Verdi - Simon Boccanegra - Metropolitan Opera N.Y., 6.2.2010

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    • Verdi - Simon Boccanegra - Metropolitan Opera N.Y., 6.2.2010

      G. Verdi Simon Boccanegra Metropolitan Opera New York 6.2.2010



      Simon Boccanegra: Placido Domingo

      Amelia Grimaldi/Maria: Adrienne Pieczonka

      Gabriele Adorno: Marcello Giordani

      Jacopo Fiesco: James Morris


      Inszenierung: Giancarlo del Monaco

      Musikalische Leitung: James Levine





      Hat jemand die Übertragung aus der MET gesehen?

      Ich hatte diese Oper bisher nie auf der Bühne gesehen und kannte zu
      meiner Schande auch keine einzige Arie daraus- richtige Hits sind ja
      sowieso eher Mangelware.

      Statt dessen gibt es aber massenhaft wunderbare Ensembles/Duette und
      vor allen Dingen eine sehr packende und in Atem haltende Handlung.

      Ich verstehe jetzt, warum das eine Llieblingsoper von Sevi und Rideamus ist. [Blockierte Grafik: http://www.das-klassikforum.de/images/engel.gif]


      Nur ganz kurz, weil ich serh müde bin:

      die Inszenierung war so konservativ, wie sie konservativer nciht hätte
      sein können. Originalgetreues Dekor und Kostüme- da lacht jedes
      Staubi-Herz! Personenregie sehr diskret, die Sänger mussten halt das Beste aus ihren Rollen machen.

      Für eine Erstbegegnung war das aber nicht schlecht, zumindest hab ich sofort kapiert wo , wann und worum es ging. [Blockierte Grafik: http://www.das-klassikforum.de/images/icon_wink.gif]


      Levine wie immer total unspektakulâr- ich bin kein Fan von ihm, er hat mich aber auch nciht weiter gestört.

      Gesangliich war das ein Freudenfest für alle Domingo-Fans (und das bin
      ich mit Haut und Haaren!) Dass er so einfach von Tenor auf Bariton
      umsteigt, ist schon unfassbar genug, aber wie gut er dieses Rolle singt
      und spielt, ist in seinem Alter das reine Wunder. [Blockierte Grafik: http://www.das-klassikforum.de/images/bowdown.gif]
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      Leichte Abnutzungserscheinungen am Anfang, fielen nciht ins
      Gewicht,zumal James Morris als Fiesco echte Abnutzungserscheinungen zeigte und die
      von Domingo dagegen Peanuts waren. Der Wobble ist nciht mehr weit bei
      Morris, ich fürchte er wird bald wie Ramey klingen. [Blockierte Grafik: http://www.das-klassikforum.de/images/smilies/mad.gif]


      Giordani hat mich in dieser Rolle mehr überzeugt als als Kalaf- er war
      serh gut in Form und passte von Statur und Alter und Stimme auch gut zu
      seiner Amelia . Selbige hatte ich noch nie gehört oder gesehen, sie
      singt gut, aber ohne jedes Charisma.

      Fazit : eine tolle Oper und ein herausragender Domingo. :klatsch: :klatsch: :klatsch:

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • RE: Verdi Simon Boccanegra Metropolitan Opera N.Y. 6.2. 2010

      FairyQueen schrieb:


      Ich verstehe jetzt, warum das eine Llieblingsoper von Sevi und Rideamus ist.


      Und von Areios, seiner Meinung nach (wie ich aus zuverlässigen Quellen weiß ;+) ) sogar mit Abstand die beste Verdi-Oper! Es gibt bei uns auch einen schönen Thread von Antracis: VERDI: Simon Boccanegra – Wendepunkt hin zur musikdramatischen Reife ?

