Franz Egenieff - der singende Baron

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    • Franz Egenieff - der singende Baron

      Ich bin gestern zufällig über den Namen eines Sängers gestolpert, von dem ich noch nie zu vor etwas gehört hatte, den Namen des deutschen Baritons Franz Egenieff nämlich. Ich habe mich etwas über diesen Sänger informiert und festgestellt, dass er eine wahrlich ungewöhnliche Lebensgeschichte hatte, die vielleicht den einen oder anderen Leser hier auch interessieren könnte.

      Franz Egenieff wurde am 31. Mai 1874 auf Schloss Niederwalluf geboren. Er war ein Sohn des Prinzen Emil zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg aus dessen morganatischer Ehe mit der Freifrau von Kleydorff, geb. Stefanska. Sein eigentlicher Name war Franz Freiherr von Kleydorff. Von Kleydorff wurde Offizier in einem preußischen Husarenregiment, ein üblicher Karriereweg für einen preußischen Adligen im kaiserreich, nahm aber 1900, mit 26 Jahren also seinen Abschied beim Militär und widmete sich seinen künstlerischen Neigungen. Er nahm Gesangsunterricht bei Lilli Lehmann und Alfredo Cairati in Berlin, später auch bei dem berühmten Bariton Victor Maurel in Paris. Von seinem dem Hochadel angehörenden Vater hatte Leutnant von Kleydorff ein Vermögen ererbt, das es ihm ermöglichte, ohne ans Geldverdienen denken zu müssen, bei einigen der namhaftesten Gesagspädadoden seiner Zeit und in den musikalischen Metropolen Europas zu studieren. Diese privilegierte Situation unterscheidet ihn von der (oft nur zu wahren) Klicheevorstellung vom "brotlosen Künstler".
      Vier Jahre nach seinem Abschied beim Militär, also als immerhin schon Dreißigjähriger, debütierte Franz von Kleydorff 1904 unter dem Pseudonym "Franz Egenieff". Er sang 1904-06 bei der großen Nordamerika-Tournee der Savage Opera Company, bei der u.a. damals viel beachtete (von Bayreuth verbotene) 'Parsifal'-Aufführungen stattfanden. Wagner hatte den "Parsifal" ja für eine gewisse Frist nach seinem Tod dem Bayreuther Festspielhaus vorbehalten und alle Aufführungen außerhalb Bayreuths verboten, Walter Savage war mit seiner Opernkompanie der erste Theaterleiter, der sich über dieses verbot hinwegsetzte. 1907 wurde Egenieff an die Komische Oper Berlin verpflichtet, an der er bis 1910 sehr erfolgreich war. Er sang dort das Gesamte Baritonrepertoire, von Mozart (Don Giovanni, "Figaro"-Graf), über italienische Oper (Donizetti, Leoncavallo) und deutsche Spieloper (Graf von Eberbach) bis hin zu Marschner und Wagner.
      Von der Komischen Oper wechselte Egenieff in Berlin für je eine Saison zur Hofoper und zur Kurfürsten-Oper, daneben gab er Gastspiele in Dresden, Köln, München, Leipzig und Weimar, also durchaus in den Zentren der deutschen Opernszene im späten Kaiserreich. Gastspiele im Ausland gab Egenieff nur selten, zum Beispiel in Sofia und Bukarest. Überhaupt scheint Egenieff vom Osten fasziniert gewesen zu sein, er unterbrach in den Jahren direkt vor und nach dem ersten Weltkrieg seine Karriere immer wieder und nahm an ausgedehnten Studienreisen durch Japan, China und Korea wie durch abgelegene Gegenden auf dem Balkan teil.
      Nach 1913 hatte Egenieff offenbar kein festes Engagement mehr. Er war durch seine Herkunft selbst sehr wohlhabend, zudem hatte er die Nichte des amerikanischen Multimillionärs und 'Bierkönigs' Adolphus Busch geheiratet, die er auf seiner Amerikatorneee, mit der seine Karriere begonnen hatte, kennen gelernt hatte. Einen Großteil des Jahres lebte er als Freiherr von Kleydorff auf seinem Schloß Oberwerda (bei Gelnhausen), von dort unternahm er als Franz Egenieff Gastspiele und Konzerte.
      Egenieffs Auftritte auf der Opernbühne wurden in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg immer weniger, er versuchte sich als Schauspieler, spielte in mehreren deutschen Filmproduktionen der 20er Jahre mit, so zum Beispiel in einer 1923 entstandenen Verfilmung der "Buddenbrooks" Seine gesellschaftliche Stellung erlaubte es ihm, das Singen und Schauspielern immer mehr als "Hobby" eines reichen Gutsbesitzers zu betrachten. 1927 ließ es sich der inzwischen 53-jährige aber nicht nehmen, einer Einladung zu den Bayreuther Festspielen zu folgen, wo er den Klingsor in "Parsifal" sang, in der Oper also, in der seiner Karriere begonnen hatte. Zu einem gewissermaßen "runden" Abschluss kommt diese Karriere, die mit einer Wagner-Tornee durch die USA begonnen hatte, als er 1929-31 mit der German Opera Company, die Johanna Gadski zusammengestellt hatte, Nordamerika bereiste und bei dieser Tournee den Klingsor, den Gunther in der 'Götterdämmerung' und den Kurwenal im 'Tristan' sang. Nach dieser Tournee zog sich der bald Sechzigjährige zunächst auf sein Schloss Oberwerda zurück, später wählte er als Alterssitz eine Villa in Gmund am Tegernsee, wo er am 11. Juni 1949 starb.

      Franz Egenieff war mehr als ein künstlerisch dilletierender Offizier und Gutsherr, der Sänger war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg einer der erfolgreichsten deutschen Baritone, eine feste Größe vor allem im Opernleben der Hauptstadt Berlin. Die Aufnahmen, die er gemacht hat, zeigen eine recht helle, schlanke Baritonstimme, sehr gut fokussiert und von schönem, wenn auch nicht übermäßig individuellem Timbre. Egenieff singt sehr wortdeutlich, ist dabei aber kein Sänger, der zu übermäßigem vokalem Agieren neigt, eher ein Belkantist, ein Sänger des Legatos, der schönen Linie. Wer sich für das deutsche Ensembletheater alter Schule interessiert, die vielen glänzenden Stimmen der Hof- und Staatsopern in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, für den wird Franz Egenieff eine lohnende Entdeckung sein.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde