WEBER: Der Freischütz – Der Wald oder die Menschen?

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    • Lieber Wolfgang,
      Es gab - leider kann ich mich nicht genau erinnern und habe im Thread auch nicht zurückgeblättert - irgendwo eine Inszenierung, bei der Samiel und der Eremit miteinander verschmolzen wurden. Allerdings bin ich kein solcher Freischütz-Spezialist wie unser unvergessener Peter Brixius. daher neige ich, ohne es jetzt hieb- und stichfest begründen zu können, zu der Annahme, daß das nicht unbedingt im Sinn der Oper bzw. ein übertriebener Ansatz ist. Man fragt sich ja, warum der stolze Fürst so bereitwillig seine eben behauptete Autorität plötzlich dem Eremiten abtritt. Das läßt sich eigentlich nur so erklären, daß dieser Eremit nicht irgendein alter weltflüchtiger Mann aus dem Volk ist, sondern früher eine weltliche Person hohen Ranges war. Ihm zu weichen, bedeutet für Ottokar daher keinen Ansehensverlust, sondern eine Respektsbezeugung gegenüber dem ehemaligen Standesgenossen. Es geht nicht nur um einen naiv konzipierten deus ex machina.
      Der Librettoverfasser Friedrich Kind griff nicht nur auf das Gespensterbuch J.A.Apels zurück, sondern vor allem auf ein Stück von Fr.X. von Caspar, was Kind aber stets verschwieg. Dort ist der Eremit eindeutig als Inkarnation des Guten und Werkzeug der göttlichen Fügung fixiert. Weber unterscheidet zwar auch musikalisch klar zwischen dem höllischen Bereich und der Sphäre Agathe/Eremit, aber schmuggelt in diese Klarheit auch ein wenig Ungewißheit. Heißt soviel, wie: Kein Himmel ohne Hölle und umgekehrt in der menschlichen Welt. Die heile Welt ist im "Freischütz" immer von Unheil bedroht, wie es Ulrich Schreiber in seinem Opernführer so treffend beschrieben hat.

      Die Erzählung von der Hexe von Endor in der Bibel ist in der Auslegung, soviel ich weiß (und ich bin da auch alles andere als zuständig), sehr umstritten und wird sehr kontrovers interpretiert. Ich weiß natürlich auch nicht, wie zuverlässig der überlieferte Text bzw. die Übersetzung ist. Durchaus möglich, daß der Urtext (den wir ja wahrscheinlich nicht zur Verfügung haben) eindeutiger formuliert war.
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      Es gab - leider kann ich mich nicht genau erinnern und habe im Thread auch nicht zurückgeblättert - irgendwo eine Inszenierung, bei der Samiel und der Eremit miteinander verschmolzen wurden. Allerdings bin ich kein solcher Freischütz-Spezialist wie unser unvergessener Peter Brixius. daher neige ich, ohne es jetzt hieb- und stichfest begründen zu können, zu der Annahme, daß das nicht unbedingt im Sinn der Oper bzw. ein übertriebener Ansatz ist. Man fragt sich ja, warum der stolze Fürst so bereitwillig seine eben behauptete Autorität plötzlich dem Eremiten abtritt. Das läßt sich eigentlich nur so erklären, daß dieser Eremit nicht irgendein alter weltflüchtiger Mann aus dem Volk ist, sondern früher eine weltliche Person hohen Ranges war. Ihm zu weichen, bedeutet für Ottokar daher keinen Ansehensverlust, sondern eine Respektsbezeugung gegenüber dem ehemaligen Standesgenossen. Es geht nicht nur um einen naiv konzipierten deus ex machina.
      die Diskussion dazu fängt bei post 108 an
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      die Diskussion dazu fängt bei post 108 an
      Lieber Bustopher! Ich bin deinem Tipp gefolgt und habe mit großem Vergnügen den Thread ab Nr. 108 studiert. Deine Konversation mit Brixius, Tharon und Albagal ist acht Jahre alt und so erfrischend, als wäre sie gestern geschrieben. Was hat Agathe für eine frauenfeindliche Opferrolle in der Handlung? Das erinnert mich daran, dass es in diesen Zeiten (1700 bis 1800) auch vorkam, dass ein Bewerber um eine Pfarrstelle die im Pfarrhaus wohnende Witwe des verstorbenen Vorgängers heiraten musste, um die Pfarrstelle einnehmen zu können. Da hatte Max mit Agathe noch richtig Glück gehabt, wenn es ihm hauptsächlich um die Erbförsterei ging. Warum aber hat Max seine ersten drei Freikugeln verplempert? Wahrscheinlich, weil er wusste, dass nach "Drehbuch" eine hochdramatische letzte Kugel übrigbleiben musste. Aber die Gedanken über die Auslegung des Librettos sind genauso konsequent, als wenn sich Exegeten um die Auslegung einer bestimmten Bibelgeschichte mühen - herrliche Parallelen! Woher hat Agathe (die "Gute") von der weißen Taube gewusst? Sie hat davon geträumt, und das ist in der Bibel auch meist ein positiv besetztes Offenbarungsgeschehen. Der Eremit scheint mir doch so eine Art Deus ex machina zu sein, um das Happyend zu ermöglichen (im Gegensatz zur ursprünglichen Sage) und auch Samiel zufrieden zu stellen (wenigstens hat er eine Seele bekommen), aber die Gestalten zu vereinen, scheint mir doch weit hergeholt. Theologisch möglich, doch hier kurz vor dem tosenden Schlussapplaus der Aufführung eine auf unnötige Weise neu eingebrachte Problematik.
      Übrigens: Das Nachvollziehen der damaligen Diskussion war für mich ein solcher Gewinn, dass meine ursprüngliche Frage, ob die Gestalt des Samiel etwas mit dem Samuel aus der Geschichte "Die Hexe von Endor" zu tun haben könnte, zweitrangig geworden ist. Wahrscheinlich nur bei der Entstehung der Sage Jahrhunderte vorher... Herzlichst Wolfgang
      Auf dem Wege durch die Welt wirst auch du stets angebellt. Hör nicht hin, geh ruhig weiter, nimm das Lästern still in Kauf; denn dann hören deine Neider schon von selbst zu Kläffen auf! (Krylow)
    • Capella-Wolfgang schrieb:

      Das erinnert mich daran, dass es in diesen Zeiten (1700 bis 1800) auch vorkam, dass ein Bewerber um eine Pfarrstelle die im Pfarrhaus wohnende Witwe des verstorbenen Vorgängers heiraten musste, um die Pfarrstelle einnehmen zu können.
      Nicht nur Pfarrstellen. Auch bei Stellen biederer Handwerksmeister. Und bei Organisten. Um die durch Tod vakante Stelle zu erhalten, mußte die Witwe geheiratet werden. Alternativ die Tochter, wenn sich der Meister zur Ruhe setzen wollte - Versorgung von Ex-Meister und dessen Frau inklusive. Eine Form der sozialen Absicherung. War es nicht Bedingung für den Nachfolger Buxtehudes in Lübeck, dessen Tochter zu heiraten, um die Stelle zu erhalten? Telemann und Mattheson (und vermutlich auch Bach) sind auf Grund dieser Bedingung aus Lübeck "von dannen geschieden"... Die zehn Jahre Ältere war für die 20-jährigen Herren offenbar nicht tragbar als Auflage.

      Capella-Wolfgang schrieb:

      Der Eremit scheint mir doch so eine Art Deus ex machina zu sein, um das Happyend zu ermöglichen (im Gegensatz zur ursprünglichen Sage) und auch Samiel zufrieden zu stellen (wenigstens hat er eine Seele bekommen),
      er hätte grundsätzlich nur eine bekommen: Max oder Kaspar ("morgen er [Max] oder du [Kaspar]"). Welchen, läßt er offen ("Das findet sich"). Agathe war von Anfang an out of range: "Aus seinem Rohr lenk sie nach seiner Braut" [....] "Noch hab ich keinen Teil an ihr!". Wer Ohren hat, der höre...
      Und den Eremiten bzw. einen Deus ex Machina braucht es gar nicht. Der ist nur aus dem gestrichenen ursprünglichen ersten Akt übrig geblieben. Notwendig wäre er nicht, weder für die Handlung per se, noch für ein befriedigendes Ende, für das auch der Fürst sorgen könnte. Seine erste Erwähnung in der Agathe-Ännchen-Szene ("der fromme Greis") fällt ja, so wie die der Rosen, auch irgendwie komplett vom Himmel.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)


    • Der Opernfilm von 2010 wurde hier schon einmal kurz erwähnt, hat aber - hier - keine Diskussion ausgelöst - obwohl er für eine solche genügend Grundlage bietet. Dafür wurde er in der Sparte "Opernfilm" behandelt.

