Schubert / Wilhelm Müller: Die Winterreise - Wenn der Boden entzogen ist... eine Annäherung

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    • Succubus schrieb:

      Ich kenne diese Quasthoff/Barenboim-Version und kann ihr nicht so viel abgewinnen. Quasthoff klingt für mich teilweise sehr manieriert und Barenboims Piano-Part finde ich auch eher lahm.

      So unterschiedlich sind eben die Meinungen!
      ;+)
      "Quasthoff
      versteht Erschütterungen hervorzuhauchen. Er singt zielsicher und genau
      mit vor innerem Aufruhr scheinbar versagender Stimme. Er taucht tief ein
      in die Seelenzustände des Wanderers und gibt ihnen wundervoll Laut. Er
      ist der Sänger der Einsamkeit. Darin ist er unvergleichlich. Dabei läßt
      ihn Barenboim als abseits sitzender Klaviergefährte keinen Takt lang im
      Stich. Er unterstreicht, was Quasthoff singt, auf die denkbar
      mitempfindsamste Weise" (Berliner Morgenpost).

      Liebe Grüße

      Yorick


      Hoffnung ist etwas für Leute, die unzureichend informiert sind. (Heiner Müller)
    • Succubus schrieb:

      Viel eher als die Meinung irgendeines Journalisten würde mich ja deine eigene Meinung dazu interessieren.

      Nicht bevor Palestrina seine Aufnahme gehört hat. Meine Favoriten aber auch hier PS und DFD; maximal noch Anders, Prey, Lorenz ...
      Liebe Grüße

      Yorick


      Hoffnung ist etwas für Leute, die unzureichend informiert sind. (Heiner Müller)
    • Höre eben zum zweiten Mal diese :



      Mal wieder ein Bariton...über diese Aufnahme lhabe ich immer viel Gutes gelesen, weshalb ich neugierig war (zum Glück gibt es sie in unserer Bibliothek).
      Erstmal musste ich mich etwas an Goernes Stimme gewöhnen, war keine sofortige Liebe. Was mir allerdings sofort zusagte, war Brendels Pianospiel, sehr bildlich, gefühlvoll, fast schon sinnlich, sehr autonom ohne das es störend wirkt. Bisher empfinde ich Goernes Interpretation als hauptsächlich homogen, anders als zB Güra, der von einer Art Wechsel bestimmt ist (was definitiv nicht negativ ist). Ich mag Goernes Tiefen, die imposant und dreuend klingen und mich beeindrucken, die eher lyrischen Passagen singt er ohne Frage hervorragend, mir persönlich fehlt es allerdings etwas an, zarter Durchdringung, in diesen Passagen finde ich ihn allgemein schwächer.
      Trotzdem eine ganz hervorragende Aufnahme, die mir gut gefällt.

      Leider muss ich dazu sagen, dass die Gesamtheit etwas gelitten hat, weil die CD in nicht mehr allzu frischen Zustand ist und deswegen an den ein oder anderen Stellen gesprungen ist, sodass mir hier und da einige Stücke fehlen. :(
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Ich habe die Beiden vor Jahren live in der Alten Oper Frankfurt erlebt und meine Eindrücke woanders im Forum geschildert. Musikalisch war das Ganze beeindruckend, optisch jedoch leider keineswegs, denn Goerne fasste sich bei jedem Lied mindestens zwei Mal an die Nase. Was zunächst eher harmlos begann, wurde mit der Zeit immer irritierender und ärgerlicher, weil man kaum noch zuhörte, sondern nur noch auf diesen " Running Gag" fixiert war. Hinzu kam - statt Abendanzug, Smoking oder Frack - eine Art Bratenrock, dessen Ärmel so lang waren, dass man die Hände nur noch erahnte.
      Wie wichtig sind doch Gestik, Mimik und adäquate Kleidung!

      Ciao. Gioachino :shake:
      miniminiDIFIDI
    • Eine Neuadaption oder Annäherung an die Winterreise findet sich auf dieser CD, die von ö1 den Pasticcio- Preis erhalten hat. Lia Pale, die Sängerin, wird unterstützt von Matthias Ruegg (Klavier), der auch für das Arrangement zuständig war, sowie Harry Sokal (Saxophon), Ingrid Oberkanin (Schlagzeug) und Hans Strasser (Bass).

      Hörschnipsel gibt es hier:



      Ich werde mir die CD am Wochenende herunterladen und dann berichten.

      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Diese Winterreise habe ich gehört:

      Es ist eine Winterreise der Brüche.
      Erster Bruch: die Passaggio-Noten für einen Tenor sind im allgemeinen in der Region vom f'. Bis auf Erstarrung und Die Post, die ein as' verlangen, sind die höchsten Töne der Winterreise f', fis', g'. Sobald die vokale Linie sich in diesem Bereich bewegt, merkt man, wie heikel Kaufmanns Passaggio ist. Das piano ist fahl und detimbriert, droht fast zu brechen, die Tongebung wirkt künstlich, Vokalen droht die Verfärbung. Unterhalb dieser Zone, im Brustregister, klingt die Stimme sicher und gesund, das Timbre natürlich. Je nachdem, in welchem Bereich die Melodie sich befindet, wird ein Schalter umgelegt.
      Zweiter Bruch: Für die Bruststimme gibt es zwei Dynamikbereiche: rund ums mezzoforte und fortissimo. Keine großen Schattierungen dazwischen. Ein richtiges piano ist hier kaum zu finden.
      Das Timbre ist hier angenehm dunkel, "natürlich" im Gegensatz zur künstlich wirkenden Färbung im Passaggio. Jedes forte wird aber zu fortissimo, und dieses klingt vollbrüstig, ungezügelt, veristisch.

      Man kann aber nicht sagen, daß Kaufmann diese Brüche in den Dienst der Interpretation stellt. Die Brüche sind da. Wenn sie mit der Aussage zusammentreffen, hat man Glück gehabt (der unsichere Passaggio in "bin *matt* zum Niedersinken" in Das Wirtshaus), wenn nicht (Registerbruch in Rückblick oder Rast), hat man Pech und es entsteht der Eindruck, daß die Stimme, nicht der Sänger, die Interpretation diktiert. Das gleiche gilt für die Dynamik. Diese Stentor-Ausbrüche können den Eindruck von Herausforderung erwecken, wenn sie sich gemäß dem Text so deuten lassen, anderswo (Die Nebensonnen z.B.) sind sie nur brutal veristisch.

      Helmut Deutsch am Klavier ist ein feinfühliger Partner. Feinfühlig in dem Sinne, daß er keinen bloßen Hintergrund liefert, sondern kammermusikalisch mit dem Sänger zusammen agiert. Feinfühlig auch in dem Sinne, daß er sich dem Sänger anpaßt. Er kann sich nicht in Zurückhaltung in der Dynamik üben und, da Kaufmann in seinem Hauptregister so gesund klingt, drückt er auch keine Zweifel, keine Unsicherheit aus. Etwas grausam trotzdem können seine glockenhellen hohen Töne im Vergleich zum fahlen Passaggio Kaufmanns wirken.

      Hört man sich den Leiermann einzeln an, fühlt man eine echte Betroffenheit. Hat man vorher 23 Lieder mit systematischer Umschaltung gehört, so hört man nur die stimmliche Disposition heraus. Das Lied, das mir hier am besten gefällt, ist Täuschung, bezeichnenderweise ganz unterhalb des Passaggios und mit eingeschränkter Dynamik. Auch Der Lindenbaum (höchster Ton: e') ist ziemlich gelungen, obwohl man sich den Extra-Süßstoff in "so manchen *süßen* Traum" hätte sparen können.

      Um einen Vergleich zu finden, habe ich in meinen Tenor-Winterreisen gestöbert. Peter Anders war 1945 noch kein Heldentenor. Häfliger, Prégardien, Schreier, Pears, Eberhard Büchner, Bostridge, Güra ... sind auch in einem anderen Fach unterwegs (viele davon übrigens vortreffliche Evangelisten). Da ist mir Jon Vickers eingefallen.

      In seiner Studio-Aufnahme mit Geoffrey Parsons hört man auch, daß Vickers mit seinen Passaggio-Noten vorsichtig umgeht. Nun vermag er, dies in seine Interpretation einzubinden. Man hört kein Umlegen eines Schalters. Er leistet sich auch fortissimo-Ausbrüche, aber diese sind kontrolliert und ganz besonders sein "gezügeltes Fortissimo" am Ende von Das Wirtshaus ist tief beeindruckend, wo Kaufmann nur laut wirkt.
      Vickers' Timbre ist stark gewöhnungsbedürftig aber homogen. Seine deutsche Aussprache ist nicht gut, kein Vergleich zu Kaufmanns klarer Diktion. Aber, obwohl Vickers den Text nicht sehr gut spricht, hört man heraus, daß er ihn in der Tiefe versteht. Dies zeigt besonders seine Phrasierung, die einen dazu bringt, den Text zu hören, und oft eine besondere Verbindung zum Klavier aufbaut, indem der Sänger nicht nach der Melodie, sondern nach dem Text phrasiert.
      Geoffrey Parsons ist genauso feinfühlig wie Helmut Deutsch, aber auch differenzierter und weniger plakativ (in dieser Winterreise; daß Deutsch un-plakativ spielen kann, hat er in Konzerten und Aufnahmen mit anderen Sängern hinlänglich bewiesen).
      Wie Kaufmann zeigt Vickers einen langen Atem und er nützt ihn dazu, eine der längeren Winterreisen der Diskographie zu singen (diese und Kurt Molls sind unter den wenigen, die sicht nicht auf einer CD unterbringen lassen). Diese breiten Tempi sind im Verhältnis zum breiten dynamischen Spektrum.

      Ich hatte Vickers' Winterreise nicht gemocht, als ich sie nach deren Erscheinung hörte und habe sie dementsprechend ca 30 Jahre nicht mehr gehört. In diesem Zusammenhang habe ich sie jetzt wiederentdeckt. Eine eigentümliche Interpretation, die mich aber mehr überzeugt als die neu erschienene.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Danke für diese höchst informative Beschreibung. Kürzlich habe ich im Radio eine Vorstellung dieser Aufnahme gehört. Die Moderatorin war begeistert und untermauerte ihre Begeisterung mit einigen Ausschnitten. Ich hörte zu und staunte. Denn genau diese Beispiele taugten nach meiner Wahrnehmung für das Gegenteil, um zu zeigen, dass Kaufmann als Winterreise-Interpret weit entfernt ist von einer Gestaltung auf dem Niveau der besten Aufnahmen. Du Philbert, schreibst, woran das liegt: Kaufmann gestaltet nicht den Text. Aber genau darum geht es mir. Für mich persönlich ist das daher keine Winterreise, die ich kaufen möchte.
    • Succubus schrieb:

      Mich machen so viele überschwängliche Rezensionen wie auf amazon immer stutzig und wenn man dagegen dann Philberts Kritik liest, fragt man sich doch, kann man sooo verschieden hören?


      Nein sooooooo verschieden kann man nicht hören , es gibt auch sehr gute Kritiken(Fono Forum, April) u.a. aber ich bilde mir selbst eine Meinung.

      Mir gefällt diese Winterreise ausgezeichnet, ich sehe das als ein Gesamtwerk, und pflücken die Lieder nicht auseinander, denn so kann man in jeder Aufnahme gut gelungene Lieder und weniger gut gelungene finden .

      Die Winterreise mit Kaufmann hat mir das gegeben was ich bei vielen Aufn. vermisse das direkte, es ist nichts gekünsteltes dabei und geht unmittelbar ins Ohr und ans Herz !
      Fasst möchte ich sagen, wenn man Kaufmann nicht mag , kann er singen was er will , da wird man immer etwas" Negatives " finden !

      Ich für meinen Teil bin wunschlos GLÜCKLICH ! :)

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • palestrina schrieb:

      es gibt auch sehr gute Kritiken(Fono Forum, April)
      Es gibt gute Kritiken, das ist wahr, und einige sind auch gut argumentiert, aber erwähne bitte nicht die von Fono Forum!
      Ein guter Teil davon beschäftigt sich mit dem Cover, der Rest gibt nicht den Eindruck, der Rezensent hätte andere Lieder als Der Leiermann gehört.
      Es geht nicht darum, die Lieder auseinanderzupflücken, sondern anhand verschiedener Beispiele zu zeigen, daß man weiß, wovon man spricht.
      Was Christoph Zimmermann in FF überhaupt nicht macht. Aus seiner Kritik kommt nicht heraus, daß er die CD anders als flüchtig, wenn überhaupt, gehört hätte.
      Das einzige aufgeführte Beispiel, die Diskrepanz zwischen Kaufmanns und Deutschs Deutung des Leiermanns, wird mit so frappierend ähnlichem Wortlaut in so vielen Rezensionen erwähnt, daß der Gedanke aufkommt, es sei im Presse-Dossier zu finden.

      Ich habe hier und da viel aufschlußreichere positive Kritiken über diese Aufnahme gefunden.

      palestrina schrieb:

      Ich für meinen Teil bin wunschlos GLÜCKLICH !
      Es steht keinem an, Dir Dein Glück streitig zu machen.
      Sooooooooo verschieden kann man schon hören. Jeder hat einen anderen Fokus. Die Winterreise ist ein Werk, das höchst subjektive Reaktionen herausfordert, und es ist auch gut so :-).

      palestrina schrieb:

      Fasst möchte ich sagen, wenn man Kaufmann nicht mag , kann er singen was er will , da wird man immer etwas" Negatives " finden !
      So eine subjektive Komponente kann auch eine Rolle spielen. Was mich betrifft, so habe ich als kleingeistiger Opernidiot ihn live schon in seinen frühen Jahren in Zürich erlebt (ein toller Idomeneo z.B. und auch eine Winterreise 2006 oder 2007), war von seinem Werther in Paris begeistert ... In letzter Zeit hat mir nicht alles von dem gefallen, was er gesungen hat, aber ich würde mich davor hüten, ein allgemein negatives Urteil zu fällen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • [font='&quot']Ich bin auf diesen Faden gestoßen, als er kürzlich wiederbelebt wurde. Offen gesagt, habe
      ich einen Einwand zu der Einleitung von Ulrica (in #5), den ich vorbringen
      möchte, auch wenn diese Einleitung schon fast 5 Jahre alt ist. Ulrica schreibt:
      [/font]

      Ulrica schrieb:

      Es wird zuweilen spekuliert, ob nun der Vater der Geliebten seine Zustimmung zur ja offensichtlich schon in
      Aussicht stehenden Vermählung verweigert hat oder das Mädchen nichts mehr von
      ihm wissen wollte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die erste Variante zutrifft.

      Die Geschichten um arrangierte Ehen mit ungeliebten Partnern und die Ablehnung geliebter Partner
      unter Stand sind ja ein zentraler Themenbereich der Romantik als Bewegung. Die
      jungen Leute lehnten sich auf gegen die Einflussnahme der Eltern und hingen dem
      Ideal der Heirat aus Liebe an.

      Hierum dürfte es dem Revolutionär Müller (damals ideologisch eher bürgerlich – liberal als neuer
      Denkrichtung, die sich zunächst mit den gleichen RECHTEN Armer und Reicher und
      weniger mit den ökonomischen Ungleichheiten befasste) wohl noch mehr gegangen
      sein, als um individuelle psychische Abgründe und das Frönen der Melancholie.

      An der Oberfläche befasst sich der Text mit der äußeren Dynamik
      des Geschehens. Der fremde Jüngling gewinnt zunächst sogar die Sympathie der
      Mutter seines Mädchen und kann sich Hoffnung machen auf die Erfüllung seiner
      Liebe und auch auf eine geregelte Lebenssituation, bis der Vater ihn,
      offensichtlich völlig aus heiterem Himmel mit der Begründung, er sei nicht gut
      genug für seine Tochter, in einer Winternacht auf die Straße setzt.

      Es deutet auch nichts darauf hin, dass er sich eventuell nicht korrekt benommen hat o. ä., denn es ist
      deutlich zu erkennen, dass er sich auch keiner Schuld bewusst ist. Ergo: Eine
      grobe Ungerechtigkeit ist geschehen, eine Kränkung tiefsten Ausmaßes.

      [font='&quot']Ich möchte hier ausdrücklich vertreten, daß im "Handlungsgerüst" der Winterreise
      es primär um den Abbruch der Liebesbeziehung durch die Geliebte geht
      . (In
      welchem Maße es dieses Handlungsgerüst überhaupt gibt, kann hier unerörtert
      bleiben, ebenso alle Fragen nach „innen – außen“, Symbolik, insb. auch die, was
      dem Wanderer zu glauben ist).[/font]



      [font='&quot']Es ist richtig: In Nr. 1 und Nr. 2 erfahren etwas von den
      Eltern des Mädchens. Der Vater wird uns als Hausbesitzer und Besitzer „irrer“ Hunde vorgestellt: Laß irre Hunde heulen
      vor ihres Herren Haus!
      (Daß diese Hunde verschärft gehalten werden, zeigt auch der Vergleich mit Nr. 17 „Im Dorfe“: dort gibt es die bellenden wachen Hunde). Also als der große Sympathieträger wird uns der Vater nicht gerade vorgeführt. Das Haus, ein Stadthaus mit Gartentor und Wetterfahne verweist auf einen gewissen
      Wohlstand der Familie. Der Wanderer der Winterreise hat offensichtlich in dem Haus gewohnt – er verläßt dieses und tritt sogleich seine Wanderung an. Er
      scheint einen Status ähnlich dem eines Gesellen (vgl. den Müllergeselle aus der „schönen Müllerin“) gehabt zu haben – die Post in Nr. 13 transportiert
      jedenfalls nicht nur keinen Brief, sondern auch keine Umzugskisten für ihn. Auch bezeichnet er sich einmal als „Gesellen“, in Nr. 8 „Rückblick“: Und ach, zwei Mädchenaugen glühten! da war’s gescheh’n um dich, Gesell!, und der Lindenbaum (Nr. 5) spricht ihn an": komm her zu mir, Geselle. Allerdings
      macht er durchweg einen wesentlich intellektueller orientierten Eindruck als der Müllergeselle. Vielleicht dürfen wir uns einen als Hauslehrer tätigen
      Studenten vorstellen. Eine Liebesbeziehung zwischen einer Haustochter und einem Hauslehrer scheint dort, wo es Haustöchter und Hauslehrer gibt, fast
      obligatorisch. Es mag schon sein, daß der Wanderer bei der Mutter gewisse Sympathien erworben hat (wie Ulrica annimmt), aber wenn die Mutter von Ehe
      spricht, bevor das Liebespaar soweit ist, zeigt sie, daß es ihr bei der Ehe um etwas anderes geht als um Liebe. Auch der Vater hat jedenfalls lange nichts
      gegen die Romanze seiner Tochter einzuwenden gehabt (jedenfalls nicht offen), denn immerhin ist die Geschichte ein 3 / 4 Jahr lang gelaufen, und wir erfahren
      in keinem der Rückblicke etwas von Behinderungen oder notwendigen Heimlichkeiten und dergleichen. Nun allerdings haben sich die Eltern doch wohl ohne großes Aufheben zu einer anderen Lösung für ihre Tochter entschieden, in Nr. 2 „Wetterfahne“ sind sie
      als einschlägig aktiv beschrieben: Der Wind spielt drinnen mit den Herzen, wie auf dem Dach, nur nicht so laut. Was fragen sie nach meinen Schmerzen, ihr Kind ist eine reiche Braut.[/font]

      [font='&quot']Nun sind wir bei der Hauptfrage – der Rolle der Tochter. In obigem Zitat ist zunächst von den Herzen (Plural) die Rede – hier mag
      es scheinen, als seien beide Teile des Liebespaares gleichermaßen Opfer der elterlichen Pläne. Aber sogleich geht es weiter: Was fragen sie nach meinen Schmerzen – nichts wäre leichter, als hier „unsern Schmerzen“ zu sagen. Offensichtlich ist aber das Herz der Tochter
      die Wetterfahne, die sich widerstandslos mit dem Wind dreht. Das wird auch durch die ganze Winterreise bestätigt – die Reise als solche wäre sinnlos unter
      einer andern Voraussetzung. - Die wichtigsten einschlägigen Textstellen: Er hätt‘ es eher bemerken sollen des Hauses aufgestecktes Schild, so hätt‘ er nimmer suchen wollen im Haus ein treues Frauenbild. (Nr. 2). Wie anders hast du mich empfangen, du Stadt der Unbeständigkeit (Nr. 8 „Rückblick“ - die
      Übertragung auf die Stadt wäre widersinnig, wenn nicht der dem Wanderer wichtigste Einwohner der Stadt an dieser Unbeständigkeit Teil hätte). Krähe,
      lass‘ mich endlich seh’n Treue bis zum Grabe (
      Nr. 15 „Die Krähe“). Bin matt zum Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt (Nr. 21 „Das Wirthshaus“ - tödliche (nicht-justiziable) Verletzungen zufügen zu können ist das Vorrecht der geliebten Menschen - das können nicht Schwiegereltern in spe, geschweige denn "die Gesellschaft"). In Nr. 1 heißt es gleich bei der ersten Erwähnung der Geliebten: Das Mädchen sprach von Liebe ... eine bittere Distanzierung, die Liebe war keine, unmöglich so zu sprechen, wenn ein äußerer Zwang das Verhältnis beendet hätte. Und natürlich die wichtigste undbekannteste Stelle in Nr. 1 „Gute Nacht“: Die Liebe liebt das Wandern, – Gott hat sie so gemacht – Von einem zu dem andern – Fein Liebchen, Gute Nacht! Bei bloßer elterlichen Zwangsmaßnahme wäre das völlig fehl am Platze, denn die Liebe wäre ja nicht gewandert, geschweige denn, daß die Liebe das Wandern "liebte"; dem notorischen „Wandern“ in der
      Winterreise fehlte völlig der Hintergrund. Von den Eltern hingegen ist nach Nr. 2 in
      der ganzen Winterreise mit keiner Silbe mehr die Rede - bezeichnender Weise auch nicht in den mehr
      rebellischen Liedern („Der stürmische Morgen“, „Muth“). - Der Wanderer geht nicht freiwillig: Ich kann zu meiner Reise nicht wählen mit der Zeit (Nr. 1). Aber ein Hinauswurf oder eine Kündigung hat nicht stattgefunden: Was soll ich länger weilen, dass man mich trieb‘ hinaus? Im vollständigen Druck
      der Winterreise heißt es hier ein wenig abweichend und klarer: Was soll ich länger weilen, bis man mich trieb‘ hinaus? (Schubert hat bekanntlich den ersten Teil der Lieder zunächst nach einer Teilveröffentlichung komponiert, die "daß" anstelle von "bis" hat). Zu beachten ist auch der Apostroph bei "trieb'", der also "triebe", also Konjunktiv II anstelle von Praeteritum markiert. Der Wanderer wartet also einen Hinauswurf nicht ab, sondern kommt diesem zuvor – dieses unauffällige Stück Entscheidungsfreiheit, Selbstbehauptung bewahrt er sich doch, er verläßt das Haus nicht wie ein geprügelter Hund. Das scheint mir wichtig für den ganzen weiteren Gang der Winterreise. - Als der Wanderer das Haus verläßt, rechnet niemand damit. Er bemüht sich, nicht zu stören, das Mädchen schläft – undenkbar, daß sie etwas weiß, so cool ist keine, daß sie schläft, wenn der Ex-Geliebte geht - zumindest um sich zu überzeugen, daß der neuerdings Unerwünschte tatsächlich geht und es ihm nicht etwa noch einfällt, Probleme zu machen. Macht er auch nicht, besser gesagt fast nicht, denn der ans Tor geheftete Zettel mit den Worten Gute Nacht ist nicht völlig von einem Demonstrationsbedürfnis "bin auch noch da" freizusprechen. Ein Verzicht darauf kann man aber kaum verlangen
      und wäre schon heroisch zu nennen. Ein Brief an eine sich in einer Zwangslage befindlichen Geliebten allerdings hätte völlig anders auszusehen.[/font]

      [font='&quot']Zusammenfassend kann man also festhalten: die "Opposition" in der Winterreise ist nicht die von liebendem Paar versus Gesellschaft/Eltern, die die Realisierung der Liebe verhindern, sondern diese verbindet sich mit der Opposition treulose Geliebte/Liebender - so steht ein Einzelner gegen alle anderen. Das ist ja auch schon am Beginn klar ausgesprochen: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus - ein oder besser der Grundzug der Winterreise. Könnte der Wanderer sich geliebt wissen, und "nur" die Verwirklichung der Liebe nicht möglich sein, so wäre diese tiefe Fremdheit unbegründet. Auch sollte es in diesem Fall Versuche von Kontaktaufnahmen (schon um die Geliebte zu unterstützen) geben sowie das Schmieden von Plänen, um das Geschick zu wenden. Sich so schweigend davonzumachen, wie das der Wanderer in der Winterreise tut, wäre Verrat.
      [/font]
      [font='&quot']Fortsetzung folgt vielleicht.[/font]
      [font='&quot']Pardon für die Formatierungen! zabki
      [/font]

      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Für mich eine sehr schöne Aufnahme, leider geht mal wieder das Amazon-Bild nicht: Kurt Equiluz und Margit Fussi am Hammerklavier. Wer Equiluz in Bach-Kantaten kennt, findet hier seinen erzählerischen Stil wieder.

      Gleiches gilt für diese Aufnahme:

      Und auch diese:

      Mein Favorit:

      Und dann der "Klassiker", der lange mein Favorit war:

      Die Aufnahme mit Schiff kommt an die erste nicht mehr ran, finde ich:

      Eine sehr schöne Aufnahme:
      Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."