      Ich konnte leider nur kurz in die Radioübertragung hineinhören (auf Ö1) und habe die Ratsszene erwischt - Domingo hat mich wirklich positiv überrascht, ich hatte mir nämlich wirklich nicht viel von ihm erwartet. Er hatte zwar nicht ganz die Autorität von Tito Gobbi oder Piero Cappuccilli in der Titelrolle, aber gab dennoch ein schönes und differenziertes Rollenporträt. Auch Marcello Giordanis Gabriele war recht gut; wenn Adrienne Pieczonka die Amelia in jedem Bild so farblos gesungen hat wie in der Ratsszene, hat sie allerdings Verdis genialste und charismatischste Frauenrolle hingerichtet! :wut2:

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • FairyQueen schrieb:

      Fazit : eine tolle Oper und ein herausragender Domingo.
      F.Q.


      Allein für den letzten "Augenblick" Domingos hat sich der Abend schon gelohnt. Um mich herum wurde zwar ziemlich viel gemosert, aber ihn in dieser Rolle zu erleben, war wirklich grandios. Bei seinen Stürzen blieb mir allerdings fast das Herz stehen, aber auch die meisterte er noch gekonnt. Bei mir wären da wahrscheinlich nicht viele Knochen heil geblieben.

      Gute Nacht
      Ingrid

      PS. Habe mich auch sehr gefreut, erstmals Musikkristin getroffen zu haben :wink:
    • Liebe Ingrid,

      schön, Dich hier zu dieser Zeit nach diesem Abend nochmals zu lesen.

      Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, ich fand Placido Domingo bis auf die Schlußszene stimmlich nicht geeignet, das war kein richtiger Bariton für einen beeindruckenden Boccanegra, wenigstens nicht für mich - nichts Halbes und nichts Ganzes. Schauspielerisch war er großartig.

      Sehr enttäuscht war ich über James Morris als Fiesco, das war keine richtig schöne dunkle Baßstimme, nicht mal ne sympathische.

      Am besten gefallen haben mir Marcello Giordani, da hat das Stimmfach richtig gestimmt und auch die Sängerin der Amelia Grimaldi. Sogar Paolo.

      Das Bühnenbild fand ich passend und wunderbar, auch die Kostüme. Schauspielerisch hat aber trotzdem Placido Domingo am meisten überzeugt.

      Aber wie Ingrid richtig bemerkte beim Rausgehen: Es war wahrscheinlich das letzte Mal, Domingo live zu erleben. So muß man es sehen.


      Liebe Grüße

      Kristin
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Ich komme auch gerade aus der Übertragung und bin hundemüde, deshalb für heute nur soviel: Placido Domingo ist ein verdammtes Genie, das manch jüngeren Kollegen in den Sack steckt und wieder rausholt, ohne daß der es überhaupt merkt. :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:
      Es war auch mein erster Boccanegra, und ich bin hingerissen von der Musik.
      Alles andere morgen oder übermorgen.
      Schlaft gut und süße Träume :wink:
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
    • Liebe Kristin, kannst du mal etwas näher erklären, was Dir an Domingo nicht gefallen hat?
      Ich fand die Stimmfarbe und das Timbre genau rcihtig- wobei ich keine Vergleiche in der Rolle habe, aber auch in diesem Fall gar nicht bracuhe, weil das für mich vollkommen stimmig war.
      Am Anfang war das Vibrato ein bisschen heftig und die Stimme etwas unruhig, aber das legte sich zunehmend und wenn man James Morris daneben hörte, konnte man eh nur noch positiv überrascht sein.. ;(

      Die Amelia ist tatsächlich eine aussergewöhnliche Frauenfigur im Lager der Gildas, Violettas und anderer sterbender Dulderinnen und ich fand Pieczonka zwar auch vom Stimmfach richtig, das war dann aber auch leider schon Alles!
      Was hier zu Domingos Schauspiel-Genie gesagt wird, kann man nur doppelt und dreifach unterstreichen. Jeder, der dieses Oper noch nciht kannte, wurde vor allen Dingen durch ihn dann trotz der reichlich phantasielosen Inszeneirung und dem glanzlosen Dirigat sofort dafür gewonnen .

      Placido il Magnifico :juhu: :juhu: :juhu:

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      Placido Domingo ist ein Tenor und eben kein Bariton. Und es ist halt nicht damit erledigt, daß ich einfach nur tiefer singe. Denn die ganze Kraft einer Bariton-Stimme (ich sage das als ganz einfacher Laie) hat ihr Zentrum woanders als beim Tenor. Speziell in der Rats-Szene fehlte die Gewalt und Autorität eines Bariton-Boccanegra.

      Beim Boccanegra traue ich mich, ein bisserl mitzureden, weil ich die Oper zwar noch nie live gesehen habe, jedoch einige erstklassige Aufnahmen daheim habe, die ich mir schon sehr oft und sehr intensiv anhörte, weil es eine meiner absolut liebsten Verdi-Opern ist.

      Da hör' Dir mal einen Tibbett, Gobbi, Cappuccilli, Bruson an, speziell bei dieser Szene (z.B. Tibbett: "http://www.youtube.com/watch?v=wS|2j|wC3I0" ). Bei Domingo war für mich diese Stimmgewalt und auch die Tiefe nicht vorhanden, die Dramatik war nicht so, wie ich mir das vorstellte.

      Zum Fiesco möchte ich gar nichts mehr sagen, das war nur ein Fiasko.

      Liebe Grüße

      Kristin
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Original von Anthracis
      Ich bin halt sehr unglücklich über die Domingo-Besetzung. Dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich halte den Spanier für einen der größten und vor allem komplettesten Sänger der letzten 50 Jahre - aber das kann höchstens ein Triumph für Domingo werden, nicht aber für den Dogen.
      Ich habe soeben aus der Rundfunkübertragung den Prolog sowie den ersten Akt angehört, daher nur einige erste Eindrücke, weil ich sonst nicht mehr zeitnah dazu komme.

      Die Inszenierung kenne ich ja schon von dieser DVD, in welcher der schon etwas reife Domingo noch den Gabriele Adorno singt:



      Von daher kann ich Fairys Charakterisierung dieser höchst traditionellen, aber immerhin auch wenig störenden Arbeit del Monacos als Staubifreude nur bestätigen.

      Ich gieße höchst ungern Essig in den spontan gelobten Wein, aber ich habe den Eindruck, dass die DVD die bessere Aufführung dokumentiert. Leider kann ich nämlich nach den vorläufigen Höreindrücken nur Anthracis' Befürchtung bestätigen, die er schon letzten Sommer in seinem o.a. Zitat augesprochen hat. Fraglos ist diese Aufführung ein Triumph für Plàcido Domingo. Wer ihn nicht kennt (gibt es unter Klassikliebhabern überhaupt noch so jemanden?), der könnte ihn für einen sehr guten Bariton mit tenoralem Tmbre halten, dem die relativ hohe Tessitur des Simon Boccanegra gut liegt. Ich kann allerdings nch nicht sagen, ob er sich nicht die eine oder andere Passage hat transponieren lassen. Auch gestalterisch hat er sich wohl von den vielen großartigen Simones, mit denen er im Laufe seiner Karriere gesungen hat, das Beste abgeguckt. Dennoch kann ich die vorwiegende Begeisterung für seinen Simone bislang nur nachvollziehen, nach dem rein akustischen Eindruck aber nicht teilen.

      Das liegt allerdings auch an seinem Umfeld, das die Oper wiedergibt, als habe sie nie die reifere Überarbeitung erfahren, sondern sei in der Attitüde ihrer Erstfassung von 1857 stecken geblieben. Hier schlug sich die Tradition der MET als die größte Zirkusarena gleich nach der von Verona arg deutlich nieder. Levine dirigierte einen Reißer mit toller Musik und ist anscheinend immer weniger willens (oder in der Lage), seinem Orchester etwas anderes als ein pauschales Forte oder Foretissimo, nicht aber ein wirkliches Piano abzufordern.

      James Morris schien ganz darauf konzentriert, seine frühe und besonders beliebte Auftrittsarie "Vi lacerato spirito" ordentlich über die Rampe zu bringen, ging danach aber ziemlich aus dem Leim und fiel eher durch sein breites Vibrato als die satten, tiefen Töne auf, die der Fiesco unbedingt braucht. Wie Fairy schon geschrieben hat, erinnert das in betrüblicher Weise an die Entwicklung Samuel Rameys. Das macht das wunderschöne Duett mit Gabriele Adorno "Vieni a me" ziemlich kauputt, zumal Giordano zwar durchaus eindrucksvoll singt, aber für meinen Geschmack schon arg viel von dem weinerlichen Ton zahlreicher früherer Verdi-Tenöre an den Tag legt, der für mich immer etwas danach klingt, als habe er sich in den TROVATORE verirrt und wüsste schon, dass auch er am Schluss geröstet wird.

      Der Paolo Stephen Gaertners ist in dem auf Bravour ausgerichteten Umfeld in angenehmer Weise unauffällig. Dagegen muss ich Areios' Befürchtung bezüglich Adrienne Pieczonka bestätigen. Ihre zwar solide grundierte, aber bei jedem exponierten Anspruch leicht schmerzhafte Darbietung ist mit dem Wort "Hinrichtung" ihrer Rolle leider nur zu treffend beschrieben, so dass ich sogar Frau Gallardo-Domas, die mir in der Wiener Aufführung nur wenig gefallen hat, Abbitte tun muss. Hinzu kommt, dass durch das tenorale Timbre Domingos beim bloßen Hören in Amelias Dialogen mit ihrem Vater und ihrem Geliebten eine ungewöhnliche Verwechslungsgefahr entsteht, die im Endeffekt Gleichgültigkeit erzeugt. Das war im Kino natürlich ausgeschlossen, stört aber beim reinen Hören nicht unerheblich und macht trotz Domingos beeindruckender Leistung gerade hier aus der großartigen Ratsszene zuweilen einen Einheitsbrei, in dem man sich - immer rein akustisch - schwer orientieren kann, zumal man sich nur ungern an Frau Pieczonka hält, die mich sogar Katia Ricciarelli in der etwas farblosen Gavazzeni-Einspielung vermissen lässt, von Kiri Te Kanawa oder gar Mirella Frenis optimaler Leistung ganz zu schweigen.

      Kurz zusammengefasst: es erweist sich bei dieser Oper als unbestreitbarer Nachteil, dass es ausnahmsweise eine perfekte Einspielung gibt (s. VERDI: Simon Boccanegra – Wendepunkt hin zur musikdramatischen Reife ?), die ich jederzeit viel lieber höre.

      Mit einem noch weiter gehenden, endgültigen Urteil warte ich aber ab, bis ich die ganze Oper gehört und ggf. auch gesehen habe, denn Domingos visuelle Präsenz scheint ja sehr stark gewesen zu sein, wenn man Euch liest. Und wenn die Aufführung zudem weitere Konvertiten zu einem der allergrößten Werke Verdis gewonnen hat, hat sie ihren edelsten Zweck ja auch schon erfüllt.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus, die visuelle Präsenz Domingos war derartig überwältigend, dass zumindest bei mir die Wahrnehmung in erster Linie ein Gesamteindruck ist und ich das rein Stimmliche nicht diffenrenzieren kann und will. Das gilt in meinem Falle grundsätzlich bei guten Sing-Schauspielern. Ein Operncharakter ist weder nur Gesang noch nur Schauspiel - das Gesamtpaket muss stimmen, dann werden Details unwichtig.
      Als Boccanagra-Anfängerin halte ich mich aus der Diskussion über bessere Besetzungen der Titelrolle heraus, kann aber niur wiederholen, das dieser Ersteindruck bei mir stimmig war.
      Zur Person des Boccanegra schient mir gerade die etwas zwiespältige Zwischen -zwei- Stimmfächern Farbe zu passen.

