LIGETI: Le Grand Macabre - Theater Freiburg (Premiere 30.1.2010)

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    • LIGETI: Le Grand Macabre - Theater Freiburg (Premiere 30.1.2010)

      In der Eingangshalle der Freiburger Oper werden die Zuschauer eingestimmt: Die Angst vor dem Tod durch karnevaleken Spott vertreiben. Eine Madonnenstatue mit Totenschädel, drumherum Friedhofskerzen, dazu mexikanische Musik vom Band und eine Gruppe von Tänzern, als Tod maskiert und mit Transparenten wie „Es lebe der Tod“ und „Le Grand Macabre“. Leider wirkten die Beteiligten ausgesprochen lustlos, so dass diese Idee etwas verpuffte.

      Auf der Bühne schon bei Einlass des Publikums eine große Gruppe schwarze gekleideter Gestalten mit Totenschädelmasken. Die Gruppe bewegt sich in kaum wahrnehmbaren kleinen Schritten auf das Publikum zu. Als der Bühnenrand erreicht ist, löst sich die Gruppe auf, es bleibt nur eine auf der Bühne, die aus der Tasche ihres Umhangs eine Hupe zieht – der Ton dieser Hupe eröffnet die berühmte Ouvertüre für 12 Hupen. Nicht alle Zuschauer waren darauf vorbereitet, eine gewisse Unruhe bei einem Teil des Publikums ob der in den heiligen Opernhallen ungewohnten Klänge.

      Das Bühnenbild wird dominiert durch ein hölzernes Gestell, eine riesige Rampe, die sich wie eine Spirale vom unteren, linken Ende der Bühne nach hinten dreht und am oberen rechten Rand der Bühne endet. Über diese Rampe erfolgen eine Reihe von Auf- und Abtritten im Lauf des Abends. Während der Überleitungen zwischen den vier Bildern der Oper dreht sich die ganze Apparatur um ihre Achse und gibt dem Zuschauer den Eindruck einer sich nach oben schraubenden Spirale – ein toller optischer Trick (Bühne: Rebecca Ringst, die neulich schon bei Herheims Rosenkavalier in Stuttgart eine großartige Bühne gebaut hat). Es war zu lesen, dass die Idee dazu von Breughels „Turmbau zu Babel“ kam, und in der Tat kann das Gestell an das obere, unfertige Ende des Turms erinnern.

      Im ersten Bild hängen ein gutes Dutzend riesiger Kreuze über der Bühne. Piet-vom-Faß tritt von hinten auf, eine auf Rollen montierte Toilettenschüssel hinter sich herziehend. Im Spühlwasserbehälter transportiert Piet jede Menge Bierflaschen. Er trägt knallgrüne Hosen, Hosenträger über dem Feinripp-Unterhemd und eine Clownmaske. Piet lässt erstmal die Hosen runter, nimmt zum „Dies Irae“ auf seiner Toilette platz und macht es sich gemütlich, während das Liebespaar Amanda und Amando (oder auch Clitoria und Spermando) die Rampe herunter kommt. Deren Liebesspiele inspirieren Piet sehr, weshalb ihm ein großer langer roter Luftballon aus dem Schoß wächst. Das Liebespaar selbst geht im Vergleich mit dem, was auf der Bühne sonst noch zu sehen sein wird, recht züchtig miteinander um. In der Zwischenzeit erscheint Nekrotzar rechts oben und steigt die Rampe herab, das nahe Ende der Welt verkündend. Gekleidet ist er ganz in weiß, weißer Mantel, weißer Federhut, weiße Karnevalsmaske. Im weiteren Verlauf des Abends wird er sich dieser Kleidung nach und nach entledigen, um am Ende mit nacktem Oberkörper, schwarzer Lederhose und Plateausolen-Stiefeln zu erscheinen. Nekrotzar braucht einen willigen Diener – da kommt ihm Piet gerade recht. Die Drohungen, die diesen schließlich gefügig machen, umfassen allerlei Handgreiflichkeiten, bei denen die Toilette und vor allem deren Inhalt (und damit sind nicht die Bierflaschen gemeint...) eine nicht unwichtige Rolle spielen.

      Im zweiten Bild erscheint das Sado-Maso-Paar Mescalina/Astramadors über die Rampe, sie zunächst in Nonnentracht (Buñuel lässt grüßen), er im Trenchcoat über Frauendessous und Strapsen. Mescalina ist anscheinend ihres Mannes überdrüssig und wünscht sich von Venus eine anderen, „gut bestückten“ Gatten. Als Nekrotzar erscheint, glaubt sie sich erhört. Gut bestückt ist er in den Tat, der Ausstatter hat einen aufblasbaren Penis von über 2 Meter Länge organisiert. Mescalina überlebt den reichlich absurden Liebesakt inklusive Ejakulation nicht, der aufblasbare Penis wird über den Orchestergraben ins Publikum gereicht und wandert durch die Reihen im Parket. Eingesammelt wird er von einer Statistin, die hochschwanger immer wieder auf der Bühne und im Publikum auftaucht, mit Gesten und gelegentlich mit Transparenten die Handlung kommentiert.

      Man sieht: Bieito hat erwartungsgemäß wenige Hemmungen, den derb-grotesken Text der Oper beim Wort zu nehmen und entsprechend zu bebildern. Ob ihm das in den ersten beiden Bildern besonders überzeugend gelungen ist, ist eine andere Frage. Sicher ist alles unterhaltsam, Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Aber es fehlt dennoch der richtige Kick, es fehlt das Aha-Gefühl, keine richtige Spannung will sich einstellen. Glücklicherweise wird das im dritten und besonders im vierten Bild viel besser.

      Auftritt der Minister des Fürsten Go-Go. Nette Idee, einen der Minister als Frau mit Angela-Merkel-Perücke auftreten zu lassen. Der Fürst tritt mit seinem Teddybär auf, mit dem Fahrrad die Rampe herunterfahrend, gekleidet in einen Morgenmantel mit wenig darunter. Überhaupt wimmelt es in diesem Bild von Plüschtieren – anscheinend die große Leidenschaft des unreifen Fürsten. Auftritt des Chefs der Geheimen Politischen Polizei Gepopo, im Stechschritt die Rampe herunter. Das Volk, vor dessen Aufstand er den Fürsten warnt, stürmt grölend die Bühne und bewerfen die Minister mit Abfall, dazu laute Buhrufe aus dem Publikum (die waren aber bestellt: Ein Teil des Chors war im Publikum platziert, wie übrigens im Text gewünscht). Durchaus eine gewisse Selbstironie Bieitos, der hier das inszeniert, was anderenorts das Publikum bei seinen Regiearbeiten am liebsten machen würde. Der Fürst schasst seine Minister, besänftigt das Volk. Erneuter Auftritt Gepopos, jetzt im langen schwarzen Abendkleid (das Libretto sieht die Verwandlung in eine riesige Spinne vor) und warnt vor einer größeren Gefahr. Prompt erscheint Nekrotzar mit Gefolge und allgemeine Panik bricht aus.

      Spätestens hier gewinnt die Szene nun erheblich an Atmosphäre und Spannung. Beim vorgeblichen Weltuntergang und den anschließenden Szenen der sich im Himmel wähnenden Piet und Astramador, während der Fürst durch die Reihen im Parkett klettert, im Glauben, er habe als einziger die Apokalypse überlebt, macht sich in Zusammenhang mit der jetzt unwirklichen Musik eine düstere und depressive Stimmung breit. Auf der Bühne erscheint ein großer Ballon, die Erdkugel, die längere Zeit nun im Zentrum der Handlung steht, immer mehr an Luft verliert, dabei geliebt und geschlagen wird, um von der wieder auferstandenen Mescalina schließlich langsam die Rampe hinauf geschleppt und von dort in die Tiefe geworfen zu werden. Auf der Bühne findet derweil ein Tanz auf dem Vulkan statt, ein allgemeiner Rausch, dem schließlich auch Nekrotzar verfällt. Mescalinas Brüste liefern das Rauschmittel, bei dem hier offen bleibt, ob es sich um Blut oder Wein handelt. Der berauschte Todesbote wird an die Pfähle der Rampe gebunden, wobei es durchaus gewollt ist, dass man dabei an eine Kreuzigung denkt. Der Weltuntergang fällt aus. Zu den Worten „Wir haben Durst: Ergo wir leben“ versammeln sich alle zu Bier aus der Flasche am Bühnenrand, auch das Liebespaar aus dem ersten Akt gesellt sich zu der Gruppe, zur finalen Passacaglia:

      Fürchtet den Tod nicht, gute Leut'!
      Irgendwann kommt er, doch nicht heut'!
      Und wenn er kommt, dann ist's soweit...
      Lebt wohl solang in Heiterkeit.

      Die Atmosphäre ist aber eher eine depressive Katerstimmung – gerade eben davon gekommen, aber dennoch ist nichts mehr so, wie zuvor. Insgesamt eine durchaus gelungene Inszenierung, mit starken Bildern von bleibender Erinnerung, wenn auch mit ein wenig zähem Anlauf.

      Es spielte das Philharmonisches Orchester Freiburg, geleitet vom jungen Hongkong-chinesischen Dirigenten Jimmy Chiang, der seit dieser Saison Kapellmeister am Theater Freiburg ist. Und wie sie spielen! Das ganze Klangspektrum der Musik wird aufgefaltet und (von einigen wenigen Wacklern abgesehen) mit fantastischer Präzision ausgeführt, von den Autohupen und Türklingeln der Vor- und Zwischenspielen über die sinnlichen Duette des Liebespaares und die scharfen Bläser des Jüngsten Gerichts bis zu den magisch-unwirklichen Klängen nach dem „Weltuntergang“.

      Sängerisch und darstellerisch eine großartige Ensembleleistung. Herausragend der Countertenor Xavier Sabata als Fürst Gogo. Beeindruckend das Volumen der Mescalina Leandra Overmann. Schön die lyrische Stimme der Jana Havranova als Amanda. Gewöhnungsbedürftig, aber am Ende doch sehr eindringlich Lini Gong als Gepopo.

      Das Publikum fühlte sich bestens unterhalten und belohnte Sänger, Dirigenten und das Regieteam mit jubelndem Applaus.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)