      Zuerst sei festgehalten: Das ist ein in vielem ausgezeichnet gemachter Film, spannend, optisch interessant, mit guter Kameraführung und gutem Ton und einer tollen Besetzung. Dennoch bleibt aus meiner Perspektive neben dem Prädikat "Sehens- und hörenswert" das Ergebnis in einigem problematisch. Dabei stoße ich mich nicht an der Versetzung des Geschehens in die Zeit der Befreiungskriege und die napoleonischen Wirren (L'empereur tritt sogar persönlich auf). Das funktioniert, weil der historische Abstand groß genug ist und die Kriegsproblematik sogar deutlicher wird als im sehr fernen Dreißigjährigen Krieg, der ja librettomäßig eigentlich vorgeschrieben wäre.

      Idee und Regie setzen stark auf veristische Elemente. Auf das Krasse versteht man sich handwerklich sehr gut, auf das Sublime leider weniger. Dadurch ergeben sich neben sehr intelligenten Kongruenzen mit der Musik aber leider diverse grundsätzliche Diskrepanzen. Weber hat kein expressionistisches Werk verfaßt, sondern ein romantisches. Natürlich kann man da einige Brücken schlagen, das ist legitim. Aber die Brutalitäten (mit den toten Soldaten, das Zerlegen der Jagdbeute, Kaspars Leichenschändung) bedeuten für mein Empfinden einen zu starken Bruch. Romantik war dem Hauptverantwortlichen Jens Neubert offenbar zu fremd. Deswegen scheitert auch die Umsetzung der Wilden Jagd, die in dieser Version in jeder Hinsicht ziemlich schwächlich wirkt.
      Max und Kaspar sind durch den Krieg psychisch schwer aus der Bahn geworfen. Aber bei Max wird das überbetont. Wie kann sich Agathe in einen solchen Typen verlieben, der überwiegend ungepflegt und traumatisiert erscheint und ohne Behandlung durch ein ganzes Dutzend Seelenklempner nicht auszuhalten ist.

      Michael König gibt diesen zerrissenen Max intensiv und überzeugend. Daß er stimmlich teilweise einige Anstrengung verrät, paßt perfekt zur Rollengestaltung und wird daher von mir nicht kritisiert. Juliane Banse als Agathe macht das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten, doch sie ist einerseits nicht ganz der richtige Typ (der lyrische Bei-Ton gelingt nur teilweise, dafür glaube ich einige kleinere Schärfen zu hören), andererseits wird sie das Opfer der im Film unvermeidlichen Nahaufnahme. Banse war, als der Film gedreht wurde, über vierzig. Kein Problem auf der Bühne, hier aber schon. Da wirkt sie manchmal viel zu ältlich. Es gelingen ihr aber dennoch sehr schöne musikalische Momente, auch wenn sie an die "großen" Agathen nicht ganz herankommt. Gutes Spiel kann nicht alles kaschieren.
      Ausgezeichnet dafür Regula Mühlemann als Ännchen. Sie wird, soweit ich im Internet gesehen habe, überall gepriesen und das mit vollem Recht. Da stimmt einfach alles.
      Ausgezeichnet auch Michael Volle als Kaspar, ausgezeichnet René Pape als "Eremit" (der hier als eine Art Pastor auftritt, aber quasi landesherrliche Autorität ausstrahlt), sehr gut Franz Grundheber als Fürst Ottokar, ähnlich gut Olaf Bär als Kilian, solid der Kuno Benno Schollums.
      Überzeugend wirkt auf mich auch das Dirigat Daniel Hardings, der das London Symphony Orchestra leitet. Gleicherweise zu loben ist der Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey.

      Eine wirklich interessante Umsetzung der Oper, die ich trotz der Einwände sehr empfehle.
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      Homo sum, ergo inscius.


    • LSO 2013

      Mitschnitt einer konzertanten Aufführung im Frühjahr 2012 ohne Dialoge (außer den mit der Musik verschränkten, auf die natürlich nicht verzichtet werden konnte), leider aber auch ohne den verbindenden - englischen - Text, der damals verlesen wurde. Fürs deutsche Ohr bedeuten diese Auslassungen, die das Londoner Publikum vermutlich nicht so sehr störten, einen empfindlichen Nachteil. Dennoch ist das Gesamtergebnis eindrucksvoll, vor allem wenn man bedenkt, daß das eine der letzten Aufnahmen des greisen Sir Colin Davis war.

      Die Tonqualität ist super, Orchester und Chor verdienen großes Lob. Hervorzuheben auch das extreme Bemühen um Wortdeutlichkeit (auch bei den nichtdeutschen Künstlern), das allerdings mehrfach auf Kosten des Ausdrucks geht.

      Sir Colin bietet eine ausgesprochen klare, saubere, sorgfältige Interpretation, die im ersten Akt aber darunter leidet, daß er eine romantische Oper sozusagen klassizistisch auffaßt. Vor allem der Bauerntanz ist viel zu gemessen. Aber dann kommt er auf Touren und dehnt nur selten so sehr, daß der Spannungsbogen gefährdet ist. Über weite Strecken kann ich jedoch nichts aussetzen, im Gegenteil - die Wolfsschlucht ist sogar beispielhaft gelungen und hinreißend gestaltet. Trotz der angesprochenen Schwächen ein bemerkenswertes Dirigat.

      Auch die Auswahl der Stimmen ist offensichtlich sehr überlegt und sorgsam geplant worden. Kuno (Martin Snell) und Kaspar (Lars Woldt) möchte ich sogar als Idealbesetzungen hervorheben. Der Kilian (Marcus Farnsworth) singt zwar sehr penibel, aber so, daß man das Gefühl hat, er weiß eigentlich nicht, worum es da geht.
      Christine Brewer (Agathe) und Simon O'Neill (Max) gefallen mir sehr gut und schaffen es auch meist, praktisch akzentfrei zu singen. Nur bei einzelnen Worten haben sie doch Ausspracheschwierigkeiten, die aber nicht sehr ins Gewicht fallen. Brewer bräuchte nur eine Spur mehr Seele, um zu den Spitzen-Agathes gezählt zu werden. O'Neill stellt das, was mir in den letzten Jahren mäxlich neu untergekommen ist, klar in den Schatten. Sally Matthews erreicht zwar nicht ganz die Klasse etwa von Lotte Schädle oder Rita Streich, ist aber im Stil nicht unähnlich, und der Abstand zu den Genannten ist nicht groß. Eine feine Leistung. Stephan Loges gibt einen vorzüglichen Samiel und einen deutlich farbloseren Ottokar. Gidon Saks ist ein solider Eremit. Lucy Hall gefällt als Brautjungfer.

      Die Aufnahme insgesamt gerecht zu bewerten, fällt mir schwer. Teilweise hat sie deutlich Fünf-Stern-Niveau, teilweise (besonders anfangs) empfinde ich sie als zu unbefriedigend. Trotzdem möchte ich nach längerer Überlegung vier Sterne zuerkennen (mit einem kleinen Minuszeichen davor), aber ausdrücklich anmerken, daß ich die Aufnahme schätze und sie durchaus empfehle. Die Stärken überwiegen klar. Unter meinen "Freischützen" gehört sie klar zu den besseren.
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      Sir Colin bietet eine ausgesprochen klare, saubere, sorgfältige Interpretation, die im ersten Akt aber darunter leidet, daß er eine romantische Oper sozusagen klassizistisch auffaßt. Vor allem der Bauerntanz ist viel zu gemessen.
      Lieber Waldi, ich habe auf YouTube jetzt nur den kurzen Ausschnitt mit der Max-Arie und dem Ende des Bauerntanzes gehört und kann deinen Eindruck bzgl. Colin Davis nur bestätigen. Das ist mir alles viel zu zerdehnt und zu 'sachlich'. Und beim Bauerntanz hatte ich immer das Bild vor Augen, wie die Choristen bei dem Tempo von der Bühne tanzen. ;) Und auch die Arie leidet unter dem Zeitmaß. O'Neill singt es wirklich sehr gut, aber viel zu sehr auf den reinen Gesang beschränkt, konzentriert. Mir fehlt da fast völlig der Ausdruck und selbst wenn er bei den 'finsteren Mächten' ein wenig an Fahrt zulegt, reicht es nicht, diese doch recht blutleere Wiedergabe zu retten. Inwieweit O'Neill sich Davis anpasst oder umgekehrt, kann ich nicht sagen.

