Debussy: Die Klaviermusik

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    • Debussy: Die Klaviermusik

      Liebe Capricciosi,

      gleich zu Beginn räume ich freimütig ein, dass ich bislang kein allzu großes Interesse an Klaviermusik gehabt habe. Das soll sich aber gerne ändern und ich bin gerade dabei, mich durch die Klavierwerke Claude Debussys zu hören. Als großer Anhänger seiner Orchestermusik stelle ich fest, dass mir die dort zu findenden schillernden Farben, das unbändige Leuchten und die großartigen Ideen auch in den Klavierwerken wieder begegnen. Gerne würde ich in diesem Thread die Meinung wirklicher Kenner lesen, die mir zu den Werken und den Einspielungen mehr sagen können.

      Hier erst einmal meine Eindrücke - unter dem Vorbehalt frischer Hörerlebnisse zu lesen und hoffentlich kenntnisreich zu kommentieren:

      Suite bergamasque L 75 (1890-1905)

      1. Prélude
      2. Menuet
      3. Clair de Lune
      4. Passepied


      Die Suite, benannt nach Worten des Dichters Paul Verlaine, ist die einzige Klaviersuite Debussys, die mir bereits länger bekannt ist. Besonders Clair de Lune zählt zu den vielerorts abgenudelten Stücken, doch bei genauem Hinhören finde ich es immer noch ein harmonisch, melodisch und rhythmisch reizendes Stück. Reizvoll dazu im Kontrast ist der vierte, fast an die Musik des Barock gemahnende Teil "Passepied". Die Stimmung der Vorgänger bleibt erhalten, obwohl es eine recht statische Bewegung der Achtelnoten gibt. Das tut für mich hinsichtlich der Stimmigkeit der Suite keinen Abbruch.

      Estampes L 100 (1903)

      1. Pagodes
      2. La soirée dans Grenade
      3. Jardins sous la pluie


      Die ost-asiatischen Pagoden des ersten Stücks erscheinen vor dem inneren Auge. Wenn man bedenkt, dass Debussy Eindrücke der Gamelan-Musik auf der Pariser Weltausstellung sammeln konnte, so meint man, diesen Einfluss hier deutlich hören zu können. Im zweiten Stück denke ich erst an einen Anflug von Orientalismen, wähne mich dann aber deutlich in spanischen Gefilden, angedeutet durch kleine musikalische Fetzen. Dennoch bleibt es für mich purer Debussy und kein Plagiat spanischer Folklore. Im dritten Stück regnet es in Paris, und zwar ordentlich. Schnelle Triolen prasseln nieder, doch das ganze hat nichts Bedrohliches. Es fühlt sich eher an wie die Freude über einen warmen Sommerregen.


      Images I L 110 (1904/1905)

      1. Reflets dans l‘eau
      2. Hommage à Rameau
      3. Mouvement


      Bei diesem Zyklus bin ich voll in meinem Element! Bilder, Assoziationen - das ist mein Ding! Ob es die Reflektionen auf dem Wasser sind, die Referenz an Rameau (den ich als einen der wenigen Barock-Komponisten wegen seiner unerhörten Farben wirklich liebe) oder das fast wie eine Toccata klingende Mouvement: Das ist Musik, die mich trifft!

      Images II L 111 (1907)

      1. Cloches à travers les feuilles
      2. Et la lune descend sur le temps qui fût
      3. Poissons d‘or

      Die zweite Serie der Images gefällt mir noch besser als die erste. Das Glockengeläut durch das Laub kommt ohne aufgesetzte Dramatik daher, ist dadurch aber nicht weniger eindringlich. Zugegeben, die Goldfische höre ich nicht wirklich, ein schönes Stück ist's trotzdem.

      Children's Corner L 113 (1906-1908)

      1. Doctor Gradus ad Parnassum
      2. Jimbo‘s Lullaby
      3. Serenade for the doll
      4. The snow is dancing
      5. The little shepherd
      6. Golliwog‘s cakewalk


      Gottseidank ist Children's Corner kein trockenes musikpädagogisches Werk. Debussy widmete den Zyklus zwar seiner Tochter, schrieb ihn aber nicht im leicht spielbaren Stil für Kinder. Er benannte die Sätze (auf englisch, aufgrund der Herkunft des Kindermädchens) nach Spielsachen seiner Tochter, verlieh diesen also ein gewisses Eigenleben. Das ganze klingt schlicht und komplex, komisch und anrührend zugleich. Das Schlaflied für den kleinen Elefanten (Jimbo's Lullaby) oder die Zeichnung des Hampelmanns (Golliwog's Cake Walk) sind liebevolle Miniaturen, für Kinder verständlich, ohne dabei profan zu sein.

