Stirbt das Klassik-Publikum aus?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Naja, Monteverdis Musik ist Gegenwartskunst, wenn sie heute aufgeführt wird. Und Monteverdis Musik ist Vergangenheitskunst, weil sie vor ca. 400 Jahren komponiert wurde. Beides ist richtig.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Naja, Monteverdis Musik ist Gegenwartskunst, wenn sie heute aufgeführt wird. Und Monteverdis Musik ist Vergangenheitskunst, weil sie vor ca. 400 Jahren komponiert wurde. Beides ist richtig.
      Jede Musik, die nicht gerade im Moment ihrer Entstehung uraufgeführt wird (man spricht dann im Fachjargon von "Improvisation" ;) ), ist ebenso Gegenwartskunst wie Vergangenheitskunst.

      Viele Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Jede Musik, die nicht gerade im Moment ihrer Entstehung uraufgeführt wird (man spricht dann im Fachjargon von "Improvisation" ;) ), ist ebenso Gegenwartskunst wie Vergangenheitskunst.
      Schtümmt!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Es führt allmählich vom Thema weg, deshalb nur kurz:
      Jede Musik entsteht in der Gegenwart und wird auch in der Gegenwart gehört. Also ist Musik Gegenwartskunst. Daran ändert auch nichts, dass sie sich auf Vergangenes beziehen kann (bzw. vermutlich sogar muss), sei es durch einen alten Notentext, durch Konventionen, Zitate oder Anspielungen in der Improvisation oder der Interpretation, durch Verwendung alter Formen, Charaktere (z.B. die hier genannten Tanzformen), nationaler Traditionen oder Instrumente. Das alles mag eine Rolle spielen, es mag in unterschiedlichem Maße das Ergebnis beeinflussen, aber dieses Ergebnis ist immer ein gegenwärtiges Klangereignis, welches von einem gegenwärtigen Hörer wahrgenommen wird.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      jede Musik entsteht in der Gegenwart und wird auch in der Gegenwart gehört. Also ist Musik Gegenwartskunst.
      wenn man "Musik" so mit ihrem Erlebnis identifiziert, dann ist alle Kunst Gegenwartskunst.

      Sicher, eigentlich "ist" nur Gegenwart, das ist quasi definitorisch so.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Das ist auf jeden Fall nicht die Funktion des Begriffes "Gegenwartskunst". Und sowieso ist es ja so: Jede Kunst "entsteht in der Gegenwart und wird auch in der Gegenwart" konsumiert – "also"...

      Nur in diesem Sinne sollte der Begriff "Gegenwartskunst" natürlich gar nicht dienen, sondern zur Trennung von der "Mona Lisa" (die man ja auch verkehrt herum auf den Kopf gestellt ausstellen bzw. "interpretieren" könnte) und einem "Banksy-Graffiti".

      Vor diesem Hintergrund erscheint die Übertragung des Begriffes "Gegenwartskunst" auf den Bereich Musik und vor allem auf eine beispielsweise eine klassisch interpretierte "Monteverdi-Oper" problematisch und missverständlich.

      Vielleicht liegt in dieser Einstellung zu Vergangenheit und Gegenwart aber gerade ein Problem. – Also dass das in großen Teilen traditionelle, rückwärtsgewandte und tendenziell elitäre Publikum zu sehr an der Vergangenheit hängt und sich zu wenig öffnet für moderne Interpretationen, moderne Opern, Vermischungen mit der Populären Musik... Und natürlich wären dabei die Opernhäuser noch zu betrachten, die mehr einen Geschmack bedienen, wie er mal in historischen Zeiten war, heute aber nur noch eine elitäre Minderheit bedient...
    • Somni schrieb:

      Vielleicht liegt in dieser Einstellung zu Vergangenheit und Gegenwart aber gerade ein Problem.
      Ob es ein Problem ist, weiß ich nicht, aber es ist kennzeichnend für unsere klassische Musikkultur.
      Im Gegensatz zu anderen, wo zwar improvisiert wird, aber sich der Rahmen kaum ändert, haben wir eine starke Dynamik im Originalitätsanspruch an neue Werke, aber eben auch den überragenden Anteil "alter" Werke an Aufführungen.
      Daß darin schon ein starker "Vergangenheitsbezug" liegt, sollte man nicht verkennen.

      Somni schrieb:

      Und natürlich wären dabei die Opernhäuser noch zu betrachten, die mehr einen Geschmack bedienen, wie er mal in historischen Zeiten war, heute aber nur noch eine elitäre Minderheit bedient...
      na ja, das geht schon etwas durcheinander: ist der Anteil des Publikums, der wirklich neue Werke im Opernhaus sehen und hören möchte, nicht erst recht eine "elitäre Minderheit"?
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      na ja, das geht schon etwas durcheinander: ist der Anteil des Publikums, der wirklich neue Werke im Opernhaus sehen und hören möchte, nicht erst recht eine "elitäre Minderheit"?

      Danke für die taktvolle Antwort – ich hatte mich eigentlich schon auf einen anderen Ton eingestellt ;)


      Das mag wohl oder wird wohl so sein – ist vielleicht aber eine Frage der Perspektive. Also man könnte ja auch die Gesamtheit der Bevölkerung in den Blick nehmen und sich als (potentielles) Publikum denken. Man könnte das Opernhaus vielleicht erstmal öffnen um ein neues, junges Publikum damit vertraut zu machen; und neue Interpretationen sowie ganz neue Stücke schaffen, die vermitteln. Zumindest wäre das aus meiner Sicht ein interessanter Weg, der vielleicht auch Probleme um Elitenkultur, Finanzierung oder gar Aussterben lösen könnte.
    • zabki schrieb:

      ChKöhn schrieb:

      jede Musik entsteht in der Gegenwart und wird auch in der Gegenwart gehört. Also ist Musik Gegenwartskunst.
      wenn man "Musik" so mit ihrem Erlebnis identifiziert, dann ist alle Kunst Gegenwartskunst.
      Das habe ich nicht getan. Ich habe im Gegenteil darauf hingewiesen, dass Musik sich auf Vergangenes beziehen kann (oder sogar muss).

      Somni schrieb:

      Jede Kunst "entsteht in der Gegenwart und wird auch in der Gegenwart" konsumiert – "also"...
      Ja, aber nicht jede Kunst entsteht in derselben Gegenwart, in der sie rezipiert wird (natürlich abgesehen von der Banalität, dass sie im Auge des Betrachters entsteht).

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Somni schrieb:

      ,Also man könnte ja auch die Gesamtheit der Bevölkerung in den Blick nehmen und sich als (potentielles) Publikum denken. Man könnte das Opernhaus vielleicht erstmal öffnen um ein neues, junges Publikum damit vertraut zu machen; und neue Interpretationen sowie ganz neue Stücke schaffen, die vermitteln. Zumindest wäre das aus meiner Sicht ein interessanter Weg, der vielleicht auch Probleme um Elitenkultur, Finanzierung oder gar Aussterben lösen könnte.
      Das verstehe ich übrigens nicht: Ein "neues" Publikum kennt doch auch die alten Stücke noch nicht, warum sollte es also gerade da nötig sein, es mit Neuem zu locken?

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Das verstehe ich übrigens nicht: Ein "neues" Publikum kennt doch auch die alten Stücke noch nicht, warum sollte es also gerade da nötig sein, es mit Neuem zu locken?

      Ich vermute, dass man für den Anfang einem neuen und jungen Publikum besser mit neuen angepassten Interpretationen und Stücken begegnen kann.

      Vielleicht kann man es mit anderen Bereichen vergleichen, wo beispielsweise im Bereich von Kino und TV sich ein junges Publikum sowie aber auch die große Masse leichter für neue, moderne Produktionen begeistern lässt als für Stumm- oder Schwarz-Weiß-Filme. Es hat sich ja so vieles getan – da lässt sich sicher auch an weniger extreme Beispiele denken, die möglicherweise auch leichter auf klassisches und modernes Musiktheater zu übertragen wären – wie z.B. Vermeidung von unnötigen Längen etc.

      Ich denke, David Garrett ist ein gutes Beispiel für die Vermischung von Pop und Klassik. Und auf dieser Ebene führt er junges Publikum und auch große Massen an klassische Musik heran; schafft eine Annäherung.

