WEBER: Der Freischütz – Der Wald oder die Menschen?

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    • Ich höre mir auch gerade eine neue Freischütz Aufnahme an.

      Mir ist dabei etwas aufgefallen, das Stück "Wir winden dir den Jungfernkranz" betreffend. Etwas später, als die Frauen alle weggehen, wird das Lied ja nochmal angestimmt, diesmal allerdings mit kurzen 32tel Einwürfen der Bratsche alle zwei Takte. Wenn ich das Lied aber in der normalen Version höre, höre ich immer diese Bratscheneinwürfe mit! Das ist schlimm! Geht es noch jemandem so?
    • merkatz schrieb:

      Etwas später, als die Frauen alle weggehen, wird das Lied ja nochmal angestimmt, diesmal allerdings mit kurzen 32tel Einwürfen der Bratsche alle zwei Takte. Wenn ich das Lied aber in der normalen Version höre, höre ich immer diese Bratscheneinwürfe mit! Das ist schlimm! Geht es noch jemandem so?

      Mir nicht.

      Aber wieso ist das so schlimm? Steht es denn nicht in den Noten?


      jd ?(
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Nein, die 32tel kommen erst später, wenn das Stück nochmal gesungen wird.

      Das ist ungefähr so, wie wenn man ein Lied nur von der Schallplatte kennt, und da ist an einer Stelle immer ein lauter Knackser. Wenn man das Lied dann mal ohne Knackser hört, hört man ihn trotzdem immer mit, man denkt an ihn, weil er irgendwie dazugehört.
    • Der Ausgangspunkt für meine Frage war Pfitzner, für den die Menschen nur eine nachgeordnete Rolle spielen, er schreibt 1914:

      Das Herz des Freischütz ist das unbeschreiblich innige und feinhörige Naturgefühl. Die Hauptperson des Freischütz ist sozusagen der Wald, der deutsche Wald im Sonnenglanz, von Hornklängen und Jagdlust belebt, der Wald im mitternächtigem Gewitter und finsterer verrufener Schlucht, im ersten Aufblitzen der Morgenfrühe, im traulichen Hereinrauschen in das abendlich stille Försterzimmer.


      Dagegen steht der demokratische, der aufklärerische Impetus des Werkes. Weber ist alles andere als ein Deutschtümler. Sein Deutsches in der Musik ist nur eine Farbe auf der Palette seiner Kompositionen, die ein Vielerlei von Volkstönen erschließen: chinesische, spanische, arabische, türkische, ungarische, polnische, masurische, italienische und französische. Seine Rezeptionsgeschichte geht auch weit über die nationalistische Beschränkung hinaus. Nicht zuletzt ist Berlioz ein Zeuge dafür.

      Konwitschny hat mE nicht zu Unrecht auf die unterschiedlichen Interessen von Bauern und Jägern abgehoben. Der Wald als Nutzraum ist hier noch Besitztum der Fürsten, die Jagd fürstliches Privileg, die Jäger gehören einer anderen sozialen Schicht als die Bauern an. Aber es gibt zwei Bereiche des Waldes, die im Widerstreit liegen. Der Bereich, der von den frommen Menschen betreten, wert geschätzt, geliebt wird. Der Ort, an dem man der Natur begegnet und ihr mit dem warmen Ton des Waldhorns, dem romantischen Instrument, antwortet.

      Aber es gibt im Wald auch den Ort außerhalb der Gesellschaft, Zeugnis für die alten Götter (dem Wilden Jäger und seiner Schar), für Tod und Unglück, für das Böse und den Bösen - die Wolfsschlucht, ein tabuisiertes Gebiet, gemieden von den frommen Jägern. Wenn es nun dieses erschreckte Stocken bei Kaspars Tod gibt, so ist es nicht der Schrecken über den Tod, sondern die Abscheu vor dem Bösen, der Unglaube, dass sich ein Mitglied der Gemeinschaft mit ihm eingelassen hat.

