Schubert / Wilhelm Müller: Die Winterreise - Wenn der Boden entzogen ist... eine Annäherung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Zu der o.g. Winterreise mit Bauer / Immerseel....

      Das ist eine großartige Aufnahme! In jeder Hinsicht. Ich gebe gerne zu, dass ich sehr durch die diversen FiDi-Winterreisen geprägt bin. Andere Aufnahmen – z. B. von Pregardien oder Güra – fand ich ganz gut, aber nicht annähernd so überwältigend. Die Aufnahme von Thomas E. Bauer und Jos van Immerseel (am Hammerflügel Christopher Clarke, 1988) ist einfach nur begeisternd, ich würde sie ohne Zögern den FiDi-Interpretationen zur Seite stellen. Gerade der wunderbare Klang das verwendeten Instruments trägt zur Stimmung bei.

      Ein Rezensent auf der NDR-Kultur-Seite schrieb sehr richtig:

      Der Ton tiefer Traurigkeit

      Eine ungewohnte Farbe: Nicht so brillant und klar wie der moderne Steinway, sondern beinahe milchig verschwommen und ein bisschen heiser - dieser Hammerflügel lässt uns aufhorchen. Er sorgt für eine zerbrechliche, dunkle Stimmung.
      Diese fragile Grundierung durch das Instrument gibt dem Sänger alle Freiheiten. Und die nutzt Bauer für eine eindringliche Interpretation. Mit seinem edlen Baritontimbre erzählt Bauer die Geschichte des einsamen, enttäuschten und lebensmüden Winterreisenden. Dabei trifft er den typisch Schubertschen Ton tiefer Traurigkeit geradezu erschütternd genau: Es ist kein schreiender Schmerz, der den Hörer anspringt, sondern meist eine leise, nach innen gekehrte Wehmut.


      Bauer hat ein betörendes Timbre, er singt in der Tat sehr eindringlich und ausdrucksstark, alles fließt dabei ganz natürlich. Die Stimmfärbung und der Klang des Instrumentes harmonieren perfekt miteinander.

      Meine Lieblingsaufnahme der Winterreise.
    • Carola schrieb:


      Was dort über den Klang des Fortepianos gesagt wird, lässt mich allerdings Abstand nehmen. Auch die Hörproben bestätigen mir den allzu dürftigen Klang.

      Gruß, Carola
      Ich wollte mir diese Aufnahme der Winterreise eigentlich zulegen, weil mich das Hammerklavier interessierte. Aber nachdem es in einem anderen Forum kritisch besprochen wurde, habe ich noch mal reingehört: Ich weiß nicht, von welchem Speicher das Hammerklavier stammt, es klingt in meinen Ohren ziemlich erbärmlich. Vielleicht auch ein Problem der Aufnahmetechnik. Ich habe die CD dann auch storniert - außerdem habe ich inzwischen wirklich genug Aufnahmen der Winterreise, allein 3 oder 4 von FiDi.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Ich höre gerade eine unglaublich gute, aber völlig unbekannte Winterreise in HIP. Paul Sturm an einem Neupert-Fortepiano von 1815, ein Nachbau, was ich ja nicht so gerne mag, der Diskant ist meist etwas farbloser als bei den Orginalen, so auch hier. Nichtsdestotrotz klingt das Instrument sehr schön, ausgeglichen und warm, ein idealer Klang für HIP-Anfänger.

      Es singt der Bariton Christian Peter Rothemund, der mir ebenso wie der Pianist gänzlich unbekannt war. Und: er ist verblüffend gut, sehr lyrisch aber ohne Pomade, vielseitig in der Empfindung. Angenehm wenig Metall in der Stimme, denn bei Schubert würde das ja gar nicht gehen (deshalb kann ich Schreier auch nicht so ganz ab).

      Die Aufnahme ist etwas trocken, wie ich finde. Aber letztlich ist das eine Marginalie. Kurz und gut: diese Einspielung ist eine wirkliche Überraschung, und zwar eine gute, denn ich hatte bei der Winterreise auch schon böse, was abseitige und seltene Aufnahmen anbelangt.

      Die CD erschien 1995 bei dem Label MITRA (kenn ich auch nicht). Und man kann sie noch für zehn Euro auf des Sängers Webpage bestellen:

      "http://www.christian-peter-rothemund.de/discographie/"




      --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Ich höre gerade die "komponierte Interpretation" der "Winterreise" von Hans Zender aus dem Jahr 1993. Auf der Suche nach der Besetzung bin ich auf folgende Angaben gestoßen, die ich nicht alle entschlüsseln kann:

      2(Picc).2(Eh.ad lib.Ob d'am).2(B-Klar.S-Sax).2(Kfg) – 1.1(Kornett ad lib).1.0. – Pk.Schl(3) – Akk(Windmaschine I).Hfe(Windmaschine II).Git(Windmaschine III).2 Mundharmonikas – Str: 1.1.2.1.1.

      Die Zahlen vor den Instrumenten bedeuten wohl die Anzahl der zu verwendenden Instrumente, was meinen aber die Angaben 1.1 und 1.0. bei Kornett und 1.1.2.1.1. bei den Streichern(?) ? Und was ist mit den Angaben Akk (WindmaschineI), Hfe (Windmaschine II) und Git (Windmaschine III) gemeint?

      Kann mir das vielleicht jemand erklären?

      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Lieber Christian,

      :D das hatte ich schon herausgefunden. Meine Frage zielte auf die Windmaschinen in Klammer. Warum in Klammer? Statt Gitarre, Harfe und Akkordeon? In der Aufnahme höre ich Windmaschinen und Akk und Hfe und Git.

      :wink: :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • amelia grimaldi schrieb:

      was meinen aber die Angaben 1.1 und 1.0. bei Kornett und 1.1.2.1.1. bei den Streichern(?)

      1.1.2.1.1.: eine 1. Violine, eine 2. Violine, 2 Bratschen, 1 Cello, 1 Kontrabass
      Kornett: 1 erstes und ein zweites ad lib? (1.0., wenn beide 1.1.)?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Das ist die Standardkurzschreibweise für Orchesterbesetzungen. Die Zahlen allein bezeichnen die Instrumentenanzahl der einzelnen Instrumentengruppen in folgender Reihenfolge:

      Flöten.Oboen.Klarinetten.Fagotti - Hörner.Trompeten.Posaunen.Tuben - Schlagwerk und Sonderinstrumente - 1. Geigen.2. Geigen.Bratschen.Celli.Kontrabässe.

      In Klammern notiert sind immer Alternativinstrumente die ein Spieler (normalerweise der letzte) der Instrumentengruppe im Wechsel zu bedienen hat.

      Die Besetzung für das angegebene Beispiel lautet also:
      2 Querflöten, die 2. auch Piccolo
      2 Oboen, die 2. auch Englischhorn, nach Belieben auch Oboe d´amore
      2 B-Klarinetten, die 2. auch Sopransaxophon
      2 Fagotti, das 2. auch Kontrafagott
      1 Horn
      1 Trompete, nach Belieben auch Kornett
      1 Posaune
      keine Tuba
      1 Satz Pauken
      weiteres Schlagwerk für insgesamt 3 Spieler
      1 Akkordeon (auch Windmaschine 1)
      1 Harfe (auch Windmaschine 2)
      1 Gitarre (auch Windmaschine 3)
      2 Mundharmonikas
      1 1. Geige
      1 2. Geige
      2 Bratschen
      1 Violoncello
      1 Kontrabass

      Tharon
    • Lieber Tharon,

      danke für die nun wirlich umfassende Information zur Besetzung!

      Die Moderation kann meine Frage und die Antworten gerne aus diesem Thread verschieben, wenn der Winterreise-Thread dadurch nicht "gestört" werden soll!

      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Habe heute gleich eine persönliche Doppel-Premiere gehabt, habe nämlich das erste Mal "Winterreise" mit einem Tenor gehört, und dann speziell das erste Mal den Sänger Werner Güra (dessen Name mir schon geläufig war) :



      Wie gesagt, war ich bisher bei diesem Zyklus an Baritone gewöhnt, weil ich fand, dass die tiefere Stimmlage die Stimmung des Zyklus' anschaulicher macht und zur Atmosphärik beiträgt, aber Güra gefällt mir unglaublich gut und belehrt mich eines enorm Besseren. Nicht nur, dass der Mann eine wunderbare Stimme hat, auch seine Gestaltung sagt mir sehr zu; er ist nicht nur stimmlich der verirrte Jüngling, auch sein Ausdruck lässt (im positiven Sinne) an so eine jugendliche manchmal ungestümme, manchmal verletztliche Seele denken...man höre nur einmal sein "...dass ich geweinet hab" aus "Gefrorene Tränen". Dieser Wechsel, diese Unbeständigkeit im Temperament, das teilweise Getriebene macht den Zyklus für mich nochmal ganz anders, als ich ihn sonst kannte und gesehen habe.
      Auch der Pianist Christoph Berner (der auf historischen Flügel spielt) trägt enorm zu dieser Stimmung bei, sein Spiel ist ebenso wechselhaft hitzig bis getragen und unterstreicht nicht nur den Vortrag, sondern fügt ihm wesentliche Aspekte hinzu. Zb in "Die Post" hüpft das Piano regelrecht wie das besungene Herz und sogar der Wanderer selbst scheint fast ein wenig zu tänzeln und dann wieder Güras fast schon nonchalantes "...Nun ja, die Post kommt aus der Stadt / Wo ich ein liebes Liebchen hat..."
      "Der Lindenbaum" ist auf dieser Aufnahme für meine Erfahrung zunächst sehr langsam, sehr getragen, was eine besondere Spannung aufbaut, die sich dann plötzlich in den kleinen Ausbrüchen innerhalb des Liedes auflöst um kurz darauf wieder in die vorherige Getragenheit zurückzuschwingen.
      "Der Leiermann" ist mir persönlich dann hier auch unglaublich bedrückend geraten, Güras schöne Stimme mit dem dumpfen Unterton von Gedrücktheit, manchmal mit einem Hauch Trauerflor darin, ist nie lamoryant, aber tief bewegend, sehr subtil schleicht sich hier das Graue ins Gemüt.
      Ich bin froh, es mit dieser CD versucht zu haben.

      Wer weiß, vielleicht werde ich demnächst auch mal bei Schreier und Bostridge reinhören.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Ja! Schreier (mit Schiff) und Güra sind ausgezeichnet, radikaler und polarisierender sind Prégardien (mit Staier) und vor allem Peter Anders (mit Raucheisen - eine Wahnsinnsaufnahme!).

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Zum "Wahnsinn" gehört sicher, dass diese Aufnahme Anfang 1945 gemacht wurde, als die Russen schon auf Berlin marschierten. Peter Anders singt diesen Zyklus nicht perfekt, aber gerade das ist so angemessen. Mit schöner Stimme dies Werk erobern, wie etwa Thomas Hampson, finde ich weniger überzeugend

      Anders hat 1948 eine zweite Aufnahme gemacht, die ich allerdings nicht so berührend finde wie diejenige von 1945.

      Dann kam ja auch schon Fischer-Dieskau mit seiner ersten Aufnahme ( Billing) und die Maßstäbe änderten sich.
    • Guten Tag, Succubus.

      Succubus schrieb:

      Wer weiß, vielleicht werde ich demnächst auch mal bei Schreier und Bostridge reinhören.


      Falls die Tonqualität von (gutem) MP3-Format reicht, kann man hier Ian Bostridge (begleitet von Julius Drake) entgeltfrei hören:

      "http://concerthuis.radio4.nl/concert/2690/Van_het_internationale_concertpodium_Ian_Bostridge_zingt_Schuberts_Winterreise?work=11057"

      Der niederländische Radiosender Radio4 stellt vieles vom Rundfunkarchiv frei zur Verfügung für variierende Zeiträume von 30 bis 90 Tagen. Einfach mal unter "het Radio 4 Concerthuis" stöbern, man findet ständig irgendwas Interessantes.

      Schönen Tag.
      Penthesilea
      Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams
    • Philbert schrieb:

      Nicht zu vergessen: Ernst Haefliger, Christoph Prégardien und Peter Pears.

      Mauerblümchen schrieb:

      vor allem Peter Anders (mit Raucheisen - eine Wahnsinnsaufnahme!).

      Haeflinger und Prégardien kenne ich zumindest ausschnittsweise, wobei mir rein stimmlich Haeflinger weniger, Prégardien sehr zusagt. Pears würde ich auch sehr gerne hören (den preist ja sogar Kesting bei diesem Zyklus).
      Gibt es alle leider nicht auf yt :( ...und bei Anders nur die 1948er Aufnahme.

      Habe mir nun Bostridge und Drake zu Gemüte geführt, die Einspielung zu dieser DVD :



      Ganz ehrlich, hat mir das überhaupt nichts gegegben, keinen einzigen Moment von echter Anteilnahme (und die Bilder helfen da auch nicht weiter). Ich würde ja nicht mal behaupten, das Bostridge schlecht singt, aber von reinem Ausdruckswille kommt da bei mir gar nichts an. Wenn überhaupt makiert Bostridge die jugendliche Verletztlichkeit höchstens auf eine Art und Weise, die mir total fern bleibt, weil sie eben oberflächlich wirkt, künstlich konstruiert, fast schon arrogant. Von den kleinen Unebenheiten im Deutschen kann ich absehen, aber mit dieser Art Nicht-Interpretation, die eher eine Präsentation (von was auch immer) ist, damit kann ich nichts anfangen.
      Auch Drake am Piano bliebt mir absolut nichts sagend, alles plätschert so vor sich hin, das Piano ist hier wirklich zu nichst als unauffälliger Begleitung degradiert (oder degradiert sich selbst...wer weiß).
      Letztlich eine Enttäuschung :|
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"