Schubert / Wilhelm Müller: Die Winterreise - Wenn der Boden entzogen ist... eine Annäherung

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    • Ich bin kein Freund JKs, aber solche Texte "http://magazin.klassik.com/reviews/reviews.cfm?TASK=REVIEW&RECID=26242&REID=15185" stinken mir!!! Was bitte soll das heißen???
      Auch die Akkuratesse, mit der beide Künstler die Notenwerte genauestens berücksichtigen, ist löblich, sie führt aber auch auf Dauer zu einer seziererischen Verbissenheit, die die Interpretation von jeder unmittelbaren Wirkung entbindet. Vor allem Kaufmann errichtet in seinem durchdachten Facettenreichtum ein komplexes Interpretationsgebäude, das ob seiner Genauigkeit und Durchdringung fasziniert, aber für den Hörer unberührbar und distanziert wirkt.
      Man könnte einiges zur WR JKs sagen; auch Negatives; aber so ein Gelaber ...
    • Ich komme bislang auf fünfmal Fidi und zweimal PS (Demus, Richter) ...

      Fidi
      "https://www.youtube.com/watch?v=c8UDOmUcxCk"

      Kaufmann
      "https://www.youtube.com/watch?v=qpSKwwYnhiQ"

      Sharp
      "https://www.youtube.com/watch?v=46Y3mcBII6E"

      Furlanetto
      "https://www.youtube.com/watch?v=KhCKKSmVJb4"

      Holl
      "https://www.youtube.com/watch?v=ynLqAaNj9I4"
    • Beim Surfen zum Thema "Rokoko", das in einem andern Faden besprochen wird, bin ich auf eine Figur ("Blinder Musikant" genannt) aus der großen Weihnachtskrippe des spanischen Barock/Rokokokünstlers Salzillo gestoßen, die ich - Anachronismus hin oder her - unbedingt hier verlinken möchte.

      "http://peristilo.files.wordpress.com/2009/07/e74-el-ciego-musico-figura-de-belen-salzillo.jpg?w=433"
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Liebe Capricciosi!

      Erst einmal: Schade, dass die Besprechung der einzelnen Lieder genau da ins Stocken geraten ist, wo eins meiner Lieblingslieder des Zyklus anstünde: Wasserflut... Gibt es nicht vielleicht doch einen sommerlichen Impetus, hier fortzusetzen?

      Und dann: Eine besondere Annäherung an die "Winterreise" habe ich durch die Aufnahme von Natasa Mirkovic-De Ro (Gesang) und Matthias Loibner (Drehleier) erlebt. Nicht meinen ersten und einzigen Zugang, Gott bewahre, ich liebe die "Winterreise" doch schon seit langem heiß und innig. Aber in dieser Version habe ich vieles anders gehört, einerseits natürlich aufgrund der Drehleier, andererseits auch aufgrund der stimmlichen Gestaltung (und sicherlich auch, weil es meine erste "Winterreise" mit einer Frau als Protagonistin war). Die bosnisch-österreichische Sängerin Natasa Mirkovic-De Ro hat vielfältige Erfahrung mit allen möglichen Stilrichtungen (Oper und Operette, Musical, Barock, Folk, Jazz, Rock, Schauspiel - eine echte Allessängerin), die sie auch in ihre Gestaltung der "Winterreise" einbringen kann, ohne den klassischen Pfad je wirklich zu verlassen (z.B. die molto espressivo ausgeführten Fermaten in 6. Wasserflut). Die Drehleier hat nicht die Möglichkeiten des Klaviers und muss sich in vielen Liedern mit einer Reduktion der Klavierstimme oder sogar nur mit der Basslinie zufriedengeben. Diese skelettierte Begleitung kann ganz aparte Wirkungen erzeugen (z.B. 7. Auf dem Flusse, 10. Rast), manchmal ist es aber auch einfach zu wenig (z.B. 12. Einsamkeit, 23. Die Nebensonnen). In manchen Stücken ist der Klang der Drehleier hingegen eine echte Bereicherung; neben dem inspirationsgebenden 24. Der Leiermann gilt dies besonders für 1. Gute Nacht, 3. Gefrorne Tränen und 13. Die Post. Insgesamt betont die Besetzung das Volkstümlich-Liedhafte der "Winterreise", das schließlich auch dazu geführt hat, dass ein Lied wie 5. Der Lindenbaum zurechtgesungen wurde und ins Volksgut übergegangen ist, ohne dass aber die Stücke belanglos oder gar heiter würden. Im Gegenteil, die Lieder wirken zumindest für jemanden wie mich, der mit dem österreichisch-balkanesischen Sound, der hier evoziert wird, zwangsläufig aufgewachsen ist, noch unmittelbarer und inniger.

      Jedenfalls eine spannende, wenn auch exzentrische Interpretation!



      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Lieber Areios, danke für die Empfehlung! Ich habe eben in diese aussergewöhnliche Cd hineingehört und finde sie im Hinblick auf den Gesang und die Freiheit der Sängerin sehr interessant. Die Drehleier als Instrument ist im Leiermann ja bereits dem Werk immanent und daher eine Besetzung die Aufmerksamkeit verdient. Aber dem Gesang kommt meines Hörens nach hier die Schlüsselposition zu und die kammermusikalische Komponente die für mich in diesem Werk so bezeichnend ist, geht etwas verloren. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier zwei gleichwertige Partner musizieren, die Stimme dominiert. Das ist ein anderer Zugang und mir gefällt diese Stimme sehr gut, man kann da als klassischer Interpret Einiges lernen. Ich beneide die Sängerin um ihre Freiheit. In der klassischen Version kann man die nur dann erarbeiten, wenn man "konventionnel" schon quasi perfekt ist.
      Ich befasse mich im Moment zusammen mit einer pianistischen Freundin aktiv mit der Winterreise. Ohne professionellen Anspruch, versteht sich. Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber ich empfinde es vollkommen natürlich, diesen Zyklus nun als Sopran zu singen. Christine Schâfer hat es in der professionellen Liga vorgemacht und ich höre ihre Version nun mit ganz anderen Ohren. Wenn man selbst aktiv über Monate in den Zyklus eintaucht, erlebt man ihn anders als als Hörer. Mir fällt nun z.B. besonders auf, dass Schubert in der Winterreise ständig grosse Intervallsprünge von der Singstimme verlangt- in dieser Anhäufung ist das ungewöhnlich und hochsymbolisch. Und natürlich sehr schwierig, gerade bei den absteigenden Oktaven. Die Tatsache, dass sowohl meine Pianistin als auch ich hart arbeiten mûssen, um die 24 Lieder bis zum Winter auf dem uns môglichen Niveau vortragsfähig hinzubekommen, zwingt uns zu sehr intensiver Auseinandersetzung mit dem Werk und unseren Grenzen. Und vielen verschiedenen Einspielungen. Und seltsame Synchronizitäten.
      Meine Freundin hat z.B. in Laos im Januar einen echten Leiermann gefunden, als sie gerade am Leiermann übte und konnte es kaum fassen. Ein alter Mann in Lumpen und barfuss am Strassenrand, der leierartig auf einem Instrument mit drei Seiten spielte und nicht mal einen Teller oder Hut hatte, er wollte offensichtlich gar kein Geld dafür.

      Was die einzelnen Lieder angeht, fehlen mir Zeit und Geduld zu detaillierten Einzeldarstellungen. Aber die Wasserflut versuche ich mir etwas genauer vorzunehmen, auch wenn das nicht mein Lieblingslied ist. Im Moment sind wir eher leidenschaftliche Fans vom Ende des Zyklus, insbesondere Wegweiser und Wirtshaus, aber das kann sich verschieben. Der Zyklus als Ganzes ist so genial komponiert, dass man immer wieder neue Edelsteine poliert und ihren Glanz entdeckt. Zudem tut es in der grossen Hitzewelle gut, an Eis und Schnee zu denken- das erfrischt Herz und Sinn ;+)


      schubertselige Grüsse :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Wie schön, liebe Fairy, dass Ihr Euch " meines " Zyklus` so beharrlich annehmt! Euer gemeinsames Engagement wird reichlich belohnt werden - dessen könnt Ihr gewiss sein. Die Winterreise war Eckpfeiler und Wegweiser zugleich , Anfang und Ende meiner dreißigjährigen Konzerttätigkeit, mit stets wechselnden Ein - und Ansichten. musikalischen Schwerpunkten, speziellen sängerischen und pianistischen Herausforderungen, der sich - je nach Befindlichkeit - Kopf und/oder Bauch stellen mussten. Bonne chance! Mein Lieblingslied war und ist " Auf dem Flusse".

      Ciao. Gioachino :wink:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Gioachino, ja ich kann mir nun sehr gut vorstellen, dass die Winterreise ein Lebenswerk und -begleiter sein kann. Mich wird sie sicherlich ebenfalls nie mehr loslassen. Dank unseres Schubert-Spezialisten Philbert habe ich noch zwei mir unbekannte wunderschöne Einspielungen entdeckt, die man auch auf Youtube hören kann. Florian Boesch mit Malcolm Martineau und vor allen Dingen Margaret Price mit Thomas Dewey, die für mich als Sopran in besonderer Weise eine Offenbarung ist. Im Gegensatz zu Christine Schäfers Interpretation kann ich mich hier mit den Tempi und dem Gesamtkonzept vollkommen identifizieren. Margaret Price ist ohnehin eine der besten Schubertsängerinnen überhaupt und dass sie die Winterreise aufgenommen hat- was für ein Geschenk! Nun habe ich endlich MEINE Aufnahme gefunden. Merci de tout coeur Philbert und dem netten Biergarten in Gundelfingen. :jub:
      Es gibt auch einige Winterrreisen-Lieder mit Lotte Lehmann und Bruno Walter im USA Exil während des 2. Weltkriegs. Das ist in der Emphase und durchaus opernhaften Diktion sicher nciht jedermanns Geschmack, aber ein spannendes Zeitdokument und einfach total mitreissend. Man hört wohl nirgend sonst (evtl noch bei Hotter) so deutlich das Engagement mit Haut und Haar.
      Heute habe ich nach einigen abstinenten Wochen wieder das Glück, proben zu können.
      Schubertselige Grüsse :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ian Bostridge Lieder von Liebe und Schmerz

      Liebe Winterreisende, ich lese gerade ein Buch, das ich aus vollem Schubert-Herzen empfehlen will:



      Ian Bostridge, der englische Tenor, der mit verschiedenen Pianisten die Winterreise nach eigenen Worten über 100 mal gesungen und auch auf Tonträger eingespielt hat,schenkt uns hier eine umfangreiche Analyse jedes einzelnen Liedes. Nicht explizit musikwissenschaftlich ausgerichtet, geht es in Bostridges Analyse eher um kulturwissenschaftliche Zusammenhänge und Querverweise getränkt mit viel persönlicher Erfahrung. Ich staune fürbass über die breitgefächterte Bildung und Germanophilie des Englânders mit der tadellosen Aussprache und obschon ich mich mit Schubert recht gut auszukennen glaubte, gibt es viele Überraschungen für mich, die manchmal einen ganz neuen Blick auf das ein oder andere Lied öffnen. Ich muss wirklich Abbitte leisten, denn die Auffâhrung die ich mit Bostridge und Julius Drake live gehört habe, hatte mich keineswegs überzeugt, seine Cds deutlich mehr. Und sein Buch ist die reife Frucht all seiner langen musikalischen und geisteswissenschaftlichen Reisen. Das Buch ist zudem ein sehr schön gemachtes Kleinod, wie man sie heute selten findet- eine Freude, es in der Hand zu halten. Falls jemand Interesse an Details hat, bitte hier melden und das spezielle Lied oder Lieder dazu nennen.
      Liebe Grüsse von der winterreisenden Fairy Queen
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Danke, FairyQueen, für diese weitere Empfehlung; auf das Buch hatte uns auch Philbert schon dankenswerterweise hingewiesen, seinerzeit noch für das englische Original. Bin noch nicht sicher, ob auf deutsch oder englisch (einerseits verstehe ich Englisch ganz gut und schätze das originale Idiom, andererseits sind die Querverweise zu den deutschen Quellen dann natürlich auch übersetzt, was vielleicht wiederum ein Nachteil ist), aber dieses Buch ist unbedingt auch auf meiner Liste.
    • Hätte ich mir ja denken können, dass Philbert viel schneller war und das englische Original gelesen hat...... :hide: Mir ist seit ich in Frankreich lebe, jede dritte Sprache eine Mühsal und ich mache es mir lieber etwas leichter, wenn es denn gute Übersetzungen gibt.
      Ja, "Lieder von Liebe und Schmerz" klingt abgedroschen und ist sicher nicht auf Bostridges Mist gewachsen, zumal der Titel sehr einschränkend ist. Es geht keinesfalls nur um die Erste Leseebene des Zyklus sondern auch um politisch verschlûsselte, gesellschaftliche, historische etc.... Lesarten. Wer das Buch gelesen hat, wûrde mich sehr über Eindrücke freuen. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Der deutsche Untertitel ist vermutlich aus dem bekannten Schubert-Zitat entstanden:
      Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz“
      aber glücklich ist er nicht. "Anatomie einer Obsession" wäre möglich gewesen, aber wahrscheinlich zu naheliegend :)
      Bostridge's Sprache ist sehr reich, so daß eine Übersetzung richtig schwierig sein soll. Man kann in die englische Version reinblättern und ich würde empfehlen, es vor dem Kauf zu tun.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Merci cher Philbert. Auch ohne das Original zu kennen, die Übersetzung scheint sprachlich gut gelungen und ist sehr bilderreich. Ich bin wie gesagt hocherstaunt über Bostridges weiten Horizont, z.B. allein was er über das Köhlertum schreibt, beleuchtet das Lied "Rast" für mich ganz neu. und so geht es eigentlich bei fast jedem Lied, irgendein Aspekt, der mir total entgangen ist, kommt bei Bostridge ausgiebig zur Sprache. Fesselnde Lektüre! :klatsch: :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Philbert schrieb:

