Monteverdi: "L´incoronazione di Poppea" - Theater an der Wien, 21.01.2010

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Monteverdi: "L´incoronazione di Poppea" - Theater an der Wien, 21.01.2010

      Das kleine, aber feine „Theater an der Wien“ war bei der letzten Premiere vermutlich ausverkauft, zumindest im Parkett gab es keinen freien Platz mehr.

      Da betritt direkt vor Beginn der Vorstellung noch eine elegant gekleidete Dame den Zuschauerraum und schlängelt ich durch die 1. Reihe, um, ihre Karte studierend, vor Platz No. 11 stehen zubleiben. Dieser ist mit einer Nonne besetzt und es entsteht ein verbaler Streit, wer von den beiden so unterschiedlichen Frauen denn nun die rechtmässige „Besitzerin“ des streitigen Platzes ist.

      So beginnt die Premiere der Oper „L´incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi im Opernhaus am Naschmarkt in Wien, als Co-Produktion mit dem „Glynbourne Festival“ und der „Opéra National de Bordeaux“.

      Robert Carsen, der Regisseur, lässt dann die beiden Damen streitend und singend, es sind Fortuna und Virtù, die Bühne erklettern, der burschikose Amor verkomplettiert die Personen des Prologes.

      Auf der Szene nur ein grosser, roter Vorhang, der beweglich montiert ist und verschiedene Räume der Handlung andeuten wird, raumbestimmend sind dann als einzige Dekorationsteile ein Bett und eine Badewanne.

      Mehr braucht Carsen nicht, um seine recht konventionell ausfallende „Poppea“ zu bebildern. Die Kostüme, zeigen ein nicht näher konkretisiertes Heute, die Herren im Anzug, die Damen in Gesellschaftskleidung, die Soldaten sind Leibwächter, die mit Pistolen bewaffnet sind, die Riege der Dienstmädchen im klassischen schwarzweiss aus Kleid und Schürze.

      Beide Ammen-Partien sind mit Männern besetzt, der Tenor Marcel Beekman (Arnalta) und der Countertenor Andrew Watts (Nutrice) überziehen ihre Travestie gründlich, das kommt beim Publikum gut an, besonders, wenn Beekman am Ende irgendwie wie die englische Queen gekleidet über den gesellschaftlichen Aufstieg nachdenkt.

      Eine wirkliche Zuspitzung der Handlung fehlt – die ganzen Intrigen, das Streben nach Macht, dieses jede/r gegen jede/n, das satirisch/ironische, es bleibt weitgehend Andeutung.

      Carsen konzentriert sich auf eine Nacherzählung der Handlung, verlässt sich auf das darstellerische Vermögen seiner Sängerinnen und Sänger und bricht nur ansatzweise aus diesem Schema seiner Inszenierung aus.

      Beispielsweise in der Szene Nerone – Lucano, wo Lucano erst von den Leibwächtern bis auf die Undershorts ausgezogen und dann in die (volle) Badewanne gelegt wird, woselbst der in korrektem Anzug und mit Lackschuhen bekleidete Nerone erst mal gleichgeschlechtlich zudringlich und dann unter Mithilfe seiner Leibwächter zum Mörder an Lucano werden wird. Die Gruppe ertränkt Lucano einfach.

      Oder auch am Ende, wenn Poppea zur Kaiserin gekrönt wird: alle geladenen Gäste sitzen auf ordentlich gestellten Stuhlreihen und alle werden unter dem roten Vorhang begraben, den Poppea als Mantel über die Szene nach vorne ziehen wird.

      Musikalisch leitet Christopher Moulds den Abend, er dirigiert das kleinbesetzte „Balthasar-Neumann-Ensemble“, das klingt alles frisch und gut gearbeitet, das Continuo begleitet abwechslungsreich und lässt den Abend kurzweilig wirken.

      Gesungen wird sehr unterschiedlich. Vor allem Anna Bonitatibus als Ottavia weiss mit ihrem mächtig auftrumpfenden Mezzo zu gefallen, aber auch Lawrence Zazzo (Ottone) unterstreicht, dass er zu den besten Countenören gehört, die im Moment auf der Bühne zu erleben sind.

      Sehr ordentlich schlägt sich Marcel Beekman (Arnalta) mit der für einen Tenor unangenehm liegenden Partie der Amme der Poppea, schwächer der Countertenor Andrew Watts als Amme der Ottavia.

      Juanita Lascarro, die Poppea, sieht blendend aus, und erreicht sängerisch zumindest eine weitgehend akzetable, wenngleich keine wirklich gute Leistung.

      Das gilt auch für den Sopranisten Jacek Laszczkowski als Nerone, der in seinen besseren Momenten allerdings noch immer beeindruckend ist, was dann über einige flache Passagen hinweghilft.

      Bei den kleineren Partien bleiben einige Wünsche offen, das Publikum feierte nachhaltig alle Ausführenden dieser Monteverdi-Produktion.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Für an Live-Opernberichten Interessierte: Severina hat auch eine Rezension zu dieser Aufführung geschrieben. Man kann sie im Klassikforum lesen, auch ohne sich da anzumelden.

      Ich liebe deise Oper sehr und erinnere mich an eine Aufführung unter der Leitung von René Jacobs vor langer Zeit in Köln, die mir damals serh gewagt schien, aber die ich hervorragend fand. Die Ammen waren damals Counter und hatten eher komische Figuren zu verkörpern. Für mich muss Arnalta ein richtiger Alt sein, aber das ist ja heute leider aus der Mode..... :wut2:
      Die Carsen Inszeneirung klingt in jedem Fall spannend. Wobei ich die Besetzung des Nerone mit Tenor natürlich bei weitem vorziehe, obschon ein möglichst affektierter Counter dem Charakter, den die Nachwelt dem Nero verpasst hat, vielleicht eher gerecht werden kann.
      Das schlussduett Poppea/Nerone "Pur ti miro pur ti godo" ist eines der schönsten Duette der Operngeschichte und darf m.E. nciht von schlechten oder unglaubwürdigen verschandelt werden. Warum ist Nerone ein Sopranist und kein Altus? Die Partie liegt eindeutig tiefer als die Poppea udn schon die ist kein hoher Sopran. wie geht das dann im Duett? Ist das eine Bearbeitung oder gibt es mehrere Versionen?

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Für mich muss Arnalta ein richtiger Alt sein, aber das ist ja heute leider aus der Mode


      Liebe Fairy,

      die Rolle der "komischen Alten" war zu Monteverdis Zeiten Männern vorbehalten (siehe z. B. auch Cavallis "La Calisto" - die Linfea), somit mag es zwar pragmatische Gründe geben, auf eine Sängerin zurückzugreifen, dem Original entspricht aber tatsächlich die Besetzung mit Männerstimmen.

      Wobei ich die Besetzung des Nerone mit Tenor natürlich bei weitem vorziehe


      Auch hier gilt: es kann pragmatische Gründe geben, die Partie des Nerone mit einem Tenor zu besetzen. Geschrieben wurde sie für einen Soprankastraten, die Besetzung mit dieser Stimmlage entspricht also dem Original.

      Warum ist Nerone ein Sopranist und kein Altus?


      s. o. Bei Jacek Laszczkowski ist allerdings "Sopranist" die korrekte Stimmlagenbeschreibung. Laszczkowski gehörte vor einigen Jahren (neben Max-Emanuel Cencic und Jörg Waschinski) zu den führenden Vertretern dieses Faches (bemerkenswert, wie dieser Sänger selbst die Violetta Valery - im "Trinklied" - singen konnte) und da mir sein Nerone in der Hamburger Produktion der "Poppea" noch in bester Erinnerung ist, weiss ich, was er eben jetzt nicht mehr so richtig gut hinbekommt. Laszczkowski hat dann angefangen, mit schweren Tenorpartien - z. B. dem Otello von Verdi - zu experimentieren, wobei er allerdings dabei nicht annähernd die Qualität erreichte, die seinen Sopran auszeichnete, bekommen ist ihm dieser Ausflug in ein ganz anderes Fach hörbar nicht.
      Der Kunst ihre Freiheit