Rossini: "Tancredi" Atelier Lyrique de Tourcoing J.C. Malgoire 4.12.2009

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Rossini: "Tancredi" Atelier Lyrique de Tourcoing J.C. Malgoire 4.12.2009

      Rossinis 2-aktige Jugendoper Tancredi nach einer literarischen Vorlage von Voltaire(Libretto Gaetano Rossi) wurde 1813 in Venedig uraufgeführt.
      Sie wird heute nciht eben oft gegeben und diese Neuproduktion hatte gestern Premiere und wird noch am 6.,8.,Und 11. Dezember zu sehen sein.
      Tourconig liegt direkt an der belgisch-französischen Grenze und Jean-Claude Malgoire ist in Frankreich seit 30 Jahren als HIP Dirigent ein Begriff. Er hat auch zahlreiche CDs eingespielt.

      Tancredi: Nora Gubisch
      Amenaïde: Elena de Merced
      Argirio: Filippo Adami
      Orbazzano: Christian Helmer
      Isaura: Gemma Coma Alabert
      Ruggiero: Valérie Yeng Seng
      Ensemble Vocal de l'atelier Lyrique de Tourcoing (hier nur die Männer)
      La Grande Ecurie et le Chanbre du Roy
      Leitung: Jean-Claude Malgoire
      Inszenierung: Jean-Philippe Delavault




      Erstmal das Negative:rein musikalisch überzeugt mich Malgoire hier genausowenig wie bei seinen Mozart-Produktionen oder bei Glucks Orfeo.
      Er wirkt etwas provinziell und bieder und es gelingt nciht, dem Orchester den notwendigen Elan und die Spritzigkeit zu vermitteln , die von Rossini in einer HIP Version erwartet werden muss.
      Gottseidank ist das Theater klein und die Sänger eher leichtstimmig- so wird das Gleichgewicht insgesamt gut gehalten, wobei der Orchesterpart hier wirklich nur ordentliche Begleitung ist und leider keine Eigeninspriationen aussendet. Die ortsnahe HIP Kollegin Emmanuelle HAïm macht das deutlich besser....

      Umso beeindruckender und origineller dagegen die Inszenierung: Delavault gelingt das Kunststück, die recht verwickelte Handlung dieser Belcanto -Oper in eine serh eingängige und ästehtisch schöne Bildersprache umzusetzen, und sie dazu auch noch mit Hinter-Sinn zu füllen. Ausserdem werden beide Schlüsse, das normalerweise immer gegebene HappyEnd und ein tragisches Ende, das Rossini zusätzlich komponiert hatte, ineinander verschränkt- eine echte Rarität und serh gut gelungen.

      Delavault erzählt mit Schwert-und Degen und Zeichentrickfilmanklängen ein archetypisches Mârchen:
      Ein junger strahlender, ungestümer Ritter -Held, der bis zur Reife noch eine Menge Proben zu bestehen hat (Tancredi) liebt eine von allen Männern umschwärmte schöne Prinzessin(Amenaïde). Diese wird von ihrem Vater(Argirio) aus Gründen der Staatsraison und unter Gewissensqualen an einen bösen aber verbündeten Drachen(Orbazzano in einer Art Reptilrüstung) versprochen. Die Prinzessin wehrt sich, da sie Tancredi liebt, ersinnt eine List, wird aber verraten und zum Tode verurteilt.
      Der Held glaubt sich ebenfalls verraten,(als list hat Amenaïde ihren liebesbrief nicht an Tancredi sondern einen anderen Mann adressiert) rettet seine Prinzessin zwar heldenmütig vor dem Tod, möchte aber dann selbst lieber sterben, als die Schmach, nicht geliebt und betrogen zu werden zu erleben. Held und Heldin haben jeweils zwei treue Freunde zur Seite, die dann am Ende dafür sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und der entweder sterbende Tancredi sie noch erfährt oder das lebende Paar endlich glücklich vereinigt wird. Je nach Fassung, hier passiert Beides nacheinander. Tancredi scheint tot zu sien, was nciht ohne ironie erzählt udn gespielt wird und steht dann einfach wieder auf. Und wenn sie nicht gestorben sind......

      Ein Märchen mit allen Ingredienzien, die wir kennen und das hervorragend zu der Musik Rossinis passt.
      Delavault stellt dahinter aber auch die innere Entwicklung Tancredis vom ungestümen tollkühnen verliebten Jüngling zum durch "Verwundung" gereiften Liebenden dar und hier wird die Verbindung Märchen-Archetyp und Psychologie ganz deutlich für mich.Delavault sagt auc him booklet , er habe sich an Bruno Bettelheims Arbeiten orientiert.

      Die Bilder , in die das Ganze übersetzt wird, sind sehr schön anzusehen und sofort einleuchtend, denn sie scheinen aus Ritterfilmen oder Zeichentrickhits wie etwa "Die Schöne und das Biest" zu kommen.

      Die Rossini-Komik und Ironie kommt bei alledem voll auf ihre Kosten und hier muss ich die Rolle der hervorragenden Sing-Schauspieler herausstellen, allen voran Nora Gubisch als Tancredi.
      Eine serh dunkel getönte Mezzo-Sopranistin, die in silbernem Ritterwams mit lockig wallendem roten Haar wie aus einem Gemälde der italiensichen Renaissance zu kommen scheint und nciht nur in stimmlicher Hinsicht den Eindruck vermittelt , ein androgynes Wesen zu sein.
      Die Auftrittsarie und gleichzeitig der Ohrwurm "Di tanti palpiti" macht sofort das atemlose stürmisch aber unreif verliebte Abenteurertum des Tancredi deutlich und Gubisch bekommt den sehr verdienten jubelnden Zwischenapplaus und ein" Brava" von mir - sie überzeugte mich auf den ersten Ton. :juhu:

      Elena de Merced ist eine spansiche attraktive Koloratursopranistin, die eine schöntimbrierte lyrische Stimme hat und die schwieirge Partie der Amenäide gut meistert, im zweiten Akt aber hörbar müde wird und nach oben hin immer enger singt.
      Dem Rollenportrait des umschwärmten udn mutigen Star-Girls wird sie vollkommen gerecht. Besonders schön sind die Szenen mit dem in die Handlung wunderbar eingebundenen Männerchor, der je nach Bedarf Amenäide wie einen Filmstar anschmachtet und auf Händen trägt(wörtlcih) oder zum Tode verdammt.

      Der italienische Tenor Filippo Adami hat die vielleciht anspruchsvollste Rolle dieses Abends zu singen und mit der brutalen Rossini-Tenor- Geläufigkeit und Höhe wenig Probleme. Die Stimme ist allerdings sehr leicht und wie das dann mit einem grosseren Orchester bei Donizetti oder Bellini klingt, weiss ich nicht.
      Orbazzanos Rolle ist eher undankbar und Isaura und Ruggiero haben je nur iene arie zu singen- das Niveau der Sänger war insgesamt sehr gut- zumal es in diesem Fach nciht eben einen Überschuss an fähigen Stimmen gibt.

      Mir hat diese Aufführung sehr gut gefallen, zumal es meine erste Begegnung mit dem Tancredi war und ich es keineswegs einfach finde, Rossini-Opern ansprechend und nciht total sinnentleert zu inszenieren.

      Für Rideamus Rätsel gibt es übrigens zwei Sextett plus Chor Ensembles vom Feinsten darinnen!

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,
      danke für diesen Bericht, auf den ich schon gewartet habe! Was Du auf der Bühne erlebt hast, dürfte so ziemlich am anderen Ende der Inszenierungsskala angesiedelt gewesen sein als unser "Tancredi" am ThadW - wirklich schade, dass ein direkter Vergleich nicht möglich ist. Wir pflegten doch einmal in früheren Zeiten diese Spintisiererei, ein und dasselbe Werk von völlig verschiedenen Regisseuren inszenieren zu lassen und hintereinander aufzuführen. Ich fände das wirklich sehr spannend, aber das werden wohl immer nur Gedankenspielereien bleiben. Natürlich kann man sich das daheim mit diversen DVDs gönnen, aber das ist für solche "Livefreaks", wie wir beide es sind, nur ein schwacher Ersatz. (Abgesehen davon, dass eine DVD nur eine Ahnung von einer Inszenierung vermittelt und oft schlechter/besser als die Aufführung selbst ist.)
      lg Sevi :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • FairyQueen schrieb:


      Für Rideamus Rätsel gibt es übrigens zwei Sextett plus Chor Ensembles vom Feinsten darinnen!

      F.Q.
      Liebe Fairy,

      vielen Dank für diesen sehr illustrativen Artikel. Ich muss mir die Oper offenbar dringend wieder anhören, denn die Ensembles sind ganz von meinem Radar verschwunden. Mit Ensembles des in diesem Metier unschlagbaren Rossini hätte ich aber auch ein ganzes Rätsel allein füllen können.

      Damit die Musik auch stimmt, werde ich folgende sehr gute und preiswerte Einspielung auflegen, in der Dir Ewa Podles bestimmt so gut gefallen würde wie Nora Gubisch:



      Und vielleicht schaue ich dann in Severinas Sinn auch noch in diese Aufnahme rein, denn die habe ich auch schon fast vergessen:


      Ein erfreulicher Abend ist also schon mal gesichert. :vv:

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus, Ewa Podles und Sumi Jo kann ich mir in diesen Rollen allerbestens vorstellen- bon plaisir- hoffe, der Tenor, der sehr viel zu singen hat ist auch gut.

      genug.

      Liebe Sevi gottseidank bist du wieder da , ich brauche dringendst schwesterliche Rätselhilfe-weiss nix mehr. :hide: :cry:
      Was die Belcanto opern angeht, die wir so lieben: ich glaube nach ieniger reflektion, dass der ansatz von Delavault, das Ganze wirklich Archetypen und schönen Bildern darzustellen, eine hervorragende Idee für das ganze Genre ist.
      auch wenn ich jetzt wieder in Deckung gehen muss und mit faulen Eiern rechne: die figuren udn die Dramaturgie der meisten Belcanto-oper sind relativ stereotyp und eine regietheatemässigeSinn- Überfrachtung wirkt auf mich da total maniriert und mehr gewollt als gekommt.
      Der Rückgriff auf das Märchen auf der einen Seite und ästhetisch schöne (dem Bel-Canto auch das Bel-Viso hinzufügende ) Gemälde bzwFilmszenen" Bilder, lassen dem Gesang den Vortritt aber sinnentleeren dennoch nicht den Inhalt.

      Ich fand Delavauts Konzept phantastsich und hoffe, davon noch mehr zu sehen.

      Der zum Missverständnis führende Brief war übrigens das Hauptrequisit: in überdimensionaler Grösse beherrschte er die Bühne. Die Sänger standen zum Teil darauf, Tancredi wickelte sich darin ein, Amenaïdes Schafott stand auf den Brief.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)