KORNGOLD, "Die Tote Stadt", Oper Frankfurt, 5. Dez. 2009

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • KORNGOLD, "Die Tote Stadt", Oper Frankfurt, 5. Dez. 2009

      Am Samstag war es also soweit und ich bin Alvianos Rat gefolgt und hatte meine „Premiere“ mit einem Besuch in der Frankfurter Oper.

      „Die Tote Stadt“ kannte ich bisher überhaupt nicht,obwohl ich wohl wusste,dass es sie gibt.Nun ist diese Art Musik nun wirklich nicht die meine,muss aber gestehen,dass
      ich den Abend durchaus genossen habe.

      Das Bühnenbild beherrscht ein etwas nach links versetzter um 45° gedrehter weisser Kubus,dessen Wände sich mittels Falttüren öffnen lassen. Im inneren beherbergt,der wohl als Reliquienschrein der verstorbenen Marie,dienende Raum,unter anderem deren Kleider und ihren Schal an Kleiderbügeln von der Decke hängend und im Hintergrund wohl den kostbarsten Schatz,eine Haarsträhne in einem gläsernen Schränkchen.
      Ebenfalls von der Decke hängen verschiedene Flachbildschrime,in denen sich Paul immer wieder Momentaufnahmen von Marie anschaut.
      Rechts steht ein Filmprojektor,mit dessen Hilfe zeitweise Bilder von Paul selbst oder Marietta auf den Kubus geworfen werden.(Ob nun mit offenen oder geschlossenen Falttüren)
      Den Hintergrund bilden zwei hohe bronzene Wände,die sich teilweise öffnen lassen und wo verschiedene Figuren der Oper auftreten.

      Pause gab´s erst nach 1 ½ anstrengenden (aber durchaus spannenden)Stunden,nach dem 2. Akt.Der 3. Akt dauert dafür dann nur knappe 45 Minuten.

      Brigitta (Hedwig Fassbender),Pauls Haushälterin führt Frank (Michael Nagy) in die Welt seines Freundes Paul ein,der seit Jahren nur noch in der Vergangenheit und in der Erinnerung an Marie lebt.
      Paul erzählt Frank von der Begegnung mit einer Geheimnisvollen (Marietta),in der er seine verstorbene Frau wieder zu erkennen glaubt.
      Frank beschwichtigt.
      Brigitta kündigt die Ankunft von der Unbekannten,einer Tänzerin auf Tournee,an.Es ist Marietta,die Marie bis auf´s Haar gleicht.
      Sie trägt ein Kleid,in der gleiche Farbe u. dem gl. Schnitt,wie jenes von Marie.Paul hängt ihr einen Schal Marie´s um die Schulter und gibt sich seinen Erinnerungen hin.
      Er bedient die Flachbildschirme via Fernbedienung und zeigt Marietta Bilder seiner Frau.
      Marietta lädt Paul zu einem Wiedersehen im Theater.
      Paul erscheint in einer Vision seine Marie,sie fragt „Hältst du mir noch deine Treu?Mein Haar stirbt nicht,es wacht in deinem Haus“
      Paul trifft vor dem Hause der Marietta auf Fritz,im Streit entreisst er ihm den Schlüssel zu ihrem Haus.
      Marietta´s Kommödiantentruppe tritt auf und treibt ihre Scherze.
      Marietta kommt mit Gaston zurück,Fritz,der Pierott (in einer Doppelrolle Michael Nagy) trägt ihr sein Lied „Mein Sehnen,mein Wähnen“ vor.
      Die Künstler wollen dem Grafen aus Meyerbeers Oper „Robert der Teufel“,ein Szene vorspielen.Marietta als Helene,die auferstandene Tote.
      Paul fährt dazwischen“Halt ein!Du eine auferstandene Tote.Nie!“
      Marietta gelingt es,Paul mit sich in ihr Haus zu ziehen:“Im Hause der Toten suche ich dich auf,zu bannen das Gespenst für immer.“
      Marietta findet die Haarsträhne .Ein Dutzend (?) alternde Marie´s tritt auf und tanzt einen Reigen.(Ein Extralob den Maskenbildnern)
      Paul erdrosselt Marietta mit der Haarsträhne.
      Sehr bewegend die Schlusszene,in der Paul jeder toten Marie,die Augen schliesst.
      Brigitta führt die Tänzerin Marietta in den Raum und trifft den vollkommen verwirrten Paul vor.
      Marietta hat ihren Schirm und die Rosen vergessen und tritt ab.

      Es passierte also gar kein Mord,sondern dies alles waren nur die Hirngespinste der wahnhaften Vorstellungen Pauls.

      Nach wenigen besinnlichen Sekunden, der wohl verdiente tosende Appllaus mit vielen Bravorufen,für alle agierenden auf der Bühne des Frankfurter Opernhauses.

      Von den paar Inszenierungen,die ich von Anselm Weber kenne,ist diese für mich die gelungenste.

      Klaus Florian Vogt´s Gesang fand ich insbesondere in den lyrischen Phasen sehr schön,sonst eher etwas „schreiend“.Sein Spiel konnte ich nicht ganz als psychotisch ausmachen,sondern es wirkte auf mich eher hölzern.

      Tatiana Pavlovskaya (Marietta u. Erscheinung der Marie),hat mich durchwegs überzeugt.In vielen Kritiken oder in anderen Foren wurde ihr Gesang als wenig Text verständlich bezeichnet,was ich nicht ganz nach vollziehen kann.

      Überhaupt wurde von allen sehr Text verständlich gesungen,geradezu Vorbildhaft.

      Michael Nagy hat mir als Fritz viel besser gefallen als als Frank.(Liegt wohl an den versch. Rollen)

      Fast noch besser fand ich Julian Prégardin(Gaston/Victorin)

      Alan Barnes(Solist/Choreograf u. Regieassistent des Frankfurter Balletts,dass er auch am New Yorker Alvin Ailey Dance Center unterrichtet, unterstreicht seine Klasse),schwebte als tanzender Gaston durch die Szenerie.

      Hedwig Fassbender als die Haushälterin Brigitta sehr gut.Bei ihr hatte ich so das gefühl,sie sei die gute Seele des Hauses.

      Die musikalische Leitung hatte Sebastian Weigle inne und um zu dessen Leistung und des Orchesters eine halbwegs ehrliche Meinung abzugeben,fehlt mir einfach die Erfahrungmit dieser Operngattung.Das Frankfurter Publikum hat ihn auf jeden Fall gefeiert.


      Ich muss gestehen,die Aufführung hat mich sehr gefesselt und obwohl ich sehr müde vom (sehr) anstrengenden Frankfurter Wochenende in die Oper ging,hab´ ich´s keine Sekunde bereut mich auch mal wieder einer Oper hinzugeben,die nicht so sehr zu meinem Gusto passt.

      Mehr noch.

      Vor 15(?) Jahren habe ich in MS „Lulu“ gesehen und fand diese so was von anstrengend,dass ich mir damals,(als ziemlicher Opernneuling) vornahm,nie wieder in diese Art Oper zu gehen.
      Und was soll ich sagen.“Die Tote Stadt“ hat mich so sehr angespornt,dass ich mir wohl „Lulu“ in Essen vielleicht doch geben werde.
      Es sei denn,Hilsdorf wärmt seine damalige Münsteraner Inszenierung auf .(Die mir durchaus gefallen hat).In diesem Fall schau ich sie mir in MS an,denn in unserem Haus
      steht „Lulu“ diese Saison auch auf dem Programm.

      Und sollte die viel gelobte Wiener „Tote Stadt“ (irgendwo) wieder auf dem Spielplan stehen,werde ich mir diese auch ansehen.

      Ich hoffe,ich hab´ den Bericht halbwegs hingebracht,denn einfach war das für mich nicht.Dazu habe ich viel zu wenig Erfahrung mit dieser Opernrichtung.


      Liebe Grüße

      yago
    • yago schrieb:

      Pause gab´s erst nach 1 ½ anstrengenden (aber durchaus spannenden)Stunden
      Anstrengend finde ich es in Frankfurt gelegentlich wegen der Enge der Sitze, jedenfalls in den Rängen.

      Vielen Dank, lieber yago, für Deinen anschaulichen Bericht! Übermorgen werde ich dabei sein und bin nach der Lektüre nun noch mehr gespannt drauf.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Yago!

      Danke für die "Richtigstellung meiner Produktion", so ist der genaue Inhalt, obwohl mir diese Inszenierung nicht gefallen würde, klingt sie doch interessant. :yes: :yes:

      Leider wird die Produktion der Volksoper nicht mehr gespielt, die war hervorragend für mich Staubi. :juhu:

      Aber der Opernschlager des 20. Jahrhunderts "Glück das mir verblieb" kann ja kaum umgebracht werden. :juhu:

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus dem verregneten kalten Wien. :wink: :wink:
    • mein lieber peter,
      mir scheint´s überall ist´s *kalt u. verregnet....

      ...so "verstaubt" kannst gar nicht sein.
      wenn du diese oper magst,dann wage ich zu behaupten,dass selbst einem staubi wie dir ,diese produktion gefallen hätte.
      deinen herrlichen beitrag über "die tote stadt" , in deinem ganz persönlichen opernführer,muss ich irgendwie übersehen haben,drum hab´ ich ihn schnell g´suacht,g´funden u. g´lesen. :mlol:
      lg in mein schönes wien
      yago
    • Lieber Yago,

      Dein Bericht hört sich auch sehr danach an, dass mich diese Vorstellung total berühren würde. Vielen Dank dafür. Vogt ist ja sowieso einer meiner Lieblinge und Nagy kenne ich aus der KOB als sehr guten Almaviva. Hoffe, diese Besetzung gibt es auch in weiteren Serien, denn Frankfurt mal wieder zu besuchen, steht schon länger auf meinem Wunschzettel.

      Herzliche Grüße aus dem trüben Bayernlandl
      Ingrid
    • ja griazi mitnander.........

      meine parents und icke sind nä. SO in der Nachmittagsvorstellung - THANKS für den Hinweis auf die auch "anstrengenden" 90 Min. vor dem Umtrunk ... werde paps und mum schonend drauf vorbereiten / hab aber eh`schon Plätze im 2.Rang/Mitte ganz am Rand geordert - die Beene dürfen also lang und länger werden 8+) ...... Das ist nun meine 2.Totenstadt ... seinerzeit (Günter Krämers Insz. für die "Rheinoper") saß ich sogar in der Duisburger Premiere (die damaligen höchst wackeren ProtagonistInnen (Mario Brell / Cynthia Makris / Eugene Holmes selig) seien nochmal genannt !), die die Nicht-Hitch-Freaks im Publikum (icke z.B.) ein wenig ratlos zurückließ, da Krämer sich schon sehr an "Vertigo" (...geht wohl auf die selbe lit.Vorlage zurück ??) angelehnt hatte......

      Noja - diesmal werd ich mich auf Anselm Webers Bildideen vor der Pause einfach nur einlassen - es scheint ja wohl legitim, das ALLES als Träumerei von Klaus-Florian zu interpretieren...

      FEIN übr., daß dat Korngoldche in Ffm solchen Zuspruch findet (zumindest der ko. SO ist ausverkauft) - ich hab an solches schon nimmer geglaubt, seit eine "Korngold-Soiree" am Theater Meiningen äußerst schütter besucht war...

      bis denne ... michele (nen "micha" scheints hier schon zu geben) ("verregnetes Bayernlandl" ? Hier in Fast-Dhüringen sonnt es jetzt schon seit einer Stunde :!: )
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • RE: KORNGOLD, "Die Tote Stadt" Oper Frankfurt,5.Dez.2009

      Und sollte die viel gelobte Wiener „Tote Stadt“ (irgendwo) wieder auf dem Spielplan stehen,werde ich mir diese auch ansehen.

      Ich hoffe,ich hab´ den Bericht halbwegs hingebracht,denn einfach war das für mich nicht.Dazu habe ich viel zu wenig Erfahrung mit dieser Opernrichtung.


      Liebe Grüße

      yago[/quote]

      Lieber Yago,
      das würde ich Dir ganz dringend empfehlen, denn unsere Willy-Decker-Inszenerung ist wunderbar! (Und meist singt auch KFV)
      Deinen Bericht hast Du ganz prima hingekriegt! :klatsch:

      Nur eine kleine Warnung: "Lulu" ist musikalisch schon ein anderes Kaliber als die "Tote Stadt", auf Schmachtfetzen wie "Glück, das mir verblieb...." wartest Du dort vergeblich ;+)
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • hi severina,

      ich habe ja "lulu" vor ca. 15 j. hier in MS gesehen und ich fand´s,obwohl es furchtbar anstrengend war,(anstrengender als "die tote stadt" auf jeden fall),sehr spannend und eine tolle aufführung.aber damals habe ich nicht gedacht,dass ich nochmals in "so schwere stücke" gehe und diese frankfurter aufführung spornt mich richtig dazu an,mir "lulu" nochmals anzusehen.

      sollte hilsdorf,"nur" seine münsteraner fassung in essen aufwärmen wollen,denn sowas macht der schon mal gelegentlich,zuletzt hat er seine essener fassung von "don carlo(s)(?) in MS aufgewärmt.angeblich leicht entschärft,auch diese hat mir in MS sehr gut gefallen.

      sollte er also aufwärmen,schau ich mir die "lulu" in einer neuen fassung in MS an.

      lg yago
    • Gestern also habe ich "Die tote Stadt" in Frankfurt erlebt, übrigens in angenehmer capricciöser Gesellschaft, ein Quartett kam zusammen.

      Die Inszenierung hat yago eingehend und treffend beschrieben: Trotz des modernen Bühnenbilds mit den Videoprojektionen verzichtete die Regie auf eine weitergehende kritische Interpretation des Werks (wie ich es hier vor Monaten bei Pfitzners Palestrina erfahren konnte). Vielleicht hätte man das Traumspiel noch surrealistischer, kafkaesker gestalten können, aber ich war's auch so zufrieden: Eine kluge Personenführung in einem klar aufgebauten, stimmigen Bühnenbild, mit Darstellern, die stimmlich wie schauspielerisch auf hohem Niveau agierten:

      yago schrieb:

      Klaus Florian Vogt´s Gesang fand ich insbesondere in den lyrischen Phasen sehr schön,sonst eher etwas „schreiend“.Sein Spiel konnte ich nicht ganz als psychotisch ausmachen,sondern es wirkte auf mich eher hölzern.
      Hölzern fand ich ihn ganz und gar nicht, sondern klar und sehr textverständlich, dabei ausdrucksstark, eine schwer beeindruckende Tenorleistung!
      Tatiana Pavlovskaya (Marietta u. Erscheinung der Marie),hat mich durchwegs überzeugt.In vielen Kritiken oder in anderen Foren wurde ihr Gesang als wenig Text verständlich bezeichnet,was ich nicht ganz nach vollziehen kann.
      Die angesprochenen Kritiken verstehe ich: Man merkte, daß sie im Deutschen nicht zuhause ist, an falschen Atempausen und verschluckten Konsonanten u. a. Aber auch eine große Stimme, vor allen in den leisen Partien überzeugend, und schauspielerisch klasse!
      Michael Nagy hat mir als Fritz viel besser gefallen als als Frank.(Liegt wohl an den versch. Rollen)
      Den fand ich in beiden Rollen stark.
      Fast noch besser fand ich Julian Prégardin(Gaston/Victorin)
      Ja, den fand ich auch gut.

      Das Orchester unter Sebastian Weigle brachte die Musik zum Glühen - ebenfalls, ich wiederhole mich: stark.

      Ein schöner und lohnender Opernabend. Daß ich kein zweites Mal hingehen werde, liegt am Werk: Ich räume ein, daß ich das Schwelgerische, gelegentlich zum Schlagerhaften Neigende dieser Musik zwar eindrucksvoll finde, aber die Nähe zu Puccini und Strauss irritiert mich auch ein wenig: Da gibt es einige Opernkomponisten um 1900-20, die ich höher schätze (Debussy, Dukas, vor allem Schreker und Janáček) und deren Werk weniger auf Effekt und Erfolg ausgerichtet ist.

      2010 hoffe ich Korngolds Das Wunder der Heliane in Kaiserslautern zu erleben, ein Werk, das ich in seiner geradezu symphonisch durchkomponierten Faktur interessanter finde als Die tote Stadt. Darüber dann mehr, wenn es soweit ist.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Hölzern fand ich ihn ganz und gar nicht, sondern klar und sehr textverständlich, dabei ausdrucksstark, eine schwer beeindruckende Tenorleistung!


      diesen hölzern bezog sich nur auf seine gestaltung der rolle(hptsächl. vor der pause),hatte nichts mit dem gesang zu tun.
      ich muss jetzt leider schnell weg(arbeit).
      lg yago
    • Da ich am vergangenen Donnerstag, dem 10.12.2009 mich in der glücklichen Lage schätzen durfte, gemeinsam mit dem von Gurnemanz erwähnten capricciösen Quartett beim Besuch der Korngold'schen 'Toten Stadt' mit von der Partie gewesen zu sein, möchte ich diesen Thread durch einige meiner Eindrücke ergänzen.

      Positiv überrascht, war ich von der dem düsteren 'Fin de Siècle'-Stück adäquat umgesetzten Inszenierung.
      Die im Libretto vorhandenen Motive, z. B. die den Akt des Konservierens der von Paul geliebten Verstorbenen (Marie) symbolisierenden gerahmten Bilder in Pauls Reliquienzimmer, werden vom Regieteam aufgegriffen und mithilfe der installierten Monitore und Videoprojektionen in unsere Zeit des Digital- und Medienzeitalters transferiert - ganz besonders eindrucksvoll eingesetzt in der letzten "Begegnung" Pauls mit der ihm als Phantom erscheinenden Marie (Ende I. Akt).
      Auch das zweite wichtige Symbol, das für das Festhalten an der Erinnerung steht, Maries seiden glänzendes Haar, wird mehrfach und vielseitig - in den Filmprojektionen wie beim Auftritt der 12 Maries (im III. Akt) - wirkungsvoll in Szene gesetzt.

      Was die durchweg exzellente Solistenriege betrifft, hat mich vor allem Tatiana Pavlovskaya in der Rolle der Marietta bzw. Erscheinung Maries begeistert: Darstellerisch grandios im Changieren zwischen der die Treue Pauls einfordernden keuschen Marie und der Paul umgarnenden, sinnlichen Verführerin Marietta! Sängerisch berückend schön, vor allem in den leisen Passagen, die sie auch in den höchsten Höhen problemlos meisterte. Die von meinen Begleitern ins Feld geführten Schwächen bezüglich der deutschen Aussprache konnte ich verschmerzen, da mir das Libretto recht geläufig ist und man den Text ohnehin mithilfe der Übertitel problemlos mitverfolgen konnte.
      Ganz besonders bewunderungswürdig die von der Ton- und Bühnentechnik akustisch leicht verfremdete Stimme Pavolvskayas, so daß während der Erscheinung der verstorbenen Marie (Ende des I. Aktes) der Eindruck der aus dem Totenreich in die Welt der Lebenden herüberwehenden Stimme faszinierend zu verzaubern vermochte!

      Die aufgrund der von mir bereits am Radio mitverfolgten Premiere der 'Toten Stadt' aufgekeimten Vorbehalte bezüglich Klaus Florian Vogts stimmlicher Disposition konnte ich mithilfe des Live-Erlebnisses zumindest teilweise revidieren. Der mir bei der Rundfunkübertragung als für die gewaltige Partie des Paul als unangemessen dünn und farblos aufgefallene Tenor Vogts gewann auf der Bühne so weit an Körper und Ausdruck, daß mich seine Leistung weitgehend überzeugen konnte.
      Dennoch blieb ein Rest von Skepsis bestehen: Beim direkten Vergleich mit Pavlovskayas voluminösem, an Klangfarben reichen Sopran nahm sich Vogts Timbre in manchen Momenten dann doch wieder recht blaß und eintönig aus.
      Darstellerisch konnte er mich hingegen vollends überzeugen: Einerseits das zurückgezogene, introvertierte Wesen, andererseits den sich vor und während der Ermordung Mariettas in Wahnsinn hineinsteigernden Ausbruch Pauls perfekt charakterisierend, war absolut überragend!

      Ebenfalls mit einem gewaltigen Maß an Bühnenpräsenz gesegnet: Michael Nagy in der zweifachen Besetzung als Frank und als Fritz der Pierrot.

      Das von Sebastian Weigle mit viel Feingefühl für die klanglichen Raffinessen der Partitur geleitete Frankfurter Opern- und Museumsorchester leistete an diesem Abend Außerordentliches. Besonders erfreulich, an etlichen Stellen der Aufführung immer wieder klangliche instrumentale Einzelheiten aus dem luxuriösen, opulenten Orchesterpart heraushören zu können, die man aus Einspielungen des gewaltigen Opus bisher noch nie vernommen hatte.

      Außerdem angenehm überraschend der große Publikumszuspruch, sowohl was die Anzahl der Besucher, als auch was den Beifall am Ende für sämtliche Beteiligten der Vorstellung betrifft!
      Ein überaus begeisterndes Erlebnis auch für mich als großem Korngold-Verehrer!

      Gurnemanz schrieb:

      Daß ich kein zweites Mal hingehen werde, liegt am Werk: Ich räume ein, daß ich das Schwelgerische, gelegentlich zum Schlagerhaften Neigende dieser Musik zwar eindrucksvoll finde, aber die Nähe zu Puccini und Strauss irritiert mich auch ein wenig.

      Hier möchte ich widersprechen: Ohne Frage hat Korngold alle möglichen musikalischen Einflüsse bereits im Kindesalter in sich aufgesogen - dennoch handelt es sich aber in jedem Takt dieses, seines erfolgreichsten Opernwerkes um waschechten Korngold, mit seinen schwelgerischen Klängen, eingängigen Melodien, effektvollen Steigerungen und Höhepunkten und einer raffinierten Orchestrierung (von der ein Puccini nur träumen konnte) - den typischen Korngold-Sound eben, sowie einer Vorwegnahme und Übertragung filmischer Techniken auf die Komposition. Und eine deutliche Strauss-Nähe habe ich im übrigen noch nicht heraushören können.

      Gurnemanz schrieb:

      Da gibt es einige Opernkomponisten um 1900-20, die ich höher schätze (Debussy, Dukas, vor allem Schreker und Janáček) ...

      Hier ist mir die Auswahl der Komponisten zu willkürlich, da diese stilistisch zu verschiedenartig sind. Deshalb würde ich, wenn ich überhaupt solche Vergleiche anstelle, Schreker und Zemlinsky (allenfalls noch Rudi Stephan) als ähnlich klangopulent und in allen Farben schillernd komponierend begreifen und diese nach meiner persönlichen Einschätzung - bezüglich der Qualität ihrer Kompositionen - mit Korngold in etwa auf eine Stufe stellen. :angel:

      Gurnemanz schrieb:

      ... und deren Werk weniger auf Effekt und Erfolg ausgerichtet ist.

      Daß Korngold in seiner 'Toten Stadt' als auch in vielen anderen Opera äußerst effektvoll schreiben konnte, steht außer Frage, jedoch würde ich diese deshalb niemals als effekthascherisch oder gar dem Publikum anbiedernd bezeichnen. Erich Wolfgang hat sicher nie auf den Erfolg geschielt und seine Werke daraufhin ausgerichtet wie ein Richard Strauss.

      Auf 'Das Wunder der Heliane' in Kaiserslautern freue ich mich auch bereits seit Monaten. Eine der ganz wenigen Gelegenheiten, das monumentale Opus, das Korngold übrigens selbst als sein bestes ansah, einmal auf der Bühne sehen und hören zu können!

      :wink:
      Johannes
    • danke schön für deinen wunderbaren bericht.

      ich bin froh,dass sich hier korngoldkenner zu wort melden und somit wird auch mir das stück immer zugänglicher.
      war es wirklich ein glücksfall,dass gerade diese aufführung mit all den guten sängerdarstellern auf der bühne für mich ,diesen komponisten näherzubringen?
      gerade vor der pause hat mich die musik sehr angstrengt (u. natürlich auch,weil ich müde war)und es waren diese wechsel,die mich retteten.
      die durchdachte regie hat mir sehr geholfen,alles zu begreifen und geradezu "fast angespannt" dem ganzen zu folgen und die grandiose leistung des gesmten sängerteams.
      die wortdeutlichkeit der sänger hat es mir erlaubt,nur ab zund zu ,die übertitelung mitzuverfolgen,weil f. mich das stück komplet neu war.ich habe die paplovskaya gut verstanden,nur manchmal musste ich auf die übertitelung schauen,denn durch ihr intensives spiel hat sie diese kleinen "schwächen" mehr als wett gemacht.
      bei herrn vogt hat mich gestört,dass er häufig so "schreien" musste,die lyrischeren passagen habe ich genossen,einzig dieses hölzerne (steifbeinige)hin-u.her laufen,hat mich gestört.aber vielleicht war das von der regie so gewollt.
      (ich habe ja beruflich tgl. mit gebrochenen seelen zu tun,daher hat mich dieses steifbeinige gestört,denn diese "armen seelen haben einen anderen gang,aber ansonsten kam sein wahnsinn gut rüber)

      mich hat´s gepackt und ich werde mir jetzt wieder öfter opern dieser art ansehen.

      auch ich war verwundert,wie voll es im haus war und bin überzeugt,dass da mundpropaganda viel erfolg hatte.

      kaiserslautern klingt gut,muss gleich mal nach sehen,wie das für mich erreichbar ist.(hoffentlich nicht zu umständlich).
      mich schlauchen stundenlange zugfahrten immer...

      lieben dank für deine erklärungen,so ist für mich als neuling in sachen korngold,alles noch näher.

      lg yago
    • ...... und ich mach mich so langsam mal fertig für die heutige (ausverkaufte) Nachmittagsvorstellung :)

      Da meine Eltern auch mit bei sind, und ich sie zu betreuen habe, würd es ggb. andren "Kaprizisten" wohl nur zu einem (ich denke allzu) kurzen "Hallöle" reichen... -------- dafür ein andermal ? :wink:

      michele (... wie ihr mich anredet, ist mir eigentlich eierlei, nur unterzeichnen kann ich halt hier schlecht mit "micha")
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Guercoeur schrieb:

      Gurnemanz schrieb:

      ... und deren Werk weniger auf Effekt und Erfolg ausgerichtet ist.

      Daß Korngold in seiner 'Toten Stadt' als auch in vielen anderen Opera äußerst effektvoll schreiben konnte, steht außer Frage, jedoch würde ich diese deshalb niemals als effekthascherisch oder gar dem Publikum anbiedernd bezeichnen. Erich Wolfgang hat sicher nie auf den Erfolg geschielt und seine Werke daraufhin ausgerichtet wie ein Richard Strauss.
      Ob Die tote Stadt objektiv effekthascherische Züge hat, ist wohl kaum zu beantworten: Ich habe da manchmal den Eindruck, daß Korngold, im Unterschied zu Schreker, den Sänger/innen gelegentlich etwas zu sehr die Selbstdarstellung ermöglicht. Aber ich kenne von Korngold insgesamt zu wenig, um ihn pauschal bewerten zu wollen. Wäre mal eine eigene Diskussion wert, ein Korngold-Thread fände in mir einen aufmerksamen Leser... ;+)

      yago schrieb:

      kaiserslautern klingt gut,muss gleich mal nach sehen,wie das für mich erreichbar ist.(hoffentlich nicht zu umständlich).
      mich schlauchen stundenlange zugfahrten immer...
      Vielleicht läßt sich da etwas organisieren; würde mich freuen!

      mstislav schrieb:

      ...... und ich mach mich so langsam mal fertig für die heutige (ausverkaufte) Nachmittagsvorstellung :)
      Viel Spaß! Kannst ja mal, wenn Du Lust hast, berichten, wie's für Dich war... :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • ...JA ?... ich darf kritikastern ?? :P

      PAUL ... no schon klar - wir bewegen uns in verflixt gebirgigen Höhn (irgendwer hat gar notiert, die stimml. Anforderungen an Paul seien von denen an den Tristan so weit nicht mehr entfernt), aber einen etwas stimmflexibleren Paul könnte Erich Wolf sich doch vorgestellt haben... "Vogt, der Chorknabe" ist zwar typische Polemik a la FestspieleForum, hat aber als solche schon was...Paul mimisch WELL DONE REALLY, an Paul gestisch hatte irgendwer, der berufl. tagtäglich mit psych.Kranken zu tun hat, was zu bemängeln - mir als Laien ist da nischt negativ aufgefallen...

      MARIETTA...da gehör ich leider zu denen, die sie für den klaren Schwachpunkt der Auff. halten - ein knappes Drittel ihrer Partie war (jedenfalls vom 2.RangMitte) nur zu erahnen, vom Rest kam in meiner Wahrnehmung ein weiteres knappes Drittel mit letzter Kraft... :( ...also so 2, 3 verhaltene Buhs zum Schluß hab ich schon vermißt: Die Leut` waren offenbar fest entschlossen, sich die Vorweihnachtslaune von niemandem nehmen zu lassen...

      NAGY ... YEPP eine sichere Bank des Frankf.Ensembles (Hedwig F. natürlich gleichfalls !!) ALSO WELL DONE ... sein "Lied des Pierrot" kam mir demgegenüber etwas ... "unstet" rüber - Mr.Regisseur hätte ihm an dieser Stelle wohl nicht diese "Balance-Pantomime" aufdrücken sollen...

      überhaupt die REGIE ... diese ganze "Szene der Theaterleute" hätte icke als Oberfritze 8+) evtl. eher vor dem geschl.Vorhang stattfinden lassen - zu Weber sei ansonsten nur angemerkt, daß ich jetzt recht relaxed bin :yes: :yes: angesichts des Faktums, daß er demnächst das Bochumer Schauspielhaus leiten wird(wo ich auf "Heimatbesuch" (hab lange im Ruhrgebiet gelebt) auch ab und an mal hineingerate)

      SEBASTIAN ... also DIE Erfahrung hab ich ja nun nicht mit großorchestr. Musik - mir ist aber nischt zum kritikastern aufgefallen. Basti schien mir zum Schluß allein vor dem Vorhang durchaus sowas wie erleichtert: Nach Antritt als GMD 2 Monate bis zur ersten eigenen Premiere zu warten mag durchaus bisserl gewagt gewesen sein...

      gez. michele ranickel
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • "Tote Stadt" Korngold, Oper Frankfurt, Vorstellung 29.11.2009

      Die Korngold-Oper „Die tote Stadt“, die am 04.12.1920 sowohl in Hamburg, als auch in Köln uraufgeführt wurde, ist keine echte Rarität auf den Spielplänen der Opernhäuser mehr. In der vergangenen Spielzeit gab es Neuinszenierungen in Nürnberg und am „Südostbayerischen Städtetheater Landshut/Passau/Straubing“, in der Saison 2009/2010 folgen Frankfurt und Gelsenkirchen.

      In Frankfurt übernahm der Intendant des Essener Schauspiels, Anselm Weber, die Regie, es dirigierte der Frankfurter GMD Sebastian Weigle.

      Das Einheitsbühnenbild von Katja Haß (Kostüme: Bettina Walter) unterstreicht das Eingesperrtsein der männlichen Hauptfigur, Paul – düstere Wände mit glaslosen Kirchenfenstern umschliessen den Bühnenraum, links ragt ein grosser Würfel in die Szene, hinter dessen Vorhängen sich die „Kirche des Gewesenen“ verbirgt, jener Raum, in dem Paul die Andenken an seine tote Frau Marie wie Reliquien aufbewahrt.

      Anselm Weber beschränkt sich auf eine Nacherzählung der Handlung um die vermeintliche Wiedergängerin der toten Marie in Gestalt der Tänzerin Marietta, die letztendlich Paul aus seiner Gefangenheit befreien wird – auch wenn offen bleibt, wo der Traum endet und die Wirklichkeit beginnt.

      Die Personenführung zerinnt Weber mehr als einmal zu rein konventionellen Stellagen (es wird viel gestanden), denen er mit modernistischem Schnickschnack aufzuhelfen versucht. Da wird Videotechnik eingesetzt, um Bilder der toten Marie zum Leben zu erwecken oder die Prozession im letzten Akt eher zitathaft durch das Zimmer ziehen zu lassen. Auch Assoziationen an Totentanzbilder alter niederländischer Meister im zweiten Akt oder das Ausstellen von Figuren in den hohlen Kirchenfenstern bleibt rein dekoratives Element, genauso, wie die vervielfachte Marie im letzten Bild, zwingend ist das alles nicht und von einer Interpretation, von einer Durchdringung des Stoffes kann hier keine Rede sein.

      Eine starke Rolle für einen Tenor: der Paul, hier interpretiert von Klaus-Florian Vogt. Der Regisseur verordnet ihm eine Art hölzerne Bewegungschoreografie, das macht Vogt, der auch über ein intensives Minenspiel verfügt, sehr ordentlich. Gesanglich bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Vogt lässt erkennen, dass er Erfahrung mit der Partie hat. Aber sein Tenor klingt merkwürdig substanzlos, blutleer und Vogt rettet sich viel zu oft in die Kopfstimme, wo auch mal tenoraler Glanz erforderlich wäre.

      Hart an der Grenze zur Fehlbesetzung: Tatiana Pavlovskaya, die Marie/Marietta der Produktion. Die russische Sopranistin verfügt über eine üppige, harte und unruhige Stimme, der es an Nuancen fehlt, die über die Feinheiten der Partie hinwegsingt, auch schon mal arg frei mit den Tönen umgeht und vor allem den gesamten Abend über gänzlich wortunverständlich bleibt.

      Eine gute Leistung lässt der Bariton Michael Nagy als Fritz/Frank hören, ein echter Pluspunkt dieser Aufführung.

      Sebastian Weigle wählt oft recht langsame Tempi – das bremst die Musik Korngolds nicht immer glücklich aus. Da droht das Stück zu zerfallen, lähmt der Dirigent den Fluss der Handlung und der Musik. Gewonnen wird damit allerdings ein geradezu kaleidoskopartiges Auffächern der Klangfarben, der Details, der Stimmungen, da wirkt Korngold mitunter düsterer, als man das gewohnt ist – und das Orchester des Frankfurter Opernhauses ist in sehr guter Verfassung, der Klang betört.

      Starker Beifall für alle Beteiligten im fast ausverkauften Opernhaus Frankfurt.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • ...anläßl. der geplanten WA im Herbst 2011 singt - lt. Frankfurter Gerüchteküche - die Pavloskaya schonmal n i c h t mehr :)

      :wink: michele
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • (Vorab Entschuldigung, mir hat es diesen Beitrag beim Kopieren aus Word und Einfügen von Zitaten schon zweimal so verhackstückt, dass ich ihn jetzt ungeachtet der Umbrüche und Leerzeilen absende)

      Zunächst vielen vielen Dank an Yago für den Bericht. Eure
      Postings habe ich erst nach meinem Opernbesuch gelesen, sonst wäre ich
      voreingenommen nach Frankfurt gefahren. „Vorbereitet“ war ich durch den Besuch
      der „Toten Stadt“ in Nürnberg, die ich hier vergleichenderweise mit
      reinwurschteln werde

      Die Frankfurter Aufführungen sind alle ausverkauft – so der
      Chefdramaturg in seiner Einführung, die teilweise etwas verunglückt war, da er
      statt die OPER zu erläutern, den Roman von Rodenbach nacherzählte.Über die „Veroperung“ der Vorlage könnte man auch mal
      diskutieren. Was in der Oper fast völlig fehlt ist die Atmosphäre der Stadt
      Brügge, die sich bei Rodenbach durch den ganzen Text zieht. Der toten Ehefrau
      entspricht die tote Stadt Brügge. In der Oper bleibt von Brügge nur die
      Prozession, die in Frankfurt mE sehr eindrucksvoll ins Bild gesetzt wurde.
      Vater und Sohn Korngold haben durch die Umarbeitung der Marietta-Geschichte als
      Pauls Traum der Handlung einiges an Dramatik genommen. Auch weiß Marietta, dass
      sie Pauls verstorbener Frau gleicht. Bei Rodenbach ist die Stimmung viel
      beklemmender, weil Hugo (=Paul) es Jane (=Marietta) verheimlicht.

      Die Inszenierung war sehr gut, aber es war viel darin, was
      vom Zuschauer ein waches rationales Mitdenken fordert. Das passt meiner Meinung
      nach nicht zu einer emotionsgeladenen irrationalen Traumhandlung. Gurnemanz
      vermisste „surrealistisches und kafkaeskes“, dem kann ich mich nur anschließen.Korngold lässt Paul den Verlust seiner Frau in dem Alptraum
      verarbeiten, und kommt zu einem positiven Ende: Als Frank Paul vorschlägt, mit
      ihm zusammen von Brügge fortzugehen und einen Neuanfang zu machen, antwortet
      Paul: „Ich will’s, will’s versuchen“ und geht mit ihm. Mich hat das in Nürnberg
      sehr berührt, nach dem grauenhaften Geschehen vorher ein hoffnungsvoller
      Schluss. Anselm Weber lässt den Schluss der Oper offen. Paul
      antwortet nicht, als Frank ihn auffordert mitzukommen, und bleibt allein
      zurück.

      Die Nürnberger Inszenierung war etwas bequemer zu
      konsumieren und ging eher zu Herzen. Das Publikum ist richtig mitgegangen, was
      mich bei einem Durchschnittsalter von 70+ bei der Musik schon überrascht hat –
      Korngold ist halt nicht Puccini. Frenetischer Beifall.

      Frankfurt: Ein Hochgenuss das Riesenorchester (viel stärker
      besetzt als in Nürnberg), das herrlichen spätromantischen Schönklang
      zelebrierte, ohne in Schwelgerei umzukippen. Mit lockerer Filmmusik hat das
      nichts zu tun, das ist extreme Ausreizung der Tonalität.Die Tempi langsamer als in Nürnberg. Dabei blieb die Musik
      immer klar und gut durchhörbar, ohne in Einzelstimmen zu zerfallen. Eine
      Meisterleistung. Vor allem wegen dieser Musik ist die Oper bei der Uraufführung
      durchgefallen. Zur Zeit der neuen Sachlichkeit kam Korngold damit zu spät.
      Aber ich würde nie und nimmer „Mariettas Lied“ als Schlager oder Schmachtfetzen
      bezeichnen. Eigentlich ist es ein Duett, ein Dialog zwischen Marietta und Paul.
      Todtraurig schöne Musik, ein Text voll Verzweiflung, da durch zieht sich ein
      Faden von weißglühendem Schmerz. Das wird dann kitschig, wenn es eine Sängerin
      als EIN Lied in ihr Programm einbaut – ohne die Einwürfe Pauls.

      Von Klaus Florian Vogt war ich begeistert. In den Kritiken
      der Nürnberger Toten Stadt stand sinngemäß „es braucht einen Tenor, der diese
      Partie stemmen kann“. Norbert Schmittberg konnte es wirklich nicht. Ihn habe
      ich bedauert, dass er so was Anstrengendes singen muss. Bei Klaus Florian Vogt war das kein Thema, es fiel überhaupt
      nicht auf, wie schwierig diese Partie ist. Auch schauspielerisch war er sehr
      gut. Zu den übrigen SängerdarstellerInnen unterstreiche ich das Positive schon
      Gesagte. Die Nürnberger waren übrigens auch sehr gut, ich hatte das Glück
      Jochen Kupfer, der scheinbar in letzter Zeit recht tagesformabhängig ist, an
      einem Abend in Bestform zu hören, er gefiel mir stimmlich noch besser als
      Michael Nagy. Gespielt hat Nagy sehr gut, schade dass ihn die Regie das Lied
      des Pierrot nicht „unverwackelt“ singen ließ.


      zit. Yago/Gurnemanz:

      „Michael Nagy hat mir als Fritz viel besser gefallen als als
      Frank.(Liegt wohl an den versch. Rollen)“

      „Den fand ich in beiden Rollen stark.“


      „Michael Nagy
      in der zweifachen Besetzung als Frank und als Fritz der Pierrot.“

      ??? wieso verschiedene Rollen, zweifache Besetzung? Der
      Pierrot wird doch immer von Frank gespielt. Ich dachte, das ist von Korngold so
      gewollt?


      zit. Mstislav:

      „MARIETTA... ... ein knappes Drittel ihrer Partie war
      (jedenfalls vom 2.RangMitte) nur zu erahnen, vom Rest kam in meiner Wahrnehmung
      ein weiteres knappes Drittel mit letzter Kraft“

      huch? liegt das an der Frankfurter Akustik? an manchen Stellen war sie
      nicht sehr kraftvoll, fand ich auch nicht nötig, aber im 3. Rang ist alles
      angekommen.
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • Alexa schrieb:

      Von Klaus Florian Vogt war ich begeistert. In den Kritiken der Nürnberger Toten Stadt stand sinngemäß „es braucht einen Tenor, der diese Partie stemmen kann“. Bei Klaus Florian Vogt war das kein Thema, es fiel überhaupt nicht auf, wie schwierig diese Partie ist.


      Das ist nun leider völlig unzutreffend. Ich habe Klaus-Florian Vogt vor einigen Jahren mit dem Paul in Bremen gehört (Regie: Tilman Knabe), wo er nicht nur deutlich besser bei Stimme, sondern auch wesentlich mutiger war, was seine Tonbildung und das Attackieren von Tönen anging. Jetzt merkt man nur noch, dass er weiss, wo es gefährlich wird und wo er - das ist nicht ungeschickt gemacht, bevor man riskiert, sich mit so einer Partie kaputt zu singen - lieber ökonomisch mit der Stimme umgeht. Aber da fehlt natürlich in den Aufschwüngen jeder begeisterter Unterton, da strahlt nichts, da geht ein Sänger nicht aus sich heraus. Der Stimme fehlt Klang, Farbe und - leider - auch Kraft.

      Warum Anselm Weber unbedingt Opern inszenieren muss, hat er mit dieser "toten Stadt" einmal mehr nicht erklären können. Zugegeben, Webers Inszenierung von Wagners "Siegfried" in Essen war um Klassen schlechter, aber inszenatorisch war z. B. Stefan Tilch in Passau/Landshut/Straubing merklich engagierter bei der Sache, von Knabe in Bremen gar nicht zu reden.
      Der Kunst ihre Freiheit