      Nach diesem wahrlich kurzen Ausschnitt hätte ich, ehrlich gesagt, keine Lust, mir den Rest der Aufnahme anzuhören. Aber ich schätze deine Urteile und wenn du von 'auf Touren kommen' sprichst, so bin ich doch neugierig und werde mich mal umschauen, was ich bei YouTube noch so finden werde.

      :wink: Wolfram
    • Leider gibt es wohl die Aufnahme gesamt nicht auf YouTube, aber immerhin einzelne Ausschnitte.

      Den Jägerchor fand ich insgesamt zu bieder und brav, zu konventionell.

      Die Orchestereinleitung zu 'Und ob die Wolke sie verhülle' allerdings rührte mich zu Tränen und auch Christine Brewer (was für eine Stimme!!!) sang ähnlich ergreifend (vielleicht nicht unbedingt im Mittelteil der Arie, aber das ist jetzt Mäckeln auf hohem Niveau). Das ist wirklich Spitzenklasse!

      youtube.com/watch?v=tMf-hO6OL2w

      :wink: Wolfram
    • Das Terzett aus dem I. Akt 'O' diese Sonne' ist natürlich auch wieder zerdehnt, zu langsam, ist so gar kein Theater. Aber vielleicht ging es ihm gar nicht darum. Vielleicht wollte er nur der Schönheit der musikalischen Linien nachspüren und dies allerdings gelingt ihm ganz hervorragend. Vielleicht nicht beim Chor 'Und lasst die Hörner erschallen', aber bei den Solisten. Das ist einfach schön. Schön in dem Sinne, dass man manchem Ton, mancher Phrase nachlauschen möchte, bevor sie für immer verklingt. Wie gesagt, kein Theater, aber eine Huldigung an die Partitur und an die Musik. Und in diesem Fall losgelöst von irgendeinem Alltagszweck (Aufführung), nur noch einmal das reine Genießen von Musik, vielleicht auch eine Dankbarkeit ihr gegenüber.

      youtube.com/watch?v=HDNMGKHNOmk

      :wink: Wolfram
    • Ich höre ja immer nur Ausschnitte und nun gerade eine aus dem III. Akt. Dein Statement, dass er 'auf Touren' kommen würde, finde ich hier (noch) nicht bestätigt. Für mich steht das in einer Linie mit dem I. Akt. Was aber, wenn ich eben näher darüber nachdenke, gar nichts macht. Ihm wird es wohl um anderes gegangen sein.

      youtube.com/watch?v=Ht04p11wdpA

      Aber ich kenne ja auch nur Ausschnitte. Vielleicht liege ich da auch völlig falsch. ^^

      :wink: Wolfram
    • Aber in diesem Sinne, dass es Colin Davis v.a. um die Schönheit der Linie, um die Schönheit der Musik geht, höre ich nun auch die große Agathen-Arie. Unter theatralischen Gesichtspunkten fehlt ihr wohl der letzte Ausdruck, aber wenn das Davis nicht interessierte, dann ist es schlichtweg grandios. Wobei ich nur Rezitativ und Arie meine! Was für ein herausragendes schieres Material, wie sehr stellt sie sich in den Dienst der Sache und wie fantastisch bewältigt sie es. (Diktion hin oder her.)

      youtube.com/watch?v=29DA3wEO43w

      Aber vielleicht sehe ich die ganze Sache auch falsch (immer nur auf Basis von wenigen Ausschnitten) und Colin Davis wollte großes Theater bieten. Dann finde ich es misslungen, weil Dramatik und Innigkeit, Romantik so ziemlich fehlt, bzw. man das alles schon wesentlich besser gehört hat. Wenn er aber diese gewisse Distanz zum Werk haben wollte, dann Chapeau!

      :wink: Wolfram
    • Man muß der Aufnahme sicher zugute halten, daß sie auf britisches Publikum zielt, für die der Ausdruck in diesem Fall nicht so entscheidend ist wie für uns Deutschsprachige.