      Préludes I L 117 (1909/1910)

      1. Danseuses de Delphes
      2. Voiles
      3. Le vent dans la plaine
      4. Les sons et les parfums tournent dans l‘air du soir
      5. Les collines d‘Anacapri
      6. Des pas sur la neige
      7. Ce qu‘a vu le vent d‘ouest
      8. La fille aux cheveux de lin
      9. La sérénade interrompue
      10. La cathédrale engloutie
      11. La danse de Puck
      12. Minstrels


      Préludes II L 123 (1910)

      1. Brouillards
      2. Feuilles mortes
      3. La puerta del vino
      4. Les fées sont d‘exquises danseuses
      5. Bruyères
      6. Général Lavine, eccentric
      7. La terrasse des audiences du clair de lune
      8. Ondine
      9. Hommage à Samuel Pickwick Esq. P.P.M.P.C.
      10. Canope
      11. Les tierces alternées
      12. Feux d‘artifice


      Die Préludes wirken auf mich erst einmal gar nicht so anders als die Images. Der Wind in der Ebene, Schritte im Schnee oder die versunkene Kathedrale - all das sind kraftvoll und scheinbar leicht zugleich geschriebene Miniaturen. Auch die meisten anderen der 24 Stücke wirken auf mich, als würden sie schwerelos schweben, als seien sie mühelos dahin getupft. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es sein muss, das eben so getupft klingen zu lassen und nicht kräftig aufgemalt. Und dass er dem Capriccio-Vorsitzenden gleich die Nummer 6 des 2. Buchs widmet - ein toller Zug vom alten Claude! :D


      Études L 136 (1915)

      1. Pour les cinq doigts d‘après monsieur Czerny
      2. Pour les tierces
      3. Pour les quartes
      4. Pour les sixtes
      5. Pour les octaves
      6. Pour les huit doigts
      7. Pour les degrés chromatiques
      8. Pour les agréments
      9. Pour les notes répétées
      10. Pour les sonorités opposées
      11. Pour les arpèges composés
      12. Pour les accords


      Oh je, bei Etüden brauche ich echt Hilfe! Geht es nur mir so oder muss man möglicherweise ausübender Musiker sein, um den Reiz solcher Werke zu spüren?


      Meine Einspielungen, die ich in den letzten Tagen gehört habe, sind folgende:


      Werner Haas
      Philips, 1960/1962


      Arturo Benedetti Michelangeli
      DGG, 1970-1987


      Jean-Yves Thibaudet
      Decca, 1994-1998

      Ich hoffe darauf, mehr über die Klavierwerke Debussys von euch erfahren zu können!
      Versteht disen Thread-Start also bitte eher als Frage denn als Antwort! ;+)

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Carsten schrieb:

      Und dass er dem Capriccio-Vorsitzenden gleich die Nummer 6 des 2. Buchs widmet - ein toller Zug vom alten Claude!


      Ehre, wem Ehre gebührt! :D

      Nun ja, was es mit Nr. 6 des 2. Buches auf sich hat und woher mein Nick stammt, kann man hier nachlesen.


      Lieber Carsten,

      vielen Dank für diesen gelungenen Überblick, der manchem den Einstieg in Debussys unvergleichliches Klavierwerk sicher erleichtern wird.

      Dass das, was so leicht und luftig dahingetupft klingt, gar nicht so leicht zu reproduzieren ist, erschließt sich bei einem Blick ins Notenbild ;( "La Cathédrale engloutie" ist ein sehr anschauliches Beispiel für die Komplexität von Debussys Harmonik.

      Wer die Orchesterwerke schon kennt und sich dann den Klavierwerken nähern möchte, sollte auch die Bearbeitungen von "La Mer", "Six Epigraphes Antiques", "Petite Suite" u.a. für zwei Klaviere bzw. Klavier vierhändig unbedingt zu Gehör nehmen. Ich kann diese schon etwas ältere Aufnahme sehr empfehlen:





      Cheerio,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Hallo Carsten auch von mir,

      danke für den einführenden thread. Freut mich zu hören, dass Du Debussy in seiner ureigensten Domäne etwas auf den Pelz rücken möchtest. Natürlich müssen wir früher oder später den Werken als solche einen eigenen thread widmen, denn das verdienen sie allemal.

      Hat Gurnemanz im T-Forum nicht einen thread zu den Douze Etudes eröffnet? Vielleicht könnte er das hierher kopieren.
      Was gibt es zu den Werken zu sagen? Nun ja, eine ganze Menge. Wie bei allen bedeutenden Klaviermeistern - angefangen bei Bach (Couperin) über Beethoven bis hin zu Prokofieff oder Messiaen.

      Mir fehlt heute etwas die Zeit, näher auf Dein Anliegen einzugehen. Vielleicht hilft Dir aber schon einmal eine Empfehlung meinerseits, was Einspielungen anbelangt?


      Douze Etudes


      Hier favorisiere ich ziemlich eindeutig die Einspielung unter Ushida - glasklares Spiel, wenig Parfüm, viel Kristall, viel Knochen - wie es der späte Ludwig van und der späte Claude de gemein haben.
      Der Thibaudet macht seine Sache auch gut, gefällt mir in zurückgenommeneren Passagen manchmal sogar besser, insgesamt überzeugt mich das Spiel Uchidas aber mehr.
      Gleiches gilt auch für den französischen Meister Aimard.

      Préludes
      Hier gibt es weitaus mehrere Einspielungen, da es auch das bekanntere und beliebtere Werk ist, hier findet wohl jeder etwas, das er goutieren kann. Deshalb auch gleich mehrere Einspielungen, die ich schätze:



      Der Gulda hat seine Meriten, ihm gelingt Danseuse de Delphes ganz besonders, manches ist aber auch exzentrisch. Koroliov versteht sein Handwerk und ist wie meist eine sehr gute Wahl (ich gestehe, nur Ausschnitte gehört zu haben). Paraskivesko ist eine echte Überraschung. Ein mir gänzlich unbekannter Name, der zu großer Form aufläuft. Sein Debussy zeichnet sich durch Transparenz und Finesse aus - ich habe den Eindruck, Pa. legt mehr auf Anschlag Nuancierung und Farbe wert als auf Ausdrucksexotismen (La serenade interrompue lädt gerne zu viel Agogik bzw. molto molto rubato ein, um zu zeigen, was für ein ironisches Kerlchen der Debussy doch war.)
      Den Osborne kenne ich nur über die Anspielexempel bei jpc, bin aber sehr angetan - schon in diesen Hörbeispielen offenbart sich IMO eine große Anschlagskultur des Briten - ein feines, gut artikuliertes Spiel.
      Gieseking gilt auch heute noch als eine Referenz in Sachen Debussy - dazu kann ich sagen, dass mir Beispiele des frühen Giesekings (1926) eher ansprechen als ältere Aufnahmen.
      Den ABM spare ich mir aufzulisten, das tun sicher andere.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • :wink:

      Vielen Dank für die wirklich schöne Einführung in das Thema. So wirkt die Klaviermusik Debussys auch auf mich. Gleich der erste Kontakt konnte mich besonders verzaubern, die Aufnahme der Images I +II und Children's Corner von Michelangeli. Dem Lob von Wulf für die Aufnahme der Etüden Uchidas schließe ich mich gerne an. Und danke für den Tipp mit Osbornes Préludes, die ich bisher noch gar nicht kenne. Ich habe Liszt von ihm und sein Spiel gefällt mir sehr. Gleiches kann ich von Alain Planès sagen, dessen Debussyalbum ich auch sehr empfehlen kann. Hier spielt er einen Blüthner von 1902:



      Wie ich jetzt gesehen habe, liegt das gesamte Klaviersolowerk in den Aufnahmen von Planès in einer 5 CD-Box vor.

      Gruß, Frank
    • Wulf schrieb:

      Hallo Carsten auch von mir,

      danke für den einführenden thread. Freut mich zu hören, dass Du Debussy in seiner ureigensten Domäne etwas auf den Pelz rücken möchtest. Natürlich müssen wir früher oder später den Werken als solche einen eigenen thread widmen, denn das verdienen sie allemal.



      Hallo,

      DEBUSSYs Klaviermusik biete wirklich reichlich Stoff für anregende Diskussionen. Ich bin mir nicht immer sicher, ob man wirklich alte Threads hierher "recyclen" sollte, möchte aber auch unbedingt anregen, zu den bedeutendsden Werken eigene Threads zu erstellen, da sie hier sonst vermutlich bald in der Fülle der Antworten unteregehen könnten. Hier wäre dann Platz, über das Gesamtwerk zu diskutieren und einzelne Werkgruppen zu vergleichen.
      Eigene Threads böten sich meiner Meinung an für:
      - die Préludes
      - die Études
      - die (3) Suiten
      - die Images (evtl. +Estampes)
      - für Childrens Corner
      - evtl. noch En blanc et noir


      Hier die Liste aller GAs, die ich bisher gefunden habe:

      W.Gieseking (EMI)
      J.Boguet (Tudor)
      S.Francois (EMI) -unvollendet
      J.-F.Thiollier (Naxos),
      M.Jones (Nimbus),
      N.Ogawa (BIS),
      N.Lee (?),
      M.Tirimo (Regis),
      P.Crossley (S Ess)
      A.Ciccolini (EMI)
      M.Haas (erato)
      G.Fergus-Thompson (Brilliant)
      J.-E.Bavouzet (Chandos)
      J.Demus (amadeo)
      A.Planes (HMF)

      Davon kenne ich vier GA der Klavierwerke: Gieseking, Boguet, Francois (durch den Tod unvollendet) & Jones.
      Bei Einzelwerken besitze ich oft sogar bis zu 12 verschiedene Einspielung, also z.B. bei den Études:
      Gieseking, Jones, Thiollier, Aimard, Boguet, Uchida, Pollini, Francois, Bavouzet.
      Ich favorisiere hier klar Aimard, Jones und Gieseking, aber das ist meiner Meinung Stoff für einen eigenen Thread...

      Gruß pt_concours
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Wulf schrieb:

      Hat Gurnemanz im T-Forum nicht einen thread zu den Douze Etudes eröffnet? Vielleicht könnte er das hierher kopieren.
      Eröffnet hat ihn, glaube ich, pt_concours. Er, Wulf und ich haben ein paar Vergleiche zu den Douze Études angestellt, die ich längst gesichert habe und gern hierhin kopieren werde, zumal die dortigen Betrachtungen keineswegs abgeschlossen waren.

      Brauche allerdings erst noch etwas Muße, um mich hier einzulesen. Über den Thread freue ich mich sehr. Danke, lieber Carsten!

      Ein Schnellschuß noch: Eine erste Adresse bei Debussys Klavierwerk ist für mich Monique Haas.

      Darüber und anderes demnächst mehr.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Mit Aimard, Uchida, Gulda sind ja schon meine ganz besonderen Favoriten genannt, neben ABM natürlich, von dem ich die meisten Debussy-Werke in gleich zahlreichen Einspielungen besitze und sehr schätze, von den Preludes, Buch I neben den Vatikan-Aufnahmen zur Zeit gerade besonders diese:



      Neben der vom Général schon genannten sehr guten Béroff/Collard möchte ich für die 2-händigen Kompositionen noch die Kontarsky-Brüder empfehlen, die leider jedoch nur noch gebraucht zu bekommen ist.



      Während Béroff/Collard irgendwie "sehr französisch" spielen, leichtgängig, wirklich sehr impressionistisch pastelliert, sehr schön in den feinschattierten Klangfarben, gefallen mir die Brüder Alfons und Aloy Kontarsky vielleicht sogar noch ein Tick besser , die gerade die modernistische Seite Debussys stärker und sehr gut herausspielen, dabei sehr klar und kraftvoll agieren; - das absolute Gegenteil von mißverstandenem musikalischen Impressionismus als matschige Klangsoße.

      :wink: Matthias
    • Aus "Eben gehört":

      Général Lavine schrieb:

      Erstbegegnung mit Bavouzets Debussy. Weitere werden mit Sicherheit folgen. Glasklar, transparent, frei von Nebelschwaden und mit der nötigen Prise Witz, ausgezeichnete Aufnahmetechnik - gefällt mir ausgesprochen gut.


      Über Bavouzet habe ich auch anderswo schon Verheißungsvolles gelesen, was seinen Debussy angeht. Es gibt das gesamte Klavierwerk auf 5 CDs, bei Chandos, neben Vol. 2 (s. o.) noch:

      Vol. 1


      Vol. 3


      Vol. 4


      Vol. 5


      Mir sind diese Aufnahmen noch völlig unbekannt. Wer weiß Näheres? Vor allem würde mich interessieren, ob sie eine gute Alternative zu Alain Planès darstellen. "Glasklar, transparent, frei von Nebelschwaden": so würde ich dessen Debussy nämlich ebenfalls beschreiben. Jean-Efflam Bavouzet habe ich einmal sogar im Konzertsaal erlebt; merkwürdigerweise kann ich mich an Einzelheiten nicht mehr erinnern, soweit ich noch weiß, ging es recht virtuos zu...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Wer weiß Näheres?


      Da Bavouzet an der MHS Detmold unterrichtet, kennt ihn jemand von uns vielleicht sogar persönlich ;+)

      Seine Gesamteinspielung ist vor allem deshalb so umfangreich, weil er selbst einige Orchesterwerke Debussys (zB sperriges Zeug wie "Jeux" und "Khamma") für Klavier bearbeitet hat (z.T. á quatre mains).

      Planès habe ich nicht soooo intensiv gehört, aber ich glaube, sein Spiel unterscheidet sich deutlich von dem Bavouzets, auch klingt sein Instrument in meinen Ohren ganz anders (dumpfer und trockener - ist es ein historischer Flügel?) Planès empfinde ich als äußerst kontrolliert, strukturbetont und irgendwie unterkühlt. Man kann das durchaus goutieren. Ich glaube aber, mir gefällt Bavouzet besser - da gibt es doch etwas mehr Leuchtkraft, Temperament, Nuancenreichtum, Leichtigkeit und Eleganz.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Général Lavine schrieb:

      Da Bavouzet an der MHS Detmold unterrichtet, kennt ihn jemand von uns vielleicht sogar persönlich ;+)


      Ich kenne ihn als Kollegen selbstverständlich persönlich, aber leider nicht seine Debussy-Aufnahmen. Da er sich im Moment am Haus vertreten lässt, kann ich ihn auch gerade nicht fragen, ob die Aufnahmen empfehlenswert sind ;+). Ich gehe aber wegen seiner pianistischen und musikalischen Qualitäten davon aus.

      Viele Grüße,

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Général Lavine schrieb:

      [...] ist es ein historischer Flügel?
      In zwei seiner ebenfalls 5 CDs umfassenden Einspielung verwendet Planès tatsächlich ältere Modelle, was mir gut gefällt, weil mich der etwas abgedunkelte, weniger brilliante Klang anspricht:


      Children's Corner, Suite bergamasque, Images (Blüthner 1902)


      Préludes 1+2 (Bechstein 1897)

      Wer sich für Planès interessiert, sollte vielleicht gleich zur 5-CD-Box greifen:



      Kontrolliert, strukturbetont, unterkühlt: Das trifft es m. E. durchaus, und ich mag es - auch wenn es sicher anders (besser?) geht, etwa hier, eher warm, emotional, weniger "analytisch":


      Monique Haas, Erato, 6 CDs (Ravels Klavierwerk ist ebenfalls dabei)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Kontrolliert, strukturbetont, unterkühlt: Das trifft es m. E. durchaus, und ich mag es


      Dann dürfte Dir vermutlich auch der vom Grünkohlpflücker kurz erwähnte Werner Haas gefallen. Sein Spiel ist von bestechender Klarheit und Virtuosität, ziemlich trocken, mitunter auch von agressiver Schärfe - pour mon gout ein wenig zu deutsch :huh: Die Aufnahmen dieses Gieseking-Schülers scheinen auf dem Markt immer rarer zu werden, sind aber z.T. sogar noch als Schnäppchen greifbar. Haas starb 1976 mit 45 Jahren in Frankreich bei einem Autounfall.





      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Général Lavine schrieb:

      Planès habe ich nicht soooo intensiv gehört, aber ich glaube, sein Spiel unterscheidet sich deutlich von dem Bavouzets, auch klingt sein Instrument in meinen Ohren ganz anders (dumpfer und trockener - ist es ein historischer Flügel?)


      Ich kannte bisher nur die Aufnahme mit dem historischen Blüthner - darauf bezog sich meine Einschätzung. Auf dem alten Bechstein und auf modernen Instrumenten klingt auch Planès wesentlich frischer und brillianter.

      Dies ist vielleicht der geeignete Thread um loszuwerden, dass meine bevorzugte Einspielung der Préludes momentan die von Paul Jacobs ist (der 1982 leider viel zu früh in die ewigen Jagdgründe einging):





      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Haas starb 1976 mit 45 Jahren in Frankreich bei einem Autounfall.


      Mein Klavierlehrer und Haas waren sehr gute Freunde.
      Ich weiß noch genau, wo ich war, als ich 1976 die schockierende Nachricht seines Unfalltodes hörte.

      Haas habe ich immer sehr verehrt, ich wage zu behaupten, daß er zu den größten Pianisten dazuzurechnen ist.

      Leider ist er durch seine nun schon recht lange Abwesenheit immer mehr aus dem Blickwinkel geraten, man kann gar nicht oft genug an Ihn erinnern.

      In diesem Sinne danke, General!

      :wink:
    • Zunächst zu Arturo Benedetti Michelangeli: der letzte Konzertauftritt seines Lebens war Debussy gewidmet. Er spielte in der Hamburger Musikhalle am 7. Mai 1993 "Children's Corner", beide Bände der "Images" und den kompletten ersten Band der "Préludes". Ich hatte das Glück, im Saal dabei zu sein. Wer diesen letzten Klavierabend nacherleben möchte, kann es hier

      tun. Allerdings lohnt sich die Anschaffung dieser CD m.E. nicht, wenn man bereits die DG-Aufnahmen der Werke mit ABM besitzt. Diese sind wirklich so herausragend, dass man keinen schlecht klingenden Live-Mitschnitt zur Ergänzung braucht. Übrigens: der erste Band der "Préludes" wurde für die DG im selben Saal, nämlich der Hamburger Musikhalle, im Juni 1978 aufgenommen. Allerdings ohne Publikum.

      Magische Momente der Debussy-Interpretation gibt es viele, z.B. Gilels mit dem ersten Band der "Images" sowie mit "Pour le piano"


      Horowitz mit einem Live-Mitschnitt der "L'isle joyeuse" aus der Carnegie Hall möchte ich ferner nennen (eine grandiose Aufnahme!)

      wie auch die beiden sehr schönen Pollini-CDs


      Ganz besonders schätze ich allerdings Richters Debussy-Aufnahmen, insbesondere seine Salzburger Aufführung der "Suite bergamasque" und der "Estampes"

      welche für mich (auch von Richter selbst) unerreicht sind. Von den "Préludes" spielte er immerhin 22, nur die Nr. 8 und die Nr. 12 aus dem ersten Band ließ er aus. Von den "Etudes" spielte er die Nr. 1-4, 8, 10 und 12. Von den "Images" spielte er den ersten Band sowie "Cloches a travers les feuilles" aus dem zweiten Band. "L'isle joyeuse" gibt es ebenfalls von ihm, ebenso wie die "Hommage a Haydn" und "En blanc et noir" (für zwei Klaviere). Hier eine kleine Auswahl von Mitschnitten dieser Debussy-Werke in der Interpretation durch Richter:




      Ach übrigens: der Link in Posting # 2

      Général Lavine schrieb:

      was es mit Nr. 6 des 2. Buches auf sich hat und woher mein Nick stammt, kann man hier nachlesen.
      funktioniert nicht. Schade - hätte mich interessiert :D
    • Hallo,

      in den letzen Wochen habe ich fast täglich zwei oder drei Klavierstücke von Debussy gehört (zum Glück verfüge ich hier über einen sehr großen Aufnahme-Pool), vorallem aus den Images und Préludes,
      Bei verschiedenen Aufnahmen muss ich jetzt wohl mein bisherige Meinung revidieren, z.B: bei dieser hier:



      Jean Boguet (rec. 1970?)

