Schubert / Wilhelm Müller: Die Winterreise - Wenn der Boden entzogen ist... eine Annäherung

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    • Philbert schrieb:

      Sonst höre ich schon von der Melodie her eine Reminiszenz von "Wohin soll ich mich wenden?" in "Auf einem Totenacker" ..."
      also in diesem Punkt habe ich jetzt meine Meinung revidiert. Mein Fehler war, daß ich den Anfang des Messesatzes mit den Anfang des Klavierparts des Liedes (weiß Gott kein Vorspiel, sondern der Kern der Musik - das als Entschuldigung) verglichen habe. man muß aber den Einsatz der Gesangsstimme vergleichen (deutest du hier ja auch an "auf einenTotenacker...") dann kann ich das auch nachvollziehen. Es gibt doch eine Reihe von Übereinstimmungen (Melodieführung, rythmische Verwandtschaften einzelne harmonischeWendungen, Baßführung), die man für sich genommen als geläufige Wendungen bzw. sprachrythmisch bedingt ansehen mag, die aber m.E. in ihrer Zusammenstellung doch ein spezifisches Bild ergeben. Die klassisch/romantische Musik war ja ganz stark darin, aus unauffälligem Material höchst individuelle Konstellationen zu bilden.

      Den Anklang wieder ans gregorianische Requiem kann ich nach wie vor nicht nachvollziehen. Im gregorianischen Kontext macht doch eine Terzverschiebung im Kerntonraum schon einen völlig anderen Klang. Also f bis a im Requiem und a' bis c' in der Messe sind für mich was ganz anderes.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      man muß aber den Einsatz der Gesangsstimme vergleichen (deutest du hier ja auch an "auf einenTotenacker...") dann kann ich das auch nachvollziehen. Es gibt doch eine Reihe von Übereinstimmungen (Melodieführung, rythmische Verwandtschaften einzelne harmonischeWendungen, Baßführung), die man für sich genommen als geläufige Wendungen bzw. sprachrythmisch bedingt ansehen mag, die aber m.E. in ihrer Zusammenstellung doch ein spezifisches Bild ergeben.
      Genau: ich dachte an die Melodie der Singstimme.
      Die Ähnlichkeit sieht eigentlich banal aus, weil man sich für "Auf einen Totenacker" keine andere Melodie als Schuberts ausdenken kann. Dabei ist sie nicht 100%ig prosodisch bedingt. Bei "Wohin soll ich mich wenden" paßt die Akzentuierung perfekt.

      Nun, hätte er es gewollt, so hätte Schubert die perfekt passende Melodie auch für "Auf einen Totenacker" gefunden. Ich habe versucht, mich von der Geiselhaft der Wirtshaus-Melodie zui befreien, indem ich mir den Text mit anderen Melodien vorgestellt habe. Eine, die prosodisch richtig paßt ist die der ... Forelle!

      Deshalb kann man wohl davon ausgehen, daß die Analogie nicht zufällig ist,

      Was das gregorianische Requiem betrifft, so ist Georgiades ausführlich. Ich hatte gestern nicht den Bock, mir das herauszusuchen und wieder zu lesen und jetzt bin ich weg. Als ich es im alten Jahrtausend las, dachte ich, es sollte den Spezialisten sofort einleuchten aber bei mir waren noch ein paar Siegel auf dem Buch drauf ;-). Ich kann mich daran erinnern, daß er sich viel von der F-Tonart ausmachte.


      FairyQueen schrieb:

      Lieber Philbert, die Interpretation des Leiermanns als subversive Rebellion habe ich noch nie gehört und finde das ausgesprochen spannend. Für mci war das bisher immer die totale Resignation bzw der endlich gefundene und geschenkte Tod eines Menschen, der sogar zu müde ist, sich aktiv das Leben zu nehmen bzw für den es nicht einmal einen Ort zu sterben gibt (siehe auch Wirtshaus). Wer singt bzw sieht das denn so?
      Als ich die Winterreise mit Andrè Schuen, Bariton und Daniel Heide, Klavier, ist es mir so vorgekommen.
      Andrè Schuen ist ein junger Wanderer (was auch zu dem Text paßt) und, abgesehen von der schönen Stimme, fand ich seine Interpretation sehr stimmig. Was sicher nicht heißt, daß sie die einzige stimmige sei ...
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Also für mich war der Leiermann immer eine Art Aussätziger, ein Repräsentant des Unheils. Mit Leierkästen sind ja in früheren Zeiten v.a. Kriegsversehrte oder andere, denen das Schicksal übel mitgespielt hat, durch die Lande gezogen. Man hat zwar Mitleid mit solchen Menschen, aber man wendet sich mit Grausen ab, möchte mit diesem Aspekt des Lebens nicht konfrontiert werden. Die Hunde knurren. Ansonsten spüre ich in der Winterreise v.a. Entfremdung von den Menschen heraus (wobei die winterliche Landschaft eindeutig ein Aspekt des Verfremdeten ist). Die Kälte des Winters ist nichts anderes als das Fehlen menschlicher Wärme, was nicht überrascht, bedenkt man Schuberts Lebensumstände. Ich bin ziemlich überzeugt, dass Schubert - wie ja von vielen Experten behauptet - schwul war und daher für seine kleinbürgerlich geprägte, familiäre Umgebung (erst recht nach dem Tod der geliebten Mutter) ein "Unding". Die Liebe stand ihm nicht wirklich offen, Akzeptanz auch nicht (daher Entfremdung) - und dann schließlich eine grauenvolle, tötliche und "schandhafte" Krankheit, welche ihn auch noch der Hoffnung auf ein Leben als "Kunstpriester" im Sinne Beethovens beraubte.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Mit Leierkästen sind ja in früheren Zeiten v.a. Kriegsversehrte oder andere, denen das Schicksal übel mitgespielt hat, durch die Lande gezogen.
      Das Instrument des Leiermanns war allerdings ein völlig anderes als der Leierkasten (ein Orgelinstrument, also Blasinstrument letztlch), sondern eine "Drehleier", also ein Streichinstrument. Statt Bogen wurden die Saiten von einem mit Kurbel gedrehten Rad angeregt, es gab mitklingende Bordunsaiten und mittels einer Tastatur zu verkürzende(n) Melodiesaite(n) - von Schubert genau nachgebildet.

      Die Drehleier ist schon mittelalterlich,

      s. Abb.

      war auch in höfischem Kunstmusikgebrauch (s. Wikip. Art. Drehleier), aber an der Assoziation mit den Ausgestoßenen ist auch was dran, A. Kirchner spricht von Lyra mendicorum („Leier der Bettler“) in seiner Musurgia universalis (Iconismus VIII fol. 487).

      s. Abb.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Das Instrument des Leiermanns war allerdings ein völlig anderes als der Leierkasten (ein Orgelinstrument, also Blasinstrument letztlch), sondern eine "Drehleier", also ein Streichinstrument.
      Das stimmt wohl. Allerdings ist auch die Drehleier ein Instrument, das kaum große Fertigkeiten erfordert und praktisch von jedem gespielt werden kann. Wie kamen denn die Bettler an die Drehleiern? Vielleicht so wie später (?) an die Leierkästen, als milde Gabe durch wohltätige Stellen also?
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Wie kamen denn die Bettler an die Drehleiern? Vielleicht so wie später (?) an die Leierkästen, als milde Gabe durch wohltätige Stellen also?
      könnte man sich wohl vorstellen.

      in der berühmten großen Weihnachtskrippe von Salzillo in Murcia gibts eine erschütternde Figur eines blinden Drehleierspielers, der in völlig zerlumpter Kleidung ein zwar etwas billig wirkendes Instrument spielt, das aber einen ordentlichen Geigenkorpus hat, also von einem richtigen instrumentenbauer hergestellt worden sein muß. Leider kein online-Bild gefunden.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • zabki schrieb:

      in der berühmten großen Weihnachtskrippe von Salzillo in Murcia gibts eine erschütternde Figur eines blinden Drehleierspielers, der in völlig zerlumpter Kleidung ein zwar etwas billig wirkendes Instrument spielt
      Ja, das ist ziemlich genau das Bild, das ich bei diesem Lied vor dem inneren Auge habe. Und auch hier wieder das völlige Fehlen von Wärme: der Leiermann steht auf dem Eis.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • zabki schrieb:

      Leider kein online-Bild gefunden.
      habe mal ein Scan von der Salzillo-Figur auf meiner dropbox eingestellt.

      leider bei mir gerade Probleme mit Anzeige drehen.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Felix Meritis schrieb:

      Allerdings ist auch die Drehleier ein Instrument, das kaum große Fertigkeiten erfordert und praktisch von jedem gespielt werden kann.
      Das ist jetzt zwar off topic, aber ganz so ist es nicht, das will ich so nicht stehen lassen (ich habe selber so ein Teil und spiele es ganz leidlich, wenn auch nicht so, wie es es gerne können möchte). Das ist so, wie mit der Blockflöte: Sie ist auf einem entsprechend niedrigem Anspruchsniveau(!) leicht zu erlernen - um sie aber auf eine Art spielen zu können, bei der andere auch gerne zuhören, braucht es Übung, so wie mit jedem anderen Instrument. Die Musik macht sich nicht alleine. Es gibt Stücke für Drehleier (z.B. Bearbeitungen von Vivaldis Jahreszeiten aus dem 18. Jh.), die stellen so hohe technische Anforderungen, daß sie weltweit allenfalls von einer Handvoll Spieler gemeistert werden.

      Die Drehleier war auch kein Instrument für Kriegsinvalide - das war tatsächlich die Drehorgel aka "Leierkasten". Im Englischen oder Französischen ist die Unterscheidung zwischen hurdy gurdy und barrel organ bzw. vielle a roue ("Radleier" oder genauer "Radfidel") und orgue de barbarie deutlicher. Dagegen war sie bis weit in das 19. Jh. hinein in ganz Europa ein gängiges Volksmusikinstrument. Noch zu Beginn des 20. Jhs. war sie in dieser Eigenschaft besonders in Süd- und Osteuropa weit verbreitet (wer mehr dazu wissen wiil: Marianne Bröckers Monographie Die Drehleier: ihr Bau und ihre Geschichte, 2 Bd. 1973 - die einzige, die es dazu gibt). Aus diesem Grund findet man sie auch (neben dem Dudelsack) auf bildlichen Darstellungen als Instrument der Hirten an der Krippe. Sie war allerdings auch seit dem ausgehenden Mittelalter ein klassisches Bettelinstrument und als solches mit fahrenden Musikanten assoziiert. Letztere standen ausserhalb der etablierten Gesellschaft - und damit wären wir bei Müllers Leiermann und sein Ausgestossen-Sein

      Daß es sich hier tatsächlich um einen Drehleier- und nicht um einen Drehorgelspieler handelt, erkennt man an den durchgängig auf den selben zwei Tönen liegenden leeren Quinten in der linken Hand der Klavierbegleitung: Im Gegensatz zu der Drehorgel (ein Musikautomat) ist die Drehleier ein klassisches Borduninstrument. In der einschlägigen Literatur geht es in dieser Hinsicht mangels belastbarer organologischer Kenntnisse der Autoren allerdings hin und wieder bunt durcheinander.

      Für mich ist Müllers Leiermann das alter ego des literarischen Ichs: Die prophetische Sicht auf das eigene Lebensende und die auf diesen Punkt hin aus der gegenwärtigen Situation extrapolierte eigene gesellschaftiche Stellung. Letztere vermutlich selbst gewählt: Die Perpetuierung des gegenwärtigen Leidens. Er WILL leiden. Das ist zumindest für mich die Essenz aus dreiundzwanzig Nummern Winterrreise. Der kurze trotzige Ausbruch in Mut ist für mich da nicht wirklich überzeugend.

      Ich bin mir allerdings mittlerweile auch nicht sicher, ob das Ganze tatsächlich einen Zyklus darstellt, der von Gute Nacht bis Der Leiermann einen narrativen Bogen spannen will. Entsprechende Elemente findet man ja nur in den vorderen Nummern, im zweiten Teil fehlen sie ganz und auch im der zweiten Hälfte des ersten Teils sind sie ohne die Kenntnis der entsprechenden Hinweise aus den ersten Nummern nicht mehr als solche zu entschlüsseln, sondern könnten auch alleine für sich stehen. Damit stellt sich die Frage, ob das Ganze nicht "nur" (in Anführungszeichen!) das Thema "Leid" mit 24 Variationen ist - ohne zwingende Abfolge. Für diese Sicht könnte auch sprechen, daß der Protagonist keine wirklich erkennbare Entwicklung oder auch Initiative zeigt - in welche Richtung auch immer. Sogar die Todessehnsucht in Das Wirtshaus bleibt irgendwie folgenlos.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • ich erinnere mich gerade schwach an eine/n Brief/Notiz eines Schubert-Freundes an einen anderen . . . heißt da einigermaßen wörtlich von Zeit zu Zeit verfiel er in Delirien, während welcher er unaufhörlich sang - die wenigen lichten Momente nutzte er noch für Korrekturen am zweiten Teil der Winterreise . . .

      who knows wie weit besagter zweite Teil gediehen war, bevor sich besagte Delirien häuften...
      ODER who knows, am Ende hat Schubert einen evtl. mal angedachten narrativen Bogen in Teil II. gar wieder nivelliert, da ihn eine pure Ansammlung von Gedankenfetzen letztlich viel realer vorkam...

      >u. was heißt überhaupt "Zweiter Teil" ??? SRY falls ich hier wiederhole: lt. user Effjott auf musiker-board.de (Eintrag vom 30.11.2009) hat Franzl die literar. Vorlage ja erheblich umgestellt: 1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24 :!: <= dies-bzgl. wäre "zweiter Teil" für mich eher die letzten sieben Lieder ab (bei Müller) Nr. 9 (??)<

      8| 8|
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • wes.walldorff schrieb:

      ich erinnere mich gerade schwach an eine/n Brief/Notiz eines Schubert-Freundes an einen anderen . . . heißt da einigermaßen wörtlich von Zeit zu Zeit verfiel er in Delirien, während welcher er unaufhörlich sang - die wenigen lichten Momente nutzte er noch für Korrekturen am zweiten Teil der Winterreise . . .

      who knows wie weit der zweite Teil gediehen war, bevor sich besagte Delirien häuften...
      Es handelte sich um Korrekturen der Druckfahnen. Da stand die Komposition schon fest.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • <= HUCH merci...

      letzteres ist mir neu, obwohl ich besagtes Zitat seit bald 30J. kenne :| :|

      anywhy … ich lass meinen obigen Beitrag mal stehen … zum Endlos-Disput über diese Zyklen gehört schließlich auch ein bissl sinnfreies Gestochere :)
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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    • wes.walldorff schrieb:

      >u. was heißt überhaupt "Zweiter Teil" ??? SRY falls ich hier wiederhole: lt. user Effjott auf musiker-board.de (Eintrag vom 30.11.2009) hat Franzl die literar. Vorlage ja erheblich umgestellt: 1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24 <= dies-bzgl. wäre "zweiter Teil" für mich eher die letzten sieben Lieder ab (bei Müller) Nr. 9 (??)<
      Dies haben wir schon mal besprochen,
      W. Müller hat die Winterreise in drei Schüben geschrieben: zuerst 12 Gedichte, die in der Zeitschrift Urania veröffentlicht wurden, wo Schubert sie fand.
      Dann 10 weitere Gedichte, Die Winterreise in der Version mit 22 Gedichten wurde in den Deutschen Blättern aus Breslau 1823 veröffentlicht. Dabei hat Müller die Reihenfolge der Gedichte umgestellt.
      Dann Die Post und Täuschung. Die Winterreise erschien 1824 in dieser Version mit 24 Gedichten in der zweiten Lieferung der Hinterlassenen Papiere eines wandernden Waldhornisten. Dort fand Schubert den kompletten Zyklus. Dabei hatte Müller wiederum die Reihenfolge umgesetzt. Die Reihenfolge der dritten literarischen Winterreise-Fassung ist eben, wenn man die Numerierung des Schubert-Zyklus benutzt:
      1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24
      Was hat Schubert gemacht?
      Er hat den "ersten Teil", sprich die 12 Lieder, die er in Urania vorgefunden hatte, bis auf ein paar Transponierungen unberührt gelassen und hat die von ihm nicht vertonten Texte aus der Waldhornisten-Vorlage nach dem ersten Teil als "Fortsetzung der Winterreise" nacheinander gereiht in der Reihenfolge, wie er sie vorgefunden hat, bis auf Die Nebensonnen, die er vor den Leiermann plaziert hat.

      Der "zweite Teil" oder die "Fortsetzung", sind eben die 12 Lieder, die in der Waldhornisten-, der endgültigen literarischen Fassung und nicht in der Urania-, der ersten literarischen Fassung vorhanden waren. Die Zwischenfassung der Deutschen Blätter hat Schubert vermutlich nicht gekannt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Nochmal ein paar Worte zu Lindenbaum:

      Am Anfang dieses Fadens entspannte sich eine Diskussion. daß hier Sehsucht nach besseren Tagen, einer goldenen Vergangenheit o.ä. vorliegen würde, das Ganze also quasi als redardierendes Moment vor der nachfolgenden Verzweiflung zu werten wäre. Gioachino hielt seinerzeit dagegen

      Recordatorio schrieb:

      Aber wenn wir jeden Seufzer der Menschen, wenn sie sich zueinen lang vergangenen Glücksmoment zurücksehnen, gleich als Todeswunsch interpretieren würden, wo kämen wir hin?

      FairyQueen schrieb:

      Natürlich lassen sich gute Argumente für Gioachinos Deutung des Lindenbaum finden und man kann das Lied so verstehen. Damit gibt man dem Zyklus insgesamt aber einen dramaturgischen Aufbau, den man mit ebenso gutem Recht und guten Argumenten anzweifeln darf.

      Darf man?

      pedrillo schrieb:

      Kann man das überhaupt anders sehen? Es ergibt sich doch schon aus dem Wortlaut und der beschriebenen Situation

      Irgendwie wurde das damals nicht ausdiskutiert. Analysieren wir mal den Text daraufhin.

      Am Brunnen vor dem Tore
      Da steht ein Lindenbaum;
      Ich träumt' in seinem Schatten
      So manchen süßen Traum.
      Ich schnitt in seine Rinde
      So manches liebe Wort;
      Es zog in Freud' und Leide
      Zu ihm mich immer fort.

      Das sind klare, einfache Worte, ohne komplizierte Metaphern. Erinnerte Schönheit, schöne Erinnerung. Geborgenheit. Glück. Das Leben ist schön. Ein Ort voller Erinnerungen, Hoffnungen und Träume.
      Das ist die Vorgeschichte. Jetzt sind wir informiert. Wir wissen nun: Das ist ein emotional hoch aufgeladener Ort, zu dem "es" ihn immer hingezogen hat.

      Schnitt. Zweite Strophe.

      Ich mußt' auch heute wandern
      Vorbei in tiefer Nacht,
      Da hab' ich noch im Dunkeln
      Die Augen zugemacht.Und seine Zweige rauschten,
      Als riefen sie mir zu:
      Komm her zu mir, Geselle,
      Hier find'st du deine Ruh'!

      Wir wissen aus den Vorgedichten, daß er der Ort des Glückes verlassen muss, mit gebrochenem Herzen und verlorener Hoffnung. Er passiert das Tor. Und nun muß er an diesem emotionalen Platz vorbei, der ihn immer angezogen hat. Warum macht er die Augen zu, sogar im Dunkeln? Damit er diesen Lindenbaum und diesen Ort nicht sieht, damit er ihn nicht anzieht. Er widersteht dem Impuls, dieser Anziehung nachzugeben. Warum? Welche Ruhe verheißen ihm denn die kahlen Zweige? Auf dem Bankerl sitzen, mit einem Pfeifchen im Mund und in den Sonnenuntergang sinnieren? Oder die majestätische Größe der winterlichen Sternenpracht bewundern in memoriam vergangenen Glücks? Wohl kaum. Es ist Winter, es ist Nacht, es ist kalt und es stürmt. Unbehaglicher geht es nicht, wie vermutlich jeder nachvollziehen kann, der schon mal in einer ähnlichen Nacht im Freien auf eine S-Bahn mit 40 Minuten Verspätung gewartet hat. Unbehagen schließt Ruhe aus. Und: Nacht und Winter sind Todes-Metaphern

      gioachino schrieb:

      Folgte der Reisende dieser Einladung, würde er, gegen den Stamm gekauert, erfrieren
      Das wäre die passive Variante. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Er widerstrebt dem Impuls sich in dem Baum aufzuhängen. Die Ruhe wäre anyhow eine ewige. Deshalb macht er die Augen zu: Damit es ihm leichter fällt, an diesem Lindenbaum vorbeizukommen!

      Nun kommt die dramatische Steigerung:

      Die kalten Winde bliesen
      Mir grad' ins Angesicht;
      Der Hut flog mir vom Kopfe,
      Ich wendete mich nicht.

      So, er ist jetzt glücklich am Baum vorbei. Wenn ihm nun die kalten Winde grad' ins Angesicht und den Hut vom Kopfe blasen: Wo fliegt nun der Hut hin? Genau: Zurück zu eben jenem Lindenbaum, an dem er nun mit Mühe und unter Aufbietung allen Willens vorbei gegangen ist! Er KANN sich nicht wenden, um den Hut wieder zu holen, denn dann müßte er zurück zum Baum, mit allen Anfechtungen, die er eben überwunden hat! Er WILL nicht sterben, er will LEIDEN! Würde er dem Impuls nachgeben, wäre der Zyklus an dieser Stelle beendet, vielleicht mit einem "Wiegenlied" des Lindenbaums. Gute Ruh' gute Ruh', tu' die Augen zu... Vorübergehende Todessehnsucht kommt erst 16 Nummern später.
      Unnser Wanderer verliert auf diese Weise auch seinen Hut. Physisch: Seinen Schutz vor den Unbillen der Witterung. Metaphorisch: Er ist nun schutzlos. In einer erweiterten Bedeutung verliert er hier auch das Statussymbul des "ehrlichen" Handwerksburschen auf Wanderschaft. Ab nun ist er erkennbar ein Aussenseiter der Gesellschaft.

      Was ist nun mit der Erinnerung an dieser Situation:

      Nun bin ich manche Stunde
      Entfernt von jenem Ort,
      Und immer hör' ich's rauschen:
      Du fändest Ruhe dort!

      Es hat ihn wohl sehr aufgewühlt, er hört den Ruf immer noch, dem er erfolgreich getrotzt hat. Ich interpretiere "Stunde" hier als Entfernung, nicht als zeitlichen Abstand. Das kann auch Tage oder Wochen später sein. Man könnte die Stelle als Bedauern darüber interpretieren, "es" nicht "getan" zu haben, als Bedauern über die eigene Feigheit. Ich glaube mich zu erinnern, daß Elisabeth von Österreich ("Sisi") das in einem ihrer Gedichte (?) ähnlich ausgedrückt hat: Sie schildert darin zunächst eine Bootsfahrt in der Ägäis und die Überlegung des literarischen Ichs, sich einfach ins Wasser gleiten zu lassen und unterzugehen, um sich an späterer Stelle der Feigheit zu bezichtigen, es nicht ausgeführt zu haben. Der "Ort" ist allerdings nicht näher bestimmt. Das könnte nicht nur der Lindenbaum sein, sondern auch die Stadt mit seiner ehemaligen Angebeteten, die er verlassen musste. Es gibt daher auch die Sichtweise, es als Bedauern darüber zu interpretieren, nicht oder nicht ausreichend gekämpft zu haben. Nur: unser Protagonist kämpft nicht. Er badet sich weitere 19 Nummern in seinem Leid.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
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    • bustopher schrieb:

      Er WILL nicht sterben, er will LEIDEN!
      Vielleicht ist er einfach zu feige dazu, den entscheidenden Schritt zu machen. Er ist eben kein Held. Dies würde sich auch mit einer Müllerschen Romantik-Persiflage kombinieren lassen. Der Lindenbaum böte ihm die Möglichkeit, endgültig Schluß zu machen, aber den Mumm dazu hat er nicht, seinen Kopf in den Strick zu stecken.
      Nun muß er halt weiter leiden ... Wenn man einmal den Selbstmord erwogen hat und es fast aber doch nicht geschafft hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß man's nicht wieder versucht.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • bustopher schrieb:

      Er WILL leiden. Das ist zumindest für mich die Essenz aus dreiundzwanzig Nummern Winterrreise. Der kurze trotzige Ausbruch in Mut ist für mich da nicht wirklich überzeugend.
      da finde ich doch, daß sich durch die Winterreise hindurch ein trotziger Impuls der Selbstbehauptung findet. Angefangen in Gute Nacht - dem Rausschmiß zuvorkommen und damit eine gewisse Souveränität bewahren - den Lindenbaum hast du soeben selbst herangezogen - auch Auf dem Flusse ist nicht einfach leidend, sondern unterschwellig voller Zorn - die Flucht in Rückblick ist aktiv wie in Gute Nacht, und erinnert etwas an den Lindenbaum: möcht ich noch einmal wieder wanken / vor ihrem Hause stille stehen, aber er tuts nicht - Der stürmische Morgen - und was es in Das Wirtshaus mit dem Abweisen auf sich hat, möchte ich mal offen lassen - Mut, das bei Müllers Endfassung ja die ganz prominente Stellung vor dem Leiermann innehat - und ich sehe die Selbstbehauptung allerdings auch im Leiermann.

      ich finde, da kommt schon was zusammen.
      ---
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • Philbert schrieb:

      Vielleicht ist er einfach zu feige dazu, den entscheidenden Schritt zu machen. Er ist eben kein Held. Dies würde sich auch mit einer Müllerschen Romantik-Persiflage kombinieren lassen. Der Lindenbaum böte ihm die Möglichkeit, endgültig Schluß zu machen, aber den Mumm dazu hat er nicht, seinen Kopf in den Strick zu stecken.
      Nun muß er halt weiter leiden ... Wenn man einmal den Selbstmord erwogen hat und es fast aber doch nicht geschafft hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß man's nicht wieder versucht.


      das sehe ich ganz anders. Suizid aus Liebeskummer hat leicht was demonstrativ-erpresserisches, rächendes "da siehst du was du mir angetan hast". Der Überlebende verzichtet darauf und muß weiterhin mit sich selbst zurecht kommen. Das finde ich mutiger.

      edit

      Wenn man einmal den Selbstmord erwogen hat und es fast aber doch nicht geschafft hat,

      der Text stellt aber doch den Suizid als eine Verlockung dar, nicht als etwas, das man "schaffen" muß.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • Vielleicht habe ich mich nicht präzis genug ausgedrückt.
      Der Wanderer zieht den Selbstmord in Erwägung. "Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu". Er interpretiert es so. Es ist nicht, als wenn die Versuchung vom Lindenbaum selber käme. (ich sehe auch nichts "demonstrativ-erpresserisches, rächendes" da; er denkt nicht mal an die Geliebte - falls es eine gegeben hat und Liebeskummer nicht eine Chiffre ist -, er ist allein mit seinem Kummer).
      Und dann tut er's doch nicht.
      Ich glaube nicht, daß er mutig der Versuchung widersteht. Noch einmal: meine Interpretation.

      zabki schrieb:

      Angefangen in Gute Nacht - dem Rausschmiß zuvorkommen und damit eine gewisse Souveränität bewahren
      Das ist Müllers revidierter Text "bis man mich trieb' hinaus", nicht Schuberts Textvorlage "daß man mich trieb hinaus".

      Sonst stimme ich mit dir überein, daß der Wanderer nicht nur ein passiver Leidender ist. Auch Im Dorfe "was will ich unter den Schläfern säumen?" kann man als aktive Entscheidung verstehen, seine Zeit nicht bei den "Schläfern" zu verschwenden. Und hier ist allerdings eine politisch/sozialkritische Interpretation durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen, wobei Schubert Müllers Text leicht geändert hat: "Es schlafen die Menschen in ihren Betten" statt bei Müller "Die Menschen schnarchen in ihren Betten".
      Alles, wie immer, IMHO.