VERDI, Giuseppe, Macbeth, WSO, GP am 4. Dezember 2009

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    • VERDI, Giuseppe, Macbeth, WSO, GP am 4. Dezember 2009

      Mit großer Spannung blickte ich der heutigen GP von "Macbeth" entgegen, handelt es sich doch dabei um meine drittliebste Verdioper, die gefühlte Jahrzehnte nicht mehr auf dem Spielplan der WSO aufgetaucht ist.
      Nun, musikalisch wurden meine hohen Erwartungen überwiegend erfüllt, szenisch leider nur sehr bedingt, wenn ich auch in letzter Zeit Schlimmeres gesehen habe als diese sehr beliebige bzw. belanglose Inszenierung von Vera Nemirova, die mir weder neue Sichtweisen eröffnet, noch den Gehalt des Werkes wirklich ausgeschöpft hat. Was könnte man aus diesem "Macbeth" alles herausholen, und wie wenig ist im konkreten Fall herausgeholt worden. Aber genug der Präliminarien!

      Der Vorhang geht hoch, und wir befinden uns in einem Wald, natürlich nur in einem stilisierten: Beinahe schwarze Baumstämme mit dürren Aststummeln - offensichtlich handelt es sich um Nadelbäume - umgeben in einem Halbrund die Spielfläche, die zusätzlich noch von zwei liegenden Stämmen links und rechts abgegrenzt wird. Baumstämme auf der Bühne scheinen in letzter Zeit trendy zu sein, ich könnte auf Anhieb fünf Inszenierungen mit diesem Dekor anführen, aber ich muss gestehen, dass ich diese Lösung immer wieder überzeugend finde. Diese extreme Betonung der Vertikale übt einen ganz besonderen ästhetischen Reiz aus, zumindest auf mich.
      Etwas ratlos betrachtete ich hingegen die ebenfalls nur stilisierte Bühne auf der Bühne: Ein Holzrahmen mit Giebeldach, auf dem eine Theatermaske befestigt ist, eine Girlande aus Glühbirnen, die diesen Rahmen nachzeichnet, ein roter Plüschvorhang. Zunächst dachte ich ja noch, die Hexen seien vielleicht eine Truppe von Wanderschauspielern, aber nein, diese Bühnenattrappe verschwindet erst vor dem 4. Akt in der Versenkung, ist also ein deutungsimmanentes Detail der Inszenierung. Alles Theater? Wir spielen immer? Ach nee, kann ich dazu nur müde gähnen.
      Die Hexen sind allerdings wirklich ein buntes Künstlervölkchen, die offensichtlich eine Art Happening feiern, aber ein reichlich zahmes. Eine Bodypainterin bepinselt drei Grazien, es wird viel gekichert und herumgeturnt, vor allem aber fotografiert. In diese Spaßgesellschaft platzen Macbeth und Banquo in schwarzen Kampfanzügen und wirken reichlich deplatziert. Dass zwei solche gestandene Mannsbilder die Prophezeiungen einiger überdrehter Girlies derart ernst nehmen, verwundert ein wenig. (Das verwundert mich in so mancher Inszenierung, in dieser aber ganz besonders!) Nun habe ich mir sicher keinen düsteren Hokuspokus a la Merlin erwartet, aber es muss doch irgendwie transparent gemacht werden, dass Macbeth überzeugt ist, dass ihn hier ein Wink des Schicksals ereilt hat.
      Er glaubt also den Hexen, weil es so im Libretto steht, aber eines wird bereits in dieser Szene klar: Simon Keenlyside legt seinen Macbeth nicht als Schwächling an, als Zauderer, der erst von seiner machtbesessenen Frau zu all den Greueltaten getrieben wird. Der wilde Triumph in seinem Blick, als ihm kurz darauf eine Delegation eleganter Männer im grauen Anzug die Ernennungsurkunde zum Than von Cawdor überbringen, spricht Bände: Hier ist einer, der nicht erst warten will, bis sich sein Schicksal erfüllt, sondern einer, der gewillt ist, es selbst in die Hand zu nehmen. Dass der Weg zur Krone nur über die Leiche des Königs führt, ist Macbeth schon in diesem Augenblick klar, und er ist entschlossen, die Prophezeiung wahr werden zu lassen. Die Männer entkleiden ihn und streifen ihm ebenfalls einen grauen Anzug über. (Warum? Mein Nachbar meinte boshaft, damit Keenlyside wieder einmal seinen gestählten Body präsentieren könne. Tatsächlich hat man dazu im Verlaufe des Abends ausgiebig Gelegenheit! :sev: )
      Von der Unterbühne wird nun eine "Nasszelle" emporgefahren: In einer weißen Badewanne blubbert der Schaum, daran schließt eine Dusche an und hinter der Milchglasscheibe kann man ein Ruhebett erahnen. Lady Macbeth räkelt sich auf dieser Liege und liest den Brief ihres Gatten, der sie sichtlich erheitert. Nicht aufschreckt, nicht triumphierend in die Höhe fahren lässt, wie man das eigentlich in dieser Szene gewöhnt ist, denn diese hübsche, blonde Frau entspricht so gar nicht dem Lady-Clichée: Erika Sunnegardh ist nicht der vom Ehrgeiz zerfressene, dämonische Vamp, der um jeden Preis Königin sein will und dazu ihren Mann zum König machen muss, sondern zunächst einmal nur nett und lieb. Natürlich erkennt auch sie das Potential dieser Prophezeiung, aber man hat zunächst das Gefühl, dass für sie alles nur ein Spiel ist. "Wohl zu viele Krimis im Fernsehen gesehen?" möchte man ihr beinahe zurufen, als sie Macbeth den Floh ins Ohr setzt, der König möge die Sonne nicht mehr aufgehen sehen. Macbeth und seine Lady begegnen sich dabei immer auf Augenhöhe, er ist in dieser Inszenierung kein bisschen das Opfer einer ihm überlegenen Frau, er will den Mord am König ebenso wie sie. Zunächst aber genießt er das Wiedersehen mit seiner reizend-aufreizenden Frau, und unter der Dusche (Sie läuft tatsächlich) geht es erotisch ganz schön zur Sache. Nein, meine Damen, mehr als seine männliche Brust bekommt man vom schönen Simon auch jetzt nicht zu sehen, er behält nämlich beim Duschen die lange (!)Hose an......