      Der deutsche Untertitel ist vermutlich aus dem bekannten Schubert-Zitat entstanden:
      Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz“
      aber glücklich ist er nicht.
      Ah, danke, das Zitat war mir nicht geläufig (dachte echt nur an Herz und Schmerz). Gibt C.H. Beck zumindest etwas Boden zurück. ;+)

      "Anatomie einer Obsession" wäre möglich gewesen, aber wahrscheinlich zu naheliegend :)
      Die deutsche »Zergliederung einer Besessenheit« – das hätte mir als alter E.T.A. Hoffmann-Fan noch besser gefallen! ^^ (nicht ganz ernst gemeint).
    • Hier noch zwei interessante Beiträge zum Buch von Ian Bostridge ......

      "http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article146171733/Besser-kann-ein-Sachbuch-gar-nicht-sein.html"
      "http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/cluster/ian-bostridge-analysiert-schuberts-winterreise-ein-kraftvolles-buch/-/id=10748564/did=16198184/nid=10748564/1mh8huy/index.html"

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Nach Wochen mit ganz viel Alter bzw. Barocker Musik hab ich mal einen Abstecher in die Romantik bzw. Zeitgenössische Musik gemacht:
      Zenders Winterreise-Interpretation

      Don Fatale schrieb:






      Am Anfang kam es mir zu plakativ vor, wie Zender etwa im ersten Lied die Orchesterinstrumente wie Hunde bellen oder im zweiten wie Wind heulen lässt. Mit der Zeit kam ich aber dahinter, dass die illustrative Ausdeutung des Textes, durchaus gelegentlich mit einer fragwürdigen Vergröberung des subtilen Klaviersatzes einhergehend, nur sozusagen die Oberfläche seiner Fassung bildet. Spannend wurde das Hören für mich, als mir klar wurde, wie Zender die Musik Schuberts von heute aus betrachtet und sozusagen davon erzählt, "was seitdem geschah". Bei ihm steht die "Winterreise" am Beginn einer Geschichte des Liedes, die sich in die verschiedensten Richtungen entwickelt, und das Faszinierende an seiner Fassung ist für mich, wie er praktisch alles, was die Gattung "Lied" im 19. und 20. Jahrhundert wurde, hier schon angelegt findet: Zenders "komponierte Interpretation" ist eine in Töne gesetzte Rezeptions- und Interpretationsgeschichte der "Winterreise", ja eine aus der Schubertschen Komposition herausarrangierte Geschichte der Gattung "Lied". Mal scheint die Welt der Mahlerschen Wunderhornlieder auf, mal fühlt man sich an Webernsche Verfitzelungen von Melodien in einzelne Kurzmotive erinnert, hier wird der Text auf Agitpropweise pathetisch deklamiert, dort schielen Brecht/Weill um die Ecke, plötzlich wird man von Akkordeon und Schlagzeug unter die Laterne zu Lili Marleen versetzt und findet sich im nächsten Lied in den still-fragmentarischen Hölderlinwelten Luigi Nonos wieder. Der "Lindenbaum", um ein Beispiel zu nennen, beginnt schlicht mit Wandergitarre und entferntem Horn und kreist sich schließlich über eine schluchzende Solovioline in eine Passage mit gespenstisch gedämpften Streichern, gedämpftem Blech und unheilvollem Donnern der Großen Trommel hinein, die an fernes Schlachtengewitter denken lässt. Das alles macht Zender mit dem nötigen Maß an frecher Verschmitztheit, sprühender Intelligenz und meisterhafter Instrumentationskunst - eine so herausfordernde (nämlich den Hörer als hörend nachvollziehenden Mit-Interpreten) wie beglückende Interpretation, die ich sehr empfehlen möchte.

      Recordatorio schrieb:

      Ich finde den Zender auch intelligent und gut; es ist außerdem heilsam, denke ich, die Lieder von so einer Konzertflügel-Frack-, Lauschen-wir-in-uns-Hinein-Pseudo-Innerlichkeit zu befreien. Dazu weist er die Wege.
      Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, äußerst interessante Variation dieses naja "Über"-Liedzyklus. Nicht nur durch diese Interpretation, die ich grad auch das 2te Mal höre, hat sich mit den Jahren ganz im Zender'schen Sinne mein Hören dieses Werkes ziemlich gewandelt, sodass ich manchmal überrascht bin wie ich damals einige Dinge gehört habe und wie ich gewisse Interpretationen bewertet habe.
      Die Version mit Hotter/Moore, die zB meine erste Erfahrung war höre ich heute ganz anders und auch kritischer und weniger ideal als ich das seinerzeit empfunden habe.

      P.S: Gibt es eigentlich ein Thread zu dieser Art von Hör-Veränderungen durch die Zeit?
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"