      Davon abgesehen, ist guter Ausdruck auch für gute Sänger oft etwas, was sie erst durch jahrelange Übung/Erfahrung entsprechend beherrschen. Vergleiche zum Beispiel Rudolf Schock als Max unter Keilberth und dann unter Matacic. Stimmlich ist er in der älteren Fassung unverbrauchter, in der jüngeren vermittelt er dafür viel mehr Gefühl. Ich habe heute ein wenig in den Janowski-"Freischütz" hineingehört. Da singt der Kilian mit schöner Stimme und vollendet brav sein Spottlied, nur: als Spott kann das nicht durchgehen. Es hört sich an, wie wenn er seine durch den Gesangslehrer aufgegebene Lektion heruntersingt. Beinahe hätte ich gesagt, der "Freischütz" ist doch keine Belcanto-Oper. Im gesprochenen Dialog zeigt der junge Mann interessanterweise, daß er sehr wohl entsprechenden Ausdruck beherrscht. Aber mit tadellosem Gesang und Ausdruck zugleich war er offenbar überfordert. Inzwischen ist er, so wünsche ich mir, hoffentlich zu einem glänzenden Kilian herangereift. Das Talent dafür hatte er. Es ist halt sehr schwer, den Hörerwünschen von Anfang an gerecht zu werden; ich bin deswegen manchmal wahrscheinlich etwas milder gestimmt.

      Lieber Wolfram, Du müßtest unbedingt die Wolfsschlucht anhören. Irgend etwas davon gibt es auf youtube.
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      Homo sum, ergo inscius.


    • SONY (RCA) 2017 (1994)

      Jetzt habe ich mir die Aufnahme genauer vorgenommen. Die Diskrepanz beim Kilian ist nun klar: Die Dialoge stammen nicht vom Sänger der Rolle (Roman Trekel), sondern von Jörg Gottschick, einem Bariton. Warum den nicht hat singen lassen, weiß ich natürlich nicht. Die Partie kann sowohl von einem Tenor wie von einem Bariton interpretiert werden. Auch der Agathe hat man eine Dialogsprecherin beigegeben (Joana Schümer, eine Schauspielerin mit starker Verbindung zur Musik).

      Ein großer Vorzug sind die sehr ausführlichen Dialoge, die in anderen Aufnahmen ja meist stark gekürzt werden.

      Marek Janowskis Dirigat stufe ich subjektiv als sehr gut ein. Allerdings könnte er in bezug auf pointierter Dramatik noch etwas zulegen. In der Wolfsschlucht ziehe ich Davis vor.

      Die Stars der Aufnahme sind für mich Ruth Ziesak als nuancenreiches Ännchen und Kurt Rydl als Kaspar, jeder Zoll der zum absoluten Zyniker mutierte ehemalige Soldat, der keine Moral mehr kennt. Beide singen hervorragend. Peter Seiffert bringt für den Max beste vokale Voraussetzungen mit, ausdrucksmäßig kommt er jedoch nicht immer ganz überzeugend herüber. Ebenso singt Sharon Sweet die Agathe bedacht formschön, aber innerlich noch zu unbeteiligt, obwohl sie sich da bemüht. Brewer unter Davis ist deutlich überzeugender. Anton Scharinger ist ein ganz guter Kuno, aber im Konzertsaal hat er mir, wenn ich zurückdenke, besser gefallen. Andreas Schmidt ist ein solider Fürst, vielleicht eine Spur zu wenig kraftvoll im Organ. Matthias Hölle verleiht dem Eremit schöne Tiefe. Wenn es etwas höher geht, verblaßt die Stimme allerdings etwas. Bei den Brautjungfern finde ich Yvi Jänicke etwas besser als Gabriele Rossmanith.
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    • Waldi schrieb:

      Man muß der Aufnahme sicher zugute halten, daß sie auf britisches Publikum zielt, für die der Ausdruck in diesem Fall nicht so entscheidend ist wie für uns Deutschsprachige.
      Das würde ich so nicht sagen. Die Diktion vielleicht, aber der Ausdruck bleibt doch enorm wichtig, gerade wenn man der Sprache nicht unbedingt mächtig ist.

      Waldi schrieb:

      Lieber Wolfram, Du müßtest unbedingt die Wolfsschlucht anhören. Irgend etwas davon gibt es auf youtube.
      Lieber Waldi, ich mach mich auf die Suche. ^^

      :wink: Wolfram

    • Zürich 1999
      Zweitausendeins Edition

      Daß die Inszenierung von Ruth Berghaus als "kontrovers" beurteilt wird , ist wohl allgemein bekannt und sagt einiges aus. Der Meinung, daß hier auf Gefühl o.dgl. herunterkonzentriert wird, kann ich persönlich nicht folgen. Für mich ist das ein Musterbeispiel, wie man etwas, was man nicht mag und auch nicht versteht, sagen wir vorsichtig: gegen den Strich bürstet. Subjektiv kann ich diesem abstrakt-minimalistisch-häßlichen Pseudointellektualismus nichts abgewinnen. Aber ich will diese Einschätzung niemandem aufzwingen.
      Das Dirigat von Nikolaus Harnoncourt respektiere ich und seine Fähigkeiten stehen außer Frage, aber seine gleichfalls intellektualistische Interpretation finde ich unangemessen.
      Die größtenteils mit Recht renommierten Protagonisten zu beurteilen, fällt schwer, denn die sind natürlich in diesem Konzept gefangen. Man hat bei manchen den Eindruck, daß sie sich eher unwohl fühlen. Bei Peter Seiffert (Max) merkt man, was für ein guter Max er sein kann oder könnte. Inga Nielsen (Agathe) ist fehlbesetzt. Die Arme muß ein ziemlich beschränktes Hascherl mit stimmlicher Dramatik spielen. Ihre an sich großartigen Qualitäten kann sie so kaum zur Geltung bringen. Mehrere Male hört sich das echt schwach an. Malin Hartelius, auch eine von mir sehr geschätzte Sängerin, ist als Ännchen ähnlich daneben, wofür sie kaum etwas kann. Matti Salminen muß einen primitiven Schmieren-Kaspar geben und macht das sehr beflissen. Den Eremiten singt László Polgar zwar schön, aber mit eher wenig Schwärze. Die Brautjungfern überzeugen nur teilweise, der Fürst Otttokar müht sich, Kilian und Kuno überzeugen nicht.

      Ich habe mir den uralten "Freischütz" mit Ernst Kozub bestellt, von dem ich vorerst nur Ausschnitte kenne. Naiv-staubig, aber ein gutes Gegengift. :D
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    • Arthaus 2007

      Dieser 1968 produzierte Opernfilm ist in der Steinzeit dieses Mediums entstanden. Man muß daher Abstriche bei der technischen Qualität machen, zumindest bei meinem Exemplar vor allem beim Ton (der aber auch nicht so schlecht ist, daß man davor zurückschrecken sollte). Einzeln ist die Aufnahme bei unseren Partnern derzeit nicht zu haben, nur in der Sammelbox der Hamburger Liebermann-Produktionen.

      Natürlich ist das nach heutigen Maßstäben eine verstaubte Sache, aber diese Liebermann-Hess-Inszenierung möchte ich trotzdem zu den "Freischütz"-Dokumenten zählen, die überzeitlichen Wert besitzen. Das liegt nicht nur am optischen Eindruck, bei dem ich zwar vor allem bei der Wolfsschlucht einige Abstriche machen muß, der aber sonst im großen und ganzen sehr stimmig ist und sich jene romantische Naivität bewahrt, die dieser Oper eigen ist. Dazu kommt der Glücksfall eines wirklich hochrangigen Ensembles, bei dem auch die kleineren Partien sehr gut besetzt sind.
      Leopold Ludwig und das Hamburgische Philharmonische Staatsorchester musizieren teils recht flott, aber mit großem Einfühlungsvermögen und richtigem Empfinden. Von den Protagonisten ist in erster Linie Edith Mathis als Ännchen hervorzuheben, die hier wirklich alle Qualitäten ausspielt, die ihre Rollenverkörperung so berühmt gemacht haben. Arlene Saunders meistert die schwierige Rolle der Agathe, ohne ins Larmoyante zu verfallen. Sie erreicht vokal nicht ganz das Niveau von Grümmer/Watson/Janowitz, aber ist gar nicht weit weg davon und nimmt durch ihre Natürlichkeit ein.
      Tom Krause sagt mir als Fürst Ottokar sehr zu, ebenso Toni Blankenheim als Cuno und Franz Grundheber als Kilian. Auch Hans Sotin gibt einen mehr als soliden Eremiten, auch wenn er keine greisenhafte Erscheinung abgibt. Gottlob Frick verleiht dem Kaspar Schwärze und Dämonie, der Regie ist aber zu ihm nur sehr Konventionelles eingefallen. Etwas hölzern-ältlich mutet Ernst Kozub als Max an, der auch stimmlich und in der Artikulation etwas ungleichmäßig anmutet, von sehr gut bis etwas weniger gut. Das könnte aber teilweise auch an meinem Exemplar liegen, denn ich erinnere mich, früher Ausschnitte mit ihm gehört zu haben, die besser klangen. Auch muß man berücksichtigen, daß er in seinen letzten Jahren mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Ohnehin motorisch etwas beeinträchtigt durch eine Kriegsverletzung und belastet durch ein Herzleiden (dem er drei Jahre später erlag), erlitt er 1968 einen schweren Autounfall. Unter diesen Umständen liefert er hier eine mehr als respektable Leistung. Für den Samiel hat man niemand Geringeren als Bernhard Minetti aufgeboten.
      Wenn auch nicht in allem, so doch in einigem kann dieser "Freischütz" Anspruch auf Maßstäblichkeit beanspruchen - so man ein Herz für solides Staubitum hat.
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    • Neu