      Und so geht es am Ende nicht um Landschaft oder um Bäume; es geht um den Menschen - und dafür ist nicht zuletzt der Eremit Zeuge, der einen Weg weist, das Gesetz des Bösen zu überwinden. Der Eremit ist Vermittler zwischen Mensch und Natur, lebt er doch abgeschieden von der Gesellschaft, ausgeliefert den Naturkräften, in Vertrauen auf seinen Gott und so bemüht, für die Menschen Gutes zu wirken, wie Samiel bemüht war, den Menschen zu schaden.

      Nimmt man die christliche Botschaft aus dem "Freischütz", sieht man nur noch den Wald. Aber der sündigt nicht, der bereut nicht, der bessert sich nicht. Meine Antwort: nicht der Wald, es ist der Mensch, der schwache, Versuchungen zugängliche Mensch, der im Mittelpunkt steht - und die Liebe, die Agathes und die göttliche, für die der Eremit steht, die er vermittelt.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)


    • MYTO 2006

      Als ich mir diese Aufnahme anschaffte, geschah es hauptsächlich wegen des Dirigenten und auch, weil ich neugierig war, wie ein römisches Orchester, das sich bei Richard Wagner durchaus bewährte, mit dieser deutschen Oper zu Rande kommen würde. Es handelt sich um eine Rundfunkaufnahme mit Chor und Orchester di Roma della RAI aus dem Jahr 1973. Trotz der folgenden Meckerei insgesamt eine nicht uninteressante Eimnspielung, von der man natürlich keine Wunder erwarten darf. Wolfgang Sawallisch tut alles, um das Maximum des Möglichen herauszuholen, was Musikern, die Weber offensichtlich nicht gewohnt waren, natürlich zu Kompromissen zwingt. Seine Tempi sind vermutlich aus Rücksicht stellenweise langsam, aber nie spannungslos. Das Dirigat zählt trotz allem zu den großen Pluspunkten. Man kann sagen, daß sich das Orchester tapfer und recht achtbar schlägt. Man spielt recht effektvoll, turnt sich aber wiederholt über die Feinheiten hinweg und läßt es eher auf eine Art populärverdische Art brausen. Da ich jedoch annehme, daß das erste "Freischütz" dieser Leute war, neige ich zu Toleranz.

      Bei der Besetzung find sich bekannte neben unbekannten Namen. Daß das Deutsch oft einen mehr oder weniger starken Akzent aufweist, nehme ich hin. Margaret Price als Agathe beginnt anfangs sehr nervös, steigert sich aber dann zu einer recht schönen Leistung, freilich ohne an Grümmer, Watson oder Janowitz heranzureichen. Von ihrer schönen Stimme her hätte sie freilich das Zeug für diese Spitzenklasse, aber noch sitzt die Rolle nicht ganz hundertprozentig. Ich weiß nicht, ob und wie oft die Price später noch die Agathe gesungen hat. Ich kann nur hoffen, daß sie sich mit der Rolle weiterhin Mühe gegeben hat.
      Helen Donath als Ännchen übertrifft die Price jedenfalls und singt sehr schön, findet aber auch erst allmählich zu jener Leichtigkeit, die der Rolle so gut paßt. Wiederholt erwachte beim Zuhören in mir der Wunsch, Donath als Agathe zu hören.
      James King als Max ist gut bei Stimme. Er singt nicht sehr differenziert, aber saftig-kräftig. Für den geistig ja nicht übermäßig beweglichen Jägerburschen eine gute Besetzung. Der Kaspar, Karl Ridderbusch, ist kehlenmäßig ebenfalls in sehr guter Form, könnte aber engagierter sein. Er erledigt seine Aufgabe mit bewährter Routine, aber verhältnismäßig oberflächlich. Andrzej Snarski als Kilian trägt recht dick auf, Anton Diakov gibt einen passablen Eremiten. Einzig Mario Ferrara als Ottokar erweist sich heillos überfordert und kräht sich schrecklich durch die Partie.

      Am meisten aber stören mich die radikalen Kürzungen im Dialog. Die haben seinerzeit die Italiener, von denen wohl die wenigsten Deutsch beherrschten, bei der Rundfunkübertragung vermutlich kaum gestört, doch für mich wirken sie vollkommen sinnstörend - denn ich halte es beim "Freischütz" mit unserem Peter Brixius: Der Dialog ist hier größtenteils unentbehrlich und nicht bloße Zutat. Wenn schon, hätte man ihn ganz weglassen sollen. So aber wirken die Fragmente eher peinlich bzw. empfinde ich es als lächerlich, wenn Max vom Adler singt, den er geschossen hat - in dieser Aufführung hat man ihm die betreffende Szene nämlich gestrichen.

