Goethe-Lieder: Der Dichterfürst und die Musik

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    • Goethe-Lieder: Der Dichterfürst und die Musik

      Schon vor geraumer Zeit kam das Gespräch in einem der Kunstlied-Threads hier auf Vertonungen von Goethe-Gedichten. Ich wurde gebeten, doch einmal ein Thema dazu zu starten, habe es dann nie geschafft, aber nun, in vorweihnachtlicher Ruhe, ist hier, voilá, die Diskussionsplattform für alle Kunstliedverfallenen und Kunstliedneulinge. Das Thema ist umfangreich und bietet viel Diskussionsstoff, viel Platz für Liebesbekundungen und Missionierungsversuche, für Schimpftiraden und Neugierde, es ist nämlich, um mit einem geflügelten Wort zu sprechen "ein weites Feld". Die Gedichte und Texte wohl kaum eines Autors waren so oft Vorlage für Kunstlieder wie die Johann Wolfgang von Goethes. Das erstaunt nicht, denkt man daran, was für eine Ikone Goethe schon für seine Zeitgenossen war und wie er dann zu einer Art "Evangelist" deutscher Bildungstradition wurde, zeitweise direkt zum Synonym für Deutschlands Tadition als Land der Dichter und Denker. Bis heute ist Goethe wohl der populärste Dichter der deutschen Literaturgeschichte, kaum einer gehört so unbestritten zum schulischen Bildungskanon, kaum einer ist auch bei Leuten, die sich nur wenig mit Literatur auskennen, so bekannt und präsent. Manche Gedichtanfänge von Goethe ("Wer reitet so spät durch Nacht und Wind..." etc.) sind in der Literatur das, was die Anfänge von "Für Elise" oder der "kleinen Nachtmusik" in der Musik sind, omnipräsent und jeder hat sie schon einmal gehört.
      Diese ungeheure Popularität und Ausnahmestellung Goethes in der Literaturgeschichte, die er von seiner Gegenwart bis heute immer hatte, ist sicher ein ganz wichtiger Faktor dafür, dass seine Gedichte so beliebt sind bei Liederkomponisten. Ein anderer Aspekt ist meiner Meinung nach die große Sanglichkeit, die oft schon die Verse selbst haben. Von Heinrich Heine einmal abgesehen gibt es kaum deutsche Dichter, die Verse gescgrieben haben, in denen die deutsche Sprache so singt und klingt und tanzt. Man lese einmal das "Mailied" - da ist schon die Sprache allein Musik! Goethes frühe gedichte sind, auch das trägt meiner Meinug nach nicht wenig zu ihrer Popularität als Textvorlage für Kunstlieder bei, von einer unerhörten Modernität, die dem modernen Leser oft kaum noch bewusst ist. In den "Sesenheimer Liedern" dichtet zum ersten Mal ein Autor aus eigenem emotionalen Erleben heraus, schafft im Alleingang das, was wir heute landläufig unter einem Gedicht verstehen: Der Ausdruck starker Gefühle in "verdichteter" Sprache, nicht mehr die perfekte Einhaltung einer Konvention. Goethe vollendet und popularisiert hier die lyrische Revolution, die die Empfindsamkeit mit sich gebracht hatte. Der wunderbare Goethe-Forscher Dieter Borchmeyer schreibt dazu: "Goethes Gedichte an Friederike Brion, die sogenannten Sesenheimer Lieder – darunter Kleine Blumen, kleine Blätter, Willkommen und Abschied, Maifest (später Mailied) sowie das bald zum >Volkslied< werdende Heidenröslein – sind der revolutionäre Beginn einer neuen lyrischen Epoche, ja haben dem deutschen Leser den Begriff dessen vermittelt, was Lyrik eigentlich ist. Ihre revolutionäre Bedeutung besteht in der einzigartigen Beschwörung, Vergegenwärtigung des Liebesaugenblicks. Liebe wird nicht mehr an ihren Phänomenen beschrieben, nicht nur geschildert, sie ist einfach da. Das lyrische Ich spiegelt seine Stimmung in der äußeren Welt, diese Welt in seiner Stimmung. „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“ lauten bezeichnenderweise die ersten Verse des Maifests. Der Gefühlsstrom durchdringt die ganze Natur, diese das ganze Gefühl. Lyrik ist nicht mehr im Sinne der herkömmlichen Dichtungstheorie Nachahmung der gebildeten Natur (natura naturata), sondern im Sinne der neuen ästhetischen Prinzipien Goethes Schöpfung nach Art der bildenden Natur (natura naturans). Der Dichter ist ein neuer Prometheus, ein zweiter Schöpfer! Das soll ein Grundsatz der Genieästhetik werden, die Goethe und seine Freunde sich zueigen machen werden."

      Das also sind erst einmal ein paar ungeordnete Gedanken von mir, warum denn Goethe als Vorlage für Liederkomponisten eine solche Popularität genoss und genießt. Die Vertonungen von Goethe-Texten ist Legion, von Zelter bis zu beliebigen modernen Musikern. Hier auch nur einen gerafften Überblick zu geben, wäre wahrscheinlich ein Thema für eine Doktorarbeit, man verzeihe mir also, dass ich mich daran hier erst gar nicht versuche, sondern das Thema schlicht und einfach zur Diskussion stelle. Es mag nun also jeder seine liebsten Lieder auf Goethe-Texte präsentieren, natürlich darf auch gezeigt werden, was man denn gar nicht mag. Welche Lieder erscheinen euch besonders, welche enttäuschen euch, was für Unterschiede gibt es zwischen Goethe-Vertonungen aus verschiedenen Jahrhunderten? Der Fragen sind so viele, der Lieder auch - das Buffet ist eröffnet!
      :wink:

      PS: Fällt jemandem eine originelle und zündende Titelformulierung ein? Mir gerade nämlich nicht... :stumm:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde



    • Lieber Farfallone, gut, dass du dieses Thema gestartet hast- das könnte ein langer Thread werden!
      Ich stelle erstmal die ersten CD mit Goetheliedern ein, die ich sehr empfehlen kann, damit sich die Nicht-Besitzer von Goethe-Lieder Cds bei Bedarf schon informieren können.
      Preghardien präsentiert eine serh interessante Auswahl, die nicht nur die üblichen Renner von Schubert, Schumann oder Hugo Wolf enthält, sondern viele unbekannte Vertonungen.
      Weiteres folgt.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Und weiter gehts mit einer der interessantesten Sopranistinnen unserer Zeit, die ich in allen Stilen, ob Barock oder Musical , serh bewundere- diese CD kenne ich allerdings LEIDER noch nciht- was sich schleunigst ändern muss.

      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)


    • Und auf dieser ebenfalls hochinteressanten Cd ist sogar eine Vertonung der Herzogin Anna Amalia höchstselbst zu hören!


      Cherubino fragt nach Lieblingsliedern:
      Schubert:
      Wanderers Nachtlied
      Nähe des Geliebten
      Nur wer die Sehnsucht kennt
      An den Mond

      Gretchen am Spinnrad ( von Schubert, Berlioz, Verdi- alle drei wunderbar auf ihre Weise! und man glaubt nciht, was für verschiedene Gretchenbilder da zutage treten)
      Dazu dann noch ausgiebiger.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ich kann noch diese CD beitragen:

      Sie versammelt Musik der Empfindsamkeit, gepielt auf Nachbauten historischer Instrumente, vor allem auf einem Tangentenflügel, einer in der Haumusik des 18. Jahrhundert recht beliebten Variante des Hammerflügels. Die Sopranistin Eva Lebherz-Valentin und die Pianistin Lore Everling spielen Goethe-Vertonungen von Carl Friedrich Zelter, Bettine von Arnim, Berhard Klein, Franz Schubert, Wolfgang A. Mozart, Corona Schröter und Johann Friedrich Reichardt. Die Komponistinnen und Komponisten sind ausnahmslos Zeitgenossen von Goethe. Es finden sich da einige Schätzchen, vor allem Bernahrd Kleins Vertonung von "Ach, neige du Schmerzensreiche" hat es mir angetan. Sie brauch sich meiner Meinung nach kein Bisschen hinter den berühmten Liedern des Zeitgenossen Schubert zu verstecken. Die Lebensdaten von Klein und Schubert sind übrigens fast identisch (1793-1832 / 1797-1828).

      Dann habe ich noch diese lohnende Doppel-CD, die offenbar inzwischen gestrichen ist:

      Angefangen bei Reichardt und Zelter, die mit Goethe persönlich zusammengearbeitet haben, geht es durch die Geschichte der Goethe-Vertonungen, die bekannten Namen wie Beethoven, Schubert und Schumann fehlen ebensowenig wie unbekanntere Komponisten wie Tomaschek, Spohr oder Knab. Mit Grieg, Tschaikowsky, Verdi und Mussorgsky sind auch ausländische Komponisten vertreten, die teilweise die deutschen Originaltexte, teilweise Übersetzungen vertont haben. Man endet dann in der Moderne bei Webern, Eisler und Gulda. Die Interpreten sind durchweg sehr prominente Liedersänger und Pianisten.

      Vielleicht finde ich in den nächsten Tagen einmal die Gelegenheit, einzelne Lieder besonders vorzustellen. Zu meinen Lieblingsliedern zählen im übrigen ganz spontan, neben dem erwähnten "Ach neige, du Schmerzensreiche" von Klein, "An den Mond", "Der Musensohn" und "Gretchen am Spinnrade" von Schubert, "Neue Liebe, neues Leben" von Beethoven und "An Lina" von Tomaschek (ein wirkliches Juwel!).
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Gretchen am Spinnrade: Schubert, Verdi, Berlioz

      Ich möchte mich in der nächsten Zeit etwas intensiver mit den Vertonungen von "Gretchen am Spinnrad" aus Goethes "Faust" befassen . Ich habe drei sehr verschidene Versionen in drei verschiedenen Sprachen zur Hand:



      Schuberts Kunstlied: Gretchen am Spinnrade

      Verdis Composizione da camera "Perduta ho la pace"

      Berlioz Arie aus "La damnation de Faust" "D'amour l'ardente flamme"



      Ich würde hierzu einen Germanisten oder Faust-Liebhaber herzlich bitten, kurz oder lang (je nach Gusto) etwas zu dem Kontext im Theaterstück selbst zu sagen. Falls niemand Lust oder Zeit dazu hat, werde ich das notgedrungen irgendwann nachliefern.

      Wer weitere Vertonungen besprechen/vorstezllen möchte ist herzlcih dazu eingeladen. Ich beginne mit einem Textvergleich der drei Versionen und komme dann zu den einzelnen musikalischen Interpretationen.

      Hier die Texte:

      Schubert:

      Meine Ruh' ist hin,
      Mein Herz ist schwer,
      Ich finde sie nimmer
      Und nimmermehr.

      Wo ich ihn nicht hab
      Ist mir das Grab,
      Die ganze Welt
      Ist mir vergällt.

      Mein armer Kopf
      Ist mir verrückt,
      Mein armer Sinn
      Ist mir zerstückt.

      Meine Ruh' ist hin,
      Mein Herz ist schwer,
      Ich finde sie nimmer
      Und nimmermehr.

      Nach ihm nur schau ich
      Zum Fenster hinaus,
      Nach ihm nur geh ich
      Aus dem Haus.

      Sein hoher Gang,
      Sein' edle Gestalt,
      Seine Mundes Lächeln,
      Seiner Augen Gewalt,

      Und seiner Rede
      Zauberfluß,
      Sein Händedruck,
      Und ach, sein Kuß!

      Meine Ruh' ist hin,
      Mein Herz ist schwer,
      Ich finde sie nimmer
      Und nimmermehr.

      Mein Busen drängt sich
      Nach ihm hin.
      [Ach]1 dürft ich fassen
      Und halten ihn,

      Und küssen ihn,
      So wie ich wollt,
      An seinen Küssen
      Vergehen sollt




      Verdi (Gedichtübertragung: Luigi Balestra)



      Perduta ho la pace,
      ho in cor mille guai;
      Ah, no, più non spero
      trovarla più mai.

      M'è buio di tomba
      ov'egli non è;
      Senz'esso un deserto
      è il mondo per me.

      Mio povero capo
      confuso travolto;
      Oh misera, il senno,
      il senno m'è tolto!

      Perduta ho la pace,
      ho in cor mille guai;
      Ah, no, più non spero
      trovarla più mai.

      S'io sto al finestrello,
      ho gl'occhi a lui solo;
      S'io sfuggo di casa,
      sol dietro a lui volo.

      Oh, il bel portamento;
      oh, il vago suo viso!
      Qual forza è nei sguardi,
      che dolce sorriso!

      E son le parole
      un magico rio;
      Qual stringer di mano,
      qual bacio, mio Dio!

      Perduta ho la pace,
      ho in cor mille guai;
      Ah, no, più non spero
      trovarla più mai.

      Anela congiungersi
      al suo il mio petto;
      Potessi abbracciarlo,
      tenerlo a me stretto!

      Baciarlo potessi,
      far pago il desir!
      Baciarlo! e potessi
      baciata morir.




      Hector Berlioz: La damnation de Faust "D'amour l'ardente flamme"


      D'amour l'ardente flamme, Marguerite's aria from La Damnation de Faust

      D'amour l'ardente flamme,
      Consume mes beaux jours.
      Ah! la paix de mon âme
      A donc fui pour toujours!

      Son départ, son absence
      Sont pour moi le cercueil,
      Et loin de sa présence,
      Tout me paraît en deuil.
      Alors ma pauvre tête
      Se dérange bientôt,
      Mon faible cœur s'arrête,
      Puis se glace aussitôt.

      Sa marche que j'admire,
      Son port si gracieux,
      Sa bouche au doux sourire,
      Le charme de ses yeux,
      Sa voix enchanteresse,
      Dont il sait m'embrâser,
      De sa main, la caresse,
      Hélas! et son baiser,
      D'une amoureuse flamme,
      Consument mes beux jours!
      Ah! le paix de mon âme
      A donc fui pour toujours!

      Je suis à ma fenêtre,
      Ou dehors, tout le jour -
      C'est pour le voir paraître,
      Ou hâter son retour.
      Mon cœur bat et se presse
      Dès qu'il le sent venir,
      Au gré de ma tendresse,
      Puis-je le retenir!
      O caresses de flamme!
      Que je voudrais un jour
      Voir s'exhaler mon âme
      Dans ses baisers d'amour!
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ich würde hierzu einen Germanisten oder Faust-Liebhaber herzlich bitten, kurz oder lang (je nach Gusto) etwas zu dem Kontext im Theaterstück selbst zu sagen. Falls niemand Lust oder Zeit dazu hat, werde ich das notgedrungen irgendwann nachliefern.
      Margarete (also Gretchen) wurde von Faust bekanntlich angebaggert. Später in der Szene im Garten behauptet Faust gegenüber Gretchen: "Er liebt dich ! Verstehhst du, was das heißt ? Er liebt dich !" Faust dürfte der erste + letzte Lover von Margarete gewesen sein. Nach der Soloszene am Spinnrad (siehe Gedicht) examiniert Gretchen den Faust über die Religion (" .. wie hast du's mit der Religion"), dannach ist Margarete bereit mit Faust ins Bett zu steigen... das unerquickliche Ende, die Schwangerschaft + Exekution Gretchens wegen Kindstötung, die im Stück nicht ausdrücklich gezeigt wird, ist vielleicht bekannt... aber ganz am Ende des Faust II gibt es ja dann wieder das Shake-Hands zwischen Gretchen und dem Unsterblichen des Fausts..

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Zum Textvergleich:

      Wenn man zunächst von der äusseren Form ausgeht haben sowohl Verdi als auch Berlioz ein regelmässiges Reimmass, Schubert dagegen nicht.
      Bei Schubert findet sich vorherrschend die abcb-Form, aber in der zweiten Strophe auch aabb. Verdi bleibt komplett beim abcb-Schema und lehnt sich auch in der Strophenform stark an Schubert/Goethes Text -Schema an, während Berlioz sich für das durchgehende abababab entscheidet.
      Verdi wiederholt die erste Strophe an je denselben Stellen im Gedicht wie Schubert, Berlioz wiederholt sie gar nicht wörtlich, sondern bleibt lediglich im Wortfeld und Reim.

      Verdi hält sich auch hinsichtlich der Zeilenzahl genau an Goethe und bleibt bei 40, Berlioz vertont 36, allerdings deutlich längere Zeilen.

      Der Sprachfluss, bzw die Hebungen und Senkungen richten sich nach den jeweiligen Sprachmelodien: im Italienischen gibt es bis auf die letzte Strophe nur schwache Endungen mit Betonung auf der vorletzten Silbe, im Deutschen überwiegend Betonungen auf der letzten Silbe einer Zeile, im Französischen wechselt Beides ganz regelmässig ab.

      Das ist für die Singbarkeit und den Melodiefluss bereits eine entschedende Vorgabe und ein Charakteristikum.



      Inhaltlich lehnt sich Verdi ebenfalls wesentlich stärker an Schubert an als Berlioz.

      Der Nachdichter Balestri bemüht sich sichtlich, beim Wortlaut zu bleiben und das gelingt ihm trotz der strengen metrischen Regeln, die er sich setzt,nicht schlecht.

      Die Zeile "Und ach! sein Kuss" mit "qual bacio, o Dio!" zu übersetzen, statt mit " qual bacio !Ahimé!" oder "ohimé" finde ich etwas problematisch, wenngleich serh italienisch. Das "Ahimé!" oder "Ahi!", serh beliebter Ausruf in Liebes-Qualen, hätte deutlicher die innere Zerrissenheit der jungen Frau herausgehoben, dass statt dessen Gott angerufen wird, setzt einen anderen Akzent.



      "An seinen Küssen Küssen vergehen sollt" und "baciata morir" ist m.E. nciht unbedingt dasselbe. "Geküsst zu sterben" hat eine definitivere Konnotation als das Vergehen an den Küssen.

      Aber Balestri bemüht sich wirklich serh um Form-Reim und Textreue und ich finde das ihm das umsomehr gelingt, umso strenger ja die Reimform ist, die er sich auferlegt.


      Bei Berlioz kann davon kaum die Rede sein; es handelt sich hier um eine anlehnende Übertragung.

      Das wird am besten deutlich , wenn ich den Text ins Deutsche zurückübersetze.





      Die glühende Flamme der Liebe

      verzehrt meine schönen Tage.

      Ach, der Frieden meiner Seele

      ist für immer entflohen.

      Sein Fortgehen, seine Abwesenheit

      sind für mich wie ein Sarg

      Und fern von ihm

      Scheint mir Alles in Trauer versunken.

      Mein armer Kopf verwirrt sich sofort

      Mein armes Herz steht still

      und wird dann zu Eis.

      Seinen Gang, den ich bewundere

      Seine anmutige Haltung,

      Sein Mund mit dem sanften Lächeln

      Der Zauber seiner Augen,

      Seine betörende Stimme,

      mit der er mich entflammt,

      Das Streicheln seiner Hände,

      Und ach! Sein Kuss!

      In einer verliebten Flamme

      verzehren sie meine schönen Tage.

      Und der Frieden meiner Seele

      ist für immer entflohen.



      Ich stehe an meinem Fenster oder draussen -

      den ganzen Tag, nur um ihn nahen zu sehen,

      um sehnlichst seine Rückkehr zu erwarten.

      Mein Herz klopft und pocht

      sobald es ihn kommen fühlt,

      Als ob ich ihn mit meiner zärtlchen Liebe zurückhalten könnte!

      Oh, Liebkosung der Flammen,

      in der ich eines Tages,

      in seinen Liebesküssen

      meine Seele aushauchen will.





      "Und ach, sein Kuss!" ist die einzige wirklich wörtlich übersetzte Zeile.

      Berlioz Gretchen alias Marguerite erscheint schon rein in der Wortwahl viel weniger ein verwirrtes unschuldiges junges Mädchen zu sein als bei Schubert oder Verdi. Hier spricht vielmehr eine leidenschaftlich entflammte und serh entflammbare Frau. Marguerite scheint die Freuden der Liebe bereits heftig genossen zu haben und spricht im Rückblick und in Sehnsucht nach Wiederholung und Steigerung.

      Schuberts Gretchen erscheint mir dagegen wie eine junge unerfahrene Frau, die eigentlich gar nicht richtig weiss, was da in ihr vorgeht und ihren eigenen Gefühlen noch nciht traut und sie nicht richtig benennen kann.



      Die Kürze der Zeilen, das etwas unbeholfene und zerhackte Versmass mit den harten Endungen- all das macht Gretchens innere Unruhe, Zerrissenheit und Ohnmacht deutlich. Bei Verdi ist durch die jambischen Endungen und die vielen Vokale bereits mehr Weichheit und Fluss in der Geschichte, während bei Berlioz alles ein einziges weibliches Verströmen und Ergiessen ist.

      Weiteres irgendwann dieser Tage, wenn ich wieder Zeit habe.

      Diese Ankündigung soll aber niemanden hindern, mir schon "Arbeit abzunehmen", bzW selbst zu interpretieren.



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ein interessantes Vorhaben, an dessen Ende man vielleicht noch die Überlegung anknüpfen kann, warum Gounod und auch Boito in seinem MEFISTOFELE gerade auf dieses Lied verzichtet haben. Ich werde mich an dem Thread sicher noch beteiligen, wüsste aber gerne, wo man den Verdi hören kann, der mir bislang völlig unbekannt war.

      Einstweilen sei aber der Hinweis gestattet, dass Berlioz sich bei seinem Text auf die Übersetzung Gérard de Nervals stützte, die er bei diesem Lied meines Wissens wörtlich übernahm. So verstehe ich auch Algabals Erläuterungen zu den frühen 8 SCENES DE FAUST, in denen das Lied ja bereits vorkommt, hier: Fausts Traumtheater - Hector Berlioz' »La damnation de Faust« . Leider habe ich selbst keine Aufnahme der 8 SCENES - warum auch immer.

      Ich meine auch, dass Schubert Goethes Orginaltext aus dem FAUST unverändert vertont, kann das aber derzeit nicht überprüfen. Weiß jemand, ob es da Abweichungen gibt?

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus, ich habe diese hier.




      Die andere Cd die ich habe, gibt es wohl nciht mehr. Das ist ein Porträt von Montserrat Caballé mit viel barockliteratur, Arie Antiche und eben Liedern italienischer Komponisten.

      Sehr schade! :thumbdown:

      Aber Margaret Price macht das serh gut, man vermisst also ncihts.

      Was den Faust-Zusammenhang angeht, kenne ich den in groben Zügen natürlich schon, aber den genauen Text sollte besser mal jemand , der an der germanistischen Quelle sitzt, prüfen.

      Was Gounod angeht: Zum "König von Thule" kommen wir in diesem Thread sicher auch noch! Der ist ja reichlich vertont worden, u.A. auch von Liszt.



      F.Q.



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Um den Vorrat noch zu vergrößern : Mephistos Lied in Auerbachs Keller ( " Flohlied " ) wurde von drei Komponisten sehr unterschiedlich vertont - von Beethoven, Wagner und Mussorgsky, wobei dem Russen zweifellos die Krone gebührt.



      Ciao. Gioachino :thumbsup:
      miniminiDIFIDI
    • Ich meine auch, dass Schubert Goethes Orginaltext aus dem FAUST unverändert vertont, kann das aber derzeit nicht überprüfen. Weiß jemand, ob es da Abweichungen gibt?

      ich bin mit diesem Schubertlied kaum vertraut. Hier ist erstmal der Originalrext. Andere User können das mal mit dem Schubertlied vergleichen...


      Gretchens Stube.
      Gretchen (am Spinnrad, allein).

      GRETCHEN:
      Meine Ruh ist hin,
      Mein Herz ist schwer;
      Ich finde sie nimmer
      und nimmermehr.


      Wo ich ihn nicht hab,
      Ist mir das Grab,
      Die ganze Welt
      Ist mir vergällt.


      Mein armer Kopf
      Ist mir verrückt,
      Meiner armer Sinn
      Ist mir zerstückt.


      Meine Ruh ist hin,
      Mein Herz ist schwer,
      Ich finde sie nimmer
      und nimmermehr.


      Nach ihm nur schau ich
      Zum Fenster hinaus,
      Nach ihm nur geh ich
      Aus dem Haus.


      Sein hoher Gang,
      Sein edle Gestalt,
      Seines Mundes Lächeln,
      Seiner Augen Gewalt,


      Und seiner Rede
      Zauberfluß,
      Sein Händedruck,
      Und ach! sein Kuß!


      Meine Ruh ist hin,
      Mein Herz ist schwer,
      Ich finde sie nimmer
      und nimmermehr.


      Mein Busen drängt
      Sich nach ihm hin,
      Ach dürft ich fassen
      Und halten ihn,


      Und küssen ihn,
      So wie ich wollt,
      An seinen Küssen
      Vergehen sollt!

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Lieber Amfortas, danke, das ist ergo 1zu 1 aus dem Faust übernommen worden.
      Das Lied "Gretchen am Spinnrad" gehört zu Schuberts berühmtesten Kompositionen und das zu Recht! :juhu: :juhu: :juhu:
      Wie hier die Klavierbegleitung das Spinnrad nachempfindet und darüber das arme zerrrisssene Herz und der ver-rückte Sinn des Gretchen in Szene gesetzt wird und sich dramatisch wieter steigert bis zum ersehnten Kuss-Höhepunkt und dem Vergehen, das die höchste Note markiert, ist schon einzigartig.
      Die Unabhängigkeit und "Lautmalerei" der Klavierbegleitung setzt m.E. Massstäbe für die weitere Entwicklung der Gattung Kunstlied als Partnerschaft von Klavier- und Gesangspart.
      Ich werde aber, wenn das niemand anders vorher tut, zu diesem Lied noch mehr sagen, wenn ich aus Paris zurück komme.
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • gioachino schrieb:

      Den Vierten und Letzten im Bunde hätte ich fast vergessen : Ferruccio Busoni. Auch er setzte dem winzigen Plagegeist ein musikalisches Denkmal.



      Ciao. Gioachino :wut2:
      Es gibt noch einen fünften, denn auch Berlioz hat das Lied vom Floh vertont ("Une petite puce") als "Chanson de Méphistopheles". und das auch schon in den 8 SCENES DE FAUST, die er später in seine LA DAMNATION DES FAUST übernahm.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Von Peter habe ich eben erfahren, dass auch Carl Loewe und Richard Wagner "Gretchen am Spinnrad" vertont haben. Wenn ich diese beiden Vertonungen gehört habe, werde ich sie noch dazu nehmen. Ausserdem gibt es eine Glinka Version, derer ich mich mangels Russsich-Kenntnissen aber nciht annehmen kann.
      Das Flohlied, "O neige dein Haupt du Schmerzensreiche" und den "König in Thule" können wir gerne in dieser Faust-Serie dazunehmen. Allerdings bitte ich beim Flohlied jemand anders (z.B. Gioachino), der damit vertrauter ist als ich.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fee,

      Loewes Komposition ist von 1822, acht Jahre nach der Komposition von Schubert, die Loewe sicherlich kannte. Der 26-jährige Loewe wählte (wohl bewusst) seinen eigenen Weg. Statt des Ekstatik bei Schubert findet man nier einen innigen Ton. Bei mir singt Edith Mathis ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • FairyQueen schrieb:

      Lieber Amfortas, danke, das ist ergo 1zu 1 aus dem Faust übernommen worden.
      Das Lied "Gretchen am Spinnrad" gehört zu Schuberts berühmtesten Kompositionen und das zu Recht! :juhu: :juhu: :juhu:
      Wie hier die Klavierbegleitung das Spinnrad nachempfindet und darüber das arme zerrrisssene Herz und der ver-rückte Sinn des Gretchen in Szene gesetzt wird und sich dramatisch wieter steigert bis zum ersehnten Kuss-Höhepunkt und dem Vergehen, das die höchste Note markiert, ist schon einzigartig.
      Die Unabhängigkeit und "Lautmalerei" der Klavierbegleitung setzt m.E. Massstäbe für die weitere Entwicklung der Gattung Kunstlied als Partnerschaft von Klavier- und Gesangspart.

      Bei der Suche nach Einspielungen des "Gretchen" habe ich entdeckt, dass ich das Lied auch in einer orchestrierten Fassung habe, und zwar auf dieser höchst empfehlenswerten Schebe:


      Vielleicht geht es der einen oder dem anderen von Euch auch so wie mir, dass Ihr gar nicht mehr wisst, dass Ihr das Lied auch in der Orchestrierung Max Regers und gesungen von Anne Sofie von Otter habt.

      Die Orchestrierung rückt das Lied übrigens noch mehr in die Nähe des"Erlkönig", in dem die Begleitung ebenfalls unerbittlich voran drängt. Aber ich bin mal gespannt, was ich noch über das Lied erfahre - eine Gattung, in der ich bekanntlich noch große Bildungslücken habe.

      Deshalb habe ich auch mit großer Freude und Neugier die angesprochene Aufnahme der Verdi-Lieder mit Margaret Price entdeckt. Mehr dazu aber, wenn das Lied dran kommt. Ich muss es erst einmal richtig kennen lernen.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus, ich habe diese orchestrierte CD nicht und da ich weder Fan von von Otter (ausser im Barock-Repertoire) noch von Quasthoff bin, gab es noch keinen Anlass sie zu kaufen. Wie ist denn da das Spinnrad orchestriert?
      Ich finde das von Schubert so genial für Klavier geschrieben, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie da mit Orchester adäquat gelöst wird- lasse mich aber gerne überraschen.
      Der Kammermusik-Charakter, den das Kunstlied für mich hat, geht mit Orchester wahrscheinlich verloren-oder nciht?
      Ist das Lied im Original gelassen oder transponiert? Von Otter hat zwar die notwenidge Höhe, nehme ich an, aber im Grunde ist das wirklich ein Sopran-Lied und ich kenne bisher keinen Mezzo, der das eingespielt hat. Aufnahmen gibt es natürlich wie Sand am Meer.
      Ich habe Elly Ameling, Gundula Janowitz, Elisabeth Schumann, Barbara Hendricks etc pp
      Gundula Janowitz hat zusammen mit Irving Gage alle "Frauenlieder" von Schubert aufgenommen-für Interessierte:eine serh empfehlenswerte Box, auf der man sogar das total abgenudelte "Ave Maria" (Ellens Gesang) mit Freude wiederhören kann.

      Nun bin ich aber erstmal bis morgen abend unterwegs und nciht online.
      Viel Spass mit den Faustliedern! :fee:

      P.S. Lieber Rideamus, diese Verdi- Lieder CD ist wirklich serh schön! Der Maestro hat zwar keine echten Kunstlieder im deutschen oder gar frz. Sinne komponiert sondern immer nur Arietten, bei denen das Klavier reine Begleitfunktion hat, aber da sind echte Schätzchen drunter. z.B. "Ad una stella" oder "Lo spazzacammin" Mir gefällt "Deh pietosa, addolorata" aus dem Faust übrigens besser als das Gretchen am Spinnrad-"Perduta ho la pace"
      Ich glaub,e wenn es um die Madonna geht, kann den italienern eben so schnell keiner das Wasser reichen. ;+)

      Lieber Ritter, auf die Wagner und Loewe-Version bin ich total gespannt! Hoffe doch , dass Wagners Gretchen so eine richtige vorutrteilskonformeWalküre mit blonden Zöpfen bis zur Hüfte und kraftigen Arm- und Stimmmuskeln ist. :D
      Vor diesem Gretchen musste der Faust dann eher fliehen, um nciht unter die (Spinn-)Räder zu kommen.....
      Bei Berlioz Marguerite musste man als Faust ja auch eher Angst haben, nicht von ihrem Feuer verbrannt zu werden und auch ohne Mephisto in den Flammen zu landen :faint:

      Musikalisch werde ich natürlich zu all den mir bekannten Versionen noch etwas sagen, ich bin ja bisher nur beim Text geblieben.

      Wie schön, dass dieser Thread sofort so munter losgelegt hat!!!!!! :angel:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)