      Mit Mitteln wie Humor oder auch Bekanntem (Pop-Musik, Plots von Kinofilmen) könnte durch die Vermischung vermutlich leichter eine erste Annäherung geschaffen werden...
    • Nochmal: Warum genau ist eine Fokussierung auf die Vergangenheit so ein riesiges Problem? Für den Musikbetrieb als Ganzes, nicht für jemanden wie Eggert, der natürlich Interesse daran hat, nicht völlig marginalisiert zu werden. (Bei 50% Gegenwartsmusik wird aber dann jemand anderes noch stärker marginalisiert, vielleicht jemand, der sich für Renaissancemadrigale oder Kammermusik von Spohr eingesetzt hat, auch wertvolle musikalische Betätigungsfelder.)
      Es gibt in der Popmusik, jedenfalls in der 2. Reihe, zig reine Coverbands, teils mit Fokus auf "alter Populärmusik", der Art "Back to the 50s". Oder Raabes Palastorchester. Wäre es ein Problem, wenn das Palastorchester ausschließlich Musik der Zwischenkriegszeit spielen würde und nicht ab und zu mal ein neukomponiertes Lied von Raabe? Ich glaube nicht, dass das dem relativen Erfolg dieses Ensembles Abbruch tun würde.

      Wenn man Spengler u.a. mal stecken lässt und das nicht alles aus einer kulturhistorischen Perspektive (Zenith überschritten, Dekadenz usw.) betrachtet, sondern rein pragmatisch: Warum ist 1% Musik der Gegenwart schlecht (so Eggert)? Inwiefern schadet das dem Musikbetrieb insgesamt? Ist 50% Musik der Gegenwart (wie vielleicht um 1900) besser als 95% Musik der Gegenwart (wie vielleicht um 1800) oder schlechter? besser oder schlechter im Hinblick worauf?
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Somni schrieb:

      Ich denke, David Garrett ist ein gutes Beispiel für die Vermischung von Pop und Klassik
      Die Art und Weise wie dort mit klassischer Musik umgegangen wird ist in hohem Maaße kontraproduktiv, denn es wird eine Karikatur klassischer Musik vorgeführt. Wie soll das Verständnis für diese Musik geweckt werden, wenn man sie verfremdet? So etwas nenne ich anbiedern. Das hat klassische Musik aber gar nicht nötig, weil sie für sich bestehen kann.

      Der Umstand dass in den Programmen überwiegend Musik aus vergangenen Zeiten aufgeführt wird, rührt ja auch daher dass es einfach mehr davon gibt. Und vieles ist ja noch gar nicht aufgeführt worden, oder liegt unveröffentlicht in den Archiven. Wenn man sich mal die Neuerscheinungen der letzten Jahre auf dem Tonträgermarkt ansieht, so werden ständig Neuentdeckungen gemacht. Nicht alles ist es wert der Vergangenheit entrissen zu werden, aber es sind eine Vielzahl von interessanten Werken dabei.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Mhmm? Aus meiner Sicht ist besser oder schlechter reine Geschmackssache bzw. in intellektuellen Kreisen reine Geschmacks-Ideologie. Doch auch ich teile die Idee/Vorstellung/Ideologie, dass Klassische Musik einen kulturellen Wert hat, der bewahrt und gefördert werden sollte. Aus meiner Sicht könnte es aber ein Problem sein, wenn Opernhäuser vor allem nur bewahren und sich nicht am Massengeschmack orientieren; sich nicht bemühen die Brücke zu schlagen zur Bevölkerung. Denn dann ist es nur ein Bewahren innerhalb eines kleinen Kreises – und undemokratisch! Besonders problematisch bei der Finanzierung der Häuser durch die öffentliche Hand.
      Also Fokussierung auf die Vergangenheit gerne – aber bitte nicht unter Ausschluss der Bevölkerung. Ich sehe da bei den Opernhäusern einen Bildungsauftrag und nicht nur eine museale Funktion.
    • Ein Bildungsauftrag ist aber von der Idee her genau das Gegenteil von Anbiedern an den Massengeschmack.
      (Deswegen müsste man ja eigentlich eine Verfassungsklage gegen den gegenwärtigen Zustand von ARD/ZDF und die Zwangsgebühr, mit der Mist wie "Rote Rosen", "McD++f vs. Burger Kaiser" etc. finanziert wird, anstrengen. Wenn ich "f+++ you money" rumliegen hätte, würde ich das machen, habe ich aber leider nicht.)

