Schumann, Robert: Dichterliebe op. 48

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Schumann, Robert: Dichterliebe op. 48

      Um es gerade eben noch im wunderschönen Monat Mai zu schaffen- hier nun der erste saisongerechte Kunstlied-Thread .

      Robert Schumanns vielleicht beliebtester Liederzyklus „Dichterliebe“ (nach Gedichten aus Heinrich Heines Lyrischem Intermezzo) ist im überaus fruchtbaren „Liederjahr“ 1840 entstanden. Schumann war zu diesem Zeitpunkt 30 Jahre alt.

      Es fällt schwer, sich einen Lied-Schaffensrausch zu vergegenwärtigen, in dem innerhalb weniger Wochen, ja Tage, einige von Schumanns grössten und berühmtesten Werken enstanden sind.

      Nachdem er sich zuvor intensiv dem Lied ohne Worte in Form von Klaviermusik widmete und lediglich etliche Jugendlieder komponierte, „explodierte“ nun im Jahr 1840 die neue Ausdrucksform „Lied“. Im Mai wurde der Liederkreis opus 39 beendet, vom 24-31.Mai komponierte er die Dichterliebe und am 11.und 12 Juli schliesslich Frauenliebe und –leben.(veröffentlicht 1843). Dazu die Liederkreise opus 24 und 25 (Myrthen)-darinnen auch das unsterbliche Hochzeitsgeschenk für Clara Wieck-Schumann „Widmung“.
      Im Februar hatte Schumann an seine Verlobte Clara geschrieben:


      „O Clara! Welch ein Glûck wieder für den Gesang zu schreiben! Ich war so lange davon abgetrennt.“

      Schumann komponierte in diesem einen Jahr tatsächlich mehr als die Hälfte seines gesamten Liedschaffens und alle bedeutenden Zyklen !

      Es ist daher ganz entscheidend, zu wissen, dass 1840 just das Jahr war, in dem sich die tragisch-romantische Liebesgeschichte zwischen Clara Wieck und Robert Schumann durch alle Verzweiflung und Glückseligekeit, Hoffen und Bangen, Kämpfe und Resignationen in der Hochzeit vollendete.

      Alle Höhen und Tiefen der Liebe, die Schumann in seinen Liedern in Musik setzte hatte er selbst durchlebt und durchlebte er noch , während er die Lieder schrieb.

      Die Hochzeit war bis zum Ende ungewiss, es gab nicht nur keine Erlaubnis sondern erbitterten Widerstand des Vaters Wieck und Clara und Robert mussten ihre Ehe per Gerichtsbeschluss erzwingen.

      Schumann hat sich noch über die Heirat hinaus bittere Vorwürfe gemacht, Clara von ihrem Vater entzweit zu haben.

      „Eine grosse Schuld lastet auf mir. Diejenige, dich von deinem Vater getrennt zu haben und das quält mich oft.“

      Vielleicht machen solche Briefzitate ein wenig deutlicher, dass eine Tränenflut auch beim Gedanken, die Geliebte sei einem noch gut, fliessen kann?

      Man kann auch ohne zu biographisieren , legitimerweise davon ausgehen, dass sehr viele persönliche Erfahrungen Schumanns in die Dichterliebe eingeflossen sind

      Dieser grosse romantisch Liebende der Muskgeschichte hat gewiss nicht ohne Grund im Jahr 1840 Heines Texte aus dem „Lyrischen Intermezzo“ zu einem Zyklus zusammengestellt.

      Schumann hat die Gedichte Heines so ausgewählt und geordnet, dass eine Geschichte daraus entstehen konnte.

      Vielleicht resultiert die grosse Beliebtheit dieses Liederzyklus eben daraus, dass er einen nachvollziehbaren emotionalen Weg erzählt, mit dem sich die Hôrer eher indentifizieren können als mit der scheinbar losen Folgen der Myrthen oder der Eichendorff-Lieder?

      Schumann zeigt uns in der Dichterliebe den inneren Weg eines verschmähten Liebenden:

      das Erwachen der Liebe im Frühling und die romantisch verklärte Hoffnung auf Liebesglück (1-6) , die Erfahrung der Untreue und Unwürdigkeit der Geliebten mit all den verschiedenen Empfindungen , die diese Erkenntnis hervorufen kann: zärtliche Erinnerung, Selbstmitleid, Depression, Flucht in die Natur, Versuche sich sarkastisch zu distanzieren und zu entlieben.

      Noch lange vor der Psychoanalyse sind allein drei Lieder(13-15) der unbewussten Verarbeitung der emotionalen Katastrophe im Traum gewidmet.

      Am Ende steht die scheinbar vollzogene Heilung und ein reinigendes Begräbnisritual. (16) Diese wird aber durch die Musik Schumanns insbesondere im Nachspiel so relativiert und quasi konterkariert , dass sie ebensogut auf einen versöhnlichen Neuanfang und die Hoffnung auf den Wiederbeginn der Liebesgeschichte hinweisen könnte. Dazu aber noch bei der Interpretation des letzten Lieds.

      Hier die Liedfolge im Einzelnen:

      Im wunderschönen Monat Mai

      Aus meinen Tränen spriessen

      Die Rose, die Lilie

      Wenn ich in deine Augen seh

      Ich will meine Seele tauchen

      Im Rhein, im heiligen Strome

      Ich grolle nicht

      Und wüssten’s die Blumen, die Kleinen

      Das ist ein Flöten und Geigen

      Hör ich das Liedchen klingen

      Ein Jüngling liebt ein Mädchen

      Am leuchtenden Sommermorgen

      Ich hab im Traum geweinet

      Allnächtlich im Traume

      Aus alten Märchen

      Die alten bösen Lieder



      Die Dichterliebe hatte in ihrer Urfassung noch vier weitere Lieder und trug die opus Zahl 29 und die Bezeichnung „20 Lieder und Gesänge“. Sie war dem Komponisten FelixMendelssohn gewidmet, der ebenfalls etliche Heine-Gedichte vertont hat.Da der Zyklus aber erst 1844 publiziert wurde, erhielt er nunmehr die OpusZahl 48 und seine endgültige Form sowie den Namen „Dichterliebe“.

      Widmungsträger wurde die mit den Schumanns eng befreundete Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient. Sie war bekannt durch ihre Interpretation von Beethovens Fidelio und der Interpretation von Wagner-Heroinen. Ab 1848 widmete sie sic haber auch intensiv dem Liedgesang und die Nummer 7 „Ich grolle nicht“ wurde eigens für sie geschrieben Leider ist es mir bisher nicht gelungen herauszufinden, ob auch sie es war, die die gesamte Dichterliebe uraufgeführt hat.

      Da es sich heute um ein Tenorwerk sui generis handelt , wäre es schon sehr interessant, zu wissen ob Schumann sie ursprünglich von einer Frauenstimme gesungen haben wollte.



      Die Tonartenfolge der End-Fassung:1.fis-moll 2. A-Dur 3. D-Dur 4. G-Dur 5. h-moll 6. e-moll 7. C-Dur 8. a-moll 9. d-moll 10. g-moll 11. Es-Dur 12. B-Dur 13 es-moll 14. H-Dur 15.E-Dur 16 cis-moll Nachspiel Des-Dur

      Der Zyklus dauert etwa 30 Minuten und ist für eine lyrische Tenorstimme komponiert. Die Originaltessitur wäre aber auch von einem Sopran gut singbar.Transponierte Fasssungen für Bariton liegen ebenfalls vor. Rein gesangs- und klaviertechnisch gesehen ist die Ausführung (aus meiner subjektiven Sicht und Kommentaren Ausführender)) etwas leichter als etwa im Liederkreis opus 39. Was man von der Interpretation und dem künstlerischen Anspruch natürlich nicht sagen kann.
      Da wir in einem anderen Forumsleben bereits eine sehr ausgiebige und teilweise überaus spannende und fruchtbare Diskussion zu diesem Zyklus hatten, würde ich die damaligen Mitschreiber, so sie unter uns sind, herzlich bitten, ihre Beotr¨ge zu den einzelnen Liedern zu recyceln oder auch unverändert hierher zu kopieren. Um einen Überblick zu bekommen, was dann noch fehlt und wer evtl neu dazukommen möchte, folgt noch eine Liste.



      Liebe Maiengrüsse
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Dichterliebe-Liste

      Ich habe die einzelnen kopierten Listen und Einträge zwecks besserer Übersichtlichkeit aus diesem Thread gelöscht.
      Wer gerne noch ein Lied übernehmen möchte, bitte PN an die Moderation richten.

      Die Interpretationen der Lieder beginnen hier.

      audiamus



      Im wunderschönen Monat Mai Fairy Queen

      Aus meinen Tränen spriessen Matthias Oberg

      Die Rose, die Lilie
      Zwielicht

      Wenn ich in deine Augen seh Zwielicht

      Ich will meine Seele tauchen Zwielicht

      Im Rhein, im heiligen Strome Fairy Queen

      Ich grolle nicht Fairy Queen

      Und wüssten’s die Blumen, die Kleinen

      Das ist ein Flöten und Geigen
      Peter Brixius

      Hör ich das Liedchen klingen
      Peter Brixius

      Ein Jüngling liebt ein Mädchen audiamus

      Am leuchtenden Sommermorgen
      Petra

      Ich hab im Traum geweinet Chorknabe

      Allnächtlich im Traume Matthias Oberg

      Aus alten Märchen

      Die alten bösen Lieder
      FairyQueen



      Ausserdem: Heines Lyrisches Intermezzo (hat damals Klawirr serh schön gemacht, aber da er nciht hier ist.....)
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      fein, dass die Diskussion zur "Dichterliebe" wiederbelebt wird :) .Meine Gedanken zum "leuchtenden Sommermorgen" würde ich gern wieder beisteuern und meinen damaligen Beitrag etwas überarbeiten.

      LIebe Grüße
      :wink: Petra
    • Liebe Fairy,

      auf keinen Fall möchte ich, dass mein Beitrag zum 1. Lied hierher übernommen wird. Es findet sich bestimmt jemand, der den Zyklus mit einem etwas professionellerem und substanzierterem Beitrag beginnt.

      Liebe Grüße

      Emotione
      Wir brauchen Fantasie, Wunschträume - neue Wunschträume und die Leidenschaft und den Mut, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
      (Leonard Bernstein)
    • Liebe Emotione , in Ordnung, so schade ich das auch finde. :(

      Vielleciht diskutieren wir hier auch einfach nur wild drauflos und machen das gar nicht mehr so streng in der Liedfolge wie bei Tamino. Wer Lust hat, seine Lieder zu kopieren oder irgendeines zu übernehmen, kann sich in die Liste eintragen.

      Ansonsten kann aber auch jeder hier posten, wie ihm der Sinn steht. Irgendwann wird schon etwas zu allen Liedern gesagt sein, denke ich- und wenn nciht auch kein Beinbruch!



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Als Mann der Praxis werde ich mich gern sporadisch einbringen, sowohl hier als auch im Winterreise - Thread.

      Ich habe bemerkt, dass die eher vordergründigen, weniger reflektierten Interpretationen wie z. B. die Wunderlichs oder Gerhahers mir am besten gefallen. Das Beschreiben von und das Schreiben über Musik führt m. E. ohnehin oft genug in eine Sackgasse, zu Irritation und Missverständnissen, durch die Verbalisierung meist höchst subjektiver Empfindungen oder auch objektiver Erkenntnisse, die häufig genug den spontanen Zugang zum Werk zumindest einschränken, nicht selten sogar verhindern.

      Totzdem ist und bleibt es natürlich verdienstvoll, Texte und Musik möglichst umfassend zu hinterfragen, mit der Einsicht, dass - Gott sei Dank ! - sehr vieles im Dunkeln bleiben wird , das zu erhellen der Interpretin / dem Interpreten obliegt, deren Phantasie, Einfühlungsvermögen, spontaner Eingebung und gesangstechnischem Know how.



      Ciao. Gioachino :pfeif:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Gioachino- Du erlaubst, dass ich Dir- ebenfalls als Praktikerin, wenn auch weit weniger langjährig- hier widerspreche?



      Fûr mich verhindert ein intensives Beschäftigen mit einem Lied überhaupt nicht die spontane und unbefangene Interpretation desselben.

      Ganz im Gegenteil: ein gelungenes Kunstwerk steht über jeder Gefahr, durch "wissenschaftliche" Auseinanderpflückung "verdorben zu werden.

      Erst wenn ich ganz in eine Sache eingedrungen bin und ihr letztes Geheimnis eben trotzdem bestehen bleibt, ist mir die Magie der Kunst so richtig erfahrbar.

      Es gibt sogar eine Menge Werke im Kunstliedbereich, denen man ohne eine intensive theoretische Beschäftigung gar nciht gerecht werden kann. Ich wüsste nciht, wie ich spontan und ohne Vorarbeit ein Lied von Debussy singen sollte. :?:

      Auch bei Hugo Wolf hâtte ich da entschieden Problem- ich denke gerade an den Nachtzauber......



      Der Sänger ist m.E. gehalten, seinen ganz persönlichen Weg zu finden, wie er mit den Mitteln seiner individuellen Stimme ein Musikstück als Bote zwischen Komponist und Zuhörer oder als beseeltes Sprachrohr zum Publikum transportieren kann.

      Ob er das auf so intellektuelle Weise tut wie Fi-Di oder so unmittelbar aus den Eingeweiden kommend wie Hans Hotter (ich denke gerade an "Ich grolle nciht") ist sein persönlcihes Markenzeichen.

      Das bedeutet aber nicht, dass sich Hotter oder Wunderlich oder Gerhaher nciht genauso intensiv mit der Dichterliebe befasst haben können wie FI-Di , es bedeutet nur, dass sie zu einem anderen Ergebnis gekommen sind, wie sie dieses Werk nach aussen bringen möchten.



      Ich habe mich sehr intensiv mit diesem Zyklus befasst, würde ihn aber trotzdem eher unironisch und als emotionale Identifikations-Geschichte in Deinem Sinne singen. Das eine schliesst da Andere nicht aus.



      F.Q. :wink:



      P.S. Habe gestern nochmal Souzay gehört- hinreissend. :juhu: :faint: :klatsch:

      Es gibt einfach so viel gute Interpretationen dieses zyklus, das man sich wirklich kaum entscheiden kann und Alle hören möchte.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ja, ja, liebe Freundin,



      natürlich habe ich mit Widerspruch gerechnet, mit Deinem sowieso ganz besonders ! Ich gehörte lange, zu lange der Kopf - Fraktion an, die alles hinterfragt hat und sich so den spontanen Zugang verstellt hat. Meinem Idol Fischer - Dieskau ist es oft genug so ergangen, womit er sich der allgemeinen und auch der Selbstkritik ausgesetzt hat. Mir jedenfalls hat der späte Umstieg von "nur Kopf "auf "auch Bauch" sehr geholfen.

      Nichts für ungut !

      Ciao. Gioachino :kiss:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Gio, und ich als originär herz- und bauchgesteuerte Person komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass es sich am besten lebt und singt, wenn man Kopf, Bauch und Herz gleichermassen zu ihrem Recht kommen lassen kann. Die schliessen einander nämlich überhaupt nciht aus.

      Wem das m.E. in herausragender Weise bei der Dichterliebe gelingt, ist mein heiss geliebter Gérard Souzay. Allein wie er den Schluss des letzten Lieds singt: "Ich senkt auch meine LIIIIIIEBE - lange Pause- und meinen Schmerz hinein" Das ist zum Niederknien schön und richtig. :faint: :juhu:

      Seine Interpretation ist durchdacht, elegant und koherent, also nicht bauchgesteuert, nicht sentimental und gefühlig, also auch nicht herzgesteuert und nicht distanziert -ironisch, also nciht kopfgesteuert. Sie ist einfach alles zusammen und zwar immer da wo es hingehört.



      Dass das als Ganzheit geht- er hat es vorgemacht.




      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41N8TBPPH1L._SS400_.jpg]




      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Was Gérard Souzay angeht, zumindest seinen Gesang, bin ich absolument d`accord, liebe Fairy !

      Nun gehört zur Ganzheit auch die Optik, auch und besonders im Liedgesang. Der bloße Genuss der Tonkonserve bewahrt Dich bei ihm vor dem Blick auf seine unruhige, gar zappelige Präsentation. Ähnliches widerfährt dem Konzertbesucher leider bei Matthias Goerne, der sich während seiner " Winterreise " fünfzig Mal an die Nase fasst....

      Nun ja, irgend ein Defizit dieser Art haben wir schließlich alle. Ich habe natürlich bewusst zugespitzt formuliert, weil es mir zunehmend darum geht, dass wir Interpreten über dem Denken das Singen nicht vergessen ( Don`t think - sing ! ).

      Für Tenöre gilt selbstverständlich : Don`t sing - think !......... :mlol:



      Ciao. Gioachino :wink:
      miniminiDIFIDI
    • Eine schöne Idee! Ich freu mich schon sehr auf die Beiträge und die Diskussionen. Vielleicht finden ja noch einige Sänger zu uns, die ein wenig aus der Dichterlieben-Sänger-Praxis berichten können.

      3...2...1...meins!!! :D (wenn ich denn damit keinen Alt-Beitrage-Schreibe vor den Kopf stoße..)

      Liebe Grüße, der Thomas. :wink:
    • Wunderlich ist nicht gleich Wunderlich

      gioachino schrieb:

      Ich habe bemerkt, dass die eher vordergründigen, weniger reflektierten Interpretationen wie z. B. die Wunderlichs oder Gerhahers mir am besten gefallen. Das Beschreiben von und das Schreiben über Musik führt m. E. ohnehin oft genug in eine Sackgasse, zu Irritation und Missverständnissen, durch die Verbalisierung meist höchst subjektiver Empfindungen oder auch objektiver Erkenntnisse, die häufig genug den spontanen Zugang zum Werk zumindest einschränken, nicht selten sogar verhindern.

      Nur mal ganz kurz zum Thema Wunderlich und Dichterliebe:

      Da gibt es eben zwei SEHR unterschiedliche Fassungen :
      Zum einen diese hier, auf, die ihr euch offenbar bezieht:
      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41X0MY2Q27L._SS500_.jpg]

      zum anderen aber eben auch diese hier:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/3106C3YS7JL._SS500_.jpg]
      Zwischen beiden liegen Welten- und wenn ich die erstere, sicher als unreflektiert, mehr noch als unterkühlt bezeichen würde- ist die Liveaufnahme diesbezüglich das totale Gegenteil und für mich immer noch meine Lieblingsaufnahme der Dichterliebe.
      Dort wird der Text in einer Synthese von Kopf und Bauch ausgedeutet und dazu kommen dann eben noch die einzigartigen Möglichkeiten seiner wundervollen Tenorstimme.
      Wunderlich kam ja von der Oper her und hat erst Schritt für Schritt gelernt Lieder zu interpretieren und war sich dessen auch voll bewusst- nach Preys Aussage hat Wunderlich seinen Freund (Prey) um Rat gefragt, welcher ih dann quasi "in die Schule" zu Hubert Giesen geschickt hat. Bei der Studioaufnahme stand diese Zusammenarbeit noch am Anfang, beim Edinburgh Recital, wohl auf dem Höhepunkt-
      Gruss :wink:
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1
    • Lieber Syrinx, das ist besonders interessant, weil ich nicht ersehen kann, welche der beiden Versionen ich nun habe..... :schaem: Ich finde Wunderlichs Interpretation aber in jedem Fall schön und kein bisschen kalt, denn allein die Stimmfuhrung und das Timbre können gar nicht anders, als mit diesem idealen Repertoire zu gefallen.

      Mit dem ebenfalls hellen lyrischen Tenor Josef Protschka ist aber sehr ernstzunehmende Konkurrenz auf dem Dichterliebe -Plan. Zumal Helmut Deutsch als dessen Pianist für mich viele seiner Kollegen in denSchatten stellt[IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41V7G3VTDHL._SL500_AA240_.jpg]



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Lieber Syrinx, das ist besonders interessant, weil ich nicht ersehen kann, welche der beiden Versionen ich nun habe..... Ich finde Wunderlichs Interpretation aber in jedem Fall schön und kein bisschen kalt, denn allein die Stimmfuhrung und das Timbre können gar nicht anders, als mit diesem idealen Repertoire zu gefallen.


      Hallo Fairy,

      DAs Edinburghrecital hat eine deutlich reduzierte Klangqualität und man hört auch viel vom Publikum, sollte sich also gut unterscheiden lassen.
      Wenn Du die Studioaufnahme hast, wie ich vermute, würdest Du wirklich staunen, wieviel beseelter (im Vergleich) er in der liveaufnahme singt.
      GRuss :wink:
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1
    • Lieber Syrinx, ich habs nochmal angehört und habe nach Deiner Beschreibung eindeutig die erste Aufnahme. Danke für den Hinweis, dass es eine Zweite gibt!

      Himmlisch mit welchen lyrischen Bögen Wunderlich die Phrasen singen kann- wie aus einem Guss!

      Nicht ganz so textverständlich und klar artikuliert wie FI-DI, aber zum Drin Baden.

      Schon die Nummer Eins ist eine Wonne für sich, so wie ich ihn überhaupt am liebsten mit den sehr lyrisch-elegischen Nummern höre. :juhu:



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Lieber Syrinx, ich habs nochmal angehört und habe nach Deiner Beschreibung eindeutig die erste Aufnahme. Danke für den Hinweis, dass es eine Zweite gibt!

      Himmlisch mit welchen lyrischen Bögen Wunderlich die Phrasen singen kann- wie aus einem Guss!

      Nicht ganz so textverständlich und klar artikuliert wie FI-DI, aber zum Drin Baden.

      Schon die Nummer Eins ist eine Wonne für sich, so wie ich ihn überhaupt am liebsten mit den sehr lyrisch-elegischen Nummern höre.


      Hier könnte man schon anfangen zu streiten.

      Wunderlich macht aus der Dichterliebe wundervolle und auch gefühlvoll Musik. Die Phrasen leuchten, und seine Stimme kommt prächtig zur Geltung. Nur geht das manchmal etwas am Inhalt der einzelnen Lieder vorbei. Manchmal wünscht man sich durchaus noch mehr Identifizierung mit dem Sarkamus und anderen seelischen Abgründen der Musik und vor allem der zu Grunde liegenden Texte.

      Kurz und gut: Wunderlich singt die Dichterliebe einfach zu schön. (zugegeben..ich mag die Studioaufnahme dennoch sehr).

      P.S.: Wollen wir bei der Dichterliebe die diskutierte Trennung von Werkbesprechung und CD-Besprechung wagen? Bei diesem ergibigen Thema könnte es durchaus passend sein..

      Liebe Grüße, der Thomas. :wink:
    • Lieber Thomas,

      ich nehme die Diskussionsfrucht eines anderen Threads hier auf und entscheide als Threadstarterin, dass Werk und Aufnahme nicht getrennt werden sollten.

      Gerade bei der Dichterliebe ist das aus der Erfahrung bei Tamino quasi unmöglich.

      Wie wir auch an deinem Beitrag sehen: Du findest Wunderlichs Interpretation ZU schön. Hier tut sich schon eine entscheidende Frage nach der Grund-Interpretation das gesamten Inhalts auf insbesondere nach der Bedeutung von Ironie und Sarkasmus und inwieweit Schumann das im Heineschen Sinne vertont hat.

      Du siehst: das ist ein weites Feld! ;)



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Von Wunderlich/Giesen gibt es noch eine dritte Aufnahme der "Dichterliebe", aus Salzburg, live, die mir am meisten von den drei zusagt.

      Ich teile aber die Einschätzung des Chorknabens. Das ist zu schön und auch in der Identifikation mit dem lyrischen Ich zu eindimensional, zu wenig die wechselnden Gefühlslagen des enttäuschten Liebenden zum Ausdruck bringend. Diese Eindimensionalität finde ich übrigens nicht nur bei Wunderlich, sondern auch bei Giesen. Abgesehen davon, dass ich nach wie vor meine, dass eine nur über die Identifikation mit dem lyrischen Ich erfolgende Interpretation weder dem Werk Heines, noch dem Werk und der eigenen Ironie Schumanns gerecht wird. Aber das können wir ja dann konkreter bei der Beschäftigung mit den einzelnen Liedern diskutieren.



      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Von Wunderlich/Giesen gibt es noch eine dritte Aufnahme der "Dichterliebe", aus Salzburg, live, die mir am meisten von den drei zusagt.

      Es gibt sogar noch mehr Aufnahmen der Dichterliebe von Wunderlich/giesen. Eine weitere Liveaufnahme aus Hannover bei Myto und demnächst erscheint noch eine aus Schwetzingen- es dürfte relativ einmalig sein- dass das gleiche Programm eines Künstlers in so vielen Mitschnitten auf CD vorliegt, zumal dann auch noch alle aus dem gleichen Jahr.

      Matthias Oberg schrieb:

      Ich teile aber die Einschätzung des Chorknabens. Das ist zu schön und auch in der Identifikation mit dem lyrischen Ich zu eindimensional, zu wenig die wechselnden Gefühlslagen des enttäuschten Liebenden zum Ausdruck bringend. Diese Eindimensionalität finde ich übrigens nicht nur bei Wunderlich, sondern auch bei Giesen. Abgesehen davon, dass ich nach wie vor meine, dass eine nur über die Identifikation mit dem lyrischen Ich erfolgende Interpretation weder dem Werk Heines, noch dem Werk und der eigenen Ironie Schumanns gerecht wird.

      Wenn ich das richtig sehe, hat sich Chorknabe auf die Studioaufnahme bezogen. Nochmal - die Studioaufnahme und die Livemitschnitte sind musikalisch eine komplett andere Welt. :!:

      Hubert Giesen selbst fand diesese Konzert(Edinburgh) das beste der Tournee und sagte nach dem Edinburghrecital, nun kann er Wunderlich wirklich nichts mehr beibringen- konnte er auch leider sowieso nicht da Wunderlich unmittelbar danach seinen tödlichen Unfall hatte.
      Das Edinburghrecital erschien zuerst illegal bei Myto und wurde dann später aufgrund des grossen erfolges bei der DG herausgebracht. Ich bevorzuge die Mytofassung, da digital weniger bearbeitet.
      Ich finde diesen Livemitschnitt musikalisch unglaublich lebendig, allein die Zartheit mit der "im wunderschönen Monat Mai" anfängt ist zum Niederknien :juhu: , aber es gibt auch jede Menge mächtige (Im Rhein) und zornige (Ich grolle nicht..) Töne. Die Textausdeutung finde ich fabelhaft, ide Stimme zittert wirklich, wenn davon gesungen wird, auch die Trompeten nimmt man ihm voll ab, und ich finde das Giesen durchaus seinen Anteil daran hat.Bei der Liveaufnahme :!: höre ich jede Menge Stimmungsschwankungen, bei der Studioaufnahme weniger.
      Gruss :wink:
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1