Wagner: "Der fliegende Holländer" - De Nederlandse Opera, Amsterdam, 01.02.2010

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    • Wagner: "Der fliegende Holländer" - De Nederlandse Opera, Amsterdam, 01.02.2010

      Während im Orchester der Sturm der „Holländer“-Ouvertüre im Amsterdamer Opernhaus tobt, zappelt im Vordergrund auf der Bühne ein gestrandeter Fisch. Der Ort ist ein steril-weisser Raum, der nach hinten von einer Front aus Glastüren abgeschlossen wird. Das erinnert an Sicherheitsbereiche in Flughäfen, wo versucht wird, illegale Einwanderer nicht ins Land hineinzulassen. Es regnet in Strömen herab und Menschen, deren Schiff wohl bei einer Kreuzfahrt havariert ist, stürzen in bunter Freizeitkleidung, teilweise mit darüber gezogenen Schwimmwesten, auf die Bühne. Unter ihnen, neben den Mitgliedern einer Show-Kapelle in goldschimmerten Jackets, der weiss uniformierte Kapitän des Schiffes und sein erster Offizier.

      Als sich alle zu einer unruhigen Nacht hinlegen, taucht aus ihrer Mitte ein schwarz gekleideter Fremder auf und auf der anderen Seite der Glastüren erkennt man Männer in Jeans und Kapuzenshirts, Migranten, teilweise von schwarzer Hautfarbe, Illegale, die sich streetgangartig zusammengeschlossen haben und denen der Eintritt in die Gesellschaft verwehrt bleibt.

      Deren Anführer, der „Holländer“, jener Mann in schwarz, erkauft sich beim Kapitän den Zugang zur Mehrheitsgesellschaft durch eine arrangierte Heirat mit dessen Tochter.

      Szenenwechsel: Wellnessbereich eines Hotels. Im Vordergrund dürftig bekleidete Frauen (einige davon barbusig) bei der Schönheitspflege, hinter der Glasfront ein Swimmingpool, abgeschlossen von einer Spiegelwand.

      Anachronistisch Senta (die Tochter des Kapitäns), ganz im schwarzen Kleid und an einem Spinnrad sitzend. Sie will aus dieser Gesellschaft heraus, grenzt sich ab und flüchtet sich in eine Traumwelt, in der sie einem Ausgegrenzten „Erlösung“ bringen kann. Ein Bild bietet für sie eine Projektionsmöglichkeit – es ist eine grau-in-graue Meerlandschaft zu sehen.

      Im Hintergrund laufen immer wieder Mitglieder der Streetgang herein, sie sind erschossen worden und verenden um den und in dem Swimmingpool. Als Erik, der Verlobte von Senta, mit einem Gewehr hereinkommt, weiss man, wie die Migranten zu Tode gekommen sind und man ahnt auch in etwa, wie dieses Stück in Amsterdam enden wird.

      Dritter Akt: die Perspektive ist nun verändert. Im Vordergrund kauern die Mitglieder der Streetgang, sie sind durch ein Gitter von der Mehrheitsgesellschaft abgetrennt. Die Chöre kommen von rechts (Herren) und links (Damen) von den Seiten. Der Mob schaukelt sich hoch, bewaffnet sich mit Baseballschlägern und weicht dann doch vor den Fremden zurück.

      Am Schluss fährt die Bühnenrückwand nach oben und gibt den Blick auf genau jenes Bild frei, das Senta im zweiten Akt bei sich hatte: ein graues Meer unter einem grauen Himmel. Erik erschiesst Senta und den „Holländer“.

      Das Problem dieser Inszenierung des „fliegenden Holländers“ von Richard Wagner durch Martin Kusej ist eine für diesen Regisseur erstaunlich flache Personenführung. Während die Grundidee durchaus einiges für sich hat, bleibt Kusej weit hinter den Möglichkeiten seiner Darsteller/innen zurück. Geradezu beiläufig verschachtert unaufgeregt Daland seine Tochter, fast statisch wirkt das Bild der Frauen zu Beginn des zweiten Aktes, reine Konvention das zentrale Duett Senta-Holländer im gleichen Akt, vorhersehbar das Ende des Stückes.

      Hartmut Haenchen dirigiert das „Nederlands Philharmonisch Orkest“, furios in der Ouvertüre und bei den dramatisch aufgeladenen Passagen des Stückes, zwischendrin dann etwas arg zurückgenommen die lyrischen Stücke des „fliegenden Holländer“, überzeugend im Zusammenhalt der Chöre im dritten Akt. Das Orchester spielt mit viel Freude die Partitur des deutschen Komponisten, Unsicherheiten und Wackler nehmen im Laufe des Abends dann zu.

      Sehr gut die Chöre, die auch phonetisch wirklich vorbildlich sind (Chorleitung: Martin Wright).

      Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt Juha Uusitalo als Holländer: Der Sänger verlässt sich auf seine grosse Stimme, neigt aber zu einer etwas eigenwilligen Wiedergabe des Notentextes und streift bei seiner Diktion die Grenze zur Karrikatur – soviel knallende Konsonanten hört man selten auf der Opernbühne. Dass Uusitalo einen Ton korrekt ansetzt, um diesen dann nach oben oder unten abgleiten zu lassen, ist eine echtes Kuriosum, das dass Zuhören nicht immer zu einer Freude macht.

      Catherine Naglestad, die Senta, hält sich erstaunlich gut – einige Schärfen und sehr zurückhaltend genommene Aufschwünge werden von grossen Steigerungen im dritten Akt wieder wettgemacht. Bei aller Kritik, die sich gegen ihren Gesangsstil einwenden liesse, lässt sich feststellen, dass ihre Leistung insgesamt sehr ausgewogen ist. Ob sie gut beraten war, dass ihr angestammte Fach (dramatischer Koloratursopran) zu verlassen, ist noch mal eine ganz andere Frage.

      Routiniert Robert Lloyd als Daland, ansprechend der Erik von Marco Jentzsch, schwach der Tenor Oliver Ringelhahn als Steuermann.

      Luxuriös besetzt: Marina Prudenskaja als Mary. Die grosse, schlanke Frau mit den Stiletto-Absätzen im Goldlamée-Kleid verströmt ihr edles Alt-Material verschwenderisch.

      Viel Beifall für alle Beteiligten, einige, wenige Buhs für die Regie im Opernhaus direkt an der Amstel in Amsterdam.
      Der Kunst ihre Freiheit