      Ziemlich albern ist die Ankunft des Königs inszeniert, der als tuntige Witzfigur auftritt, mit der Frau des Hauses tanzt (Die immer noch ihren weißen Seidenschlafrock trägt....), seine Hüllen fallen lässt und im Schaumbad untertaucht (Ja, die Nasszelle steht immer noch da!) und sich dann mit zwei Gespielen zur Ruhe begibt, hinter der bereits erwähnten Duschwand. Trotzdem gelingt es Macbeth spielend, alle drei gleichzeitig zu überrumpeln und niederzumetzeln. Der tote Duncan fährt mitsamt dem Bad in den Orkus der Unterbühne, um kurz darauf aufgebahrt in einem offenen Sarg wieder heraufzuschweben. Sinnend steht Macbeth am Katafalk seines Opfers, aber seine "Wahngedanken", welche die Lady an ihm ortet, entspringen nicht der Furcht vor seiner Untat, sondern vor dem dritten Teil der Prophezeiung, dass Banquos Söhne dereinst herrschen werden. Es braucht daher erst gar nicht die Einflüsterung durch seine Frau, damit er auf dem Weg des Verbrechens weiterschreitet.
      Die Ermordung Banquos ist der Teil der Inszenierung, den ich am wenigsten verstehe, vielleicht kommt die Erleuchtung ja noch bei den folgenden Vorstellungen. Momentan kann ich nur sagen ????????? Die Verschwörer treten zunächst in grauen Anzügen und merkwürdigen Hüten auf, deren Form sich dann erklärt, als sie weiße Handschuhe anziehen und rote Clownsnasen aufsetzen. Außerdem tragen sie rote Luftballons. Während Banquo also auf der taghell beleuchteten Bühne die Grauen der Nacht besingt, werden er und sein Sohn von den Clowns umringt und belauert, einer tritt dem Kleinen sogar seinen Luftballon ab. Banquo merkt scheinbar überhaupt nichts von alledem, bis die Mörder auf ihn eindringen und dem Sterbenden ebenfalls einen Luftballon in die Hand drücken. Aber obwohl Stefan Kocan die Schrecken der Nacht in seiner Stimme lebendig werden lässt , habe ich die Ermordung Banquos noch nie derart spannungslos erlebt.
      Für die Szene im Ballsaal wird ein prächtig gedeckter Tisch von der Unterbühne emporgefahren, er passt genau unter den Bühnenrahmen, der ja die ganze Zeit präsent ist.
      Die Hofgesellschaft himmelt die Lady an, die in ihrem feuerroten Kleid auch wirklich atemberaubend aussieht, während sich der Geist Macbeth' librettogemäß verwirrt, als er zunächst auf dem Tisch Teile menschlicher Körper (? Ich bin mir da nicht ganz sicher, vom Parkett konnte man das nicht exakt erkennen) und dann den ganzen Banquo erblickt, der blutüberströmt am Tisch sitzt, immer noch den roten Luftballon in der Hand. Plötzlich kracht der Tisch zusammen und verschwindet wieder in der Versenkung, während die Höflinge nun von Securities mit Maschinengewehren in Schach gehalten werden. Einige müssen sich in einer Reihe hinknien und werden von Macbeth per Zufallsprinzip erschossen, während rundum alles entsetzt flieht. Zum Schluss reißt er den Geist Duncans von seinem Stuhl und zerrt ihn in die Mitte der Bühne, und während die Musik leise ausklingt, steigt der rote Luftballon langsam empor in den Schnürboden. Das ist eines der wenigen wirklich einprägsamen Bilder, aber der Sinn im Gesamtzusammenhang erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht.
      In der nächsten Szene wird die Bühne auf der Bühne erstmals als solche gebraucht, denn die Hexen sind nun offensichtlich wirklich Schauspielerinnen, zumindest ist eine Requisiteurin anwesend und teilt eifrig Kostüme und diverse Attribute zu. Auch da gelingen Vera Nemirova einige schöne Bilder, die aber ziemlich zweckfrei wirken. Gut gelöst ist dann die zweite Prophezeiung, die in Form einer Theateraufführung abläuft und eine scheinbar endlose Abfolge von Königsmorden zeigt, Macbeth die Unentrinnbarkeit seines Schicksals vorstellend. Am Ende dieser Szene verschwindet auch die Bühne in der Versenkung - das "Spiel" ist aus, es kommt die Zeit der Abrechnung.
      Macbeth trifft auf seine Frau, die eben einen Kinderwagen vor sich herschiebt, und informiert sie über die beruhigende Prophezeiung der Hexen, aber auch über seine Vision von Banquos blühendem Stammbaum. Sie holt ein Maschinengewehr aus dem Kinderwagen, und während beide wild entschlossen die "ora di morte e di vendetta" beschwören, schweben vom Schnürboden vergoldete männliche Säuglinge herunter, quasi als Menetekel, dass Banquos Geschlecht sich vermehren wird, egal, wie viele Morde Macbeth noch auf sein Schuldenkonto lädt.
      Ziemlich 0815-mäßig inszeniert erlebt man das Elend der schottischen Flüchtlinge. Mit düsteren Mienen treten die Männer und Frauen vor an die Rampe, legen ihre toten Kinder nieder und beklagen ihr "Patria opressa". Allerdings tut der Chor der Wiener Staatsoper dies so klangschön und mit so viel Ausdruck und feinen Nuancen , dass es trotzdem unter die Haut geht, auch wenn optisch nur Stehtheater geboten wird. (Am Ende dieser Szene erheben sich die toten Kinder plötzlich wieder, wandeln traumverloren umher und verlassen in der Orchesterpause die Bühne. Warum? Woher soll ich das wissen....)
      Lady Macbeth' Verstand hat sich inzwischen verwirrt. Sie ist sichtbar schwanger und balanciert mit ihrer Kerze auf den Baumstämmen, belauscht von Arzt und Kammerfrau. In dieser Szene passt die kindliche Ausstrahlung von Erika Sunnegardh vorzüglich, sie wirkt unendlich verletzlich, und obwohl sie im Wahn spricht, viel "wacher" als am Anfang, wo für sie alles ein Spiel gewesen zu sein schien. Schließlich bricht sie tot neben dem Baumstamm zusammen.
      Macbeth findet seine scheinbar schlafende Frau und deckt sie fürsorglich mit seinem Jackett zu. Aus der Zeitung (auch so ein flacher Gag...) erfährt er vom Bündnis seiner Feinde mit England, und obwohl einerseits wilder Trotz ihn die Fäuste ballen lässt, weiß er genau, dass selbst der Sieg eine Niederlage für ihn wäre, dass er als Mensch seinen Bankrott erklären muss.
      Deshalb kostet es ihn nur ein höhnisches Lachen, als ihn die Kammerfrau vorsichtig darauf hinweist, dass die Königin tot ist.
      Bei Vera Nemirova nähert sich nicht der Wald von Birnam, sondern der seit Beginn vorhandene Wald entweicht: Die Stämme steigen in den Schnürboden hinauf und lassen nur eine Reihe von Baumstümpfen zurück. Macduff und seine Mannen dringen mit Äxten auf Macbeth ein und erschlagen ihn wie einen räudigen Hund.

      Doch nun zum musikalischen Teil deser GP, bei der alle Sänger wirklich ausgesungen haben.
      Daniele Gatti, der ursprünglich vorgesehene Dirigent, hatte gleich zu Beginn der Proben das Handtuch geworfen, angeblich wegen Differenzen mit Frau Nemirova. Das kann ich mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, denn es passiert auf der Bühne absolut nichts, was gegen die Musik gerichtet wäre, eigentlich passiert für meinen Geschmack viel zu wenig auf der Bühne! Wie auch immer: Statt Gatti kam Guillermo Garcia Calvo, den ich inzwischen wenigstens schreiben kann, denn er war mir zunächst völlig unbekannt. Nun, er machte seine Sache sicher nicht schlechter als Gatti, aber ich habe immer noch das Dirigat von Claudio Abbado im Ohr (live und auf CD), bei dem alles viel leidenschaftlicher klingt. Mir schien heute, Maestro Calvo hätte sich teilweise dem etwas drögen Bühnengeschehen angepasst. Nun kann man die langsameren Tempi durchaus auch genießen, im Wohlklang der Philis baden, aber ich mag's halt mit ein wenig mehr Pfeffer.

      Simon Keenlyside hat mich mit seinem Macbeth wieder versöhnt, nachdem er mich als Onegin doch etwas enttäuscht hatte. Heute strömte sein schöner Bariton - mir fällt dazu immer nur Balsam ein - wieder auf einer perfekt geführten Gesangslinie dahin, und auch die tiefen Töne verrutschten heute nicht, wie es leider in letzter Zeit manchmal der Fall war. Was ich an Simon Keenlyside so liebe, ist nicht nur sein edles Timbre, sondern die kultivierte Art des Singens, die mit einer intelligente Interpretation Hand in Hand geht. Die große Szene und Arie des Macbeth im 4. Akt, "Perfidi! All'anglo contra me v'unite! geriet zu einer Lektion in nuanciertem Singen.

      Erika Sunnegardh besitze eine helle, klare, sehr schön timbrierte und sauber geführte Stimme (mit sehr wenig Vibrato, wie ich es liebe), und genau das ist mein Problem mit ihr: Ihre Stimme ist mir für die Lady Macbeth einfach zu schön! Ich bin wohl durch Mara Zampieri verdorben, deren Timbre alles andere als schön zu nennen ist, die auch immer eine gewisse Schärfe in der Stimme hatte. (Weniger Wohlgesonnene bezeichneten es als schrill....), aber bei ihrem "Viene! T'affretta! Accendere...." gefror mir regelmäßig das Blut in den Adern, und genauso muss eine Lady für mich klingen. Nun ist natürlich die Lady in dieser Inszenierung ganz anders angelegt, und das drückt sich auch in einer weniger expressiven Gesangslinie aus, und insofern erbringt Erika Sunnegardh eine sehr gute Leistung, aber.........

      Ein großes Versprechen für die Zukunft scheint mir der noch junge Stefan Kocan zu sein, der natürlich noch Zeit braucht, um seinem schon jetzt eindrucksvollen Bass die nötige Schwärze zu verleihen, aber in etlichen Jahren könnte er mich dann "meinen Banquo forever", Nici Ghiaurov, vielleicht doch vergessen machen.

      Dimitri Pittas lieh dem Macduff seinen Tenor, an dem mich vor allem ein sehr ausgeprägtes Vibrato störte. Ich würde sagen, er entledigte sich seiner Aufgabe mit Anstand, aber ich habe "O figli miei...." schön schöner gesungen gehört.

      Fazit: Ein musikalisch sehr ausgewogener "Macbeth" ohne Schwachsellte und mit einem für mich herausragenden Simon Keenlyside, szenisch allerdings belanglos und enttäuschend. (Ich trau mich's ja fast nicht zu sagen, aber ich habe unseren uralten Kostümschinken aus den Achtzigerjahren spannender in Erinnerung....)
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Liebe Severina,

      toller Bericht! :juhu: Ich kann mir die Inszenierung richtig vorstellen, was mir nach Rezensionen in Zeitungen heutzutage fast nie gelingen mag. Und ich wäre wohl zu ganz ähnlicher Einschätzung der Inszenierung gekommen, so, wie du sie beschreibst.

      Keenlyside hier in Bestform gehört zu haben, darum beneide ich dich aber schon ein bisschen.

      :wink: Matthias
    • Auch von mir ein herzliches Dankeschön für den Bericht, Severina! Ich gehe kurz vor Weihnachten auch in diese Produktion und bin gespannt, ob ich dann hier überhaupt was Zusätzliches beitragen kann.

      Zur Gatti-Absage: Ich dachte, der Mann sei ernsthaft krank geworden und nicht bloß verschnupft? So zumindest die offizielle Version. Manchmal scheint es mir, als ob in solchen Fällen immer von anderer Seite das Gerücht in die Welt gesetzt wird, dass der Dirigent (wahlweise auch ein Sänger) wegen der Regie zurückgetreten sei. Über Gatti mag man manches Skeptische sagen, aber er dirigiert immerhin den Herheim-Parsifal in Bayreuth und ist nächste Saison wohl (leider) für den Bietio-Fidelio in München vorgesehen.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Soeben habe ich, teilweise mit ganzer Aufmerksamkeit, teilweise nur mit einem Ohr, der Übertragung der Macbeth-Premiere im Ö1-Livestream gelauscht. Gemischte Eindrücke: ein solides Dirigat, manchmal temperamentvoll, manchmal unentschieden-weich. Keenlyside ausgezeichnet singend und charakterisierend, Frau Sunnegardh insgesamt erträglich. Allerdings mit Schwierigkeiten in der Cabaletta des ersten Akts und dann einer leider unsicher gesungenen Schlafwandelszene. Stefan Kocan seltsam steifstimmig, Pittas ok, der Chor hervorragend.

      Sunnegardh wurde offenbar am Schluss mit recht vielen Buhs abgestraft, bescheiden auch der Beifall für Kocan. Nicht übermäßige Ovationen für Keenlyside, der Dirigent kam beim Schlussbeifall gut weg. Die Regie fing sich schon auf offener Szene ab und zu massive Buhrufe ein (etwa beim oben von Severina geschilderten Einzug des Königs im ersten Akt) und wurde dann, wie das an gewissen Häusern so üblich ist :D , am Ende heftig abgestraft.

      Nun, ich bin schon gespannt auf meinen Live-Eindruck.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Ich habe - gleich Zwielicht - die Übertragung der Premiere im Radio verfolgt. Meine Begeisterung war (und ist immer noch) sehr endenwollend. Ich kann dabei nur vom musikalischen Eindruck sprechen, weil ich die Szene ja nicht gesehen habe. Aber warum setzt der Herr Direktor ein Werk an, das er in den wesentlichen Partien nicht rollendeckend besetzen kann. Man muss ja nicht die legendären Aufnahmen (Mitschnitte, nicht Studioproduktionen) der Vergangenheit zum Vergleich heranziehen, um die stimmliche Qualität dieses Abends zu hinterfragen. Ich denke nicht an Callas, Varnay oder Rysanek als Lady (alle in legendären Mitschnitten erleb- und erhörbar) und auch nicht an Metternich, Warren oder (in der jüngeren Vergangenheit) Cappuccilli. Ich vergesse auch, dass einst auch Banco oder Macduff mit ersten Sängern besetzt worden sind (Tucker oder Domingo; Ghjaurov). Gut - das waren andere Zeiten und jedes Haus der Welt wäre froh, heute vergleichbare SängerInnen ansetzen zu können.

      Aber bietet Frau Sunnegardh wirklich die stimmlichen Qualitäten, die man sich von einer Premierenbesetzung der Wiener Staatsoper erwartet; hat man Herrn Keenlyside mit diesem Rollendebut wirklich Gutes getan (und ich bin auch nicht sicher, ob sein geplaner Rigoletto für ihn so optimal sein wird); findet sich für den Banco denn wirklich kein profunderer Bass als Herr Kocan ? Und sind wirklich nur drei Wochen Studienzeit für die Partitur dafür verantwortlich, dass der junge Dirigent eben nur schöne, aber keine dramatischen Töne dem Orchestergraben entlocken konnte ?

      Ich erinnere mich noch an Repertoirevorstellungen, in denen Paskalis oder Bruson herrlich dynamisch-dramatische Interpreten der Titelpartie waren, in denen Mara Zampieri auf der Bühne raste, ..... und, und, und.

      Ja, das alles ist Vergangenheit - aber die gestrige Premiere ließ mich trauernd an diese Vergangenheit (die ich miterleben konnte) denken.



      Michael :(
    • Ich war einigermaßen entsetzt, als ich die PR am Radio mitverfolgte, denn die GP war (wie so oft) musikalisch besser, im konkreten Fall sogar um Klassen besser. Die Begeisterung für den Dirigenten konnte ich nicht nachvollziehen, denn für mich bot er nicht mehr als eine solide Leistung, und das ist für eine Neuproduktion nicht eben viel.
      Dass Erika Sunnegardh keine Lady Macbeth ist, fand ich ja schon bei der GP (und teile da Michaels nostalgischen Gefühle voll und ganz), aber wenn man Vera Nemirovas Lesart, dass ihre Lady eben kein machtbesessener Vamp, sondern eine liebende Ehefrau mit ein wenig zu ehrgeizigen Ambitionen für ihren Gatten ist, akzeptiert, machte sie ihre Sache sehr gut. Bei der PR nun schien sie ihre Nerven völlig weggeschmissen zu haben, denn ihre Stimme flatterte ganz furchtbar und zeigte eine deutliche Tendenz, in der Höhe schrill zu werden. (Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie an der MET die Turandot singt!!!) Ein derartiges Buhkonzert hat eine Sängerin jedenfalls schon lange nicht mehr über sich ergehen lassen müssen, ich habe am Radio mit ihr mitgelitten. (Schon bei ihrer Auftrittsarie wurde gezischt, wie mir schien. Gut, da durfte man halt wirklich nicht Mara Zampieri im Ohr haben....)
      Aber auch Simon Keenlyside phrasierte bei weitem nicht so schön wie bei der GP, was ich besonders bei seiner großen Arie im 4. Akt schmerzlich vermisste. Eine Bekannte, die live dabei war, berichtete mir, dass er seinen Ärger über die Inszenierung in einigen Szenen deutlich zeigte. Das hätte er natürlich besser bei den Proben getan, bei der PR zeigt so ein Verhalten nicht unbedingt von Professionalität. Aber bei der GP hatte ich den Eindruck, dass ihm die Duschszene durchaus Spaß machte :sev:
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Lieber Bernd,
      es gibt halt Inszenierungen, die sind wirklich nicht sonderlich gelungen, und diese zähle ich dazu - ich bin schon sehr neugierig, wie es Dir gefällt!! :sev: Dabei finde ich die Publikumsreaktionen nicht nur unfair den Sängern gegenüber, sondern auch wirklich lächrlich, denn an der Regie von Vera Nemirova ist absolut nichts, was diese Aufregung rechtfertigen würde. Die Story wird ohne jede Verfremdung erzählt, nichts ist gegen die Musik gerichtet, ganz im Gegenteil, die Musik wird oft in (überflüssige) Gags umgesetzt. Hier will die Nemirova wohl ihren Meister Konwitschny imitieren, leider verfügt sie (noch) nicht über dessen Format. Dass sich meine Begeisterung in Grenzen hält, liegt nicht daran, dass die Regie zu weit, sondern dass sie zu wenig weit gegangen ist und alles irgendwie im Ansatz stecken bleibt. Interessant finde ich die völlig unübliche Charakterisierung des "mörderischen Liebespaares", deshalb wurde wohl auch die Lady so völlig gegen den üblichen Stimmtypus besetzt, was das Publikum wohl ganz besonders erregte. Aber insgesamt könnte man aus "Macbeth" halt wesentlich mehr machen als diese ziemlich eindimensionale Inszenierung, die zwar mit einigen Szenen punkten, aber keinen Spannungsbogen halten kann.
      Diese Idee mit dem Tablett als Spiegel, das in der 2. Hexenszene wieder aufgegriffen wird, fand ich genial - leider habe ich bei meiner Rezension ganz vergessen, das zu erwähnen. Erst diese Kritik hat mich wieder daran erinnert. (Leider verfüge ich nicht über Alvianos fotographisches Gedächtnis, ich kann mir beim ersten Mal nie alle Details merken :schaem: )
      lg Severina :wink:
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    • Liebe Severina, Dich hatte ich natürlich nicht zu den tatsächlichen oder rezensierenden Buhrufern gerechnet. Aber unabhängig davon wie man die Inszenierung beurteilt: der Hinweis des NZZ-Rezensenten, dass die Buhchöre schon während der Aufführung die Mitwirkenden vermutlich ziemlich verunsichert haben und somit auch für die gedämpfte musikalische Qualität der Premiere mitverantwortlich waren, finde ich nicht aus der Luft gegriffen - zumal Dein musikalischer Eindruck nach der Generalprobe ja auch besser ausgefallen war.

      Die einzige Aufführung der letzten Zeit, bei der ich mich an Buhchöre mitten in die Musik hinein (und nicht bloß nach Arien, Aktschlüssen usw.) erinnern kann, ist komischerweise auch eine Macbeth-Premiere: diejenige der Kusej-Inszenierung vom Oktober 2008 in München.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • lieber Bernd,
      da bin ich ganz bei Dir - ich finde Buhrufe während einer Aufführung absolut indiskutabel und vor allem respektlos den Sängern gegenüber, und auch ich bin der Meinung, dass das sehr mäßige musikalische Niveau der PR diesem Umstand geschuldet war. Wenn man zur üblichen Premierennervosität gegen eine von Anfang an spürbare feindselige Stimmung (die man auch am Radio deutlich mitbekommen hat) im Publikum ansingen muss, braucht es wohl Nerven wie Drahtseile, um in diesem Kampf zu bestehen. Und besonders Erika Sunnegardh hat ihre Nerven hörbar weggeschmissen, denn während der GP war ihre Stimme natürlich auch (zu??) klein, aber sauber geführt und der Spitzenton am Ende der Wahnsinnsszene gelang tadellos.
      Der Rezensent der NZZ schreibt, dass die Störaktionen von der Galerie ausgingen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, aus welcher Ecke das kam. Diese Typen haben schon Tage vorher in einem gewissen Forum (Nicht Tamino!!!) Stimmung gegen "dieses Gör" Vera Nemirova gemacht und ihrer zweifelhaften Ideologie (die dort nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert wird...) ungeniert Ausdruck verliehen.
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • ... und warum hat sich der Dirigent nicht irgendwann ans Publikum gewandt u. um Fairneß ggb. den Sängern gebeten ? ...soll bei der vorletzten D`dorfer "Macbeth" :P - Premiere (`88, Regie Günter Krämer, Ltg. Hans Wallat) ganz leidlich funktioniert haben...Davor (ich meine, während des kurzen Instrumentalteils in Akt III. ? - aus einem überdimensionalen Plastik-Unterleib entkrochen jedenfalls irgendwann etliche Mini-Könige) stand die Aufführung wohl kurz vor dem Abbruch !

      Während der späteren Duisburg-Premiere (mit mir im Publikum) war zwar Irritation allenthalben spürbar, ansonsten bliebs aber respektvoll ruhig - - - in alten Arbeiterhochburgen zählt halt das "Prinzip Solidarität" noch was :thumbsup: (bin ich in der Tat nicht ganz der Erste, der vermutet, daß sowas wirklich bis ins örtliche Opernhaus "durchschlägt"...)

      gnua gschriebn für heit`... :wink: ... michele
      >>>>Wer Rechtschreibefehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show) … … Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • Severina schrieb:

      Der Rezensent der NZZ schreibt, dass die Störaktionen von der Galerie ausgingen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, aus welcher Ecke das kam. Diese Typen haben schon Tage vorher in einem gewissen Forum (Nicht Tamino!!!) Stimmung gegen "dieses Gör" Vera Nemirova gemacht und ihrer zweifelhaften Ideologie (die dort nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert wird...) ungeniert Ausdruck verliehen.


      Liebe Severina, warum soll man's nicht aussprechen - es handelt sich um die "Neue-Merker"-Website mit integriertem Forum, auf der sich tatsächlich Dinge abspielen, die selbst bei Tamino nicht denkbar wären: permanentes Insistieren auf der rumänischen und jüdischen Herkunft des Staatsoperndirektors, der jederzeit angepöbelt, auch indirekt mit Hitler verglichen werden darf und dem allenfalls "Managerqualitäten" (natürlich) attestiert werden. Nemirova wurde nicht nur im dortigen Forum als "Göre" beschimpft, sondern sogar von einer "offiziellen" Kritikerin als "ostblockisch-verbissen" charakterisiert. Es gibt allzuviele Leute, die diese Website immer noch für eine seriöse Adresse halten.


      mstislav schrieb:

      ... und warum hat sich der Dirigent nicht irgendwann ans Publikum gewandt u. um Fairneß ggb. den Sängern gebeten ? ...soll bei der vorletzten D`dorfer "Macbeth" :P - Premiere (`88, Regie Günter Krämer, Ltg. Hans Wallat) ganz leidlich funktioniert haben...


      Lieber Micha (an Michele kann ich mich bis auf weiteres nicht gewöhnen :D ), dazu muss ein Dirigent aber auch genügend Autorität besitzen, was seinerzeit bei Wallat als GMD zweifellos der Fall war. Der junge Einspringer in Wien hätte sich damit womöglich nur noch stärkeren Protesten ausgesetzt. Theoretisch könnte der Intendant eine Ansage machen, sähe sich dann aber sofort dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt.


      mstislav schrieb:

      Während der späteren Duisburg-Premiere (mit mir im Publikum) war zwar Irritation allenthalben spürbar, ansonsten bliebs aber respektvoll ruhig - - - in alten Arbeiterhochburgen zählt halt das "Prinzip Solidarität" noch was :thumbsup: (bin ich in der Tat nicht ganz der Erste, der vermutet, daß sowas wirklich bis ins örtliche Opernhaus "durchschlägt"...)


      Ich hänge ja auch an meinem alten Heimat-Opernhaus in Duisburg, aber das dortige Publikum ist nach meinen bis in die frühen 80er zurückreichenden Erfahrungen zwar anders (eher kleinbürgerlich) strukturiert, aber nicht weniger konservativ als das Düsseldorfer. Es gibt zwar kaum fiese Cliquen und Claquen wie in Wien oder München, aber kürzlich ist in Duisburg die Salome-Inszenierung von Tatjana Gürbaca ja auch gnadenlos niedergebuht worden. (Tschuldigung für das OT).


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      page=Thread&postID=42483#post42483] Es gibt zwar kaum fiese Cliquen und Claquen wie in Wien oder München, aber kürzlich ist in Duisburg die Salome-Inszenierung von Tatjana Gürbaca ja auch gnadenlos niedergebuht worden. (Tschuldigung für das OT).

      Viele Grüße

      Bernd


      Lieber Bernd,

      ob es die in Wien gibt, kann ich nicht beurteilen (bei Merker habe ich höchstens vor Jahren ein oder zweimal im Forum gelesen und wenn die auch im Opernhaus sind, dann gute Nacht), aber ich weiß jetzt nicht, ob Zustimmung oder Ablehnung bestimmter Inszenierungen oder in Ausnahmefällen auch SängerInnen oder Dirigenten, wirklich etwas mit Cliquen und Claquen zu tun hat. Kenne nur eine Gruppe Fans der Gruberova im Münchner Raum, aber die sind ganz bestimmt nicht fies. Und selbst habe ich nur beim Siegfried gebuht und da wurde von der Direktion auch von bezahlten Buhern gesprochen, aber bei mir ist da nichts angekommen und bei anderen auch nicht....habe ich ganz freiwillig gemacht :D Vielleicht bist Du da aber besser informiert.

      Herzliche Grüße
      Ingrid
    • Liebe Ingrid, die Grenze zwischen "Fans" und "Claquen" ist zweifellos unscharf. Ich erinnere mich in Wien etwa an die Thielemannianer beim Tristan vor einigen Jahren, die schon ekstatisch losbrüllten, wenn nur eine Fingerkuppe des Angebeteten im Orchestergraben erschien. Dass so etwas auf der anderen Seite der Medaille auch leicht in Hass umschlagen kann, ist eine alte Erfahrung, die z.B. (jetzt außerhalb der Oper) durch die Thielemann-Fanatiker im Abonnentenpublikum der Münchner Philharmoniker bestätigt wird, die nicht davor zurückscheuen, das Orchester wegen seines angeblichen Fehlverhaltens niederzubuhen.

      Was die Bayerische Staatsoper betrifft, so scheint es mir zumindest wahrscheinlich, dass einige Buhkonzerte der letzten Zeit sich nicht nur auf konkrete Leistungen in einer Aufführung bezogen, sondern Ausdruck einer allgemeineren Wut sind, die sich ihr Opfer vor allem in der Intendanz sucht. Man lese sich in den einschlägigen Foren ("Neuer Merker" für Wien, sog. Wagner-Forum für München) durch, welch unbändiger Hass auf die beiden Intendanten Holender und Bachler sich dort Bahn bricht. An den beiden Herren gibt es sicher manches zu kritisieren, aber hier geht es um andere Dinge: Ressentiments in ihrer schlimmsten Form, wobei dann gelegentlich die Sänger (z.B. im Münchner Don Giovanni oder jetzt auch Frau Sunnegardh im Wiener Macbeth) als Blitzableiter herhalten müssen.

      Wir sind inzwischen ziemlich OT... :S


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      aber hier geht es um andere Dinge: Ressentiments in ihrer schlimmsten Form, wobei dann gelegentlich die Sänger (z.B. im Münchner Don Giovanni oder jetzt auch Frau Sunnegardh im Wiener Macbeth) als Blitzableiter herhalten müssen.

      Viele Grüße

      Bernd


      Hoffentlich darf sie dieser in München bei Macbeth nicht auch sein, denn so beliebt ist diese Inszenierung ja ebenfalls nicht und wenn sie dann evtl. die Rolle nicht ganz so ausfüllt, wie es sich manche wünschen, dann könnte es in der Tat wieder schwierig für sie werden.

      :wink: Ingrid
    • Macbeth am 21.12.2009

      Es lag etwas Lähmendes über dieser Aufführung: den darstellerisch gebremsten Leistungen in einer wenig überzeugenden Inszenierung entsprach eine große Lustlosigkeit beim Publikum, das sich kaum einmal zu mattem Beifall aufraffte. Ein sauber spielendes Orchester unter der soliden, aber musikalisch akzentfreien Leitung von Guillermo Garcia Calvo. Mäßige bis gute Leistungen bei Banquo und Macduff. Erika Sunnegardh wesentlich sicherer als bei der Premiere, aber mit ihrem neutralen Timbre und der schwachen Tiefe nicht eben für die Rolle der Lady prädestiniert. Sie wurde von einem einzelnen Buhrufer gebasht, der nach der Pause zum Glück verstummte (oder zum Verstummen gebracht wurde). Simon Keenlyside ließ immer wieder seine Klasse aufblitzen, tolle Diktion, intelligente Phrasierung und Dynamisierung, stimmlicher Wohlklang, wo gefragt. Anders als im Radio werden gewisse Grenzen beim Stimmvolumen hörbar, bei den Wahnsinnsausbrüchen in der Ballsaalszene kann er sich nicht gegen das Orchester durchsetzen. Er lässt sich aber nicht dazu verleiten, zu forcieren oder gar zu brüllen.

      Die Inszenierung bot wenig Grund zur Aufregung. Severina hat sie oben gut beschrieben, viel mehr fällt mir auch nicht ein. Bei bestimmten Szenen, die das Publikum ja anscheinend besonders befremdet haben, war das Bemühen Nemirovas spürbar, den Quasi-Buffo-Gestus der Musik szenisch umzusetzen: z.B. der Einzug des Königs, den ich ganz lustig fand, oder die Häscherchöre vor der Ermordung Banquos. Es gelang aber nie, die Satire in Schrecken umschlagen zu lassen: bei den Massenerschießungen am Ende der Ballszene oder wenn sich die Mörder auf Banquo stürzen, regiert Unbeholfenheit. Läppisch die Hexenszenen, darstellerisch wenig engagiert vorgetragen. Tiefpunkt das ohnehin verzichtbare Ballett mit einer Art Hexen-Castingshow. Ab und zu auch gute Einfälle, aber es fehlt jede Dringlichkeit. Und das bei dieser Oper!


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Severina schrieb:

      Der Rezensent der NZZ schreibt, dass die Störaktionen von der Galerie ausgingen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, aus welcher Ecke das kam. Diese Typen haben schon Tage vorher in einem gewissen Forum (Nicht Tamino!!!) Stimmung gegen "dieses Gör" Vera Nemirova gemacht und ihrer zweifelhaften Ideologie (die dort nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert wird...) ungeniert Ausdruck verliehen.
      lg Severina :wink:


      Ich bin erst jetzt auf diesen Thread gestoßen und bin wirklich entsetzt über die absolut unzutreffenden Behauptungen von Severina, die ja schon zu Tamino-Zeiten immer wieder über den "Merker" negativ geschrieben hat. Nachdem ich selbst ein aktiver Merker-Schreiber bin und auch des öfteren im Merker-Forum mitdiskutiere, des weiteren auch einen recht guten Draht zu unseren "Chefitäten" habe - UND selbst bei der Premiere auf der Galerie war, muss ich Severina enttäuschen - das war keine gelenkte Aktion und es waren auch keine Merkerianer dabei!!!

      Die Buhs kamen kaum vom Galerie-Stehplatz (da sah ich nur einen Herrn, der nach dem Einzug des Königs wutentbrannt, aber wortlos, die Vorstellung verließ), auch nur vereinzelt von der Galerie. Sehr viele Zwischenrufe kamen aus dem Parkett!!! Wir haben von STOP-Mitarbeitern erfahren, dass Direktor Holender gleich nach dem ersten Buhruf die Anweisung gegeben hat, die Leute vom Stehplatz sofort zu entfernen, die für Unruhe sorgen. Das konnte aber nicht durchgeführt werden, da es Sitzplatzbesucher waren - auch auf den teuren Plätzen. Und Holender soll getobt haben.

      Ich finde es auch nicht wirklich anständig, von Severina so abfällig als "Typ" bezeichnet zu werden - aber es ist sicherlich einfacher zu pauschalieren als zu differenzieren. Und außerdem soll man, wenn man sich schon derart aus dem Fenster lehnt, zumindest die Courage haben Dinge und Personen beim Namen zu nennen und sich nicht hinter dem Mäntelchen von Allgemeinplätzen zu verstecken. Ich habe Severina auch in PNs als ausgesprochen nette Person kennen und schätzen gelernt und bin über diese unreflektierten Bemerkungen und Unterstellungen wirklich schockiert.

      Keine Frage, im Merker-Forum wird oft sehr hart diskutiert und auch mir gefallen viele Ausdrücke nicht. Aber - und das hat sie gewissentlich unterschlagen - gibt es auch bei "uns" genug Stimmen der Mäßigung und Vernunft. Dass ein Großteil der Schreiber und Mitdiskutanten eher Inszenierungen bevorzugen die auch das Stück, so wie es geschrieben wurde, gerne auf der Bühne sehen - ist das vorzuwerfen? Ich denke nicht. Und auch da gibt es erzkonservative Schreiber, aber ebenso auch solche, die schlüssigen, modernen Inszenierungen durchaus was abgewinnen können. Wir wehren uns einfach gegen dumme Gags und Blödheiten (und da hat die Nemirova ja genügend geliefert). Und wer die Kritiken zu der Macbeth-Serie im Merker liest, wird auch sehr wohl erkennen können, dass diese sehr wohl auch die guten Seiten der Produktion zu würdigen wussten.

      Noch was - der NZZ-Redakteur Daniel Ender schreibt normalerweise im Standard - dürfte sich um einen Gastkommentar gehandelt haben, weil die offizielle Standard-Kritik von Ljubisa Tosic verfasst wurde (und auch nicht soooo positiv ausgefallen ist).

      Also noch einmal - Severina hat da ziemlich daneben gegriffen und sollte sich eigentlich bei allen Merkerianern dafür entschuldigen - das war ihrer nicht würdig.

      kv
      Nunc est bibendum !!!