      Versöhnlicher Bonus: Der Beginn des Perugia-"Tannhäusers", wenige Monate davor von Sawallisch und demselben Orchester aufgenommen. Da erreichte man ein ganz anderes Niveau, hatte auch mit René Kollo einen ausgezeichneten Titelhelden zur Verfügung. Ich kann mir irgendwie vorstellen, daß Sawallisch, hätte er drei Monate proben dürfen, mit dem "Freischütz" dann ähnliche Höhen erreicht hätte. Immerhin: Den Kauf bereue ich keineswegs. Ein "Freischütz" für zwischendurch- warum nicht?

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.


    • Erich Kleibers Rundfunkaufnahme von 1955 gibt es bei etlichen Labels, aber ich kann mich hier nur auf die URANIA-Version von 2005 beziehen, da ich die anderen nie gehört habe. Gleich vorweggenommen: Trotz einiger Kritik ist das natürlich eine der maßgebenden Einspielungen der Oper, keine Frage.
      Zu bemeckern ist stellenweise die Tonqualität, was vielleicht nicht nur dem mittlerweiligen Zustand des Masterbandes geschuldet ist, sondern möglicher- und teilweise auch der Tonmeisterei der Originalaufnahme. Ob die mit der Aussteuerung immer ganz zu Rande gekommen ist, müssen aber Kundigere entscheiden. Mangels meiner Kenntnis der übrigen Remasterings muß ich hier passen,.
      Leider fehlt auch die zweite Arie des Ännchens "Einst träumte meiner sel'gen Base". Dafür bekommt man eine Menge Dialog zu hören, der sonst immer gestrichen ist - ein nicht zu unterschätzender Faktor zum Gesamtverständnis.
      Im Gegensatz zu unserem Peter Brixius glaube ich nicht, daß die Dialoge von Schauspielern gesprochen werden. Dazu hören sie sich stellenweise viel zu unprofessionell an. Nur der Kaspar bietet hier beste Qualität. Da sich die URANIA-Beitexte eigentlich stets ehrlich zeigen und Schwächen normalerweise sehr offen bekennen, hätte man auf eine Diskrepanz zwischen Sängern und Sprechern wohl hingewiesen, schätze ich.

      Über Vater Kleibers Interpretation zu schwärmen, erübrigt sich beinahe. Man versteht, daß man dem Sohn Komplexe nachsagte, denn - besonders in den rein instrumentalen Passagen wie Ouverture oder Wolfsschlucht - wird da eine singuläre Spannung erzeugt, obgleich die Tempi oft eher gedehnt wirken. Doch die Spannung reißt deswegen nie ab, sondern erhöht sich sogar.
      Die Hauptpartien sind alle gut bis glänzend besetzt, was man von den kleineren Rollen nicht durchwegs behaupten kann, die partiell nicht über Durchschnittsniveau hinauskommen.

      Elisabeth Grümmer (Agathe) und Rita Streich (Ännchen) sind natürlich Traumbesetzungen. Die Grümmer mutet hier übrigens noch nicht so ladyhaft an wie später. Max Proebstl als Kaspar hört sich nicht so schwärzlich an wie Frick oder Kohn, mutet in seiner scheinheilig-biederen Art aber viel böser und gefährlicher an und brilliert durch perfekte Gestaltung. Bei Hans Hopf als Max habe ich einen sehr gemischten Eindruck. Hopf hat alles drauf, wie man sagt, aber in den unteren Lagen ist er nicht immer sicher. Sje höher es geht, desto mehr gewinnt seine Stimme an Attraktivität. Mitunter ersetzt Kraft die nötige Geschmeidigkeit. Dabei stünde diese Hopf ja zur Verfügung, wie er im Lauf der Partie wiederholt beweist, wenn er zartes Gefühl und zarte Töne mühelos und eindrucksvoll herüberbringt. Ich kann da nur vermuten, daß er teilweise zu unkonzentriert oder einfach schlampig war. Kurt Böhme singt seinen besten Eremiten, den ich von ihm kenne, und Alfred Poell als Fürst Ottokar macht alles richtig und besticht durch sorgfältige Technik und klug dosierten Akzentuierung. Daß seinem Timbre die edle Note fehlt, die beispielsweise bei Claudio Nicolai so beeindruckt, kann ich Poell nicht anlasten, es nur anmerken.
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:


      Im Gegensatz zu unserem Peter Brixius glaube ich nicht, daß die Dialoge von Schauspielern gesprochen werden.


      Lieber Waldi,

      es ist leider keine Glaubens- sondern eine Wissenssache - auf meiner Box (ARKADIA) findet man die Namen der Schauspieler, die gesprochen haben, bei Hermes ist die Tatsache notiert und mE auch beim Schreiber (muss ich nachschlagen). An dritter Stelle habe ich die Aufnahme auch als ein Beispiel für die damalige Mode, Opern mit gesprochenem Dialog im Rundfunk zu produzieren, genannt gefunden. Da beißt leider keine Maus den Faden ab - die Dialoge werden von Schauspielern gesprochen ;+)

      Liebe Grüße Peter
      (der es gleich mal ausnutzen wird, dass er die Box aus dem Regal gezogen hat - eine wirklich fantastische Einspielung des "Freischütz" allemal) :wink:
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Gleich noch ein Zitat von Karl Dietrich Gräwe dazu (in Hrsg. Gräwe "Carl Maria von Weber - Der Freischütz" rororo opernbuch S 213f.)

      Erich Kleiber dirigierte eine Studioproduktion des WDR Köln und übertrieben studio-like sind die von Schauspieler-Doubles gesprochenen Dialogszenen samt hörspielhaften Geräuscheffekten. Das mag oberflächlich stören, mindert aber nicht den grundsätzlichen Wert dieser Partitur-Lesart.


      Und schon hebt eine (wohl verdiente) Lobhudelei der Einspielung an ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Waldi schrieb:



      Erich Kleibers Rundfunkaufnahme von 1955 gibt es bei etlichen Labels, aber ich kann mich hier nur auf die URANIA-Version von 2005 beziehen, da ich die anderen nie gehört habe. Gleich vorweggenommen: Trotz einiger Kritik ist das natürlich eine der maßgebenden Einspielungen der Oper, keine Frage.
      Zu bemeckern ist stellenweise die Tonqualität, was vielleicht nicht nur dem mittlerweiligen Zustand des Masterbandes geschuldet ist, sondern möglicher- und teilweise auch der Tonmeisterei der Originalaufnahme. Ob die mit der Aussteuerung immer ganz zu Rande gekommen ist, müssen aber Kundigere entscheiden. Mangels meiner Kenntnis der übrigen Remasterings muß ich hier passen,.
      Leider fehlt auch die zweite Arie des Ännchens "Einst träumte meiner sel'gen Base".

      Das hat allerdings einen ganz speziellen Grund, da die Sängerin sich statt ins Aufnahmestudio in den Kreißsaal begeben mußte...
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)
    • Lieber Waldi,

      die Sprecher sind nebenbei auch nicht die Schlechtesten. Kurt Lieck und Thomas Braut lassen sich gut ergoogeln. Aber auch die anderen sind vom Fach und auch zT noch in TV-Produktionen vertreten (und bei imdb auffindbar). Die Produktionszeit (15.-20.3.1955) riecht auch nicht nach einem improvisierten Schnellschuss. Sicher muss man sich auf die altmodische Sprechweise einstellen, die meisten der SprecherInnen sind Anfang des Jahrhunderts geboren. Vielleicht sind sie tatsächlich der Nähe zu der Sprechstimme der Interpreten wegen gewählt worden. Weiß da jemand etwas?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)


    • Aufgenommen 1936 in Berlin, Cantus Classics 2011

      Die Line-Leute nennen die Aufnahme legendär - naja. Und nicht außen, sondern nur innen geben sie verschämt zu, daß es eine gekürzte Aufnahme ist. Das ist ein glatter Euphemismus, denn es handelt sich nur um Fragmente (und nicht einmal alle, die wirklich von dieser Aufführung erhalten sind???). Der zweite Akt fehlt hier gänzlich.
      Warum man das Gebotene auf zwei Scheiben verteilt hat, möchte ich auch wissen, denn eine hätte vollauf genügt.

      Es versteht sich, daß ein abschließendes Urteil auf solch schmaler Grundlage nicht möglich ist. Es war auch mehr das historische Interesse, daß mich zur Anschaffung getrieben hat.

      Spannend in den ersten Szenen ist, daß großer Wert auf das Inhaltliche gelegt ist. Kilian ist wirklich ein Bauer. Die soziale Spannung zwischen ihm und dem fürstlichen Jäger Max wird viel deutlicher zum Ausdruck gebracht als in späteren "Freischützen". Die sind viel ausschließlicher auf das musikalische Erlebnis fokussiert.
      Der Dirigent Heinrich Steiner nimmt oft langsamere Tempi als wir gewohnt sind, doch keineswegs immer. Er neigt durchaus zum Kontrastieren, aber wenn es langsam zugeht, dann klingt es deutlich besser. Wenn er es geschwinder nimmt, dann besteht die Gefahr, zu beiläufig zu werden. Der Jägerchor wird beinahe als Schlager geträllert.

      Die Protagonisten bieten solide vokale Leistungen (am besten gefällt mir der Kuno von Carl Schlottmann). Marcel Wittrisch, von dem nicht viel zu hören ist, verströmt heldentenorale Qualität. Tiana Lemnitz singt eine gute, aber keineswegs sensationelle Agathe. Irma Beilke als Ännchen habe ich in einer späteren Aufnahme - 1949 unter Kempe - besser in Erinnerung (müßte aber noch einmal vergleichen, um da sicher zu gehen). Michael Bohnens Kaspar fehlt für meinen Geschmack etwas Schwärze, auch wenn er recht sorgfältig singt. Kurt Böhme stand als Eremit noch in seinen Anfängen - prächtiges Material, aber natürlich noch nicht ganz ausgereift.

      Die Tonqualität könnte für das Entstehungsdatum teilweise etwas besser sein.
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      Homo sum, ergo inscius.


    • Rundfunkaufnahme Hamburg 1960, Cantus Classics 2016

      Schon Peter Brixius, der diesem Thread jetzt so sehr fehlt, hat weiter oben auf diese Einspielung hingewiesen und ein eher kritisches Urteil abgegeben. Auch mein Eindruck ist zwiespältig. Das Dirigat ist solid und wirkungsvoll, aber nicht besonders subtil. Was den Gesamteindruck schmerzlich schmälert, sind die im zweiten Akt fehlenden Dialoge. Warum hat man - falls man vielleicht Platz sparen wollte - nicht gleichmäßiger gekürzt?
      Zu den Vorzügen zählt aber der Max Sandor Konyas, der das richtige Organ für diese Partie hat - zwischen heldisch und lyrisch mit der nötigen Portion Schmelz. Der Akzent ist nur stellenweise merkbar und das kaum (Peter hatte sicher das feinere Gehör und ich vielleicht die größere Toleranz). Arnold van Mill leiht dem Kaspar eine schöne Stimme und vermittelt nicht den üblichen Eindruck des Bösewichts, sondern entspricht irgendwie dem Typus des intellektuellen Schurken. So richtig überzeugend finde ich ihn erst in der Wolfsschlucht..
      Erna-Maria Duske singt das Ännchen sauber, aber besonders anfangs ziemlich ohne Ausdruck. Irgendwie vermittelt sie das Gefühl, eher ein lyrisch-dramatischer Sopran zu sein, der plötzlich Soubrette singen muß. Im Schlußakt ist sie aber wesentlich besser. Sehr sauber singt auch Melitta Muszely, aber ich vermisse bei ihrer Agathe ein wenig die Seele. Das an sich tadellose Organ klingt mitunter ein wenig zu hart und kunstvoll. Weber ist nicht Mozart.

      Man muß aber auch zugestehen, daß der dritte Akt allgemein, also vokal und instrumental, wesentlich besser gelungen ist und sehr gutes Niveau erreicht.
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