MASSENET: "Werther", TV-Übertragung aus der Bastille-Oper Paris, 26.1.10

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    • MASSENET: "Werther", TV-Übertragung aus der Bastille-Oper Paris, 26.1.10

      Bin immer noch ganz im Bann der gestrigen Live-Übertragung aus Paris auf arte. Was für ein großer Abend! Regisseur Benoit Jacquot, dem wir schon eine herausragende "Tosca" als Opernfilm verdanken, zeigte sich wieder als Meister der subtilen Personenregie. Klugerweise beließ er die Handlung im 18. Jahrhundert (die Geschichte setzt nun mal die damaligen sozialhistorischen Bedingungen voraus), inszenierte keine "große Oper", sondern ein intensives psychologisches Kammerspiel, bei dem die unterdrückten Emotionen von Akt zu Akt heftiger aufeinanderprallen. Wie verloren wirken die Personen auf der großen, fast leeren Bühne. Die aufwendigen, aber sparsamen Kulissen (im 1. und 2. Akt ist ein ungeheurer blauer Himmel ebenso dominant wie im 3. Akt das überdimensionale Hausinnere) in Verbindung mit der Lichtsetzung strahlen eine seltsame Melancholie aus, die der Atmosphäre sehr zugutekommt.

      Irritierend mag man zunächst Jacquots Manier empfinden, bei der Fernseh-Übertragung mit der Kamera immer mal wieder hinter die Kulissen zu gehen, wo die Darsteller auf ihren Auftritt warten, aber er liebt offenbar dieses Einblenden von Werkstatt-Atmosphäre; das war bei der "Tosca" ganz ähnlich. Mich hat es nicht wirklich gestört.

      Die Besetzung war nach meinem Empfinden perfekt. Mit Jonas Kaufmann und Sophie Koch hatte man endlich einmal ein tatsächlich noch jung wirkendes Liebespaar auf der Bühne (wie es Englischen so schön heisst: "they looked their roles"), denn der Aspekt der Jugendlichkeit der Protagonisten ist gerade für den "Werther" zentral. Beide spielten und sangen grandios, insbesondere Jonas Kaufmann scheint mir gegenwärtig auf der Höhe seiner Kunst. Nach dem Münchner "Lohengrin" ist dieser Werther ein weiterer Triumph für ihn. :juhu: Kaum weniger gut und absolut rollendeckend auch der Albert von Ludovic Tezier und die Sophie von Anne-Catherine Gillet. Das Dirigat von Plasson kann ich nicht wirklich kompetent beurteilen, für meine Laienohren klang es betörend gut.

      Das Pariser Publikum war außergewöhnlich diszipliniert oder einfach gebannt: Kaum Huster, kein bräsiges Reinklatschen nach jeder großen Arie, dafür begeisterter Jubel beim Schlussapplaus. So soll es sein. Das eher nervige Geplapper der arte-Moderatorin kann man getrost vergessen. Ich hoffe sehr, dass diese Aufzeichnung auch als DVD erscheint - ich würde sie sofort kaufen :klatsch:
    • Mich hat die Fernseh-Regie ziemlich genervt. Aufnahmen aus dem Backstage-Bereich gehören m.E. nicht in die Übertragung. Man wird ständig aus der Bühnenillusion gerissen. Auf der Bühne sehe ich Werther, hinter den Kulissen sehe ich Jonas Kaufmann, der sich auf seine Rolle vorbereitet. Das hat auch etwas Voyeuristisches, Indiskretes.

      Gruß
      Froh
      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein
    • @ Local Hero.

      Ich möchte Dir in allen Punkten zustimmen : Ein bewegender, faszinierender TV - Opernabend ! :klatsch:

      Plasson und die durchweg überzeugenden Solisten brachten dieses bedeutende Werk eines bedeutenden Komponisten zum Leuchten. Keine Spur von süßlichem Gesäusel und Geraune - Attribute, die man, besonders im deutschsprachigen Raum, dem Komponisten als gravierende Schwachpunkte unterstellt. Aufführungen wie diese tragen dazu bei , solche unhaltbaren Einschätzungen zu revidieren. Bravo !





      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • Mist Mist Mist - ich hab's verpasst!
      Weiß jemand, ob die Aufführung als DVD irgendwann rauskommt?

      LG
      Rosenkavalier
      Ich glaube, dass es in jedem Sänger einen einzigen, reinen und kleinen Ton gibt, welcher der wahre Ton der Stimme ist, und was immer man tut und wie man auch seine Stimme auf diesen Ton aufbaut, man muss zu ihm zurückkehren können, sonst ist es aus. (Agnes Baltsa)
    • Der Werther soll als DVD herauskommen, auch die Vorstellung am 23.1. wurde bereits aufgezeichnet.

      Den Werther kann man sich übrigens auf ARTE im Internet 60 Tage lang anschauen.

      Wer diesen Werther nicht gesehen hat, hat wirklich etwas verpasst. Jonas Kaufmann war phänomenal, Sophie Koch und Ludovic Tezier überragend. Es stimmte einfach alles.

      LG

      :wink:

      Ramona
    • Habe nur den dritten und vierten Akt gesehen. Trauriges Steh-, Sitz- und Liegetheater (Schlusszene - Gipfel der Einfallslosigkeit!) mit standardisierten Operngesten in grotesk monumentalisierten Nostalgie-Bühnenbildern. Unbeholfene Versuche, filmische Effekte zu erzielen. Eine wirkliche Neuinszenierung war's eh nicht, sondern eine Übernahme aus Covent Garden. Akustisch wie üblich schlecht ausgesteuert, aber Plasson machte leider mit einem enorm blech- und paukenlastigen Dirigat seine aufnahmetechnische Benachteiligung wett.

      Kaufmann und Koch waren in der Tat großartig.

      Eine Aufführung, die perfekt in die neue konservativ-anbiedernde Linie der Opéra national seit dem Ende der Mortier-Intendanz passt. Vgl. dazu auch die Rezension der Aufführung in der FAZ:

      "http://www.jkaufmann.info/kritik_deutsch/2010_werther23.htm"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich habe bisher nur kurz reingeschaut. Aber diesen Eindruck kann ich bestätigen:
      Mich hat die Fernseh-Regie ziemlich genervt. Aufnahmen aus dem Backstage-Bereich gehören m.E. nicht in die Übertragung. Man wird ständig aus der Bühnenillusion gerissen. Auf der Bühne sehe ich Werther, hinter den Kulissen sehe ich Jonas Kaufmann, der sich auf seine Rolle vorbereitet. Das hat auch etwas Voyeuristisches, Indiskretes.
      und auch die Kameraführung war unruhig. Aber das ist noch kein entgültiger Eindruck.
      Mist Mist Mist - ich hab's verpasst! Weiß jemand, ob die Aufführung als DVD irgendwann rauskommt?
      Klar, ich weiß aber noch nicht,ob ich heute einen einfachen oder einen DL-Rohlung verbrate.. Zacher-Bach vom gestrigen DLF muss ja auch noch editiert werden

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Zwielicht schrieb:

      Habe nur den dritten und vierten Akt gesehen. Trauriges Steh-, Sitz- und Liegetheater (Schlusszene - Gipfel der Einfallslosigkeit!) mit standardisierten Operngesten in grotesk monumentalisierten Nostalgie-Bühnenbildern. Unbeholfene Versuche, filmische Aspekte zu erzielen. ... Plasson machte leider mit einem enorm blech- und paukenlastigen Dirigat seine aufnahmetechnische Benachteiligung wett.

      Kaufmann und Koch waren in der Tat großartig.

      Ich habe bislang nur den ersten und zweiten Akt gesehen, muss aber trotzdem Bernd weitgehend zustimmen. Jacqots Regie fand ich zwar nicht so schlimm, meine aber auch, dass er große Probleme mit der Riesenbühne hatte und nicht zuletzt deswegen auf die Einstellungen hinter der Bühne auswich. Die TV-Regie, die er ja mit betreute, muss er sich jedenfalls anrechnen lassen. Angenehm immerhin, dass man zur Abwechslung den Sängern nicht dauernd auf die Mandeln gucken musste, aber die in Libretto und Musik wiederholt beschworene Kleinstadtatmosphäre frei nach dem mehrfach gerühmten Klopstock konnte da natürlich kaum aufkommen.

      Absolut einer Meinung mit Bernd bin ich auch, was Plassons Dirigat angeht. Seine Art, beständig nur zwischen Forte und Fortissimo zu pendeln und so noch mehr Leidenschaft zu suggerieren, als die Partitur freisetzt, hat mir schon bei der konzertanten DVD mit Thomas Hampson und Susan Graham nicht behagt, und den Sängern kann es erst recht nicht gefallen haben. Aber die haben tatsächlich das ihre getan, einen sehr guten Abend daraus zu machen, sogar eine der besten Opernübertragungen in letzter Zeit, wenn man die Alternativen gedanklich Revue passieren lässt.

      Jonas Kaufmann war stimmlich wie darstellerisch großartig, Sophie Koch stimmlich ebenfalls, war mir allerdings in ihrer Darstellung etwas zu mütterlich, aber die beiden anderen waren wieder sehr gut. Die Sophie sogar die beste aller mir bekannten Aufnahmen nach Patricia Petibon und Dawn Upshaw.

      Mal sehen, ob der Rest hält, was der Anfang versprach.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Bin jetzt gespannt. Wenn das Szenische nicht so dolle ist, dann reicht ja die Tonspur :D Schaut noch mal im Radiothread und im Kalender: Am 13.02 wird eine Wiedergabe vom 12.02 gesendet mit dem gleichen Team.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Zwielicht schrieb:

      Habe nur den dritten und vierten Akt gesehen. Trauriges Steh-, Sitz- und Liegetheater (Schlusszene - Gipfel der Einfallslosigkeit!) mit standardisierten Operngesten in grotesk monumentalisierten Nostalgie-Bühnenbildern. Unbeholfene Versuche, filmische Effekte zu erzielen. Eine wirkliche Neuinszenierung war's eh nicht, sondern eine Übernahme aus Covent Garden. (...) Eine Aufführung, die perfekt in die neue konservativ-anbiedernde Linie der Opéra national seit dem Ende der Mortier-Intendanz passt. Vgl. dazu auch die Rezension der Aufführung in der FAZ


      Das ist nun wirklich sehr harsch und ungerecht geurteilt. Jacquot hat diese intime Zwei-Personen-Tragödie, die viel stärker als andere Dramenstoffe an einen bestimmten sozialhistorischen Kontext gebunden ist, präzise, überzeugend und berührend inszeniert. Ein avantgardistisches Regie-Konzept wäre bei dieser Oper nach meinem Empfinden ganz fehl am Platz. Die missgelaunte FAZ-Rezension finde ich völlig daneben. Man kann dem neuen Bastille-Intendanten nur dazu gratulieren, diese gelungene Produktion nach Paris zu holen und sie dann durch die ideale Besetzung mit Koch und Kaufmann richtig zum Strahlen zu bringen. Wenn das "konservativ-anbiedernd" sein soll, na bitte, dann kann man sehr gut damit leben...
    • Local Hero schrieb:

      Das ist nun wirklich sehr harsch und ungerecht geurteilt. Jacquot hat diese intime Zwei-Personen-Tragödie, die viel stärker als andere Dramenstoffe an einen bestimmten sozialhistorischen Kontext gebunden ist, präzise, überzeugend und berührend inszeniert. Ein avantgardistisches Regie-Konzept wäre bei dieser Oper nach meinem Empfinden ganz fehl am Platz. Die missgelaunte FAZ-Rezension finde ich völlig daneben.


      Ich wüsste nicht, dass ich mich für ein "avantgardistisches Regie-Konzept" beim Werther ausgesprochen hätte. Überhaupt ein Konzept, das wäre schon mal etwas gewesen. Oder auch nur ein Repertoire in puncto Bewegung, Gestik und Mimik, das über die gängigsten reduzierten Standards der klassischen Operntradition hinausgegangen wäre. Oder Bühnenbilder, die nicht nur dazu da sind, damit die Figuren einen Raum haben, in dem sie sich bewegen (oder auch nicht bewegen) können.

      Ich bin mir nicht sicher, was der "sozialhistorische Kontext" dieser Oper ist. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wie in Goethes Werther? Oder die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, was die durch zahlreiche Topoi der Opéra lyrique geprägte Fassung von Blau/Milliet/Massenet nahelegt? Aber egal: einen solchen SOZIALhistorischen Kontext der Inszenierung konnte ich eh nicht erkennen. Es gab Kostüme und Bühnenbilder, die man einigermaßen datieren konnte, und eine "Regie", deren sozialhistorischer Kontext - wie oben gesagt - eine bestimmte Operntradition des 20. Jahrhunderts ist. Die Intention war klarerweise, in einem "geschmackvollen" Rahmen ohne dramaturgische Ambitionen zwei Sängerstars zu präsentieren. Das ist ja legitim. Ich mag's aber nicht.

      Dem FAZ-Rezensenten Christian Wildhagen sollte man nicht unrecht tun. Er ist alles andere als ein Verfechter "avantgardistischer Regie-Konzepte" - was man schon daran sieht, dass er die letzte Saison kurzzeitig nach Paris ausgeliehene Münchner Werther-Inszenierung von Jürgen Rose über den grünen Klee lobt. Dabei ist die m.E. nur geringfügig interessanter als die neue Pariser Produktion von Jacqot. Letztere hat Wildhagen wohl wegen ihrer ostentativ ausgestellten Umambitioniertheit verärgert.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Liebe Forianer,

      ich habe alle Werther Vorstellungen gehört, war persönlich in der Vorstellung am 26.01., habe mir selbstverständlich „meine“ Vorstellung danach am Fernseher noch einmal angeschaut und kann mich der allgemeinen Hysterie, die in Frankreich ausgebrochen ist, nur anschließen. „jkaufmann.info/kritiken2010.htm“

      Trotzdem kann ich auch die Kritik an der Inszenierung verstehen, im Prinzip wurde da tatsächlich schlicht und einfach nur das Libretto umgesetzt.
      Der FAZ-Kritiker selber sagt es dann auch so schön: „Wollte man hier im wahrsten Sinne die Bühne freiräumen für zwei Weltstars, auf dass die ihr Können unbehelligt von allem störenden Regiefirlefanz vorführen könnten? „

      Störendes Regiefirlefanz, genau. ;+)
      Allerdings bedeutet dies nach meiner Meinung nicht, dass dem Regisseur nichts eingefallen ist, die Personenregie hat mir sehr gut gefallen. Die Beziehung zwischen Albert und Charlotte stellte sich zum Beispiel völlig anders dar, als ich es aus dem Libretto lesen würde, alleine aufgrund einer Geste und des Tonfalles in dem Wort „Albert.“
      Gerade die zurückgenommenen Gesten offenbarten eine riesige Gefühlswelt, die einige aber vielleicht nicht mitempfinden können.
      Der FAZ Kritiker hat nur gesehen wie „mit den Händen gerungen, an der Rampe gelümmelt und ins Publikum geschmachtet“ wurde, ich habe das völlig anders empfunden.
      Wo ist die Grenze zwischen Kitsch und Gefühl? Wann ist es schmachten und wann emotional packende Darstellung? Liegt es nicht auch vor allem an einem selber, wie man es empfindet?

      Ich finde meinen Opernbesuch jedenfalls in der FAZ-Kritik nicht wieder. Zugegebenermaßen hat mich die Kritik als Jonas Kaufmann-Fan traurig gestimmt und ich verstehe nicht, wieso der „zurzeit beste deutsche Sänger“ (O-Ton Arte) in allen Ländern der Welt gelobt wird, nur nicht in seinem eigenen.
      Über den Stimmklang (tiefer Kehlkopf, also halsig und gaumig) des Herrn Kaufmann an sich darf man sich trefflich streiten, reine Geschmackssache, aber nach meiner Meinung verwechselt der FAZ-Kritiker hier doch massiv den Klang der Stimme mit dem Gesang an sich.
      Zitat: „...und bleibt doch weit von der kontrollierten Ekstase eines Nicolai Gedda oder der stilistischen Eleganz eines Alfredo Kraus entfernt. Hier gibt es bei Kaufmann hörbar noch Verfeinerungs- und Entwicklungspotential.“
      Ich weiß nicht, was dem Kritiker da an Feinheiten und Potential noch fehlt, aber da er eigentlich viel zu jung ist, um Kraus oder Gedda live in dieser Rolle auf der Bühne erlebt zu haben, habe ich das Gefühl, er wollte hier unbedingt sein fachliches Wissen demonstrieren.
      Unabhängig davon finde ich nicht, dass er bereits nach nur einer einzigen besuchten Vorstellung in Paris – in der Jonas Kaufmann zusätzlich indisponiert, gerade von einer Grippe genesen und ohne große Möglichkeiten zur Probe sein Debut in einem riesigen Haus gegeben hat – im Vergleich zu Studioaufnahmen irgendwelche Ranglisten festlegen sollte.

      Nachdem ich jetzt meinen Liebling ausreichend verteidigt habe :love: zurück zur Regie.
      Der Werther war musikalisch und emotional einer der intensivsten Abende, die ich bisher erleben durfte. Ich gebe aber zu, dass die Regie keinen gesonderten Eindruck bei mir hinterlassen wird, einfach weil es ein in sich stimmiges Gesamtkonzept war, die Regie war ästhetisch sehr schön, hat die schauspielerischen Möglichkeiten der Sänger voll ausgenutzt, die musikalische und inhaltliche Aussage der Handlung unterstützt, hat aber keine neuen eigenen Interpretationsansatz geliefert, als von Massenet (und Goethe) vorgegeben.
      Aber muss das denn unbedingt sein?

      Ich kann jetzt auch nach Haaren in der Suppe suchen, war Plassons Dirigat nicht doch arg langsam, seine dynamischen Abstufungen zu massiv, die Harfe zu laut (mir ist noch niemals zuvor eine Harfe so positiv aufgefallen), einige Regieeffekte, wie z.B. das Scheinwerferlicht bei „soleil, viens m'inonder de tes rayons! und die Sonnenbrille im ersten Akt (Frühling) viel zu plakativ, und erst der Schnee - Kitsch pur?

      Stattdessen schwärme ich von dem Positiven, das fließende Wasser, das im ersten Akt als fröhlicher Brunnen sprudelt, im zweiten dann verstummt ist, und sich im 3. Akt in fallenden Schnee verwandelt, die Lichteffekte, die die emotionalen Stimmungen verstärken, (Sonnenuntergang am Ende des 3. Aktes), die Malerei mit dem Licht vom Fenster. Im Programmheft sind Bilder des dänischen Malers Hammershoi abgebildet, die eindeutig als Vorlage gedient haben.

      Aber eigentlich gehe ich in die Oper, weil dort gesungen wird, und hier habe ich kein Haar in der Suppe gefunden, nicht bei der wunderbar jung, leicht, unschuldig aber in den entsprechenden Passagen ausreichend emotional klingenden Sophie, natürlich nicht bei dem eleganten Tezier, nicht bei Sophie Kochs Charlotte, die für mich eine warme sehr natürlich klingende Stimme hat, die nicht zu alt klingt (manchmal ein Problem bei Mezzos), keine Schwierigkeiten in der Höhe hat und vor allem absolut stimmig in der Rolle ist, sie lässt mich vergessen, dass sie singt.
      Über Jonas Kaufmann kann ich als Fan nicht neutral urteilen, aber die Franzosen haben das ausreichend getan, und wer kann besser als diese eine Französische Oper beurteilen?

      Ich habe mich natürlich auch gefragt, wie ich diese Inszenierung mit anderen Sängern erleben würde. Ich wage zu behaupten, dass ich es ebenfalls als eine Sternstunde empfinden würde, wenn der Sänger des Werther genauso singen würde, wie Jonas Kaufmann es getan hat, weil die schauspielerische und optische Komponente für mich zweitrangig ist.

      Allerdings kann ich dieses Urteil niemals mehr neutral fällen, weil ich jetzt auf eine lange Zeit verdorben bin, ich hatte einen Werther, der alle Komponenten vereint.

      « Après Kaufmann je ne pourrai plus revoir Werther avant longtemps! »

      « ce Werther est clairement un choc émotionnel, après ça je vais rester plusieurs années avant de réussir à en revoir un... »

      Liebe Grüße
      Flosshilde
    • Das mit dem Anschauen auf Arte klappte bei mir leider nicht und nach zeitraubenden Versuchen gestern hab ich's aufgegeben. Flosshildes detaillierte Kritik klingt so überzeugt, dass ich mich noch mehr auf die Aufzeichnung freue, die per Post zu mir unterwegs ist. Auch wenn ich Viillazon bisher als den Prototyp des leidenden Werther angesehen habe. Das mit dem "nicht-alt-klingenden" Mezzo freut mich besonders. Charlotten, die wie Werthers Stiefmutter klingen lassen mich immer viel mehr an Racine als an Goethe denken, ich finde das furchtbar.
      F.Q.

      @ Rosenkavalier(du wirst dann nach Anschauen auch beliefert! :kiss: )
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Der User zu User Service hier ist wirklich auf allen Ebenen so was von rapide und zuverlässig, dass ich immer wieder ganz baff bin: danke liebe Ramona, das läuft jetzt bei mir im Hintergrund- himmlisch! :klatsch: :jub:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Herzlichen Dank, liebe Flosshilde, für Deinen kompetenten Beitrag ! :thumbsup:

      Zu Jonas Kaufmann : Ob er der zurzeit beste deutsche Sänger ist, sei mal dahin gestellt. Immerhin gibt es da noch einen Christian Gerhaher, der allerdings " nur " Bariton ist..... :pfeif:

      Was ein tief gestellter Kehlkopf mit gaumigem Klang zu tun haben soll, müsste der FAZ - Oberguru dringend erläutern. Diese Kehlkopfstellung ist im klassischen Gesang unverzichtbar, weil die Klangqualität von der Länge des so genannten Ansatzrohrs wesentlich bestimmt wird ( Abstand Kehlkopf / äußerer Lippenrand ). Das Besondere an Kaufmanns Stimme ist die baritonale Grundierung, wobei er trotzdem zu feinsten Pianonuancen in allen Lagen fähig ist. Das macht dieses Organ zum Solitär.

      Dass er zudem gut aussieht und schauspielerische Klasse hat, macht ihn mit Recht zum Ausnahmesänger.

      Sein " Pourquoi me reveiller " braucht keinen Vergleich zu scheuen. Diese Arie ist, mehr noch als die " Blumenarie", die Nagelprobe für jeden Tenor im französischen Fach.



      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • Ramona schrieb:

      Liebe Fairy,

      Geh auf diese Seite, da kannst Du das Video direkt anklicken:

      "www.jkaufmann.info"

      :wink: Ramona


      Liebe Ramona,

      herzlichen Dank für diesen Link. Es hat auch gut geklappt, leider habe ich, im ersten wie im zweiten Durchlauf, ständig Aussetzer nach wenigen Sekunden. Das ist natürlich total nervig, auch wenn Jonas Kaufmann in jeder Stellung des Mundes gut aussieht :juhu: ;+) Hätte gerade diese Oper natürlich erneut sehr gerne am Stück gesehen. Unsere Aufnahme hat leider durchgehendes Schneegestöber, nicht nur am Schluss und ist deshalb auch nicht der reine Genuss.

      Kann mir jemand einen praktischen Rat geben? Darüber würde ich mich natürlich sehr freuen.

      Herzliche Grüße und auch vielen vielen Dank an Flosshilde für ihren wunderbaren Bericht. Wie schön muss gewesen sein, live dabei zu sein und auch die Begeisterung der Franzosen hautnah mit zu erleben, denn hier bekommt man doch einige kalte Duschen.

      :wink: Ingrid
    • Ich habe nciht die ganze Oper gesehen, aber doch die Schlüsselszenen und dann Alles von Beginn der Briefszene.
      Ich schliesse mich Flosshilde, Local Hero und Gioachino an: das ist ganz grosses Gefühls-Theater, herausragend gesungen und gespielt. :juhu: :juhu: :cry: :cry: :juhu: :juhu:

      Auch wenn das Bühnenbild und die Kameraführung mich nciht gerade überzeugt haben, das kann getrost als Bagatelle abgetan werden.
      Was insbesondere Jonas Kaufmann und Sophe Koch hier aufgeboten haben, und welche Freiheit sie seitens des Regisseurs hatten, ganz in ihren Rollen aufzugehen ohne in Kitsch abzugleiten, ist für mich ein Werther der Luxusklasse. Plasson ist mir kein bisschen negativ aufgefallen und mehr verlange ich bei so einer überragenden Gesangsleistung, die Alles auf sich zieht, auch nicht. Wenn's mehr ist, umso besser, ich kann das aber eh nciht kompetent beurteilen.
      Wenn Regietheater immer mehr heisst , dass hochtalentierte Sänger-Schauspieler die Freiheit bekommen, ihren Rollen Seele geben zu dürfen, sehen wir herrlichen Zeiten entgegen. Unser Onegin hier war eine änliche Sternstunde mit einem ganz ähnlichen Grundkonzept.
      Personenregie hat nichts mit steifem Rampensingen zu tun und wenn es in einer Riesenoper wie der Bastiille mal nötig ist, möglichst weit vorne an der Rampe zu singen, ist das noch lange kein verfehltes Regiekonzept sondern eine Notwendigkeit für Sänger, Orchester und Publikum.
      Was war an diesem Schluss bitte schlecht, lieber Zwielicht?
      Was will man denn da sonst machen ausser liegen, herzzereissend singen und seine Seele aushauchen?

      M.E. wurde hier Goethe und Massenet in jeder Hinsicht Gerechtigkeit getan und trotzdem keine überholte verstaubte Schnulze gezeigt.
      Das Bühnenbild wäre verbesserungsfähig, die Riesensääle im Haus Charlottens erinnern eher an Kirchenräume und vermitteln wenig Kleinbürgeratmosphäre. Tant pis, man kann halt nciht Alles haben.

      Aber Jonas Kaufmann ist in dieser Rolle gewiss schwer zu toppen und hat sich einen Platz in der Werther Anthologie ersungen. Was daran unausgereift sein soll, erschliesst sich mir beim besten Willen nciht.
      Wie jemand mit NICHT-tiefliegendem Kehlkopf irgendeine Oper (ausser evtl HIP Barock und selbst das geht heute nciht mehr) singen soll, weiss ichauch nciht. ?(
      Ein Kritker sollte, ehe er so einen ..... schreibt, erstmal Gesangsunterrciht nehmen und am eigenen Leib erfahren, wie weit ein Ton trägt und wie rund er klingt, wenn der Kehlkopf nciht in tiefer Position steht. Damit kann man im Westminster Abbey Boys Choir vielleicht was werden..... :shake:
      Ein dumpfer, gaumliger, nasaler, metallischer oder scharfer, brillanter, silberner, strahlender oder was weiss ich für Klang hat mit ganz anderen Faktoren wie z.B. dem Stimmansatz, der Mundstellung und der je verschiedenen Ausnutzung der Resonanzräume zu tun. Und auch nciht zuletzt mit der Anatomie des Sängers.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)