Ausstellungsbesuche der Capricciosi

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    • Ausstellungsbesuche der Capricciosi

      Liebe Capricciosi,

      hier soll Platz sein für Erfahrungsberichte über Ausstellungsbesuche in Museen, Galerien und irgendwo sonst. Gibt es Empfehlungen für Ausstellungen oder Kritik an eben solchen? Habt ihr Künstler neu oder wieder entdeckt? Dann hierher damit!

      Ich starte gleich mal mit dreien, ein paar andere folgen demnächst...

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • JOAN MITCHELL

      Joan Mitchell - Eine Entdeckung der New York School
      Kunsthalle Emden , 1/2009


      Eine große Überraschung erlebte ich in der Kunsthalle Emden. Obgleich mir die Malerei der amerikanischen abstrakten Expressionisten der Nachkriegszeit sehr am Herzen liegt, war mir die einzige Frau in jenem ausschweifenden Männerbund nicht allzu bekannt: Joan Mitchell zählt man in den USA fest zum Kreis um Jackson Pollock, Willem de Kooning und Franz Kline, mit denen sie zum Teil eine enge Freundschaft pflegte. Sie war ebenso wie ihre männlichen Kollegen beim legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli unter Vertrag, der sozusagen die damalige Champions League der zeitgenössischen Malerei betreute. In Europa wird die Malerin hingegen sträflich unterschlagen, was diese Emder Ausstellung, die danach noch in Italien und Spanien zu sehen war, posthum gerade rücken wollte.

      Joan Mitchell wurde 1925 in Chicago geboren, studierte zunächst dort auch Malerei, zog aber dann ins pulsierende New York, das nach dem Ende des 2. Weltkrieges vor kreativer Energie zu bersten schien. Es wurde in den Zeiten, in denen Europa in Trümmern lag, zur Welthauptstadt der Kunst, der Jazz war allgegenwärtig, das Tempo der Stadt immens und vibrierend. Sie fand Anschluss an die oben erwähnten trinkfreudigen Künstler, die in kurzer Zeit zu Weltstars der Kunstszene geworden waren, seilte sich aber ab Ende der 40er Jahre immer wieder nach Frankreich ab. Dort schloss sie feste Lebensbindungen, entdeckte die Malerei Monets für sich und lebte ein Leben fernab des Trubels der amerikanischen Mega-Metropole. Ihren Bildern sieht man das an: Die Bilder, die unter den französischen Eindrücken entstanden, sind von großer Farbigkeit und getragen von größerer Ruhe als ihre "amerikanischen" Werke. Letztere zählen aber zu meinen erklärten Favoriten, wie die großformatigen Bilder "Hemlock", das in größter Abstraktion das Bild einer gewaltigen Hemlock-Tanne suggeriert, und "Marlin", eine ebenfalls riesige Leinwand, die mit explodierender Ausdruckskraft den Fang eines gewaltigen Schwertfisches darstellt. Mitchells Bilder haben fast etwas "unfertiges": Die Bildränder zeigen oftmals die noch unbearbeitete Leinwand. Die Aktion geht also meistens vom Zentrum der Bilder aus. Sobald diese Wirkung Mitchell erreicht erschien, wurde die Arbeit beendet. Dieses "Ausfasern" an den Rändern ermöglicht es dem Betrachter, im Nachhinein die Arbeitsschritte nachzuvollziehen. Die einzelnen Farbschichten werden hier gewissermaßen transparent, indem sie an unterschiedlichen Stellen enden.

      In den 80er Jahren erkrankte Joan Mitchell an Kieferkrebs, 1992 starb sie in Paris. Eine überraschende und längst überfällige Würdigung war diese Ausstellung für mich.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • JAMES TURRELL

      James Turrell - The Wolfsburg Project
      Kunstmuseum Wolfsburg , 12/2009


      James Turrell (*1943 in Los Angeles) hat Psychologie und Mathematik studiert, begann aber Mitte der 60er-Jahre mit seinen künstlerischen Arbeiten an den sogenannten "Lichträumen". Als passionierter Flieger entdeckte er Anfang der 70er einen erloschenen Vulkan in der Wüste Arizonas. Er erwarb das Gelände und arbeitet seitdem in dem "Roden Crater" mittels unterirdischer Stollen und Räumen an einer gewaltigen Installation, die mittels Sonnen- und Mondlichteinfalls das Phänomen Licht beispielhaft erfahrbar machen soll.

      Für das Kunstmuseum Wolfsburg hat er nun die größte Installation außerhalb seiner Vulkan-Welt erschaffen. Auf einer Grundfläche von 700 Quadratmetern und einer Höhe von 11 Metern hat er einen Raum bauen lassen, in dem die Wände, der Boden und die Decke Licht abstrahlen. Licht, das sich unmerklich immer wieder in seiner Farbgebung ändert. Als Besucher in diesem Raum taucht man also völlig ein in eine Welt aus Licht und verliert die ansonsten gewohnte Orientierung. Man ahnt nicht, wo der Boden aufhört und die Wände beginnen, man verliert die Maßstäbe und die bekannten Fixpunkte. Und schließlich erfüllt Turrell einen alten Traum der Kunst: Das Auflösen des Gegensatzes von Bild und Betrachter: Den Raum verlässt der Besucher über ein recht kleines Viereck. Betrachtet man das ganze von außerhalb des Vierecks, so entsteigen die Nachfolgenden scheinbar einem monochromen Tafelbild.

