MASSENET: Werther, WSO, 24. Mai 2009

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    • MASSENET: Werther, WSO, 24. Mai 2009

      Im Unterschied zu Andrei Serbans "Manon", die mir von Mal zu Mal mehr auf die Nerven geht, kann ich mit seiner zwei Jahre älteren Inszenierung des "Werther" immer noch sehr gut leben. Von den sechs Inszenierungen dieses Werkes, die ich im Laufe der letzten 30 Jahre gesehen habe, gefällt mir diese sogar am besten, was nicht heißt, dass ich nichts daran auszusetzen hätte.
      Serban hat seinen Goethe gründlich studiert und speziell die im Briefroman immer wiederkehrende Baummetapher ernst genommen. Deshalb beherrscht ein riesiger Baum die gesamte Bühne, seine knorrigen Äste reichen bis zum Boden und strukturieren den Raum. Dank einer Treppe ist er sogar begeh- bzw. bespielbar, Albert beobachtet z.B. von dieser Warte aus die Annäherung Werthers an seine Frau. Im ersten Akt korrespondiert das üppige Grün mit der heiteren Grundstimmung - it's party-time - , im zweiten signalisiert das fahlbraune Laub, dass es auch in Charlottes Seele Herbst geworden ist, in den letzten beiden Akten hat der Baum seine Blätter abgeworfen, ein Symbol der Hoffnungslosigkeit und der Kälte. Hier kann keine Liebe gedeihen. Warum Charlotte und Albert unter einem Baum wohnen, frage ich mich schon längst nicht mehr - das ist halt so. (Robert Carsen antwortete einmal auf das Warum eines Sängers: "In jeder Inszenierung muss ein surrealistisches Element vorkommen, damit die Leute was zum Rätseln haben!" :D )
      Serban verlegt die Handlung in die 50erjahre, und das passt ab dem 2. Akt wunderbar, im ersten allerdings spießt es sich gewaltig. Charlotte ist hier eine moderne, selbstbewusste junge Frau, modisch gestylt und Mittelpunkt ihrer coolen Clique, die sie zu einer Sommerparty abholt, und dass sie einen pedantischen Langeweiler wie Albert heiratet, bloß weil sie es Mami auf dem Totenbett versprochen hat, ist völlig unglaubwürdig. Diese Charlotte würde ohne mit der Wimper zu zucken mit Werther durchbrennen. Trotzdem zeigen sich auch im ersten Akt die Qualitäten Andrei Serbans, nämlich eine sehr sorgfältige Personenführung, die besonders die Nebenfiguren betrifft. Jede ist ins Spiel eingebunden, bewegt sich sinnvoll, und alles zusammen ergibt ein stimmungsvolles Bild. Besonders Albert und Sophie, die oft nur blasse Stichwortbringer bleiben, werden hier durch die Regie stark aufgewertet, können sich mit vielen durchdachten Details profilieren.
      Leider macht Jane Archibald, die von Ileana Tonca die Sophie übernommen hat, davon nur wenig Gebrauch (Mangelnde Probenzeit oder mangelnder Wille?) Während Tonca ganz köstlich die Zweitgeborene mimte, die es gründlich satt hat, auf ihre Geschwister aufpassen zu müssen, während sich das Schwesterherz amüsiert, die eifersüchtig ist, dass sich alle um Charlotte reißen und sie entweder ignorieren oder nicht ernst nehmen, spielt Archibald das, was wir in Wien eine "überspannte Gans" oder "blöde Nocken" nennen und nervte speziell mich ziemlich mit dieser manirierten Tour. (Aber diese Sängerin nervt mich meistens, es dürfte also vielleicht eine ausgeprägte Antipathie meinerseits vorliegen.....) Ich mag auch ihre Stimme nicht, die für mich etwas Soubrettenhaftes hat, was an sich nichts Böses wäre, nur müsste sie dann halt andere Partien singen.
      Auch Markus Eiche ist ein ganz anderer Albert als Adrian Eröd, nicht so brutal, nicht so sadistisch, aber er kann mich mit seiner anderen Sichtweise voll überzeugen. Er ist einfach der saturierte Spießbürger, der sich gar nicht vorstellen kann, dass eine Frau an seiner Seite nicht glücklich ist, wo er ihr doch so ein schönes Leben bietet, und ein Höhepunkt war auch heute für mich wieder die Szene im 2. Akt, wenn Albert, in Selbstgefälligkeit badend, sein Eheleben preist, während Charlotte am liebsten schreiend davonlaufen möchte. Elina Garanca spielt das hinreißend, alleine das nervöse Spiel ihrer Hände, die geistesabwesenden Blicke, das Zusammenzucken, wenn ihr Gatte ihre Aufmerksamkeit erzwingt, das resignierte In-sich-Zusammensinken, als ob sie begriffen hätte, dass ihre Ehe ein Kerker ist, in dem ihre Jugend und all ihre Träume und Sehnsüchte verkümmern müssen - dafür gibt es nur das Attribut "Grandios" :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: Ich weiß, dass viele Opernfans Elina Garanca zwar eine perfekte Technik, aber wenig stimmliche Ausdrucksfähigkeit attestieren, ein Urteil, das ich absolut nicht nachvollziehen kann. Allerdings ist ihre Stimme sehr vibratoarm - vielleicht wird ihr das als steril ausgelegt? Für mich jedenfalls drückt ihre Stimme all das aus, was sie als Figur eben durchleidet, daneben schätze ich ihre Stilsicherheit, die ihr alle außermusikalischen Mätzchen (z.B. Schluchzen) verbietet. Beides - ihre stimmlichen wie schauspielerischen Qualitäten - kann Elina Garanca besonders im 3. Akt auspielen, der durch eine besonders feine Regie besticht. Schon während des Orchestervorspiels kann Charlotte ihre innere Unruhe kaum mehr unterdrücken, zupft einmal hier, einmal da etwas zurecht, gießt sich einen Drink ein und steigert sich in eine beinahe hysterische Verzweiflung hinein. Erst Sophies Besuch beruhigt sie wieder etwas. Die folgende Szene läuft gar nicht nach dem üblichen Werther-Schema ab: Hier
      gibt es keine über Werthers Zudringlichkeit erschrockene Charlotte, sieerschrickt höchstens über die Heftigkeit ihrer eigenen Gefühle, undbevor sie ihn endgültig wegschickt, ist sie es, die ihn noch einmal küsst - heftig und verzweifelt, weil sie die Aussichtslosigkeit dieser Liebe erkennt. Das Wiedersehen mit Werther lässt nicht nur seine Dämme brechen, auch Charlotte kann und will ihre Gefühle nicht mehr verstecken, gewährt ihm mehr als nur einen leidenschaftlichen Kuss, und man hat den Eindruck, dass sie ihn letztlich nur deshalb so vehement zurückstößt, weil sie sich ihrer selbst nicht sicher ist.
      Unter die Haut geht auch die Fortsetzung, Charlottes Verwirrung, als sie Albert hört, ihre Versuche, Normalität vorzutäuschen, doch durchschaut sie ihr misstrauischer Gemahl sofort und findet dann als Beweis Werthers Mantel auf dem Bett. (Da ging mir Adrian Eröds Interpretation mehr unter die Haut, der völlig ausrastete und Charlotte beinahe vergewaltigte)

      Im letzten Akt befremdet der Regieeinfall, dass Albert als stummer Zeuge während der gesamten Sterbeszene im Hintergrund steht. Bei den ersten Serien hat mich das ziemlich gestört, inzwischen finde ich es nicht mehr so absurd.

      Den Werther Ramón Vargas habe ich bisher ausgespart. Stimmlich gefiel er mir besser als bei allen seinen Auftritten in letzter Zeit, sein Timbre lässt den früheren Schmelz zumindest wieder erahnen, allerdings wirkt sein Singen auf mich sehr eindimensional, ohne jede Raffinesse und Finesse. Sein Französisch ist außerdem mehr als gewöhnungsbedürftig. Leider ist Vargas auch kein talentierter Schauspieler, obwohl ihn Elina Garanca doch einige Male aus der Reserve locken konnte. Aber wenn's nicht unbedingt sein muss, steht er lieber an der Rampe und ringt pathetisch die Hände..... Aber ich fürchte, wenn man einmal Rolando Villazón in dieser Rolle erlebt hat, ist man für den Rest seines Lebens für alle anderen Werther verdorben.....

      Mit Bertrand de Billy stand einer meiner Lieblingsdirigenten am Pult, er brachte Massenets Partitur zum Leuchten, allerdings hatte ich den Eindruck, dass ihm die Philis heute nicht so willig wie sonst folgten. Oder waren das Ermüdungserscheinungen nach dem Ringmarathon der letzten Tage????
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)