HAYDN: L'incontro improvviso – Entführungsoper oder mehr?

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    • HAYDN: L'incontro improvviso – Entführungsoper oder mehr?

      Seltsam, seltsam: L'incontro improvviso war meine erste Haydn-Oper, gekauft noch zu LP-Zeiten (Dorati-Aufnahme). Ich muss Gründe gehabt haben, damals gerade diese gekauft zu haben, schließlich waren immerhin 8 verschiedene Haydn-Opern von Dorati auf dem Markt. Ich habe die Oper schon lange nicht mehr gehört, weil ich in den letzten 2 Jahren mit zehn anderen Haydn-Opern beschäftigt war. Und das ist das Seltsame: Von diesen 10 anderen Haydn-Opern ist in den letzten zwei Jahren jede mindestens einmal in Europa inszeniert worden. L'incontro improvviso aber kein einziges Mal, nicht mal im Haydn-Jahr 2009.

      Ist das Zufall oder Absicht? Das Problem könnte sein: Der Stoff ist recht ähnlich zu Mozarts Entführung, da kann Haydns Variante nicht mithalten, jedenfalls nicht aus Sicht des Mozart-geprägten Publikums. Ich werde daher versuchen, das Haydn-Spezifische der Oper herauszufinden.

      Im Moment bin ich mit Il mondo della luna beschäftigt und stelle fest, dass dies ein lupenreine "Aufklärungsoper" ist, also ein Verfechter der Ideen der Aufklärung. L'incontro improvviso entstand zur selben Zeit. Also ebenfalls Aufklärungsoper? Ok, da werden Gefangene befreit, und der Sultan zeigt sich edel und großmütig (=aufgeklärt). Aber reicht das?

      In den nächsten Wochen werde ich mich näher mit dieser Oper befassen.

      Einige von euch haben ja die Haydn-Opern-Box, vielleicht kommt der eine oder andere Kommentar...


      Thomas Deck
    • Nachdem man mich anderen Orts auf Haydn als "Rokoko"-Komponisten gestoßen hat, bin ich doch ziemlich in den Zweifel gekommen, was hier zu Haydns Opern geschrieben worden ist. Hier handelt es sich um Dramma giocoso, eine Opernform, die mit Goldoni ihren Weg auf die Bühne gefunden hat. Ich habe schon einmal im Zusammenhang mit Mozarts "La finta giardiniera" über diese interessante Mischform geschrieben (übrigens ist Mozarts "Don Giovanni" auch ein Dramma giocoso). Verankert ist dieses Libretto also in einer neuen italienischen Operntradition, die sich gerade entwickelt hat, der Stoff geht auf eine opéra comique zurück, auf Dancourt. Und da finde ich meinen nächsten Ankerpunkt, Glucks "La rencontre imprévue" (1764). Karl Friberth hat dieses Libretto bearbeitet und ins Italienische übersetzt. Diese Bearbeitung wird mich noch interessieren. Aber zunächst sei noch der andere Ankerpunkt genannt, den findet man schon im Subject des Threads: Mozarts "Entführung aus dem Serail" (Libretto: Stephani der Jüngere). Sowohl Glucks wie Mozarts Oper waren große Erfolge, wie stellt sich Haydn nun im Vergleich dar?

      Um es mal von vorneherein festzustellen, das ist hervorragende Musik, mit bezaubernden Höhepunkten (etwa das Terzett im 1. Akt "Mi sembra un sogno"), trotzdem steht Haydns Oper als Musikdrama hinter ihren beiden Schwestern zurück.

      Man kann als ein Indiz die Ouvertüre nehmen, mit fast acht Minuten Länge sicher ein musikalischer Schwerpunkt, einem umfangreichen schnellen Teil folgt ein relativ kurzer langsamer, dann wird der erste Teil in einer schnellen Reprise wieder aufgenommen. Gewichtig ist die Ouvertüre, doch mangelt es mE an dem, was die Hörer erwarten. Wir haben eine Türkenoper (auch wenn sie in Kairo spielt :wink: ), ein sehr beliebtes Genre der Zeit. Die unmittelbare Türkengefahr ist geschwunden, man kann sich also unbelastet am Türkischen ergötzen: großes Schlagwerk, unisono geführte Begleitung, Molltonarten verbunden mit lebensfroher Perkussion. Davon bietet die Ouvertüre nur eine Andeutung, hier hat der Komponist Haydn sehr ernsthaft gearbeitet. Wenn man da mal den Straßenfeger der "Entführungs"-Ouvertüre vergleicht, einfach verschenkte Punkte. Was Gluck und Mozart auch auszeichnet, ist die pointierte Kürze - da ist keine Note zuviel. Mit dieser Oper hat Haydn ein immerhin über dreistündiges Werk vorgelegt. Das liegt nicht (nur) an der Länge der sorgfältig ausgeführten Musiknummern, sondern am langsamen Tempo, miot dem sich die Handlung entwickelt, schon die Exposition ist überlang: Bis die männliche Hauptperson Ali singen darf, sind 40 Minuten (inklusive Ouvertüre) vergangen, da fehlt der dramatische Biss. Belmonte wird uns gleich zu Beginn der Oper begegnen, bestens in Szene gesetzt im Duett mit Osmin. Hier schleicht sich die Handlung mühsam ins Geschehen. Aber ist Haydn einmal da, gibt es auch wieder höchst wirksame Musik. Und das Finale des 1. Aktes ist mitreißend

      Nach Spuren des Rokoko habe ich vergebens gefahndet, das hier ist eine andere Zeit ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)

    • Nach Spuren des Rokoko habe ich vergebens gefahndet, das hier ist eine andere Zeit ...

      Nach Rokoko wirst du immer "vergeblich" fahnden. Dabei steht alles im Libretto, es springt einem förmlich ins Gesicht. Falls man das Libretto liest...


      trotzdem steht Haydns Oper als Musikdrama hinter ihren beiden Schwestern zurück.

      Hinsichtlich Gluck sehen die Profis das anders. Haydn und Gluck werden gleichermaßen selten aufgeführt. Der Satz ist also geschummelt, er suggeriert, dass Gluck näher an Mozart als an Haydn ist. Tatsächlich sind Haydns und Glucks Versionen ca. gleich weit entfernt von Mozarts "Entführung". Sagen die Profis.


      Zum Inhalt von Haydns L’incontro improvviso. Das Werk enthält sowohl aufklärerische als auch rokokohafte Elemente. Wie alles, was um jene Zeit entstand, und wie inzwischen im aktuellen Thread ausführlich diskutiert wurde.

      Aufklärerisch:
      • Es spielt kein einziger Europäer mit. Also nix "edle Europäer vs. barbarische Türken", wie bei Mozart.
      • Balkis bezeichnet Ali als "ritroso". Das ist der typische Vorwurf von Männern an Frauen ("widerspenstig"). Hier werden die Rollen also umgekehrt. Balkis ist emanzipiert. Und das als Muslima!
      • Nr. 12: "Quivi in un seren gentile la stagion si spiega ognor". Ali entwirft eine Idealwelt, in der sich alle lieben (auch die Tiere), während Osmin zwischendurch immer wieder an die Realität erinnert, in der es hauptsächlich darum geht, das Essen für den nächsten Tag zu finden. Am Ende beklagen beide das harte Leben: Ali entbehrt die Liebe, Osmin hat ständig einen knurrenden Magen. Das ist genau die Kritik am "Zurück zur Natur" der Aufklärung, die ich schon an anderer Stelle geäußert habe. Meine Kritik wird vom Librettisten geteilt, wie an der Ironie des Textes unschwer zu erkennen ist.
      • Nr. 18: "Il Profeta Maometto non avea cervello netto, quando c’interdisse il vin". Religionskritik, geäußert von einem Moslem.
      • Am Ende werden alle begnadigt. Von einem angeblich so grausamen Moslem.

      Rokoko:
      • Man liebt das Leben. Essen, trinken, rauchen. Es wird geprasst ohne Ende. Auch an den unpassendsten Stellen.
      • Überkandidelt: Kauderwelsch in Arie Nr. 3.
      • Nr. 16: "Il guerrier con armi avvolto va a difender la fortezza". Ironische Übertreibung, überkandidelt.
      • Nr. 23: "Ecco un splendido banchetto". Überkandidelt bis absurd.


      Das alles wird natürlich von der Musik widergespiegelt, und das macht die Oper für mich so interessant. Mag sein, dass Glucks Version auch seine Qualitäten hat. Darüber äußere ich mich erst, wenn ich mich eingehend damit befasst habe.



      Thomas
    • Zur Info: Die kommentierte Inhaltsangabe habe ich hier eingestellt.


      Ergänzung:

      Nr. 15: Arie Rezia (C-Dur) Or vicina a te, mio cuore, già mi par più dolce amore, già esser parmi in libertà.

      Hier handelt es sich um den Typ „neapolitanische Bravourarie“, bei Haydn immer in C-Dur und immer spektakulär. Weitere Beispiele:

      Ragion nell’alma siede (Il mondo della luna, Arie der Flaminia)
      Ad un guardo (Orlando paladino, Arie der Alcina)

      Hier könnt ihr vergleichen:

      Or vicina a te
      youtu.be/CTAm7-H7bJQ?t=5334

      Ragion nell’alma siede
      youtube.com/watch?v=l9aL4ioCs5Y
      youtube.com/watch?v=ahjkYOgRFfA

      Ad un (s)guardo
      youtube.com/watch?v=al0CzbLuQ6o
      youtube.com/watch?v=X8sT9aW8MiA


      Thomas
    • Ergänzung 2:

      Weiter oben geht Peter weder auf Haydn noch auf Gluck ein. Dass die beiden gegen Mozart keine Chance haben, ist bekannt. Dass Gluck seinerzeit mehr Erfolg hatte, ist erstens logisch und zweitens irrelevant.

      Logisch, weil: Gluck arbeitete als kommerzieller Künstler in einer Hauptstadt. Er wurde nach Publikumserfolg bezahlt. Haydn arbeitete in der Pampa. Publikum: null. Erfolgsdruck: null.

      Irrelevant, weil: Wir schreiben das Jahr 2018. Publikumserfolge vor 250 Jahren interessieren heute keine Sau mehr.


      Warum sind die Buffo-Opern vor Mozart auf den heutigen Spielplänen inexistent:

      Das Publikum war damals komplett anders. Anderer Geschmack, und vor allem: Anderes Zeitgefühl. Haydns "Incontro improvviso" dauerte in der Tat mehr als 3 Stunden. Und da waren bereits 3(!) Gesangsrollen im Vergleich zur Version von Gluck gestrichen. Das Originalspektakel von Gluck ist auf heutigen Bühnen gar nicht mehr vermittelbar. Der heutige Zuschauer hat einen ganz anderen Zeithorizont, eine ganz andere Vorstellung von Tempo. Damals gab's kein Fernsehen, kein Kino, kein Internet. Die Leute waren bereit, sich auf die 10(!) Gesangsrollen bei Gluck einzulassen. Heute würde da kein Mensch mehr durchblicken. Ein Regisseur würde bei Gluck kräftige Streichungen vornehmen. Also genau das, was Haydn damals schon gemacht hat. Weil er die kleinere Bühne und das kleinere Publikum hatte. Damals ein Nachteil, heute ein Vorteil.

      Nichtsdestotrotz hat auch Haydns Variante nicht das Tempo eines Mozart, oder (später) eines Rossini.

      Was Haydn auszeichnet, ist ebenfalls der "Pampa-Lage" seines Opernhauses (Esterháza/Ungarn) zu verdanken: Er musste nicht so sehr auf die Zensur achten. Man war dort sozusagen unter sich. Aufklärerisches Gedankengut (siehe meine Anmerkungen in der Inhaltsangabe) konnte man dort weitgehend unbehelligt äußern. Daher sind seine Opern auch heute noch interessant.


      Thomas