Stirbt das Klassik-Publikum aus?

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    • Natürlich ist es ungerecht dass Einige sich mehr leisten können als Andere. Aber das ist kein spezifisches Merkmal für den Zugang zu klassischer Musik oder Kultur im Allgemeinen. Das ist allenfals ein Spezifikum einer Gesellschaft (übrigens ganz gleich welcher politischen Ausrichtung, wenn auch mehr der kapitalistisch organisierten). Das Geld also keine signifikante Barriere für den Zugang zu subventionierten Musikveranstaltungen ist wurde hier zur Genüge ausgeführt. Allenfalls könnte man fragen, warum nur bestimmte Musikrichtungen durch öffentliche Gelder unterstützt werden, und warum einseitig. Das berührt aber den ökonomischen Aspekt einer Aufführung. Das was die öffentlichen Veranstalter bieten sind non Profit Veranstaltungen, bei denen im Grunde die Fehlbeträge von Erträgen aus Kartenverkäufen minus Aufführungskosten ausgeglichen werden. Private Veranstalter wollen Geld verdienen, und erreichen das über Kartenpreise oder Sponsorengelder. Daher sind diese Veranstaltungen auch i.d.R. teurer.
      Es kann jedoch nicht im Interesse der Steuerzahler liegen, Profite von privaten Unternehmungen zu finanzieren. Daher verbieten sich Subventionen, die nicht dem Gemeinnutzen dienen. Allerdings gibt es hier durchaus Felder wo es auch für die Gemeinschaft Sinn macht, diese finanziell zu fördern. Indem nicht private Veranstaltungen, die keinen kommerziellen Hintergrund haben gefördert werden. Das können Clubs, Aufführungen klassischer Musik oder auch im Pop- und Jazzbereich sein. Es ist zu beaobachten, dass die "Big Player" wie Operhäuser, Theater oder Sinfonieorchester in der Summe das meiste der Fördergelder zugesprochen bekommen. Daher rührt auch der Unmut derer, die dort aus welchen Gründen auch immer, nicht hingehen, über die angebliche Verschwendung öffentlicher Gelder. Wenn die Verteilung etwas ausgeglichener wäre, könnte ggf. auch die Akzeptanz gegenüber den öffentlichen Spielstätten steigen.
      Ein einfaches Beispiel aus Hamburg: Ich bin Mitglied eines gemeinnützigen Fördervereins, der alljährlich ein Kammermusikfest in Hamburg ausrichtet (6 Konzerte an unterschiedlichen Orten mit einem Programm jenseits des Mainstream, zu Preisen von 25€ pro Konzert). Von der Stadt haben wir noch nie Geld erhalten (hatten für 2018 7.000 € beantragt, die mit dem Argument man könne keine überregionale Bedeutung des Festivals erkennen, abgelehnt wurde). Es gibt einen Hauptsponsor, der uns bis jetzt die Treue hält. Wenn der ausfällt ist das Festival erst mal Geschichte. Da wir dieses Jahr erstmalig den kleinen Saal der Elbphilharmonie für 3 Konzerte nutzen durften (natürlich gegen Bezahlung), konnten wir sämtliche Karten für diese Konzerte verkaufen. Ironischerweise verwaltet die selbe Kulturbehörde diesen Saal, die auch über Subventionen entscheidet. Sollte uns im nächsten Jahr der Zugang zu dem Saal verwehrt werden, dann müssen wir auf andere nichtstädtische Spielstätten ausweichen, mit dem Ergebnis das der Kartenverkauf geringer ausfällt, und bei gleicher Leistung der Sponsor mehr Geld bereitstellen müsste. (Das mag paradox erscheinen, hängt aber mit der hohen Nachfrage in der Elbphilharmonie zusammen).
      Ich kenne mehrere private Veranstalter, die auch ins persönliche Risiko gehen, um Konzerte zu veranstalten. Es wäre wünschenswert wenn die zuständigen Behörden die Kulturförderung breiter betreiben würden, so dass auch größeren Teilen der Bevölkerung der Zugang möglich wird, und es mehr Vielfalt gibt.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Waldi schrieb:

      Unsere Aufgabe als Universitätslehrer ist nicht die Berufsausbildung, sondern unter anderem die Berufsvorbildung. Und, lieber Peter, Du würdest Dich wundern, wieviele Studenten nicht auf eine berufliche Laufbahn hin gezielt studieren (denke allein an die vielen Senioren!), zumal in vielen Fächern die beruflichen Aussichten sowieso miserabel sind. Natürlich heißt das nicht, das denen reiner Selbstzweck vorschwebt, aber es geht um eine mehr oder weniger breite Wissensbasis u.dgl.

      :wink: Waldi
      Lieber Waldi!

      Stimmt ja leider das die beruflichen Aussichten für Akademiker schlecht ist und ein Großteil meiner Kollegen ehemalige und jetzige keinerlei Interesse an Konzerten oder Opern hat. Aber es gibt doch welche die man am Abend am Stehplatz findet. Für Sitzplätze ist es ihnen teuer. Ja und ich als alter Student an den ist der Selbstzweck schon gegeben eine Wissensbildung zu erreichen die großflächig ist. Aber deshalb wird auch, wie ich weiß, an Berufsschule und Allgemein Höheren Schulen Freikarten ausgegeben um junge Leute zur Musik aber auch in Ausstellungen zu bringen.


      Das ich früher schon zur Oper fand ist doch eher Zufall denke ich weil ich eine annehmbare Stimme hatte und einen sehr guten Musikprofessor [Prof. Grossmann] hatte der mich eben hinführte und das Interesse war halt auch da um auch einige Instrumente zu lernen, die ich heute nimmer kann.
      Aber doch kann ich heute Leute die an der Kassa zur WstO stehen die Oper zu erzählen und dem Kassier ist schon of der Kugelschreiber im Mund stecken geblieben und er hat ihn nicht abgebissen, was mich in meinem Ernst sehr amüsiert hätte, und sie kauften Karten.

      Liebe Grüße sendet Euch Euer Streiferl. :wink: :wink:
    • Dass sich auch im Kulturbetrieb bestimmte Machtstrukturen entwickeln, die dann dazu führen können, dass die meisten Mittel an bestimmte Stellen fließen und sich deren Einfluss dann noch verstärkt, ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal der Hochkultur und Klassischer Musik. (Es gibt ja viel absurdere Beispiele, etwa, dass ein Milliardengeschäft wie Profifußball, das sich selbst tragen könnte, durch massive öffentliche Gelder, etwa aus den Rundfunkbeiträgen oder für Stadionbauten usw. noch zusätzlich gefördert wird. Den Proficlubs kann ja nicht einmal zugemutet werden, die Polizeieinsätze zu zahlen, die nötig sind, damit sich die Hooligans nicht gegenseitig (oder brave Bürger) totschlagen.)
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • andréjo schrieb:

      Ich habe übrigens als Jugendlicher nichts und niemanden benötigt, keine Vorbilder in der Familie oder unter Freunden, keine "Brücken" und nur sehr wenig Geld, um mich vor bald fünfzig Jahren in die Welt der Musik vorzutasten. Es war einfach Interesse da, wachsende Hörbegeisterung, zunehmende Erfahrung. Es hat auch lange gedauert, bis ich mir einen Plattenspieler zugelegt habe. Vorher habe ich Rundfunk gehört und viel auf Tonband mitgeschnitten. So geht das schon auch. (Und natürlich hatte ich vorher eine reine Popmusik-Phase, halt ein Frühstadium des Vortastens.)

      Gut - Klavier zu lernen, haben mir meine Eltern ermöglicht.
      Ist schon interessant wie sich die Biografien manchmal ähneln. Ich hätte es für mich kaum anders formulieren können, ausser dass ich schon relativ früh über einen Plattenspieler verfügte. :wink:

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Natürlich ist es ungerecht dass Einige sich mehr leisten können als Andere.
      Ich finde keineswegs, dass das ungerecht ist. Vielmehr wäre es ungerecht, wenn alle gleichviel verdienen würden, egal, ob sie eine hochqualifizierte Tätigkeit ausüben, für die möglicherweise eine jahrzehntelange intensive Ausbildung nötig ist, oder ob sie an der Kasse im Supermarkt sitzen.

      Eine ganz andere Frage ist, wie groß die Unterschiede sind, da haben wir ja dank der ausgeprägt linken Sozialdemokraten und ihrer ökologischen Helfer einen schönen Höchststand erreicht. Aber das ist ein anderes Thema. Allerdings sollte man, wenn man behauptet, es gingen so wenige Leute in Opern und Konzerte, weil sie es sich nicht leisten können, nicht zuerst und ausschließlich die Opern- und Konzerthäuser verantwortlich machen, sondern auch mal zu denen schauen, die dafür verantwortlich sind, dass so viele Leute sich nur mit Mühe und Not finanziell über Wasser halten können und schon in gravierende Schwierigkeiten geraten, wenn man der Kühlschrank kaputt geht.
    • "Verdient" haben aber alle eines: den Zugang, die Zugangsmöglichkeit, zu Kultur.
      Und mal ehrlich: wer von außen diesen Thread liest, wird zu "Klassischer Musik" nicht finden.
      Mag sein, dass das auch nicht Aufgabe eines Forums ist....

      Oder doch? Da aber lobe ich mir Taten statt Worte. Passend zur Versammlung der Mitglieder.
      Für mich gilt: je mehr Worte ich verliere, um so weniger hat die Musik selbst Raum zu sprechen.
      Sie soll doch "zusagen" und das kann sie besser selbst.
      Vermittler mögen gefragt sein, aber doch nicht Abschreckung.
      Die Auseinandersetzung mit dem Gehörten kommt später, erst einmal muss gehört werden.

      Und da stirbt das Publikum nicht, es wird gemordet. Durch unsere Urteile, verquaste Zeilen und RT- Threads.
      Ich betone immer wieder: im Laufe meines Lebens hatte ich viel mit Jüngeren zu tun, die mit "Klassischer Musik" zunächst wenig "am Hut" hatten.
      Keine verbale Überzeugungsarbeit brachte mehr als ein gemeinsames Bier und gemeinsames Hören.
      Plötzlich "rockt" der Bach und der Mozart wird als klug empfunden.

      Erinnern wir uns an uns selbst. Wie fanden wir zur Musik?
      Über Vorträge, Geschwurbeltes? Oder über's Hören, in Gemeinsamkeit am glücklichsten?

      Warum nicht der DJ sein, der Mozart laufen lässt um Interesse zu wecken- ohne zu urteilen, was und ob es wie ankommt?

      Wir geben uns elitär, die Musik ist es nicht.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Ich muss doch auch garnicht bezahlen und in ein Konzert gehen Ich kann auch Radio hören und da gibt es viele Angebote durch viele Sender.
      Ich jedenfalls habe mit ca 15 Jahren durch das Radio zu klassischer Musik gefunden (das zufällige Hören eines klassischen Musikstücks reichte). In meinem gesamten Umfeld gab es niemand der für mein Interesse Verständnis hatte und trotzdem habe ich mit immer grösserer Begeisterung klassische Musik gehört. Ich war sogar JUSO mit Begeisterung für klassische Musik.
      Jeder kann also auch ohne Geld jederzeit Zugang zu Musik aller Art finden-
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Erzherzog schrieb:

      Ich muss doch auch garnicht bezahlen und in ein Konzert gehen Ich kann auch Radio hören und da gibt es viele Angebote durch viele Sender.
      Ich jedenfalls habe mit ca 15 Jahren durch das Radio zu klassischer Musik gefunden
      Zum Einen gibt es das Radio nicht umsonst, es ist sogar relativ teuer. Und zum Anderen kommt es darauf an wo man wohnt, um durch das Radio an klassische Musik herangeführt zu werden. Es gibt leider nur noch sehr wenige Sender, die komplette Werke über den Tag spielen. NDR Kultur z.B. bringt fast ausnahmslos Fragmente. Aber damit kann man klassische Musik nicht kennenlernen. Das war früher anders, aber aktuell ist es erbärmlich, und es wird immer schlimmer. Man kann allenfalls über das Internet auf ausländische Sender ausweichen, Aber man muß natürlich die Leute erst mal auf die Fährte bringen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Zum Einen gibt es das Radio nicht umsonst, es ist sogar relativ teuer.
      meinst du damit die Rundfunkgebühren oder technische Ausrüstung (inklusive Salatschüssel) ?
      Im Verhältnis zu Ausgaben für - bereits subventionierte - Tickets sind Moppen dafür generell nicht wesentlich höher.....
      die technische Chose wären auch bloß einmalige Ausgabe.....

      Eusebius schrieb:

      Und zum Anderen kommt es darauf an wo man wohnt, um durch das Radio an klassische Musik herangeführt zu werden.
      durch Salatschüssel/Internet wäre das Problem eher gering... selbst als Landei.

      Eusebius schrieb:

      Es gibt leider nur noch sehr wenige Sender, die komplette Werke über den Tag spielen.
      tagsüber ist man sowieso auf Maloche.... Sonntagvormittags sendet z.B. NDR-Kultur oft komplette Live-Konzerte

      Eusebius schrieb:

      NDR Kultur z.B. bringt fast ausnahmslos Fragmente
      aber doch bloß in z.B. Langweil-Sendungen mit so'n ölig-einschleimenden rüberkommenden Ansager wie z.B. Klassik auf Wunsch.. an bestimmten Abenden in der Woche werden komplette Konzerte mit der NDR-Radiophilharmonie oder NDR-SO übertragen (z.B. konzertante M+ A unter Metzmacher) ... z.B. HSV-Nagano-Lulu übertrag NDR-Kultur und DLF-Kultur dann zum späteren Termin

      Eusebius schrieb:

      Das war früher anders, aber aktuell ist es erbärmlich, und es wird immer schlimmer.
      kann ich nicht bestätigen.. z.B. WDR 3 überträgt Wittener Tage für neue Kammermucke, SWR 2 Donaueschingen und Schwetzingen, DLF Kultur Ultralschall-Festival aus Hertha-Stadt... Vor ein paar Jährchen gabs via HR2 super-geile Cagerei unter Rundel...
      und vom BR-Klassik gabs z.B. geiles Schönberg VK und geile Bruckner 8 (davon leider nur Mainstream-Version, dennoch fetzig) mit dem Lederhosenorchester unter Jansons..

      Eusebius schrieb:

      Man kann allenfalls über das Internet auf ausländische Sender ausweichen,
      France Musique oder BBC Radio 3 bieten interessante Möglichkeiten.. auch zum Nachhören, Runterziehn.....

      Eusebius schrieb:

      Aber man muß natürlich die Leute erst mal auf die Fährte bringen.
      und da liegt m.E. eigentlich der Hase im Pfeffer !!!!
      Hörer verdanken "Fährte" m.E. oft durch Anregung durch z.B. Elternhaus, bestimmten Verwandten, Schule und .. und .. und ..

      .. wäre ich nämlich anders sozialisiert worden.. z.B. in irgend einen Problem- oder No-Go-Kack-Ambiente, also folglich dann weniger "priviligiert" (und dafür ist ein gewisser finanzieller Rahmen auch nicht zu unterschätzen), hätte ich no Schimmer von bzw. 0-Bock auf sog. Klassik-Mucke..... das abstakte Angebot von Mucke (inklusive Radiosender) würde dann kaum/keine Impulse zu mir rüberwachsen lassen, weil eigner Brägen dann dafür viel zu stumpf, da bereits zugenagelt... ..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Eusebius schrieb:

      Zum Einen gibt es das Radio nicht umsonst, es ist sogar relativ teuer. Und zum Anderen kommt es darauf an wo man wohnt, um durch das Radio an klassische Musik herangeführt zu werden. Es gibt leider nur noch sehr wenige Sender, die komplette Werke über den Tag spielen. NDR Kultur z.B. bringt fast ausnahmslos Fragmente. Aber damit kann man klassische Musik nicht kennenlernen. Das war früher anders, aber aktuell ist es erbärmlich, und es wird immer schlimmer. Man kann allenfalls über das Internet auf ausländische Sender ausweichen, Aber man muß natürlich die Leute erst mal auf die Fährte bringen.
      Naja, faktisch ist heute der Zugang zum Kennenlernen von Wasauchimmer so leicht wie nie zuvor, es gibt das Internet. So gut wie jeder Sender ist übers Internet erreichbar. Und auch Sender, die nur Fragmente senden, können ein guter Einstieg sein. Ein "Neuling" will ja vielleicht keine ganzen Sinfonien hören, sondern ist gerade an den Schnipseln und an der Abwechslung interessiert. Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinneren, hätte man mir mit einem Oratorium zum Einstieg sicher keine Freude gemacht. Kinder können sich ja auch nicht ewig konzentrieren.
      Die Länge von klassischen Werken dürfte ei nicht unwesentlicher Abschreckungsfaktor sein, Kürze ist für den Anfang, wenn man auch die kürzeren Formate der zeitgenössischen populären Musik gewöhnt ist, sicher ein Plus. Nur irgendwann reicht es eben nicht mehr und dann möchte man das Radio anschreien dafür, dass schon wieder ein Satz aus den Vier Jahreszeiten gespielt wird. :rolleyes: Naja, meckern kann man immer, andererseits ist eben, wie bereits gesagt, so viel frei verfügbar wie nie zuvor. Auf youtube habe ich schon Sachen gehört, die ich nichtmal mehr antiquarisch als CD bekomme.

      Diese geheimnisvolle Frage, wie der Funken überspringt, lässt sich m. E. nicht mit Förderprogrammen beantworten. Die sind erst wichtig, wenn der Funke bereits gesprungen ist. Warum zwei Kinder in demselben Haushalt aufwachsen können und das eine Klassik liebt, das andere auf Rap abfährt, lässt sich nicht bis ins Letzte ergründen.

      Was ich aber wichtig finde, ist sich nicht allzu sehr anzubiedern. Ich als verhältnismäßig junge Klassikhörerin kriege immer mal wieder Angst, wenn sich Radiosender oder Konzerthäuser überlegen, wie sie "jugendlicher" werden können. Da wird Vivaldi verrappt und überlegt, ob man den Klassiksender nicht bunter gestalten sollte, mit ein bisschen Rockmusik zwischendurch. Was dabei oft unter den Teppich gekehrt wird: Klassik ist nicht nur irgendein Elite-Phänomen, es ist vor allem, gemessen an anderen Musikstilen, eine Randerscheinung. Den ganzen Tag werden wir mit populärer Musik beballert. Jeder Laden, den ich betrete, spielt irgendetwas zeitgenössisches, und es wird vorausgesetzt, dass die Kunden das zumindest akzeptabel finden. Auf jeder Party läuft natürlich zeitgenössische Musik. Irgendwie muss es auch einer relativ marginalisierten Musiksparte erlaubt werden, weiterzuexistieren, ohne sich der Populärkultur anzubiedern (was keine Wertung über diese Populärkultur einschließt - nur wird eben immer und überall verlangt, dass man das erträgt. Wenn überall plötzlich Klassik in den Läden liefe, gäbe es wahrscheinlich Shitstorms). Was ist eigentlich daran bedenklich, wenn nur eine Minderheit etwas mit klassischer Musik anfangen kann? Jugendliche/Kinder sollten die Möglichkeit haben, sie kennen zu lernen - und wenn ihnen das nicht gefällt, was sie hören, dann ist das halt so. Aber kein Grund, die Klassik ihnen anzupassen. Man kann den Klassikhörern, die ganz schrecklich bieder sind und so was uncooles tun wie "im Konzert still dazusitzen" das auch gönnen. Den ganzen Tag sind wir von Bildschirmen umringt, mittlerweile werden auch die Konzerthäuser immer angepasster und versuchen sich zu digitalisieren. Ich persönlich lege Wert darauf, dass es noch analoge, uncoole Orte gibt, auch wenn nicht jeder etwas damit anfangen kann. Das ist nicht der Sinn der Sache.
    • Amfortas09 schrieb:

      aber doch bloß in z.B. Langweil-Sendungen mit so'n ölig-einschleimenden rüberkommenden Ansager wie z.B. Klassik auf Wunsch.. an bestimmten Abenden in der Woche werden komplette Konzerte mit der NDR-Radiophilharmonie oder NDR-SO übertragen (z.B. konzertante M+ A unter Metzmacher) ... z.B. HSV-Nagano-Lulu übertrag NDR-Kultur und DLF-Kultur dann zum späteren Termin
      Du sagst es "Langweil-Sendungen". Natürlich werden als Feigenblatt auch mal ganze Konzerte übertragen, aber überwiegend wird ein Häppchenprogramm geboten. Ich kenne niemand in meinem Bekanntenkreis, der das Programm von NDR Kultur auch nur ansatzweise gut findet. Und dafür zwangsweise 270 € im Jahr bezahlen zu müssen ist für mich eine Zumutung. Aber das ist ein anderes Thema und wurde an anderer Stelle bereits ausgiebig diskutiert.

      Paula Fleming schrieb:

      Und auch Sender, die nur Fragmente senden, können ein guter Einstieg sein.
      Nein können sie nicht, denn sie vermitteln ein falsches Bild. Man könnte z.B. auf den Gedanken kommen, dass eine Sinfonie generell nur aus einem Satz besteht, und zwar vornehmlich einem schnellen. Das liegt auf der selben Ebene wie eine "jugendgerechte" Aufmachung klassischer Musik, durch Kreuzung mit Popmusik. Es gibt da aber einige entscheidende Unterschiede, und die muß man auch deutlich machen. Spätestens wenn dann die so "angelockten" in ein Konzert gehen, erleben sie die Diskrepanz zu dem was ihnen im Radio vorgegaukelt wurde. Ob das vertrauensbildend ist lasse ich mal dahingestellt.

      Amfortas09 schrieb:

      z.B. WDR 3 überträgt Wittener Tage für neue Kammermucke, SWR 2 Donaueschingen und Schwetzingen, DLF Kultur Ultralschall-Festival aus Hertha-Stadt... Vor ein paar Jährchen gabs via HR2 super-geile Cagerei unter Rundel...
      Das sind aber auch genau die Ausnahmen in der deutschen Rundfunklandschaft.

      Peter

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Natürlich werden als Feigenblatt auch mal ganze Konzerte übertragen, aber überwiegend wird ein Häppchenprogramm geboten
      Aber das ist ca. 20:00 beim NDR-Kultur nicht der Fall. Vor allen nicht in den regelmäßigen Live-Konzert-Sendungen der Radiophilharmonie + des NDR-SO. .. die Regelmäßigkeit von Übertragungen spricht gegen deinen Ritterschlag "Feigenblatt"
      Allerdings soll NDR-Kultur in diesem Zusammenhang nicht hochgejubelt werden, weil z.B. SWR 2- oder DLF-Kultur-Sendungen über irgend welche Noten-Quäller (z.B. Lachenmann oder Cerha) vergleichweise häufiger, theoretisch fundierter, ausführlicher und mit mehr Fakts rüberkommen.....
      .. und auch zeitgenössiche Mucke ist vergleichsweise im NDR-Kultur eher unterrepräsentiert.. wenigstens übertrug NDR-Kultur, neben besagter HSV-Lulu und M+A z.B. auch ein HSV-Lachenmann-Konzert, Batistellis Lot. Lot-Mucke ließ sich allerdings viel zu widerstandslos reinschlürfen .

      . vor Jahren gabs den kompletten Bosic/Kosky-Ring und danach auch Zemlinskys Traumgörge aus 96-Town... und .. und ..

      Eusebius schrieb:

      Ich kenne niemand in meinem Bekanntenkreis, der das Programm von NDR Kultur auch nur ansatzweise gut findet.
      z.B. DLF-Kultur, Oe1 bieten vergleichweise öfters geilere Fetzigkeiten.. .. ich würde mir aber auch öfters NDR-Kultur reinziehn (allerdings nicht am Tage !), wenn Konzerte der Radiophilharmonie und NDR-SO interessanteres Programm hätten.. und morgens unter der Dusche, beim Rasieren + Kacken bzw. tagsüber z.B. im PKW läuft sowieso überwiegend der DLF...

      Eusebius schrieb:

      Das sind aber auch genau die Ausnahmen in der deutschen Rundfunklandschaft.
      Nee, nee, glaub mir, diese Ausnahmen setzen sich zusammen aus DLF-KUltur, DLF, Nordwestradio (okay bietet vergleichweise eher wenig), RBB-Kultur (okay bietet vergleichweise wenig), SR 2 (z.B. Miitschnitte kürzlich: richtig geiles Berg-VK aus Hertha-Stadt mit Chung&Chung aus den 80zigern, Schönbergs Moderner Psalm und Strawinskys Psalmensinfonie live unter Gielen aus Saarbrücken auch ca. aus den 80zigern), BR-Klassik, HR 2, SWR 2, WDR 3, MDR-Kultur, NDR-Kultur..und außerhalb der BRD Oe1.. da bestehen eine Reihe Möglichkeiten sich Leckerlis wie Rosinen rauszupicken und einzubunkern...
      (.. ob diese aufgelisteten Sender überhaupt von zahlreichen Hörern genutzt werden, ist eine andere Frage)...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Eusebius schrieb:

      Nein können sie nicht, denn sie vermitteln ein falsches Bild. Man könnte z.B. auf den Gedanken kommen, dass eine Sinfonie generell nur aus einem Satz besteht, und zwar vornehmlich einem schnellen.
      Doch, können sie. :P Erstens bestehen Klassiksender nicht nur aus Schnipseln, sondern senden auch ganze Konzerte. Zweitens wird zumindest bei den Sendern die ich kenne und höre immer die Hintergrundinfo gegeben: "Das war der fünfte Satz aus Beethovens 6. Sinfonie, der Pastorale, mit dem schönen Titel "Hirtengesang: Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm". Wer nach so einer Ansage noch glaubt, eine Sinfonie bestünde aus einem einzigen Satz, hat es nicht anders verdient. :rolleyes:

      Eusebius schrieb:

      Spätestens wenn dann die so "angelockten" in ein Konzert gehen, erleben sie die Diskrepanz zu dem was ihnen im Radio vorgegaukelt wurde. Ob das vertrauensbildend ist lasse ich mal dahingestellt.
      Die so Angelockten werden erstmal mehr und mehr hören, vornehmlich übers Internet, wo gerne stundenlange Konzerte hochgeladen werden.

      Es ist die eine Sache, ob man die Programme der Klassiksender schlecht findet, die andere, ob man sie als kontraproduktiv zum Einstieg hinstellt. Selbst wenn man die Programme kritisiert, sehe ich nicht, wo das Problem für Einstiegshörer sein sollte. Komplette Konzerte kriegt man kostenlos rund um die Uhr im Internet. Die Radiosender setzen auch auf Digitalisierung und bieten Konzerte, die sie nicht komplett oder zu einer ungünstigen Zeit senden, oft für lange Zeit digital noch an. Die meisten jungen Menschen richten sich heute schon nicht mehr nach dem Fernsehprogramm, sondern stellen sich im Internet zusammen, was ihnen gefällt, warum sollte das bei klassischer Musik anders sein?
    • Wenn denn junge Menschen vornehmlich über das Internet ihre Musik beziehen, dann stellt sich ja die Frage, in welchem Umfang sie überhaupt das Radio noch nutzen. Und auch bei denen die schon viel Klassik hören spielt das Radio wohl nur noch eine untergeordnete Rolle. Da dürften die Streamingdienste auf längere Sicht wohl das Rennen machen.

      Amfortas09 schrieb:

      Aber das ist ca. 20:00 beim NDR-Kultur nicht der Fall. Vor allen nicht in den regelmäßigen Live-Konzert-Sendungen der Radiophilharmonie + des NDR-SO. .. die Regelmäßigkeit von Übertragungen spricht gegen deinen Ritterschlag "Feigenblatt"
      Wenn man den prozentualen Anteil solcher Sendungen berücksichtigt dann bilden sie eher die Ausnahme. Aber man kann ja von Mitternacht bis 6:00 Radio hören. Da gibt es dann auch vollständige Werke.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Aber man kann ja von Mitternacht bis 6:00 Radio hören. Da gibt es dann auch vollständige Werke.
      das sind überwiegend Studiokonserven. dabei gibts äußerst wenig, was einen interessiert.
      Der letzte Event daraus ist bereits auch fast ein Jahr her, nämlich Bergs LS mit Belcea. Die ist aber fetziger Knaller.

      Eusebius schrieb:

      Wenn man den prozentualen Anteil solcher Sendungen berücksichtigt dann bilden sie eher die Ausnahme.
      eben mal den Zeitraum vom 02.12 bis 08.12. (KW 48/49) vom NDR-Kultur ausklamüsert.
      Uhrzeit von 06:00 bis 00:00 = 7 560 Minuuten
      davon ausgefüllt mit Komplett-Mucke (Studiokonserven und live) d.i. ohne Fragment-Verwurstung a la Klassik auf Wunsch oder so
      = 1 225 Minuten
      Das ergibt dann einen prozentualen Anteil von ca 16. Wäre beinahe 1/5 der Zeit.

      Nur was da gesendet werden wird, interessiert mich nicht .. am allerwenigsten hunderttausenste Strauss-Alpenmucke (diesmal mit NDR-SO unter Axelrod)...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      eben mal den Zeitraum vom 02.12 bis 08.12. (KW 48/49) vom NDR-Kultur ausklamüsert.
      .. nur das nicht der NDR sondern der BR das produziert hat und auch andere Sender das übernehmen. Wenn ich jetzt gemein wäre, dann müsste ich fordern den Zeitraum mit der mittleren Nutzungsfrequenz zu gewichten. Ich gehe mal davon aus, dass um diese Zeit nur verhältnismäßig wenige Zuhörer am Radio sitzen. Das ist zwar eine Zeit wo viele Jugendliche noch auf sind, aber die machen da wohl eher Party.
      Mein Hinweis mit dem Anteil bezog sich aber auf die Eigenproduktionen des NDR, wo ganze Werke gespielt werden.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      nur das nicht der NDR sondern der BR das produziert hat und auch andere Sender das übernehmen. Wenn ich jetzt gemein wäre, dann müsste ich fordern den Zeitraum mit der mittleren Nutzungsfrequenz zu gewichten. Ich gehe mal davon aus, dass um diese Zeit nur verhältnismäßig wenige Zuhörer am Radio sitzen. Das ist zwar eine Zeit wo viele Jugendliche noch auf sind, aber die machen da wohl eher Party.
      ich glaub jetzt liegt Mißverständnis vor. Bei den 7 560 Minuten ist ausdrücklich Nachtkonzert ausgeschlossen.
      7 560 ist die zeit von 6 Uhr morgemns bis 00:00 an 7 Tagen gemeint...

      Eusebius schrieb:

      Mein Hinweis mit dem Anteil bezog sich aber auf die Eigenproduktionen des NDR, wo ganze Werke gespielt werden.
      Das ist in den 1 225 Minuten auch gemeint.. ob das alles Eigenproduktionen vom NDR-Kultur sind wurde meinerseits nicht gecheckt.. aber wenn NDR-Kultur z.B. aus Paris Moses und Aron unter P. Jordan überträgt, ist es zwar keine Eigenproduktion, aber komplett.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Alles klar Alter. Hatte ich missverstanden. Ist aber trotzdem arg wenig.

      Das Problem bei den Öffentlich Rechtlichen ist, dass sie auf die Einschaltquoten schauen. Aber die werden ja extra durch öffentliche Gelder finanziert damit sie kein reines Kommerzprogramm machen müssen. Grundversorgung und Kulturauftrag ist das Stichwort. Das führt dann dazu, dass sie eben doch mit den privaten Sendern konkurrieren. Und da die Unterhaltungsprogramme wie NDR2 und Radio 90,3 (analoge Programme bei den anderen Sendeanstalten) so gut laufen, macht man eben auf NDR Kultur etwas ähnliches nur mit anderer Musik. Hauptsache nicht zu kompliziert und möglichst nicht länger als 5 Minuten. Aber ich bin ja in einer Minderheit mit meinen verschrobenen Wünschen, daher hat man unsereins bei den Sendeanstalten nicht auf dem Schirm. Aber, um zum Thema zurückzukommen, ich bin nicht davon überzeugt das mit dieser Programmpolitik mehr Publikum generiert wird. Es kommen wohl Neue hinzu die das gut finden, aber es verabschieden sich auch welche, die das nicht gut finden.

      Und jetzt Radio abschalten ..

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)