Bach, J. S.: Matthäus-Passion, BWV 244 - Die Große Passion

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    • Bach, J. S.: Matthäus-Passion, BWV 244 - Die Große Passion

      Liebe Freunde,

      wann genau Bachs wohl größtes und bedeutendstes Kirchenwerk zum ersten Mal erklang, ist nicht sicher. Sicher ist, dass es an einem Karfreitag in der Thomaskirche in Leipzig war. Dort gab es seit 1721 die von Bachs Amtsvorgänger als Thomaskantor, Johann Kuhnau, eingesetzte Tradition, an diesem für die Christen höchsten Feiertag eine Passionsmusik im Gottesdienst aufzuführen. Man geht davon aus, dass sechs Jahre später, also 1727, die Passion nach dem Evangelisten Matthäus ihre Uraufführung erlebte.

      Laut erstem Werkverzeichnis von 1750 hat Bach fünf Passionen geschrieben. Zwei davon sind erhalten (Matthäus und Johannes). Von der Markus-Passion existiert nur der Text und von den beiden Anderen fehlt jegliche Spur. Im Bach’schen Familienkreis sprach man von der „Großen Passion“, wenn man die Matthäus-Passion meint. Und groß ist sie in jeglicher Hinsicht.
      Allein die Länge von circa drei Stunden ist bemerkenswert, hat sich doch Bach bei Amtsantritt in Leipzig 1723 dazu verpflichtet, die Kirchenmusiken so zu gestalten, dass sie nicht zu lange geraten. Wenn man bedenkt, dass in der Vesper zwischen den beiden Teilen der Passion zusätzlich eine Predigt obligat war, kann man sich vorstellen, dass die eh schon harten Kirchenbänke für die Zuhörer, die von 14 Uhr bis in den Abend hinein darauf saßen, am Rande der Erträglichkeit waren.
      Groß angelegt ist auch die Besetzung des Werkes. Es gibt zwei Chöre, zu denen jeweils ein Orchester samt reich besetztem Basso continuo gehört. Aus beiden Chören treten noch einmal jeweils vier Solisten heraus. Ein Umstand, der aber selten berücksichtigt wird.

      Vor Allem lässt sich die Größe aber in der Musik erkennen. Bach baut diverse Ebenen in sein Werk ein: Bibeltext, bekannte Kirchenchoräle, Texte freier Dichtung (in diesem Fall von Christian Friedrich Henrici, der sich Picander nannte). Allerdings stehen diese Elemente nicht wie in vielen Vorgängerwerken nebeneinander, sondern weben sich ineinander ein und überlagern sich gegenseitig.
      Ein gutes Beispiel dafür ist bereits der gewaltige Eingangschor. Vom Orchester her ein schwergewichtiger Trauermarsch im italienischen Stil, der Bass klopft im Rhythmus des Herzschlags bedeutungsschwanger. Dann der einsetzende Chor: „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Die beiden Chöre kommunizieren im Dialog miteinander: „Sehet!“ – „Wen?“ – „Den Bräutigam! Seht ihn!“ – „Wie?“ – „Als wie ein Lamm.“ Darüber entspinnt sich der Soprano in ripieno mit der Choralmelodie „O Lamm Gottes unschuldig“, oft gesungen von Knaben als Zeichen der reinen Unschuld. Wir haben hier also 5 Ebenen übereinander. Zuerst der Solosopran, dann der klagende Chor I, der nachfragende Chor II, das dichte und kompakte Orchester und der unerbittlich pochende Bass. Rein inhaltlich fasst dieser Eingangschor bereits das gesamte Geschehen, das folgt, zusammen: Jesus Christus stirbt am Kreuz und nimmt die Schuld der Menschheit auf sich.
      Wie das passiert, erlebt der Zuhörer danach in der Erzählung des Matthäus, angefangen mit Jesus, der seinen Jüngern eröffnet, dass er bald sterben wird. Die Hohenpriester beraten schon, wie sie ihn festnehmen: „Ja nicht auf das Fest, auf dass nicht ein Aufruhr werde“.

      Die Jünger, zunächst meckernd („Wozu dienet dieser Unrat?“) bereiten das Passahfest vor, auf dem Jesus mit ihnen das letzte Abendmahl feiert. Dort erzählt er ihnen, dass Einer von ihnen ihn verraten wird. An der folgenden kurzen Chorstelle kann man Bachs Meisterschaft erkennen. Genau 11 mal fragen die Jünger: „Herr, bin ich’s?“ – 11 Mal bedeutet 11 Jünger. Der 12. Jünger braucht nicht nachfragen. Er weiß es ja bereits. Da Judas im Folgenden von einem Bass gesungen wird, fehlt die 12. Nachfrage natürlich im Bass.
      Gleich darauf folgend setzt die gläubige Gemeinde ein, die das Geschehen sofort auf sich bezieht und in im Fehler Judas’ die eigene Schuld sieht: „Ich bin’s, ich sollte büßen.

      Auch in einigen Arien schaltet sich die Gemeinde kommentierend ein. Jesus ist mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane und bittet sie, mit ihm zu wachen. In der Arie „Ich will bei meinem Jesu wachen“ erkennt die Gemeinde sofort: „So schlafen unsre Sünden ein.“

      Ein weiteres schönes Beispiel der sich überlappenden Ebenen ist die Duett-Arie am Ende des ersten Teils. Ein zerbrechliches, aber auch umgarnendes Gebilde spielen hier Flöte, Oboe, Geige und Bratsche. Der stützende Bass fehlt. Sopran und Alt setzen ein: „So ist mein Jesus nun gefangen“. Das kann die Gemeinde natürlich nicht akzeptieren. Sie skandiert: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“ In fast resignierter Verzweiflung spinnen die Solisten ihr Duett weiter, ehe plötzlich beide Chöre wie in einem Unwetter einfallen: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden?“ Der Bass imitiert hier großartig lautmalerisch das Donnergrollen. Dann nach einer kurzen Zäsur die unbändige Wut auf den Verräter: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle! Zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle mit plötzlicher Wut den falschen Verräter, das mördrische Blut!
      Der erste Teil endet mit dem wunderschönen und groß angelegten Choralsatz „O Mensch, bewein dein Sünde groß“, der übrigens als Eingangschor in der zweiten Fassung der Johannes-Passion verwendet wurde.


      Im zweiten Teil folgt das Verhör Jesu, das in seiner Dramatik oft an dieselbe Passage in der Johannes-Passion erinnert. Jesus wird misshandelt und verspottet, währenddessen verleugnet Petrus seinen Meister. Die darauf folgende berühmte Arie „Erbarme dich“ kann man wohl in seinen Mund legen.
      Judas bereut ebenso seine Tat, bringt seinen Lohn den Hohenpriestern zurück, die es in einem kurzen Duett als Blutgeld titulieren, das nicht als Opfer dient, und erhängt sich.

      In einem Akkord und drei Silben wird Jesu Todesurteil mit brutaler Härte vom Volk besiegelt. Pilatus fragt das Volk, ob er lieber Jesus oder den Mörder Barrabas freilassen soll. Mit einem hasserfüllten und dissonanten Schrei skandieren beide Chöre: „Barrabam!“ Nüchtern berichtet der Evangelist von Pilatus, der nun nachfragt, was man dann mit Jesus mache? Es folgt eine chromatische Fuge, die wohl ihresgleichen in ihrer Zeit sucht: „Lass ihn kreuzigen!“ Einige Minuten später wird sie noch einmal wiederholt, jetzt einen Ton höher, das Volk wird ungeduldig. Lange muss es nicht mehr warten, Jesus wird zum Kreuz geführt und aufgehängt. Dort wird er weiter von den Soldaten verspottet. Letzte Worte Jesu, dann stirbt er. Wie der Vorhang im Tempel zerreißt, lässt uns der Generalbass eindrucksvoll miterleben. Die Erde verdunkelt sich und erbebt. Das bekommt auch der Hauptmann am Kreuz mit. Und was jetzt in zwei Takten passiert, ist für mich persönlich nicht nur der Höhepunkt des Werks, ich würde es sogar als eine der bedeutendsten Stellen in der gesamten Musikgeschichte bezeichnen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Was in diesen paar Noten an Kraft und Gläubigkeit drin ist, jagt mir jedes Mal einen Schauer über den ganzen Körper. Eine Wahnsinnsstelle! :juhu: :juhu: :juhu:


      Am Ende wird der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und ähnlich wie in der Johannes-Passion beschließt ein Trauerchor das Werk (wenn man bei Johannes vom letzten Choral absieht): „Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte Ruh!“. Mit dem letzten Akkord und seinem großen Septimenvorhalt hört man unweigerlich die Todesstunde schlagen.


      So, mit diesem Ritt durch das Werk habe ich euch meine persönlichen Highlights versucht, vorzustellen. Viele wichtige Aspekte sind nicht erwähnt und stecken noch drin. Ich würde mich freuen, wenn ihr ergänzt und eure Erfahrungen und Lieblingsstellen vorstellt. Es gibt ganz sicher, noch mehr zu sagen!
      Jetzt noch zu Aufnahmeempfehlungen:
      Zunächst zwei Aufnahmen mit Chor, eine Studio- und eine Live-Aufnahme.

      Was mich aber zuletzt besonders beeindruckt hat, ist eine Aufnahme ohne Chor, also solistisch gesungen:

      Wie die Szenen trotz weniger Aufführenden hier an Kraft und Dramatik gewinnen, ist umwerfend! Kuijken hat mich zum absoluten Fan der solistischen Aufführungspraxis gemacht!
      :wink:

      Liebe Grüße,

      Peter.
      Alles kann, nichts muss.
    • Die CD-Empfehlungen möchte ich um eine historische Aufnahme ergänzen.

      Herbert von Karajan hat in Wien beim Bach-Fest 1950 eine Matthäus Passion dirigiert, die auf CD erhältlich ist (je nach Edition in unterschiedlicher Tonqualität). Meine Begeisterung für HvK hält sich (bekanntlich) in sehr engen Grenzen, ich möchte diesen Konzertmitschnitt dennoch nicht missen. Einerseits wegern der hervorragenden (wenn auch immer wieder stilistisch fragwürdigen) Solisten (ua. Otto Edelmann, Paul Schöffler, Walther Ludwig, Irmgard Seefried, Kathleen Ferrier, ....), andererseits als historisches Dokument. Bei aller Fragwürdigkeit der Gestaltung und Interpretation ist dieser Konzertmitschnitt für mich eine der wesentlichen Aufnahmen dieses Werkes. Auch unter Karajan gibt es vom Bach-Fest 1950 eine hörenswerte Aufnahme der h-Moll Messe.

      Michael

      PS: Karl Richter - dessen Interpretation von den heutigen Hörgewohnheiten auch weit entfernt ist - hat mit dem Münchner Bach Chor immer wieder die Matthäus Passion aufgeführt. Am Karfreitag werde ich in München (leider im Gasteig) wieder einmal den Münchner Bach Chor mit diesem Werk hören können (Dirigent: Hansjörg Albrecht, der diesen Chor - mit wunderbar schlankem Klang - wieder zu seiner einstigen Bedeutung geführt hat).
    • Eine schöne Threaderöffnung Peter! Die Matthäus-Passion habe ich in meiner Sammlung nur einmal :hide: und zwar in der Einspielung mit Gardiner. Gehört habe ich sie lange nicht nicht mehr- ich habe die Tempi nur als ziemlich rasch in Erinnnerung - was meint Ihr?



      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Hallo Peter!

      Vielen Dank für diese interessante Threaderöffnung! Das passt ja jetzt auch genau in die Zeit und eine Besprechung dieses
      Meisterwerkes von Bach darf hier auch nicht fehlen.
      Da du auch die Herreweghe-Aufnahme genannt hast, würde mich interessieren, wie du seine MP einschätzt.
      Am 28. März führt Herreweghe nämlich dei besagte Matthäus-Passion in Köln auf und ich habe Karten dafür.
      Deshalb würde mich schon interessieren, wie diese Aufnahme bei dir angekommen ist.

      LG
      Juli
      "Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
      diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
      (Loriot)
    • petemonova schrieb:

      Und groß ist sie in jeglicher Hinsicht.

      Wie wahr!

      Als ich vor Jahren anfing, Bach wirklich zu entdecken, habe ich mir recht wahllos eine Einspielung der MP unter Brüggen zugelegt:



      Ich erinnere mich noch, wie mich diese Musik einfach völlig kalt lies. Ob es an der Einspielung lag, ob ich einen schlechten Tag hatte, meine Erwartungen "falsch" waren, ich völlig überfordert, oder das Werk an sich eben zu sperrig, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich von allem ein wenig, auf jeden Fall viel Überforderung meiner bescheidenen Fähigkeiten, zumal ich zu der Zeit noch keinen echten Zugang zu Vokalmusik insgesamt hatte.

      Also landete die CD im Regal, ohne Spuren zu hinterlassen.

      Viel später habe ich dann einen neuen Anlauf gemacht. Der Anlass war das Oster-Oratorium, das ja vergleichsweise klein und knackig ist. Auf einmal war ich Feuer und Flamme für die geistlichen Werke Bachs, und legte mir eine Gardiner-Box zu:



      Als ich dann den Eingangschoral der MP hörte, standen mit die Tränen in den Augen.
      Mit dieser Einspielung bin ich übrigens immer noch sehr zufrieden!


      Seitdem versuche ich in regelmäßigen Abständen, diesen gewaltigen Berg zu besteigen, statt ihn einfach nur anzusehen, und mich an seiner Schönheit zu erfreuen. Eine für mich unlösbare Aufgabe.
      Bisher benutze Hilfsmittel dabei (neben meinen abstehenden Ohren):



      Leider finde ich an den verwendeten Hörbeispielen keinerlei Gefallen (wenn ich mich recht erinnere alles ziemlich non-HIP mit für mich nervigem Dauervibrato). Der gesprochene Text besteht aus viel Pathos und gottesähnlicher Bach-Verehrung. Wirklicher Inhalt zur Erhellung der Strukturen kam mir viel zu kurz.

      Also ein Buch gekauft:



      Da ist viel mehr an nützlicher Information enthalten, aber für mich schwierig zu lesen. Die Balance zwischen reinem Fachbuch und "für mich gut lesbar" stimmt da nicht. Ist aber auch schon wieder 3 Jahre her.

      Immerhin merke ich inzwischen beim Hören, dass ich schon ein paar Meter im Verständnis vorangekommen bin.
      Ich merke aber auch, dass ich trotzdem erst am Anfang stehe!

      Ein Problem für mich ist die schiere Länge. Sich ca. 3 Stunden am Stück zu Hause auf ein Werk zu konzentrieren, schaffe ich nicht. Wie macht Ihr das?
      Als Lösung bietet sich für mich eigentlich nur an, einer echten Aufführung beizuwohnen, da kann man ja nicht einfach die Anlage abschalten... mir ist nur noch keine untergekommen, als ich danach gesucht habe.

      Parrot
      In "Lohengrin" gibt es hübsche Augenblicke, aber bittere Viertelstunden.
      (Gioacchino Rossini)
    • Mich hat die "Matthäuspassion" immer mit tiefster Ehrfurcht erfüllt, nicht so sehr aus Glaubensgründen, sondern wegen dieses unheimlichen Konstrukts und der unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade in diesem Werk (das Volk, sprich die Choräle dürften einem Protestanten aus der Kriche bekannt sein, und ein Choral "Oh Haupt voll Blut und Wunden" sogar den Katholiken) Ich habe ihn mal 2 stimmig gehört, gesungen von Kindern der Grundschule, super sauber einstudiert, wobei diese Kinder keine besondere musikalische Ausbildung hatten, es aber immerhin samt anderem ein Jahr lang mit einer Fachkraft eingeprobt hatten.
      Die schwierigen Stücke darin gehören meiner Meinung nach in der Hand von Profis, sowohl für die Soli als auch für den Chor, man soll ja auch etwas vom Text verstehen, nicht?
      Ich habe diese Aufzeichnung hier:

      kann aber auch eine andere sein.
      Grüße Robert
    • Wie die Szenen trotz weniger Aufführenden hier an Kraft und Dramatik gewinnen, ist umwerfend! Kuijken hat mich zum absoluten Fan der solistischen Aufführungspraxis gemacht!
      Ich habe viele MP-Mitschnitte. Viele davon sind eher M-Pension statt Passion. Ein Ausnahme ist aber für mich Kuijken-Mitschnitt vom letzten Jahr vom 10.04.09 (Kempten). Ja der Kuijken-Mitschnitt ist für mich momentan auch das Non-Plus-Ultra der MP-Wiedergabe...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Die Matthäus-Passion steht und fällt mit dem Evangelisten. Der darf kein weinerliches Weichei sein wie - nein, ich nenne keinen Namen - die Auswahl beschränkt sich deshalb zwangsläufig auf einige wenige.



      Bin deshalb immer noch auf der Suche. Vielleicht erbarmt sich Jonas kaufmann mal...
      Grüsse von Sotka
    • Sotka schrieb:

      Die Matthäus-Passion steht und fällt mit dem Evangelisten.


      Die besten Erinnerungen an Evangelisten hab ich an Mark Padmore und Christoph Prégardien, die ich beide in dieser Rolle live erleben durfte. (unter McCreesh bzw. Gardiner).

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • audiamus schrieb:

      brunello schrieb:

      Karl Richter - dessen Interpretation von den heutigen Hörgewohnheiten auch weit entfernt ist


      Ich liebe ihn immer noch.
      Gott helfe mir.
      Amen.


      Ich auch! Vor allem wieder wegen Fischer-Dieskau, der die Bass-Partien singt. Allein wie er „Mache dich, mein Herze, rein“ singt, das ist zum Niederknien. :juhu: Wie auch beim Brahms-Requiem: tief verinnerlicht und wunderschön gesungen.

      Gruß, Cosima
    • Zur Barockmusik bin ich über die Matthäus-Passion gekommen. Vor sehr vielen Jahren schaltete ich das Radio an und hörte plötzlich das Rezitativ: Ach, Golgatha, unsel'ges Golgatha, danach die Altarie mit Chor: Sehet, Jesus hat die Hand, uns zu fassen ausgespannt. (Marga Höffgen). Später dann: Am Abend da es kühle war... und dann die Baßarie: Mache dich, mein Herze, rein... . Die nach dem Drama einsetzende Ruhe, die beginnende Kühle in der Abenddämmerung wird von der Musik so wunderbar wiedergegeben. Ich liebe diese zwei Arien besonders, weil sie mich beim ersten Hören emotional so sehr berührt haben. Sowohl in der Herreweghe- als auch in der zweiten Harnoncourt-Aufnahme werden sie für meinen Geschmack zu schnell gespielt. Das ist wirklich schade, weil so ein wenig das Tröstlich verloren geht.
      In der Tat sollte der Evangelist kein "Weichei" sein. Ist er aber in der Philippe-Herrewghe-Aufnahme. Ian Bostridges Stimme ist mir viel zu dünn und hat zu wenig Fülle in der Tiefe. Da gefällt mir Christoph Prégardien als Evangelist in der Harnoncourt-Aufnahme wesentlich besser. Überhaupt bevorzuge ich diese Aufnahme, weil ich lieber Sopran und Alt mit Frauenstimmen besetzt höre.

      In der ersten Harnoncourt-Aufnahme geht es etwas langsamer zu, sagt mir jedenfalls mein Bauchgefühl :D . Ich kann die Zeiten nicht vergleichen, da ich eine Schallplattenaufnahme habe und die Geschwindigkeit nicht angegeben ist. Die etwas langsameren Tempi gefallen mir besser als das teilweise "Gerase" in den oben genannten Aufnahmen. Hier singt übrigens Kurt Equiluz, ebenfalls kein Weichei, den Evangelisten und Karl Ridderbusch!!!! die Baßpartie. Sehr gut, wie ich finde. Diese Aufnahme hat den Nachteil, daß der Sopran von einem Wiener Sängerknaben gesungen wird. Es fehlt mir einfach die Wärme in der Stimme.

      In meiner ersten Aufnahme der Matthäus-Passion dirigierte Günther Ramin. Der war nun wirklich sehr langsam. :(
      Schöne Grüße von calisto
    • :wink:

      Mein Gitarrenlehrer, der mich näher an klassische Musik geführt hat, ist großer Bachliebhaber. Seinen Empfehlungen folgend war die Matthäuspassion eine meiner ersten Schallplatten in diesem Bereich. Dies war diese, die ich auch heute noch sehr, sehr schätze:



      Bereits das erste Hören hat mich sehr ergriffen und das Werk bedeutet mir sehr viel. Deshalb höre ich es jedes Jahr ein paar Mal und die Länge macht nichts aus, eher im Gegenteil. Ich stimme zu, dass die Evangelistenpartie sehr gut gesungen sein muss. Hier hat Tamàs mal wieder Recht. :) Meine erste Wahl ist Prégardien. Nachdem Freunde, die mit der Matthäuspassion nicht viel anfangen konnten, ihn einmal bei mir gehört haben, sind sie alle begeistert gewesen. Da ich auch Gustav Leonhardt sehr schätze, ist meine zweite Aufnahme diese:



      Bei dieser Aufnahme gefällt mir alles, Gesang und Musizieren, noch eine Spur besser. Hier erklingt das Werk wunderbar verinnerlicht. Das Orchester spielt mit bewundernswerter Reinheit und Klarheit und alle Sänger sind hervorragend. Leonhardt hat sich für eine historische Aufführungspraxis entschieden, in der keine Frauen mitwirken. Die Sopranpartien singen Solisten der Tölzer Sängerknaben und die Altpartien Jacobs und Cordier.

      Konzertmeister ist natürlich Sigiswald Kuijken. Da ich auch die solistische Chorinterpretation sehr interessant finde (h-moll Messe habe ich mit Parrot und Veldhoven (und Leonhardt)), werde ich bestimmt mal in seine Aufnahme reinhören.

      Gruß, Frank
    • Die erste Harnoncourt-Aufnahme hat vermutlich die bestaufgelegten Knabensolisten, die man je zu hören kriegen wird, einen überragenden Equiluz, ebenso grandios van Egmond und Ridderbusch und die Contratenöre sind auch nicht unterdurchschnittlich. Ich glaube nicht, dass es insgesamt eine bessere Version mit nur männlichen Sängern gibt. Das ist m.E. wesentlich mehr als ein historisches Dokument, selbst wenn die spätere Einspielung Harnoncourts dramatischer geraten sein mag.

      Kater Murr
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Der Name "Große Passion" ist aber bitte nicht auf die Besetzung zu beziehen: Die Passion ist in geradezu genialer Weise auf genau 8 Sänger abgestimmt, gruppiert in zwei Vierergruppen. Man denkt vielleicht erst, dass die Bewältigung des Werkes mit einem/r Sänger/in pro Stimme konditionell ein Ding der Unmöglichkeit ist, aber wenn man es ausprobiert, dann sieht man, wie genau Bach seine Sänger kennt und ihnen hilft: Wenn z.B. der Sopran II eine schwere Arie zu singen hat, dann hat er im folgenden Chor eine besonders leichte Stimme. Bestes Beispiel: Bach wünscht sich ausdrücklich, dass sowohl die Christusworte als auch die beiden großen Bassarien ("Komm süßes Kreuz", "Mache dich mein Herze rein") vom bestmöglichen Bass (Bass 1) gesungen werden; da der erste Bass im ersten Teil aber viel Rezitativ zu singen hat, spart Bach die beiden Arien bis zum Ende auf. (Woher kommt eigentlich die unsägliche Tradition, die Christusworte und die Arien auf zwei Bässe zu verteilen, ebenso den Evangelisten und die Tenor-Arien zu trennen? Wenn Bach das gewollt hätte, hätte er nicht ausdrücklich das Gegenteil geschrieben!) Es macht natürlich auch künstlerisch Sinn, diese Arien dort zu platzieren. Es ist gerade diese Synthese aus Pragmatismus und künstlerischer Aussage, die Bach so einzigartig macht. Anderes Beispiel: Bach schont den Tenor I weitestgehend, weil der ja genug Rezitative zu singen hat. So ist z.B. die berühmte Arie "Geduld, Geduld" ausdrücklich für Tenor II. Andererseits ist der Tenor I zweifellos mit dem strahlkräfigeren der beiden Tenöre zu besetzen (Tenor II ist dagegen wohl eher ein lyrischerer Tenor), weswegen Bach für die Szene "Ich will bei meinem Jesu wachen", wo der Tenor sich gegen einen vierstimmigen Chor durchsetzen muss, auf Tenor I besteht. Wenn man einfach beachtet, wie Bach welche Stimme einsetzt (dazu muss man natürlich erstmal lesen, welche Arie er welchem Sänger zuordnet!), dann ist sofort klar, welche Qualitäten Bach für welchen Stimme verlangt - z.B. eben Tenor 1 dramatisch (nicht im Sinne des 19. Jahrhunderts natürlich, die Art von Gebrüll kam später...), Tenor 2 lyrisch etc. Und wenn man die Stimmen genau so besetzt, dann erspart man sich auch Fehlbesetzungen, wie die hier beklagten Weichei-Evangelisten. (Wobei es wie gesagt bei Bach keinen Evangelisten gibt, sondern nur einen Tenor 1, der unter anderem die Evangelisten-Worte zu singen hat...)

      Die einzige Aufnahme, die versucht die Matthäuspassion einigermaßen in diesem Sinne zu realisieren, ist die von McCreesh. Leider scheitert die daran, dass die Solisten ihre chorischen Aufgaben nicht mit der gleichen Sorgfalt angehen, wie ihre solistischen Aufgaben. Vielleicht gibt es heute aber auch einfach nicht viele Solisten, die gleichzeitig gute Doppelquartett-Sänger sind (und erst noch über Barockes Stilgefühl verfügen...)
    • Blöde Frage: Wie historisch abgesichert ist die solistische Besetzung der Chorteile eigentlich? Ich habe mal kurz bei McCreesh reingehört und fand schon den Eingangschor viel zu dünn im Klang - nicht mein Ding!

      Zu der Anmerkung unseres Katers Murr bezüglich der Knabensolisten bei der ersten Harnoncourt-Aufnahme gebe ich - soweit präsent, da ich die Aufnahme vor Jahren bei meinen Eltern gehört habe - meine klare Zustimmung. Das "Aus Liebe will mein Heiland sterben" gelingt hier wunderbar klar und geradezu ätherisch.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Wie historisch abgesichert ist die solistische Besetzung der Chorteile eigentlich?
      Dass bei allen Aufführungen der Matthäuspassion unter Bachs Leitung die Chorteile solistisch besetzt waren, ist mittlerweile genau so gesichert wie die Tatsache, dass in Mozarts Requiem ursprünglich kein Saxophon vorgesehen ist. Ob das ein Zugeständnis an die Umstände war (Bach hat seine Sänger nie überfordert bzw. hätte nie einem zweitklassigen Sänger zugemutet, dieses höllig schwere Zeugs zu singen, und so viele Wundersänger hatte selbst Bach nicht zur Verfügung), oder eine willentliche Entscheidung Bachs, darüber kann man diskutieren. Allerdings finde ich solche Diskussionen müßig: Bach war nun einmal (schon in seiner Funktion als Kirchemusiker und eben nicht Hofmusiker) Pragmatiker und kein Träumer. Er hat für die Besetzungen geschrieben, die er hatte, nicht für die, die er gerne gehabt hätte. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass man Bach auch anders aufführen kann - und Mozarts Requiem mit Saxophon. Was mich immer wieder wundert, ist das Folgende: Wir haben keine andere autographe Partitur von Bach, in der Bach so genau darlegt, welche Besetzung er verlangt, wie die der Matthäuspassion. Es sind sogar die Auszüge der Sänger erhalten - und in den Noten des ersten Basses sind eben die Chorstimme, die Christusworte und die beiden mit Bass I bezeichneten Arien eingetragen. Warum weigern sich die Leute so hartnäckig, sich daran zu halten? Das Argument, dass das in der Besetzung "nicht klingt", würde ich ja akzeptieren, wenn es denn die Leute ernsthaft versucht hätten, das zu spielen, was Bach da vorschreibt. Aber es gibt halt bisher nur einen einzigen Versuch von McCreesh, der aus verschiedenen Gründen nicht ideal ist (wiewohl für mich immer noch eine sehr gute Aufnahme).
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Dass bei allen Aufführungen der Matthäuspassion unter Bachs Leitung die Chorteile solistisch besetzt waren, ist mittlerweile genau so gesichert wie die Tatsache, dass in Mozarts Requiem ursprünglich kein Saxophon vorgesehen ist.

      Darf ich mal fragen, woher dieses Wissen stammt?

      Der oben von mir erwähnten Werkeinführung ist zu entnehmen, dass man nicht mal genau die Erstaufführung datieren kann. Weiter liest man, dass es keinerlei direkten Berichte von Aufführungen gibt. Wie kann man dann Details zur Besetzung wissen?

      Parrot
      In "Lohengrin" gibt es hübsche Augenblicke, aber bittere Viertelstunden.
      (Gioacchino Rossini)