      Soweit die Idee und die Theorie. In der Realität ist das ganze etwas enttäuschend. Erstens darf man den Raum nur für einige Minuten betreten, mit einer Aufsichtsperson und lustigen Überziehern an den Schuhen, damit der ebenfalls als Leuchtkörper fungierende Boden keinen Schaden nimmt. Ist die Zeit vorüber, wird man höflich hinaus geleitet. Was dann noch bleibt, ist eher dürftig: Modelle des Roden Crater, Luftaufnahmen des Projekts in Arizona sowie zwei kleinere Lichtinstallationen Turrells umrahmen den großen Licht-Korpus, aus dem man allzu schnell wieder entlassen wird.

      Es war ein durchaus lohnenswerter Besuch in Wolfsburg, meine Erwartenshaltung an das Ganze wurde aber ziemlich enttäuscht.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Lieber Carsten,

      Joan Mitchell war sicher nicht die einzige Freu, die es in den Reihen der abstrakten Expressionisten gab, aber die Frauen sind in der Tat wenig bekannt. Ich möchte hier z.B. auch Helen Frankenthaler (geb. 1928) nennen, eine meiner absoluten LieblingsmalerInnen. Ihr bekanntestes Bild ist "Mountains and Sea". Deutschsprachige Literatur zu ihr ist Mangelware, ich habe auch nur den Katalog der Berliner Ausstellung aus der Guggenheim Foundation von 1999. (In Köln hat man es in Sachen Literatursuche ziemlich gut dank der berühmten Kunst-Buchhandling von Walter König.)
      lg vom eifelplatz, Chris.
    • RICHARD AVEDON

      Richard Avedon - Photographs 1946-2004
      Louisiana Museum Kopenhagen, 10/2007


      Mit Fotografie-Ausstellungen brauchte man mir eigentliche für viele Jahre nicht kommen. Das hat mich nicht interessiert. Ich dachte, ein so kaltes Gerät wie eine Foto-Kamera und der anschließende technische Vorgang in der Dunkelkammer zeitigen keine künstlerischen Ergebnisse, die mich ansprechen und berühren könnten. Und wenn dann noch einem wie Richard Avedon, den ich für einen Hochglanz-Model-Ablichter hielt, eine Retrospektive seiner Portrait-Aufnahmen gewidmet wird? Kann ja nix werden.. Und dann das:

      Die Ausstellung war der absolute Hammer. Sie setzte sich zusammen aus verschiedenen Zyklen Avedons Schaffens. Da gab es die berühmten Portraits der Schönen und Wichtigen, oftmals zwei Meter im Hochformat, gestochen scharf, durch ihre Größe von schierer Unausweichlichkeit geprägt. Man schaute einem dem Tode nahen Igor Strawinsky in die Augen, sah Charlie Chaplin als alten Mann nach Europa emigrieren, Janis Joplin ein letztes Mal im Alkoholrausch wirr lächeln. Besonders beeindruckend: Eine Aufnahme von Marilyn Monroe, die nach dem offiziellen Shooting entstand, und die die zerrissene Frau hinter der Fassade eindringlich zeigt. Ein traurigeres Bild eines Menschen gab's selten.

      Ein zweiter Komplex widmete sich Avedons Reise in die Südstaaten der USA in den 60er Jahren, auf der er den letzten noch lebenden ehemaligen Sklaven und Sklavenkindern nachspürte. Ein großes Kompliment an die Ausstellungsmacher: Diesen hundertjährigen Gesichtern, denen in jeder Falte, in jeder Furche ihr entbehrungsreiches Leben anzusehen war, wurden die Hochglanz-Bilder von Cindy Crawford und anderen Fotomodellen entgegengesetzt. Das Sein und der Schein, das echte Leben und die Inszenierung dessen wurden hier eindrucksvoll nebeneinander gestellt.

      Zum Dritten gab es die Bilder der Reihe "In the American West", die Avedon auf einer weiteren Reise Anfang der 80er Jahre machte. Hier galt sein Interesse den sozial völlig abgehängten Menschen zwischen Trailer-Parks, Obdachlosigkeit und entwürdigender Arbeit. Avedon gelingt es in diesen Portraits, das Elend, die Gewalt, die Härte der Lebensumstände einzufangen und gleichzeitig die abgelichteten Personen in großer Würde dastehen zu lassen.

      Eine dritte Bilder-Reihe widmete Avedon seinem sterbenden Vater, den der auf seinem Gang in den Tod fotografisch begleitete. Diese Reihe ist erschreckend, aber nicht platt oder voyeuristisch. Ein letzter Zyklus zeigte amerikanische Politiker: Senatoren, Bürgermeister, Kongress-Abgeordnete, Minister, Präsidenten. Diese Bilder hingen unkommentiert neben- und übereinander, kein Hinweis darauf, woher die abgebildeten Personen kamen und ob sie Demokraten oder Republikaner waren. All das musste sich der Betrachter selbst zurecht denken, wurde also auf all seine Urteils- und vor allem auf seine Vorurteilskraft zurück geworfen.

      Ich habe die Ausstellung gemeinsam mit einem guten Freund besucht. Wir haben noch tagelang über unsere Eindrücke und Meinungen zu den Avedon-Fotografien geredet. Nun ist die Ausstellung zweieinhalb Jahre her. Viele Gesichter schauen mich noch heute so an, als sei es erst gerade eben gewesen. Avedons Lebensbilanz mit all den Stars und Sternchen, den sozialen Außenseitern, den Gefeierten und Gepeinigten war ein beeindruckendes Dokument über die letzten 50 Jahre. Meine Meinung zur Fotografie als Kunstform hat sich nicht zuletzt durch diese Ausstellung grundlegend gewandelt.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • 100 Jahre Kunst der Moderne

      just what ist it...
      100 Jahre Kunst der Moderne aus privaten Sammlungen in Baden-Württemberg

      ZKM Karlsruhe , 3/2010

      Deutschland ist vielseitig: Schleswig-Holstein ist meerumschlungen, Thüringen hat seine Rostbratwürste und in Baden-Württemberg ist eine Vielzahl an Kunstsammlern beheimatet. Letztere haben ihre Exponate - entstanden in den zurückliegenden gut 100 Jahren - dem ZKM in Karlsruhe für dessen Jubiläums-Ausstellung zur Verfügung gestellt. "just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?" (1956) von Richard Hamilton ist Namensgeber und unscheinbar kleines Exponat der Ausstellung zugleich. Götz Adriani ist Kurator der Ausstellung

      Die Stärke der Ausstellung: Sie trägt tatsächlich sehr vieles an Künstlern zusammen, die das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Es startet bei Malern wie Beckmann, Nolde, Kirchner und Picasso und geht weiter über Rothko, Pollock, Klein und Twombly. Rauschenberg, Warhol und Lichtenstein sind ebenso vertreten wie Kiefer, Baselitz, Kippenberger und Meese. Das Manko: Es sind nicht unbedingt die stärksten Werke der Künstler, die den Privat-Sammlungen Würths, Burdas oder Siedles entliehen wurden. Zwei Beispiele: Wer sich auf Alberto Giacometti gefreut hat, dürfte von den zwei gezeigten Skizzen eher enttäuscht sein. Einen Joseph Beuys erfasst man nicht mittels einiger weniger Zeichnungen.

      Trotzdem hielt die Geburtstags-Schau einige Höhepunkte für mich bereit: Sehr schön fand ich die Gegenüberstellung der beiden Fotografen Thomas Ruff und Andreas Gursky. Während sich Ruff mit seinen riesigen Porträts dem Individuum widmet, zeigt Gursky den Menschen ameisenhaft in riesigen Ansammlungen (Love Parade, Börse). Dass der einzelne, schützenswerte Mensch immer wieder in der Masse auf- und verloren geht - das reflektierte die miteinander korrespondierende Präsentation dieser beiden Fotografen großartig. Sehr schön auch eine Dose "Künstlerscheiße" von Piero Manzoni aus dem Jahr 1961: 30 Gramm Fäkalien, nummeriert und geruchsfest versiegelt, mittlerweile ein Heidengeld wert! :D Bemerkenswert waren auch die Beiträge von Jonathan Meese und Willi Baumeister.

      Allein von den Ausmaßen und vom Schauwert her ein Herzstück war Jean Tinguelys Riesen-Installation „Méta-Maxi“, eine gewaltige Apparatur aus Zahnrädern, Trommeln, Metallplatten und vielerlei Gedöns, die einmal pro Stunde angeworfen wurde und in ihren irrsinnigen Bewegungen und in ihrem Radau jüngste wie ältere Besucher gleichermaßen in ihren Bann zog. Fröhlich quiekende Kinder beim Goutieren der Kunst des 20. Jahrhunderts: Das kommt zugegebenermaßen nicht so oft vor...

      Das ZKM als Ausstellungsort hat mich enorm begeistert. Das Museum befindet sich in den Hallen einer riesigen alten Munitionsfabrik. Grobheiten wie Schienenverläufe im Boden sowie viel Stahl und Mauerwerk sind geblieben. Diese sind aber ergänzt worden durch moderne Treppenaufgänge und neu strukturierte Raumaufteilungen. Einzig die Lichtverhältnisse waren problematisch: Sehr viele Werke wurden durch extrem kaltes und künstliches Leuchtstoffröhren-Licht beleuchtet. Das war bisweilen unangenehm bis verfälschend.

      Alles in allem: Großes name-dropping, letztendlich aber doch eher enttäuschend in seiner Willkür.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Lieber Carsten,

      ich habe die Ausstellung "just what is it..." im ZKM in Karlsruhe zwei Mal besucht und sehe mich genötigt, Dir in einigen Punkten energisch zu widersprechen.

      Zunächst möchte ich auf Dein Fazit eingehen:

      Carsten schrieb:

      Alles in allem: Großes name-dropping, letztendlich aber doch eher enttäuschend in seiner Willkür.
      Die Ausstellung möchte 100 Jahre Kunst skizzieren. Ist da eine gewisse Willkür nicht vorprogrammiert und muss Willkür negativ sein? In den hundert Jahren haben so unendlich viele Künstler gewirkt und geschaffen. Unendlich viele Werke sind entstanden, verpönt und geliebt worden...
      Dass eine lückenlose Darstellung dieser Zeitspanne nicht möglich ist, dürfte sich von selbst verstehen. Diese Ausgangssituation muss aber nicht zwingend als Einschränkung empfunden werden: Vielmehr bietet sich die Chance, eine allzu starre Konzeption, ein allzu starres Prinzip zu vermeiden.

      Carsten schrieb:

      Sehr schön fand ich die Gegenüberstellung der beiden Fotografen Thomas Ruff und Andreas Gursky. Während sich Ruff mit seinen riesigen Porträts dem Individuum widmet, zeigt Gursky den Menschen ameisenhaft in riesigen Ansammlungen (Love Parade, Börse).
      Verschiedene Strömungen und Stile konnten so in Einklang gebracht werden oder gegenüber gestellt werden.

      Carsten schrieb:

      Das Manko: Es sind nicht unbedingt die stärksten Werke der Künstler, die den Privat-Sammlungen Würths, Burdas oder Siedles entliehen wurden. Zwei Beispiele: Wer sich auf Alberto Giacometti gefreut hat, dürfte von den zwei gezeigten Skizzen eher enttäuscht sein. Einen Joseph Beuys erfasst man nicht mittels einiger weniger Zeichnungen.
      Zu dem von Dir benannten Manko:

      Für mich ist ein Künstler nicht an seinen stärksten Werken zu messen, sondern an der Gesamtheit seiner Werke, der Philosophie, die hinter seinem Schaffen steht. Für mich ein gutes Beispiel: Cy Twombly. Als ich zum ersten Mal eines seiner Bilder betrachtete, dachte ich: "So malt meine 3-jährige Cousine." Nachdem ich aber über die Intentionen des Künstlers gelesen hatte, veränderte sich auch mein Blick auf die Werke.

      Natürlich vereinen die Sammler Baden-Württembergs nicht sämtliche Highlight-Werke der Künstler in ihrem Bundesland, aber sie besitzen und schätzen die betreffenden Künstler.

      Ich habe diese Ausstellung sehr genossen: Zunächst habe auch ich zugegebenermaßen den "roten Faden" vermisst. Ich habe schnell fest gestellt, dass ich mich von dieser Einstellung befreien muss. Natürlich hat mich nicht alles angesprochen, aber die Zusammenstellung, die Vielfalt der ausgestellten Werke hat mich begeistert. Natürlich kann künstliches Licht verfälschen, aber auf der Empore zu stehen und die gesamten Werke von weitem zu einem großen ganzen verschmelzen zu sehen... das war großartig!

      Geschmälert wurde der Genuss nur von einigen wenigen Besuchern, die ihr Umfeld partout nicht mit ihrer Expertenmeinung verschonen wollten: "Dafür würde ich kein Geld ausgeben!"

      Mein persönliches Fazit: Diese Ausstellung war ein Hochgenuss. Vielleicht kann man sich mit einer allzu analytischen Herangehensweise den Genuss verderben.

      Liebe Grüße
      Oda
      "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"
      Lukas Podolski
    • Oda Krohg schrieb:


      ...
      Für mich ist ein Künstler nicht an seinen stärksten Werken zu messen, sondern an der Gesamtheit seiner Werke, der Philosophie, die hinter seinem Schaffen steht. Für mich ein gutes Beispiel: Cy Twombly. Als ich zum ersten Mal eines seiner Bilder betrachtete, dachte ich: "So malt meine 3-jährige Cousine." Nachdem ich aber über die Intentionen des Künstlers gelesen hatte, veränderte sich auch mein Blick auf die Werke.
      ...

      Zunächst: Glückwunsch zu dieser Cousine! Halte bloß den Kontakt, bewahre ihre Werke, dann hast Du vermutlich auch irgendwann ausgesorgt. ;+)

      Aber im Ernst, diese "Kindergekrakel"-Diskussion habe ich noch nie so recht verstanden. Ebenso wenig wie den Versuch, mir ein Bild, das mich eigentlich nicht anspricht oder berührt, "schön zu denken", indem ich den gedanklichen Unterbau des Künstlers bemühe. Bei mir - der ich mich auf einer ganz unprofessionellen, laienhaften Weise mit Kunst befasse - geht es immer noch um den Moment, in dem ich vor einem Bild stehe: Spricht es mich an oder nicht? Darum geht es mir. Je enger der Kontakt ist, desto größer wird mein Wunsch sein, mich intensiver mit Künstler und Werk zu befassen.
      Natürlich ist auch das eher akademische Interesse, sich mit Kunst aus quasi lexikalischen Gründen, des Überblicks wegen, zu befassen, eine feine Sache. Aber das unmittelbare Gefühl, das ein Kunstwerk beim ersten Betrachten auslösen kann, ist etwas ganz Anderes.