      Das Schlagwort ist hier oft, dass man die Leute "abholen" müsste. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Man kann künstliche Hürden wie hohe Preise, Krawattenzwang usw. (wovon die meisten eh schon seit langem gar nicht mehr bestehen) natürlich abbauen. Man kann aber nicht den Wesenskern eines Gebiets (hier der klass. Musik) aufgeben, in der vagen Hoffnung, damit mehr Publikum zu fischen.
      Und eine nahezu vollständige Assimilierung von klassischen Stücken an die Formen (sowohl musikalisch als auch in Präsentation und Vermarktung) der Populärmusik wie bei Rieu oder Garrett löst diesen Wesenskern auf. Man hat die Leute nicht abgeholt, man ist ihnen zwar entgegengekommen, sie stehen aber immer noch da, wo sie vorher standen, und sind keinen Schritt weitergekommen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Eusebius schrieb:

      Somni schrieb:

      Ich denke, David Garrett ist ein gutes Beispiel für die Vermischung von Pop und Klassik
      Die Art und Weise wie dort mit klassischer Musik umgegangen wird ist in hohem Maaße kontraproduktiv, denn es wird eine Karikatur klassischer Musik vorgeführt. Wie soll das Verständnis für diese Musik geweckt werden, wenn man sie verfremdet?

      Naja, habe mir schon fast gedacht, dass David Garrett hier auch kritisch gesehen werden wird. Ich denke aber schon, dass von Garrett ausgehend, der eine oder die andere sich auch mit klassischen Versionen der Stücke beschäftigen wird. Allein schon dadurch, dass Garrett auch reine Klassik spielt und soweit ich weiß, auch reine Klassik-Alben hat – also durch Garrett kann schon die Liebe zur Geigenmusik und auch zur reinen Klassik angestoßen werden. War ehrlicherweise sogar bei mir so, dass ich nach dem Hören von Garrett wieder einmal mehr Lust auf Geige und den Erlkönig hatte.

      Also was soll ich sagen, für den einen ist es "anbiedern", für mich ist es einfach Veränderung, mit der Zeit gehen, zeitgemäß, menschgemäß – die Vermischung von zwei guten Sachen (Pop-Musik und Klassik ;) ;) ;) )

      Wobei ich persönlich das schlagerartige bei Garrett auch nicht mag; aber wenn es die Menschen mögen – why not?
    • Somni schrieb:

      Naja, habe mir schon fast gedacht, dass David Garrett hier auch kritisch gesehen werden wird. Ich denke aber schon, dass von Garrett ausgehend, der eine oder die andere sich auch mit klassischen Versionen der Stücke beschäftigen wird. Allein schon dadurch, dass Garrett auch reine Klassik spielt und soweit ich weiß, auch reine Klassik-Alben hat – also durch Garrett kann schon die Liebe zur Geigenmusik und auch zur reinen Klassik angestoßen werden. War ehrlicherweise sogar bei mir so, dass ich nach dem Hören von Garrett wieder einmal mehr Lust auf Geige und den Erlkönig hatte.

      Ich zumindest sehe seine Tätigkeit kritisch. Garrett rekrutiert keine neuen Fans klassicher Musik, er rekrutiert Fans von David Garrett. Dass die sich dann partiell auch mal in ein Konzerthaus begeben, wenn Garrett statt diverser Popsongs eine Beethoven-Sonate spielt, mag sein. Der weit überwiegende Teil dieser Hörer wird aber nicht wiederkommen, wenn eine Beethoven-Sonate statt von Garrett z. B. von Frank Peter Zimmermann (der der weitaus bessere Geiger ist) gespielt wird.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • El Duderino schrieb:

      bustopher schrieb:

      Nur: wieso sollten sie hingehen, wenn schon die Eltern (vielleicht sogar schon die Großeltern) nicht hingegangen sind? DAS wäre doch mal eine interessannte Information, ob es da Korrelationen gibt!
      Das ist glaube ich gar nicht so ominös. Was sich ab den Nullerjahren als fehlendes Publikum bemerkbar machte, war die erste Generation an Musikhörern, die primär popmusikalisch aufgewachsen ist. Deren Eltern wurden zu alt für Konzerte und sie selbst gingen lieber auf Popkonzerte. Dass den eigenen Kindern dann nicht wieder Klassik beigebracht wird, ist anzunehmen.
      Also ist das Problem doch nicht: "wie bekomme ich jungesPublikum zur Klassik", sondern "Wie bekomme ich überhaupt mehr Breitenwirkung in der Klassik", oder?

      Waldi schrieb:

      Unsere Aufgabe als Universitätslehrer ist nicht die Berufsausbildung, sondern unter anderem die Berufsvorbildung. Und, lieber Peter, Du würdest Dich wundern, wieviele Studenten nicht auf eine berufliche Laufbahn hin gezielt studieren (denke allein an die vielen Senioren!), zumal in vielen Fächern die beruflichen Aussichten sowieso miserabel sind. Natürlich heißt das nicht, das denen reiner Selbstzweck vorschwebt, aber es geht um eine mehr oder weniger breite Wissensbasis u.dgl.
      Das hängt jetzt aber auch vom Fach ab und läßt sich nicht verallgemeinern. Philosophie, (Kunst)Geschiche oder Germanistik z.B. sind da vielleicht nicht unbedingt taugliche Beispiele. Auch Seniorenstudium, bei dem es ja a priori ausschließlich um die Erweiterung der (akademischen) Bildung geht und berufsbedingte Motive aus naheliegenden Gründen absolut irrelevant sind, ist als Argument ungeeignet. Es gibt irgendwo eine Studie (hab' leider gerade die Quelle nicht zur Hand), die belegt, daß es Fächer gibt, die aus Interesse für das Fach gewählt werden, und solche, die wegen der (Karriere-) Möglichkeiten gewählt werden, die ein entsprechender Abschluß eröffnet. Niemand (ok: nur eine Minorität) studiert z.B. BWL, weil er Kostenrechnung so sexy findet, sondern im Hinblick auf den späteren potentiellen Posten als CEO eines internationalen Konzerns. Naturwissenschaftliche Fächer werden zwar überwiegend aus Interesse am Fach studiert, aber nicht, weil das dort vermittelte Wissen gemeinhin als "Bildung" gilt, sondern im Hinblick auf eine spätere einschlägige Tätigkeit. Ich möchte an dieser Stelle auf die sattsam bekannte Kontroverse zwischen Schwanitz ("Bildung. Alles was man wissen muß") und Fischer ("Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte") verweisen (ist noch nicht sooo lange her!), bei der Schwanitz aus klassischer Humanities-Sicht MINT-Inhalte ausschließlich als zur "Ausbildung" gehörig eingeordnet hat, keinesfalls aber als Bildungsinhalt im engeren Sinne sehen wollte. Andererseits ist gerade bei Humanities-Fächern oft im voraus klar, daß man damit später nicht wirklich die Butter auf's Brot verdienen wird, und daß das hier erworbene Wissen bei der späteren Berufstätigkeit allenfalls unterstützend ist, aber nicht Voraussetzung und Basis.


      Symbol schrieb:

      Im Studium lernt man ja nicht nur Fachwissen, man lernt auch strukturiertes Denken. In dieser Lebensphase den eigenen Geist mit verschiedenen Stimulanzien zu füttern, und nicht nur einseitig mit einer Denkweise, halte ich für sehr empfehlenswert.
      Beim 2. Satz bin ich ganz bei Dir. Den ersten Satz würde ich mit "sollte" erweitern". Bei den Jüngeren stelle ich nämlich eine zunehmende Tendenz fest, daß bei allen Inhalten jenseits des eigenen Faches (das u.U. exzellent beherrscht wird) z.T. erschreckende Defizite bis hin zur völligen Ignoranz existieren, verbunden mit einem mangelnden Interesse, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Das ist meine subjektive Beobachtung, ich kann mich natürlich auch irren.

      Symbol schrieb:

      Bei allen Schwächen, die man dem Text von Eggert vorwerfen mag, spricht er einen Punkt m. E. zu recht an: es wird zu wenig zeitgenössische Kunstmusik gespielt. Heutige Komponisten haben es schwer, eine weithin sichtbare Aufführung zu ergattern, d.h. nicht im Rahmen eines Mini-Festivals oder eines Musikhochschulkonzertes, sondern mal im Abo-Konzert des örtlichen Sinfonieorchesters aufzutauchen.

      LG :wink:
      Kann ich nicht bestätigen, zumindest nicht für den Kammermusik- und Solo-Programmbereich.

      Somni schrieb:

      Man könnte das Opernhaus vielleicht erstmal öffnen um ein neues, junges Publikum damit vertraut zu machen; und neue Interpretationen sowie ganz neue Stücke schaffen, die vermitteln. Zumindest wäre das aus meiner Sicht ein interessanter Weg, der vielleicht auch Probleme um Elitenkultur, Finanzierung oder gar Aussterben lösen könnte.
      Ist nicht gerade das Publikum in zeitgenössischen Opern sehr exklusiv...? Also, bei den Aufführungen der regelmäßigen Auftragskompositionen der Bayerischen Staatsoper´sehe ich nicht mehr jugendliches Publikum, als bei "Traviata"
      Und was heißt "öffen"? Programm Junges Publikum, verbilligte Karten, Einführung, Kinderführungen...? Gibt's alles. Musical in der Oper spielen? Wird je nach Haus auch gemacht. Also: was sonst noch?

      Kater Murr schrieb:

      Warum ist 1% Musik der Gegenwart schlecht
      Hmmm - ist die Frage nicht doppeldeutig..? :evil:

      Man könnte es aber auch statistisch betrachten: Wenn man Gegenwartsmusik als in den letzten 10 Jahren komponiert definiert, wieviel Prozent sind das bei 1000 Jahren überlieferter Musik...? :P


      Somni schrieb:

      Aus meiner Sicht ist besser oder schlechter reine Geschmackssache bzw. in intellektuellen Kreisen reine Geschmacks-Ideologie.
      Nicht doch! Wenn sich die Harmonik irgendwo zwischen T, S, D, D7 und allenfalls der moll-Parallele bewegt, der Rhythmus sich im 4er-Schlag mit obligaten Synkopen und obligatem Schlagzeug erschöpft und das Ganze vier zweiteilige Strophen in drei Minuten umfasst, dann gäb's schon noch objektive Unterscheidungsmerkmale z.B. zur Freischützouvertüre oder zu einem Haydn-Quartett, von Tristanvorspiel, Missa Papae Marcelli, Musikalischem Opfer oder Prepared Piano ganz zu schweigen.

      Somni schrieb:

      Aus meiner Sicht könnte es aber ein Problem sein, wenn Opernhäuser vor allem nur bewahren und sich nicht am Massengeschmack orientieren; sich nicht bemühen die Brücke zu schlagen zur Bevölkerung.
      Was ist denn Massengeschmack, der durch die Veranstalter nicht bedient wird? Über Helene Fischer et alias, glaub' ich, reden wir hier nicht, oder? (Ich meine das durchaus ernst. Das könnte man nämlich unter "Massengeschmack" durchaus verstehen)
      Andersherum wird ein Schuh daraus: Wenn sich die Operhäuser (andere Klassik-Veranstalter auch) nicht am "Massengeschmack" (sind <10% Opernbesucher unter der Allgemeinbevölkerung bereits "Masse"?) orientieren, bekommen sie die Hütte nicht voll. Das ist für einen Zuschußbetrieb, der auf öffentliche Mittel angewiesen ist oder das ökonomische Risiko selbst tragen muß, auf Dauer nicht förderlich. Massengeschmack ist aber nicht zeitgenössische Oper, sondern das sind die Repertoire-Renner aus dem 19. Jh. Traviata geht immer, auch das dreiundvierzigste Mal - Werke abseits des Mainstreams, egal ob Nixon in China oder Ritorno d'Ulisse, verkaufen im Mittel allenfalls die Hälfte der Plätze. Und, wie weiter oben schon gesagt, für jemand, der noch nie in der Oper war, ist alles neu, da ist es egal, ob Zauberflöte oder Southpole gegeben wird. Mit Zauberflöte wird er aber rein von seiner bisherigen Musiksozialisation mehr anfangen können als mit Southpole.
      Und ich sag's auch nochmal: Oper ist nur ein Sub-Genre der Klassik. Das gilt alles auch für andere Veranstaltungen. Massengeschmack ist Mainstream, das wird allenthalben aufgeführt, das sind z.B. die Bach-Passionen, nicht die von Penderecki. Vor Ostern gibt es z.B. in München jedes Jahr ungefähr ein Dutzend Bach-Passionen. Ob z.B. Utrenja I (Grablegung Christi) jemals in den letzten 46 Jahren aufgeführt wurde, weiß ich nicht. Ist aber auch nicht Massengeschmack.

      Alles, wie gesagt, unter der Prämisse, daß wir hier nicht über "leichte Muse" reden, sondern über Kunstmusik. Oder denkst Du etwa an jemand wie John Rutter oder John Williams? Es könnte nämlich sein, daß wir hier auch aneinander vorbeireden.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Symbol schrieb:

      Somni schrieb:

      Naja, habe mir schon fast gedacht, dass David Garrett hier auch kritisch gesehen werden wird. Ich denke aber schon, dass von Garrett ausgehend, der eine oder die andere sich auch mit klassischen Versionen der Stücke beschäftigen wird. Allein schon dadurch, dass Garrett auch reine Klassik spielt und soweit ich weiß, auch reine Klassik-Alben hat – also durch Garrett kann schon die Liebe zur Geigenmusik und auch zur reinen Klassik angestoßen werden. War ehrlicherweise sogar bei mir so, dass ich nach dem Hören von Garrett wieder einmal mehr Lust auf Geige und den Erlkönig hatte.
      Ich zumindest sehe seine Tätigkeit kritisch. Garrett rekrutiert keine neuen Fans klassicher Musik, er rekrutiert Fans von David Garrett. Dass die sich dann partiell auch mal in ein Konzerthaus begeben, wenn Garrett statt diverser Popsongs eine Beethoven-Sonate spielt, mag sein. Der weit überwiegende Teil dieser Hörer wird aber nicht wiederkommen, wenn eine Beethoven-Sonate statt von Garrett z. B. von Frank Peter Zimmermann (der der weitaus bessere Geiger ist) gespielt wird.

      LG :wink:
      vermutlich hat "Mondsüchtig" (Moonstruck) mit seinem Puccini-Musik-Take mehr Leute in die Oper gebracht. als Garrett in den Konzertsaal. (Ich kenne zumindest Beispiele dafür).
      Wäre ein Indiz dafür, daß die Impulse von aussen kämen...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Ich erachte es einfach in mehrfacher Hinsicht als problematisch, dass vor allem die Opernhäuser aber auch die großen, ehrwürdigen Konzerthäuser am Großteil der Bevölkerung vorbei arbeiten. Am Ende könnte es die Häuser selbst einholen, wenn man in der Bevölkerung es gar nicht mehr einsieht, diesen Betrieb der Häuser mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Daher bin ich für das Bauen von Brücken und zwar von Massengeschmack (was offensichtlich durchaus auch Helene Fischer ist) hin zur Klassik – und an der Klassik schätze ich gar nicht mal die Komplexität, denn Mozart verband bspw. in der "Zauberflöte" Komplexes und Einfaches, oder orientierte sich in "Die Entführung aus dem Serail" an orientalischer Militär- und VOLKSMUSIK ;) ; sondern für mich ist es mehr ein kulturelles Erbe. Nun wäre die Frage, was eine geeignete Brücke von Massengeschmack zu Klassik wäre. Nur solange das Schlagen dieser Brücke von Massengeschmack zu kulturellem Erbe gelingen würde, wäre es mir auch egal ob es über John Williams oder sonst wem gelingen würde. Ich fand es jedenfalls als Kind unheimlich faszinierend die bekannten Melodien von "Star Wars" bei Wagner wieder zu finden – und das ist doch verständlich, dass das neugierig machen kann auf das Original oder?