Frauen singen "Männerzyklen" - ein absolutes no-go?

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    • Cherubino schrieb:

      PS: Was mich aber doch auch sehr wundert, ist, dass Christian Köhn hier so vehement gegen eine von einer Frau gesungene "Winterreise" eintritt. In einer anderen Diskussion hat er letztens argumentiert, man könne ruhig Schuberts Musik völlig andere Texte unterlegen, das bleibe immer noch eine gültige Interpretation des Textes.
      Wo habe ich so etwas geschrieben? Da musst Du etwas verwechseln. Ich bin auch keineswegs "vehement gegen eine von einer Frau gesungene 'Winterreise'" eingetreten, sondern habe - ich dachte deutlich genug - festgestellt: Ich brauche das nicht. Merkwürdig, dass ich das jetzt schon zum dritten Mal klarstellen muss...

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Ich würde mit Christian meinen:
      wenn man schon so intensiv Schubert einübt, um ihm Genüge zu tun, dann darf ruhig auch die von Schubert vorgesehene Originalstimme zu hören sein: der Rest ist Trinkgeld, sagte man früher (schmunzel) :)
      robert

      PS: ich habe darin privat Damen und Herren begleitet (Bariton, Tenor, Mezzo), war aber froh, daß überhaupt jemand gesungen hat, in der von mir erwünschten Mindestqualität. Später bin ich dann nicht mehr dazu gekommen (aus Zeitmangel)
    • Interessant, dass es anscheinend erhebliche Zweifel daran gibt,ob eine Stimme die Gedanken eines anderen Geschlechts angemessen interpretieren kann, aber keine Zweifel daran, ob ein Komponist solche Gedanken vertonen kann. Ich meine, "Frauenliebe und -leben" hat ja wohl nicht das Geringste mit den Gedanken einer Frau zu tun, schon sehr viel mehr damit, wie die Autoren (Textdichter und Komponist) sich die Gedanken einer Frau vorstellen (und hier ist eindeutig der Wunsch Vater des Gedankens...) Von daher scheint mir die Interpretation durch einen Mann fast die einzige logische Konsequenz...
    • Hallo zusammen,

      viel hängt wahrscheinlich davon ab, wie man "sozialisiert" wird.

      Cherubino schrieb:

      ... Ich würde nie einem Anfänger raten, einen solchen Liederzyklus mit einer Aufnahme kennen lernen zu wollen, indem eine Frau den Wanderer oder den Müllersburschen singt ...

      Und genau so war es bei mir! :D
      Selbst bin ich nicht mit Dieskau, Prey und Wunderlich aufgewachsen, sondern mein allererster Kontakt mit dem Kunstlied war Brigitte Fassbaenders Interpretation der "Winterreise". Diese kaufte ich kurz nach dem Erscheinen - also wahrscheinlich 1990 - da sie irgendwo zur CD des Monats gekürt worden war. Ich hatte noch nicht viel Ahnung von Klassik und orientierte mich noch viel an Rezensionen in Zeitschriften. Die "Winterreise" war in ihrer Gesamtheit keine Liebe auf den ersten Blick, aber nach und nach begeisterte ich mich dafür. Natürlich entging mir nicht, dass der Zyklus eher für Sänger vorgesehen ist, aber nach einer kurzen Irritation hakte ich dies für mich ab. Es schien auch irgendwie üblich zu sein, dass man dies in der "Klassik" nicht so genau nimmt mit der geschlechtsspezifischen Interpretation - hatte doch der Rezensent auch noch auf Christa Ludwig verwiesen.

      Später lernte ich dann viele Winterreisen gesungen von Männern kennen - aber Fassbenders Interpretation ist mir immer noch eine der liebsten - wenn nicht sogar die liebste!

      Ähnliches wiederholte sich dann mit der "Dichterliebe". Positive Rezension gelesen und mir dann Nathalie Stutzmanns CD gekauft. Wieder ein kurze Irritation, die ich dann angesichts der Qualität der Interpretation aber schnell vergaß. Irritationen verursachten mir dann eher die Texte des auf der CD ebenfalls enthaltenen Zyklus "Frauenliebe und -leben" - wobei auch diese sich mit der Zeit abschwächten. Auch hier lernte ich in der Folge andere Interpretationen kennen, aber immer noch ist mit Nathalie Stutzmanns die liebste.

      Für mich kann ich also nur feststellen: Mir würde etwas fehlen, würden Frauen keine der sogenannten Männerzyklen singen!

      Ob mir nun "Frauenliebe und -leben" gesungen von einem Mann gefallen würde? Da habe selbst ich Zweifel...
      Aber wenn z.B. Goerne dies in einem Konzert bei mir in der Nähe anbieten würde, dann wäre ich sehr, sehr interessiert daran hinzugehen und rauszukriegen, wie dies dann auf mich wirkt...

      Viele Grüße
      Frank

      From harmony, from heavenly harmony
      this universal frame began.
    • Eine neue Einspielung der Winterreise:



      Natasa Mirkovic-De Ro (Gesang) und Matthias Loibner (Drehleier) haben gemeinsam bereits die sehr zu empfehlende CD "Ajvar und Sterz" aufgenommen, hauptsächlich mit Volksliedern aus dem südslawischen und österreichischen Raum (inkl. Roma-Kultur), aber neben einem sephardischen Lied ist auch eine ziemlich coole Version von Schuberts "Leiermann" enthalten. Diese Instrumentierung haben sie jetzt offenkundig auf die gesamte "Winterreise" übertragen.

      Liebe Grüße,
      Martin
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Was ist eigentlich mit den "Chants d'Auvergne"? Ich weiß, dass Gérard Souzay zumindest das berühmte "Bailero" daraus gesungen hat, aber ansonsten scheint mir das eine fast reine Frauendomäne zu sein. Natürlich hat Canteloube die Lieder ursprünglich für Sopran und Klavier/Orchester arrangiert, aber das ist ja noch kein zureichender Grund...

      Ich war mir übrigens vermeinend, wir hätten hier schon einmal über diesen Zyklus an sich diskutiert, aber ich habe keinen Thread gefunden...

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Glück gehabt... :) Übrigens, Frau Schäfers Winterreise klettert immer höher herauf auf meine persönliche Favoritenliste. Die einzigen Aufnahmen die da noch darüber stehen sind FiDi/Demus, FiDi/Moore (die älteste Aufnahme) und Goerne/Brendel.
      Ich habe mich schon gefragt, ob "Frauenlieben und -leben" aufgrund der schlechten Texte, beinahe nie von Männern gesungen werden (ich verstehe aber jede Frau, welche bei den genialen Texten Heines auch die Dichterliebe singen möchte und finde das auch völlig ok).
      :wink:
    • Wie in einem anderen Thread bereits erwähnt, gehöre ich auch zu denen, die manche Lieder bzw. Liedzyklen ungern von einem bestimmten Geschlecht hören, so zB die "Winterreise" von einer Frau (ich höre sie sogar ungern von einem Tenor) oder "Frauenlieb und -leben" von einem Mann...der Gedanke daran :faint:
      Dafür mag es keine rationalen oder gut erklärbaren Gründe geben, aber so ist es. Wahrscheinlich bin ich zu fixiert auf das lyrische Ich in den Texten dieser Zyklen. Ich gebe sogar zu ein Problem mit Hosenrollen und Countertenören zu haben (sehr tiefe Alt-Stimmen dagegen mag ich).
      Meinetwegen sollen aber alle Damen und Herren, die gerne diese Zyklen singen möchten, das auch tun (ich werde es mir nur nicht anhören).
      Eine Art von Rollenverteilung, die man zB bei Brahms Magelone machen könnte, würde mich aber durchaus interessieren.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • robert schrieb:

      wenn man schon so intensiv Schubert einübt, um ihm Genüge zu tun, dann darf ruhig auch die von Schubert vorgesehene Originalstimme zu hören sein
      Schubert hat einfach "Singstimme" spezifiziert und die Winterreise, die Müllerin, sowie 95% seiner Lieder in Violinschlüssel notiert. In seinem ganzen Output findet man nur ungefähr zwei Dutzend Lieder, die in Baßschlüssel notiert sind (oder für welche eine Fassung in Baßschlüssel existiert), worunter einige (D553 Auf der Donau, D536 Der Schiffer und D525 Wie Ulfru fischt) als Drei Lieder für eine Baßstimme verlegt wurden. "Die von Schubert vorgesehene Originalstimme" für die Winterreise und Die Schöne Müllerin ist Tenor oder Sopran.

      Wenn man HIP sein will, muß man davon Rechnung tragen, daß bereits zu Schuberts Lebzeiten Gretchen am Spinnrade, Die junge Nonne oder Ellens Gesang Nr 3 u.a. von Männern gesungen wurden, sogar im Anwesenheit des Komponisten, der auch Liedbegleiter war. Und daß kurz nach seinem Tod erfolgreiche Aufführungen einzelner Lieder der Winterreise durch eine Sopranistin belegt sind (der Zyklus sollte lange noch warten, bis er geschlossen aufgeführt wurde).

      Leporello92 schrieb:

      ich verstehe aber jede Frau, welche bei den genialen Texten Heines auch die Dichterliebe singen möchte
      Und daß Schumann seine Dichterliebe Wilhelmine Schröder-Devrient gewidmet hat.

      In den frühen Dekaden des 19ten Jhts scheint man sich die Frage gar nicht gestellt zu haben. Auch in Frankreich z.B. hat der Tenor Nourrit "Frauenlieder" gesungen, ohne daß jemand es besonders kommentiert hätte.

      Ich für meinen Teil bin einverstanden mit dem, was Peter Brixius formuliert hat (und zwar außerhalb des Bereiches, aus dem ich einfach zitieren kann). Den Sänger betrachte ich als einen Erzähler, der mit Gedichte vorträgt, die von einem anderen geschrieben worden sind. Und ganz besonders in bezug auf die Müllerlieder gibt es verschiedene Verfremdungsbenen: Wilhelm Müller stellt uns angeblich hinterlassene Papiere eines wandernden Waldhornisten vor.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Frauen singen die Winterreise

      Ich bin mit einem lesbischen Paar befreund, das ein Restaurant hat in dem die Beiden gelegentlich auftreten und Musik spielen. Die Eine spielt Klavier (sie hat eine klassische Ausbildung), die Andere singt und spielt Perkussionsinstrumente (sie ist Autodidaktin mit ungewöhnlichem großem Stimmumfang und hat sich auch ausgefallene Gesangstechniken wie z.B. Jodeln, Obertongesang oder Joiken beigebracht). Sie spielen gelegentlich auch die Winterreise, und bei ihnen bekommt das nochmal eine besondere Dimension, da sie ein lesbisches Paar sind.

      Sie spielen übrigens auch Jazz, französische oder italienische Chansons, Lieder von Zarah Leander oder sogar Rockmusik.