      :wink:


      P.S.: Carsten, ich lese dies leider erst jetzt, aber ich kann Dir nur beipflichten, die Avedon-Schau war beeindruckend. Nun besuche ich ausgesprochen gern Foto-Ausstellungen, insofern war Avedon hier im Berliern Martin-Gropius-Bau eher ein Pflichttermin, aber diese Sammlung stach auch für mich heraus. Menschen so unverstellt zu Gesicht zu bekommen, ist schon außergewöhnlich.
      Ach, und dann sei mir noch ein Neid-Anflug gestattet: das Louisiana! Was für ein schönes Museum!
    • Hallo lieber Ekkehard,

      danke für Deine Antwort.
      Ich befasse mich ebenfalls auf eher laienhafte Weise mit Kunst und bin deshalb vielleicht noch nicht in der Lage mich präzise genug auszudrücken... ;+)

      Grundsätzlich denke ich genauso wie Du, oder fast genauso.
      Ob ein Bild mir gefällt, hängt natürlich davon ab, ob es mich auf irgendeine Art berührt und nicht, ob es sich beim Schöpfer um einen renommierten Künstler handelt. Bilder müssen "sprechen"!
      Dennoch ist meine Erfahrung, dass sich durch Hintergrundwissen Blickwinkel verschieben oder umkehren können.

      Zunächst ein Beispiel bei dem Hintergrundwissen überflüssig war:
      Mein Aha-Erlebnis im Bezug auf bildende Kunst war die Ausstellung im Leopold Museum von Egon Schiele. Bis zu diesem Erlebnis war ich der Meinung, Kunst MÜSSE schön sein. Ich hatte vorher niemals von Egon Schiele gehört und doch ging ich durch die Ausstellung. Zunächst ohne Audio-guide. Ich war absolut verzaubert, ohne auch nur eine Idee von diesem Maler und seinem Leben zu haben. Ich wiederholte den Rundgang anschließend mit einem virtuellen Führer, der mich ein wenig aufklärte. Beides war ein Erlebnis.

      Ein anderes Beispiel, Joseph Beuys: Er ist unumstritten ein Künstler aber ein in Filz gewickeltes Klavier, egal wie viel ich über den Schöpfer weiß, löst in mir keine Emotionen aus. Ich finde seine Schaffensphilosophie interessant, allerdings nur auf rationaler Ebene.

      Als Dritten im Bunde möchte ich schließlich Christo anführen:
      Ich kannte ihn als den Verhüller des Reichstags, nicht mehr und nicht weniger... . Eine witzige Idee, aber den Hype um diesen Künstler konnte ich nicht verstehen. (Im ZKM ist auch ein Werk von Christo ausgestellt worden. Ein kleines verpacktes Magazin.) Ich habe dort eine Führung mitgemacht. Es wurde unter anderem über Christo berichtet auch die eine oder andere Anekdote: Zum Beispiel verpackte er wieder einmal einen Gegenstand, etwa Sofa-groß. Ein Kunstsammler kaufte schließlich das Werk und konnte der Versuchung nicht widerstehen es auszupacken. Innen fand er eine DINA 4- große Tafel mit der Aufschrift: "Sie haben soeben ein wunderbares Kunstwerk zerstört".
      Diese kleine Erzählung hat mich neugierig auf den Künstler gemacht. Durch Hintergrundwissen wurde mir schließlich ein neuer Blinkwinkel auf seine Werke ermöglicht. Nicht weil ich dachte, den muss ich gut finden, sondern weil es mein Empfinden im Bezug auf ihn verändert hat.

      Liebe Grüße :wink:

      Oda
      "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"
      Lukas Podolski
    • Er ist unumstritten ein Künstler aber ein in Filz gewickeltes Klavier, egal wie viel ich über den Schöpfer weiß, löst in mir keine Emotionen aus
      Kann ich nachvollziehen. Aber diese Sichtweisen können sich ja erfahrungsgemäß ändern. Auch mich muss ein Werk 'berühren', und bei Beuys ist es gerade dieses Klavier: Der Anblick eines normalen Klavieres erweckt einen Eindruck von Klang und Lautstärke. In Filz verpackt, wird es plötzlich das Gegenteil: Schweigen. Der Filz schluckt die Geräusche. Es gibt ein Gegenstück von Beuys, bei dem das Klavier nicht verpackt ist und die Füße (nennt man das so?) auf Kupferplatten stehen: erweckt bei mir den Eindruck von Scheppern ("Hirschdenkmal für George Maciunas").
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • Hallo lieber Kunnukun,

      eben genau das ist es: Die Philosophie hinter seinem Schaffen finde ich auf rationaler Ebene total faszinierend und spannend. Aber ich bekomme eben keine Gänsehaut wenn ich seine Werke betrachte.

      Ich möchte Kunst nicht allgemein nach meinem subjektiven Empfinden werten. Es gibt so viele Sichtweisen und Meinungen über Kunst und sicherlich sind die Meisten auch "richtig". Ich für meinen Teil kann eben mit dem einen Künstler mehr anfangen und mit dem anderen weniger. Damit möchte ich nicht aussagen, dass die Werke derjenigen die mich weniger beeindrucken keine Kunst sind. Aber im Moment erreichen sie mich einfach nicht.

      Sicher hast Du Recht, dass diese Sicht- und Denkweise nicht in Stein gemeißelt ist. (Ich hoffe zumindest sehr, und das in allen Bereichen des Lebens, dass ich mich weiter entwickeln werde. Dazu zählt unter anderem auch der persönliche Geschmack :D .)

      Liebe Grüße aus OL :wink:

      Oda
      "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"
      Lukas Podolski
    • Manchmal genieße ich es, mit meinen Kindern (5 Jahre) in eine Ausstellung moderner Kunst zu gehen. Im Frankfurter "Museum für Moderne Kunst" ist Beuys´ "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" Dauerexponat. Das Werk hat zwischen meinen Kindern und mir eine interessante und längere Diskussion ausgeklöst: Wo ist der Hirsch? Wo ist der Blitz? Was hat er alles kaputt gemacht? Wie sah das Ganze vor dem Blitzschlag aus?

      Zwei Räume weiter hängen ein paar Werke Andy Warhols, u. a. multiplizierte Verkehrsunfälle. Während mein Sohn noch anerkennend darauf hinwies, dass es sich hier wohl um kaputte Autos handelt, war die anschließende Diskussion weniger fruchtbar als bei Beuys: "Ja, es sind Verkehrsunfälle, aber habt ihr eine Ahnung, warum sie auf ein und demselben Bild gleich zwölfmal gezeigt werden?" Genervter Blick meines Sohnes, Antwort: "Woher sollen wir das denn wissen?" Die Reaktion hat mir jedenfalls gefallen.

      Tharon.
    • Tharon schrieb:

      Manchmal genieße ich es, mit meinen Kindern (5 Jahre) in eine Ausstellung moderner Kunst zu gehen. Im Frankfurter "Museum für Moderne Kunst" ist Beuys´ "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" Dauerexponat. Das Werk hat zwischen meinen Kindern und mir eine interessante und längere Diskussion ausgeklöst: Wo ist der Hirsch? Wo ist der Blitz? Was hat er alles kaputt gemacht? Wie sah das Ganze vor dem Blitzschlag aus?

      Zwei Räume weiter hängen ein paar Werke Andy Warhols, u. a. multiplizierte Verkehrsunfälle. Während mein Sohn noch anerkennend darauf hinwies, dass es sich hier wohl um kaputte Autos handelt, war die anschließende Diskussion weniger fruchtbar als bei Beuys: "Ja, es sind Verkehrsunfälle, aber habt ihr eine Ahnung, warum sie auf ein und demselben Bild gleich zwölfmal gezeigt werden?" Genervter Blick meines Sohnes, Antwort: "Woher sollen wir das denn wissen?" Die Reaktion hat mir jedenfalls gefallen.


      :juhu: :juhu: :juhu:

      Mir haben Beuys sehr schöne Zeichnungen, seine auch sonst häufig verwendeten Materialien und Motive, z.B. das Filz und den Hirsch, erschlossen.

      Ein schöner Katalog ist z.B. dieser:



      :wink: Matthias
    • Meine letzte Ausstellung, die ich besucht habe, war eine regionale Wettbewerbsausstellung, an der meine Mutter teilnahm. Und heute wurde gefeiert, denn sie hat das zweite Jahr in Folge diesen Wettbewerb gewonnen.

      Das letzte Jahr hat sie sich geweigert, die von der Stadt bezahlte und organisierte Solo-Vernissage zu machen, doch dieses Jahr muss sie. Alleine schon deshalb, weil das Orchester, in dem ich mitspiele, es sich nicht nehmen lassen wird, das ganze musikalisch zu verhuntzen :D

      LG Lotte

    • Farbe im Fluss

      Neues Museum Weserburg Bremen
      10/2011


      Zum 20-jährigen Jubiläum beschenkt das Neue Museum Weserburg sich und die Besucher mit der Ausstellung Farbe im Fluss. Zur Eröffnung im September färbte der argentinische Künstler Nicolás Uriburu die Weser rund um das auf einer Insel befindliche Museum grün ein. Hier befand sich also buchstäblich die Farbe im Fluss. Ansonsten bezieht sich der Ausstellungstitel auf die Werkschau von Künstlern, die die Farbe haben fließen lassen - ineinander, auf die Leinwand herab oder Wände herunter.

      Da kommt einem - natürlich - als erstes Jackson Pollock in den Sinn, dessen "Reflection of the Big Dipper" (1947) mit den typischen expressiven Bewegungen und Schwüngen von Acryl und Lack dann auch das Herzstück der Ausstellung ist. Die amerikanische Kunstschreibung beansprucht üblicherweise für sich, dass sich mit Pollock erstmals die amerikanische Kunst von der europäischen befreit habe, dass mit ihm erstmals eine völlig eigenständige Kunstgeschichte geschrieben wurde. Die Ausstellung erbringt raffiniert den Gegenbeweis, in dem sie Max Ernsts "L'année 1939" (1943) links neben das Pollock-Werk platziert. Ernst war mit Hilfe Peggy Guggenheims die Emigration in die USA geglückt, nicht ohne dass die Mäzenin selbst dabei ein gutes Geschäft gemacht hat. In der neuen Welt angekommen, begann der wandlungsfähige Ernst mit seinen "Oszillationen". Er bohrte Löcher in Farbdosen, aus denen die Farbe auf die Leinwand tropfte. Das besagte Bild zeigt solch einen Strudel an Farbklecksen und -schleiern, in deren Zentrum sich ein verzerrtes Skelett verliert. Pollock wusste um diese Technik, stand er einerseits Guggenheim selbst nahe und hatte Max Ernst andererseits persönlich aufgesucht. Hier zeigt die Ausstellung, dass die immer wieder gerne angewendeten Zeitstrahlen und -achsen, mit denen man so gerne Ordnung in eine komplexe Kunstgeschichte bringen möchte, oft irrsinnig und verblendend sein können. Zumal bereits im 19. Jahrhundert gekleckst wurde…

      Doch mt diesem Bilderpaar nicht genug einer intelligenten und erkenntisreichen Hängung: Rechts neben den beiden zeigt die Ausstellung Andy Warhols "Oxidation Painting" (1978). Warhol hat immer wieder seine starke Ablehnung gegenüber den in seiner Anfangszeit übermächtigen abstrakten Expressionisten geäußert. Am Ende seiner eigenen Weltkarriere als Pop-Künstler konnte er sich einen Seitenhieb auf eben diese nicht verkneifen. Mit Metallfarbe bestrichene Leinwände bepinkelte er. Und - ganz Warhol - er ließ sie bepinkeln. Durch die Oxidation des Urins entstanden Werke, die Pollock eigentlich verhöhnen sollten, ihm in ihrer "Drip"-Ästhetik aber dann noch wieder Tribut zollen. Ähnliches gilt für den in vielen Sparten tätigen Tony Tasset. Ein Foto zeigt ihn beim Herausspucken einer dunklen, zähen Flüssigkeit, die in der Momentaufnahme wie eine Pollock-Malerei wirkt. Ein Video Tassets zeigt den Künstler vor einer weißen Wand. Ein Schuss ertönt, Tasset bricht zusammen und es bleibt ein Blutfleck - in der Form eines Pollock-Musters. Hier will jemand Pollock auskotzen oder hinrichten und kann dann doch nicht ohne dessen Formgebung vorgehen.

      Weggefährten und Zeitgenossen Pollocks wie Mark Tobey, Sam Francis oder Morris Louis finden sich in der Ausstellung ebenso wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke sowie eine weitere Vielzahl zeitgenössischer Künstler. Richter lässt in seinem großformatigen Tryptichon "Ausschnitt" (1971) Farben ineinander fließen, die in Wahrheit einen Mikro-Ausschnitt seiner eigenen Farb-Palette zeigt. Der Foto-Künstler Thomas Ruff hat Manga-Bilder solange verfremdet, bis nur noch fließende Farben übrig bleiben, in denen das Ausgangsmotiv schemenhaft erahnbar bleibt. Der durch seine Inhaftierung mittlerweile auch bei uns sehr bekannte Chinese Ai Weiwei zeigt verschieden große schwarze Farbklumpen auf dem Hallenboden. Die "Oil Spills" (2007) mag man am liebsten anfassen, weil sie haptisch so angenehm und weich wirken. Doch es handelt sich in Wahrheit um hartes traditionelles chinesisches Porzellan, das in seiner Ölpest-Assoziation schließlich nichts angenehmes mehr hat.

      Meine persönlichen Lieblingswerke sind gleichzeitig fast die kleinsten der Ausstellung. Willi Baumeister gehörte zu den Künstlern, die in der Zeit des Nationalsozialismus mt einem Berufsverbot belegt wurden. Die existenziellen Konsequenzen eines solchen Verbots liegen auf der Hand. Der Lackfabrikant Herberts hingegen hatte Baumeister und auch dem ebenfalls verfolgten Oskar Schlemmer Betätigung in seiner Fabrik ermöglicht. In dieser Nische entstanden beeindruckende Lacktafeln, mit denen sich Baumeister und Co. experimentell zu Leistungen steigerten, die - unter unwürdigsten Umständen enstanden - bereits den abstrakten Expressionismus oder gar die riesigen vielschichtigen Schabbilder Gerhard Richters vorwegzunehmen scheinen. Großartige Bilder, die klein, ängstlich, nahezu weggeduckt wirken, aber unglaublich modern und, den damaligen Zuständen entsprechend, atemberaubend mutig sind.

      Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Januar 2012.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Bis Januar läuft in Wuppertal die Sisley-Ausstellung! Ich hoffe, gegen Jahresende hinzufahren - Sisley ist der ewig Vernachlässigte unter den französischen Kern-Impressionisten. Als einziger von ihnen hat er den Erfolg seiner Bilder nicht mehr erlebt, und bis vor Kurzem war meines Wissens seit Längerem kein Buch mehr über ihn neu erhältlich, während Monet- und Renoir-Reprobücher bekanntlich großen Absatz finden. Sisleys Landschaften hatten für mich immer einen eigenen Reiz; sie holen das Wasser, die Luft, den Nebel, ... besonders eindrücklich ins Zimmer - also: „‚Der wahre Impressionist’ - so heißt die große Sisley-Schau im Von der Heydt-Museum. Vom 13. September 2011 bis zum 29. Januar 2012 zeigt das Wuppertaler Haus die erste Sisley-Einzelausstellung in Deutschland.“ (wuppertal.de)
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • Jan Fabre - PIETÀ

      Venedig - Biennale 2011
      Jan Fabre
      "PIETAS"
      Scuola Grande di Santa Maria della Misericordia / Cannaregio.


      Das Ausstellungsgebäude, die Scuola, im Stadium der fortschreitenden Skelettierung.
      Sichtbare Deckenbalken. Aussenmauern mit tiefen Rissen und überfaustgrossen Löchern -
      wohl nicht nur Licht und Luft Ein- wie Auslass gewährend.
      Die Stirnseite, dem Portal gegenüber, mit deutlicher Neigung nach aussen, wasserwärts.

      Ausgetretene Steinstufen führen hinauf zum offenen Portal.
      Der Blick trifft auf eine hohe weisse Wand mit den Lettern "Jan Fabre PIETAS", die, einer überdimensionalen Visitenkarte gleich, die Aufmerksamkeit auf sich zieht - den direkten Blick ins Innere jedoch verwehrt.

      "Jenseits" dann erwartet den Besucher ein gewaltiger Raum, ein lichtdurchfluteter Quader.
      Raumhohe Fenster an drei Seiten, nur linkerhand die fensterlose Längsfront, gestützt von tempelhohen Säulen auf doppelt mannshohen Sockeln, korinthische Kapitelle.
      Aussenwände, vom Putz entblößt, lassen in ihrer Ziegel-Struktur längst zerfallene Ausgestaltung erahnen.
      Der Boden nacktes Mauerwerk, bloßes, staubiges Steinfundament.

      Zwei weitere gleichartige monumentale Säulenreihen grenzen die beiden freibegehbaren Seitenschiffe ab, bieten Durchblick in den zentralen Innenraum.

      Da ruhen sie, auf purem Gold, einem "Heiligtum" gleich:
      Jan Fabres fünf Skulpturen seines Werkzyklus "PIETAS".
      Reinweisser Carrara-Marmor, schier überirdisch schimmernd in einer Flut aus Licht, sich spiegelnd im hochglanzversiegelten, blattgold-belegten Boden des raumweiten Podests.

      Atemberaubende Schönheit, die zugleich erschaudern lässt.
      Der Tod wird gegenwärtig, zeigt sich in vielerlei Metaphern ...

      Soll man die zwei Stufen hinaufsteigen auf die Bühne,
      soll man eintauchen ins Licht,
      sich näher einlassen auf Jan Fabres Visionen,
      versuchen seine Symbole für sich zu entschlüsseln ?

      Filzpantoffeln stehen bereit ...


      "http://www.janfabre.be/Pages/Invitation.php"
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Rätsel hinter der Leinwand

      Kunsthalle Bremen
      11/2011


      Erst kürzlich sind die Erweiterungsbauten und Renovierungen der Bremer Kunsthalle abgeschlossen worden. Als erste Sonderausstellung nach der Wiedereröffnung präsentiert die Kunsthalle den norwegischen Expressionisten Edvard Munch. Das macht aus folgendem Grund durchaus Sinn: Bereits 1918 erwarben die Bremer das Munch-Bild Das Kind und der Tod. Im Jahr 2005 entdeckte man bei maltechnischen Untersuchungen, die das Munch-Museum in Oslo in Auftrag gegeben hatte, dass sich hinter der Leinwand eine weitere befand, die eine eigenständige Komposition zeigt. Dieses Geheimnis hinter der Leinwand ist der Aufhänger der Ausstellung, die nun auch die Geheimnisse auf den Leinwänden zu entschlüsseln versucht.

      Wiederkehrende Themen sind hierbei der z. B. der Tod (bzw. der Lebensweg vom Kind bis zum Lebensende), die Körpersprache oder der Aufbruch in die Erwachsenenwelt. Ein häufiges Motiv ist die den Betrachter frontal anblickende Figur. Berühmtestes Beispiel hierfür ist sicherlich Der Schrei, der in dieser Ausstellung in Form eines Schwarzweiß-Drucks hängt. Dieses "laute" Bild steht im Dialog zum oben erwähnten Das Kind und der Tod. Auch hier hält sich - wie der Schreiende - das in kräftigen Farben gemalte Kind im Vordergrund die Ohren zu, während verblassend im Hintergrund die Mutter oder Großmutter auf dem Totenbett liegt. In der Anordnung der Bildachsen, der Arbeit mit Farben und der Gestik und Mimik des Kindes ein meisterhaft "leises" Bild. Motive solcher frontaler Kinder mit Geschehnissen im Hintergrund finden sich öfter. Dabei ist beeindruckend und bedrückend zugleich, wie Munch verdeutlicht, dass das, was diese Kinder im Bild hinter sich haben, sie im Leben noch vor sich haben werden.

      Desweiteren zeigt die Ausstellung einige wenige Werke aus Munchs früher realistischer Phase und gewährt Einblicke in die norwegische Bohème von Christiania, der Munch zeitweise angehörte.

      Die Ausstellung ist noch bis zum 26.02.2012 zu sehen.

      LG
      C.

      PS: Besuchen hier eigentlich so wenige Leute Ausstellungen?
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Ob es mit dem Besuch der Ausstellung klappt ist noch nicht entschieden. Durch einen Thread bei Tamino wurde ich auf das "Wintermärchen" im Kunsthistorischen Museum Wien aufmerksam. Die Sonderausstellung wandert anschl. in verkleinerter Form nur nach Zürich. Der Katalog war in unserer Buchhandlung König nicht einfach zu bekommen, die erste Lieferung war schon vergriffen. Aber vor Weihnachten hat es noch geklappt, und beim lesen und betrachten gehen einem schon Augen und Ohren über.

    • Spannend finde ich die "Pompeji"-Ausstellung in Halle. Mal sehen, ob ich das schaffe. Infos hier

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)