      Er ist doch gleichermassen der(tenorale) Liebhaber der Maria Fiesco, der er sein Leben lang nachtrauert und deren Verkörperung er auch in seiner Tochter Maria liebt und der (baritonale) Doge und Herrscher, dessen tragisches Schicksals so serh zu Herzen geht.
      Was das Ungleichgewicht der übrigen Besetzung angeht, hast Du gewiss Recht! Der Fiasko-Fiesco wäre als Bass-Gegenpol eigentlich richtig gewesen, wenn seine Stimme nciht so ruiniert wäre (auch gerade in der ersten Arie übrigens!).
      Aber was Amelia angeht, hätte zu diesem Vater wirklich eine etwas grazilere und hellere Tochter gehört. die Verwechslung Tochter und Abbild der Mutter(wobei da keinerlei inzestuösen Tendenzen vorkamen und das auch nciht unterstellt werden sollte, ich zumindest sehe keine Ansätze davon in der Oper) wird aber dadurch evtl noch plausibler?

      Ich fand Domingo gerade besonders gut in dieser Zerrissenheit der Rolle und dazu passt dann auch genau die Zerrissenheit der Stimmfächer.
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • So, jetzt möchte ich also auch noch meinen etwas ausführlicheren Senf dazu geben.
      Ich habe hier im Forum vor einger Zeit den Satz gelesen ""...ansonsten sitze ich da und finde alles gut.".
      So ging es mir gestern abend über weite Strecken. Wie gesagt, es war mein erster Boccanegra, ich habe keinerlei Vergleichsmöglichkeiten, und vielleicht haben ja die Leute auch recht, die anmerken, daß Domingo eben doch kein Bariton ist und er der Rolle daher nicht wirklich gerecht werden kann. Kann ja alles sein, aber mich hat der Mann aus den Schuhen gehauen, seine Stimme, seine Darstellungskunst, seine Bühnenausstrahlung, die Ambivalenz zwischen liebendem Vater, weisem Herrscher und zur Grausamkeit neigendem Despoten. Jemanden zu zwingen sich selbst zu verfluchen ist Folter und fast brutaler, als ihn gleich einen Kopf kürzer zu machen. Domingo war gruselig in der Szene, und mir ist wieder einmal klar geworden, was für ein Fuchs Giuseppe Verdi war, und warum ich ihn für das größe Theatergenie aller Zeiten halte. :juhu:
      Domingos Sterbeszene habe ich nur durch euinen Tränenschleier gesehen, ich bin ene ziemliche Memme wenn auf der Bühne gestorben wird, und Domingo ist so wunderschön gestorben... ;(
      Auch mir ist aufgefallen, daß Domingo zu Beginn ein wenig mit seinem Vibrato zu kämpfen hatte, und natürlich klingt seine Stimme nicht mehr ganz so wie vor 30 Jahren, aber offen gestanden, dem übermäßig Gewicht beizumessen ist für mich so, als bemängele jemand, daß die Teller auf dem Abendmahl von Leonardo DaVinci dringend mal gespült werden müssten ;+)
      Ich bin nicht der jenige, der sich groß über stimmtechnische Finessen auslassen sollte, da mir dafür die Kompetenz fehlt, aber
      Fiesco fand auch ich nicht überragend, aber ich hatte dennoch den Eindruck, daß es gegen Ende mit seinem Vibrato etwas besser wurde, und am Schluß hat er mir recht gut gefallen. Amelia hat gut gesungen, aber ich muß denen recht geben, die feststellen, daß sie etwas farblos und eindimensional wirkte. Ich habe mich des öfteren bei dem Gedanken erwischt, was wohl Callas daraus gemacht hätte, und das ist natürlich sehr unfair von mir. :whistling:
      Marcello Giordani hat mir über weite Strecken sehr, sehr gut gefallen, allerdings habe ich mich an einer Stelle wohl etwas daneben benommen...als er singt, daß er Amelia nie wieder sehen wolle wenn sie nicht "rein und unschuldig" sei, ist mir ein ziemlich lautes "Du blödes Aschloch" rausgerutscht. :hide: Die Dame neben mir war nicht begeistert :shake:

      Das Bühnenbild fand ich klasse, und ich kann den Szenenapplaus für den Ratssaal sehr gut nachvollziehen. Übehaupt gefällt mir an den Live-Übertragungen sehr, daß man einen Blick hinter die Kulissen tun kann, und endlich auch einmal die Menschen sieht, die neben den Sängern und Musikern zu einem nicht geringen Teil daran beteiligt sind, den Traum "Oper" wahr werden zu lassen: die Bühnenarbeiter und -techniker, die m.E. viel zu oft vergessen werden, und deren Leistung man nur Hochachtung zollen kann. Sie stehen nicht im Rampenlicht und niemand jubelt ihnen zu , aber sie hätten es durchaus verdient.

      Im Übrigen liegt hier eine Gesamtaufnhame der Oper mit dem von euch so gelobten Piero Cappuccilli, zu der ich noch nicht gekommen bin. Das muß dringend nachgeholt werden, denn die Musik ist wunderbar. Hinter mir hat beim rausgehen ein Herr bemängelt, daß es in der Oper "keine Hits" gäbe, ich finde ja sie ist ein einziger Hit. Und es gibt kein ordinären Stellen, die man bei Verdi ja dann ab und an doch manchmal findet... :hide: ;+)
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
    • Mina schrieb:

      daß er Amelia nie wieder sehen wolle wenn sie nicht "réin und unschuldig" sei, ist mir ein ziemlich lautes "Du blödes Aschloch" rausgerutscht. :hide: Die Dame neben mir war nicht begeistert :shake:
      :mlol: :mlol: :mlol:


      Liebe Mina, für solche Sätze liebe ich dich! :kiss:
      Schade, dass ich nicht neben dir sass!

      Ich habe genau dasselbe gedacht, wenn auch in französisch :rolleyes:

      Und was den Gesamteindruck und den Teller in Leonardos Abendmahl angeht: mir ging es genauso wie dir! Wer ist nun unsere gemeinsame Urahnin?
      Allerdings stammt Sevi auch noch von der Dame ab, die muss also ziemlich fruchtbar gewesen sein...... :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ja, irgendeine leidenschafltiche Europäerin mit vielen Kindern- und Kindeskindern war es wohl ;+)
      Mein Gatte hat übrigens noch einen drauf gesetzt. Als Adorno später singt daß er Amelöias Mitleid nicht wolle hater gemurmelt "Das hast du auch nicht verdient". alelrdings nur leise in mein Ohr. Wir sind ja lernfähig :D

      Jetzt muß ich das Desaster in meiner Küche beseitigen. Habe vorhin eine Torte gemacht mit geschätzten 3000 Kalorien pro Stück, und jetzt gilt es, Sahnespritzer und sonstige Beweismittel zu vernichten.
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
    • Guten Morgen, die DVD oder den Film kenne ich nicht. Domingo mag ein guter Schauspieler sein, aber als Boccanegra ist seine Stimme weder Fisch noch Fleisch. :hide: Liebe Fairy Queen, vielleicht magst Du ja doch kurz die Augen schließen und ihn vergleichen mit TitoGobbi, Piero Cappuccilli und mit dem unvergleichlichen Lawrence Tibbett. Ich behaupte einfach mal kess, daß Welten dazwischen liegen. :)
      Schöne Grüße von calisto
    • calisto schrieb:

      vielleicht magst Du ja doch kurz die Augen schließen und ihn vergleichen mit TitoGobbi, Piero Cappuccilli und mit dem unvergleichlichen Lawrence Tibbett. Ich behaupte einfach mal kess, daß Welten dazwischen liegen. :)
      Hab ich brav gemacht und Gobbi und Capucilli mit "Plebe, Patrizi..." gehört.

