Schumann, Robert: Dichterliebe op. 48

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    • Einspruch, Euer Ehren !

      Ich habe schon einmal anderenorts ( " drüben " ) behauptet, keine ironische Musik zu kennen. Zu dieser Behauptung stehe ich so lange, bis mir das Gegenteil bewiesen wird. Und warum bitte geht die Identifikation des Sängers mit dem Erzähler schief ? Was ist am " schönen Monat Mai " ironisch und am " wunderschönen Monat Mai " noch ironischer ? Warum soll Hanns Eisler Recht haben und die zahllosen Sänger nicht, welche sich mit dem erzählenden Ich identifizieren ? Wie - bitteschön ! - soll er die sängerische Distanzierung vermitteln ? Es besteht halt ein riesengroßer Unterschied zwischen Eislers " Hollywood Songbook " und der " Dichterliebe ", die so gar nichts mit dem Baedeker zu tun hat. Wer sie so sänge, hätte mit seinem ersten auch gleich den letzten Auftritt absolviert - Ironie hin, Ironie her.

      Ciao. Gioachino :troest:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Matthais, ich finde das Zitieren oben- ohne den dem Zusammenhang- ein bisschen schwierig-, aber immerhin sind wir nun wieder mittendrin in der Ironiediskussion, die schon letztes Jahr nciht immer erfreuliche Folgen zeitigte.

      Hoffen, wir dass wir diesmal konstruktiver rangehen, ergo etwas gelernt haben. :angel:

      Für mich stellt sich das Hauptproblem tatsächlich - und da knüpfe ich an Gioachino an- in der sängerischen Praktikabilität dieses ganzen theoretischen Ironie Überbaus.

      Ich bin zwar nicht wie er der Ansicht, dass es keine Ironie in der Musik gibt, aber ich bin der Ansicht, dass Schumann und Eissler diesbezüglich nichts miteinander zu tun haben.

      Schumann ist und bleibt ein romantischer Komponist und der Sänger wie auch das Publikum in seiner überwiegenden Mehrheit braucht eine Identifikations-Ebene, die hier ganz gewiss nicht durch Eissler'sche Distanzierung zu erreichen ist.

      Ich formuliere jetzt zur Verdeutlichung ganz bewusst überzogen:

      Soll ich mich vielleicht vor die Leute stellen und "Ich grolle nicht" so singen,als sei ich schon lange jenseits von gut und böse und stände stoisch und als distanzierte Reporterin über dieser ganzen jämmerlichen Poeten Weichei-Story?

      Nennt man das dann intellektuell und cool?



      Nee, da lasse ich doch lieber Hans Hotter und Lotte Lehmann aus allen Eingeweiden schluchzen, Fritz Wunderlich, Josef Protschka und Gerard Souzay schmachten und vokal dahinschmelzen und sogar Barbara Sukowa ins Klavier hineinschreien und- grollen, als mich zu sowas herzugeben!



      Ich kenne drei Interpretationen der Dichterliebe, die eine etwas distanziertere Sicht auf den Zyklus haben: D. Fischer-Dieskau, Barbara Bonney, Aksel Schotz. Von Eissler ist aber bei allen Dreien trotzdem keine Spur zu hören.

      Gioachino hat da vollkommen Recht: wer als seriöser Liedsänger antritt und Schumann wie Eissler singt, bekommt kaum eine zweite Chance mit der Dichterliebe. aufzutreten.



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/51k8jq6SEhL._SL500_AA240_.jpg]

      Das ist heute bei mir eingetroffen und ich bin einmal mehr fasziniert, was verschiedene Interpreten aus einem Werk machen kônnen- oder auch nicht.
      Von Gerhahers wunderschöner Stimme und seiner musikalischen Symbiose mit Huber habe ich bereits in der Konzertkritik des Schwanengesangs geschrieben.
      Um erstmal noch beim ersten Lied zu bleiben(weiter sind wir ja bisher nicht gekommen): er ist der Erste, der wirklich die aufsteigende Phrase im crescendo und den jeweiligen Endton auf sangen, gegangen etc im forte singt- so wie es in den Noten steht, aber wie es fast jedem Sänger seltsam gegen die Stimme und die Intuition geht.
      Was mir beim ersten Hören besonders auffällt, ist Gerhahers/Hubers Fähigkeit, zwischen lyrischen und dramatischen Phasen deutlich zu unterscheiden und Klangfarben zu finden, die einmal die reine Schönheit der Stimme in den Vordergrund rücken, ein andermal ganz auf Ausdruckskraft setzen.
      Ich werde sicher noch mehr zu dieser Aufnahme sagen, die mir mehr als bemerkenswert scheint.
      F.Q.
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    • Lieby Fairy,
      ich kann zwar nichts Geistreiches zum Threadthema beisteuern, teile aber deine Begeisterung über Gerhahers "Dichterliebe". Sie ist im Moment meine liebste Einspielung, ich hatte ja auch schon das Glück, Gerhaher damit live zu hören.
      Ich bin schon neugierig, was du über die anderen Lieder schreibst!
      lg Sevi :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Schon wieder ich: ich habe jetzt auch die spannende Hampson/Sawallisch-Version mit den vier gestrichenen(von wem auch immer) Liedern und bin total überrascht, dass da nicht nur vier weitere Lieder sondern auch noch etliche änderungen an den anderen Liedern zu hören sind.

      Die Version wie sie uns heute vorliegt und die sich "Dichterliebe" nennt, ist ausser der Kürzung auch eine Überarbeitung und zwar m.E. eindeutig zum Besseren hin. Bereits in Lied 1 fällt das gewaltig auf. Da wo wir die aufsteigende Linie bis zum g kennen (die so schwierig für Tenöre zu singen ist....) bleibt die erste Fassung beim f stehen und das nimmt dem Lied schlciht und einfach Spannung.

      Bei den folgenden Liedern werde ich jeweils sagen, was in der Erstfassung anders war, es ist bei manchem Lied nicht eben wenig.

      Schumann hat die Dichterliebe in wenigen Tagen im Rausch komponiert und dass er dann Jahre spâter vor der Drucklegung nochmal als reiferer Komponist verbessert hat, sollte nicht wundern. Wundern wûrde eher das Gegenteil.

      Das ist nun zwar kein Beweis, dass er auch die vier Lieder selbst gestrichen hat, aber er hat zumindest an dem Zyklus selbst noch Einiges getan- und zwar zum Guten.

      Zu den vier gestrichenen Liedern wird hoffentlich noch von denen, die sie kennen etwas gesagt.Ich beteilige mich dabei gerne.

      Noten habe ich leider keine davon und kann mich nur auf meine Ohren stützen.

      Jedenfalls wächst mit jeder neuen Aufnahme meine Liebe zu diesen Liedern und es ist einfach ein Wuinder, was es nach so langer Zeit der Beschäftigung immer wieder neu zu entdecken gibt.

      Und Wulf hab ich auch schon bekehrt- das war alein den ganzen Thread wert!!!!! :angel:

      F.Q.
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    • Lieber Robert, das ist ganz lieb, danke!

      Aber ich meinte speziell die Noten der vier gestrichenen Lieder, die anderen habe ich in der Peters-Ausgabe. Sciher freut sich aber nun jemand, der noch gar keine Noten hat!!!!!



      F.Q.
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    • FairyQueen schrieb:

      Da wo wir die aufsteigende Linie bis zum g kennen (die so schwierig für Tenöre zu singen ist....) bleibt die erste Fassung beim f stehen und das nimmt dem Lied schlciht und einfach Spannung.


      In d-moll? Klingt aber garnicht so unspannend. :D Oder meintest Du Fis?

      audiamus


      .
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Dass ihr Lehrer aber immer so pingelig sein müsst! Ein Kreuzchen mehr oder weniger.... :wacko:

      Nein ,es ist natürlich fis, was jedoch auch nicht so unspannend ist, wegen der Grundtonart... du weisst schon........ 8)

      Hampson singt übrigens sehr "tenoral "im Original, wobei er überall wo's irgend geht, die hohen Stellen weglässt(z.B. beim Nicht-Grollen und der Schlange am Herzen).

      Aber der Hamspon, den ich als Thais- Athanael gehört habe und der Hampson, den ich hier höre- man glaubt, das seien zwei grundverschiedene Sänger.



      F.Q.
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    • Liebe Dichterliebe-Freunde, ich hole nochmal die Liedebesprechungsliste nach vorne, und schlage vor, falls Matthais Oberg derzeit einfach zu eingespannt ist und ncihts dagegen hat das Lied 2 zu überspringen und spâter nachholen und dann mit Zwielicht weitermachen.

      Im wunderschönen Monat Mai Fairy Queen

      Aus meinen Tränen spriessen Matthias Oberg

      Die Rose, die Lilie
      Zwielicht

      Wenn ich in deine Augen seh Zwielicht

      Ich will meine Seele tauchen Zwielicht

      Im Rhein, im heiligen Strome Fairy Queen

      Ich grolle nicht Fairy Queen

      Und wüssten’s die Blumen, die Kleinen

      Das ist ein Flöten und Geigen
      Peter Brixius

      Hör ich das Liedchen klingen
      Peter Brixius

      Ein Jüngling liebt ein Mädchen audiamus

      Am leuchtenden Sommermorgen
      Petra

      Ich hab im Traum geweinet Chorknabe

      Allnächtlich im Traume Matthias Oberg

      Aus alten Märchen

      Die alten bösen Lieder
      FairyQueen



      Liebe Sevi, ich bin von Gerhahers/Hubers Interpetationen so begeistert, dass sie zusammen mit Gerard Souzay die derzeitige Krone tragen- eine tolle Entdeckung udn das Schönste: live waren sie noch besser!!!!! :klatsch: :juhu: :klatsch:



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne

      FairyQueen schrieb:

      Liebe Dichterliebe-Freunde, ich hole nochmal die Liedebesprechungsliste nach vorne, und schlage vor, falls Matthais Oberg derzeit einfach zu eingespannt ist und ncihts dagegen hat das Lied 2 zu überspringen und spâter nachholen und dann mit Zwielicht weitermachen.


      Hoppla, das seh ich erst jetzt. Also hier mein geringfügig bearbeiteter Text aus Tamino über das dritte Lied des Zyklus:


      III.

      Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
      Die liebt’ ich einst alle in Liebeswonne.
      Ich lieb’ sie nicht mehr, ich liebe alleine
      Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
      Sie selber, aller Liebe Wonne,
      Ist Rose und Lilie und Taube und Sonne.
      (Ich liebe alleine
      Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine, die Eine.)


      Bei Heine steht in allen Ausgaben noch „Bronne“ statt „Wonne“ – das ist offenbar von Schumann geändert worden. Das Heine’sche Gedicht endet im übrigen auf „Sonne“, während Schumann am Ende einen Teil des dritten Verses sowie den vierten Vers wiederholt (hier in Klammern gesetzt).

      Wieder wird die Natur mit der Liebe in Verbindung gebracht, wieder gibt es Blumen und Vögel, sogar ganz spezifische: Rose, Lilie, Taube. Dazu kommt noch die Sonne, auch diese in der deutschen Sprache weiblich. Alles mehr oder weniger explizite Zeichen der Liebe, die Rose und Lilie werden von Heine ständig in diesem Zusammenhang verkuppelt. Aber das lyrische Ich braucht keine Zeichen mehr, denn es ist völlig fixiert auf „die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine“ – die Geliebte, die alles überschattet, die alles in sich aufhebt. Im nächsten Gedicht/Lied gibt es folgerichtig keine Natur mehr, nur noch die Angebetete. Das ändert sich dann aber schnell wieder.

      25 Sekunden plus/minus dauert das Lied – das kürzeste der „Dichterliebe“. Hat Schumann jemals ein kürzeres komponiert? (Auch "Aus dem Schenkenbuch im Divan Nr.1" aus Myrten, von audiamus an anderer Stelle ins Spiel gebracht, währt einige Sekunden länger.) Gibt es überhaupt vor Schumann irgendein Lied, das so kurz wäre? (Mir ist „Der stürmische Morgen“ aus Schuberts „Winterreise“ eingefallen, auch im Kontext eines Zyklus – das dauert auch keine Minute, ist allerdings immer noch doppelt so lang wie unser Lied.) Diese Kürze finde ich kühn – sie ist natürlich nur innerhalb eines Zyklus möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das Lied aus seinem Zusammenhang löst und einzeln vorträgt. Die geringe Dauer steht aber m.E. auch für den utopischen Moment der nur für einen Augenblick (scheinbar) erfüllten Liebe.

      Die Frage, ob hier Schumann tatsächlich das ungetrübte Glück in Musik gesetzt hat, muss gestellt werden. Fischer-Dieskau ist in seinem Buch über Schumanns Vokalwerk immerhin der Meinung, dass der „Text etwas aus dem gegebenen Zusammenhang herausfällt. Denn dieses atemlose kurze Glücksgeständnis will zur Bitternis und Wehmut des Zyklus nicht recht passen. Hier wird der eingeschobene Tempo-Gegensatz zwischen vorangegangenem und folgendem Lied in Schumanns Plan gelegen haben.“ Ein seltsames Urteil, wie ich finde, das den auch von Heine gewollten Kontrast völlig verkennt.

      Nicht nur der Aufreihung „Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine“ haftet unverkennbar etwas Überspanntes, auch Infantiles an – es wird der Eindruck suggeriert, als sprudelten die Worte nur so hervor. Schumann hat das m.E. kongenial umgesetzt. Die Tempo- und Charaktervorschrift ist „Munter“, die Sechzehntel des Klaviers wirken geradezu aufdringlich hüpfend, darüber beschreibt die Singstimme Kurven nach oben und unten, die gewissermaßen das obsessive Kreisen um die „Eine, Feine“ etc. charakterisieren. Das in D-dur stehende Lied weist nur wenige tonartfremde Töne auf – eine Stelle gibt es allerdings, die sich als kurzfristige, fast schmerzliche Irritation empfinden lässt: in Takt 10 erscheint in der Klavier-Unterstimme ein tonartfemdes C, das in einer absteigenden Legato-Linie weitergeführt wird – darüber steigt die Gesangsstimme mit den Worten „ist Rose und Lilie und Taube“ nach oben auf (ebenfalls mit einem C), gleichzeitig ist ein Ritardando vorgeschrieben. Nach dieser kaum merklichen (freudigen? schmerzlichen?) Gefühlsstauung schnurrt das Lied ab Takt 13 seinem Ende zu, ohne einen einzigen Ton, der nicht der D-dur-Leiter angehört, mit einem diesmal wohligen, bekräftigenden Ritardando auf der letzten Wiederholung von „die Eine“. Die Singstimme errreicht zum Schluss den Grundton, das Klavier läuft sich noch aus und endet mit einem fast aufreizend munteren Mezzoforte-Sprung auf die Tonika.

      Dynamisch ist mit Ausnahme einiger cresc.- und dimin.-Klammern weitgehend Mezzoforte vorgeschrieben – es gibt also keinen Grund zu säuseln. Fischer-Dieskau bemerkt: „Ein Virtuosenkunststückchen, von Richard Tauber auf einer alten Platte zu hören und vielfach nachgeahmt, nämlich die ganze Miniatur auf einen Atem hinzuwispern, ist nicht anzuraten.“ Und Gerald Moore meint in seinem Buch über Schumanns Liederzyklen: „Ist er [der Sänger] eitel, kann er dieses kürzeste aller Lieder mit einem einzigen Atemzug in der Mitte des Liedes durchhalten – um so schlimmer für ihn und für Schumann.“


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Vielen Dank, Bernd für diese schöne Besprechung des Liedes.

      In einem Atem? Mir fällt vor allem das Atemlose auf. Atemlose Begeisterung. Das sprudelnd Hervorgebrachte. Das ganze Lied in der Heinefassung besteht gerade mal aus zwei Sätzen. Und was sind das für Sätze: Neben einem Hilfsverb "ist" gibt es eigentlich nur ein einziges Verb: Ein sich wiederholendes lieb/liebt/liebe. Und nicht nur dieses Verb wird mehrfach wiederholt: Auch das Substantiv Liebe erscheint zusätzlich noch zwei Mal. Und alle diese Verben und Substantive erscheinen immer auf betonten Schwerpunkten des Rhythmus.

      Und was für ein Rhythmus, auch sonst: Nach der Brechung seiner Regelmäßigkeit in der dritten Zeile, ein verstärkendes völlig aus dem Rhythmus geratendes: Sie selber aller Liebe Wonne...(nebenbei: Man versuche hier einmal Bronne statt des weich anklingenden Wonne zu singen. Natürlich ist textlich das Heinesche Bronne schöner, das den Ursprung "aller Liebe" beschreiben will, sangestechnisch dürfte es etwas störend wirken)

      Paulus
    • Liebe Forianer,
      angeregt durch Eure interessanten Aspekte zur Dichterliebe (hatte nichts von den Kürzungen durch den Verleger gewusst) habe ich nun in meiner Tonträgersammlung nach Aufnahmen geforscht. Ich finde die Ausführungen von Fairy und Gioachino über Kopf und Bauch beim Singen sehr interessant. Ich als Hörer würde mich eher zur Bauchfraktion zählen. Meine Lieblingsaufnahme ist unumwunden der Livemitschnitt aus Edinburgh mit Fritz Wunderlich und Hubert Giesen. So eine intensive Gestaltungskraft habe ich bisher in keiner Kunstliedaufnahme vernommen. Aber auch der Livemitschnitt aus Salzburg und die Studioaufnahme dieser Künstler ist mir sehr lieb, da ich mit der Studioaufnahme als Jugendlicher den Zyklus kennenlernen durfte. Leider muss ich gestehen, dass ich bei den Baritönern nur eine Aufnahme mit Prey und Hokanson habe, die ich bei aller Bewunderung für das Werk dieses Sängers als etwas zu balsamisch bezeichnen muss. Gerade höre ich eine Aufnahme mit Rudolf Schock und Adolf Stauch auf einer uralten 25cm LP aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Leider sind von dieser Aufnahme bisher nur vier Lieder auf Cd erschienen (auf einer 10CD Edition der Firma Membran, die Rudolf Schock gewidmet ist). Ein sehr schön gesungene Interpretation, innig, langsam und ruhig, fast schlicht interpretiert ("Bauch"). Hierbei geht die Ironie Heines etwas aus dem Fokus. Genau zwischen Bauch und Kopf liegt Schocks zweite Ausgabe aus dem Jahr 1974 mit Ivan Eröd am Klavier (Eurodisc LP), die eine gereifte Interpretation zeigt; ich liebe diese Aufnahme, obwohl die Stimme leider nach seinem Herzinfarkt in der Höhe doch schon Probleme aufzeigt. Außerdem ist die LP in Quadrophonie aufgenommen und auf meiner 70ér Jahre Quadroanlage stehen Sänger und Flügel wirklich im Wohnzimmer. :) Die Aufnahme hat leider wie die Großzahl der über 250 Kunstliedaufnahmen dieses Sängers den Weg nicht auf die CD oder ins Internet geschafft. Deshalb befürchte ich, dass wir diese Aufnahmen nicht adequat diskutieren können. Da die erste Aufnahme bereits die 50 Jahre Sperre überschritten hat, hoffe ich auf eine baldige vollständige Herausgabe dieser Aufnahme auf einem Zweitverwerterlabel.
      Obwohl offtopic, als kleine Anregung für die Kunstliedliebhaber mit Neugierde auf einen vergessenen Interpreten, dieser link zu einer Aufnahme mit Straussliedern mit Orchesterbegleitung vom Ende der 50er-Jahre, als Schock noch im Vollbesitz seiner stimmlichen Möglichkeiten war: "http://www.youtube.com/watch?v=5h1tud4-iJc"


      Gruß,
      scherchen
      "Music is the voice of the all - the divine melody - the cosmic rhythm - the universal harmony." aus Music for all of us (Stokowski, 1943)
    • Lieber Bernd, schön, dass du weitermachen kannst. Wir schieben dann das zweite Lied nach , wenn Matthias wieder Zeit hat.

      Was das Singen mit einer Atemunterbrechung angeht: wie soll das denn praktisch und vernünftig phrasierend gehen?

      Ich habe gerade mal probiert und komme auf mindestens drei sinnvolle Atem-Phrasierungen. Nach "Liebeswonne", nach "Eine" und nach "Sonne".

      Neben dem Atemlosen fällt mir bei diesem Lied noch ein Art pubertärer, extatischer oder sogar Kleinkind-Regression im inflationären Gebrauch von Koseworten auf. Eine Art "Wonniger Laller" ist hier zugange. :D

      Solch wonniges atemloses Gelalle kennt man aus verschiedenen Lebenssituationen: Begeisterung über ein Kleinkind, dass man für das allersüsstestewonnigstsonnigste aller Zeiten hält, erste pubertäre Liebe, die Einem den Verstand (auch den linguistischen) raubt; erotische Extase, die gewisse Partien des Gehirns lahmlegt und zu einem nichtalltäglcihen Sprachgebrauch führen kann.

      Ich finde hier etwas von allen drei Varianten des "Gelalles" vereint und die sehr kurze Dauer korrespondiert genau damit. Ich kenne auch kein kûrzeres Lied-ein eruptiver Ausbruch und dass diese Kürze die Vergänglichkeit der Liebesillusion spiegelt, finde ich sehr einleuchtend und gut interpretiert.



      Lieber Paulus und lieber Scherchen, bienvenus in diesem Thread! :wink:

      Ich hôre Rudolf Schock serh gerne, (auch aus Nostalgie, denn meine Grossmutter hatte etliche Autogramme und war ganz grosse Schock-Verehrerin) wusste aber nciht, dass er auch eine Dichterliebe aufgenommen hat. Für mich war die Zeit der LP leider nur kurz und was es nciht auf Cd oder im Internet gibt ist dann schwer zugänglich. :(



      F.Q.
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    • Danke für die nette Begrüßung liebe Fairy Queen!

      Ja ein wenig vom Mond gefallen ist der Held dieser Geschichte schon. Dichterliebe? Der Titel stammt allerdings nicht von Heine, Selbstverspottung ist es also nicht.

      Auch vom Sinn her grenzt das Lied schon ans Komische: Der junge Mann, Liebhaber der Sonne ist er, erlesene Blumen liebt er auch, und: Tauben? Nun ja, ein Naturfreak vielleicht,würde man heute sagen, mit romantisch verklärtem Gemüte. Aber plötzlich wechselt er den Gegenstand seiner Liebe, seine ganze Zuneigung gilt jetzt nicht mehr Gegenständen der Natur, sondern nur noch der Einen. Das mag man ja noch nachvollziehen, wenn auch die "Objekte" seiner bisherigen Zuneigung und das Subjekt seiner neuen Liebe völlig unterschiedlich sind, so dass sich doch eigentlich an seiner bisherigen Naturbegeisterung nichts zu ändern brauchte. Er aber erklärt ausdrücklich, weder Rose noch Lilie noch Taube noch Sonne mehr zu lieben, um dann aber sofort unmittelbar darauf, ausgerechnet diese nicht mehr geliebten Objekte in seiner Feinen Einen zu sehen, sie damit gleichzusetzen, zu identifizieren.

      Die Eine, die Feine die Kleine , die Reine... Eigentlich ist es völlig gleichgültig, was er hier sagt. Eine überlegte Beschreibung? Nein. Sein Gehirn funktioniert nur noch assoziativ, sich reimende im Wesentlichen gleichklingende Worte drängen sich auf, sprudeln aus ihm heraus. Wonniger Laller ist ein schöner Ausdruck dafür.

      Atemlos singen, ja wie geht das? :rolleyes: Leider bin ich kein Sänger, aber hier wäre es vielleicht doch einmal gar nicht schlimm, wenn das Publikum einen nach Atem ringenden Sänger spürt, der Alles und möglichst schnell herausbringen muss. Schön ist das Lied vielleicht nicht zu singen, sondern eruptiv, in Ekstase?


      Paulus
    • Lieber Paulus, evtl weisst du nicht, dass wir hier einen User namens "Der Wonnige Laller" haben- ich schmücke mich bei dieser Assoziations also mit seinen phantasiereichen Federn.



      Anders als atemlos kann man hier übrigens gar nciht singen- man hat nur Bruchteile von Sekunden Zeit, Luft zu schnappen- der Eindruck"Sänger ausser Atem" kommt also beim Publkum authentisch an.

      Schuman selbst war auch zeitweise ein Wonniger Laller. Ich befasse mich ja gerade intensiv mit Clara Schumann und die Briefe, die sich die Beiden geschrieben haben lassen in puncto Koseworte wenig zu wünschen übrig- mit Mozart kônnen sie allerdings nicht mithalten. :rolleyes:

      Da Schumann diesen Zyklus 1840, im Hochzeits- und Liederjahr geschrieben hat und ausdrücklich an Clara adressierte, "wieviel von ihr in alledem sei", kann man auch auf gewisse Zustände des Komponisten schliessen, der es kaum noch erwarten konnte die Kleine, die Feine, die Reine endlich die Meine zu nennen.

      Was Heine angeht.... der hat weniger wonnig gelallt scheint mir,sein Gehirn war ihm wohl meist zu sehr im Wege. 8)



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hallo Zusammen,

      Toller Thread und vielen Dank für die vielen Informationen. Ich liebe diese Stücke über alles. Eigentlich wollte ich hier gar nichts reinschreiben, da ich mich nicht mit den Hintergründen beschäftigt habe. Aber da hier Quasthoff angesprochen wurde...

      Ich habe auch den Quasthoff. Dann noch Wunderlich und Güra. Am liebsten ist mir Quasthoff, auch wenn er kein Tenor ist. Mich berührt er einfach am meisten. Und das Pianospiel von Szidon ist schlicht wundervoll.

      Lieber Gruss
      Said
    • Hallo zusammen,
      Ich habe mal einige Interpretationen des 3. Liedes verglichen und es ist doch erstaunlich, was man in 25 Sekunden alles anders machen kann. Was die Atemlosigkeit angeht- ich finde das dieses Lied eher eine gewisse Leichtigkeit haben sollte, gleichzeitig Leidenschaft- immerhin ist es ja eine Liebeserklärung- und eben auch jugendliche Energie.
      Für mich geht der Pokal in diesem Fall an die Herrn Tenöre- bei den Barytonen (ich habe hier F-D, Gerhaher, und Goerne gehört) klingt es doch alles viel gewichtiger (und erwachsener)
      In der Edinburgh- Aufname von Fritz Wunderlich fängt er erst einmal mit einem recht starken accelerando mit ausgleichendem ritardando bis zur Liebeswonne an , was dem Lied noch eine zusätzliche Dynamik verleiht und das Lied wirklich überschwenglich klingen lässt.
      Werner Güra schafft es, trotz hohem Tempo und extrem schwungvollen Anfang (er nutzt den Auftakt zum schwung holen), vielerorts das charmante dieses Textes zu betonen, was mir ausgesprochen gut gefällt.
      Was das Singen mit einer Atemunterbrechung angeht: wie soll das denn praktisch und vernünftig phrasierend gehen?

      Goerne macht das- er macht eine recht starke Zäsur nach Sonne.
      Gruss
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1
    • Angeregt durch diesen Thread habe ich mir neulich die Wunderlich-Einspielung der Dichterliebe zugelegt. Davor kannte ich das Werk nicht (außer Ein Junge liebt ein Mädchen). Zum Vergleich und wegen des geringen Preises kam gestern folgende Aufnahme dazu:



      Im Booklet wird eine (wahlweise interessante oder fragwürdige) These zitiert, nach welcher der Ton Cis, der das ganze Werk durchzieht, als Ton-symbol für die Syphilis ausgefasst wird. Der Zyklus reflektiert "die Auseinandersetzung der Erkrankung über Ansteckung, ersten Verdacht, Verdrängung, Auseinandersetzung (Ich grolle nicht) bis hin zum gewissen Ende (Die alten bösen Lieder)." Die These stammt von einem gewissen Henri Pousseur.

      Gruß,
      Falstaff