Schumann, Robert: Dichterliebe op. 48

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    • Caesar73 schrieb:

      Wie gefällt Euch die Interpretation Wunderlichs?
      Lieber Christian! Ich habe mir Deinen Link angehört, und finde, dass er das recht gut singt. Aber ich teile Philberts Meinung, dass es Wunderlich zu "elegisch" anlegt, für mich klingt es zu sehr nach (gekünsteltem) Vortrag, nach jemandem, der die Noten bekommen hat, um das Lied zu singen. Meiner Meinung sind ihn bei diesem Lied Peter Schreier oder Ian Bostridge eindeutig überlegen. Den beiden kaufe ich ab, dass sie sich mit dem Text bzw. mit der Figur identifizieren, was ich bei Wunderlich nicht merke.
      (wobei Bostridge hier teilweise sehr leise singt; das müsste ich live hören, um es wirklich beurteilen zu können)
    • Caesar73 schrieb:

      Wie gefällt Euch die Interpretation Wunderlichs?
      Ein Blick auf meine wirklich ausufernde Wunderlich-Diskographie zeigt sofort, welch ein unbedingter Wunderlich-Fan bin. Und ich liebe diese Dichterliebe sehr, aber im direkten Vergleich steht sie für mich nicht ganz oben.

      Wunderlich ist ganz der jugendlich Liebende und das kommt dem Zyklus durchaus zu Gute. Aber gerade in dieser Aufnahme mit Giesen scheint er mir noch zu sehr am Beginn seiner Liederkarriere zu stehen. Das ist mir um Nuancen zu unbekümmert, zu wenig scheint er (hier speziell in der vierten Strophe) mir zu wenig Akzente zu setzen. Den '66iger-Zyklus aus Edinburgh finde ich da übrigens schon viel gereifter.

      Was mich für ihn natürlich immer und sofort einnimmt, ist diese unglaublich direkte Anspreche, die Schönheit der Stimme und die Eloquenz im Singen.

      Ganz anders Peter Pears (mit Britten), der nun wahrlich nicht über eine 'schöne' Stimme verfügte, dem man den jugendlichen Elan auch nicht unterstellen konnte, dessen Dichterliebe und auch dessen 'Und wüßten's die Blumen' für mich aber trotzdem und gerade auch durch das Zusammenspiel mit Britten eine andere Qualität im Liedgesang darstellt. Nicht nur, dass Britten mehr erzählt als Giesen, Pears selber, mit allen vokalen Schwächen, die er hatte, kann diesen gebrochenen Menschen viel besser, weil viel akzentuierter darstellen. Gut, dass ist eher ein Erwachsener und Wunderlich vielleicht eher ein junger Mensch. Aber auch Ältere können sich erinnern. ;)

      youtube.com/watch?v=1Ti--KQdGko

      :wink: Wolfram
    • Es stimmt. Edinburgh '66 ist viel engagierter. Auf dem Weg dazu befindet sich Salzburg '65:
      youtube.com/watch?v=K5oCu6KvfhU
      ... aber die Studio-Aufnahme ist von Oktober 1965! Wohl hat das Publikum ihn zu mehr Engagement bewogen ...

      Heine fängt wie gesagt klischeehaft romantisch an: Herz-Schmerz schon in der ersten Strophe!
      Dazu die Konjunktive, die dazu beitragen, daß fast alle betonten Silben lang sind (wüßten, ließen, men, sprächen, aber auch tief, heilen, weinen, traurig ...).
      Schumann antwortet mit einer fließenden Melodie und einem Blümchenteppich im Klavier.

      Bei der dritten Strophe allerdings ist es beinahe zuviel des Guten. Man ist von den Blumen zu den Nachtigallen aufgestiegen, jetzt geht's gleich in die Sterne ...

      Schumann folgt aber Heine ganz klug: der erquickende Gesang, der in der zweiten Strophe fröhlich erschallen soll, wird gar nicht in der Komposition angedeutet, es bleibt das "heilende Weinen". Keine strophische Variation im romantischen-Klischee Teil. Kleiner Trost in dieser schmalzigen Welt: die Melodie paßt am besten zum letzten Vers: Und sprächen Trost mir ein.

      Da kommt aber die letzte Strophe. Heine wechselt zuerst die Farben. wüßten -> wissen. Es kommen kurze Silben, offene Laute (können, wissen). Die weiblichen Endung ist hier auf einer kurzen Silbe, was das "s" noch beißender macht.
      Schumann hier moduliert von a-moll Richtung g-moll. Dazu rahmt er den pianistischen Blumenteppich ein mit Achteln über und unter den Zweiunddreißgsteln.
      In den letzten zwei Versen kommt die Giftspritze: "selbst zerrissen" mit Konsonantenhäufung und offenen kurzen Vokalen. Schumann zerreißt hier buchstäblich den Blümchenteppich im Klavier und läßt im Nachspiel die Fetzen fliegen.

      Josef Protschka und Helmut Deutsch bzw. Peter Schreier/Norman Shetler machen es für meinen Geschmack am besten.
      Bei Bostridge/Drake würde ich bemängeln, daß er bei "zerrissen" etwas over the top ist und auch daß er wüßten kurz singt. Klar, in der neuen Rechtschreibung ist es "wüssten", aber eine lang Silbe paßt für mich besser, was den Text und die Musik betrifft.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Du hast völlig recht Wolfram, Wunderlich wirkt manchmal eine Spur zu unbekümmert - das trifft es gut, finde ich. Den 66er Zyklus kenne ich noch nicht! Danke für den Tipp!
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Philbert schrieb:

      Schumann folgt aber Heine ganz klug: der erquickende Gesang, der in der zweiten Strophe fröhlich erschallen soll, wird gar nicht in der Komposition angedeutet, es bleibt das "heilende Weinen". Keine strophische Variation im romantischen-Klischee Teil. Kleiner Trost in dieser schmalzigen Welt: die Melodie paßt am besten zum letzten Vers: Und sprächen Trost mit ein.

      Da kommt aber die letzte Strophe. Heine wechselt zuerst die Farben. wüßten -> wissen. Es kommen kurze Silben, offene Laute (können, wissen). Die weiblichen Endung ist hier auf einer kurzen Silbe, was das "s" noch beißender macht.
      Schumann hier moduliert von a-moll Richtung g-moll. Dazu rahmt er den pianistischen Blumenteppich ein mit Achteln über und unter den Zweiunddreißgsteln.
      In den letzten zwei Versen kommt die Giftspritze: "selbst zerrissen" mit Konsonantenhäufung und offenen kurzen Vokalen. Schumann zerreißt hier buchstäblich den Blümchenteppich im Klavier und läßt im Nachspiel die Fetzen fliegen.
      Sehr schön formuliert :) Besonders Dein letzter Satz. Man merkt hier - und eigentlich bei allen Stücken des Zyklus - wie genau Schumann den Ton Heines trifft, wie die Musik den Text interpretiert, ihm eine zusätzliche Dimension verleiht.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Hallo Philbert! Du hast Deinen Beitrag zwar nicht an mich gerichtet, aber ich habe ihn mit großem Interesse gelesen und möchte mich für die genaue Schilderung bedanken.
      Die Aufnahme von Protschka/Deutsch kannte ich nicht, ich habe sie eben gehört, gefällt mir sehr gut! (abgesehen davon, dass ich Helmut Deutsch vor fast genau einem Jahr mit der Dichterliebe gehört habe und er da ziemlich oft danebengehaut bzw. gut hörbar mitgegrunzt hat).

      Aber ist "wüssten"/"wüßten" nicht sowieso eine kurze Silbe, unabhängig von der Rechtschreibung? Bin aber kein Germanist.
      Auch wenn zu Heine/Schumann natürlich eine lange Silbe an dieser Stelle besser passen würde.
    • Sadko schrieb:

      Aber ist "wüssten"/"wüßten" nicht sowieso eine kurze Silbe, unabhängig von der Rechtschreibung?
      Freilich - ohne jetzt den Schumann-Heine-Capriccio-Kontext zu kennen.

      EDIT: Hier sehe ich gerade den Kontext:

      Philbert schrieb:

      Dazu die Konjunktive, die dazu beitragen, daß fast alle betonten Silben lang sind (wüßten, ließen, men, sprächen, aber auch tief, heilen, weinen, traurig ...).
      Wie gesagt: Spreche ich bei "wüssten" die betonte Silbe lang, ist es zumindest kein korrektes Deutsch, das dürfte klar sein.

      Was der schönen Beschreibung von Philbert natürlich keinen Abbruch tut.

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Spreche ich bei "wüssten" die betonte Silbe lang, ist es zumindest kein korrektes Deutsch, das dürfte klar sein.
      Lassen wir es als Positionslänge gelten.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Die Menschen heute sind ziemlich arrogant in der Beurteilung dessen, was gut ist und was nicht. Die Beurteilung der Kunst einer anderen Zeit gehört zum Schwierigsten." - Nikolaus Harnoncourt, Interview vom 22. Juni 2007 (harnoncourt.info/ich-bin-eifoermig/)
    • Wiaßertn stimmt, und auch, dass "ia" langes "ü" ersetzen kann (süß --> siaß). Allerdings wird das "ia" in "wiaßert" anders gesprochen als in "siaß". In zweitem wird das i nämlich gedehnt (zumindest in Wien).

      Allerdings verstehe ich den Wienbezug noch nicht ganz. Schumann war Sachse, während Heine und Protschka eher Deinen Gefilden entstammen. Philbert wiederum stammt aus der Heimat Asterix'. :)
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Quasimodo schrieb:

      andréjo schrieb:

      Spreche ich bei "wüssten" die betonte Silbe lang, ist es zumindest kein korrektes Deutsch, das dürfte klar sein.
      Do müsst ma vielleicht an Weaner zu befrogn!
      Da Weana sogt da, doss "wüüst" "willst" heißt und nicht "wüsste". "Ich wüsste" wäre "I wiaßert". :alter1: 8)
      So wäit hobbi ned dochd jetzerd.
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Irgendwie muss ich den Bezug zur Sache verloren haben, hatte tatsächlich Schubert im Kopf :versteck1:

      Kann vielleicht mal ein Sachse ...

      (Zu Düsseldorf möchte ich vorsichtig sein, das ist ja schon niederrheinisch. Etwas weiter südlich ist das aber ganz sicher eine kurze Silbe.)
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur