Stirbt das Klassik-Publikum aus?

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    • Achim schrieb:

      Gibts doch schon längst:
      in Auswahl meines terrestrisch betriebenen Radios
      DRadio Kultur
      DLF Musiksendungen abends
      MDR Figaro
      Nordwest Radio
      WDR 3

      aber nicht ! NDR Kultur. Das Programm kann man auf Dauer nicht hören, weil es eine einheitliche Musikfarbe fährt, die zwangsläufig zum Einschlafen oder Abschalten führt.

      Sicher gibt's das auch schon! Wobei man ein bisschen einschränken muss, denn oft sind die Formate, die gemischte Programme spielen, Wortformate mit Füll-Musik (auch viele von dir genannte). Auch wenn ich weniger Radio höre, als ich sollte, meine ich, dass es relativ wenige gemischte Musiksendungen gibt.
      FM4 zB, die Jugendwelle des orf, macht das brillant: überraschende Einspieler, gut gemachte Beiträge, Nachrichten in drei Sprachen, interessante Musik aus allen Genres -> das ist klasse! Nur halt aus Österreich.. ^^
    • El Duderino schrieb:

      Zitat von »ChKöhn«
      Wenn Du von klassischer Musik primär oder gar ausschließlich "Spaß" erwartest, liegt eine gewisse "Lebensferne" auf der Hand.


      Ja, das höre ich immer leicht verwundert, dass Musik nicht nur Spaß machen darf.
      Wo hast Du das gehört? Bei mir jedenfalls nicht. Ich habe überhaupt noch nie darüber geschrieben, was Musik "darf" und was nicht. Der Grund ist ganz einfach: Sie darf alles. Die Frage, die mich mehr interessiert, ist deshalb: Was kann Musik? Und da gilt für die klassische Musik ohne Zweifel, dass sie weit mehr kann als nur "Spaß" zu bereiten. Wenn Du das noch nicht bemerkt hast, wirst Du es übrigens schwer haben, neue Hörerschichten zu gewinnen, denn "Spaß" hat die jüngere Generation zum Glück mit vielem, auch ohne klassische Musik. Wenn Du sie also allein damit ködern willst, wirst Du eine Enttäuschung erleben. Genau da liegt meines Erachtens der zentrale Denkfehler vieler sogenannter "Musikvermittler".

      El Duderino schrieb:

      Dass "Silbermeer" für solche Verheerungen sorgt, wundert mich. Ich werde selbst an den Schläfen schon grau, meinen Genen nach habe ich noch fünf Jahre und dann gehöre ich auch zum "Meer". In jedem Fall ist es keine Beschimpfung und schon gar keine von mir. Beide Autoren der oben genannten Studien verwenden den Ausdruck.
      Und in dem Moment, in dem Du diesen Ausdruck übernimmst, hast Du mit seinem diskriminierenden Unterton nichts mehr zu tun? Merkwürdige Vorstellung.

      El Duderino schrieb:

      Ich habe den Eindruck, dass ein interessantes Kulturangebot, das sich an jüngere Generationen richtet, nicht in allen Bereichen, in denen ich arbeite, so ausgeprägt ist, wie das wünschenswert wäre. Viele Gespräche und Erfahrungen - wie bspw. das Feedback von Zuhörern meiner und älterer Generationen oder Gespräche mit Freunden, die ebenfalls im Kultursektor arbeiten - unterstützen diesen Eindruck. Auch der schon zitierte Artikel in der FAZ stößt in dieses Horn. Also versuche ich, das, was ich produziere, auf die wenig beachtete Zielgruppe zu zuschneiden. Habe ich ja schon mehrfach geschrieben.
      Du machst daraus: Ich kümmere mich "einen Dreck" um die Bedürfnise meines Publikums und tue "ganz einfach", wozu ich Lust habe. Sehr kreativ!
      Du definierst als "Zielgruppe" Deine eigene Generation und wendest Dich an die. Leider stellt die aber trotz all Deiner Bemühungen vermutlich nur einen kleineren Teil der Hörer, deren größter Teil "ein bis zwei Generationen" älter ist als Du, auf deren Bedürfnisse Du aber nun mal "keine Lust" hast, weil sie sowieso "bald sterben" werden.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Genau da liegt meines Erachtens der zentrale Denkfehler vieler sogenannter "Musikvermittler".

      Das glaube ich nicht. Wen locken schon Versprechungen, die nicht unmittelbar erfahrbar sind? "Musikvermittler" richten sich ja an Konsumenten, nicht an gerade aktive Musiker (die werden sich die langfristigen Freuden des Musizierens ja hoffentlich Stück für Stück selbst erarbeiten).
      Interessierten Zuhörern die Vorzüge, die eine intensive Beschäftigung mit Musik haben kann, in Aussicht zu stellen, ohne das dann direkt einlösen zu können, halte ich für wertlos. Alle Weltreligionen versprechen noch viel tollere Sachen, da würde ich erstmal ewiges Leben anstreben, bevor ich das "weit mehr" der Klassik, das du ansprichst, erreichen wollte. So gesehen, würde ich deinen Satz umwandeln: Spaß hat die jüngere Generation mit Vielem, nur leider selten mit Klassik.

      ChKöhn schrieb:

      Und in dem Moment, in dem Du diesen Ausdruck übernimmst, hast Du mit seinem diskriminierenden Unterton nichts mehr zu tun? Merkwürdige Vorstellung.

      Jesses, du hast schon gelesen, was in diesem Thread schon über junge Menschen geschrieben worden ist, oder? Im Vergleich dazu ist "Silbermeer" mehr als harmlos - nicht viel mehr als eine ziemlich naheliegende Beschreibung eines regelmäßigen Anblicks.

      ChKöhn schrieb:

      Du definierst als "Zielgruppe" Deine eigene Generation und wendest Dich an die. Leider stellt die aber trotz all Deiner Bemühungen vermutlich nur einen kleineren Teil der Hörer, deren größter Teil "ein bis zwei Generationen" älter ist als Du, auf deren Bedürfnisse Du aber nun mal "keine Lust" hast, weil sie sowieso "bald sterben" werden.

      Jetzt machst du doch das, was du selbst nicht magst: Du baust Zitatfetzen zu einer neuen Bedeutung zusammen! Ich habe nicht "keine Lust", meine Erzeugnisse speziell auf die Bedürfnisse deutlich älterer Menschen auszurichten, weil sie "sowieso 'bald sterben' "! Ich sehe einfach für keine der beiden Seiten einen Vorteil daran!
      Meine Formulierung, dass "die Alten" bald sterben werden, ist sicher zu flapsig für so ein ernstes Thema. Aber nüchtern betrachtet muss man sich eben um nachwachsende Generationen kümmern und das tue ich gerne. Programme für das klassische Publikum gibt es ja schon einige. Keinen Schimmer, wo da jetzt das Problem liegt..
    • [Dieser und der folgende Beitrag stammen aus der Diskussion über Musikunterricht. Hier passen sie besser. :gurni: Gurnemanz]


      Übrigens, ganz am Rande:

      Es gibt hier ja mittlerweile alle möglichen Äußerungen zu Altersstrukturen:
      Silbermeer, "die Alten sterben" , etc.pp........wir werden sowieso alle sterben und die jungen von heute sind die Alten von morgen.
      Oder nicht? ;+)

      Das hat jetzt nichts mit Musik zu tun, aber ist es nicht erstaunlich und bedenkenswert, daß es im noch neuen Gebiet der Let's Play Generation
      ausgerechnet ein übergewichtiger Bartträger- der auf die 40 zugeht- ist, der es schafft , Menschen zwischen sagen wir mal 10 - 50+ Jahren zu unterhalten?
      Er ist Freund, Lehrer, Kumpel, Ansprechperson, alles mögliche......das ist eigentlich nicht zu schaffen, und das geht weit über seine Let's plays hinaus.
      Ich finde das bemerkenswert.

      Und das kommt nicht daher, weil dieser Mensch so attraktiv ist, das kommt aus einer Kombination von verschiedensten Mosaiksteinchen, die irgendwie alle passen.

      Ich glaube, würde auch nur ein Mosaiksteinchen nicht passen, er würde untergehen.
      Aber Gronkh (Erik Range "http://de.wikipedia.org/wiki/Gronkh" ) läßt für mich alle Diskussionen über alt und jung als irgendwie absurd erscheinen.
    • Zum Alter: ein durchschnittlicher Neandertaler starb mit ca. 25 Jahren. Ich wäre mit meinen 28 also schon ziemlich alt. Jeder 50 jährige wäre uralt, und jeder 70 jährige ein Naturwunder.

      Aber wir leben immer gesünder und werden immer älter, von daher ist 50 heutzutage eigentlich kein Alter. Und grau werden oft schon viel jüngere in ihren 30ern oder früher, während andere noch mit Mitte 50 schwarze oder braune Haare haben.

      Das Verrückte ist ja, dass wir einerseits darauf schauen, dass man möglichst lang lebt, andererseits hat ein 40-50 jähriger heute kaum eine Chance einen Job zu bekommen.
    • El Duderino schrieb:

      Meine Formulierung, dass "die Alten" bald sterben werden, ist sicher zu flapsig für so ein ernstes Thema.
      Ja, das ist viel zu "flapsig" .
      Sowas geht in meiner Empfindung gar nicht.
      Das ist einfach unsäglich.
      Tut mir leid, aber meine Eltern z.B. sind tolle Musiker, sie haben sehr viel erreicht und sehr viel gutes getan.
      Ein Lebenswerk geschaffen.

      Nun, sie sind jetzt alt und bald werden sie wohl sterben, das ist der Lauf der Dinge und des Lebens.
      Aber diese Deine Bemerkung " Die Alten werden bald sterben" , die ist dermaßen unreif und auch gemein...........

      Ich weiß, ich schreibe auch mal Dinge, die gemein und unreif sind.
      Darauf werde ich ja dann auch hingewiesen, und nicht zu knapp.

      Zu Recht.
      Ist ok.

      Aber sowas würde ich NIE schreiben.
      Wenn es um den Tod und um das Ende geht, dann habe ich eine Schreibsperre, da hört es für mich auf mit locker und flockig.
    • El Duderino schrieb:

      Interessierten Zuhörern die Vorzüge, die eine intensive Beschäftigung mit Musik haben kann, in Aussicht zu stellen, ohne das dann direkt einlösen zu können, halte ich für wertlos.
      Eine"intensive Beschäftigung", die zu direkt einlösbaren Vorzügen führt, ist beinahe ein Widersrpuch in sich. Trotzdem kann man glaubhaft "vermitteln", dass sie sich lohnt (das ist doch z.B. beim Instrumentalunterricht nicht anders: Wer als Anfänger Klavier oder Geige lernt, muss bis zu den ersten Erfolgserlebnissen - und auch danach immer wieder - auch erst einmal Geduld und Hartnäckigkeit aufbringen). Das wäre meines Erachtens die zentrale Aufgabe von "Musikvermittlern", nicht das schamvolle oder ängstliche Verschweigen von Komplexität. Es gibt musikwissenschaftliche Untersuchungen, bei denen ein großer Teil der jugendlichen Probanden Bach-Fugen nicht anders als im Schema von Melodie und Begleitung hören konnte. Würde man sie in diesem Glauben lassen, dann würden sie sich garantiert sehr schnell von den komischen Bachschen "Melodien" abwenden und zu Eingängigerem zurückkehren. Die einzige Chance, sie (z.B.) für Fugen zu interessieren, besteht meines Erachtens darin, ihnen bei der Entdeckung der Komplexität zu helfen statt diese ängstlich-schamvoll zu verschweigen. Man muss ihnen zeigen, dass es in dieser Musik etwas gibt, was sie bis dahin nicht kannten, statt ihnen vorzugaukeln, es wäre nur Altbekanntes in anderem Gewand. Was die "Musikvermittler" landauf landab tun, ist fast immer das Gegenteil: Sie betonen, dass die klassische Musik doch eigentlich genauso wäre wie alle andere. Das wird sehr schnell als Lüge erkannt werden und deshalb nicht funktionieren.

      El Duderino schrieb:

      Jesses, du hast schon gelesen, was in diesem Thread schon über junge Menschen geschrieben worden ist, oder? Im Vergleich dazu ist "Silbermeer" mehr als harmlos - nicht viel mehr als eine ziemlich naheliegende Beschreibung eines regelmäßigen Anblicks.
      Ok, lassen wir diesen Teil der Diskussion einfach auf sich beruhen. Du hast den Ausdruck harmlos gemeint, ich habe ihn nicht so gelesen.

      El Duderino schrieb:

      Jetzt machst du doch das, was du selbst nicht magst: Du baust Zitatfetzen zu einer neuen Bedeutung zusammen! Ich habe nicht "keine Lust", meine Erzeugnisse speziell auf die Bedürfnisse deutlich älterer Menschen auszurichten, weil sie "sowieso 'bald sterben' "! Ich sehe einfach für keine der beiden Seiten einen Vorteil daran!
      Meine Formulierung, dass "die Alten" bald sterben werden, ist sicher zu flapsig für so ein ernstes Thema. Aber nüchtern betrachtet muss man sich eben um nachwachsende Generationen kümmern und das tue ich gerne. Programme für das klassische Publikum gibt es ja schon einige.
      Ja, die kausale Verbindung zum baldigen Sterben der Alten habe ich so konstruiert, das tut mir leid. Trotzdem verstehe ich nicht so ganz, worauf Du hinaus willst: Du beklagst Dich darüber, dass Dein Publikum zu alt sei, aber es ist doch nun mal Dein Publikum! Und Du hast ausdrücklich geschrieben, "keine Lust" auf dessen Bedürfnisse zu haben. Natürlich muss man sich auch "um nachwachsende Generationen kümmern", aber doch nicht auf Kosten der aktuellen Zuhörer, egal in welchem Alter die sind.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • [...]
      Rest siehe hier.


      Zum Thema:
      christian Köhns Ausführungen, wie Verständnis für Musik geschaffen werden kann, stimme ich gerne zu. Aber wen wird man damit erreichen ? Meines Erachtens geht das am Großteil der avisierten Gruppe vorbei.
      Als Dozent für BWL an einer privaten FH darf ich Vorlesung für Vorlesung lernen, dass die Ansprüche, die noch zu Zeiten meines Studiums (ab 1980) galten, nicht mehr anwendbar sind, will man nicht ein Notendesaster riskieren.
      Es muss kurz, prägnant, präzise so vorgegeben werden, dass nur noch schnell für die Prüfung gelernt werden muss. Längere Diskurse zum tieferen Verständnis stören da nur. Whatsapp. Facebook, Quizduell warten auf Antwort, also bitte nicht stören....

      Und dann soll da Muße sein für zB Beethovens 9. ???
      Mindestens 70 Minuten Innehalten ??
      Da verpasst man ja inzwischen das halbe Leben.....

      Viele Grüße
      Achim
    • [...]
      Rest siehe hier.



      Achim schrieb:

      Als Dozent für BWL an einer privaten FH darf ich Vorlesung für Vorlesung lernen, dass die Ansprüche, die noch zu Zeiten meines Studiums (ab 1980) galten, nicht mehr anwendbar sind, will man nicht ein Notendesaster riskieren.

      Es muss kurz, prägnant, präzise so vorgegeben werden, dass nur noch schnell für die Prüfung gelernt werden muss. Längere Diskurse zum tieferen Verständnis stören da nur. Whatsapp. Facebook, Quizduell warten auf Antwort, also bitte nicht stören....



      Und dann soll da Muße sein für zB Beethovens 9. ???

      Mindestens 70 Minuten Innehalten ??

      Da verpasst man ja inzwischen das halbe Leben.....

      Ärgerlich, ja, das mag es wohl sein ..... ich möchte aber nicht versäumen (und als jemand, der ein halbes Jhdt. auf dem Buckel hat, nehme ich das Recht für mich in Anspruch)
      darauf hinzuweisen, daß es nicht die jetzeigen Schüler und Studenten waren, die Dozentenstellen gestrichen haben, und sie waren es auch nicht, die auf Pisa voller Hektik G8 an den Gymnasien einführen mußten (wohlgemerkt: nachdem man 12 Jahre !! Zeit für eine Rechtschreibreform aufbringen konnte ..... WOW!!!), und es waren auch nicht die jetzigen Schüler und Studenten, die sich nicht die Zeit genommen haben, mit sich in Ausstellungen, Konzerte etc. zu gehen, weil 12 -14 Stunden Arbeit der eigenen Karriere wichtiger waren ..... und dann lieber Tamagochis, i-Pads, PCs und Laptops verschenkt haben ...... X( 8+) :huh: ;+)

      WIR sollten UNS in unserer Verantwortung packen ...... (und nein, auch ich schaffe das nicht so oft, wie ich es sollte ....) ....

      LG
      tastenrabe
    • Tastenrabe schrieb:



      WIR sollten UNS in unserer Verantwortung packen ...... (und nein, auch ich schaffe das nicht so oft, wie ich es sollte ....) ....

      LG
      tastenrabe


      100% einverstanden...
      Die Komplexität der Welt in der momentanen Form ist nicht zuletzt ein Ergebnis, geschaffen durch die mittlere Generation (also meiner Generation) und evtl noch durch die Nachkriegsgeneration (also die meiner Eltern).
      Vermutlich hat uns das Ganze nunmehr überrannt und wir stehen eher ratlos davor, tradierte Maßstäbe gelten auf einmal nicht mehr.

      Abgesehen davon ist dieser beschleunigte Prozess des Umbruchs noch längst nicht beendet und wer weiß, was noch kommt.

      Also:
      meines Erachtens ist eine "Häppchen-Kultur" eingezogen, bitte von jedem etwas, aber nur nicht zuviel, denn dafür reicht die Zeit nicht.

      Das in sich sehr geschickte Projekt "happy" von Pharrell Williams mit dem 24-Stunden video widerspricht dem mE nur scheinbar.
      Denn jeder kann sich aus dieser Masse an Bildern und Situationen die raussuchen, die ihm am meisten zusagen.

      Nein, das Klassikpubikum stirbt nicht aus, es wird nur nicht jünger.
      Meine these: mit dem alter kommt die Weisheit und Ruhe, dann kommt auch wieder die Zeit für entschleunigte Musik.

      viele Grüße
      Achim
    • Achim schrieb:

      christian Köhns Ausführungen, wie Verständnis für Musik geschaffen werden kann, stimme ich gerne zu. Aber wen wird man damit erreichen ? Meines Erachtens geht das am Großteil der avisierten Gruppe vorbei.
      Ich weiß nicht, ob es gelingen kann, "Musikvermittlung" ist nicht mein Fachgebiet. Ganz so schwarz wie Du sehe ich nicht, weil es z.B. immer noch sehr viele Kinder und (allerdings weniger) Jugendliche gibt, die konzentriert und engagiert ein Musikinstrument lernen (vielleicht ist auch das der Unterschied zu Hörern von BWL-Vorlesungen?). Ich glaube nach wie vor, dass das der Königsweg zum Musikhören ist - wenn es denn einen solchen überhaupt gibt. Aber auch da gibt es die Tendenz, den Kindern vorzugaukeln, das Üben würde immer und ausschließlich Spaß machen.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Die einzigen Gebiete, auf denen momentan akzeptiert wird, dass eine gewisse Schinderei notwendig sein kann, sind m.E. bizarrerweise die, bei denen die körperlichen Voraussetzungen schon vorher außerordentlich unterschiedlich verteilt sind und für die meisten die "Schinderei" relativ sinnlos machen, nämlich Sport und "Model". Wir fragen uns ängstlich, ob denn das Üben für ein Musikinstrument die Kindheit zerstören könnte und ein Chorleiter, der streng mit den Sängerknaben umgeht, ist an der Grenze zum Skandal. Aber in vielen Sportarten ist all das und noch weit mehr als vollkommen normal akzeptiert und bei den Casting-Shows ähneln die Tanztrainer Im Gebaren dem Drill Sergeant aus Full Metal Jacket...
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      Wir fragen uns ängstlich, ob denn das Üben für ein Musikinstrument die Kindheit zerstören könnte und ein Chorleiter, der streng mit den Sängerknaben umgeht, ist an der Grenze zum Skandal.

      Der Leiter, der streng mit den ihm anvertrauten Kindern umgeht, ist immer im Fokus ... sollte er auch, und zwar genauso wie jeder andere Verantwortliche auch. Schließlich IST es ein Gemisch aus besonderer Autorität, besonderer Abhängigkeit und, im Idealfall, auch besonderem Vertrauen der Kinder und Jugendlichen. Allerdings sehe ich auch in vielen Bereichen, daß sehr viele Kinder und Jugendliche - und auch Eltern - höhere Anforderungen und Ansprüche sehr wohl akzeptieren, WENN die Gegenleistung in Form einer guten Stoffvermittlung, Erfolgserleben (Turniere, Aufführungen etc.) und auch gerechte Anerkennung der Bemühungen des Einzelnen und der Gruppe erbracht werden. Es ist ein Geben und Nehmen ...

      LG
      tastenrabe
    • ChKöhn schrieb:

      Eine"intensive Beschäftigung", die zu direkt einlösbaren Vorzügen führt, ist beinahe ein Widersrpuch in sich.

      Nein, ist es nicht. Ich erinnere mich gut daran, wie befriedigt ich mit 15 Jahren aus den intensiven Flötenquartett-Proben gekommen bin (Stück, gestern wie heute präsent: Jour d'été à la montagne von Bozza). Vier Leute hatten eine Stunde jeder für sich und zusätzlich noch - so friedlich und einvernehmlich, wie das bei keiner anderen Aktivität möglich ist - mit der Gruppe geteilt etwas Befriedigendes gemacht. Mit wurde nicht mal vorher versprochen, dass ich befriedigt wäre, ich war es einfach. Deswegen kommst du vermutlich auch immer wieder auf ausübende Jugendliche. Aber um die geht es bei dem, was wir "Musikvermittlung" nennen, ja nicht. Es geht um Konsumenten.

      ChKöhn schrieb:

      Es gibt musikwissenschaftliche Untersuchungen, bei denen ein großer Teil der jugendlichen Probanden Bach-Fugen nicht anders als im Schema von Melodie und Begleitung hören konnte. Würde man sie in diesem Glauben lassen, dann würden sie sich garantiert sehr schnell von den komischen Bachschen "Melodien" abwenden und zu Eingängigerem zurückkehren. Die einzige Chance, sie (z.B.) für Fugen zu interessieren, besteht meines Erachtens darin, ihnen bei der Entdeckung der Komplexität zu helfen statt diese ängstlich-schamvoll zu verschweigen.

      Nur nebenbei: das erinnert mich an Musikhörer, die sich in Ermangelung von motivisch-thematischer Entwicklung enttäuscht von Schubert oder auch der kompletten Popmusik abgewandt haben um wieder zum eingängigeren Beethoven zurück zu kehren.

      Aber im Grunde sehe ich das genau so. Man muss einfach einen Grund haben, die Komplexität entdecken zu wollen. Möglicherweise ist der Vermittler interessant, oder das Fugenthema sagt ihnen was oder die Rhythmen erinnern sie an etwas Schönes oderoderoder.. Ich würde nie die Neugierde junger Menschen unterschätzen, noch vor zehn Jahren haben wir über die verschachtelten Rhythmen bei Slipknot oder dem freestylenden Ol' Dirty Bastard gestaunt - von Klassik ganz zu schweigen.
      Aber zu einem überwältigenden Teil hat niemand in meiner Generation einen Grund zu Interesse an Bach. Vermittler à la Bernstein sind leider nirgends zu sehen und der Zugang zu den Prinzipien Bachscher Musik ist für die meisten verschüttet (paradox, dass die Breakdancer von Flying Steps in die Bresche springen müssen). Jetzt zu kommen und zu erklären, wie man Fugen bitte zu hören habe, ist abstrus. Im Übrigen ist das bei der älteren Generation nicht anders: Nie sind mir bei einer Einführung schneller die Zuhörer eingepennt (zu 95% jenseits der 50), als bei meinem Versuch, die Wiederkehr des Beginns von Mahlers Erster im Finale zu deuten. Bei Bruder Jakob waren sie aber alle wach, denn das kannten sie. Und das ist denke ich das Entscheidende: man muss Rücksicht auf den Hintergrund der Hörer nehmen (das, was die beknackte Formulierung "den Hörer abholen" bekommen hat..)!

      Wir reden nämlich die ganze Zeit so, als wären Bach-Fugen nur zu erleben, wenn man ihre Struktur durchblickt hätte. Dabei bleiben einem doch noch viele andere Optionen, Bach nahe zu kommen... Und fast jede ist näher am heutigen Hörer und es wäre beleidigend, sie deswegen als minderwertig abzutun.

      ChKöhn schrieb:

      Was die "Musikvermittler" landauf landab tun, ist fast immer das Gegenteil: Sie betonen, dass die klassische Musik doch eigentlich genauso wäre wie alle andere. Das wird sehr schnell als Lüge erkannt werden und deshalb nicht funktionieren.

      Doch sie ist wie alle andere Musik! Sie kann einen in Rauschzustände führen wie House, sie kann einen todtraurig machen wie ein guter Tom-Waits-Song, sie kann einen aufmuntern wie "On Melancholy Hill" von den Gorillaz. Sie ist ein Teil dessen. In meinem Augen haben das die Angloamerikaner seit Bernstein (vll sogar schon seit Dvoraks Empfehlung) über Riley bis Adams verstanden. Wie kommst du darauf, dass Klassik in ihren Grundlagen anders als andere Musik sei?

      Achim schrieb:

      Die Komplexität der Welt in der momentanen Form ist nicht zuletzt ein Ergebnis, geschaffen durch die mittlere Generation (also meiner Generation) und evtl noch durch die Nachkriegsgeneration (also die meiner Eltern).
      Vermutlich hat uns das Ganze nunmehr überrannt und wir stehen eher ratlos davor, tradierte Maßstäbe gelten auf einmal nicht mehr.

      Abgesehen davon ist dieser beschleunigte Prozess des Umbruchs noch längst nicht beendet und wer weiß, was noch kommt.

      Freut mich, dass hier mal nicht das Bild der verblödeten Jugend hoch gehalten wird. "Die Jungen werden ihr eigenes Leben gestalten. Es wird nicht mehr ausschließlich durch die Ökonomie definiert. Werte wie Zusammenleben werden wichtiger werden. [...] Ein iPhone ist weit weniger wert als ein Auto. Und was werden die Jungen vorziehen? Car-Sharing!" hat Kurt Biedenkopf in der FAZ gesagt. Ich glaube, er hat Recht. Die Sehnsucht nach etwas Authentischem ist doch längst wieder gewachsen, Limonade ist hand-made, wir sharen cars, die Bananen sind fair-trade, es wird wieder gehäkelt und Musik am Hackbrett gemacht. Würde die Klassik mal vom hohen Ross runterkommen (die DGG macht das ja eigentlich ziemlich gut bspw.), könnte man davon profitieren.

      ChKöhn schrieb:

      Ja, die kausale Verbindung zum baldigen Sterben der Alten habe ich so konstruiert, das tut mir leid. Trotzdem verstehe ich nicht so ganz, worauf Du hinaus willst: Du beklagst Dich darüber, dass Dein Publikum zu alt sei, aber es ist doch nun mal Dein Publikum! Und Du hast ausdrücklich geschrieben, "keine Lust" auf dessen Bedürfnisse zu haben. Natürlich muss man sich auch "um nachwachsende Generationen kümmern", aber doch nicht auf Kosten der aktuellen Zuhörer, egal in welchem Alter die sind.

      Was wäre meine Alternative? Für die alte Generation senden, bis meine Hörer im Schnitt so alt sind wie ich selbst? Nein, für Ältere gibt es Unmengen Formate, ich erstelle ein Angebot und hoffe auf entsprechend Nachfrage. Wenn man immer nur dem folgt, was schon da ist, entwickelt man sich wie das Fernsehen und das will wohl keiner..
    • El Duderino schrieb:

      Ein iPhone ist weit weniger wert als ein Auto. Und was werden die Jungen vorziehen? Car-Sharing!" hat Kurt Biedenkopf in der FAZ gesagt.


      Das halte ich persönlich für einen falschen Schluss.
      Das Smartphone ist der Zentralstern des jugendlichen Kosmos, die Fortbewegungsart ist nicht wesentlich.
      Die meisten meiner Studenten haben mit Autos nichts am Hut, Fahrräder, Motorroller und/oder Öffis bringen sie ans Ziel.
      Autos sind denen nämlich nicht das wert, was sie kosten...... (im Gegensatz zu zB meiner Generation).

      Weg vom OT:
      Ich glaube, der Weg zur Klassik führt über Kanäle wie youtube etc.
      Es sollten die Zugangswege der Jugend zu Musik analysiert werden, vielleicht erreicht man sie dann.

      Beste Grüße
      Achim
    • 2 Punkte sind dringend zu korrigieren:

      Erstens:
      Die Jugendlichen müssten dies und jenes. Falsch. Die Jugendlichen müssen gar nix. Nur sterben. Aber das müssen wir alle. Woraus folgt:

      Zweitens:
      Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Jugendlichen und dem Rest? Nein!


      Daher:
      Wenn ich eine Oper inszeniere, ein Popkonzert aufführe, ein Musical, ein klassisches Konzert, etc., dann muss das eben interessant sein. Interessant für alle. Jedenfalls für alle, die der Sache geistig folgen können. Kinder ist ein anderes Thema.

      Man muss die Leute also für eine Sache begeistern. Und man muss ihnen ggf. das nötige Rüstzeug dazu mitgeben. Letzteres betrifft einerseits die Schule, andererseits auch das Problem, dass eine Sache erst mal auch präsent sein muss, um wahrgenommen zu werden.

      Ziel muss also sein, dass jeder Bürger zwischen 15 und 135 Jahren mitbekommt, was es alles gibt. Dass er die Möglichkeit hat, an solchen Dingen zu partizipieren. Dass er gewisse Dinge ggf. auch vertiefen kann. Dazu braucht man Leute (Künstler wie auch Vermittler), die mit Begeisterung an die Sache herangehen.

      Damit hinterher keiner jammern kann "davon habe ich nichts mitbekommen" oder "das wurde mir damals vermiest".


      Der Rest ergibt sich dann von alleine.


      Thomas

      PS: In Übrigen muss dringend Weinkunde in den Unterricht. Jeder Schüler muss am Ende einen Wein vom Granitboden blind von einem Wein vom Vulkanverwitterungsboden unterschieden können. Sonst gibt's kein Abi.
    • Achim schrieb:

      Das halte ich persönlich für einen falschen Schluss.
      Das Smartphone ist der Zentralstern des jugendlichen Kosmos, die Fortbewegungsart ist nicht wesentlich.
      Die meisten meiner Studenten haben mit Autos nichts am Hut, Fahrräder, Motorroller und/oder Öffis bringen sie ans Ziel.
      Autos sind denen nämlich nicht das wert, was sie kosten...... (im Gegensatz zu zB meiner Generation).

      Ich konnte das Zitat an der Stelle nur unzureichend kopieren, deswegen war es missverständlich. Biedenkopf hat die Situation genau so beschrieben, wie du - und ich - sie wahrnimmst.

      Achim schrieb:

      Ich glaube, der Weg zur Klassik führt über Kanäle wie youtube etc.
      Es sollten die Zugangswege der Jugend zu Musik analysiert werden, vielleicht erreicht man sie dann.

      Das Internet ist sicher, was aufgezeichnete Musik angeht, der wichtigste Weg für schnelle Infos. Da passiert ja auch was, manche Labels gestalten jetzt kurze Werbe-Trailer für ihre neuen CDs, teilweise in mittelprächtiger Qualität ("http://www.youtube.com/watch?v=CcNeZt703ro"), aber das geht tatsächlich voran. Die Digital Concert Hall ist, was man so hört, finanziell ein Minusgeschäft, aber vielleicht braucht das auch noch Zeit. Mehr Klassik kenne ich online, abseits von jpc, Lebrecht und natürlich capriccio, nicht.
      Aber ich glaube, entscheidend zum Kennenlernen ist das Live-Erlebnis und der Austausch mit Menschen in der realen Welt.