      Naxos 2017

      Zweifellos gehört die Aufgabe, den "Freischütz" glaubhaft und zugleich "modern" zu inszenieren, zu den schwierigsten Vorhaben, die ein Opernregisseur zu bewältigen hat. Matthias Hartmann hat sich an der Mailänder Scala 2017 an diese Hürde gewagt und - wie ich meine - trotz einiger Problematik sie glänzend bewältigt. Im ersten Akt allerdings war ich noch etwas zweifelhaft, denn da wirken die manierierte Kostümierung, Komik und die teilweise fast hektische Beweglichkeit ein bißchen überkandidelt, aber dann greift das Konzept und vereint romantisches Pathos, zeitgemäße Optik und ironisch-karikaturistische Züge nicht zuletzt dank einer perfekten Personenführung in sehr überzeugender Weise. Vor allem die an Bilder von Goya gemahnende Wolfsschluchtszene ist die eindrucksvollste, die ich je gesehen habe. Über einzelne Einfälle der Regie kann man noch etliches, überwiegend Positives sagen, aber ich halte es vorerst mit dem Karl-Farkas-Motto: "Schau'n Sie sich das an!".
      Auch musikalisch ist das eine höchst erfreuliche Vorführung (entstanden aus einem Zusammenschnitt zweier Vorstellungen). Die Bildregie der Blue-ray Disc fängt das Bühnengeschehen sehr gut ein.
      Myung-Whun Chung, Chor und Orchester der Scala: ein Erlebnis. Wunderschön musiziert, mit breitem Atem, sehr sängerfreundlich.
      Güther Groissböck ist ein körperlich und stimmlich hervorragender Kaspar, Julia Kleiter eine tadellose Agathe, Eva Liebau ein perfektes Ännchen. Die Damen spielen auch sehr gut. Mit Michael König als Max tue ich mich etwas schwerer. Er ist für die Rolle schon etwas zu alt, die Stimme hat nichts Lyrisches, wirkt zu schwer und dunkel, allzu wagnerhaft (ein wenig wäre ja keineswegs falsch). Dabei bemüht er sich durchaus und kommt nach schwächerem Beginn richtig auf Touren. Kostümlich ist er leider zu stiefmütterlich behandelt. Während alle anderen letztlich in Putz und Glanz erscheinen, muß er seine saloppe Alltagskluft anbehalten. Sehr gut Stephen Milling als Eremit und Michael Kraus als Ottokar (dessen fürstlich-absolutistische Eitelkeit dem Eremiten auch physisch nicht gewachsen ist). Frank von Hove sagt mir als Samiels Stimme mehr zu als als Kuno. Da ist er mir zu leichtgewichtig. Aus Till von Orlowsky als Kilian ließe sich wohl mehr bzw. anderes herausholen. Vermutlich hat er mehr Potential als er hier zeigt.
      Man konnte und kann gegen die Scala-Produktionen der Jahre unter Pereira oft etwas murren, aber dieser "Freischütz" verdient wirklich Beifall.
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      Den 200. Geburtstag des "Freischütz" in der kommenden Woche nimmt die Leipziger Autorin Steffi Böttger im Feuilleton der FAZ zum Anlass für einen sehr interessanten Artikel über die Rechte von Librettisten an ihrem Werk, die Bezahlung von Operntexten und über die Person des "Freischütz"-Dichters Johann Friedrich Kind: faz.net/aktuell/feuilleton/bue…freischuetz-17385012.html
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde