahr 1829 – Berlioz hatte im Rahmen einer in Europa nahezu endemisch um sich greifenden Faust-Begeisterung nicht allein die von ihm selbst geschilderte eindrückliche Begegnung mit Goethes »Faust«-Drama in der Prosa-Übersetzung des gerade einmal 20jährigen Gérard de Nerval gemacht sondern hatte auch den Auftrag zur Komposition einer Balletmusik zu diesem Stoff erhalten. Allerdings waren Inszenierungen und Bühnenmusiken zum Fauststoff wie Pilze aus dem Boden geschossen: Nachdem verschiedene Dramen, die sich am Goetheschen »Faust« anlehnten, mit Erfolg an Pariser Bühnen aufgeführt worden waren, bekannt wurde, dass nicht allein Boieldieu, sondern auch Rossini sich mit diesem Stoff beschäftigten und zudem ein »Faust«-Melodram von Antony Béraud einen Publikumserfolg feierte, wähnte die Opéra als Auftraggeber des Balletts die Gefahr einer Faust-Übersättigung, zog den Auftrag zurück und wies Berlioz an, die Partitur nicht abzuliefern. (Vgl. hierzu Dömling HB, S. 106f.).

      Doch hatte der Komponist seine Beschäftigung mit dem Faust-Stoff nicht aufgegeben, sondern jene »Fragmente in Versen, Liedern, Gesängen«, die die Prosaübersetzung Nervals enthielt, in Musik zu setzten. Das Ergebnis waren die »Huit scènes de Faust«, die Berlioz auf eigene Kosten stechen ließ und die im April 1829 als sein Opus 1 veröffentlicht wurden.

      Die »Huit scènes de Faust« bestehen – wie der Titel es ja schon sagt - aus acht (weitgehend unverbundenen) Sätzen, teils auf geschlossene Gedicht- bzw. Liedpassagen des »Faust«-Dramas (etwa dem »König von Thule«, Gretchens Szene am Spinnrad oder dem Flohlied aus der Szene in Auerbachs Keller), teils auf einzelne Szenen (etwa die Szene, in der Faust in seinem Studierzimmer die Choräle aus der Ostermesse hört).
      Die Folge der acht Sätze entspricht der Szenenfolge des Faust-Dramas:

      1. Chants de la fête de Pâques (Chorgesang zum Osterfest)
      2. Paysans sous les tilleuls (Bauern unter der Linde)
      3. Concert de Sylphes (Chor der Geister)
      4. Écot de joyeux compagnons (Zeche lustiger Gesellen/Auerbachs Keller)
      5. Chanson de Méphistophélès (Lied des Méphistophélès)
      6. Le Roi de Thulé (Der König von Thule)
      7. Romance de Marguerite/Choeur des soldats (Marguerite am Spinnrad/Chor der Soldaten)
      8. Sérénade de Méphistophélès

      Die Szenen sind für verschiedene Stimmlagen (Sopran, Mezzo, Tenor, Bariton) mit Chor komponiert , ohne daß diese explizit bestimmten Rollen oder Charakteren zugewiesen werden. Ausnahme stellen hierbei gewissermaßen die Sätze 5 [Chanson de Méphistophélès] und 8 [Sérénade de Méphistophélès] dar, die allein durch die Titel der Sätze einer Rolle zugewiesen werden. Selbstverständlich können auch die weiteren Szenen entlang des Textes bestimmten Rollen/Personen zugewiesen werden – »Libretto« und Partitur tun dies indes nicht.

      Insgesamt weisen die »Huit Scènes« nur eine geringe Geschlossenheit auf, das Werk selbst ist wenig konsistent, eher fragmentarisch in der Anlage. Dies wird auch an anhand der Instrumentation deutlich, die von Satz zu Satz, von Szene zu Szene deutlich divergiert: vom groß besetzten Orchester bis zur – überaus illustrativ-charakteristischen - Begleitung des Gesangs durch eine solistische Gitarre in der abschließenden Sérénade.

      Der formalen Problematik muß Berlioz sich selbst schnell bewusst geworden sein – späterhin versuchte er aller Exemplare der Partitur habhaft zu werden und sie zu vernichten. Auch vergab er die Opuszahl 1 später neu, nämlich an seine »Waverly«-Overtüre. Allerdings hatte Berlioz, dies verschweigt er übrigens in seinen Lebenserinnerungen, zuvor ein Exemplar der Partitur an Goethe geschickt, welcher das Werk wiederum Zelter vorlegte – der wenig begeistert war: »Gewisse Leute«, so Zelter, »können ihre Geistesgegenwart und ihren Antheil nur durch lautes Husten, Schnauben, Krächzen und Ausspeyen zu verstehn geben; von diesen Einer scheint Herr Hector Berlioz zu seyn. Der Schwefelgeruch des Mephisto zieht ihn an, nun muß er niesen und prusten dass sich alle Instrumente im Orchester regen und spuken – nur am Faust regt sich kein Haar.« (zitiert nach Dömling HB, S. 107). Recht genau beobachtet hatte Zelter da schon: »am Faust regt sich kein Haar«. Faust bleibt still in den »Huits scènes« – kein Ton kommt über seine Lippen. Was Zelter aber übersehen hatte: Berlioz hatte allein die Lieder und Chöre, kurz: die musikinduzierten Szenen des Goetheschen Dramas in Musik gesetzt. In Goethes Drama aber singt der Titelheld nicht.

      Die Skepsis, die - wie erwähnt - Berlioz gegenüber seinem ersten Opus 1 zunehmend ergriff, dürfte sich allerdings ausschließlich an der formalen Anlage und nicht am stofflichen, auch nicht am musikalischen Gehalt entzündet haben. Denn sechzehn Jahre später entschloß sich Berlioz, seine Beschäftigung mit dem Fauststoff nochmals aufzunehmen und dabei sämtliche Sätze der »Huit Scènes« zu integrieren, wenn auch in zum Teil stark überarbeiteten Fassungen. So entstand in den Jahren 1845/46 während einer Dirigier-Tournee durch Österreich-Ungarn, Böhmen und Schlesien, Berlioz’ bis heute – neben der »Symphonie fantatstique« - wohl populärstes Werk (o.K.: das »Requiem« ist auch recht bekannt): »La damnation de Faust. Légende dramatique en quatre parts« op. 24. Die Uraufführung von »La damnation de Faust« fand im November 1846 im Saal der Opéra-comique in Paris statt. Sie war schlecht besucht – ebenso wie die Wiederholungsvorstellung. Auch dem zweiten »Faust« des Hector Berlioz war zunächst kein Erfolg beschieden. Eine erfolgreiche, gefeierte Aufführung erlebte das Werk erst im Dezember 1866 in Wien – zwei Jahre vor seinem Tod konnte Berlioz hier einen seiner größten Triumphe feiern.

      Sicherlich spielte für die Anfangs eher reservierten Reaktionen auf das Werk und den mangelnden Erfolg auch die formale Hybridität des Werkes eine Rolle: Dramatische Symphonie? Vokalsymphonie? Oratorium? Oder doch: Oper?

      Bis heute ist wohl nicht abschließend geklärt, ob Berlioz Anfangs den Plan zu einer Faust-Oper verfolgte. Jedenfalls ist das Ergebnis durchaus als Oper (miss)verstanden worden. Dabei zielte Berlioz, ähnlich wie zuvor bei der »Fantastique«, dem »Harold en Italie« und »Roméo et Juliette« auf eine symphonisch-dramatische Mischform - interessant ist übrigens, dass von der »Fantastique« über den »Harold« und »R&J« bis hin zu »La damnation« das explizit theatralische Element sowie die Zeichnung von Protagonisten sich immer stärker dem dramatischen Sujet annähert. Das Werk steht IMO deutlich in der Folge seiner dramatischen Symphonien, geht aber doch deutlich über diese hinaus in Richtung einer imaginären Szenerie. Berlioz selbst hatte, während er im Kompositionsprozess war, das Werk bisweilen als »Opéra de concert en quatre acts«, also als konzertante Oper in vier Akten bezeichnet, später spricht er von einer »Opéra de concert en quatre parties« - der Begriff des »Aktes«, der »Handlung« wird hier durch den weniger theaterinduzierten Begriff »Teil« ersetzt – dann lässt er den Begriff »opéra« fallen und ersetzt ihn durch den Begriff der »légende«. Eine »Konzertente Legende in vier Teilen« also – Berlioz hatte sich vom Gedanken der szenischen Oper weit entfernt. Anscheinend zu weit für sein Verständnis, denn in der endgültigen Genrebezeichnung nimmt er das dramatische Element wieder auf. Aus der »Opéra concertante in quatre acts« war über den Umweg der »Légende concertante« die »Légende dramatique in quatre parts« geworden – die dramatische Legende »La damnation de Faust«!

      Wie sieht diese »Légende dramatique« nun aus? Formal geht die gut zweistündige »La damnation de Faust« deutlich über die nur knapp 40minütigen »Huit scènes« hinaus: Die Anlage ist eindeutig szenisch – jedoch nicht eigentlich (und hier beginnt das Problem) theatralisch -, das Werk gliedert sich in 20 Szenen, die wiederum in vier Teilen zusammengefasst sind. Insgesamt zeigt das Werk eine erheblich größere szenische Geschlossenheit, die Figuren des Goetheschen Theaterstücks werden zu agierenden Charakteren eines musikalisch-symphonischen Dramas. Dabei setzt sich Berlioz, der das Libretto selbst verfasste, jedoch gleich in der ersten Szene deutlich von der Goetheschen Vorlage ab: Hörend sehen wir Faust nicht in der Enge seines Studierzimmers über Wissen und Unwissens sowie über die Beherrschung der Natur sinnieren, sondern wir begegnen ihm in der Weite einer Ebene (vermutlich in Ungarn, denn es werden ungarische Truppen sein, die Faust bald darauf vorbeiziehen sieht) bei Sonnenaufgang, allein, vom Schauspiel des erwachenden Tages und des Beginnen Frühlings berauscht und die Einsamkeit und Menschenferne preisend (»La vieul hiver a fait place au printemps«). Gestört und zugleich bestätigt wird Faust durch singende Bauern, die den Beginn des Frühlings feiern (»Les bergers laissent leurs troupeaux«) und vorüberziehendes Militär – wobei hier die Szenerie unvermittelt in einen anderen Teil der Ebene (»Une autre partie de la plaine«) wechselt.

      Deutlicher als mit dieser Szene kann man wohl kaum einen romantischen Gegenentwurf zum post-aufklärerisch-klassischen Vernunft/Natur-Dualismus des Goetheschen Faust markieren und zugleich die eigentlich Grundthema des Dramas – die Gelehrten- bzw. Künstlertragödie – in das Licht eines romantischen Kunstverständnisses rücken! So schließen denn die Szenen 2-4 auch bruchlos an diese Eröffnung an, obgleich sie nun weitestgehend der Struktur und dem Plot des Goetheschen Dramas folgen (Teil 2: Faust und Méphistophélès: Studierzimmerszene Auerbachs Keller, Traumszene; Teil 3: In Marguerites Zimmer: König von Thule/Verführungs-/Liebesszene; Teil 4: Marguerites Zimmer: Spinnradszene/Soldatenchor/Wald und Höhle/Ritt zum Abgrund/Höllenfahrt/Pandämonium/Marguerite im Himmel) . Allerdings stellt Berlioz Szenen um, kontrahiert verschiedene Handlungsmomente oder blendet ganze Aspekte und Handungsstränge aus. Auf diese Weise wird nicht eine geschlossene dramatische Handlung erzählt (allein die 3. Szene, die geschlossen im Zimmer der Marguerite spielt, hat die Struktur einer klassischen Theater-/Opernszene), sondern eine Folge von szenischen Bildern evoziert, die sich zum Traumtheater eines kohärenten Ganzen fügen.

      Gegenüber den frühen »Huit Scènes« ist »La damnation« ein klanggewordenes dramatisches Gedicht. Dabei bewahrte Berlioz die letztlich symphonische, wenn auch dramatische, so doch nicht theatralische Form: »La damnation de Faust« ist keine Oper im klassischen Sinne. Es ist ein musikalisches Traumtheater mit imaginärer Szenerie und eindrucksvoll gezeichneten Charakteren.

      Soviel für's erste hierzu! Zur Musik habe ich jetzt noch nicht so viel gesagt – das folgt, oder andere und kompetentere können dies ergänzen. Meine favorisierten Aufnahmen werde ich später mal nachtragen.

      Was haltet ihr von »La damnation de Faust«? Wie schätzt ihr es formal ein? Was denkt ihr über eine mögliche Bühnentauglichkeit? Welche Aufnahmen/Interpretationen schätzt ihr besonders?

      Fragen über Fragen…

      Adieu,
      Algabal

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      Verwendete Literatur:

      Berlioz DF – Berlioz, Hector: La Damnation de Faust. Partitur, London u.a.: Ernst Eulenburg Ltd. 1964.

      Berlioz LE – Berlioz, Hector: Lebenserinnerungen. Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Hans Scholz, München 1914.

      Dömling HB – Dömling, Wolfgang: Hector Berlioz. Die symphonisch-dramatischen Werke, Stuttgart 1979.
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Huit Scènes de Faust op. 1

      Einspielungen der Damnation gibt es ja einige, darunter sogar ein paar richtig gute (hiezu nächstens mehr). Hinsichtlich der Huit Scènes sieht die Sache deutlich schlechter aus. Wer sich für den Berliozschen UrFaust interessiert, der ist aktuell offensichtlich auf diese, durchaus hörenswerte Aufnahme angewiesen:



      Angelika Kirchschlager, Jean-Paul Fouchécourt, Frédéric Caton, Orchestre Philharmonique et Choer de Radio France, Leitung: Yutaka Sado

      Leider gestrichen ist folgende, IMO deutlich idiomatischere und eindrucksvollere Einspielung:



      Susan Graham, John Mark Ainsley, Philip Cokorinos, Choer et Orchestre Symphonique de Montréal, Leitung: Charles Dutoit

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Lieber Algabal,

      gerade vor dem Hintergrund einer parallelen Diskussion freut es mich sehr, dass Du Deinen sehr guten Beitrag über Berlioz' FAUST wieder aufgegriffen hast, wie ich das auch mit dessen ENFANCE DU CHRIST getan habe. Ich scheue den Vergleich mit Tamino keineswegs und sehe in einem Import eigener Texte auch keine sinnlose Verdopplung, zumal wir beide unsere Texte weiter entwickelt und aktualisiert haben. Wie ich bei der ENFANCE etwas überraschend feststellen konnte, sollte man ohnehin nicht unterstellen, dass die Tamino-Texte hier weithin bekannt sind.

      Zum Werk selbst: der FAUST war neben der SYMPHONIE FANTASTIQUE das Berlioz-Werk, das mich zu Beginn am meisten für diesen Komponisten begeistert hat. Entsprechend oft habe ich es bis an die Grenze des "Überhörens" abgespielt - meist in der Version von Colin Davis, die mich entsprechend geprägt hat. Heute höre ich sie eher selten, dann aber am liebsten von dieser DVD, die nicht nur eine sensationelle Inszenierung bietet, sondern dank Sylvain Cambreling auch musikalisch Spitzenniveau hat.



      Meine ursprüngliche Bewertung der DVD hat sich nicht geändert, und so brauche ich sie hier nur zu wiederholen: Eine der überwältigendsten Inszenierungen und DVDs, die ich kenne, und an der ich mich kaum satt sehen kann. Wenn man ihr irgendetwas vorwerfen kann, dann genau das: die Musik tritt hinter ihrer visuellen Darbietung etwas zurück, was bei dieser farbenfrohen Berlioz-Partitur ein Kunststück für sich ist. Da aber auch die musikalische Darbietung kaum Wünsche offen lässt, bleibt die DVD mindestens auf lange Zeit die erste Empfehlung für jeden, der dieses großartige Werk kennenlernen möchte.

      Kaum weniger gut hat mir seither Robert Lepages spektakuläre Inszenierung an der MET gefallen, zumal Susan Graham dort ihr vorbildliches Gretchen und John Relyea einen faszinierenden Mephisto gab (der Faust des Marcello Giordani hat mich dagegen etwas kalt gelassen, obwohl er nicht schlecht war - ähnlich wie Levines Dirigat). Leider ist diese Inszenierung (noch?) nicht auf DVD zu haben.

      Da auch in diesem Fall die Dutoit-Aufnahme gestrichen ist (was für eine dankbare Aufgabe für Brilliant, diesen Zyklus neu aufzulegen, wenn die nicht schon den deutlich schwächeren Inbal hätten) , würde ich mir das Werk zum bloßen Hören heute am ehesten in der alten, aber immer noch maßstäblichen Aufnahme von Igor Markevitch zulegen. Zum Glück habe ich die Aufnahme schon längst, denn der Preis scheint mir für eine historische Aufnahme etwas hoch.



      Die Anschaffung lohnt aber dennoch. Aber auch die Davis-Aufnahme mit Nicolai Gedda, Jules Bastin und Josephine Veasey ist nach wie vor nicht zu verachten. Davis' neuere Einspielung kenne ich nicht, ist aber preislich so attraktiv, dass ich das sicher gerne mal nachhole, weil die zweiten Anläufe von Davis bei Berlioz meist (noch) besser sind. Kann jemand was zu dieser Aufnahme sagen?



      Jedenfalls danke für die Eröffnung dieses Threads. Sie ist mir Ansporn, demnächst auch meine Erläuterungen zu Berlioz' ROMÉO ET JULIETTE aufzupolieren und zu importieren. Ich würde nämlich sehr gerne Threads über alle wichtigen Berlioz-Werke bei CAPRICCIO sehen und sehe nicht ein, warum ich mir deshalb jedesmal ganz neue Arbeit machen soll. Ein Opernführer verzichtet ja auch nicht auf FIGAROS HOCHZEIT, nur weil die schon in anderen vorkommt, und dass CAPRICCIO bei allen natürlichen (und persönlichen) Überschneidungen etwas sehr anderes ist als jedes andere Klassikforum, sollte bereits jetzt evident sein.

      :wink: Rideamus


      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Den Empfehlungen von Rideamus kann ich mich weitestgehend anschließen – was diese Einspielung anbetrifft:



      möchte ich sie sogar nachdrücklich bekräftigen. Markevitch ist sicherlich ein, wenn nicht der Meilenstein der Interpretationsgeschichte von »La damnation«, an dem sich (Neu)Einspielungen messen lassen müssen. Das Dirigat ist exzeptionell – feurig, mitreißend, daramatisch. Chor und Orchester agieren auf höchtsem Niveau, die Solisten-Riege – Richard Verreau (Faust), Michel Roux (Mephistopheles - und was für ein umwerfend böser), Consuelo Rubio (Marguerite, maßstabssetzend in dieser Rolle, bis heute selten erreicht und kaum einmal übertroffen) – ist ganz nah am Optimum. Die Tonqualität ist - in Anbetracht des Aufnahmedatums (1957) - ebenfalls sehr gut.

      Ich sehe eigentlich bisher nur zwei Aufnahmen, die neben Markevitch problemlos bestehen können. Dies ist zunächst Charles Munchs Interpretation aus dem Jahr 1954 (Mono! – aber sehr gut). Munch (für mich neben Charles Dutoit der Berlioz-Dirigent schlechthin) ist ebenso feurig und dramatisch wie Markevitch, vielleicht aber sogar noch einen Ticken idomatischer. Die Solisten sind ebenfalls ganz herausragend. Etwas nervig ist das penetrante Vibrato von David Poleri (Faust), der jedoch toll gestaltet. Suzanne Danco gibt mit ihrer biegsamen und ausdrucksstarken Stimme der Marguerite eine sehr anrührende Gestalt. Naja, und mit Martial Singher ist der Über-Méphistophélès in Munchs Ensemble: stimmlich grandios, volltönend, in dunklen Farben schillernd – ein böser Verführer in Vollendung.

      Leider gibt’s die Einspielung aktuell nur im Rahmen dieser (allerdings überaus empfehlenswerten) Box:




      Unter den neueren Aufnahmen hat IMO diese den Spitzenplatz verdient:



      Charles Dutoit bietet seine seeeeeehr französische Lesart, sein Dirigat ist dramatisch und glasklar, schlank und dennoch überaus effektvoll. Die Solistenriege ist absolut herausragend: Richard Leech ist sicherlich der beste Faust seit Richard Verreau (in der Markevitch-Produktion) gewesen: ausdrucksstark, in den Höhen sicher, niemals wirkt die Stimme angestrengt. Gilles Cachemaille ist ein herrlich diabolischer aber nicht ins Monströse verzerrter Mephistopheles - einfach toll! Und Francoise Pollet bietet eine ganz wundervolle Margarethe, absolut anrührend. Orchester und Chor musizieren auf allerhöchstem Niveau – mit einer kleinen Einschränkung beim Chor: der ist zwar sängerisch IMO wirklich sehr gut und gestaltet teilweise auch gelungen theatralisch, ihm wollen aber nicht immer alle Einsätze punktgenau gelingen, etwa gleich in »Les bergers laissent leurs troupeaux«.

      Tontechnisch ist das ganze absolut makellos und brilliant.

      Für mich ist das ganz klar die beste Einspielung von »La damnation« seit Markevitch - und die einzige, die IMO neben ihr und Much nicht blaß werden muß. Daß die Einspielung nach wenigen Jahren von der Decca wieder gestrichen worden ist, kommt einem Verbrechen gleich ... :cursing:


      Nicht folgen kann ich dem Rideamus hinsichtlich seiner Einschätzung von Colin Davis. Seine Neueinspielung von „La damnation“ mit Shkosa, Sabbatini, Pertusi und dem LSO kenne ich allerdings gar nicht, sondern ich besitze nur diese hier aus dem Jahr 1973:



      Das ist halt eine Berlioz-Interpretation von Sir Colin Davis. Man macht nicht wirklich viel falsch damit - und was die Sänger (Nicolai Gedda, Jules Bastin, Josephine Veasey) anbetrifft, ist das schon ziemlich sehr gut. Aber das Dirigat .... GÄÄÄÄHN! – Davis läßt alles schön langsam spielen, damit nur keine Aufregung oder Spannung entsteht sondern das vereinzelte plötzliche Lospoltern den Hörer dann um so mehr erschreckt. So richtig den Atem verschlägt dem Hörer schließlich der »Ritt zum Abgrund«: ein munterer Nachmittagsspaziergang ist das und die Höllenpforte ist bei Davis so eine Art Gartentörchen vor einem hübschen englischen Reihenhausvorgarten ...
      Also, nicht so richtig schlecht, aber wenn man eine wirklich gute Damnation hören will...

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Hallo Algabal,

      auch von mir herzlichen Dank für den neu eröffneten super-ausführlichen 'Damnation'-Thread und die Einspielungsempfehlungen.
      Da ich selbst nur eine einzige Aufnahme des Werkes und somit keine Vergleichsmöglichkeiten besitze, würde mich eine Einschätzung von Dir oder anderen Kennern der verschiedenen Interpretationen im Vergleich zu Solti interessieren:

      Hector Berlioz (1803-1869):
      La Damnation de Faust - Dramatische Legende in 4 Teilen, opus 24 1845/46
      Kenneth Riegel, José van Dam, Frederica von Stade, Malcolm King,
      Glen Ellyn Childrens Chorus, Chicago Symphony Orchestra Chorus,
      Chicago Symphony Orchestra, Sir Georg Solti
      Decca, 1981, 2 CD



      :wink:
      Johannes
    • Oh je, Guercouer, da stößt Du bei mir aber in ein Wespennest ... :hide:

      Also: ich habe diese Aufnahme auch (sogar mit einer Signatur, die Herr van Dam quer über das Booklet gemalt hat) - und ich mag sie gar nicht gerne. Das fängt beim Dirigat an: Solti ist, wie gewohnt , wuchtig und brilliant - aber auch ziemlich steril. Manches fällt dann in der ganzen Grundwuchtigkeit auch erstaunlich harmlos aus - der Ritt zum Abgrund etwa gleicht auch hier ein wenig einem beschaulichen Sonntagsspaziergang, der hinsichtlich des Ausdrucks in Soltis Interpretation IMO in einem eklatanten Missverhälthnis zum Pandaemonium steht. Das geht dann weiter mit dem Orchester, dem Mercedes Benz unter den Klangkörpern: der Klang ist glatt, poliert und superedel - das Ganze verstömt IMO aber an keiner Stelle den Geruch von Schwefel sondern durchweg synthetischen Neuwagenduft. Und dann die Sänger: Kenneth Rigel macht als Faust alles richtig, singt sauber, bleibt aber gestalterisch vergleichsweise blass. Frederica von Stade singt die Margarethe ganz schön - aber auch ganz schön kalt. Vermag mich nicht wirklich zu berühren in dieser Rolle. Ein echter Glanzpunkt der Einspielung ist dann aber José van Dam, der als Mephisto ein tolles Rollenportrait abliefert, das zu hören sich wirklich lohnt. Wenn man van Dam in dieser Rolle hören will, würde ich eher die Nagano-Einspielung empfehlen, die deutlich stärker ist.

      Meine bescheidene Meinung ...

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Rideamus schrieb:

      Kaum weniger gut hat mir seither Robert Lepages spektakuläre Inszenierung an der MET gefallen, zumal Susan Graham dort ihr vorbildliches Gretchen und John Relyea einen faszinierenden Mephisto gab (der Faust des Marcello Giordani hat mich dagegen etwas kalt gelassen, obwohl er nicht schlecht war - ähnlich wie Levines Dirigat). Leider ist diese Inszenierung (noch?) nicht auf DVD zu haben.


      Die Lepage-Inszenierung habe ich live in Paris gesehen, wo sie etwas weniger gut besetzt war als an der MET (Michelle de Young konnte Susan Graham bei weitem nciht das Wasser reichen, dafür gab es ienen José van Dam, dem man sein Alter noch kaum anhörte udn der auf dem Gerûst herumturnte wie ein junger Teufel) sowie auch übertragen aus der MET im Opernkino- einfach grandios! Eine der besten Regieeinfälle, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. irgendwo hatte ich auch einen ausgiebigen Bericht dazu gepostet, weiss aber nicht mehr, wo das war.

      Die Arie der Marguerite "D'amour l'ardente flamme" gehört zu den aufwühlendsten Sopranarien im ganzen frz. Opernrepertoire. Ein Gretchen am Spinnrad in frz. Luxusausgabe und da ich die Damnation nur in dieser tollenLepage- Version kenne und auch keine andere Aufnahme oder DVD je gesehen/gehôrt habe, kann ich mich nur begeistert dazu äussern. :juhu:

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ich habe auch die Solti-Aufnahme, muß sie aber erst wieder hören, um zu ihr etwas sagen zu können. Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass ich José van Dam als Méphistophélès sehr gut fand, in der Nagano-Aufnahme aber sogar noch gesteigert.



      Orchestre de l'Opéra national de Lyon, Kent Nagano

      Das Orchester spielt bestens ausbalanciert, sehr schön fein abgestuft, nuanciert und gewinnt dadurch auch einiges an Dramatik, es fehlt mir aber letztlich etwas an der Power von Munch und Dutoit.

      Thomas Moser als Faust ist schon bis auf ganz wenige Stellen in den Höhen und in den Tiefen auch schön gesungen, aber von der Rollengestaltung vergleichsweise blaß. José van Dam ist ein sehr schön finsterer Méphistophélès. Susan Graham ist stimmlich herausragend und überaus nuanciert, stimmlich wie in der Rollengestaltung für mich dieideale Marguerite!



      Boston Symphony Orchestra, Seiji Ozawa hat wieder sehr viel Power, aber das geht etwas auf Kosten der feineren Nuancierungen. Das effektvolle, finde ich, passt jedoch toll zum besonders finsteren Méphistophélès von Donald McIntyre. Stuart Burrows singt gut, aber andere überzeugen mich mehr. Insbesondere vom Rollenportrait finde ich ihn nicht ganz überzeugend und zu blaß. Faust als rastlos und tragisch getriebener, kann ich hier nicht heraushören. Ein relativer Schwachpunkt ist auch Edith Mathis als Marguerite. Das ist eigentlich schon gut gesungen, aber "irgendwie zu sehr das deutsche Mädel...", wie Algabal bei Tamino treffend schrieb; zu nett, gesund und weit ab von den Nuacierungen, die Susan Graham der Rolle abzugewinnen weiß. Der Chor ist in dieser Aufnahme jedoch ganz besonders gut, enorm dynamisch, zum effektvollen Dirigat Ozawas bestens passend und den hohen Anforderungen bestens gewachsen.

      Alles stimmt für mich bei Charles Munch mit dem Boston Symphony Orchestra mit einem sehr dramatischen, absolut packenden, aber auch in allen Feinheiten überzeugenden Dirigat. Lediglich David Poleri ist zwar stimmlich der Rolle sehr gut gewachsen und rollengestalterisch sogar herausragend, aber auch mich stört etwas sein Vibrato.
      Martial Singhers Méphistophélès ist dafür in jeder Hinsicht herausragend. Mit wunderbarer dunkel-schillernder Stimme wird hier vielleicht die Rolle etwas weniger finster als von McIntyre und van Dam, dafür aber um so bösartiger, noch wesentlich verführerischer, nuancierter ausgestaltet. Auch Suzanne Danco als Marguerite mit wunderbar beweglicher Stimme finde ich sehr anrührend und auch die Chöre können mich auf ganzer Strecke sehr überzeugen.

      Wunderbar nuanciert, stimmungsvoll, leichter, mit weniger Wucht als Munch oder Ozawa, dennoch durch die meisterhaft nuanciert aufgebaute Binnenspannung auf etwas andere Weise sehr dramatisch ist auch Charles Dutoit mit dem Orchestre symphonique de Montreal. Gesanglich finde ich den Chor auch toll, leider hat Klawirr recht, die Einsätze sind manchmal nicht exakt. Richard Leech gibt einen gesanglich wie in der Rollengestaltung großartigen Faust, der für mich nur noch einen Tick von Nicolai Gedda übertroffen wird. Gilles Chachemaille Mephisto ist nicht so finster, dafür aber ganz der subtile Verführer, der sich einschmeichelt. Auch ihm gelingt so stimmlich wie in der Rollengestaltung eine überaus überzeugende Variante. Francoise Pollet als Marguerite finde ich ebenfalls sehr anrührend, sehr schön gesungen, sehr verängstigt, aber Susan Graham kann der Rolle noch etwas mehr Nuancen abgewinnen.

      Bei der ersten Aufnahme von Colin Davis muß ich Algabal insgesamt recht geben. Was sie für mich dennoch sehr lohnend macht, ist Nicolai Gedda als der beste Faust, der für mich vor allem in der Rollengestaltung überragend ist, aber mir auch gesanglich besonders gut gefällt. Jules Bastin ist gut, kommt aber an die schon genannten Mephistos gesanglich wie in der Rollengestaltung nicht heran. Josephine Veasey singt einfach nur schön und das ist etwas an der Rolle vorbei.

      Die Markevich-Aufnahme fehlt mit immer noch, dafür konnte ich inzwischen auch die DVD mit Sylvain Cambreling und der Staatskapelle Berlin hören, die orchestral auch überaus differenziert und gelungen ist. Paul Groves und Willard White sind gut, aber werden für mich von den meisten anderen bisher genannten übertroffen.Veselina Kasarova singt sehr gut, spielt auch gut, aber läßt mich eher kalt. Das macht aber wenig, denn mir geht es auch so: Die Regie von La Furia dels Baus ist unglaublich faszinierend und zieht fast meine ganze Konzentration auf sich.

      :wink: Matthias
    • Hallo Matthias,

      Deine Einschätzung der Einspielung von Nagano kann ich nur unterstützen: Die ist wirklich sehr stark, hochdramatisch und glasklar, hat mit van Dam einen herausragenden Méphistophélès und mit Susan Graham die wahrscheinlich stärkste Marguerite, die je auf CD gebannt wurde – die Aufnahme krankt aber leider, da stimme ich zu, am etwas schwächelnden Thomas Moser als Faust.

      Zur Ozawa-Aufnahme habe ich ein recht enges Verhältnis, weil ich die Damnation in dieser Aufnahme kennen- und liebengelernt habe und sie lange Zeit für mich halt die eine Aufnahme war. Inzwischen kann ich Deiner Einschätzung aber im Detail folgen. Ozawas Dirigat ist gut, hochdramatisch und packend, mit einem geradezu apokalyptischen Ritt zum Abgrund als Höhepunkt (ihr merkt schon: das ist für mich eine Schlüsselstelle des Werks, an der jede Aufnahme sich zu bewähren hat). Naja, andererseits wirkt das Ganze auch etwas pauschal und wenig ausgehört, die Details gehen oft im Sturmesbrausen ein wenig unter. Das wird zudem durch die Tontechnik verstäkt: das Klangbild wird durch einen dumpfen, etwas topfig wirkenden Hall getrübt. Das Solistenensemble ist – mit Ausnahme des rabenschwarzen Méphistophélès von Donald McIntyre - ebenfalls nicht wirklich überzeugend. Dazu hast Du aber IMO schon alles gesagt.

      Hörenswert ist auch diese Interpretation:



      Das ist eine wirklich ambitionierte Aufnahme mit Potential, deren Stars die Marguerite von Jennifer Larmore und der Dirigent Günter Neuhold sind. Herr Neuhold hat ein echtes Feeling für Berlioz! Sein Dirigat ist sehr ausgewogen: er bietet Spitzen, wo sie hingehören; Flammen, wo es brennen muß; Abgründe, wo sie klaffen müssen und ein wenig Zucker, wo es süßlich schmecken soll. Das Koninklijk Filharmonisch Orkest van Vlaanderen folgt seinem Leiter auf Zeichen und Schlag. Insgesamt ist das schon ziemlich sehr gut! Manches würde man sich resp. ich mir vielleicht noch etwas kompromißloser zupackend wünschen, etwa den ungarischen Marsch, der Neuhold ein wenig zu brav gerät. Die Sängerriege ist auf jeder Position rollendeckend (allerdings ist Keith Olsen ein etwas knödeliger Faust, stimmlich tendenziell überfordert. Gestalterisch kann er aber durchaus überzeugen; kaum einmal bekommt man einen im 1. Bild vom Bauernvolk so nachvollziehbar desillusiionierten Faust zu hören wie hier), wobei Jennifer Larmore deutlich heraussticht. Minuspunkt ist allein die Tonqualität: es handelt sich um einen Live-Mitschnitt und das hört man auch: Nicht allein, daß das anscheinend recht große Publikum ziemlich undiszipliniert ist, alles klingt auch weit, weit entfernt.


      Interessant finde ich zudem auch die (Live)Aufnahme der Damnation mit dem MDR Sinfonieorchester Leipzig unter Fabio Luisi:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41LYQreXUsL._SL500_AA300_.jpg]

      Bei Luisi ist Berlioz in richtig guten Händen. Bei ihm ist alles ein wenig rational-abgeklärt, er legt die wuchernde Berliozsche Romantik auf dem Seziertisch. Das hat was – wenn man sich auch manchmal etwas mehr Blut, Schweiß und Tränen wünschen würde. Außerdem hat Luisi ziemlich gute Solisten: Vinson Cole singt den Faust mit klarer, auch in der Höhe super-sicherer Stimme. Gestalterisch wirkt er allerdings tendenziell etwas distanziert - was mit dem Dirigat korrespondiert. Phillippe Rouillon gibt einen ziemlich schrägen, jovialen Méphistophélès, der seine Bosheit hinter einer vordergründigen Kumpelhaftigkeit verbirgt. Das gefällt mir schon sehr. Ja, und die Marguerite? Julia Varady singt den Part mit berückend schöner Stimme (leider bisweilen durch ein etwas flirrendes Vibrato gestört). Ihre Marguerite wirkt sehr jugendlich und wird als ein verletztliches, zartes Wesen gezeichnet. Das ist schon toll!!
      Insgesamt ist das eine wirklich gute Aufnahme. Wer auf glasklare Transparenz und Analytik steht und dennoch das Bedürfnis nach (allerdings kontrollierter und wohl-portionierter) Adrenalin-Ausschüttung hat, wird hier bestens bedient. Aber Achtung: Das hier ist wirklich vergleichsweise unterkühlt.

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Lieber Algabal,

      deiner Einschätzung von Neuhold kann ich mich widerum voll anschließen: Ein insgesamt sehr gutes, differenziertes Dirigat, obwohl ich mir auch manche Stellen noch etwas kraftvoller wünschen würde, und Jennifer Lamore gefällt mir auch ausgesprochen gut.

      Luisi kenne ich nicht, klingt aber auch für mich interessant, so wie du die Aufnahme beschreibst.

      :wink: Matthias
    • Mir geht es wie Guercoer: ich habe auch nur eine Aufnahme und keine Vergleichsmöglichkeit.

      Mich wundert aber sehr, dass die Pretre-Aufnahme mit Gedda etc. noch nicht genannt wurde. Die gefällt mir nämlich sehr.



      *mephistophelisch lach*, denn ich höre schon die Bestellungen tippeln....
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Berlioz und Prêtre

      Hm, die ist – zumindest von mir – nicht grundlos ungenannt geblieben. Ich hab sie mal gehabt und wieder verschenkt (genauso wie die zweite Prêtre Aufnahme mit Gedda, Horne, Soyer). Tut mir leid – ich kann mit Prêtre als Berlioz-Dirigenten noch weniger anfangen als mit Davis. Ich finde seine Lesart der Damnation einfach nur anämisch und langweilig. Seinen ungarischen Marsch, den Ritt zum Abgrund und das Pandaemonium kann man sehr gut zum Einschlafen hören. Ist eigentlich echt schade um die exzeptionellen Sänger (Gedda, Baker, Bacquier), die hier aufgeboten sind.

      Vielleicht war ich aber auch nur durch Munch und Markevich (und hier im Vergleich auch Ozawa), die ich zuvor kennengelernt hatte, verdorben ...

      Adieu,
      Algabal


      p.s.: so, und wenn jetzt noch jemand nach der Barenboim-Aufnahme fragt ... :cursing: ;+)
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • RE: Huit Scènes de Faust op. 1

      Algabal schrieb:


      Leider gestrichen ist folgende, IMO deutlich idiomatischere und eindrucksvollere Einspielung:



      Susan Graham, John Mark Ainsley, Philip Cokorinos, Choer et Orchestre Symphonique de Montréal, Leitung: Charles Dutoit


      Dank Download-Angebot von Amazon zumindest dort wieder erhältlich.
      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein
    • wenige Ausschnitte waren mir bekannt, vor einer Woche habe ich erstmals das ganze Werk gehört/gesehen (Frankfurt 18.02.). Selten hat mich eine Musik so beeindruckt. Die geht ins Rückenmark. Ich saß da - nur noch fassungslos, wie jemand zu der Zeit so komponieren kann. Das sind Klangwelten, die würde man, wenn man es nicht wüsste, doch nicht ins 19. Jahrhundert datieren!!??? Wahnsinn. Dass die Damnation ohne Pause gespielt wird, hat den Eindruck noch intensiver gemacht. Nach 2 ¼ h kehrt man dann in die Welt zurück, leicht schwankend (nicht nur, weil Leute, die größer sind als 1,65m sich in Frankfurt auf vielen Plätzen Knie und Kreuz zerbröseln)

      Bernd hat hier capriccio-kulturforum.de/beric…furt-13-6-2010/#post77794 berichtet, wie konzentriert das Publikum war – das kann ich nur unterstreichen. In meiner Nachbarschaft saßen 60-80 Jugendliche, regungslos und mucksmäuschenstill.
      Es gibt Konzerte und Opern, da gehe ich raus und denke, das hätte ich jetzt gern gleich nochmal, aber nach der „Damnation“ habe ich erstmal eine Pause gebraucht. 5 Tage lang konnte ich keine Musik hören.
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Am 30.10.2011 hat in Stoccarda eine neue Damnation Premiere, die ich mir gewiss nicht entgehen lassen werde.

      ML: Kwame Ryan (ein aus Trinidad stammender Kanadier, der in Tuebingen studiert hat und Mark Elder, Peter Eotvos und Lothar Zagrossek zu seinen Lehrern zaehlt, derzeit Chef des Orchestre National Bordeaux Aquitaine)
      Regie: Andrea Moses (frueher Dessau, jetzt staendige Regisseurin in Stoccarda)
      Marguerite: Maria Riccarda Wesseling
      Faust: Jean Noel Briend
      Mephisto: Robert Hayward


      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Général Lavine schrieb:

      Am 30.10.2011 hat in Stoccarda eine neue Damnation Premiere, die ich mir gewiss nicht entgehen lassen werde.

      ML: Kwame Ryan (ein aus Trinidad stammender Kanadier, der in Tuebingen studiert hat und Mark Elder, Peter Eotvos und Lothar Zagrossek zu seinen Lehrern zaehlt, derzeit Chef des Orchestre National Bordeaux Aquitaine)
      Regie: Andrea Moses (frueher Dessau, jetzt staendige Regisseurin in Stoccarda)
      Marguerite: Maria Riccarda Wesseling
      Faust: Jean Noel Briend
      Mephisto: Robert Hayward


      Da geh ich auch rein. Bei dieser Gelegenheit kann ich auch gleich nochmal meine alte Antwort auf eine alte Frage recyclen:

      Algabal schrieb:

      Was denkt ihr über eine mögliche Bühnentauglichkeit?


      "La damnation" steht in der Tradition der Berlioz'schen Gattungshybride, der Komponist selbst hat es nur konzertant aufgeführt und wohl niemals ernsthaft an eine szenische Aufführung gedacht.

      Trotzdem, ganz subjektiv: Für mich ist das Werk eine Oper. Ich möchte es auf der Bühne sehen, konzertante Darbietungen hinterlassen in mir das gleiche unbefriedigende Gefühl wie alle konzertanten Opern-Aufführungen.

      Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Werk bühnentauglich ist. Ulrich Schreiber hat es mit einigem Recht sogar "Berlioz' größtes Erfolgsstück auf dem Musiktheater" genannt. Die erste szenische Aufführung fand 1893 in Monte Carlo statt, es folgten gerade Anfang des 20. Jahrhunderts diverse Produktionen - eine regelrechte Bühnenkarriere hat das Werk aber erst seit den 70er Jahren im Rahmen der guten, alten Krake "Regietheater" hingelegt.

      "La damnation de Faust" lässt sich sicher kaum in die in den 1840ern gültigen und möglichen Typen einer Oper einordnen - nichtsdestotrotz steht es der Gattung sehr nah. Man schaue sich zum Vergleich einmal das Vorgängerwerk Roméo et Juliette an: Hier haben die Hauptprotagonisten überhaupt keine Stimme, zentrale Teile der Musik sind rein instrumental, eine durchgehende "Handlung" wird nicht in Musik gesetzt.

      Das alles ist beim Faust anders. Was lässt sich überhaupt gegen die "Opernhaftigkeit" des Werks einwenden? Anscheinend oder scheinbar handlungsexterne Bestandteile wie Märsche, Ballette etc. sind Mitte des 19. Jh. (und vorher und nachher) normal. Die schnell wechselnden Schauplätze, die "Traumtheater"-Aspekte? Sind sicherlich ungewöhnlich, aber durchaus der romantischen Ästhetik verpflichtet. Zumindest die ersten drei "Teile" lassen sich ohne Probleme als "Akte" im opernhaften Sinn interpretieren - selbst die Einheit von Ort, Zeit und Handlung wird hier zumindest halbwegs gewahrt. Nur im vierten Teil gewinnen die avantgardistischen Tendenzen der Überblendung von Zeit und Raum die Oberhand. Die Umarbeitung und Raffung der Goethe'schen Vorlage? Ist doch eher normal, auch wenn Berlioz natürlich alles andere als "normal" vorgeht (der erste Teil, in dem Faust nur mit sich selbst und den Kollektiven konfrontiert wird, ist schon sehr ungewöhnlich).

      Es gibt also durchaus eine Reihe ungewöhnlicher, "avantgardistischer" Aspekte, die nicht ganz mit dem Opernverständnis von 1850 übereinstimmen. Berlioz nimmt hier teilweise Techniken des modernen bzw. postmodernen (Musik-)Theaters voraus - und das erklärt, warum sich gerade mit den Mitteln einer heutigen theatralischen Ästhetik das Stück besonders gut auf die Bühne bringen lässt.

      (Ich mag aber auch szenische Aufführungen von Bach-Kantaten oder Schubert-Liederzyklen... :huh:)


      Von den drei Inszenierungen, die ich gesehen habe, fand ich die Salzburger Produktion (Cambreling/La fura dels Baus; auch auf DVD - oben abgebildet) und Harry Kupfers Deutung (zuletzt in Frankfurt, vergleiche diesen Thread) sehr überzeugend.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      Trotzdem, ganz subjektiv: Für mich ist das Werk eine Oper. Ich möchte es auf der Bühne sehen, konzertante Darbietungen hinterlassen in mir das gleiche unbefriedigende Gefühl wie alle konzertanten Opern-Aufführungen.

      Bernd
      Das unterschreibe ich gern, und zum Glück habe ich das Werk einige Male live sehen können, und zwar in Frankfurt wie in München. Die "Krake Regietheater" war also schon früh aktiv. Von der Frankfurter Vorstellung, einer Repertoireaufführung einer alten Inszenierung von Hans Neugebauer vom Ende der 60er Jahre, erinnere ich nur noch, dass die stets sehr erfreuliche Pari Samar das Gretchen und ein gewisser Iwan Rebroff den Mephisto sang.

      Sehr gute Erinnerungen habe ich dagegen an die Münchener Inszenierung von Thomas Langhoff, die ich 1996 mit der sehr guten Besetzung Vinson Cole, Alan Titus und Jeanne Piland unter der Leitung von Marc Albrecht sah. Langhoffs Inszenierung, die mir zu sehr die kriegerischen Aspekte des Geschehens betonte, zumal er sie in einem extrem klaustrophobischen Bühnenbild ansiedelte, erinnere ich mit gemischten Gefühlen. Seit der furiosen Salzburger Aufführung der Fura dels Baus, die ich leider nur von der DVD kenne, ist aber wohl jede andere Inzenierung für mich hoffnungslos im Nachteil, und deshalb höre ich mir das Stück auch sehr gerne in einer reinen Tonaufnahme an, ein zu Berlioz' Zeit undenkbares Medium, für das sein Stück dennoch wie eigens geschaffen erscheint, weil es wie nur wenige sonst geschrieben wurde um Bilder im Kopf zu evozieren, nicht aber konkret vorzuführen.

      Zur Frage, ob und warum das Stück (k)eine "richtige" Oper ist, gibt es neben dieser Absicht einer abstrakten Bildevokation, die Berlioz in fast allen seinen Werken anstrebte, noch weitere relevante Überlegungen. Berlioz selbst hatte eigentlich ein starkes dramatisches Gespür, war aber nie ernsthaft an einer stringenten Erzählung interessiert. Vielmehr zog er es in allen seinen Werken vor, sich möglichst ohne Atempause von einem Höhepunkt einer Vorlage zum nächsten zu begeben. Bezeichnenderweise wollte er auch davor schon lieber ein Ballett zum FAUST schreiben, das keine so stringente Handlung verlangte.

      Als er dafür keinen Auftrag erhalten konnte, veröffentlichte er die bis dahin entworfenen 8 SZENEN ZU GOETHES FAUST als sein Opus 1, bevor er die Stücke in der DAMNATION aufgehen ließ und die Ouvertüre WAVERLEY als sein Opus 1 bezeichnete. Ihm lag eben nie daran, Goethes Vorlage als regelrechte Oper aufzubereiten, wie es später, bei allen Abweichungen von Goethes Vorlage, Gounod, Boito oder Busoni, Letztere auch lieber mit einem Rückgriff auf Goethes Quellen, taten. Tatsächlich ist Berlioz' Verarbeitung die mit Abstand freieste, die jemals (abseits der rein sinfonischen Behandlung) aus dem Werk abgeleitet wurde, und das sicher nicht nur, weil das damalige Konzertpublikum erheblich experimentierfreudiger war als das der Oper (was es bekanntlich nicht hinderte, Berlioz' FAUST-Version durchfallen zu lassen).

