WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Dumme Fragen & Kluge Antworten

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    • WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Dumme Fragen & Kluge Antworten

      Ihr Lieben,

      der Threadtitel drückt eine Hoffnung aus. Natürlich dürfen hier aber auch Kluge fragen. Wichtig ist, dass die anderen Klugen auch antworten.

      Beim Malwiederhören der Walküre, angeregt durch Nawaswohl, bin ich ewiger Ring-Dummie schon nach anderthalb Akten angefüllt mit ungelösten Fragen. Zum Beispiel:

      - Wer war eigentlich die Mutter von Siegmund und Sieglinde? Und warum lebten sie im Wald? Warum nennt Fricka sie "Wölfin" - nur in Anspielung an Wotans Pseudonym, oder hatte sie selbst etwas Wölfisches?

      - Was ist dieser Hunding für einer? Er lebt mit seiner Frau in einer Hütte im Wald, okay. Aber was tut er? Ist er Förster, Köhler, Einsiedler? Hat er Nachbarn? Gibt es ein Dorf in der Nähe? Offenbar gibt es eine Sippe, der er angehört - was sind das für Leute? (Ich frage nach der gesellschaftlichen Verortung, die mir bei den Ringfiguren häufig ein Rätsel ist.)

      - Brünnhilde ist die Tochter von Wotan und Erda, right? Fricka nennt sie "deines Wunsches Braut" - muss ich das so verstehen, dass Fricka argwöhnt, Wotan habe, öhm, sexuelles Interesse an der eigenen Tochter?

      Soviel für's Erste. To be continued, sicherlich.

      Für freundliche Antworten bedankt sich
      der Don
    • RE: WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Dumme Fragen & Kluge Antworten

      Don Fatale schrieb:



      - Brünnhilde ist die Tochter von Wotan und Erda, right? Fricka nennt sie "deines Wunsches Braut" - muss ich das so verstehen, dass Fricka argwöhnt, Wotan habe, öhm, sexuelles Interesse an der eigenen Tochter?


      Ich verstehe "deines Wunsches Braut" nicht im Sinne von: Brünnhilde ist die Braut, die Wotan sich eigentlich wünscht (begehrt), sondern: Brünnhilde ist die "Braut" (die Vertraute) von Wotans Wünschen und Gedanken - ist vielmehr Produkt seines Willens (nicht nur seiner Lenden). Lies mal den Dialog zwischen Wotan und Brünnhilde (2. Aufzug) - eigentlich ist es ein Monolog, denn Wotan spricht zwar zu seiner Tochter, aber:

      BRÜNNHILDE
      Zu Wotans Willen sprichst du,
      sagst du mir, was du willst;
      wer bin ich, wär' ich dein Wille nicht?

      WOTAN
      Was keinem in Worten ich künde,
      unausgesprochen bleib' es denn ewig:
      mit mir nur rat' ich, red' ich zu dir. -
    • Und warum lebten sie im Wald?
      ich vermute, damit sie im Wald richtige Outlaws wurden, waren dann nicht so etabliert wie Hunding mit seinem 1-Familienhaus + Wohnküche..
      bin ich ewiger Ring-Dummie
      sind wir das nicht alle mehr oder weniger ? :thumbsup: , sonst bräuchten wir doch nicht das Capriccio-Forum :thumbsup:

      muss ich das so verstehen, dass Fricka argwöhnt, Wotan habe, öhm, sexuelles Interesse an der eigenen Tochter?
      ich folge Clemens Ausführungen, aber würde sexuelles Interesse bei Wotan nicht völlig ausschließen. Er war ja Auswärtsspielen nie abgeneigt...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Und warum lebten sie im Wald?
      ich vermute, damit sie im Wald richtige Outlaws wurden, waren dann nicht so etabliert wie Hunding mit seinem 1-Familienhaus + Wohnküche..


      Wotan versucht ja auch in Siegmund den "freien Helden" (also frei von Wotans Willen) zu erschaffen - Siegmund darf also über seine göttliche Herkunft nichts wissen; in "Walhalls prangendem Saal" wäre das wohl schlecht zu managen... tief im Wald wohl schon eher. Das sein Unternehmen, sich einen "freien" Helden zu "erschaffen", als solches ja schon ein Paradoxon ist, wird ihm ja auch erst etwas spät bewusst, "denn selbst muß der Freie sich schaffen: Knechte erknet' ich mir nur!"
    • Weiß jemand, warum es im Ring zwei verschiedene Aussagen darüber gibt, wie Wotan sein Auge verlor?

      Wotan selbst sagt im "Rheingold" zu Fricka:


      "Um dich zum Weib zu gewinnen,
      mein eines Auge setzt' ich werbend daran"




      Die erste Norn aber erzählt im Vorspiel der "Götterdämmerung":


      "An der Weltesche wob ich einst,
      da groß und stark dem Stamm entgrünte
      weihlicher Äste Wald.
      Im kühlen Schatten rauscht' ein Quell,
      Weisheit raunend rann sein Gewell';
      da sang ich heil'gen Sinn.
      Ein kühner Gott
      trat zum Trunk an den Quell;
      seiner Augen eines
      zahlt' er als ewigen Zoll."




      ?(



      Die Variante der Norn bezieht sich ja offensichtlich auf die Edda. Aber weiß jemand auch, wo die Quelle der ersten Variante liegt oder ob Wagner sich selbst einmal zu diesem Widerspruch geäußert hat?
    • War einfach 'ne furchtbar lange Zeit zwischen Rheingold und Götterdämmerung! Das konnte sich doch auch kein Merker alles wagnern!

      Hatte Odins Trank aus Mimirs Weisheitsquell nicht was mit der Gewinnung Friggs zu tun? Dann wäre es kein Widerspruch.

      Sich an die Edda nur unzureichend erinnern könnend,
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Warum werden die "Inhaber" des Goldes bzw. des Ringes so leicht übertölpelt und besiegt? Das ist ja bei den Rheintöchtern genau so wie bei den Nachbesitzern. Funktionieren Rheingold und Ring wie ein Computer, der bekanntlich nur so schlau ist wie der Mensch, der davor sitzt? ?(



      Über eine Antwort würde ich mich freuen. Ich fange gerade erst an, mich etwas in Wagner hineinzuhören, bin da also durchaus nicht eingearbeitet, geschweige denn "eingeweiht". :schaem:



      Mit bestem Dank, Ansgar
    • Warum werden die "Inhaber" des Goldes bzw. des Ringes so leicht übertölpelt und besiegt? Das ist ja bei den Rheintöchtern genau so wie bei den Nachbesitzern. Funktionieren Rheingold und Ring wie ein Computer, der bekanntlich nur so schlau ist wie der Mensch, der davor sitzt? ?(
      vielleicht weil diejenigen, sobald sie den Ring besitzen, sogar dümmer werden, als diejenigen, die ihn nicht besitzen ?
      bin da also durchaus nicht eingearbeitet, geschweige denn "eingeweiht". :schaem:
      na, ich hoffe, dass ich auch ständiger Ring-Neuling bzw. "Ring-Dummi" bleibe...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ansgar schrieb:

      Warum werden die "Inhaber" des Goldes bzw. des Ringes so leicht übertölpelt und besiegt? Das ist ja bei den Rheintöchtern genau so wie bei den Nachbesitzern. Funktionieren Rheingold und Ring wie ein Computer, der bekanntlich nur so schlau ist wie der Mensch, der davor sitzt?



      Die Rheintöchter werden im Grunde nicht übertölpelt. Sie sind der Auffassung, daß niemand ihnen das Gold wegnehmen wird, denn wer entsagt schon der Liebe. Als Alberich dies macht, fallen sie wie aus allen Wolken. Alle anderen werden übertölpelt, weil sie sich im Besitz der absoluten Macht wähnen und dadurch unvorsichtig werden.

      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Der wonnige Laller schrieb:

      Weiß jemand, warum es im Ring zwei verschiedene Aussagen darüber gibt, wie Wotan sein Auge verlor?

      Wotan selbst sagt im "Rheingold" zu Fricka:


      "Um dich zum Weib zu gewinnen,
      mein eines Auge setzt' ich werbend daran"



      Die erste Norn aber erzählt im Vorspiel der "Götterdämmerung":

      "An der Weltesche wob ich einst,
      da groß und stark dem Stamm entgrünte
      weihlicher Äste Wald.
      Im kühlen Schatten rauscht' ein Quell,
      Weisheit raunend rann sein Gewell';
      da sang ich heil'gen Sinn.
      Ein kühner Gott
      trat zum Trunk an den Quell;
      seiner Augen eines
      zahlt' er als ewigen Zoll."



      ?(


      Die Variante der Norn bezieht sich ja offensichtlich auf die Edda. Aber weiß jemand auch, wo die Quelle der ersten Variante liegt oder ob Wagner sich selbst einmal zu diesem Widerspruch geäußert hat?
      Hallo Clemens,

      der scheinbare Widerspruch beider Aussagen Wotans lässt sich folgendermaßen auflösen (zusammengefasst nach Deryck Cooke: I Saw the World End - A Study of Wagner´s Ring, London 1979, S. 151):

      Wotan spricht hier in den Kategorien von (mittelbarer) Ursache und Wirkung. Durch die Opferung eines Auges ist es ihm erlaubt, vom Quell der Weisheit zu trinken, was ihm wiederum das Herausbrechen des Astes aus der Weltesche ermöglicht, den er zum Speer umformt. Durch seinen durch diverse Kämpfe und Friedensschlüsse erfolgten Aufstieg zum Herrn der Welt durch Verträge (symbolisiert durch den nun mit Runen geschmückten Vertragsspeer, Waffe und Herrschaftssymbol zugleich) ist es ihm jetzt möglich, erfolgreich um Fricka zu werben (Bekanntes Muster: Parvenu heiratet in alteingesessene Familie ein zwecks Legitimierung und Nobilitierung seiner Herrschaft). Fricka selbst ist wiederum fast noch stärker als Wotan den Idealen der Weltherrschaft und der (unverrückbaren) Geltung des Rechts verpflichtet, ist sozusagen der fleischgewordene Vertragsspeer. Die Kausalkette geht also so: Augenopferung ---> Trinken aus der Weisheitsquelle ---> Schnitzen des Speeres ---> Erringung der Weltherrschaft durch Verträge ---> Heirat mit Fricka.

      Die Stelle mit dem Auge als Gegenleistung für Fricka hat Wagner übrigens selbst erfunden, sie steht - im Gegensatz zu der Geschichte mit der Quelle - weder in der Edda noch in sonst einer schriftlichen Überlieferung der germanisch-skandinavischen Mythologie.

      :wink:

      GiselherHH
      "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

      Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.
    • @GiselherHH: Vielen Dank für diese Ausführung.
      Im Grunde war mir das klar - auch die Geschichte um die Herkunft von Wotans Speer. Was mich dennoch irritiert: so wie Wotan zu Fricka spricht impliziert er ja ganz bewusst: Nur "um dich zum Weib zu gewinnen", habe ich mein Auge geopfert. (Du trägst unmittelbar die Schuld, daß ich als Einäugiger rumlaufen muss - also halt gefälligst den Schnabel!) Und das ist ja ein haltloser Vorwurf, denn als er sein Auge für den Trank aus dem Weisheits-Quell hingab, ging es ihm wohl kaum um Fricka... Will er damit nur ihren "törigen Tadel" abwehren? Und dann verhöhnt er sie ja quasi noch zusätzlich: "Ehr´ ich die Frauen doch mehr, als dich freut."


      Männer... echt ey! :wacko: :P