      Ein Mitglied (Gurnemanz?) hatte nach Meinungen gefragt und ich hatte mich eingeschränkt wohlwollend geäußert, gerade bei den Études erschien mir Boguet im Vergleich zu Gieseking, Aimard und Jones als zweite Wahl. Bei den Études habe ich es nicht noch einmal überprüft, aber die Images und die Préludes haben jetzt bei mir einen starken Eindruck hinterlassen! Die Struktur der Werke ist sehr klar gezeichnet und die Abstimmung der Stimmen gelungen. Sicher gibt es noch raffiniertere Anschlagskünstler, aber trotzdem fand ich es rundum überzeugend und lohnend!

      Von Boguet soll es auch eine Aufnahme der vierhändigen Werke geben, ich konnte lieder noch keine CD finden.

      Die Werke für vier Hände und 2 Klaviere wurden ja schon mehrfach erwähnt. Allerdings sollte man schon Original und Bearbeitung klar auseinanderhalten:

      Général Lavine schrieb:


      Wer die Orchesterwerke schon kennt und sich dann den Klavierwerken nähern möchte, sollte auch die Bearbeitungen von "La Mer", "Six Epigraphes Antiques", "Petite Suite" u.a. für zwei Klaviere bzw. Klavier vierhändig unbedingt zu Gehör nehmen.


      - die "Petite Suite" ist original für Klavier vierhändig und wurde von einem Freund Debussys (H. Busser) orchestriert
      - bei "La Mer" handelt es ich nach meiner Erinnerung um eine vierhändige "Rohfassung" (ohne Eigenständigkeit) - aber da bin ich mir gerade nicht sicher

      Meine liebste Einspielung der vierhändigen und zweiklavierigen Werke ist folgende (preisgünstige) CD:



      - En blanc et noir
      - Lindaraja
      - Marche ecossaise
      - Petite Suite
      - Six Epigraphes antiques

      Claude Helffer & Haakon Austbö (rec.1972/73)

      Wer nur einzelnen Werke sucht, findet zum Teil noch gelungenere Einspielungen.

      Hinweisen möchte ich noch auf eine Reihe von wenig bekannten frühen vierhändigen Werken, die zum Teil Bearbeitungen von anderen Werken sind (meist aus der Zeit des "Prix de Rome"), zum Teil auch eine Art von Skizzen für geplante Orchesterwerke, die dann aber nicht ausgeführt wurden, so dass es nur diese vierhändige Fassungen gibt.
      Eine gelungene (und leicht zugängliche) Aufnahme ist folgende:



      - Printemps-Suite
      - Divertissement
      - Intermezzo
      - Symphonie h-moll
      - Le triomphe de Bacchus-Suite (Ausz.)
      - Ouverture Diane
      - L'enfant prodique (Ausz.)

      Adrienne Soos & Ivo Haag (rec. 2009)

      Gruß petit_concours
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Was die 4-händigen Stücke angeht, gibt es wesentlich besseres als Helffer/Austbö, die ich weder gut aufgenommen noch sehr inspiriert gespielt finde. Soos/Haag kenne ich noch nicht, aber sehr gut sind:

      Michiels/Spinette



      ... sowie Heisser/Pludermacher, die auch alle Transkriptionen aufgenommen haben - aber die drei CDs, auf der das verstreut ist (Erato bzw. Harmonic), sind nur schwer aufzutreiben, ich hatte vor Jahren schon lange suchen müssen.
    • Lieber Wulf, du solltest dieses Wochenende unbedingt zum Piano-Festival nach Lille kommen. Dein Chouchou (zu deutsch"Herzblatt") wird umfassend bespielt und gewürdigt. Am Samstag gibt es sogar einen Debussy-Klavier-Marathon- stundenlang nur Claude vom Feinsten und Rarsten. Philippe Cassard spielt:
      Images oubliées

      Pour le piano

      Images, Livre I

      Estampes


      3 pièces de 1904

      Morceau de concours

      Children's Corner

      Le petit nègre

      Hommage à Haydn

      Images, Livre II


      12 Préludes, Livre I

      La Boîte à joujoux


      La plus que lente

      12 Préludes, Livre II

      Berceuse héroïque

      Pour l'œuvre "du Vêtement du Blessé"

      Élégie

      Les Soirs illuminés par l'ardeur du charbon




      6 Études, Livre I

      6 Études, Livre II


      "http://www.lillepianosfestival.fr/juin_2012/samedi/theatre_du-nord/s-theatre_00.jpg"




      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)