Berg: "Lulu" - Aalto-Theater Essen, 23.01.2010

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    • Berg: "Lulu" - Aalto-Theater Essen, 23.01.2010

      Die Oper „Lulu“ von Alban Berg hat es längst geschafft, zum festen Repertoire der Opernhäuser gerechnet werden zu können. Die Musik verschreckt nicht mehr, sie ist kein Risiko mehr für ein Theater, die Vorstellungen sind oftmals gut besucht, nicht nur in den Premieren.

      Das war nun auch in Essen so, wo die zweiaktige Originalfassung, erweitert um die wenigen Stücke, die Berg selbst noch für den dritten Akt fertig komponieren konnte, soeben Premiere hatte.

      Das Ereignis des Abends ist sicher das Orchester des Opernhauses Essen und dessen Chefdirigent Stefan Soltesz, der mit bewundernswerter Finesse die anspruchsvolle Partitur von Berg zum Klingen gebracht hat.

      Detailreich, federnd, dramatisch zupackend, aufblühend und rhythmisch präzise kommen die Klänge aus dem Orchestergraben und Soltesz dirigiert das so, als wäre Berg die logische Weiterentwicklung aus der Spätromantik. Vertraut klingt die Musik, wenn sie so interpretiert wird, kein bisschen kühl oder nach akademisch-strenger „Zweiter Wiener Schule“.

      Dass Soltesz darüber hinaus auch ein sänger/innenfreundlicher Dirigent ist, der sich bemüht, immer im Kontakt mit der Bühne zu bleiben und die Sänger/innen zu unterstützen, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

      Die Regie der „Lulu“ im „Aalto-Theater“ hatte Dietrich Hilsdorf übernommen, das Bühnenbild stammte von Johannes Leiacker, die Kostüme entwarf Renate Schmitzer.

      Hilsdorf rückt die Oper wieder stärker an die literarische Vorlage von Wedekind heran, so erhalten die handelnden Personen ihre ursprünglichen Namen zurück, der Maler heisst z. B. wieder Walter Schwarz oder der Gymnasiast Alfred Hugenberg. Aus der Garderobiere wird in einer rollenmässigen Uminterpretation die Verlobte des Dr. Schön, Charlotte Marie Adelaide von Zarnikow. Das bringt nicht wirklich einen Zugewinn für die Oper, aber es stört auch nicht weiter.

      Immer wieder beeindruckend: die Bühnenräume, die Johannes Leiacker zu bauen versteht. Hier findet die komplette Handlung in einer Art Loft statt – ein riesiger Raum, der mit Versatzstücken (ein Bett, ein Sofa, eine kleine Bühne) immer leicht verändert wird.

      Während der Zwischenmusiken kann das Publikum beim Umbau der Bühne zusehen. Allerdings nicht live, sondern als Videoeinspielungen auf dem Zwischenvorhang. Das ist ein schöner Effekt, besonders, wenn sich dann der Vorhang wieder hebt und das Ergebnis der Arbeiten, die man nur vermeintlich gesehen hat, auf der Bühne erscheint.

      Hilsdorf erzählt die Geschichte der „Lulu“ eng an der Vorlage entlang – er tut dies, ohne dabei sonderlich innovativ zu sein, aber auch, ohne all zu sehr zu langweilen.

      Der Maler ist hier mehr ein Fotograf, dessen Bilder der hingemeuchelten Lulu das zweite Bild bestimmen werden, im ersten Bild lässt Dr. Schön seine aktuelle Geliebte, Charlotte von Zarnikow potraitieren, während der Maler sich an Lulu ranschmeisst, die zu dem Zeitpunkt noch die Gattin des Gerichtsmediziners Dr. Goll ist, der das Paar inflagranti erwischt und am Herzschlag stirbt.

      Schigolch ist ein Penner auf Krücken, der Kammerdiener ein schwarz geschminkter Weisser, der den Prinzen aus Afrika spielt, die Geschwitz ist eine Salonlesbe, das alles ist unspektulär und lebt eigentlich nur von der konventionellen, aber stimmigen Personenführung.

      Geschickt nutzt Hilsdorf den grossen Raum, reichert ihn an mit Statisten als Galerie- oder Theaterbesucher, während die Haupthandlung meist im Vordergrund stattfindet.

      Auch das Ende passt zu dieser Arbeit: die Männer der Handlung (auch die Toten) versammeln sich, trinken was miteinander und der Maler Schwarz wird Lulu die Kehle durchschneiden. Jetzt sieht sie so aus, wie auf einem der Bilder in der zweiten Szene.

      Die Geschwitz ist die einzige, die Mitgefühl mit Lulu zeigt, während die Männer zum Applaus an die Rampe treten.

      In Julia Bauer hat Essen eine sängerisch gute Lulu gefunden, die vor allem in der Höhe und bei den Koloraturen überzeugen kann – glasklar und auch noch befähigt, die schwierigen Töne zu modulieren. Darstellerisch legt sie die Lulu zurückhaltend an, mehr Opfer einer Männerwelt, als männerverzehrende Phantasie.

      Ebenfalls sängerisch gut der Dr. Schön des Heiko Trinsinger, wortverständlich und stimmstark. Darstellerisch bleibt Trinsinger etwas einseitig, die Mimik beschränkt sich auf das Ausdrucksspektrum von gefühlten drei Gesichtsausdrücken.

      Angestrengt der Tenor Thomas Piffka als Alwa, nicht jeder Ton sitzt, aber gegen Ende zwingt sich Piffka geradezu, die Höhenexkursionen seine Partie mit Anstand zu bewältigen.

      Souverän der Rodrigo von Almas Svilpa, mit flackerndem, unruhigem Mezzo stattet Bea Robein die Geschwitz aus.

      Starker Beifall, besonders für Soltesz und sein Orchester, aber auch für die Sängerinnen und Sänger, sowie für Johannes Leiacker und Renate Schmitzer.

      Dietrich Hilsdorf liess sich von niemandem dazu bewegen, auf die Bühne zu kommen – was befremdet: so schlecht war die Inszenierung doch gar nicht.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • hallo alviano,

      vielen dank für deinen,wie immer, sehr informativen bericht.

      ich bin noch in der entscheidungsfindung,ob ich mir "lulu" auch wirklich antun werde.leider bin ich im moment zeitlich recht eingespannt.

      eventuell gehe ich in eine der nä. vorstellungen auf restkarten.

      lg yago
    • "Lulu" in Essen und Münster

      yago schrieb:

      ich bin noch in der entscheidungsfindung,ob ich mir "lulu" auch wirklich antun werde.leider bin ich im moment zeitlich recht eingespannt.eventuell gehe ich in eine der nä. vorstellungen auf restkarten.


      Lieber yago,

      wäre denn für Dich nicht der Vergleich zwischen der Produktion in Essen (Zweiaktige Originalfassung, ergänzt um die Fragmente des dritten Aktes) und der nun herauskommenden Neuinszenierung in Münster (Dreiaktige Cerha-Version) interessant?

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • ich glaube nicht,dass ich diese musik 2x hintereinander durchstehe.
      ich habe lulu vor 12 oder 13 jahren in MS das erste mal gesehen(auch ´ne hilsdorf-inszenierung),fand es zwar spannend,(aber diese musik)...
      in MS war das bühnenbild komplett leer,nur riesige buchstaben,die den titel bildeten,lagen kreuz und quer herum.

      es gibt bestimmt liebhaber dieser musik,die sich das hier und dort anschauen.
      ich glaube ich nicht.
      lg yago