Offenbach: "La Grande-Duchesse de Gerolstein" - Theater Basel, 20.12.2009

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    • Offenbach: "La Grande-Duchesse de Gerolstein" - Theater Basel, 20.12.2009

      Im Marthal hat sich die Welt nicht gross verändert. Ein Besuch dort hat immer auch etwas familiäres, vertrautes: der Christoph macht die Inszenierung, die Anna das Bühnenbild, der Ueli und der Jürg spielen mit und Christoph, der Tenor, ist auch dabei.

      Die Menschen im Marthal sind oft müde, sie behaupten sich tapfer gegen die Widrigkeiten, die in ihnen selbst und in der sie umgebenden Umwelt liegen und sie tun das mit Würde. Das komische und das traurige liegen nicht nah beieinander, es ist oft völlig zeitgleich vorhanden, ein Faszinosum im entschleunigten Marthal, wo die Zeit immer wieder stehen zu bleiben scheint und eine bitter/süsse Stimmung über allem liegt.

      Musik, Sprache, Geräusch, Gesang, Flüstern, Zischen, Pfeifen – die Welt im Marthal ist voll davon und erstaunt entdeckt der Besucher dieser Welt die Vielfältigkeit dieser Ausdrucksmöglichkeiten.

      Der Besucher lacht über die repetierenden Bewegungen der Menschen, die ihm begegnen – um dann doch später auch – ja – Mitleid zu empfinden, weil: die sind so, die können gar nicht anders und in jedem von denen steckt auch ein Teil des eigenen Ichs.

      „La Grande-Duchesse de Gerolstein" von Jacques Offenbach steht auf dem Programm des Baseler Theaters, Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Anna Viebrock, es dirigiert Hervé Niquet.

      Aber es erklingt auch Musik von Wagner oder Mozart, von Bach und Händel und ganz am Ende hört man den „Rosenkavalier“ von Strauss.

      Marthaler erzählt die Offenbach-Operette, die anlässlich der Weltausstellung 1867 in Paris uraufgeführt wurde (und die einige Probleme mit der damaligen Zensur überwinden musste) mit seinen ganz eigenen, sehr komischen und dann doch wieder ausgesprochen lyrisch-poetisch wirkenden Theatermitteln.

      Die Geschichte ist schnell erzählt: die Grossherzogin des Operettenstaates Gerolstein mag sich weder von den Politikern und Militärs ihres Hofes vor deren Karren spannen lassen, noch den ihr zugedachten Prinzen Paul heiraten. Bei einer Truppeninspektion der gerolsteinischen Armee findet die Grossherzogin, die ein Faible für junge Männer in Uniform hat, gefallen am einfachen Soldaten Fritz, den sie innerhalb kurzer Zeit die Karriereleiter bis zum General hochfallen lässt, natürlich verbunden mit der Hoffnung, dass Fritz ihr dann auch als Mann zur Verfügung stehen wird. Der zieht erst mal als General in den Krieg, macht die Gegner betrunken und trägt nach nur vier Tagen, ohne jedes Blutvergiessen, den Sieg davon. Heimgekehrt bleibt er gegenüber der Grossherzogin standhaft und heiratet seine Freundin Wanda, während sich die Grossherzogin dann doch mit dem Prinzen Paul begnügt.

      Das Bühnenbild in Basel ist eine Nummer für sich: Anna Viebrock hat eine Art Plattenbau auf die Bühne gestellt – rechts eine Einfahrt, dann im Parterre links der Eingang zu einem im ersten Stock liegenden Festsaal, der seine besten Tage längst hinter sich hat, daneben, im Parterre, eine Boutique und rechts davon ein Waffengeschäft, bei dem man die Ware auch gleich an Schiessstand-Zielen in Menschenform testen kann. Mit viel Liebe zum Detail wird der Waffenhändler später seine Ware um ein im Schaufenster stehendes Sofa gruppieren, auf dem ein Schild verrät: „Es gibt sinnvollere Geschenke, als alkoholische Getränke“.

      Der Festsaal ist unterteilt: auf einer kleinen Empore steht in der Ecke ein Klavier (es wird von Bendix Dethleffsen gespielt werden), Treppen verbinden die Ebenen miteinander und zum Zuschauerraum hin muss man sich eine Glasscheibe vorstellen. Im Hintergrund sieht man eine andere Häuserfront, die einen Innenhof umschliesst.

      Noch ist der weit hochgefahrene Orchestergraben leer. Die Boutiquenangestellte öffnet ihren Laden, der Waffenhändler kümmert sich um Bestellungen und ballert auch schon mal zu Testzwecken auf die menschlich gestalteten Zielscheiben, während oben die Vorbereitungen zu einem Empfang beginnen. Das heisst auch: nach Wanzen suchen. Schon hier entfaltet Marthaler in der minutiösen Personenführung ein Meisterwerk alltäglichen Wahnsinns.

      Nun betritt eine erste Violinistin den Orchestergraben: sie trägt, wie alle anderen Musikerinnen und Musiker, die nach-und-nach hereinkommen, die Kampfuniform der Schweizer Armee, auch Fritz wird später genau so eine Uniform tragen.

      Im Festsaal sind zwischenzeitlich die Politiker eingetroffen – die sehen nach Operette aus. Bis auf Général Boum, der erinnert, inklusive einer unsäglichen Herrenhandtasche am Handgelenk, an Erich Mielke. Der Général ist gesundheitlich angeschlagen, eine Honorarkonsulin muss ihn mehrfach wiederbeleben und sein Schnarchen, wenn er mal wieder eingeschlafen ist, ist manchmal das einzig hörbare Geräusch auf der Bühne.

      Der Dirigent kommt zu spät – Hervé Niquet betritt in einer Charles-de-Gaulle-Uniform den Zuschauerraum mit einer Plastiktüte in der Hand und kämpft sich zum Dirigentenpult durch.

      Es beginnt die Ouvertüre – „Tannhäuser“ von Richard Wagner. Der Dirigent schlägt entsetzt ab, schaut noch mal auf die Partitur und jetzt geht´s wirklich los mit Offenbach. Schmissig, nicht immer präzise, sehr transparent im Klang, das macht vom ersten Takt an viel Freude, den jungen Musikerinnen und Musikern des „kammerorchesterbasel“ zuzuhören und Hervé Niquet dirigiert mit Hingabe die Musik des Jacques Offenbach.

      Nach der Ouvertüre stimmt der Dirigent selbst den Eingangschor an, muss dann aber an den protestierenden Hauschor abgeben.

      Die Inszenierung ist voll von solchen Details – da tanzt der schwergewichtige Tenor Christoph Homberger (Général Boum) eine Szene zur Musik aus dem „Parsifal“, da fegt Wanda (hier ein Stubenmädchen mit Servierverpflichtung) völlig unbegleitet im Rhythmus einer soeben verklungenen Musik über ein Bild, da spricht die Grossherzogin (inklusive aller Wiederholungen in Deutsch) den Text von „Ach, wie liebe ich die Soldaten“, bevor sie das französische Original singt.

      Wanda wischt über die nicht vorhandene Glasscheibe und macht dabei alle Geräusche, die bei dieser Tätigkeit anfallen können.

      Prinz Paul fährt (es ist nur zu hören) im flotten Schlitten vor. Beim Aussteigen hört man „I´m looking for freedom“ aus seinem Autoradio dröhnen, zuvor ist in ähnlicher Weise schon die Boutiquenangestellte zu ihrem Arbeitsplatz gelangt.

      Die Grossherzogin betritt erst mal die Boutique und kommt in einem Kostüm in (so würde man das in Deutschland wohl beschreiben) Flecktarnmuster wieder heraus, um dann im Waffenladen einer ganz besonderen, erotischen Zuneigung zu Handfeuerwaffen zu fröhnen.

      Bevor sie zum Empfang geht, zieht sie sich wieder um. Mit ihrer grossen Handtasche und ihrem Festkleid sieht sie dann ein ganz klein wenig nach englischem Königshaus aus.

      Diesen ersten Teil erzählt Marthaler noch verhältnismässig dicht an der Vorlage, aber schon hier merkt man, wie sich das alles in Auflösung befindet, der Pianist verlässt immer öfter seinen „Arbeitsplatz“ um dann hinzustürzen, eine Botschafterin (die Tänzerin Altea Garrido) hangelt sich geradezu halsbrecherisch über die Balustrade der Empore, immer wieder gehen die Plastiksektkelche zu Bruch (mit dem entsehenden Geräusch spielt die Inszenierung mehrfach), aber erkennbar bleibt die „Grand-Duchesse“ von Offenbach durchaus.

      Das ändert sich mit dem zweiten Akt. Als Fritz zum General befördert wird und in den Krieg zieht, versorgt der Waffenhändler alle mit Maschinengewehren, das Orchester verlässt Bühne und Graben, der Chor zieht ab und der Dirigent gesellt sich langsam zu den leicht verloren wirkenden Personen auf der Empore. Der Pianist spielt zu dieser Szene den „Trauermarsch“ aus Wagners „Götterdämmerung“.

      Langsam legt sich die Grossherzogin auf den Rücken, das Licht fährt runter und die Grossherzogin und der Pressesprecher (Jürg Kienberger) singen das Duett „Son nata a lagrimar“ aus Händels „Giulio Cesare“. Still ist es im Theater, zebrechlich wirkt der Gesang, leise gesellt sich zum Klavier ein einsames Cello, der Instrumentalist Martin Zeller ist als einziger vom Orchester auf seinem Platz sitzen geblieben.

      Es schliesst sich die Arie „Piangero, la sorte mia“ aus dem „Cesare“ an. Die Grossherzogin sitzt mit dem Rücken zum Publikum, während sie, sehr für sich, diese Arie singt.

      Dann beginnen alle, sehr leise, „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Brahms) zu singen. Dieser Gesang begleitet alle weiteren Handlungen der verbliebenen Darsteller/innen.

      Langsam löst sich die Grossherzogin, geht die Treppe links hinunter und setzt sich auf das Sofa im Waffenladen, dabei singt sie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ aus Bachs Kantate „Ich habe genug“, bevor sie zu Ausschnitten aus Opern wechseln und sich mit zärtlicher Geste mit den Maschinengewehren bedecken wird.

      Noch einmal blitzt Offenbach kurz herein: Fritz, auch er müde, kehrt zurück, singt ein Couplet und legt sich dann hin. Langsam verklingt der Gesang, langsam verlischt das Licht.

      Es gibt also kein fröhliches Operettenfinale, sondern eine grosse Melancholie am Ende, stimmungsvoll, dicht und berührend – aber das gehört im Marthal einfach dazu.

      Christoph Marthaler ist ein Meister der leisen Töne und diese „Grand-Duchesse“, ist trotz manch „lauter“ Szene (die Komik kommt wahrlich nicht zu kurz) ein Beleg für die Könnerschaft des Schweizer Regisseurs. Die Eigenwilligkeit, mit der er an seine Inszenierung herangeht, die Konsequenz, mit der er seine Idee verwirklicht, das hat grosses Format – und diese Inszenierung ist gewiss geeignet, die wichtige Stellung, die Basel z. Zt. im deutschsprachigen Raum unter den Opernhäusern einnimmt, zu festigen.

      Konsequenterweise verbeugt sich keine/r der Solist/innen alleine – deshalb auch hier nur die Nennung der Hauptrollen – sie waren alle umwerfend: Anne-Sophie von Otter als Grand-Duchesse, Norman Reinhardt als Fritz, Agata Wilewska als Wanda, Rolf Romei als Paul, Christoph Homberger als Général Boum und Karl-Heinz Brandt als Baron Puck bei den Sängern, die Schaupielerriege wurde angeführt von Jürg Kienberger (Pressesprecher) und Ueli Jäggi (Privatsekretär), dazu Raphael Clamer als Waffen- und Notenhändler und Carina Braunschmidt als Honorarkonsulin (mit wenig Text und doch viel Ausdruck).

      Begeisterter Beifall im ausverkauften Baseler Theater, etwas zögernd für Hervé Niquet (der neben dem Dirigieren u. a. auch Schauspiel studiert hat, was er in dieser Inszenierung prächtig einbringen konnte), der sich bedingungslos hinter diese Produktion gestellt hat, herzlich für die Solist/innen und von wenigen „Buh“-Rufen durchsetzt für das Regieteam, Marthaler und Viebrock nahmen es gelassen.
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