      Das ist einfach eine ganz andere Facette des Charakters, die mit solchen Stimmen herausgearbeitet wird. Nicht mehr und nciht weniger. Besser finde ich das nciht, auch nciht schlechter. Nur anders.
      Bei Domingo war Boccanegra in erster Linie ein innerlich zerrissener Mensch und nicht der Despot, den Stimmen wie Gobbi in den Vordergrund rücken kônnen.
      Zwischen Liebe und Pflcht zerrissen, halb Liebhaber einer unerreichbaren, verbotenen bzw toten Maria (eben typisch Tenor, siehe "Maria" Westside Story) und Vater und Herrscher. Für mich hat Domingo die verschiedenen Facetten dieser sehr tragischen Figur gespiegelt- gerade eben auch mit der Stimme.
      Er hatte in dieser Rolle etwas serh Verletzliches und das hat mich wahrscheinlich so stark als Rollenporträt angesprochen. Eine Boccanegra Stimme ist für mich keine Scarpia-Stimme. Ich denke, es hängt sehr Vieles von der Sicht auf die Rolle als solche ab.


      Mina schrieb:

      Mein Gatte hat übrigens noch einen drauf gesetzt. Als Adorno später singt daß er Amelöias Mitleid nicht wolle hater gemurmelt "Das hast du auch nicht verdient". alelrdings nur leise in mein Ohr.
      Liebe Mina, die Urahnin hat uns wohl auch die Gabe vererbt, die passsenden Hälften zu finden! :love:
      Diese eifersüchtigen und in ihrer Eitelkeit verletzten Tenöre sind doch alle irgendwie unreife Bürschelchen., kein Wunder dass ein so prachtvolles Mannsbild wie Domingo darauf keinen Bock mehr hat.... :whistling:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ich habe gestern die Aufführung aufgenommen und nur kurz hineingehört. Was ich aber zu hören bekommen habe, hat mich entsetzt (Fiesco) und den Kopf schütteln lassen (Simone). Ich bin im Prolog eingestiegen, in die Szene der beiden, wo Simone auf Versöhnung hofft und schließlich durch den Bericht über die verloren gegangene Tochter die Aussichtslosigkeit einer Versöhnung mit Fiesco erkennen muss. "Simon Boccanegra" ist meine Lieblingsoper und ich habe da einfach die Paarung Cappuccilli/Ghiaurov im Ohr oder den Simone von Gobbi und Tibbett. Und im Vergleich dazu fand ich die musikalische Seite beschämend. Das war ein Fiesco, dem man nur mit Schmerzen und Kopfschütteln zuhören konnte und auch Domingo hat zwar die Partie gesungen, aber war meilenweit von den vorher genannten entfernt. :shake:
      Sicherlich schwächt sich dieser Eindruck ab, wenn man Domingo sieht, der ja wirklich ein guter Darsteller ist. Wenn man die Oper vorher nicht gekannt hat, ist das Urteil ohnehin relativ bzw. spricht es für den großartigen Verdi, dass sogar eine solche Darbietung noch Gefallen finden kann.

      Mir tut es leid, dass Domingo, den ich sehr schätz(t)e, hier einen Weg geht, den er in meinen Augen nicht nötig hätte. Wenn er und das Publikum damit zufrieden sind, dass er den Simon halt auch gesungen hat, , okay. Aber ich denke, dass man nach einer so langen und erfolgreichen Karriere auch einmal ans Aufhören denken kann. Der Fachwechsel ist für mich nur peinlich, denn Domingo kann sich in keinem Fall mit irgendeinem hervorragenden Bariton in dieser Rolle messen. Schade, dass er sich mit dieser Leistung zufrieden gibt !!! Dass ihn das Publikum dann noch so beklatscht, ist für mich aus früheren Meriten erklärbar und ich sehe hier einen Künstler, bei dem die Selbstkritik zu kurz kommt. Schade, mit diesem Wechsel kratzt er für mich gehörig an seinem Image.

      Liebe Grüße,
      :wink:
      Renate

      Was ich fast vergessen hätte - was aber keinem der Sänger angelastet werden kann: eine halbe Stunde Pause zwischen Prolog und erstem Akt zerstört die Spannung und den Fluss der Oper. Ich habe lange überlegt, ob ich ins Kino gehen soll, wahrscheinlich hätte ich ohnehin keine Karten mehr bekommen. Aber nach den Eindrücken vom Prolog und nach Ankündigung der langen Pause an dieser Stelle war ich froh, es nicht getan zu haben.
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • amelia grimaldi schrieb:

      Was ich aber zu hören bekommen habe, hat mich entsetzt (Fiesco)
      Liebe Renate,

      was mich rückwirkend immer noch verärgert und wirklich wundert ist die Tatsache, daß die vielgerühmte Metropolitan Opera in New York nicht in der Lage oder willens ist, einen geeigneten guten Bass für diese Rolle auf die Bühne zu bringen. Gibt's keinen mehr? Hat James Levine, der doch ein sehr guter Verdi-Dirigent und -Liebhaber ist, das nicht gehört. Morris singt doch nicht nur gestern so.


      Liebe Grüße

      Kristin
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Liebe Kristin, ich habe im Hinblick auf die Engagements längst nicht mehr präsentabler Sänger ein sehr zwiespältiges Gefühl.
      Einerseits ist es eine Enttäuschung und manchmal auch Zumutung für die Zuhörer, Sänger hören zu müssen, die so wobbeln wie z.B. Samuel Ramey oder deren Stimmen einfach nciht mehr dem Standard der restlichen Produktion entsprechen. Andererseits habe ich aber den Eindruck, dass gerade an der MET auch eine Art familiärer Ensemblegeist herrscht, der sich auf das dortige Publikum mitüberträgt und den alternden Sängern erlaubt, eine Art "Gnadenbrot" zu bekommen. Morris wurde gestern trotz allem tüchtig beklatscht, bei Ramey geht das ebenso.
      Vom rein menschlichem Standpunkt aus finde ich diese Art der Besetzungs- Politik rührend und eine positive Besonderheit auf dem Markt des Jugendlchkeitwahns. Vom rein künstlerischen Standpunkt aus ärgert es mich natürlch auch, dass da kein besserer Bass gestern singen konnte.
      Ziemlich ambivalent. ;(

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      da hast Du wohl völlig recht mit dem "Ensemble-Familiengeist", denn anders kann ich es mir nicht erklären. Vom künstlerischen Standpunkt ist es wirklich eine Zumutung. Ich habe jedenfalls nicht applaudiert (mache ich auch hin und wieder im Kino).

      Wenn man den Ausdruck "Gnadenbrot" (sehr passend, lach :mlol: ) gebrauchen will, so kann ich das gut nachvollziehen z.B. bei Charles Anthony, der mit über 80 Jahren bei der "Turandot"-Übertragung den alten Kaiser sang aber die große Partie des Fiesco ist bestimmt nicht so zu sehen. Wenigstens nach meiner völlig unmaßgeblichen Meinung.


      Liebe Grüße

      Kristin :wink: :wink:

      P.S. Samuel Ramey war auch so ein Grenzfall, um nicht noch negativer zu werden
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • amelia grimaldi schrieb:


      Der Fachwechsel ist für mich nur peinlich, denn Domingo kann sich in keinem Fall mit irgendeinem hervorragenden Bariton in dieser Rolle messen.

      Jetzt muss ich doch mal eine Zwischenbemerkung anbringen, auch ohne die Aufführung gesehen zu haben:

      Gibt es denn wirklich nur eine "gültige" Interpretation der Rolle des Simone? Geht das nur mit einer Stimme wie der von Cappuccilli? (der Simone meiner Aufnahme)

      Es müssen doch mehrere Interpretationen möglich sein. Was heißt überhaupt "messen"? Geht es hier um Sport?


      Thomas

      PS: Laut neuester Forschungen konnte der echte Simone Boccanegra (gestorben 1363) gar nicht so gut singen. :D