      Das von Dir zu Recht zitierte Beispiel seiner Sinfonie ROMÉO ET JULIETTE ist auch insofern das perfekte Gegenstück zur DAMNATION DE FAUST, als es ebenfalls aus einer Montage von Höhepunkten besteht und nur das, zu dieser Sinfonie komplementäre, Überwiegen von Gesangstexten und Handlungsteilen in der DAMNATION die Illusion einer durchgehenden Handlung aufkommen lässt, die aber nicht wirklich angestrebt wird. Wie anders denn als Montage von Assoziationsanstößen wäre die, ziemlich willkürliche, Interpolation des Rákóczi-Marschs zu rechtfertigen, von dem überproportionalen Ausmaß mancher Partiturteile wie dem Tanz der Irrlichter oder dem "Amen"-Choral der Studenten ganz zu schweigen?

      Ich glaube daher, dass es weniger der Fortschritt moderner Inszenierungstechnik als die, schon viel länger gefragte, Gewöhnung an die Montagetechnik des Films ist, die uns dieses Stück als Oper mit einer stringenten Handlung akzeptieren lässt. Wir sind es dank Regisseuren wie Eisenstein, Cocteau und sowieso Kluge oder Godard heute einfach gewohnt, auch größere Lücken auszufüllen, die das Publikum vor anderthalb Jahrhunderten nicht tolerierte. Wenn man also will, ist dieses Werk im Laufe der Zeit tatsächlich eine veritable Oper geworden, obwohl es eigentlich gar keine sein wollte.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • gerade gehört:

      Hector Berlioz: "La damnation de Faust"
      Légende dramatique in vier Teilen
      In französischer Sprache
      Doktor Faust - José Ferrero
      Méphistophélès - Nicolas Courjal
      Marguerite - Ekaterina Gubanova
      Brander - Jean-Marie Frémeau
      Orquesta Sinfónica y Coro de Radio Televisión Española
      Leitung: Michel Plasson
      Aufnahme vom 20. Mai 2011 im Teatro Monumental, Madrid

      hat das noch jemand gehört? mich lässt diese Interpretation etwas verwirrt zurück, man könnte meinen, die spielten ein anderes Stück als die Damnation wie s.o. beschrieben von Bernd in Frankfurt.
      sehr leicht, stellenweise fast luftig zu nennen, ein lockeres Tänzchen, das sich Rakoczy-MARSCH nennt, sanftmütigste Blechbläser und ganz bescheiden in den Hintergund tretende, manchmal gerade noch zu erahnende Bassfiguren im Orchester. Gesamtklang eher Gounod als Berlioz. Kommt das durch die Radio-Übertragung oder klang das in Madrid wirklich so harmlos? Michel Plasson habe ich live ganz anders in Erinnerung.
      :huh:
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Es gibt zwar leider keine DVD davon, aber da diese Aufnahme im Netz aufzutreiben ist, möchte ich noch einen Hinweis auf eine Aufführung aufgreifen, die ich vor knapp zwei Jahren mal in „Eben gesehen und gehört“ gepriesen habe, damit das Wissen um diese Aufführung hier nicht ganz verloren geht. Sie ist inzwischen auch schon zehn Jahre alt, zeigt also einen Jonas Kaufmann am Beginn seiner außerordentlichen Karriere und José van Dam noch im
      vollen Besitz seines Könnens.

      Hector Berlioz

      LA DAMNATION DE FAUST

      Théâtre royal de La Monnaie, Brüssel, 20.06.2002

      Faust – Jonas Kaufmann
      Méphistophélès - José Van Dam
      Marguerite - Susan Graham
      Brander - Henry Waddington

      Dirigent: Antonio Pappano
      Regie, Bühnenbild und Kostüme: Roland Aeschlimann
      Chor und Orchester des Théâtre Royal de La Monnaie

      Die Inszenierung ist ersichtlich die eines Bühnenbildners, als der sich der schweizer Roland Aeschlimann profiliert hat, denn sie setzt stark auf die Signale einer eher statischen Bildhaftigkeit. Das könnte bei normalen Opern leicht problematisch sein, passt aber auf dieses oratorische Werk ganz hervorragend. Man könnte meinen, dass Aeschlimann den Titel dieses Threads um Fausts Traumtheater kannte und umsetzen wollte, denn genau das inszeniert er. Mit den schlichten, aber gerade deshalb starken Symbolen eines roten Bleistiftes, der für Fausts Welt der Bildung steht, und dem Kasten eines übergroßen Kontrabasses, den man als Andeutung der verführerischen Kräfte des Teufels verstehen kann, und der sich für einen Höllenritt eignet, illustriert er Bilder eines sprunghaften Traumes, der nur die entscheidenden Stationen des Endes einer fatalen Biografie aufzeigt. Dabei folgt er Berlioz konsequent in der traumhaften Einbeziehung scheinbar irrelevanter Impressionen aus der Umwelt, etwa der Klänge vorbei ziehender Studenten und Soldaten, Militärmärsche usw.

      Wo ein Thomas Langhoff in seiner sehr interessanten, für mich aber nicht ganz geglückten münchener Inszenierung daraus ein Antikriegsplädoyer ableitete, werden diese Elemente hier zu einem logischen Bestandteil der Folge von Lockungen des Teufels, der in der gegenseitigen Vernichtung der Menschen und der Zerstörung ihrer Kultur, wie sie die grandios gestaltete Amen-Fuge ausdrückt, ja durchaus vergnügliche Elemente wahrnehmen kann.

      Ich gestehe, dass mich die Erstbegegnung mit dieser Inszenierung vor zwei Jahren überwältigt hat und sogar die vorzügliche Inszenierung Robert Lepages an der MET verblassen ließ. Dies um so mehr, als die musikalische Realisierung vorbildlich gelang. Der junge Jonas Kaufmann (2002) ist grandios, und sowohl Susan Graham als auch José van Dam erfüllen die mit Recht in sie gesetzten, sehr hohen Erwartungen. Die eigentliche Entdeckung aber ist das Dirigat von Antonio Pappano, der mich immer wieder überrascht, obwohl ich langsam wissen müsste, wie gut er auch das französische Repertoire beherrscht.

      Die sehr sparsame Inszenierung muss man nicht mögen, aber sie kann sich sehen lassen, wenn man sie nicht gerade an der brillanten Inszenierung der Fura dels Baus in Salzburg misst, die allerdings die Vorlage schon fast erschlägt und stark verfremdet. Insgesamt also eine Aufführung, die es eminent wert ist, dass man nach ihr forscht, und die man jederzeit getrost auch auf DVD herausbringen könnte – und sollte.

      Alle, die diese Aufführung noch nicht kennen, können sich einen kleinen Eindruck davon auf YouTube verschaffen, denn da werden Teile einer sehr guten Dokumentation mit Ausschnitten gezeigt, und zwar ab hier: "http://www.youtube.com/watch?v=VEy8usxhDTc&feature=related"

      Wenn man dann noch "Faust" und "Kaufmann" eingibt, findet man bei YouTube auch einige weitere Ausschnitte aus der Produktion. Schaut rein. Es lohnt sich. Weitere Hinweise gebe ich gerne per PN.

      Kennt noch jemand diese Aufführung?

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung